Poznań (Posen) 10/2019

05.10.2019
KKS Lech Poznań – Wisła Kraków 4:0
Ekstraklasa (I)
Stadion Miejski Poznań (Att: 15.089)

Ende 2018, bei der Urlaubsplanung für das neue Jahr, konnte ich mir von den begehrten Brückentagen den 4.Oktober 2019 sichern (und für den 7.Oktober nahm ich auch gleich mal sicherheitshalber Urlaub). Als die UEFA im Rahmenterminkalender für den 3.Oktober einen EL-Spieltag ansetzte, träumte ich von fantastischen Auslandsoptionen, doch nach der Auslosung war außer Malmö FF versus FC København kein Spiel an dem Tag besonders verlockend. Da in Malmö allerdings eine kritische Kartensituation drohte, hakte ich die Idee schnell wieder ab. Ich hätte nun gern die ins Wasser gefallene Moldawienreise nachgeholt, aber ein Teil der damaligen Reisegruppe weilte Anfang Oktober bereits auf Kreta. Dem kretischen Abenteuer für fünf Tage beizuwohnen, scheiterte für mich jedoch an horrenden Flugpreisen für Kurzentschlossene.

Bock auf Posen

Na ja, Polen ist bekanntlich immer eine gute Option und ich hatte sowieso noch ausreichend polnische Devisen daheim (plus die freundlich überlassene Restsumme aus meiner Mutters jüngsten Urlaubsreise nach Kołobrzeg). Außerdem sollte Lech Poznań am 5.Oktober Wisła Kraków im Rahmen der Ekstraklasa empfangen. Dementsprechend habe ich relativ kurzfristig eine Fahrkarte Hannover-Poznań-Hannover für 44,30€ erworben (eigentlich 69,30€, aber mit Verspätungsgutscheinen wurde der aufgerufene Fahrpreis nochmal um 25€ gedrückt) und Ausschau nach weiteren interessanten Spielen gehalten. Neben Lech – Wisła, versprach ich mir noch etwas von Elana Toruń – Widzew Łódź und Olimpia Grudziądz – Stomil Olsztyn, die beide am Sonntag den 6.Oktober stattfinden sollten.

Gesunder Start in den Tag

Am Samstagmorgen startete die Tour um 6:31 Uhr in Hannover und dort hab ich sogleich festgestellt, dass die hannoversche Ultràszene fast zeitgleich vom benachbarten Gleis gen Dresden aufbrach. Auch ein schönes Ziel (ich war bekanntlich erst im September wieder ein Wochenende dort, jedoch leider ohne Fußballbesuch). Mit einem Umstieg in Berlin war Poznań (Posen) gegen 12:30 Uhr erreicht. Schnell das Gepäck am Bahnhof eingeschlossen und meine im Vorfeld ausgearbeitete Touri-Runde, die sich an der offiziellen „Route der Könige und Kaiser“ orientierte, begonnen. Weil beim letzten Stadtbesuch die historische Spurensuche und deren Aufbereitung etwas kurz kam, musste heute einiges nachgeholt werden. Meine Tour begann am modernen Hauptbahnhof (2012 wiedereröffnet) bzw. am 1910 fertiggestellten Residenzschloss des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. und endete bei der Kirche des Heiligen Johannes von Jerusalem Extra Mauros (11.Jahrhundert). Damit war sie fast in umgekehrter Reihenfolge zur Stadtgeschichte gestaltet, doch textlich gehe ich jetzt natürlich chronologisch vor.

Eine Darstellung von Jordanes im Dom

Die erste urkundliche Erwähnung von Poznań (Posen) stammt aus dem Jahre 968. Denn damals wurde das Bistum Posen als erstes polnisches Bistum gegründet. Polens erster verbriefter Herrscher, der polanische Fürst Mieszko I., ließ sich kurz zuvor christlich taufen (je nach Quelle zwischen 960 und 966). Durch das Bekenntnis zum Christentum konnte Mieszko in ein Bündnis mit dem römisch-deutschen Kaiser Otto I. treten und außerdem die Tochter des böhmischen Herrschers Boleslav I. ehelichen. Somit waren die frühesten polnischen Grenzen vorerst nach Westen und Süden abgesichert. Im Gefolge der böhmischen Prinzessin Dubrawka kam derweil auch Jordanes, der erste Bischof von Posen und somit auch Polens, in Mieszkos Herrschaftsgebiet.

