Łódź, Chorzów & Kraków 05/2018

26.05.2018
Widzew Łódź – Polonia Warszawa 2:0
III Liga Grupa I (IV)
Stadion Widzewa (Att: 17.521)

Am letzten Mai-Wochenende führte die Reise abermals nach Polen. In unserem östlichen Nachbarland standen noch ein paar interessante Spiele an, um die so genannte Sommerpause möglichst kurz zu halten. Mit von der Partie waren Ole und El Glatto, so dass wir uns ein 3er-Zimmer in einem Hotel am Rynek von Katowice buchten (ca. 135€ Gesamtpreis für drei Nächte). Denn Katowice wurde dank günstigen Flügen von Hamburg aus (20€ pro Person und Richtung) wieder unsere Basis. Jenes Hamburg steuerten wir Freitagnachmittag nach Feierabend an. War gar nicht so blöd schon gegen 14 Uhr in Hannover zu starten, da sich die A7 mal wieder als Mobilitätshölle auf Erden darstellte. Nachdem die Landesgrenze passiert war, sagte das fix zu Rate gezogene Navi, dass die Standardroute durch den Elbtunnel, dank Megastau, ca. 90 Minuten dauern würde und die Route quer durch die Stadt ungefähr 60 Minuten.

Kleine Alsterrundfahrt

Ole gönnte sich nun den Spaß durch die City. 17 Uhr war unser Parkplatz erreicht und 17:15 Uhr der Flughafen (Abflugzeit 18:45 Uhr). Besonders der Fahrer gierte nun nach Erfrischung und selbstlos wie üblich standen Glatto und ich dem nicht im Weg. Da an der Sicherheitskontrolle nichts los war, war noch ein Supermarktbier davor und ein Gezapftes dahinter möglich. Auf Toilette hörte ich schließlich etwas von „Final Call“ und war tatsächlich mal der letzte Passagier an Bord (so sehr man sich auch bemüht, irgendwer kommt normalerweise immer noch nach einem angesprintet). Auf dem Flug ging es feuchtfröhlich mit Cider aus dem Hause Bulmers weiter und nach ungefähr 75 Minuten setzte der Vogel in Katowice auf. Schnell noch Tyskie-Kannen für den 60minütigen Transfer im Airport-Kiosk erworben und ab in den Bus (5€ one way).

Erfrischender Cider an Bord

Höhe Rynek sprangen wir aus dem Bus und checkten fix in unser Hotel ein. Nicht nur, dass ich bis zuletzt nicht wusste, ob die Buchung auch wirklich bestätigt war (die Kommunikation im Vorfeld lief ausschließlich auf Polnisch ab und ich bekam keine schriftliche Buchungsbestätigung), auch wurden wir überraschenderweise in eine Wohnung in einem riesigen Plattenbau umquartiert. Der betagte Schnauzbartträger an der Rezeption erklärte uns in einem Mix aus Polnisch und ein paar deutschen Wörtern den Weg und in ca. 250 Metern Entfernung auf der anderen Straßenseite fanden wir Appartement Nr. 24a der Platte. Die Bude, inklusive Badezimmer, sah gut aus. War aber auch nicht nicht anders bei einer Wohnung im 1.OG zu erwarten. Denn wie sagte mir ein schlesischer Kumpel, in Katowices Plattenbauten sind unten die guten Wohnungen und oben (so ab dem 10.Stock) die Bruchbuden, weil niemand wohnen will, von wo aus man Sosnowiec sehen kann.

Unsere Platte

Doch Wurzeln schlagen hätten wir selbst in der schönsten Wohnung Schlesiens nicht gewollt. Dazu waren wir noch zu motiviert. Jetzt konnte es nur noch ein Ziel geben: Die Mariacka! Katowices Kneipenstrasse versüßte uns zuerst in der „Pijalnia wódki i piwa“ bzw. davor das Leben. In dieser sommerlichen Nacht wollten wir natürlich wie das Gros der Gäste draußen sitzen. Auf der Straße spielte eine Live-Band und der Asphalt wurde zur Tanzfläche. Auch viele Bars hatten im Gegensatz zu unserem Karfreitagsbesuch diesmal Tanzflächen und Katowice verstand es zu feiern. Wir gönnten uns Shots, deren Namen „Chupa Chups“ oder „Monte“ geschmacklich das hielten, was sie versprachen. Zwischendurch wurde mal die Pinte gewechselt und diverses Bier in der „Piwiarnia Warki“ getrunken, ehe es wieder in die vom Publikum jüngere „Pijalnia wódki i piwa“ ging.

Chupa Chups

Dort hatten wir auch Logenplätze für einen aufziehenden Straßenkampf. Kurz nach 1:00 Uhr waren sehr verdächtige Bewegungen auszumachen und wenig später flogen die Fäuste zwischen zwei Gruppen junger Männer. An Testosteron hat es der polnischen Jugend ja noch nie gemangelt und ein Fußballbezug könnte hier in Polens Kohlenpott natürlich auch vorhanden gewesen sein. Aber wir wollten nicht spekulieren oder nachfragen. Stattdessen gab es lieber noch ’ne Rutsche Drinks und gegen 2:00 Uhr erhoben wir uns.

