Grudziądz (Graudenz) 10/2019

06.10.2019
GKS Olimpia Grudziądz – OKS Stomil Olsztyn 1:0
I Liga (II)
Stadion Miejski w Grudziądzu (Att: 992)

Nach Poznań (Posen) und Toruń (Thorn) hatte ich bei meiner kleinen polnischen Herbsttour noch Grudziądz (Graudenz) auf der Liste. Denn ich verfügte Montag noch über einen arbeitsfreien Tag und aus Toruń wäre ich am Sonntag eh nicht mehr nach Hause gekommen. Dann lieber noch ein Fußballspiel gucken und eine weitere Stadt kennenlernen. Leider empfing mich am Sonntagnachmittag ein grauer Himmel über Graudenz, aber egal, Sightseeing war eh erst für Montagvormittag geplant. Außerdem stimmte mich der herrlich abgeranzte Grudziądzer Hauptbahnhof mit seinem auch sonntags geöffneten Biedronka-Verbrauchermarkt sofort milde. Hier konnte ich gleich mal einen Snack (Zapiekanka) und ’ne Limo erwerben, ehe es zum wenige hundert Meter entfernten Hotel ging.

Welcome to Grudziadz Main Station

Trist und grau wirkte nun auch die Plattenbausiedlung, die ich zu meiner Unterkunft durchqueren musste. Etwas Farbe brachten die Fußballgraffiti der Szene von GKS Olimpia ins Spiel. Auch liefen ein paar kahlrasierte Kunden in Hoodies und Zipjacken der hiesigen Fanszene durch’s Viertel oder lungerten vor einer Bar ohne Fenster, in die sich wohl kein Fremder je verirren würde. Ich sah natürlich davon ab, im Inneren mal nach dem Weg zu meiner Herberge zu fragen. Zumal das Hotel sowieso schon in Sichtweite lag und ich mir unsicher war, ob die Grudziądzer Glatzen meinen Humor teilen würden (Kopfkino war auf jeden Fall eine polnische Version der Pubszene aus dem Film „Eurotrip“).

Immerhin machte das Publikum der Plattenbausiedlung Hoffnung auf einen gut gefüllten Fanblock in wenigen Stunden. Doch nun stand erstmal der Check-In im „Ibis Styles Grudziądz“ an. Ich hatte mir in diesem Etablissement der oberen Mittelklasse ein Zimmer für 33€ gebucht (inklusive Frühstück und Willkommensgetränk). Das Hotel befindet sich direkt am Haupteingang des Stadions, was mir heute sehr entgegen kam. Weil erst um 19 Uhr Spielbeginn war, konnte ich mich nun noch knapp zwei Stunden ins Bett fläzen, meine Akkus aufladen (im wörtlichen und übertragenen Sinn) und musste erst roundabout 13,12 Minuten vor Anpfiff zur Spielstätte aufbrechen.

Blick vom Hotel zum Ground

Gegen 18:47 Uhr spazierte ich schließlich über den Hotelparkplatz zum Stadioneingang und löste ein Haupttribünenticket für 20 Złoty (knapp 5€). Meine wettsüchtigen Freunde hätten am Kassenhäuschen wohl vor Freude geweint. Denn jeder Stadionbesucher bekam eine Vorteilskarte des die Liga sponsernden Glücksspielanbieters (zahle 100 Złoty ein und bekomme weitere 100 Złoty Bonus). Tja Fat Lo, Abto & Co, sagt nicht, ich hätte im Vorfeld nicht ausreichend die Werbetrommel für diesen Polentrip gerührt!

Die Teams laufen auf

Im Stadion war leider wenig los. Die eigentliche Heimkurve war komplett leer, lediglich auf der Haupttribüne waren annähernd 1.000 Zuschauer zugegen, die es mit GKS Olimpia hielten. Im Gästeblock standen schlappe drei Typen, die von stolzen 30 Ordnern betreut wurden. Ich hatte im Vorfeld eigentlich die Hoffnung, dass mich ein echter Geheimtipp und tifotechnisch unterhaltsamer Abend erwarten könnte. Immerhin haben beide Clubs Mobilisierungspotential und außerdem liegen zwischen Grudziądz und Olsztyn nur 140 Straßenkilometer. Das ist im polnischen Zweitligaalltag nicht wirklich ’ne große Distanz und nebenbei haben die Olsztyner keine kürzere Auswärtsfahrt als nach Grudziądz.

Der Gästeblock

Wie ich nun erfahren durfte, bleibt die Szene von Olimpia leider zur Zeit den Heimspielen des Clubs fern. Dies war das zweite betroffene Spiel eines Boykotts auf unbestimmte Zeit. Der Club erlaubt der Szene u. a. nicht den Haupttribünenblock A4 als neuen Fanblock zu etablieren. Als Zielscheibe des Protestes und Feindbild der Fankultur wurde der Vostandsvorsitzende Tomasz Asensky ausgemacht. Der soll laut Fan-Flyern und Stickern sofort zurücktreten. Da dieser Herr wohl eher nicht dem Wunsch der Fans entsprechen wird, sondern sein Amt behalten will, dürfte der Konflikt nur lösbar sein, wenn beide Seiten doch noch einen Kompromiss finden. So lange bleibt es still und trist im Städtischen Stadion zu Grudziądz.