Der Dom zu Poznan (Posen)

968 wurde wahrscheinlich der Vorgängerbau des hiesigen Doms geweiht, doch schon am Ende des 10.Jahrhunderts verlor das Bistum Posen wieder etwas an Bedeutung. Bolesław I. Chrobry („Boleslaus der Tapfere“), Sohn von Mieszko und Dubrawka, hatte die Gebeine des christlichen Märtyrers Adalbert von Prag (in Polen heisst er Wojciech) kurz vor der Jahrtausendwende nach Gniezno (Gnesen) überführt und jene Stadt dadurch zum ersten polnischen Wallfahrtsort gemacht. Es folgte spätestens im Jahr 1000 die Erhebung von Gniezno zum Erzbistum, dem Posen entsprechend untergeordnet wurde. Wie schon der Vater, pflegte auch Bolesław I. gute Beziehungen zum römisch-deutschen Kaiser (nun Otto III.). Otto III. unternahm anno 1000 eine Wallfahrt nach Gniezno und dabei kam es zum „Akt von Gnesen“, bei dem Bolesław zumindest in der polnischen Geschichtsschreibung die Königswürde vom Kaiser verliehen bekam. Außerdem erhielt Otto einen Arm von Adalbert als Geschenk und revanchierte sich durch die Verlobung einer seiner Nichten (Richeza) mit Bolesław.

Kirche des Heiligen Johannes von Jerusalem Extra Mauros (Polens mutmaßlich ältester Backsteinkirchenbau)

Doch zurück in die Stadtgeschichte von Poznań, denn trotz Gnieznos Aufstieg zum kirchlichen und weltlichen Machtzentrum und der späteren Verlegung der Hauptstadt nach Kraków (Krakau), blieb Poznań weiterhin eine wichtiger Handelsplatz und eine der Residenzen des Königs. Auch fungiete der hiesige Dom noch lange als Grablege der polnischen Herrscher (die Königsgräber kann man in der Domkrypta besuchen, was ich mir natürlich nicht vorenthielt). Mieszkos Leichnam bekam nicht nur Gesellschaft von der Überresten seines Sohnes Bolesław († 1025), sondern von einigen weiteren Nachfahren.

Das teilrekonstruierte Königsschloss

Der letzte in Poznań beigesetzte polnische Herrscher ist dann Przemysł II. († 1296). Unter dessen Vater Przemysł I. kamen 1253 übrigens angeworbene deutsche Kolonisten nach Poznań und gründeten am westlichen Ufer der Warta (Warthe) eine Stadt nach Magdeburger Recht (die Dominsel, als Keimzelle der Stadt, liegt dagegen am Ostufer). Diese deutsche Kolonie ist die heutige Altstadt von Poznań. Unter Przemysł I. und II. wurde außerdem das Königsschloss (Zamek Królewski w Poznaniu) am Altstadtrand auf einem Hügel gebaut. Dieses wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrfach zerstört (letztmalig im Zweiten Weltkrieg), jedoch in den vergangenen Jahren teilrekonstruiert.

Rathaus und Kaufmannshäuser mit Laubengängen

An der Kreuzung wichtiger Handelswege gelegen, war Poznań außerdem im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit eine sehr reiche Stadt. Davon kündet vor allem noch der Alte Markt (Stary Rynek) in der Altstadt (siehe auch Titelbild). Herausragend ist dabei natürlich das zwischen 1550 und 1555 vom italienischstämmigen Baumeister Giovanni Battista di Quadro umgestaltete Rathaus. Es ist zweifelsohne eines der bedeutensten Renaissancebauwerke nördlich der Alpen. Ebenso sind die zahlreichen Brunnen und die ganzen farbenfrohen Patrizierhäuser ein Blickfang für den Besucher. Die Stilepochen reichen dabei auf Polens drittgrößtem Marktplatz (nach Krakòw und Wrocław) von der Gotik bis zum Klassizismus (größtenteils jedoch Rekonstruktionen aufgrund der Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg).

Die Rathausfassade

In die Frühe Neuzeit fällt auch die Gründung der zweitältesten polnischen Universität (1518) und des Jesuitenkollegs (1571). Letztere Hochschule bekam zwischen 1701 und 1733 ihr barockes Erscheinungsbild vom italienischstämmigen Architekten Giovanni Catenazzi (wie schon di Quadro ein im Tessin geborener Italiener). Der Jesuitenorden, und damit auch das Jesuitenkolleg, wurde zwar 1773 vom Papst aufgelöst, allerdings überstand der Gebäudekomplex die kommenden Kriege relativ schadlos und gehört zu den Pflichtsehenswürdigkeiten der Stadt. Die Barockkirche „Bazylika Matki Boskiej Nieustającej Pomocy i św. Marii Magdaleny“ (Basilika der Mutter Gottes von der immerwährenden Hilfe und der heiligen Maria Magdalena) gehört auch zum entsprechenden Ensemble und ist innen wie außen einen Blick wert.

