Toruń (Thorn) 10/2019

06.10.2019
TKP Elana Toruń – Widzew Łódź 0:1
II Liga (III)
Stadion Miejski w Toruniu (Att: 4.025)

Am Sonntagmorgen klingelte der Wecker um 7:30 Uhr in Bydgoszcz (Bromberg). Ich hatte schließlich Termine. Kurz frisch gemacht und ab zum Frühstücksbuffet meiner Unterkunft. Das ließ bei der Auswahl kaum Wünsche offen und die zunächst vermissten warmen Eierspeisen wurden auf Bestellung frisch in der Küche zubereitet. Nach dem Frühstück ging es sofort los zum Hauptbahnhof, da ich bereits um 9:12 Uhr einen InterCity nach Toruń (Thorn) besteigen musste. In der Morgensonne machten die knapp zwei Kilometer zum Bahnhof natürlich mehr Spaß als in der Nacht zuvor und das Jugendstilviertel war echt was für’s Auge. Bydgoszcz (Bromberg) muss ich auf jeden Fall nochmal besuchen und genauer inspizieren.

Schickes Hotelportal in Bydgoszcz

Doch nun rief erstmal Toruń. Die zweite Hauptstadt der „Województwo Kujawsko-Pomorskie“ (Woiwodschaft Kujawien-Pommern) – Bydgoszcz und Toruń teilen sich den Hauptstadtstatus – wurde um 9:52 Uhr erreicht und auch hier schien die Herbstsonne. Zunächst einmal gönnte ich mir das wunderschöne Altstadtpanorama vom rechten Ufer der Wisła (Weichsel), da der Bahnhof auch auf dieser Uferseite lag. Dann ging es per Bus rüber in die Altstadt und ich tauchte für knapp drei Stunden in die reiche Geschichte Thorns bzw. Toruńs ein.

Das Altstadtpanorama vom anderen Weichselufer

Es handelt sich um die erste Stadtgründung des Deutschen Ordens in der historisch als Kulmer Land bezeichneten fruchtbaren Region zwischen den Flüssen Wisła (Weichsel), Drwęca (Drewenz) und Osa (Ossa). 1231 ließ man sich hier nieder und errichtete eine Ordensburg, deren Ruinen man heute noch am Rande der Altstadt finden kann. Am 28.Dezember 1233 unterzeichneten Hermann von Salza, vierter Hochmeister des Deutschen Ordens, und Hermann von Balk, erster preußischer Landmeister des Deutschen Ordens, die Gründunsgurkunde Thorns. Damit ist Thorn die älteste preußische Stadt.

Der Schiefe Turm der mittelalterlichen Stadtbefestigung aus dem 13.Jahrhundert

Der polnische Seniorherzog Konrad von Masowien (Konrad I Mazowiecki) hatte das von dem baltischen Stamm der Prußen bewohnte Gebiet östlich der Weichsel im frühen 13.Jahrhundert teilerobert, bekam aber zusehends Probleme durch den prußischen Widerstand, der Ende der 1220er Jahre sogar die Grenzen seines Stammlandes Masowien bedrohte. Deshalb beauftragte Konrad den Deutschen Orden mit der Befriedung, Urbanisierung und der christlichen Missionierung im Prußen-Gebiet. Dafür bekam der Orden mit dem Vertrag von Kruschwitz im Jahre 1230 das prußische Territorium entweder als unbefristetes Lehen oder gar als Schenkung (die Quellenlage ist nicht eindeutig und Urkundenfälschung war bekanntlich im Mittelalter recht beliebt). Der Grundstein für rund 800 Jahre deutsche Präsenz östlich der Weichsel (die Gebiete die man später Preußen bzw. Ost- und Westpreußen nennen sollte).

Neustädter Markt mit der gotischen Jakobskirche (seit 1309 Pfarrkirche der Neustadt)

Unter dem Schutz des Ordens kolonisierten deutsche Siedler die Region und Thorn wuchs rasch. Bereits im Jahre 1264 wurde eine Thorner Neustadt gegründet (bis 1454 eigenständig) und 1280 schloss sich man sich der Hanse an und wurde dadurch zu einem blühenden Handelszentrum (u. a. Textilien, Salz und Gewürze). Als der Orden allerdings gedachte sein Territorium weiter auszudehnen, zu Lasten von Polen und von Litauen, kam es im frühen 15.Jahrhundert zum Krieg zwischen dem Deutschen Orden auf der einen Seite und Polen-Litauen (seit 1386 in Personalunion regiert, vgl. Reisebericht aus Vilnius) auf der anderen Seite.