Auch er konnte wenig Stimmung verbreiten

Die organisierte Olsztyner Fanszene hat sich übrigens solidarisch gezeigt und deshalb auf eine Fahrt zu diesem Spiel verzichtet (ergab eine nachgeordnete Internetrecherche). Dementsprechend waren die vielen Ordner und auch die ganzen Polizisten mit Helmen und Schutzschilden ziemlich Fehl am Platze. Entweder recherchieren die im Vorfeld eines Spiels genauso wenig wie ich oder sie trauten dem Braten nicht. Es kam jedoch weder zu einem Olsztyner Überraschungsbesuch, noch zu einer weiteren Eskalation zwischen Grudziądzer Szene und dem Vorstand. Der harte Kern blieb tatsächlich fern, anstatt den Protest ins Stadion zu tragen. Ergo existierten auch keine polnischen Versionen von „Asensky muss weg“ oder „Tomasz Asensky du Sohn einer *piep*“, sondern es herrschte weitgehend Friedhofsatmosphäre im weiten Rund.

Plattenbauromantik im Hintergrund

Es gab lediglich nach guten Aktionen Szenenapplaus und vereinzelte Olimpia-Schlachtrufe von der Haupttribüne. Doch so viele gute Szenen sahen ich und die angeblich 991 weiteren Zuschauer nicht. Zwar konnte GKS früh in Führung gehen (4.Spielminute, durch Verteidiger Ariel Wawszczyk) und kurz danach hatte ihr brasilianischer Stürmer João Augusto – dessen erste europäische Station übrigens der sächsische VfL 05 Hohenstein-Ernstthal war – zweimal das 2:0 auf dem Fuß. Doch er verfehlte in der 9. und 11.Minute jeweils denkbar knapp und anschließend wurde das Spiel zusehends mau. Folgerichtig blieb es beim 1:0 zur Pause.

Kielbasa

Ich stärkte mich während der Halbzeitunterbrechung mit einer ehrlichen Fettwurst für ungefähr 1,70€ und als die Kielbasa vertilgt war, rollte der Ball schon wieder. Stomil kam kurz nach Wiederanpfiff zu einer guten Gelegenheit zum Ausgleich, doch Torschütze Wawszczyk konnte einen Schuss von Artur Siemaszko gerade noch auf der Torlinie klären. Fortan blieb die Partie eher fahrig und ruppig, denn hochklassig und keine der Mannschaften wusste eine ihrer kommenden Torchancen zu nutzen. Besonders die beiden Torhüter durften sich dabei auszeichnen. In der 90.Minute hatte Stomil nochmal eine Topchance zum Ausgleich, doch Tormann Łukasz Sapela erwies sich ein letztes Mal als reaktionsstark. Damit gewann GKS Olimpia und kletterte vorläufig von Platz 7 auf 5, während Stomil von Rang 3 und 7 fiel. Erschreckend, dass beide Teams möglicherweise um den Aufstieg in die Ekstraklasa mitspielen. Andererseits, überrascht es mich nach all meinen Erfahrungen im polnischen Fußball? Eher nicht.

Stadion Miejski w Grudziądzu mit spärlich gefüllter Haupttribüne und leerer Fankurve

Mit dem Abpfiff hielt mich nichts mehr im zugigen Stadion und nach nun insgesamt 43,1km zu Fuß in den letzten 39 Stunden, war es abermals ein Geschenk, dass die gebuchte Unterkunft auf dem Nachbargrundstück vom Stadion zu finden war. 20:50 Uhr war Abpfiff, 20:55 Uhr saß ich an der Hotelbar. Nachdem der Voucher für den „Welcome Drink“ in einen Frozen Daiquiri umgewandelt war, waren nicht mehr nur die Beine, sondern auch die Augen schwer und es ging gegen 21:30 Uhr ins äußerst bequeme Bett. Alles richtig gemacht, bei der Wahl der Unterkunft!

Schlummertrunk an der Hotelbar

Am Montagmorgen wachte ich (ohne Wecker) bereits um kurz nach 7:00 Uhr auf. Gut, bis dahin hatte ich auch rund neun Stunden geschlafen. Also nicht nochmal die Augen geschlossen und nach einem Duschbad wurde zum Frühstücksbüffet spaziert. Das ließ für mich keine Wünsche offen. Wurst und Käse in allerlei Variationen, viel Obst und Gemüse, diverse Frühstückscerealien, süßes Gebäck, frischer Honig und, ganz wichtig, warme Speisen. So kamen zunächst gegrillte Kielbasa, Rührei und Pilzpfanne auf den Teller. Käsehappen und Obstsalat füllten die letzten Lücken im Magen, ehe es froh gestimmt zur historischen Spurensuche in die Grudziądzer Altstadt ging.

Deftige Delikatessen am Morgen

Die waldreiche Gegend um Grudziądz war um das Jahr 1000 vom heidnischen Stamm der Prußen besiedelt (auf die geht der Name Preußen zurück) und am Ostufer der Wisła (Weichsel) hatten diese auf einer Anhöhe eine Wallburg errichtet. Das junge Königreich Polen schielte im 11.Jahrhundert allerdings auf eine Osterweiterung und Bolesław II., einer der im Posener Dom beigesetzten ersten Könige, versuchte 1080 vergeblich jene Prußen-Festung zu erobern. Anschließend weist die Stadtgeschichte viele Parallelen zum am Vortag besuchtenToruń (Thorn) auf. Denn auch Grudziądz gehört zur historischen Region Kulmer Land (bzw. Westpreußen), welche der polnische Fürst Konrad von Masowien – seinerzeit mächtigster Fürst in Polenreich nach dem König – im frühen 13.Jahrhundert unterwerfen und missionieren wollte.

