Riga 07/2019

17.07.2019
Riga FC – Dundalk FC 0:0 (4:5 won on penalties)
UEFA Champions League (Qualifying, 1st Round)
Skonto Stadions (Att: 6.050)

Weil ich den Zeitraum meines zweiwöchigen Sommerurlaubs 2019 bereits im November des Vorjahres festlegen musste, nahm ich einfach mal zwei Wochen ab dem 15.Juli. Dass zu der Zeit Qualifikationsspiele für die europäischen Wettbewerbe stattfinden würden, war ziemlich klar. Außerdem wollte ich endlich mal das Baltikum bereisen, da dort bekanntlich eine Fußballsaison von Frühjahr bis Herbst läuft und somit keine Sommerpause herrscht. Mit meinen Mitstreitern Milano Pete und Ole flog ich am 16.Juli zunächst nach Riga, wo der amtierende lettische Meister Riga FC einen Tag später sein irisches Pendant im Rahmen der Champions-League-Qualifikation empfing.

Ne ehrliche C-Wurst

Gebucht hatten wir ICE-Tickets à 14,90€ von Hildesheim nach Berlin und Flugtickets à 69€ von Tegel nach Riga. Geflogen wurde mit Air Baltic. Konkurrent Ryanair wäre heute auf der gleichen Verbindung zwar günstiger gewesen, aber der Traum von einem ryanairfreien Reisejahr 2019 (und Restreiseleben) darf nicht sterben! 9:09 Uhr war Abfahrt und der ICE war sogar überpünktlich am Berliner Hauptbahnhof. Damit blieb noch Zeit für eine Currywurst mit Fritten, ehe wir den lästigen Bustransfer vom Hauptbahnhof zum Flughafen Tegel antraten.

Berlin-Tegel

Über Tegel lag natürlich immer noch der Schatten der vorherigen Tour, als unser Flug nach Moldawien gecancelt wurde. Zum Glück lief heute an dem Flughafen, der für mich optisch irgendwie total alte Bundesrepublik ist (BRD-Retrochic), mehr oder weniger alles glatt und nach ein paar Berliner Pilsner begann gegen 14:30 Uhr das Boarding. Eine halbe Stunde später als geplant, womit sich auch Abflug und Landung um circa 30 Minuten nach hinten verschoben.

Die polnische Ostseeküste

Auf Plätzen mit viel Beinfreiheit in Reihe 2, war es ein angenehmer Flug. In Riga empfing uns jedoch ein ordentlicher Wolkenteppich und kurz nach dem Verlassen des Terminalgebäudes ergossen sich unzählige Liter Regenwasser aus jenen Wolken. Also schnell Bustickets à 1,15€ gekauft und mit dem nächstbesten Bus ins 18,96km entfernte Stadtzentrum gefahren. Dort stiegen wir fünf Fußminuten entfernt vom Büro unseres Vermieters „Designapartments“ aus und weil 18 Uhr schon durch war, mussten wir uns den Schlüssel für das Apartment gemäß Anleitung aus einem Safe holen. Neben dem Schlüssel lag noch eine Wegbeschreibung, denn das gebuchte Apartment war in einem Wohngebäude in 500 Metern Entfernung. Wie schön, dass der Regen wieder aufgehört hatte.

Ein erster Spaziergang durch Riga

Es gab nun erste Eindrücke der malerischen Altstadt (UNESCO Welterbe!), ehe wir am Südrand selbiger Quartier bezogen. Wir hatten für zwei Nächte eine Zwei-Zimmer-Wohnung in einem Altbau, die zwar optisch nichts mit Design zu tun hatte (auf den Werbebildern waren wesentlich schickere Beispielwohnungen dargestellt), aber sauber und funktional war. Für 120€ Gesamtpreis für zwei Nächte in Ordnung. Letztlich sollte uns die Bude eh nur zum Schlafen und Duschen sehen und am ersten Abend in Riga hielt uns natürlich erst recht nichts in den „eigenen“ vier Wänden.