Basilika der Mutter Gottes von der immerwährenden Hilfe und der heiligen Maria Magdalena

Kriege suchten die Stadt so einige heim. Neben Seuchen und Feuersbrünsten immer wieder ein Hemmnis für die Stadtentwicklung. Unter anderem der Zweite Nordische (1655-1660) und der Dritte Nordische a.k.a der Große Nordische Krieg (1700-1721) ließen Poznań zum Kriegsschauplatz mit wechselnden Okkupanten werden. Nach dem Großen Nordischen Krieg wurden wieder zahlreiche Neusiedler für die dezimierte Stadt und das entvölkerte Umland angeworben. Diese kamen in mehreren Wellen aus Norddeutschland, Flandern und Franken (aus dem Raum Bamberg). Letztere sind als „Poznańskie Bambry“ (Posener Bamberger) durch ihre Nachfahren und ihre Traditionspflege (Trachten und Bräuche) bis heute präsent. Im Gegensatz zu anderen Deutschen in Poznań hatten sich die „Bambrzy“ früh nach ihrer Ankunft mit den polnischen Nachbarn assimiliert und sich außerdem während der deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg nicht zum deutschen Volk bzw. dem Besatzungsregime bekannt. Sie blieben zwischen 1939 und 1945 der polnischen Nation gegenüber loyal und deshalb wurden sie nach 1945 nicht wie die anderen deutschstämmigen Bürger Poznańs vertrieben.

Altarraum der Basilika

Deutschstämmige gab es außer den „Bambrzy“ etliche. Nicht nur, dass das Deutschtum spätestens seit dem 13.Jahrhundert in der Stadt präsent war, auch fiel Poznań im Jahre 1793 an Preußen (Zweite Polnische Teilung) und verblieb dort, respektive im Deutschen Reich, bis 1918 (abgesehen von 1807 bis 1815, als die Region wenige Jahre zum von Napoleon geschaffenen Herzogtum Warschau gehörte). Die Preußen vereinigten als erstes die beiden Städte links (die Altstadt) und rechts (die Domstadt) des Wartheufers und machten die fortan Posen genannte Stadt zur Hauptstadt der neuen Provinz Südpreußen. In den ersten 50 preußischen Jahren stieg der deutsche Bevölkerungsanteil nun von ungefähr 10% auf ca. 40%. Wobei solche Zahlen in den deutsch-polnischen Mischgebieten bis 1945 immer mit Vorsicht zu genießen sind. Fest steht aber, dass es ab 1815 eine Germanisierungspolitik gab, die sich mit der Zeit verstärkte und die zunächst gleichberechtigte polnische Sprache mehr und mehr aus dem Gemeinwesen verdrängt wurde.

Trachtenmädchen auf dem Marktplatz

Bis 1918 existierte wohl eine annähernde demographische Parität aus Deutschen und Polen in der Stadt (jeweils grob 40 bis 45%), während der Rest hauptsächlich Juden waren (ca. 15%), die man unabhängig ihrer Umgangssprache zu keiner der beiden Volksgruppen zählte. Die Mehrheit der Polen war dabei zweisprachig, während die Deutschen in der Regel dem Polnischen nur rudimentär mächtig waren. Hätte die Industrialisierung im 19.Jahrhundert nicht für einen enormen Bedarf an günstigen und somit vorwiegend polnischen Arbeitskräften in Städten wie Posen gesorgt, wäre es wahrscheinlich tatsächlich zu einer deutschen Bevölkerungsmehrheit in der Garnisons- und Provinzhauptstadt – mit ihrem großen öffentlichen Sektor – gekommen. Ein Posener Industriepionier, dessen Unternehmen für die Stadtgeschichte sehr bedeutend wurde, war beispielsweise der polnischstämmige Maschinenbauer Hipolit Cegielski. Seine Firmengründung „H. Cegielski“ (HCP) ist mir bei der Auseinandersetzung mit der jüngeren Stadtgeschichte noch mehrfach begegnet.