Die Wisła (Weichsel) bei Grudziądz (Graudenz)

Da sein Unterfangen in den 1220er Jahren zu scheitern drohte, bat er den Deutschen Orden um Hilfe. Diese in den Kreuzzügen gestählten Schwertbrüder waren militärisch erfolgreicher als Konrad und 1231 konnten die Ordensritter die Prußen-Festung an der Stelle der heutigen Stadt Grudziądz erobern. Ihrer statt errichteten sie eine Ordensburg auf der strategischen Anhöhe am Ostufer der Weichsel und im Schutze der Burg siedelten sich in der Folgezeit Handwerker und Händler an. Auch deren Siedlung wurde zeitnah befestigt und Graudenz genannt (leitet sich von der prußischen Ortsbezeichnung Graudenes, übersetzt in etwa Waldwildnis, ab). Die Mauern sollten die Siedlung vor den immer noch regelmäßigen Raubzügen baltischer Stämme wie den Prußen oder den Sudauern schützen.

Die Ruine der Ordensburg mit jüngst restauriertem Turm

1291 bekam Graudenz das Stadtrecht und zu dieser Zeit wurde auch die gotische Pfarrkirche Sankt Nikolaus errichtet. Die Stadt wuchs nun im 14.Jahrhundert zu einem wichtigen Handelsplatz an der Weichsel. Vor allem für Getreide, wovon noch heute die historischen Speicher am Ufer des Flusses zeugen (siehe Titelbild). Die Graudenzer Speicher waren damals das größte Getreidelager Mitteleuropas. Der Orden kaufte das Getreide zu von ihm festgelegten Preisen von den Bauern seines Herrschaftsbereichs und veräußerte es zu Marktpreisen, welche damals auf der Amsterdamer Getreidebörse festgelegt wurden, in Kooperation mit der Hanse ins Ausland weiter. Dabei hatten die Ritter eine ordentliche Marge, so dass der Deutsche Orden sehr reich wurde.

Pfarrkiche Sankt Nikolaus

Weil die historische Entwicklung sich nun sehr mit der Thorner Stadtgeschichte gleicht, könnte ich einfach „Copy & Paste“ mit dem vorangegangenen Reisebericht veranstalten und müsste nur Thorn durch Graudenz ersetzen, sowie ein paar kleine Details ändern. Denn auch Graudenz schloss sich 1440 wie Thorn dem Preußischer Bund an, kämpfte im Dreizehnjährigen Krieg (1454 – 1466) gegen den Deutschen Orden und wurde nach dem Zweiten Thorner Frieden (1466) Teil des so genannten Preußen Königlichen Anteils, welches fortan bei Wahrung großer Autonomie der polnischer Krone unterstand. Der Reiterkrieg (1519 – 1521), die Reformation (Graudenz wurde im 16.Jahrhundert mehrheitlich protestantisch), die Union von Lublin (1569) und das Toleranzedikt des polnischen Königs von 1573 wären die nächsten Eckpunkte, deren Auswirkungen Thorn wie Graudenz gleichermaßen betrafen.

Das Wassertor der Graudenzer Altstadt

Auch im 17. und 18.Jahrhundert unterscheiden sich Thorner und Graudenzer Stadtgeschichte – oberflächlich betrachtet – nur in Nuancen.  Im Zweiten Nordischen Krieg (1655 – 1661) und im Großen Nordischen Krieg (1701 – 1720) wurde die Stadt wie Thorn jeweils temporär von schwedischen Truppen besetzt und während den Eroberungs-, wie auch Rückeroberungskämpfen schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bei den drei Polnischen Teilungen im ausgehenden 18.Jahrhundert fiel Graudenz bereits 1772 (Erste Polnische Teilung) an das Königreich Preußen (ab 1871 dann Teil des Deutschen Reichs), während Thorn erst 1793 bei der Zweiten Polnischen Teilung folgte. Auch in Graudenz gab es seit der Reformation einen ethnisch-religiösen Gegensatz zwischen deutschsprachiger Bevölkerung (mehrheitlich Protestanten) und polnischsprachiger Bevölkerung (mehrheitlich Katholiken), der sich in den preußisch-deutschen Jahren zwischen 1772 und 1918 eher verstärkte, denn abmilderte.

Backsteinspeicherbauten der Altstadt

Denn die Preußen verfolgten eine Germanisierungspolitik in den neuen Ostgebieten, welche die deutsche Sprache, wie auch den Protestantismus als Konfession bevorteilte. Darüberhinaus wurden für Westpreußen (Thorn, Graudenz & Co) und Südpreußen (die Region um Posen) deutsche Neusiedler angeworben. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kamen über 150.000 Deutsche in die ehemals polnischen Gebiete Preußens. In Addition mit der seit dem Mittelalter alteingesessenen deutschsprachigen Bevölkerung dieser Provinzen, enstanden in vielen Regierungsbezirken Süd- und vor allem Westpreußens deutsche Bevölkerungsmehrheiten. So lebten am Vorabend des Ersten Weltkriegs über 40.000 Menschen in Graudenz, wovon ca. 85% zur deutschen Nation und 12,5% zur polnischen Nation gezählt wurden. Allerdings sind die Zahlen auch immer mit Vorsicht zu genießen, da bilinguale Bürger mit polnischen Wurzeln von den Behörden in der Regel der deutschen Ethnie zugeschlagen wurden.

Gründerzeitarchitektur

Da ich die Geschichte in den Jahren zwischen 1000 und 1918 jetzt ziemlich knapp abgearbeitet habe, widme ich mich nun mal, im Rahmen meiner Möglichkeiten, einem sehr komplexen Thema, welches eigentlich in jedem Bericht aus Polen, zumindest bei Touren in bis 1945 ethnisch deutsch-polnisch gemischte Städte, seine Berechtigung gehabt hätte (was ein Schachtelsatz!). Es geht um die deutsch-polnische Geschichte in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, zu der ich ausnahmsweise etwas mehr schreiben will, als nur ein paar Jahreszahlen und Schlagworte.