Das Brückentor von 1432

Höhepunkt des Krieges war die Schlacht von Tannenberg (polnisch: Bitwa pod Grunwaldem) anno 1410. Das Ordensheer wurde von den Polen und Litauern vernichtend geschlagen und die Bedingungen des 1411 in Thorn zwischen den Konflikparteien geschlossenen Friedens (Erster Thorner Frieden) leitete den Niedergang des Deutschen Ordens ein (während Polen-Litauen zur Großmacht aufstieg). Grunwald ist daher bis heute ein nationaler Mythos der Polen (und auch der Litauer) und es gibt wahrscheinlich keine polnische Stadt ohne Grunwaldstraße oder Grunwaldplatz (Toruń hat natürlich auch eine „Grunwaldzka“).

Unterwegs in mittelalterlichen Gassen

Die hohen finanziellen Belastungen des Erster Thorner Friedens wollte bzw. musste der Deutsche Orden zum Großteil auf seine reichen Hansestädte wie Thorn und die preußischen Stände, also den hiesigen Adel, abwälzen. Das schauten diese sich nicht klaglos an und gründeten 1440 den Preußischen Bund. 53 Adlige und 19 Städte (u. a. Thorn, Danzig, Elbing und Königsberg) waren die Gründungsmitglieder und Thorn wurde zum Sitz des gemeinsamen Rates dieses Bundes. Mit Polen-Litauen gewann man eine interessierte und starke Schutzmacht und als sich der Konflikt mit dem Orden nicht friedlich lösen ließ, begann 1454 der Dreizehnjährige Krieg.

Der Junkerhof Nachfolger der zerstörten Ordensburg im 15.Jahrhundert)

Dieser Krieg, in dem die Thorner Ordensburg von den Stadtbürgern zerstört wurde, endete 1466 mit dem Zweiten Thorner Frieden. Dabei durfte der Deutsche Orden das östliche Preußen unter polnischer Suzeränität behalten und die Hochmeister des Ordens hatten der polnischen Krone einen persönlichen Treueid zu leisten. Das westliche Preußen, also auch Thorn, wurde als so genanntes „Preußen Königlichen Anteils“ bei sehr weitreichender Autonomie mit Polen-Litauen uniert. Dabei wurde Thorn, wie auch Danzig und Elbing, eine Stadtrepublik mit großen Privilegien gegenüber der polnischen Krone (u. a. durfte man eigene Münzen prägen, eigene Streitkräfte unterhalten, sowie eigene diplomatische Beziehungen ins Ausland pflegen).

Das Krantor aus dem 16.Jahrhundert

Wenig später erblickte am 19.Februar 1473 der Astronom Nikolaus Kopernikus als Niklas Koppernigk in Thorn das Licht der Welt. Thorns berühmtestem Sohn haben wir das heliozentrische Weltbild zu verdanken. Er entdeckte, dass sich die Erde und der Rest vom Planetenfest um die Sonne drehen und wir erschreckenderweise nicht der Mittelpunkt des Universums sein können. Der Wert von Kopernikus wissenschaftlicher Arbeit ist ziemlich unstrittig, dafür gibt es seit Jahrhunderten einen Streit um seine Nationalität zwischen Polen und Deutschland. In meinen Augen hat die deutsche Nation die besseren Argumente. Immerhin war der kleine Nikolaus in eine deutschsprachige Kaufmannsfamilie in einer deutschsprachigen Hansestadt hineingeboren. Er selbst verwendete auch nur Deutsch und Latein als Umgangs- bzw. Arbeitssprache. Polnischkenntnisse werden wahrscheinlich rudimentär vorhanden gewesen sein, sind aber nicht überliefert. Da den Menschen damals Nationalitäten im modernen Sinne noch fremd waren, sind Sprache, Religion oder die Hautfarbe gängige Unterscheidungsmerkmale gewesen. Die Polen führen ins Felde, dass Kopernikus loyaler Untertan des polnischen Königs war und neben deutschsprachigen, auch polnischsprachige Vorfahren im Stammbaum hat. Von polnischer Seite wird die Diskussion auch erbitterter geführt, habe ich das Gefühl. 