Hipolit Cegielski – ein Posener Industriepionier des 19.Jahrhunderts

Die Preußen bzw. Deutschen änderten unterdessen auch das Stadtbild maßgeblich. In der Gründerzeit entwickelten sich neue Wohnviertel (Arbeiter- wie auch Villenviertel) rund um die Altstadt. Denn die Bevölkerung stieg von 12.500 im Jahre 1793 auf über 150.000 anno 1910. Es entstanden außerdem im Stadtzentrum zahlreiche repräsentative Bauwerke wie das Kaiser-Friedrich-Museums (1904 eröffnet, heute Nationalmuseum), die Königliche Akademie (1910 fertiggestellt, heute Collegium Minus), das Posener Opernhaus (ebenfalls 1910 eröffnet) und das kaiserliche Residenzschloss. Jenes neoromanische Schloss (den mittelalterlichen Königspfalzen, wie z. B. Goslar, nachempfunden) wurde von 1905 bis 1910 gebaut und gilt als jüngstes und somit letztes Residenzschloss Europas. Da das Deutsche Kaiserreich zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) gehörte, sollte Wilhelm II. der erste und auch letzte Kaiser sein, der hier residierte.

Das heutige Collegium Minus

Im Jahre 1918 wurde – nach über 100 Jahren Abwesenheit von der Weltkarte – im Rahmen der europäischen Nachkriegsordnung wieder ein polnischer Staat geschaffen und die Provinz Posen ein Teil davon. Dafür sorgte auch der Posener bzw. Großpolnische Aufstand der polnischen Volksgruppe, der von Dezember 1918 bis Februar 1919 tobte. Die Abwanderung von ca. 90% der rund 60.000 bei Kriegsende hier lebenden Deutschen, aufgrund antideutscher Stimmung und schlechter Perspektiven, fiel demographisch nicht negativ ins Gewicht. Denn die nun offiziell Poznań heißende Stadt boomte in den Zwischenkriegsjahren wirtschaftlich gewaltig und zog polnische Arbeitssuchende in Massen an. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltriegs (1939) verdoppelte sich die Einwohnerzahl nahezu auf 275.000 (davon noch 6.000 sich als Deutsche definierende Bürger). Als Industrie-, Finanz- und Handelszentrum war Poznań in den 1920er und 1930er Jahren eine der reichsten Städte Polens. Die 1921 gegründete Handelsmesse machte Poznań außerdem zu einer internationalen Messestadt.

Die Historische Fakultät der hiesigen Universität hat jüngst diese Informationsstelen zur Zwischenkriegszeit installliert

Eine Zäsur war nun natürlich der deutsche Überfall auf Polen am 1.September 1939. Neun Tage später wurde Poznań von der deutschen Wehrmacht besetzt. Was einst die preußische Provinz Posen war, wurde in das Deutsche Reich eingegliedert und fortan Reichsgau Wartheland genannt. Wie bereits in meinen Berichten aus dem Baltikum erläutert, wurden Volksdeutsche aus den von Hitlers Bündnispartner Stalin annektierten baltischen Staaten ins Warthegau umgesiedelt, um das Gebiet zu germanisieren. Darüberhinaus nutzte den Deutschen der Industriestandort Poznań für ihre Kriegswirtschaft. „H. Cegielski“ (HCP) wurde als großer Maschinenbauer (bei Kriegsbeginn über 5.000 Mitarbeiter) von den Nazis an die „DWM“ (Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken) übertragen und produzierte fortan Rüstungsgüter. Die „DWM“ gehörte übrigens zum Firmenimperium eines gewissen Günther Quandt. Quandt gründete außerdem, vom NS-Regime gefördert, ein Werk der ebenfalls ihm gehörenden „AFA“ (Akkumulatoren-Fabrik AG) in Poznań. Die „AFA“ kennen wir heute nur noch als „VARTA“, was auffällig nach dem durch Poznań fließenden Fluss Warta (Warthe) klingt (und auch dessen lateinische Bezeichnung ist), aber ein Akronym für Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren darstellt und bereits seit 1904 von der „AFA“ genutzt wurde. Da denkst du an einem regnerischen Tag in Poznań „Heureka, deshalb heisst der bekannte Batterienhersteller VARTA!“, musst aber bei der Nachbereitung deiner kleinen Studienreise feststellen, dass deine naheliegende Vermutung doch nicht haltbar ist.