Die Graudenzer Straßenbahn wurde 1896 eröffnet

Nachdem das Deutsche Reich aus dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) als Verlierer hervorging, wurde bei den Pariser Friedensverhandlungen u. a. zu Lasten seines Territoriums ein neues polnisches Staatsgebiet kreiert (Polen existierte als Staat zwischen 1795 und 1918 nicht). Durch den Posener Aufstand von Dezember 1918 bis Februar 1919 wurden bereits Fakten in der mehrheitlich polnisch besiedelten Provinz Posen (ehemals Südpreußen) des Deutschen Reiches geschaffen. Dort hielt sich trotz Germanisierungspolitik eine polnische Mehrheit, die ca. 65% der Einwohner ausmachte. Im Vertrag von Versailles wurde nun Posens Zugehörigkeit zur Polnischen Republik von den alliierten Siegermächten bestätigt. Damit Polen darüberhinaus einen Zugang zur Ostsee bekam, wurden ihm weite Teile Westpreußens, inklusive der Städte Graudenz und Thorn, zugeschlagen. Außerdem wurde die wichtige Hafenstadt Danzig (bisher Hauptstadt der preußischen Provinz Westpreußen) im Sinne Polens vom Deutschen Reich abgespalten und zur Freien Stadt unter dem Mandat des Völkerbundes (Vorläufer der UN) erklärt (mit weitreichenden polnischen Sonderrechten). Durch diesen so genannten Korridor hatte das deutsch gebliebene Ostpreußen fortan keine Landverbindung mehr zum übrigen Reichsgebiet.

Die polnische Armee unter General Józef Haller überwachte die Übergabe Westpreußens 1919 und 1920

Für Teile Westpreußens (Bezirk Marienwerder), Ostpreußens (Regierungsbezirk Allenstein) und Oberschlesien wurden dagegen Volksabstimmungen anberaumt, bei denen überall Mehrheiten für den Verbleib im Deutschen Reich stimmten. Die klaren Ergebnissen in den Abstimmungsgebieten Allenstein (98% pro DR) und Marienwerder (92% pro DR) am 11.Juli 1920 verhießen auch tatsächlich den Verbleib bei Deutschland. Das oberschlesische Votum (60% pro Deutschland) am 20.März 1921 wurde jedoch von polnischen Kräften nicht akzeptiert und es kam zu Kämpfen zwischen polnischen Freischärlern und deutschen Freikorps. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten den Konflikt mit einer Teilung Oberschlesiens zu lösen. Ostoberschlesischen, mit dem größten Anteil des Industrie- und Kohlereviers und Städten wie Kattowitz (Katowice) und Königshütte (Chorzów), kam zu Polen. Der flächenmäßig größere, aber wirtschaftlich schwächere Westteil, mit Städten wie Beuthen (Bytom) und Hindenburg O.S. (Zabrze), blieb Teil des Deutschen Reiches.

Ulanendenkmal (in der Zwischenkriegszeit war Grudziądz Ausbildungszentrum der polnischen Kavallerie)

Auch an seinen weiteren Grenzen hatte die junge polnische Republik zwischen 1918 und 1922 Konflikte und führte Angriffskriege, die auf eine Expansion des Staatsgebiets zielten. Doch darauf gehe ich mal näher ein, wenn ich Touren in die entsprechenden Regionen mache. Nun konzentriere ich mich auf die abgetretenen Gebieten des Deutschen Reiches, schwerpunktmäßig auf Graudenz und Westpreußen. 1919 befanden sich noch ungefähr zwei Millionen Deutsche auf dem Gebiet der polnischen Republik. Etwa die Hälfte wanderte in den ersten Jahren nach Kriegsende aus (i. d. R. ins verbliebene Staatsgebiet des Deutschen Reiches). Viele verließen ihre Heimat aufgrund einer spürbar antideutschen Stimmung, Repressionen und der beginnenden Polonisierungspolitik. Auch unabhägig davon, konnten sich viele Deutsche nicht vorstellen, sich in einen polnischen Staat und eine polnisch dominierte Gesellschaft einzugliedern. Denn man musste optieren, ob man nun polnischer Staatsbürger werden oder seine deutsche Staatsangehörigkeit behalten wollte. Letztere wurden nun zu Ausländern mit unsicherer Aufenthaltsperspektive in ihrer eigentlichen Heimat. Erstere erwarben dagegen die Rechte, aber natürlich auch die Pflichten eines polnischen Staatsbürgers. Dazu gehörte die Wehrpflicht und entsprechend der erwähnten Konfliktsituation mit den Nachbarländern drohte sofort ein Kriegsdienst für das neue Vaterland, z. B. im gerade tobenden Polnisch-Sowjetischen Krieg (1919 – 1921).

Denkmal für den polnischen Soldaten von 1933 auf dem Marktplatz

Die Abwanderungswelle klammerte Graudenz natürlich ein, so dass sich 1921 nur noch knapp 7.000 der seinerzeit rund 33.500 Graudenzer Bürger zur deutschen Ethnie bekannten (wie bereits erwähnt, waren es vor dem Ersten Weltkrieg noch ca. 85%). Die, die geblieben waren, erlebten nun die Polonisierung ihrer Stadt. Es war so, als hätte sich die Zeit zwischen 1772 und 1918 gespiegelt. Wo die polnischen Autoritäten die Möglichkeit hatten der Deutschtumspflege Knüppel zwischen die Beine zu werfen, zögerten sie selten. Verbliebene Deutsche, die nicht für die polnische Staatsbürgerschaft optiert hatten, wurden vielfach enteignet und ausgewiesen. Die so genannten Optanten, also nun Polen deutscher Ethnie, mussten einen schweren Kampf um ihre Minderheitenrechte führen. Wer sich als Optant später doch noch für die Emigration nach Deutschland entschied, genoss als ehemaliger deutscher Staatsbürger erleichterte Einwanderungsregeln. Davon profitierten in 1920er Jahren übrigens auch viele Juden aus dem so genannten Korridor, die aufgrund des latenten Antisemitismus in der Zweiten Polnischen Republik nach Deutschland emigrierten (sie hatten schließlich ebenfalls, mindestens bis Kriegsende, die deutsche Staatsangehörigkeit besessen).