Dies ist das Haus vom Nikolaus (das Backsteingiebeldoppelhaus)

Na ja, man muss versuchen sich in die polnische Seele zu versetzen. Frau Curie oder Herrn Chopin – von dem übrigens überliefert ist, dass er gerne Thorner Lebkuchenspezialitäten naschte – hat man den Polen schließlich auch mehr oder weniger genommen, ihren Mikołaj Kopernik wollen sie jedoch nicht kampflos aufgeben. Während Kopernikus in den letzten Jahrhunderten bei seinen runden Geburtstagen von Deutschen wie Polen nationalistisch vereinnahmt wurde und sich die Bundesregierung noch 1954 über „Die Umvolkung des Nikolaus Kopernikus durch die Polen“ echauffierte, hatte sich eigentlich in jüngerer Vergangenheit der Konsens verbreitet, dass man Kopernikus doch einfach als guten Europäer und Brückenbauer zwischen Deutschen und Polen sehen sollte. Als die ESA und die EU allerdings das satellitengestützte Umweltüberwachungsprogramm „Global Monitoring for Environment and Security“ (GMES) um 2010 herum „Kopernikus“ taufen wollten, intervenierte das EU-Mitglied Polen. Man einigte sich schließlich auf die lateinische Namenstranskription Nicolaus Copernicus. Vielleicht ist das allgemein ein guter Kompromiss. Einfach den Mann immer Nicolaus Copernicus nennen und als europäischen oder deutsch-polnischen Astronomen bezeichnen (wobei die Polen wahrscheinlich darauf bestehen würden, dass es dann ein polnisch-deutscher Astronom sein soll ;-)).

Kopernikus-Denkmal vor dem Rathaus

Noch zu Copernicus Lebzeiten versuchte der Deutsche Orden die polnische Oberhoheit in Ostpreußen wieder zu brechen und ebenso erneut in Westpreußen, also nun dem Preußen Königlichen Anteils, Fuß zu fassen. Doch der so genannte Reiterkrieg im frühen 16.Jahrhundert brachte keine Revision der Machtverhältnisse und endete 1521 mit dem Waffenstillstand von Thorn vorläufig und 1525 mit dem Frieden von Krakau endgültig. Der Orden wurde vollständig besiegt und sein Territorium in Ostpreußen wurde in das weltliche Herzogtum Preußen umgewandelt. Das Preußen Königlichen Anteils (Westpreußen) konservierte seinen Status Quo vorläufig, ging aber 1569 mit der Union von Lublin eine Realunion mit Polen und Litauen ein. Die nun geschaffene „Rzeczpospolita“ (deutsch: Republik) war eine Wahlmonarchie – deshalb konnte sich August der Starke, eigentlich sächsischer Kurfürst, auch 1697 zum polnischen König wählen lassen – und wird, mindestens in der polnischen Geschichtsschreibung, als Erste Polnische Republik betrachtet.

Der Thorner Dom – Kathedrale des römisch-katholischen Bistums Toruń (erbaut im 13.Jahrhundert und 1473 Taufkirche von Nikolaus Kopernikus)

Während das Herzogtum Preußen (Ostpreußen) schon 1525 als erster Staat Europas die Reformation annahm, zog die Stadtrepublik Thorn 1557 als erste westpreußische Stadt nach. Natürlich war die Koexistenz von Katholiken und Reformierten auch in diesem Teil Europas schwierig. Mit dem 1573 von König Zygmunt II August (Sigismund August II.) erlassenen Toleranzedikt, herrschte immerhin offiziell Religionsfreiheit in der ganzen Republik. Die galt übrigens auch für orthodoxe Christen, Juden und Muslime – im Westen sicher wenig bekannt; es gibt seit dem Spätmittelalter eine muslimische Minderheit in Polen – und war somit extrem fortschrittlich für das 16.Jahrhundert. Darüberhinaus dürfte das Toleranzedikt ein Hineinziehen in den Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) verhindert haben, der in Polens westlichen und südlichen Nachbarländern schrecklich wütete.