Denkmal für gefallene polnische Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Doch nochmal zurück zu Günther Quandt und seinem Firmenkonglomerat in der NS-Zeit; seine Ex-Frau Magda hieß mittlerweile Goebbels und verschaffte ihrem vormaligen Gatten, trotz Scheidung, gute Kontakte zur Nazi-Elite (wenngleich Günther Quandt schon vor der Eheschließung von Magda und Joseph Goebbels ein bedeutender Industrieller und opportunistischer Hitler-Förderer war). Aber vielleicht dachte sie bei ihrer Fürsprache auch zuvorderst an ihren mit Günther Quandt gemeinsamen Sohn Harald. Der profitierte nach dem Krieg in der Tat (wie alle Quandt-Erben) vom in der Nazi-Zeit exorbitant gewachsenen Familienimperium (u. a. wurde Harald Quandt nach dem Krieg Aufsichtsratsvorsitzender der „VARTA AG“ und erbte nach seines Vaters Tod 1954 die Hälfte des Familienvermögens), während die fanatische Hitler-Anhimmlerin Magda Goebbels ihre Kinder aus zweiter Ehe bekanntermaßen allesamt kurz vor Kriegsende im Führerbunker tötete.

Das Kaiserschloss von 1910 sollte in den 1940er Jahren zur Führerresidenz Hitlers umgebaut werden

In den Kriegsjahren wurde nicht nur die Arbeitskraft von Poznańs polnischer und jüdischer Bevölkerung ausgebeutet, sondern die Menschen waren natürlich auch dem systematischen Terror des Nazi-Regimes ausgesetzt. Führende nichtdeutsche Köpfe des geistigen, politischen und wirtschaftlichen Lebens der Stadt wurden beseitigt. Die meisten kamen in das KZ-ähnliche Gefangenenlager „Fort VII“, in dem circa 20.000 Insassen bis 1945 ihr Leben ließen. Ansonsten wurde die vor Ort für die eigenen Zwecke nicht benötigte polnische Bevölkerung vertrieben oder zur Zwangsarbeit in andere Reichsteile deportiert. Die jüdische Bevölkerung wurde dagegen fast vollständig Opfer des Holocausts. Als schließlich die Rote Armee im Frühjahr 1945 Poznań einnahm, flüchtete ein Großteil der knapp 100.000 mittlerweile hier lebenden deutschstämmigen Zivilisten. Der verbliebene deutsche Rest wurde nach Kriegsende zunächst Ziel von Racheakten und letztlich von den neuen polnischen Machthabern vertrieben.

Monument zum Gedenken an den Arbeiteraufstand 1956

Nach dem Krieg war der Wiederaufbau selbstredend das Gebot der Stunde, da rund 55% der Stadt zerstört waren. Auch die lokale Wirtschaft musste in der nun existierenden realsozialistischen Volksrepublik Polen wieder in Schwung gebracht werden. Gemäß der von den sowjetischen Befreiern implementierten Staatsform- und doktrin wurden die Betriebe verstaatlicht. Aus „H. Cegielski“ wurden beispielsweise die „Zakłady Metalowe im. Józefa Stalina w Poznaniu, ZISPO“ (die Josef-Stalin-Metallwerke). Den Reformen waren jedoch keine volkswirtschaftlichen Erfolge beschieden und generell fremdelte die Bevölkerung mehrheitlich mit dem von der UdSSR gesteuerten neuen polnischen Staat (für viele war ihr Vaterland nun von den Russen / Sowjets anstatt den Deutschen / Nazis besetzt). So kam es im Juni 1956 zu einem Arbeiteraufstand in Poznań, angeführt von der Cegielski- respektive ZISPO-Belegschaft. Rund 100.000 Menschen sollen in der Stadt am 28.Juni Reformen gefordert haben, bis das Regime den Aufstand von der Armee blutig niederschlagen ließ (57 Todesopfer waren zu beklagen). Der „Poznański Czerwiec 56“ (Posener Juni ’56) war der erste große Aufstand im realsozialistischen Polen und viele sollten noch folgen (u. a. die März-Unruhen 1968, der Dezember-Aufstand von 1970, der Juni-Aufstand von 1976 und die August-Streiks von 1980, die schließlich den Wandel und die Wende in den 1980er Jahren einleiteten).