Aus Graudenz wurde Grudziadz

Bilateral waren der Korridor und die weiteren von Deutschland an Polen verlorenen Gebiete ein fortwährendes Problem. Die Bevölkerung im Deutschen Reich empfand den Verlust der Ostgebiete in breiter Übereinstimmung als ungerecht und entsprechend hatte in den 1920er Jahren jede deutsche Regierung, egal aus welchem politischen Lager, eine Revision der Grenzen als Ziel. Das wurde natürlich in Polen äußerst argwöhnisch gesehen und vergiftete die Beziehungen der beiden Staaten über eine Dekade hinweg. Beiderseitig gab es in der Zwischenkriegszeit mehrfach verklausulierte bis offene Kriegsdrohungen. Ein deutscher Versuch die Polen ohne Waffengang zu Zugeständnissen zu bewegen, war 1925 das Einfuhrverbot für polnische Kohle (Polen exportierte seinerzeit ca. zwei Drittel seiner Kohle nach Deutschland) und die Einführung von hohen Importzöllen auf weitere polnische Warengruppen. Dies führte zu einem neun Jahre andauernden deutsch-polnischen Zollkrieg, in dem Polen zunächst wirtschaftlich hart getroffen wurde. Mit ausländischer Hilfe (vorwiegend Kredite aus Frankreich) konnte man jedoch in Gdingen (Gdynia) nahe Danzig einen Hochseehafen errichten und außerdem eine Bahnlinie von Oberschlesien zu jenem Hafen bauen (die Kohlemagistrale). Nach Fertigstellung beider Projekte, öffneten sich über den Seeweg neue Märkte für polnische Exportgüter und es gelang die Abhängigkeit vom deutschen Markt und Deutschland als Transitland für polnische Exportgüter in den Westen deutlich zu reduzieren.

Das Hauptpostamt aus der wilhelminischen Epoche

Auf den ersten Blick überraschend, sorgten ausgerechnet die Nationalsozialisten nach ihrer Machtergreifung 1933 für Entspannung. Zwar gehörte eine Grenzrevision fest zu ihrer Agenda und die Vision ihres Führers Adolf Hitler vom Lebensraum im Osten war auch kein Geheimnis, doch trotzdem suchte man die Annäherung mit dem damals ebenfalls autokratischen Regime in Polen. Am 26.Januar 1934 schlossen Polen und das Deutsche Reich einen Nichtangriffspakt und am 7. März 1934 wurde das Zollfriedensprotokoll verabschiedet, welches den Zollkrieg beendete. Hitler hatte nun Zeit für die Aufrüstung der Wehrmacht gewonnen und konnte sich zugleich als Versöhner der Völker und Freund des Friedens inszenieren. Im Hintergrund blieben Grenzrevision und Lebensraum im Osten weiterhin das oberste Ziel, auf welches in den nächsten fünf Jahren innen- und außenpolitisch hingearbeitet wurde. Polen hatte dann die Wahl entweder als Juniorpartner mit auf Beutezug in die Sowjetunion zu ziehen oder selbst das erste Ziel der deutschen Eroberungsfeldzüge zu werden.

Heilig-Geist-Kirche (Parafia Ducha Świętego w Grudziądzu)

Für die deutsche Minderheit in Polen entspannte sich die Lage nach 1934 übrigens zunächst auch (während des Zollkrieges war die Stimmung denkbar feindselig), was Hitler eine große Popularität bei den so genannten Volksdeutschen in Graudenz, Thorn & Co verschaffte. Am 5. November 1937 unterzeichneten Deutschland und Polen schließlich eine gemeinsame Erklärung über den Schutz der beiderseitigen Minderheiten. Als Hitler 1938 mit Billigung der Westmächte (Münchner Abkommen) die Annexion des bisher tschechischen, aber mehrheitlich von Deutschen besiedelten Sudetenlandes vollzog (verbunden mit Hitlers Bestandsgarantie für die restliche Tschechoslowakei), agierte Polen tatsächlich als Juniorpartner des Deutschen Reiches und annektierte auch einen Teil Tschechiens (der früher mal polnisch war). Danach wollte sich Polen jedoch nicht mehr mit den weiteren deutschen Plänen zur Neuordnung Europas arrangieren. Im Herbst 1938 und Frühjahr 1939 forderte Hitler mehrfach vergeblich den Beitritt Polens zum Antikominternvertrag (ein gegen die Sowjetunion gerichtetes internationales Bündnis) und grünes Licht für die Wiedereingliederung Danzigs ins Deutsche Reich, sowie für eine exterritoriale deutsche Autobahn durch den Korridor nach Danzig und Ostpreußen. Im Gegenzug bot Hitler an, die bestehende polnisch-deutsche Grenze als endgültig zu betrachten. Doch Polens autokratische Regierung reagierte, aus guten Gründen, monatelang ausweichend.