Bohnen mit Speck

Denn der Hunger war groß und sehr zu unserer Freude war gleich um die Ecke das angeblich älteste Restaurant der Stadt. Im „AKA“ war zum Glück noch ein Tisch frei und nach uns mussten erst einmal zahlreiche potentielle Gäste wieder weggeschickt zu werden. Schien also ’ne gute Adresse zu sein. Die Preise wirkten auch fair, denn alle Hauptgerichte kosteten um die 10€ (lediglich das Rindersteak war mit 18€ ein nachvollziehbarer Ausreißer). Doch vor dem Hauptgang gab es noch Knoblauchbrot oder Bohnen mit Speck (3 bzw. 4€). Dann wurde Hähnchenbrust in Rhabarber-Rotweinsauce (9€) bzw. in meinem Fall Bœuf Stroganoff (10€) gereicht. Außerdem gab es lokales Lagerbier für 4€ pro Pint. Das sollte sich auch als der Standardbierpreis in der Altstadt entpuppen.

Bœuf Stroganoff

Nach dem delikaten Abendeinstieg ging es in eine der vielen Bars in der Gegend. Den Zuschlag bekam erstmal die „Funny Fox Bar“, wo auch 3,95€ pro Pint lettisches Lager zu investieren waren. Dafür startete nach unserer ersten Runde gegen 21 Uhr das Karaoke-Programm und Mutige gab es genug im Publikum. Rotzbesoffene Russinnen mit Blumenkränzen im Haar verloren bei ihrem vermeintlichen Lieblingslied (irgend ein russischer Popsong) ständig den Faden, ein Homosexueller sang Sinatras „My Way“ und ein kahlrasierter Löke entpuppte sich als talentiertester Interpret. Außerdem torkelten die ersten irischen Fußballfans durch den Laden, die zwar kaum noch stehen konnten, aber natürlich bei „Wonderwall“ voller Inbrunst dabei waren.

Lettisches Lager in der Funny Fox Bar

Nach ein paar Runden wechselten wir jedoch in den Pub „Paddy Whelan’s“ schräg gegenüber. Dort war ab 23 Uhr bis Ladenschluss (1 Uhr) „Happy Hour“. Das bedeutete 33% Rabatt auf alle gezapften Getränke. So ca. 3€ bis 3,30€ für ein Pint waren für Rigaer Verhältnisse anscheinend ein Schnäppchen. Zumindest im Zentrum. Ich gehe davon aus, dass die Trinkhallen der Plattenbausiedlungen am Stadtrand den Halben für deutlich weniger ausschenken. Nach der „Last Order“ ging es schließlich bettwärts. Man muss es ja nicht gleich am ersten Abend übertreiben.

Morning Tea

Am nächsten Morgen waren wir bereits um 9 Uhr startklar für die Erkundung jener Stadt, die gestern schon „im Vorbeigehen“ mächtig Lust auf mehr gemacht hatte. Doch ehe wir uns ausgiebig auf den Spuren der Liven / Letten, Deutsch-Balten, Schweden, Russen u.v.m. bewegten, musste noch ein kleines Frühstück her. Zumindest für Omelette-Ole, während Milano nur einen Americano konsumierte und ich ein Kännchen Tee für ausreichend zum Start in den Tag hielt. Bei den touriorientierten Preisen im erstbesten Café namens „Golden Coffee“ (an der Petrikirche gelegen, deren 120m hohen Turm man übrigens gegen stolze 9€ Gebühr besteigen kann), war ich auch ganz froh noch keinen wirklichen Appetit zu haben.

Mittelalterliche Gasse in Vecriga

Nach der kleinen Stärkung waren die Beine und Gehirne mutmaßlich leistungsfähig genug für die angedachte Zeitreise. Denn hier in der Altstadt (lettisch: Vecrīga) nahm die Rigaer Stadtgeschichte logischerweise ihren Ausgang. Nachdem u.a. skandinavische und deutsche Kaufleute im Mittelalter regelmäßig zum Treiben von Handel an die Ostseemündung der Daugava (deutsch: Düna) kamen, gründete der aus Bremen stammende livländische Bischof Albert im Jahre 1201 die Stadt Riga. Im Rahmen der deutschen Ostkolonisation und zeitgleichen christlichen Missionierung des Baltikums war Albert wenige Jahre zuvor mit einem Pilgerheer nach Livland gekommen. Mit päpstlichem Segen sollten sie die Letten bzw. Liven missionieren. Wenn dabei die Worte der Missionare nicht überzeugend genug waren, kam das Schwert zum Einsatz. Passte schon ganz gut, dass sich der von Albert gegründete christliche Orden den Namen Schwertbrüderorden gab.