Barockhäuser in der Altstadt (18.Jahrhundert, nach dem Großen Nordischen Krieg beim Wiederaufbau entstanden)

Dafür wurde Thorn vom Großen Nordischen Krieg (1700 – 1721) heimgesucht. 1703 konnten die Truppen vom polnisch-litauischen König August II. (August der Starke) den schwedischen Angreifern nicht standhalten und die Stadt wurde erobert, sowie erheblich zerstört. Außerdem blieben religiöse Fragen, trotz immer noch gültigem Toleranzedikt, ein Spannungsfeld im mehrheitlich katholischen Polen-Litauen. Besonders in gemischt-religiösen Städten wie Thorn war die Situation angespannt. Höhepunkt der Konflikte waren der Thorner Tumult und das anschließende Thorner Blutgericht. Bei der Fronleichnamsprozession 1724 kam es zu besagtem Tumult zwischen Katholiken und Protestanten (kann man sich ein bißchen wie Oraniermärsche im zeitgenössischen Nordirland vorstellen), wobei der protestantische Mob das Jesuitenkloster nebst angeschlossener Schule verwüstete. Das königliche Hofgericht verurteilte anschließend 14 protestantische Bürger (darunter zwei Bürgermeister) zum Tode und schloss die protestantische Marienkirche, wie auch das protestantische Gymnasium. Das Blutgericht schlug hohe Wellen, besonders im benachbarten und protestantischen Preußen (seit 1701 Königreich Preußen), und wurde später noch als moralische Rechtfertigung für preußische Annexionen mitangeführt.

Ehemals evangelisch-lutherische Dreifaltigkeitskirche (erbaut 1818 bis 1824)

Im Großen Nordischen Krieg stand Polen-Litauen übrigens auf der Siegerseite. Allerdings war es ein Pyrrhussieg, denn die wahren Gewinner hießen Preußen und Russland, die auf Schwedens Kosten (bis dahin die Vormacht im Ostseeraum, vgl. mit den Berichten aus Riga, Vilnius, Tallinn und Helsinki) ihre Machtbereiche enorm ausdehnten. Polen-Litauen konnte lediglich seinen Bestand wahren, offenbarte im Krieg allerdings seine innenpolitischen und militärischen Schwächen. Es war schon während des Kriegsverlaufs mehr oder weniger zu einem Vasall des Russischen Reiches degradiert worden, welches spätestens seit der siegreichen Schlacht von Poltawa (1709) den Hut in der antischwedischen Allianz auf hatte. Der Ausgang des Krieges hatte leider das Feld für die drei Polnischen Teilungen im späten 18.Jahrhundert bereitet. Im Zuge der Ersten Teilung Polens kamen 1772 weite Teile Polnisch-Preußens (Preußen Königlichen Anteils) an das hohenzollernsche Königreich Preußen. Thorn folgte 1793 bei der Zweiten Polnischen Teilung. Die „Rzeczpospolita“ bestand nun noch bis 1795, hörte dann aber mit der Dritten Polnischen Teilung auf zu existieren, da das Königreich Preußen, das Russische Zarenreich und die Habsburgermonarchie de facto ganz Polen-Litauen unter sich aufgeteilt hatten.

Die neogotische Hauptpost, errichtet vom hannoverschen Architekten Johannes Otzen (1884)

Unter preußischer Herrschaft erlebte die Stadt im 19.Jahrhundert einen großen Aufschwung. Zum einen wurde Thorn ein wichtige Garnisonsstadt und erhielt zwischen 1824 und 1910 einen Befestigungsring mit 12 Forts. Zum anderen setzte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts die Industrialisierung auch in Westpreußen ein und Thorn wurde an das Eisenbahnnetz angeschlossen. Aus ungefähr 5.500 Einwohnern im Jahre 1773 wurden ca. 46.000 bei der Volkszählung von 1910. Davon waren in etwa zwei Drittel deutschsprachig (vorwiegend Protestanten) und in etwa ein Drittel polnischsprachig (vorwiegend Katholiken). Die ethnisch-religiösen Spannungen konnten nicht wirklich aufgelöst werden, eher wurden sie durch die preußische Germanisierungspolitik noch verstärkt. Als Kontrast entwickelte sich Thorn parallel zu einem Zentrum der polnischen Nationalbewegung. Ab 1867 erschien in Thorn mit der „Gazeta Toruńska“ (Thorner Zeitung) die erste polnischsprachige Zeitung in Westpreußen. Auch wirtschaftliche und kulturelle Vereine wurden von der polnischen Minderheit gegründet. Beispiel für das angespannte Nebeneinander: Weil beide Ethnien den Herrn Copernicus für sich vereinnahmen wollten, beging man 1873 den 400.Geburtstag des größten Sohnes der Stadt mit getrennten polnischen und deutschen Feierlichkeiten.