Kirche des heiligen Franziskus (Kościół św. Franciszka Ksawerego)

Als die deutsche Wehrmacht – entgegen des Münchner Abkommens! – am 15.März 1939 die restliche Tschechei okkupierte (so genannte Zerschlagung der Rest-Tschechei), dürfte Polen spätestens die Gewissheit gehabt haben, dass Hitlers Garantien nichts wert waren. Diese Erkenntnisse teilten sie mit den von Hitler düpierten Westmächten Frankreich und Großbritannien. Die vor allem von Großbritannien getragene Politik des „Appeasements“ war gescheitert. Als Folge gaben Großbritannien und Frankreich am 31.März 1939 eine Garantieerklärung für Polen ab und versprachen umfassende Unterstützung für den Fall, dass die nationale Unabhängigkeit Polens bedroht sei. Hitlers Reaktion war am 28.April 1939 eine einseitige Aufkündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934. Sowohl Deutschland, als auch Polen bereiteten sich nun auf einen Krieg vor, der nur noch eine Frage der Zeit schien. Allerdings hatte ein deutscher Polenfeldzug höchstwahrscheinlich nur die Chance auf Erfolg, wenn die Sowjetunion nicht als weitere Kriegspartei gegen das Deutsche Reich auf den Plan treten würde. Zumal die Westmächte durch eine Seeblockade, analog zum Ersten Weltkrieg, das extrem importabhängige Deutsche Reich vom Weltmarkt abschneiden würden.

Fassade des Benediktinerklosters (Pałac Opatek)

Am 24.August 1939 geschieht schließlich fast Unglaubliches. Die bisher spinnefeinden Diktatoren Hitler und Stalin schließen öffentlich den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt und planen im Geheimen die Aufteilung Polens bzw. ganz Osteuropas. Nun würde die Sowjetunion bei einem Angriff auf Polen nicht in die deutsche Flanke fallen und außerdem sicherten die Sowjets dem Deutschen Reich umfangreiche Rohstofflieferungen zu, so dass die drohende Seeblockade der Westmächte kein kriegsentscheidendes Problem darstellen würde. Im September 1939 marschieren deshalb zunächst das Deutsche Reich und anschließend die Sowjetunion in Polen ein. Am Monatsende ist der militärische Widerstand bereits gebrochen und die Zweite Polnische Republik zerschlagen. Der Korridor mit Graudenz, Thorn und Co kehrte zum Deutschen Reich zurück und am 26. Oktober 1939 wurde Graudenz in den Reichsgau Danzig-Westpreußen eingegliedert. Sofort begannen die Verhaftungen und Vertreibungen der polnischen Bevölkerung in Westpreußen und anderswo. Bereits im Mai 1939 hatten Nazi-Kollaborateure in Westpreußen das Sonderfahndungsbuch Polen mit etwa 61.000 Namen von Beamten des polnischen Staates, erklärten NS-Gegnern (polnischer, wie auch deutscher Ethnie) und Vertretern der polnischen „Intelligenzija“ erstellt. Die im Fahndungsbuch gesammelten „Feinde des Deutschen Volkes“ wurden nun, sofern auffindbar, entweder verhaftet oder gleich erschossen. Die Kollaborateure bildeten außerdem den „Volksdeutschen Selbstschutz“, dem bis zu 100.000 deutsche Volksangehörige aus den bisher polnischen Gebieten angehört haben sollen. Der so genannte Selbstschutz unterstützte nach der Annexion die Einsatzgruppen der SS (Schutzstaffel) bzw. des SD (Sicherheitsdienst des Reichsführers SS) beim Aufsprüren und der Ermordung zehntausender Polen und Juden.

Reste der Stadtbefestigung

In den von Polen annektierten Gebieten wurde alsbald die Deutsche Volksliste (DVL) maßgeblich für Verbleib oder Vertreibung. Die DVL teilte die Bürger in Graudenz, Thorn, Posen oder Kattowitz in vier Kategorien ein:

  • Abteilung 1: Die Bürger, die sich in der Zwischenkriegszeit unter polnischer Herrschaft weiter zum Deutschtum bekannt hatten und in entsprechenden Organisationen aktiv waren. Diese „Vorzeigedeutschen“ bekamen die deutsche Staatsangehörigkeit und konnten sofort in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) eintreten und somit Karriere im NS-Apparat machen. Außerdem rekrutierte sich aus dieser Gruppe ein Großteil des „Volksdeutschen Selbstschutzes“.
  • Abteilung 2: Bürger, die unter polnischer Herrschaft unorganisiert an deutscher Sprache und Kultur festgehalten hatten. Diese wurden auch wieder deutsche Staatsangehörige, konnten jedoch zunächst keine Vollmitglieder der NSDAP werden.
  • Abteilung 3: Menschen, die deutscher Abstammung waren, aber die deutsche Kultur und Sprache weitgehend aufgegeben hatten (im NS-Jargon „Stammesdeutsche“), sowie Angehörige nicht-polnischer Ethnien wie Kaschuben, Masuren oder Schlonsaken. Sofern diese Personen in der Zwischenkriegszeit nicht Mitglieder in polnischen Organisationen waren, bekamen sie die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf.
  • Abteilung 4: Menschen, die nach Auffassung der Nazis deutscher Abstammung waren, sich selbst jedoch als Polen betrachteten, allerdings in der Zwischenkriegszeit weder in polnischen Organisationen tätig waren, noch „deutschtumsfeindlich“ aufgefallen waren. Da man sie für „re-germanisierbar“ hielt, erhielten sie eine Anwartschaft auf die deutsche Staatsangehörigkeit auf Widerruf. Während für die Abteilungen 1 bis 3 die Wehrpflicht bestand, waren die Angehörigen der Abteilung 4 vorerst von der Wehrpflicht ausgenommen.