Rekonstruierte mittelalterliche Stadtmauer

Die Stadt Riga wuchs derweil rasant, wurde schon 1255 zum Erzbistum erhoben und kurz zuvor war mit dem Dom zu Riga (siehe Titelbild) die Kathedrale des Bistums bzw. Erzbistums geweiht worden (mutmaßlich 1226). Nachdem sich Riga 1282 der Hanse angeschlossen hatte, prosperierte der Handel noch mehr und die deutschen Kaufleute der Stadt wurden reich und mächtig. Davon zeugen noch heute die Gildehäuser der Altstadt und mit dem Schwarzhäupterhaus (1941 im Zweiten Weltkrieg zerstört) wurde das Herausragendste zwischen 1993 und 1999 wieder aufwendig rekonstruiert.

Das Schwarzhäupterhaus (ursprünglich von 1334)

Im Spätmittelalter kamen Riga und Livland unter die Kontrolle des Deutschen Ordens (in jenem auch der Schwertbrüderorden aufging), doch die Reformation setzte der römisch-katholischen Herrlichkeit im 16.Jahrhundert ein Ende. In den folgenden Wirren der Frühen Neuzeit versuchten mehrere Königreiche Riga (und Livland) unter ihre Kontrolle zu bringen. Da Rigas angestrebter Status als Freie Reichsstadt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation keinen ausreichenden Schutz vor den Expansionsbestrebungen der Schweden, Russen und des Königreiches Polen-Litauen brachte, arrangierte man sich mit Letzteren. Polen-Litauen übte nun von 1581 bis 1621 die Herrschaft über Riga aus und versuchte als katholisches Königreich die Gegenreformation durchzusetzen.

Das Schwedentor von 1698

Da kam den vorwiegend reformierten Rigaern der Dreißigjährige Krieg und der Einfall der Schweden im Baltikum nicht ungelegen. Innerhalb des Schwedischen Königreiches war Riga nun nach Stockholm die zweitgrößte Stadt und bekam viele Privilegien. Dabei mussten sich die Schweden und Rigaer fortan den russischen Expansionsbestrebungen im Ostseeraum erwehren und die Stadt bekam eine neue und massive Befestigung. Erst der Große Nordische Krieg im frühen 18.Jahrhundert führte zum Machtwechsel von Schweden zu Russland. Ab dem 4.Juli 1710 war Riga russisch besetzt und 1721 fiel es im Frieden von Nystad dauerhaft an das Zarenreich.

Der Pulverturm der Rigaer Stadtbefestigung

Doch auch die Russen arrangierten sich mit der deutsch-baltischen Oberschicht der Stadt und Deutsch blieb bis 1891 die erste Amtssprache. Durch den Zustrom von Neubürgern aus dem lettisch geprägten Umland und aus Russland, sank der Anteil der deutschsprachigen Bevölkerung während der Industrialisierung jedoch von rund 50% um 1800 auf 13% in der letzten Volkszählung vor dem 1.Weltkrieg (1913). Insgesamt war die Stadt während der ersten russischen Herrschaft also multiethnisch geprägt und neben Deutschen, Letten und Russen gab es noch größere Gruppen von Juden, Polen, Litauern und Esten in Riga.