Architekturbeispiel des realsozialistischen Polens

Durch die Handelsbeziehungen in alle Welt (dank der jährlichen internationalen Messen) und die gute Substanz der lokalen Wirtschaft, gelang Poznań nach der Wende ab 1990 die Transformation zur Marktwirtschaft einfacher als vielen anderen polnischen Städten. Die Stadt entpuppte sich außerdem als attraktiv für ausländische Investoren (VW und MAN haben beispielsweise in den 1990er Jahren Werke in oder bei Poznań eröffnet). So hat die Hauptstadt der Województwo Wielkopolskie (Woiwodschaft Großpolen) aktuell nach Warszawa (Warschau) die zweitbesten wirtschaftlichen Kennzahlen Polens. Wenn ich mir eine Stadt zum Leben in Polen aussuchen müsste, hätte Poznań sicherlich einen der vorderen Listenplätze. Die zentrale Lage innerhalb Polens, das schöne Stadtbild, die reiche Geschichte und der hohe Lebensstandard wären meine Argumente für eine Übersiedlung in die 540.000-Einwohner-Stadt.

Time for Pierogi

Für die  Lebensqulität ist natürlich u. a. gute Gastronomie maßgeblich und davon gibt es in Poznań reichlich. Nach 3,5 Stunden feinstem Sightseeing (und 12,9km in den Knochen) suchte ich gegen 16:00 Uhr die „Pierogarnia Stary Młyn“ nahe des Marktplatzes auf, um auf leckerste Art und Weise dem Körper neue Kilojoule zuzuführen. Zunächst einmal gab es Brot mit einem pikanten Kümmel-Karotten-Aufstrich. Dann folgten je drei Pierogi mit den Füllungen „Rycerskie“ (Fleisch mit Möhren & Zwiebeln), „Diabelskie“ (pikante gulaschähnliche Füllung) und „Ciocine“ (Fleisch & Pilze). Eine Rechnung von 34,96 Złoty (also mit Trinkgeld 40 Złoty und somit tagesaktuell 9,60€) musste ich am Ende, inklusive Heißgetränk, begleichen.

Eine Lokomotive vor dem Stadion

Nach dem Essen ging es um16:50 Uhr mit der Tramlinie 13 für 3 Złoty zum mehrere Kilometer vom Stadtzentrum entfernten städtischen Stadion (Stadion Miejski Poznań). Jenes wurde ursprünglich am 23.August 1980, nach stolzen 12 Jahren Bauzeit, feierlich eröffnet. Von dem damals u-förmigen Stadionbau (eine Hintertorseite blieb unbebaut, aber dank der vielen Stehplätze passten trotzdem 40.000 Besucher rein) ist heute nicht mehr wirklich etwas übrig. Denn anlässlich der EM 2012 wurde die Spielstätte zwischen 2003 und 2010 komplett neu errichtet. Heute ist es ein reines Sitzplatzstadion modernster Prägung mit rund 43.000 Zuschauerplätzen. Prinzipiell ist das Stadion, wie jede polnische EM-Arena von 2012, für den Ligabetrieb überdimensioniert. Allerdings bekam Lech das Stadion bei richtigen Topspielen auch schon nahezu komplett ausgelastet und der Zuschauerschnitt bewegt sich seit dem Umbau in der Regel bei rund 20.000 Besuchern pro Spiel.

Gleich rollt der Ball

Da lag man an diesem Abend mit 15.089 zahlenden Zuschauern ein ganzes Stück drunter. Allerdings waren heute auch keine Gästefans zugelassen, da es sich um ein Hochriskospiel handelte. Das gründete auf der großen Rivalität zwischen den Hausherren und Wisła. Denn Lech bildet mit Arka Gdynia und Cracovia Kraków das traditionelle Fanbündnis „Wielka Triada“ oder kurz „ALC“ (Arka-Lech-Cracovia). Demenstprechend sind die Erzfeinde der besten Freunde, also allen voran Lechia Gdańsk und Wisła Kraków, auch die eigenen Feinde. Außerdem zählen noch Legia Warszawa (mutmaßlich das Feindbild Nr.1), Śląsk Wrocław und Pogoń Szczecin zu den großen Rivalen der Lech-Fanszene, während man neben Arka und Cracovia noch dick mit KSZO Ostrowiec Świętokrzyski und ŁKS Łódź befreundet ist und die ŁKS-Fans heute besonders präsent waren. Aber das nur am Rande.