Artushof Toruń von 1891 im Stile der Neorenaissance

Alles neu machte der Erste Weltkrieg (1914 – 1918). Das Deutsche Reich, in dem das Königreich Preußen 1871 aufgegangen war, gehörte zu den Verlierermächten und bei den Friedensverträgen musste man Territorien an diverse Nachbarländer abtreten. Auch wurde von den Siegermächten an den Verhandlungstischen beschlossen, dass ein polnischer Staat wieder auf die Weltkarte zurückkehren soll. Ab dem 18.Januar 1920 kam Thorn unter polnische Verwaltung und wurde als Toruń Hauptstadt der „Województwo Pomorskie“ (Woiwodschaft Pommerellen) innerhalb der Zweiten Polnischen Republik. Es kam nun zu einem massiven Zuzug polnischer Bürger und baulichen Erweiterungen der Stadt, so dass Toruń trotz der Emigration vieler deutschsprachiger Familien (aufgrund der nun einsetzenden Polonisierungspolitik) wuchs, anstatt schrumpfte. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebten 1939 ungefähr 81.000 Einwohnern der Stadt, darunter nur noch ca. 2.500 Deutsche. Außerdem gab es als nennenswerte Minderheiten rund 850 Juden und ungefähr 250 Russen. Letztere waren nach dem Ersten Weltkrieg bzw. dem Russischen Bürgerkrieg (1917 – 1922) vor den Bolschewiki aus Russland geflohen.

Russisch-Orthodoxe Kirche St. Nikolaus in Torun

Am 1.September 1933 überfiel das Deutsche Reich (seit 1933 eine nationalsozialistische Diktatur) das Nachbarland Polen und eine Woche nach Kriegsbeginn wurde Toruń von deutschen Truppen besetzt. Noch im selben Jahr wurden die Juden aus der nun wieder in Thorn umbenannten Stadt deportiert (von ihnen überlebte fast niemand den Völkermord der Nazis) und gleichzeitig begannen die Aussiedlungen und Verhaftungen polnischer Einwohner. Wie auch in der Region Poznań (Großpolen, nun Reichsgau Wartheland), wurden aus dem mittlerweile sowjetisch besetzten Baltikum zwagsumgesiedelte Deutsche in Thorn und Umgebung (nun Reichsgau Danzig-Westpreußen) vorerst sesshaft. Doch das Deutsche Reich verlor den Krieg und am 1. Februar 1945 marschierte die Rote Armee (Sowjetunion) in Thorn ein. Nach dem Krieg fiel die Stadt wieder an Polen, welches nun unter sowjetischem Einfluss zu einer sozialistischen Diktatur wurde. Die Deutschen wurden fast vollständig vertrieben und stattdessen kamen polnische Flüchtlinge aus vorwiegend Ostpolen und Litauen nach Toruń. Diese Gebiete hatte die Sowjetunion 1939, damals noch als Verbündeter des Deutschen Reiches, annektiert und eine Revision dieses Landraubs kam für Stalin nicht in Frage. Stattdessen bekam Polen nicht nur seine zwischenzeitlich an das Deutsche Reich verlorenen Gebiete zurück (u. a. Westpreußen mit Thorn), sondern die polnische Grenze wurde zu Lasten Deutschlands bis an die Linie der Flüsse Oder und Neiße nach Westen geschoben.