Russisch-Orthodoxe Christi-Geburt-Kathedrale

Der 1.Weltkrieg führte zur deutschen Besatzung Rigas im Jahre 1917 und nach dem Krieg wurde am 18.November 1918 die unabhängige Republik Lettland ausgerufen. Es folgte ein unübersichtlicher Bürgerkrieg mit der Beteiligung von im Wesentlichen drei Parteien. Das waren zum einen Invasoren der jüngst entstandenen Sowjetunion (Rotarmisten), die zusammen mit lettischen Kommunisten für die bolschewistische Revolution in Lettland sorgen wollten. Sie wurden von deutschen Freikorps und russischen Weißarmisten bekämpft. Als dritte Partei gab es außerdem jene Letten, die sich zur Republik Lettland bekannten. Letztere setzten sich am Ende gegen die Freikorps und die Weißarmisten durch und schlossen 1920 Frieden mit dem verbliebenen Kriegsgegner Sowjetunion (der wiederum Ressourcen im russischen Mutterland gegen die Weiße Armee brauchte).

Das 1935 vollendete Freiheitsdenkmal

Im 1939 beginnenden Zweiten Weltkrieg geriet der junge lettische Staat zwischen die Fronten der Großmächte Deutsches Reich und Sowjetunion. Die zunächst verbündeten Diktoren Hitler und Stalin ordneten das Baltikum der sowjetischen Einflusssphäre zu und 1940 marschierte die Rote Armee in Riga ein. Die Deutsch-Balten wurden laut deutsch-sowjetischer Übereinkunft in an das Deutsche Reich annektiertes polnisches Gebiet umgesiedelt und sollten dort das so genannte Warthegau als Lebensraum im Osten germanisieren. Da die Nazis jedoch schon im Sommer 1941 mit ihrem Kriegsverbündeten brachen und die Sowjetunion überfielen, kam die Stadt alsbald unter deutsche Besatzung. Das wiederum führte zur fast vollständigen Auslöschung des jüdischen Lebens in Riga.

Nachkriegsbebauung im Stadtzentrum

Als sich das Kriegsglück zu Ungunsten der Deutschen wendete, kamen die Sowjets zurück und Stalin gliederte Lettland als Lettische Sozialistische Sowjetrepublik in sein Reich ein. Die bereits in den Jahren 1940 und 1941 von den Sowjets begonnenen Deportationen der lettischen geistigen, politischen und wirtschaftlichen Elite wurden fortgeführt. Gleichwohl wurden zahlreiche russische Bürger nach Riga umgesiedelt, so dass die Stadt schon bald zu etwa gleichen Teilen von Russen und Letten bewohnt war. Dieser Zustand hält prinzipiell bis heute an. Bei der Volkszählung 2017 gaben 44% der Bürger an Letten zu sein und 38% bekannten sich zur russischen Ethnie. Dazu kommen als größere zugewanderte Minderheiten aus der Sowjetzeit noch jeweils 3,5% Ukrainer und 3,5% Weißrussen im heutigen Riga.

Die Akademie der Wissenschaften von 1961, ein „Stalinstachel“ im Stadtbild

Als man Teil der Sowjetunion war, galt jahrzehntelang die von oben diktierte Brüderlichkeit zwischen den Völkern (sowie ein ungeschriebenes russisches Primat in der Vielvölkerunion) und staatliche Repression sorgte dafür, dass die Letten nicht gegen die Russifizierung ihres Landes opponieren konnten. In den späten 1980ern, als Glasnost und Perestroika Einzug in der Sowjetunion hielten, begann jedoch die „Singende Revolution“ im Baltikum. Letten, Esten und Litauer sangen patriotische Lieder, die eigentlich in der Sowjetunion verboten waren, doch nun nicht mehr strafverfolgt wurden. Dabei wurde sich auf dem Höhepunkt zu Zehntausenden in Stadien oder Parks zum kollektiven Singen getroffen und sogar eine 600km lange Menschenkette von Tallinn über Riga nach Vilnius initiiert.

Seit 1985 ist Bremen Partnerstadt. Diese Plastik ist ein Geschenk der deutschen Freunde an Riga.

1991 erlangten Lettland und seine beiden baltischen Nachbarstaaten ihre Unabhängigkeit und alle drei Länder standen vor großen Herausforderungen. Auf- und Ausbau der staatlichen Strukturen, Transformation zu Marktwirtschaft und Demokratie, selbstständige Außen- und Verteidigungspolitik, sowie die Integration aller Volksgruppen unter einem neuen Dach, kann man an dieser Stelle exemplarisch nennen. Gerade das Thema der ethnischen Diversität beschäftigt Lettland auch noch drei Jahrzehnte später. Bis heute gibt es Spannungen zwischen den Letten und den großen slawischen Minderheiten, allen voran den Russen. Per se lettischer Staatsbürger wurde nach der Unabhängigkeit nur wessen Familie bereits vor 1940 in Lettland gelebt hatte, was das Gros der Russen, Ukrainer, Weißrussen etc. erst einmal ausklammerte.