Im Reichsgau Danzig-Westpreußen landeten ca. 60% der Bevölkerung in der DVL. Wer nicht in die Volksliste eingetragen wurde, galt als recht- und staatenloser „Schutzangehöriger des Deutschen Reiches“. Diese Menschen wurden größtenteils vertrieben oder in Lager deportiert. Aus Westpreußen wurden geschätzt 100.000 Polen ins  „Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete“ zwangsumgesiedelt (der Teil Polens, der vom Deutschen Reich besetzt, aber nicht annektiert wurde). Stattdessen wurden gemäß Hitler-Stalin-Pakt die Volksdeutschen aus den nun sowjetischen Gebieten (vorwiegend aus Ostpolen und dem Baltikum) in die neuen Reichsgebiete, wie z. B. Westpreußen, zwangsumgesiedelt. Die Juden in den annektierten und besetzten Gebieten wurden unterdessen in Konzentrationslager deportiert und Opfer eines systematischen Völkermordes (in Graudenz bestand übrigens von September 1939 bis August 1943 ein Außenlager des Konzentrationslagers Stutthof).

Verwaltungsgliederung und Siedlungspläne für die besetzten und die annektierten polnischen Gebiete (gemeinfreie Karte)

Die männlichen Volksgenossen der Deutschen Volksliste im wehrfähigen Alter, wurden nach dem Polenfeldzug zuhauf von der Wehrmacht eingezogen und kämpften die fünf folgenden Jahre für das nationalsozialistische Deutschland an allen Fronten. Zuvorderst natürlich an der Ostfront. Denn Hitler brach bereits 1941 mit seinem Bündnispartner Stalin und überfiel die Sowjetunion. Die Zeit der schnellen Siege, wie 1939 in Polen oder auch 1940 in Dänemark, Norwegen, den Benelux-Staaten und Frankreich, war allerdings vorbei. In der Sowjetunion funktionierte der „Blitzkrieg“ nur in der Anfangsphase des Feldzuges. Stattdessen entwickelte sich ein langer und für beide Seiten verlustreicher Krieg, der gemäß NS-Ideologie als Vernichtungskrieg ohne Rücksicht auf Konventionen geführt wurde. Spätestens nach der sowjetischen Sommeroffensive 1944, in der die Rote Armee bis zur Wisła (Weichsel) vordrang und somit an den Grenzen des Reichsgebietes stand, hatte die Wehrmacht ihre operative Handlungsfähigkeit an der Ostfront vollständig verloren. So fand das Terrorregime der Nazis zum Glück im Folgejahr sein Ende. Die zur Festung erklärte Stadt Graudenz kapitulierte am 6.März 1945 vor der Roten Armee. Im Zuge der Kampfhandlungen war die Stadt zu etwa 60 % zerstört worden. Graudenz und ganz Westpreußen wurden nun wieder Teil Polens, welches sich unter sowjetischer Kontrolle als sozialistische Volksrepublik rekonstituierte und dessen Grenzen sich nach Westen bis an die Flüsse Oder und Neiße verschoben (die „Polnische Westverschiebung“, da Stalin seine polnische Kriegsbeute von 1939 nicht wieder aufgeben wollte).

Polens Westverschiebung 1945 (gemeinfreie Karte)

Die nach Kriegsende auf polnischem Territorium verbliebenen Volksdeutschen wurden massenhaft Opfer sowjetischer und polnischer Vergeltungsakte. Die Instrumente der deutschen Okkupanten und ihrer hiesigen Helfer vom „Volksdeutschen Selbstschutz“ gegen die Polen, kehrten sich nun gegen die deutsche Ethnie um. Sie waren innerhalb der neuen polnischen Grenzen rechtlos und wurden in der Folgezeit enteignet und größtenteils von den Sowjets oder der neuen polnischen Zivilverwaltung vertrieben. Etliche wurden auch von Schnell- und Sondergerichten zu Internierungshaft bzw. Zwangsarbeit oder zum Tode verurteilt. Dieses deutsche Leid möchte ich nicht negieren oder rechtfertigen, allerdings war das deutsch-polnische Verhältnis durch die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte so belastet, dass mir 1945 ein neuerliches Zusammenleben in einem gemeinsamen Staat völlig utopisch erscheint. Zumal durch die hinzugewonnenen Reichsgebiete am Kriegsende noch geschätzt 4,5 Millionen deutsche Einwohner in Polens neuen Grenzen lebten (circa fünf Millionen Deutsche waren bereits vor der deutschen Kapitulation am 8.Mai 1945 nach Westen geflohen). Dazu brauchte Polen nun Wohn- und Lebensraum für 1,8 Millionen von der Sowjetunion aus dem Osten vertriebene Landsleute und jener war durch die Kriegszerstörungen knapp. Die Ausweisung aller Deutschen, gerade auch im Kontext der vorangegangenen fünf Jahre NS-Terrorherrschaft und der Mittäterschaft vieler Volksdeutscher in Polen, erscheint somit aus polnischer Perspektive zwangsläufig. Natürlich ein großes Leid für Millionen Deutsche und im Zusammenhang mit dem Dritten Reich und dem Zweiten Weltkrieg darf, nein sollte auch jedem deutschen Opfer gedacht werden. Aber wer das deutsche Opfer vom deutschen Täter isoliert betrachten will, betreibt in der Regel gezielte Geschichtsklitterung à la AfD & Co.

Der Hauptbahnhof von Grudziądz

Verlieren wir nun noch ein paar Worte zur neueren Stadtgeschichte von Grudziądz. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte der Wiederaufbau der Stadt und die Ansiedlung größerer Industriebetriebe. Beispielsweise aus den Bereichen Gummiindustrie („Stomil“), Landmaschinen („Unia“), Schiffsausrüstung („Warma“) oder auch Tabak- und Lebensmittelindustrie. Für die Arbeiter entstanden zahlreiche Plattenbausiedlungen am Rande der Kernstadt, während der historische Stadtkern zusehends zerfiel. Nach dem Ende der sozialistischen Diktatur anno 1989, die im polnischen Narrativ heute häufig als 45jährige russische / sowjetische Besatzungszeit gesehen wird, gelang in Grudziądz die Transformation zur kapitalistischen Marktwirtschaft wesentlich schlechter als in den polnischen Vorzeigeregionen oder -städten. Viele Betriebe mussten schließen oder sind heuer stark verschlankt, so dass hier eine der höchsten Arbeitslosenquoten in Polen herrscht (aktuell um die 10% während der Landesdurchschnitt bei ca. 4% liegt). Allerdings entwickelt sich die Stadt nicht entgegen dem positiven Landestrend, so dass die letzten Jahre auch hier von Wirtschaftswachstum und sinkender Erwerbslosigkeit gekennzeichnet sind. Ebenfalls wurden weite Teile der Altstadt in den letzten Jahren saniert und der Fremdenverkehr nimmt langsam zu.