Seit 1945 wehen wieder polnischen Flaggen in der Stadt

Da Toruń im Krieg nahezu unversehrt blieb, konnten die neuen Machthaber sich einen aufwändigen Wiederaufbau der Stadt ersparen. Dennoch veränderte sich das Stadtbild (außerhalb der Altstadt) in den nächsten Jahrzehnten deutlich. Bedeutend war sicherlich die Gründung der hiesigen Universität 1945, an der zu Beginn aus dem nun sowjetischen Litauen ausgesiedelte renommierte polnische Professoren lehrten. Namenspatron der Universität wurde natürlich Nicolaus Copernicus und gestartet wurde zunächst mit 1.933 immatrikulierten Studenten. Mitte der 1970er waren es dann schon rund 10.000 Studierende und gegenwärtig haben knapp 25.000 Studenten ihre Alma Mater in Toruń. Nach 1945 wurde Toruń durch die intensive Industrialisierung der Volksrepublik Polen außerdem zu einem Zentrum der chemischen und elektronischen, sowie der Metall- und der Textilindustrie. Zu nennen sind hier u. a. die Kunstfaserfabrik „Chemitex Elana“ (aus jener der heute besuchte Fussballclub Elena hervorgegangen ist), die Großspinnerei „Merinotex“, Pumpen- und Armaturenhersteller „Tofama“, die Werft „Towimor“ oder die chemische Fabrik „Polchem“. Um dem Wohnbedarf von zehntausenden Beschäftigten gerecht zu werden, entstanden große Plattenbausiedlungen. Die konstrastieren seither die pittoreske Altstadt enorm, doch deckten effizient den enormen Wohnbedarf der stetig wachsenden Stadt (1955: 92.550 Einw.; 1975: 149.249 Einw.; 1995: 204.660 Einw.).

Das Wappen der Universität

Nach der Wende 1989, die Polen in eine Demokratie westlichen Zuschnitts verwandelte und bei der die sozialistische Planwirtschaft durch eine kapitalistische Marktwirtschaft ersetzt wurde, hatte Toruń zunächst mit den landesweiten Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Die Wirtschaft erholte sich aber schneller als der Landesdurchschnitt und heute ist Toruń eine der wettbewerbsfähigsten Städte Polens. Einige alte Betriebe schafften die Transformation in die Marktwirtschaft und manche Zweige, z. B. die Lebensmittelindustrie wuchsen sehr stark. Beispielsweise hat die „Krajowa Spółka Cukrowa“ (polnisch für Landeszuckergesellschaft) seit 2002 in Toruń ihren Hauptsitz und besitzt in Polen circa 40% Marktanteil. Auch ausländische Konzerne fanden gefallen am Standort Toruń, der mit attraktiven Rahmenbedingungen (Sonderwirtschaftszonen) warb. Nach der großen polnischen Verwaltungsreform von 1999 wurde Toruń außerdem zusammen mit Bydgoszcz (Bydgoszcz) Hauptstadt der „Województwo Kujawsko-Pomorskie“ (Woiwodschaft Kujawien-Pommern). In Toruń tagt das Parlament der Woiwodschaft und in Bydgoszcz sitzt der Woiwode mit seiner Regierung. Eine Regelung, die vielleicht auch der großen und historisch gewachsenen Städterivalität zwischen Toruń und Bydgoszcz Rechnung trägt, die vergleichbar mit Hannover vs. Braunschweig oder Düsseldorf vs. Köln ist. Die Fanszenen von Elana Toruń und Zawisza Bydgoszcz sind dementsprechend auch Erzfeinde.

Das Rathaus im Stile der Backsteingotik (ursprünglich aus dem 13.Jahrhundert), umsäumt von Widzew-Fans

Zwei Jahre vor der Verwaltungsreform wurde übrigens die hervorragend erhaltenene Altstadt von der UNESCO in das Welterbe der Menschheit eingetragen. Diese Auszeichnung half bei der Weiterentwicklung der Tourismusbranche, die sich bereits seit der Wende zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor Toruńs gemausert hatte. So wunderte ich mich nicht über die vielen geführten Reisegruppen in der Altstadt. Ebenso sind extrem viele Anhänger von Widzew heute ähnlich früh wie meine Wenigkeit aufgestanden, um vor dem Fußballspiel noch das historische Flair Toruńs zu genießen. Aber wer will es ihnen verdenken? Ich finde Łódź als Stadt zwar ziemlich cool (wieso, weshalb, warum kann man  ->hier<- und ->hier<- nachlesen), allerdings fehlt es der drittgrößten Stadt Polens gegenüber Toruń an ein paar Jahrhunderten reicher Stadtgeschichte.