Die ehemalige Zentrale des KGB

Einzige Amtssprache ist seit der Unabhängigkeit Lettisch, was kaum einer der zugewanderten Slawen bis dahin beherrschte. Ohne ausreichende Lettischkenntnisse gab und gibt es jedoch keine lettische Staatsbürgerschaft und ohne Staatsbürgerschaft ist kein Staatsdienst und keine Teilnahme an Wahlen möglich. Immerhin gewährt Lettland seinen Minderheiten ansonsten fast alle Rechte der lettischen Staatsbürger. Noch rund 12% der Einwohner Lettlands sind so genannte Nichtbürger. Das dürfte mittlerweile ein eiserner Rest sein, der aus Altersgründen, aus Protest gegen die Lettifizierung Lettlands oder als bewusstes Bekenntnis zu einer anderen Nationalität (i.d.R. der Russischen) auf den Erwerb der lettischen Staatsbürgerschaft verzichtet.

Moderne Architektur an der Daugava

Im Zuge der gegenwärtigen russischen Außenpolitik, mit u.a. der Krim-Annexion und der Unterstützung russischer Seperatisten in der Ostukraine, sowie durch die erhöhte russische Militärpräsenz an den Grenzen zu den baltischen Staaten (die mittlerweile alle EU- und NATO-Mitglieder sind), ist das Verhätnis zwischen ethnischen Letten und den ca. 25% ethnischen Russen in Lettland (davon ungefahr 60% mittlerweile lettische Staatsbürger) nicht einfacher geworden. Zumal Russlands Militärdoktrin vorsieht auch alle Russen außerhalb der Grenzen Russlands zu schützen. Durch eine offensive Einbürgerungspolitik im Kaukasus (vgl. mein Reisebericht aus Georgien) und in der Ostukraine hat Russland in den letzten Jahren deutlich an ausländischen Staatsbürgern zugenommen (dass ein Staat massenhaft außerhalb seiner eigenen Grenzen einbürgert und Pässe verteilt, scheint mir ziemlich beispiellos). Begönne man nun diese Form der Außenpolitik auch auf das Baltikum auszuweiten, könnte man die Spannungen zwischen Letten und Russen in Lettland (oder den anderen baltischen Staaten) weiter anfachen und außerdem später einen Vorwand für eine militärische Operation im Baltikum haben (Stichwort: Schutz von Leib und Leben russischer Staatsbürger im Ausland).

Inside Café Leningrad

Nach unserem historischen Streifzug durch rund 800 Jahre Rigaer Stadtgeschichte, war es an der Zeit für ein Mittagessen und gegen 14 Uhr kehrten wir in der Neustadt (lettische Viertelbezeichnung: Centrs) ins „Café Leningrad“ ein. Hier wird die Zeit der sowjetischen Annexion kommerziell kultiviert. Man speist auf Möbeln aus der Sowjetzeit, an den Wänden findet man alte Propagandaplakate und in den Regalen steht allerhand Nippes aus den Jahren 1945 bis 1990. Musikalisch tobt hier abends allerdings eher der Punk und weder Personal, noch Stammpublikum wirkten wie Ewiggestrige.

Schweinegulasch

Wir gönnten uns alle den preiswerten Mittagstisch für 6€. Es gab eine Mexikosuppe vorweg, die quasi Chili con Carne in Suppenform darstellte, und zum Hauptgang gutes Gulasch mit Salzkartoffel- und Salatbegleitung. Zumindest Milano Pete konnte ich noch überzeugen, dass dem deftigen Essen ein Digestif folgen muss. Wir probierten die lokale Spezialität „Rīgas Melnais balzams“ (Rigaer Schwarzer Balsam). Ein Magenbitter, der die Bezeichnung Bitter wirklich verdient.