Gähnende Leere im Gästebereich

Ein paar Worte möchte ich noch zur Clubgeschichte verlieren. Denn wie man unschwer an einer Dampflokomotive vor dem Stadion erkennen konnte, gilt der KKS Lech als Eisenbahnerclub. Die Lokomotive der Baureihe Ty51-183 wurde 1956 in Poznań im HCP-Werk („H. Cegielski“) gebaut und vor fast genau drei Jahren, ebenfalls im Rahmen eines Ligaspiels gegen Wisła Kraków, hat sie vor der Arena enthüllt. Die von Hipolit Cegielski im 19.Jahrhundert begründete Tradition des Waggon- und Lokomotivbaus – auch ich saß heute, wie schon so oft auf meinen Polentouren, zwischenzeitlich in einem Waggon aus Poznańer Fertigung – und die Rolle als wichtiger Knoten im polnischen Schienennetz, machte Poznań zu Polens bedeutenster Eisenbahnerstadt. 1922 wurde der Club als Lutnia Dębiec gegründet – weshalb die Lok vor’m Stadion täglich um 19:22 Uhr aufleuchtet und losdampft – und hatte sein erstes Spielfeld zwischen zwei Bahngleisen. Von 1930 und 1994 war man auch eng mit den „Polskie Koleje Państwowe“ (PKP, Polnische Staatsbahnen) verbunden. KKS steht entsprechend für „Kolejowy Klub Sportowy“ (Eisenbahnersportverein). Natürlich haben zu Anfang einige Aktive und später viele der Fans für die Bahn oder für Cegielski (HCP respektive ZISPO) gearbeitet. Der Eisenbahnerbezug wurde auch am heutigen Abend mehrfach von den Fans besungen und die Selbstbezeichnung der Clubanhänger ist „Kolejorz“ (Eisenbahner).

Schalparade zu Spielbeginn

Nennenswerte sportliche Erfolge in den fast 100 Jahren Clubgeschichte sind natürlich die sieben polnischen Meistertitel (1983, 1984, 1990, 1992, 1993, 2010 & 2015) und die fünf nationalen Pokalsiege (1982, 1984, 1988, 2005 & 2009). Durch die Titelgewinne und weitere gute Ekstraklasa-Platzierungen, durfte Lech seine Farben seit Ende der 1970er Jahre auch regelmäßig auf der europäischen Bühne präsentieren. Wettbewerbsübergreifend bestritt man bisher 102 Europapokalpartien. Die Bilanz ist dabei mit 41 Siegen, 21 Remis und 40 Niederlagen bei 134:124 Toren nahezu ausgeglichen, unter die letzten 16 eines Europapokalwettbewerbs hat man es allerdings noch nie geschafft. In der Ewigen Tabelle der Ekstraklasa rangiert man nebenbei auf Platz 5, mit einer Ausbeute von 2491 Punkten in 58 Spielzeiten. Man zählt also zweifelsohne zur polnischen Fußballelite.

Die Videowand zeigt im Retrostil den Spielstand

Seit 2018 wird Lech Poznań übrigens vom Ex-96er Dariusz Żuraw trainiert. Nachdem man die letzte Saison nur auf einem enttäuschenden 8.Platz beenden konnte, steht man in der laufenden Spielzeit aktuell ebenfalls auf dem achten Rang. Allerdings ist das Tableau noch eng beieinander und mit einem Sieg heute könnte man bis auf Platz 3 klettern. Es sah auch von Anfang an so aus, als würde man diese Chance nutzen wollen und von den Rängen kam sehr laute Unterstützung. Lech dominierte, konnte aber zunächst seine Überlegenheit nicht in Tore ummünzen. Doch in der 40.Minute wurde der Bann gebrochen. Der serbischstämmige ehemalige Schweizer U-Nationalspieler Darko Jevtić markierte das verdiente 1:0.

Pyry – Die Posener Kartoffeln

Damit ging es auch in Pause und während jener scheint Lech ein besonderes Unterhaltungsformat etabliert zu haben. In Verbindung mit einem den Club unterstützenden Radiosender, dürfen die KKS-Spieler reihum ihre Lieblingslieder präsentieren. Heute hieß der DJ João Pedro Reis Amaral und ließ das Publikum an seinen favorisierten Hits von Taio Cruz, David Guetta & Co teilhaben. In den europäischen Großraumdiskotheken zwischen Porto und Poznań ist das sicher massentauglich, aber meinen Geschmack traf das Erwählte natürlich nicht. Mich würde aber mal interessieren was der Rest so für eine Playlist zaubert oder gezaubert hat. Vielleicht gibt es bei Lech auch jemanden, dem ich eine Lizenz als Kabinen-DJ ausstellen würde.