Eine der Plattenbausiedlungen

Wer sich fragt, warum die nationalkonservative PiS-Partei in der polnischen Wählergunst gegenwärtig ganz weit vorne liegt, muss sich mal in Städten wie Grudziądz umhören (Anm.: Mein Besuch fand in der heißen Phase des Parlamentswahlkampf 2019 statt). Der Aufschwung ist mittlerweile nicht nur ein Phänomen der „Boomtowns“ wie Warzsawa (Warschau), Kraków (Krakau), Poznań (Posen) oder Wrocław (Breslau). Nachdem in den 1990er Jahren zunächst eine sehr liberale Marktwirtschaft nach US-Vorbild etabliert wurde, baut die PiS das System seit 2015 zu einer sozialen Marktwirtschaft mit u. a. Kindergeld, Mindestlohn und höheren Renten um. Die dadurch angestoßene Umverteilung in die schwächeren Regionen und Gesellschaftsschichten wird vom Wähler entsprechend goutiert.

In diesem Rathaus saßen im 20.Jahrhundert Beamte des Deutschen Kaisserreiches, der Zweiten Polnischen Republik, des nationalsozialistischen Deutschen Reiches, der sozialistischen Volksrepublik Polen und der Dritten Polnischen Republik

Dazu sind die propagierten Werte der PiS (Schlagworte: Religiosität, traditionelles Familien- und Sexualbild) im immer noch sehr katholischen Polen ebenfalls mehrheitsfähig und die PiS wird ziemlich offen von der katholischen Kirche in Polen unterstützt. Die in unserem östlichen Nachbarland ebenfalls weit verbreitete Klaviatur aus Patriotismus und Ressentiments gegen den Islam und Migranten, weiß die PiS ebenso erfolgreich zu bespielen. Neben der LGBT-Szene, dem Islam, „Erbfeind“ Russland u.v.m., pflegt die PiS außerdem gerne die Feindbilder Deutschland und Europäische Union, obwohl der florierende Außenhandel mit der Bundesrepublik und die Vorzüge des EU-Binnenmarktes, sowie Fördergelder aus Brüssel, Eckpfeiler des polnischen Wachstums sind. Aber solche Zusammenhänge oder Widersprüche dürften für die meisten Wähler egal oder nachrangig sein. Auch die Themen Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit, um die es bei der PiS nicht gut bestellt ist, scheinen vorwiegend nur das linksliberale Großstadtmilieu Polens zu bewegen. Insgesamt hat die Partei „Prawo i Sprawiedliwość“ (zu deutsch: Recht und Gerechtigkeit) ein Portfolio, welches im zeitgenössischen Polen absolute Mehrheiten verheißt.

Die Hauptstraße von Laskowice Pomorskie

Mit dem ziemlich sicheren Gefühl, dass die PiS am 13.Oktober 2019 wieder sehr erfolgreich sein wird, verließ ich Grudziądz schließlich am Montagnachmittag. Da die Verbindung nicht die Beste war, ging es zunächst mit einer Bimmelbahn in das nahe Dorf Laskowice Pomorskie, welches seine Existenz eigentlich nur dem hiesigen Bahnhof verdankt, an dem sich zwei größere Bahnlinien kreuzen. 51 Minuten Aufenthalt nutzte ich für einen kleinen Spaziergang durch die Gemeinde, die wohl mit allen umliegenden Dörfern auf 2.500 Seelen kommt. Das namensgebene Kerndorf am Bahnhof verfügte allerdings nur über fünf Straßen, auf denen ich binnen einer halben Stunde nur einer handvoll Senioren begegnet bin (hab natürlich immer brav gegrüßt). Interessanterweise gab es aber viele Fußballgraffiti bzw. eher Fußballschmierereien, die Laskowice Pomorskie als Einzugsgebiet von Zawisza Bydgoszcz auswiesen (wir erinnern uns, der Erzfeind von Elana Toruń).

Laskowice Pomorskie ist Zawisza-Gebiet

Mein InterCity von Laskowice Pomorskie nach Poznań war dann erfreulicherweise pünktlich. Jener Zug war nämlich der Knackpunkt, ob ich noch am 7.Oktober nach Hause kommen würde, da ich dazu den EuroCity um 15:30 Uhr in Poznań kriegen musste (der nächste Zug nach Berlin wäre erst 19:30 Uhr gefahren). Nun erreichte ich den Poznańer Hauptbahnhof fahrplangemäß und der InterCity aus Warszawa nach Berlin rollte ebenfalls pünktlich ein, blieb jedoch aus für mich nicht ersichtlichen Umständen 25 Minuten länger als geplant in Poznań stehen. Da ich in Berlin nur 25 Minuten Umstiegszeit hatte, wurde die Relation Poznań-Berlin ein spannendes Rennen gegen die Uhr. Leider mehrte sich die Verspätung noch auf über 45 Minuten und ich musste einen ICE später als geplant nehmen. So war ich erst gegen 22 Uhr anstatt 21 Uhr daheim. Nur ein sehr kleiner Wermutstropfen am Ende eines wieder mal tollen Wochenendes in Polen.