Prächtiger Jugendstil in der Rigaer Neustadt

Danach erkundeten wir die Neustadt intensiv. Denn das Viertel Centrs ist ein wunderschönes Jugendstilquartier. Hier findet der Besucher tolle Boulevards, umsäumt von prächtigen Häusern. Riga hat weltweit die höchste Konzentration an Jugendstilgebäuden, welche alle im späten 19. und frühen 20.Jahrhundert entstanden. Zu der Zeit, als die Stadt, wie bereits erwähnt, massiv wuchs und auch die erste große Migrationswelle aus Russland begann.

Die Kuppel der Christi-Geburt-Kathedrale

So wundert es auch kaum, dass in diesem Viertel einige russisch-orthodoxe Kirchen zu finden sind. Allen voran ist da natürlich die Christi-Geburt-Kathedrale zu nennen, die nicht nur von außen (siehe Bild weiter oben), sondern auch von innen einen Top-Eindruck macht. Sie wurde von 1876 bis 1883 im neobyzantinischen Stil errichtet und ist die größte orthodoxe Kirche des Baltikums. Während der sowjetischen Okkupation wurde das Gotteshaus 1963 in ein Planetarium umgewandelt, doch 1992, kurz nach Erlangung der lettischen Unabhängigkeit, wurde sie erneut als Kathedrale geweiht und umfangreich saniert.

Die Ikonostase der Christi-Geburt-Kathedrale

Nach dem Streifzug durch das Jugenstilviertel, dessen Bausubstanz seit 1991 umfangreich saniert wurde, ging es zu den Rigaer Markthallen. Auch ein absolutes Muss für jeden Touristen. Der Rigaer Zentralmarkt wurde nach dem Ersten Weltkrieg aus ehemaligen Luftschiffhallen gebaut und 1930 feierlich eröffnet. Mit einer Gesamtfläche von 72.300m² gilt er als der größte Lebensmittelmarkt Europas. Es gibt Hallen für Fisch, Fleisch, Obst & Gemüse, Milcherzeugnisse und eine Halle fungiert als große Garküche.

Rigas Börse

Die etlichen Imbissstände dieses „Indoor Food Courts“ locken die Touris natürlich besonders und es gibt hippe Burgerbrater, Ramenkocher, Steakbrutzler, Fischgriller, Hühnchenfrittierer, Asia-Imbisse, eine Suppenküche, Bars und vieles mehr. Da Ole schon wieder Hunger hatte, gönnte er sich einen saftigen Burger für 6€, während Milano und ich mit frisch gezapftem Lagerbier zufrieden waren (4€ pro Pint).

Rigas Zentralmarkt

Nach dem bunten Markttreiben, schlenderten wir noch ein bißchen über das Außengelände des Marktareals. Das ist auch zugleich eine Binnenhafengegend und wir hatten die Hoffnung ’ne günstige Hafenbar zu finden. Eine Kellerkantine in einem Backsteinkontor lockte schließlich mit Bier für 2,50€. Letzlich kostete der Halbe in einem seit den 1970er Jahren mutmaßlich unveränderten Ambiente doch 2,95€, aber egal, diese erneute Zeitreise in die UdSSR – diesmal nicht aufgesetzt – war jeden Cent wert.

Kantinenbier

Außerdem erfreuten uns sehr zwielichtige Gopniks am Nachbartisch, die einen großen Stapel Euronoten zählten und untereinander aufteilten. Wie klassische Marktstandbetreiber, die hier ihre Tageseinnahmen erfassten, sahen die Brüder nicht aus. Eher wie die Gesellen, die uns wenig später in der Unterführung von der Markthalle zum Hauptbahnhof über den Weg liefen und dort kleine Päckchen gegen große Scheine tauschten.

Nochmal Jugendstil in Rigas Neustadt

Gegen 18:30 Uhr brachen wir nämlich Richtung 2,5km entferntes Skonto-Stadion auf und mussten dafür erst den Bahnhof und dann nochmal den Bezirk Centrs durchqueren. Für Abwechslung sorgte eine neue Route durch weitere Jugendstil-Straßen und eine Bierpause auf halber Strecke. Mangels richtiger Pinten musste dafür die „Pizzeria LuLü“ herhalten. Na ja, das gereichte Mezpils aus der Flasche à 3,95€ schmeckte auch.