Herr Lecter isst wohl gern Krakauer

Im zweiten Durchgang sollte ich sowohl auf dem Platz, als auch auf den Rängen endgültig auf meine Kosten kommen. Lechs Szene hatte etwas Schönes vorbereitet und präsentierte zunächst eine Blockfahne mit der Aufschrift „PYRY“. Pyra (Plural: Pyry) ist in Poznań das Wort für Kartoffel. Die Stadt hat durch die skizzierte preußisch-deutsche Vergangenheit einen besonderen Dialekt, während ansonsten fast im ganzen Land Standardpolnisch mit geringen Varietäten gesprochen wird. Die Preußen brachten im 18.Jahrhundert auch die Kartoffel nach Poznań und dafür brauchte es natürlich ein polnisches Wort. Zunächst nahm man das Lehnwort Kartofle und später setzte sich Pyra durch, während die Kartoffel im Hochpolnischen eigentlich Ziemniaki heisst. Bis heute soll Poznań die Stadt mit dem höchsten Kartoffelkonsum in Polen sein. Deshalb hat sich Pyry sowohl als stolze Selbstbezeichnung, wie auch als Kosewort für die Poznaner in Restpolen durchgesetzt. Je nach Intention freundlich oder abwertend gemeint. Ansonsten gelten die Bürger aus Poznań und der Umgebung im Restpolen auch als die polnischen Preußen. Angeblich sollen sich sie sich gewisse, als preußisch geltende Tugenden bewahrt haben.

Haben die im Block etwa auch ’ne Dampflok?

Von unterhalb der PYRY-Blockfahne schwärmten dann zur etwa 60.Minute diverse vermummte preußische Kartoffeln in orangefarbenen Overalls in den Block aus. PYRY verschwand und wurde durch ein Banner mit der kannibalischen Roman- und Filmfigur Hannibal Lecter ersetzt. Bestimmt weniger ein Kartoffelfreund, aber wahrscheinlich hat er Krakauer zum Fressen gern. Untermalt wurde das Banner von schwarzen Rauchtöpfen und wenig später zündeten die Fans in den Overalls dutzende Bengalische Fackeln. Dazu vor dem Block ein Banner mit der Aufschrift „Tu Lecha Każdy Ma We Krwi“, während auf dem Hannibal-Banner noch „Wilda“ zu lesen war. Das Ganze war eine gelungene Tifo-Aktion der Gruppe „Wildeccy Fanatycy ’08“ und hatte übersetzt die Botschaft, dass in Wilda (südlicher Stadtteil von Poznań) jeder Lech im Blut hat.

Pyro statt Pyry

Auch auf dem Rasen war die KKS-Bande während der Kurvenshow wieder „on fire“. Zunächst wurde unter großen Applaus der Mannschaftskapitän und Torschütze Jevtić in der 72.Minute ausgewechselt (für ihn kam „DJ“ Amaral) und eine Minute später klingelte es nochmal im Krakówer Kasten. Der dänische Stürmer Christian Gytkjær, der 2017 den TSV 1860 nicht vor dem Zweitligaabstieg bewahren konnte, erhöhte auf 2:0 und ließ sich vor der lodernen Fankurve feiern. Jetzt brach Wisła komplett ein. Rechstaußen Jóźwiak (77.Minute) und das just eingewechselte siebzehnjährige Eigengewächs Filip Marchwiński (84.Minute), mit seinem ersten Ballkontakt, erhöhten noch auf 4:0 und das Stadion feierte sich entsprechend dem Schlußpfiff entgegen. Mit dem deutlichen und verdienten Heimsieg klettert man nun immerhin auf Platz 4 in der Tabelle (drei Punkte hinter Tabellenführer Pogoń Szczecin).

Schalparade bei Abpfiff

Nach dem Spiel ging es mit einem Bus (der nicht ganz so extrem wie die Straßenbahnen ausgelastet war) zum Hauptbahnhof und von dort mit dem Zug nach Bydgoszcz (Bromberg). Eigentlich war Toruń (Thorn) das nächste Etappenziel, doch dort war aufgrund eines großen Events (FIM Speedway Grand Prix of Poland) an diesem Wochenende kein Bett mehr frei. Na ja, Bydgoszcz war nur rund 45km von Toruń entfernt und verfügte noch über ausreichend Kapazität für Gäste. So hatte ich mich für das „Hotel Kuznia“ im Stadtzentrum entschieden und für eine Übernachtung mit Frühstück umgerechnet 30€ zu entrichten. Kurz nach 23 Uhr war ich schließlich in Bydgoszcz und eine halbe Stunde später konnte eine achtstündige Bettruhe eingeläutet werden, ehe es weiter nach Toruń ging.