Anzeigetafel des Städtischen Stadions

Nebenbei waren auch einige Speedwayfreunde immer noch in der Stadt zugegen. Allerdings alle Kategorie Picknickfans, da es sich beim gestrigen „FIM Speedway Grand Prix of Poland“ nicht um ein Event auf Clubebene handelte. Wären es Fans von Apator Toruń gewesen, hätte es wohl geknallt. Denn Widzew und Elana hassen Apator. Das hat folgenden Hintergrund: Toruń ist eine der Speedway-Hochburgen Polens und Apator Toruń einer der besten Clubs des Landes. Bezeichnenderweise stand die Szene von Elana lange im Schatten von Apators Anhang. Als Elana in den 1990ern sportlich auftrumpfte (man spielte damals insgesamt vier Jahre in der zweithöchsten Spielklasse), begannen sich Leute von Apator hin und wieder im Fußballstadion blicken zu lassen. Im Grunde haben also Speedwayleute den Grundstein für die Fußballszene in Toruń gelegt. Eine Zeit lang fuhren viele zweigleisig, aber die Fußballfans wurden immer selbstständiger und neue Leute ohne Bezug zu Apator kamen hinzu. Irgendwann gab es einen großen Knall und es hieß Elena oder Apator. Da der Sport Speedway (polnisch übrigens Żużel genannt) insgesamt kriselte und somit dort auf den Rängen landesweit weniger los war, ließ auch die Faszination in Toruń nach und Elana hatte leichtes Spiel. Mittlerweile bekennt sich kaum noch jemand in Toruń zu Apator und Elana hat alle Viertel der Stadt unter seiner Kontrolle.

Die rote Gegengerade

Die Fanszene von Elana schaute ich mir dann ab 13:00 Uhr mal genauer an. Wobei unter den offiziell 4.025 Zuschauern die Mehrheit zum Gast aus Łódź hielt. Weil Elana und Widzew befreundet sind, war das alles kein Problem. Denn neben der u. a. beim gestrigen Spielbericht erläuterten Achse „ALC“ (Arka-Lech-Cracovia) gibt es in Polen mit „WRWE“ eine weitere starke Achse, die quasi als der große Gegenspieler von „ALC“ gelten kann. Hinter dem Kürkel „WRWE“ verbergen sich die Szenen von Widzew Łódź, Ruch Chorzów, Wisła Kraków und Elana Toruń. Die beiden Fanlager besangen ihre Freundschaft heute ausdauernd und von der Ruch-Fanszene entdeckte ich auch ein Banner im Rund. War wohl ebenfalls eine schlesische Abordnung zur Kontaktpflege zugegen. Ruch war übrigens von 1988 bis 2011 mit Apator befreundet. Also eine Freundschaft die Elana von der Speedwayszene übernommen hat.

Choreographie des Elana-Anhangs

Leider gab es außer dem einheitlichen Auftritt der Gästefans in Rot, den landestypisch schicken Zaunfahnen und einer Schalparade keine großartigen optischen Akzente von Widzew. Dafür boten sie den gewohnt lauten Support einer der besten Fankurven des Landes, während Gastgeber Elana seinerseits für das große Spiel ein paar choreographische Elemente vorbereitet hatte. Nach einer Viertelstunde Spielzeit gab es Stoffbahnen in den Clubfarben und Glitzertafeln auf der Haupttribüne zu bewundern (auf welcher sich der Fanblock befindet). In der Mittagssonne leider nicht so gut zu fotografieren und die auf die Choreo folgenden Bengalischen Feuer kamen ebenfalls nicht so geil zur Geltung, wie es zu einer späteren Anstoßzeit der Fall gewesen wäre. Nichtsdestotrotz freut man sich als Gast, der – Überraschung! – nicht primär wegen der fußballerischen Qualität der polnischen 3.Liga angereist ist, natürlich über solche Aktionen.