Letzte Stärkung vorm Spiel

Um 19:15 Uhr wurde das letzte Teilstück von 1,3km zum Stadion in Angriff genommen und eine gute Viertelstunde vor Anpfiff waren wir am Spielort. In Anbetracht des heutigen Zuschauerandrangs deutlich zu spät. Aber das konnte ja keiner ahnen. Zu allem Überfluss hatte Kassenhäuschen und Stadioneingang auch noch zwei separate Schlangen. Zum Glück konnten wir uns aufteilen, so dass Ole die Karten à 10€ besorgte und Pete und ich uns schon mal am Einlass anstellten. Kurz vor’m Drehkreuz kam unser Kollege schließlich mit den Tickets rüber. Top-Timing!

Haupttribüne des Skonto-Stadions

Gut, in Sachen Anpfiff (19:45 Uhr) war es natürlich kein Top-Timing von uns und die ersten 10 Spielminuten hatten wir verpasst. Allerdings ist uns anscheinend nichts Besonderes im Stadion entgangen. Es stand noch 0:0 und das Hinspiel war ebenfalls torlos geblieben. So tasteten sich die Meister Lettlands und Irlands auch heute erstmal ab und waren mehr auf die Defensive, denn auf die Offensive bedacht. Gott sei Dank gab es Vollbier, womit wir unseren Pegel ausbauen konnten.

Vollbier

Den Riga FC gibt es übrigens erst seit 2014 (Vereinsregistereintragung) und 2015 nahm man als Fusionsprodukt der Clubs FC Caramba Riga und Dinamo Riga den Spielbetrieb in der 2.Liga auf (mittels der Lizenz von Caramba). Es gelang prompt der Aufstieg in die 1.Liga und letztes Jahr gewann man sowohl erstmals den lettischen Pokal, als auch erstmals die lettische Meisterschaft. Der Erfolgstrainer hieß damals Viktor Skripnik (quasi noch eine Bremen-Riga-Connection). Er verließ den Club jedoch im Frühjahr in Richtung ukrainische Heimat und übernahm dort das Traineramt beim Europa-League-Qualifikanten Sorja Luhansk.

Klassisches Smarties-Stadion

Der RFC ist aktuell wieder Tabellenführer und stieß sportlich quasi in die Lücke, die der 2016 bankrott gegangene und aufgelöste lettische Rekordmeister Skonto Riga hinterließ. Auch erbte man deren modernes Stadion mit rund 9.600 Plätzen (wovon heute angeblich über 6.000 besetzt waren). Eine direkte Verknüpfung von Skonto und dem Riga FC scheint es aber nicht zu geben, wenn auch der Riga FC über potente Geldgeber verfügen muss (für die Verhältnisse des lettischen Fußballs). Stattdessen ist Skontos sportliches Erbe zum RTU FC (dem Fußballclub der Technischen Universität Riga) gewandert und als RTU FC / Skonto Academy spielt man derzeit zweitklassig.

Dundalks Anhang

Der Dundalk FC führt als irischer Meister von 2018 zur Zeit auch wieder die heimische 1.Liga an (in Irland läuft die Saison ebenfalls von Frühjahr bis Herbst) und verfügt über wesentlich mehr Tradition als der heutige Gegner. Der Club wurde 1903 gegründet, spielt seit 1926 ununterbrochen erstklassig und und gewann bereits 13 Meistertitel. Rund 200 Fans hatten ihr Team nach Lettland begleitet und waren halbwegs sangesfreudig.