Pyro in der 20.Minute (am Zaun hängen zwei geifernde Wessihopper mit ihren Fotoapparaten)

Über das Spielgeschehen jubeln durfte heute allerdings nur Widzew, die in der 27.Minute durch ein Strafstoßtor des Mittelstürmers Marcin Robak in Führung gingen. Das blieb in einer chancenarmen ersten Hälfte auch der Pausenstand. Man wurde übrigens seitens des Veranstalters in eine Viertelstunde der Stille entlassen. Keine Durchsagen, keine Werbung, keine Musik und natürlich auch keine Halbzeitspielchen, Cheerleader oder was auch immer. Stattdessen schnackten die Leute miteinander oder luden Wurst und Bier nach. So ein Fußballstadion ist eben auch ein kommunaler Ort der Zusammenkunft, in dem man sich alle zwei Wochen etwas zu erzählen hat.

Die rote Gegengerade

Nach dem Wiederanpfiff verteilte man im Elena-Fanblock fleißig Schwenkfahnen und diese wurden in der 55.Minute, unterstützt von Konfettiregen, kollektiv eingesetzt. Ein weiterer Höhepunkt wurde die 68.Spielminute (bzw. korrekt formuliert die 69.Minute), in welcher sich alle Fans erhoben von ihren Plätzen erhoben und 60 Sekunden lang applaudierten. Denn am 28.August 1968 wurde Elana gegründet (wie bereits erwähnt, als Werksclub der Elana-Werke). Widzew gibt es dagegen schon seit 1910 und der Club hat im Gegensatz zu den Toruńer Freunden einige begehrte Pokale im Trophäenschrank stehen. 1981, 1982, 1996 und 1997 wurde man polnischer Fußballmeister, sowie 1985 Pokalsieger. Weil man von den späten 1970er Jahren bis zur Jahrtausendwende nahezu konstant oben in der Ekstraklasa mitmischte, absolvierte man auch bisher 66 Europapokalpartien und drang 1983 sogar bis ins Halbfinale des Europapokals der Landesmeister vor (heute Champions League). Nachdem man zuvor u. a. den Liverpool FC ausgeschaltet hatte, musste man sich jedoch Juventus mit insgesamt 2:4 nach Hin- und Rückspiel geschlagen geben.

Fähnchenchoreo bei den Elanowcy

Die rund 20 Jahre auf der Erfolgsspur sorgten für eine der größten Anhängerschaften im Land und noch heute, nach einem Lizenzentzug und dem damit verbundenen Neustart in der 5.Liga anno 2015, zehrt man davon. Die Heimspiele waren selbst in der 4.Liga (2016 bis 2018) häufig ausverkauft und sind es jetzt in der 3.Liga weiterhin regelmäßig. Letztes Jahr verpasste man leider den Aufstieg in die 2.Liga knapp, diese Saison soll er unbedingt nachgeholt werden (aktueller Zuschauerschnitt übrigens 16.934 bei einer Gesamtkapazität 18.000 Plätzen im Stadion Widzewa zu Łódź). Da im zweiten Durchgang ebenfalls kaum etwas Berichtenswertes auf dem Rasen passierte, konnte Widzew heute letztlich einen wichtigen Auswärtssieg eintüten. Man verbleibt vorerst auf einem der beiden direkten Aufstiegsplätze, doch das Feld ist noch sehr eng und 22 weitere Spieltage gibt es Punkte zu vergeben. Elana, letzte Saison ebenfalls oben mit dabei (4.), muss dagegen als gegenwärtig Zwölfter mit einem Auge nach unten gucken.

Stadionwurst musste natürlich auch sein

Nach dem Abpfiff, gegen 14:50 Uhr, stratzte ich sogleich los. Ihre Teams und ihre Freundschaft konnten die beiden Fanlager nun auch ohne mich feiern. Denn 15:36 Uhr sollte mein Zug nach Grudziądz (Graudenz), dem nächsten Ziel der Tour, rollen. Weil der entsprechende Bahnhof (Toruń Wschodni) 3,5km vom Stadion entfernt ist und ich keine direkte Öffi-Verbindung gefunden habe, musste auf jegliche Trödelei verzichtet werden. Zum Glück kreuzte rund 1.500 Meter vor’m Bahnhof doch noch eine Tram meinen Weg, so dass es am Ende nicht eng wurde. Nichtsdestotrotz hatte ich schon wieder 18,5km in Form von Spaziergängen in den Knochen und die 68minütige Fahrt mit der Bimmelbahn (ca. 2€ teuer) war nun herrlich entspannend. Mal sehen ob Grudziądz als Destination Toruń und Poznań annähernd das Wasser reichen kann.