Die Kutten von Riga

Auch der Riga FC hatte eine „Singing Area“ mit motivierten Fans. Geht ja manchmal schnell mit der Fanszene, wenn der Erfolg stimmt. Weltbewegendes bot aber erwartungsgemäß keines der beiden Fanlager. Passte prima zum Gekicke der Teams. Ein Spiel, welches torlos in die Pause ging und bisher auch nichts anderes als ein 0:0 verdient hatte. Aber es roch immerhin verdächtig nach Knoblauch auf den Rängen und tatsächlich wurde im Stadionkasino die baltische Spezialität Knoblauchbrot veräußert. Also extra noch bis in die 2.Halbzeit hinein angestanden, um dann zu erfahren, dass das die perfekte Waffe gegen glutenunverträgliche Vampire ausverkauft ist. Dabei hatten kurz zuvor noch zwei Typen je einen Becher davon an mir vorbeigetragen. Muss ein knappes Ding gewesen sein.

Riga versucht’s mal über die Außen

Immerhin gab es noch ausreichend Bier und mit 3€ für 0,5l wirkte das auch ziemlich preiswert. Wahrscheinlich ein Mittelwert zwischen den geschätzt üblichen 2€ abseits der Touripfade und den 4€ in der Altstadt. Beim Pivo pokulieren blieb der Grottenkick erträglich und ich meine sogar, dass die Iren in der 2.Halbzeit den Druck erhöhten und einige Chancen hatten, die allerdings kläglich vergeben wurden. Kann aber auch alkoholbedingte Einbildung gewesen sein.

Das Maskottchen versucht das Publikum für die Verlängerung zu motivieren

Letztlich stand es auch nach 90 und 120 Minuten 0:0 und das Elfmeterschießen musste unweigerlich für eine Entscheidung sorgen. Nachdem die ersten sechs Schützen souverän verwandelten, wurden die Elfmeter 7 bis 10 allesamt vergeben. Somit stand es nach je 5 Versuchen 3:3 und nachdem Nr. 11 und 12 wieder saßen, leistete sich Rigas Armands Petersons anschließend einen Fehlschuss. Dundalks nächster Schütze Sean Hoare bewahrte nun kühlen Kopf und schoss sein Team in die 3.Runde. Glückwunsch an den Dundalk FC und Glückwunsch auch an ihren kommenden Gegner. So wie die Iren heute kickten, müssten sie eine Art Freilos für jede ambitionierte Mannschaft sein.

Willkommen bei Autentika

Nach dem Spiel wollten wir uns in Stadionnähe ein Lokal zum Essen und Trinken suchen und landeten auf einem alten Fabrikgelände. Dies ist nun die Heimat des „Autentika“. Kneipe, Bistro, Biergarten, Club, Veranstaltungzentrum und vielleicht noch mehr scheint dieser Ort zu sein. Erinnerte mich an das Kulturzentrum Faust in Hannover und gefiel uns allen sehr gut. Leider hatte die Küche bereits um 22 Uhr, also vor einer guten halben Stunde, ihre Pforten geschlossen. Deshalb ließen wir uns hier lediglich lettischen Cider schmecken (4€ pro Pint), bevor wir gegen 23 Uhr wieder in Richtung Unterkunft aufbrachen.

Cider bei Autentika

Der Magen knurrte allerdings immer noch. Gottlob lag die Pizzeria von vor dem Spiel auf halber Strecke zum Apartment. Die hatte 24h geöffnet und aufgrund unserer nicht vorhandenen Lettischkenntnisse spielten wir „Mystery Pizza“ anstatt das Personal zu nerven. Man konnte immerhin erahnen, dass die „Burgerpica“ (30cm für 11,49€) ähnliche Zutaten wie ein Cheeseburger haben dürfte und die „Rembo“ (30cm für 12,49€) in Richtung Mexican Barbecue gehen würde. So kam es dann auch und jeder bekam von den beiden Pizzen je ein Drittel. Für’s Gewissen wurde übrigens 100%-Vollkornteig gewählt. Den gab es erfreulicherweise ohne Aufpreis.

Nächtlicher Pizzasnack

Mit aufgeblähten Bäuchen ging es im Anschluss zur Bettruhe und am nächsten Morgen gegen 7:30 Uhr aus den Federn, um nach der üblichen Körperpflege noch schnell den Wohnungsschlüssel zurück in seinen Safe zu bringen. 9 Uhr war Abfahrt nach Vilnius, aber das ist dann schon wieder ein anderes Kapitel.