Zapiekanka z piekła rodem – extra spicy

Zum Abschluss gönnten wir uns noch für jeden ein höllenscharfes Zapiekanka am gegenüberliegenden Imbiß. Warum auch aus Fehlern lernen? Feuer speiend wie walisische Drachen ging es nun noch in ein Casino. Während ich meinen Prinzipien treu blieb und nur Freibier abstaubte, verzockten meine Freunde jeder 100 Złoty am Roulettetisch. Zwischenzeitlich sah es sogar ganz gut aus und der Haufen hatte sich nahezu verdoppelt, aber dann hab ich mit schlechten Tipps tatkräftig geholfen den Jeton-Stapel zu dezimieren. Ach ja, wenn es nicht das eigene Geld ist, macht Glücksspiel eigentlich doch Spaß.

Geld verbrennen leicht gemacht

Gegen 4:30 Uhr marschierten wir im Morgengrauen rüber in unsere Platte und schon wenige Stunden später küsste einen die Sonne wieder wach. Der polnische Teil des Planeten Erde brannte heute richtig und nachdem wir unseren persönlichen Brand – dieser so genannte Nachdurst – mit Wasser gelöscht hatten, musste die weitere Tagesplanung angegangen werden.

Auf zum Zug ins Glück

Für Samstag hatten wir im Raum Oberschlesien ein paar mehr oder weniger interessante Spiele im Auge. Direkt vor der Haustür wäre zum Beispiel das Gastspiel von ŁKS Łódź bei Rozwoj Katowice gewesen. ŁKS hat ja bekanntlich große Tradition und Łódź ist auch gar nicht so weit weg, so dass mit genügend Gästefans zu rechnen war. Halt! Moment mal, Łódź ist gar nicht so weit weg? Warum fahren wir dann nicht dahin und gucken das Topspiel Widzew Łódź versus Polonia Warszawa? Es wurde nicht lange überlegt und um 10:25 Uhr ein InterCity nach Łódź bestiegen (ungefähr 10€ p.P.).

Moin Widzew

Pünktlich um 13:30 Uhr erreichten wir den Łódźer Bahnhof Widzew und vermissten schnell den klimatisierten Zug. Die Sonne hatte logischerweise mittlerweile noch mehr Power und die Kleidung musste dringend minimiert werden. In so einer polnischen Plattenbausiedlung wie Łódź-Widzew guckt dich eh keiner schräg an, wenn du oberkörperfrei rumspazierst. Höchstens weil du zu wenig Masse hast oder die Masse zu undefiniert ist.

Stadion Widzewa

Ziel war natürlich zunächst das Stadion, um Eintrittskarten zu organisieren. Am Kassenhäuschen dann die Ernüchterung: Sold Out! Da wollen heute also tatsächlich ungefähr 18.000 Menschen ein Spiel der vierten polnischen Liga gucken. Widzew halt. Die haben auch einfach mal über 16.000 Zuschauer im Saisonschnitt und heute kam mit Polonia Warszawa der attraktivste Gegner der Liga. Auch so ein abgestürzter Traditionsclub, der bis 2013 noch Ekstraklasa gespielt hatte, aber dann die Lizenz verlor (u.a. hatte sich Artur Sobiech 2011 in Polonias Reihen für Hannover 96 empfohlen).

Schon mal drin, nur vier Stunden zu früh

Tja, die Optionen das Spiel zu sehen hatten sich merklich reduziert. Wir schlichen um’s Stadion und sahen, dass die Einlässe dem modernen Standard des Stadions entsprechend mit mannshohen elektronischen Drehkreuzen ausgestattet sind. Da würde es also später auch kaum möglich sein im Getümmel ohne Karte reinzukommen. Zum Glück gingen gerade ein paar Damen durch eine Tür in die Haupttribüne und wir schlossen uns einfach an. Hier traf einiges an Personal Vorbereitungen für das Spiel und wir fragten uns mal zum Pressesprecher durch. Eine nette Dame nahm uns an die Hand und platzierte uns auf einem Sofa. Dann passierte lange nichts und wir machten uns nützlich, in dem wir Caterern mit Rollwägen immer brav die Türen aufhielten. Nach einer Viertelstunde erschien schließlich eine andere Mitarbeiterin und sammelte unsere Presseausweise ein. Wenig später kam der Pressesprecher Marcin mit unseren Akkreditierungen raus und plauderte noch wenig mit uns. Da wir unsere Hausaufgaben gemacht hatten, merkte er gleich, dass hier keine Sportbuzzer-Redakteure oder ähnliche Pseudosportjournalisten einen Bericht über Widzew schreiben wollten, sondern echte Kenner der Materie.

Orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale

Wir waren jetzt selbstverständlich sehr froh spontan akkreditiert zu werden. Die Alternative, nämlich sich die kommenden vier Stunden bis zum Anpfiff im Stadion möglichst unsichtbar zu machen, wäre ähnlich prickelnd gewesen wie stundenlang einem Monolog von Martin Kind zu lauschen. Stattdessen ging es nun mit der Tram ins Łódźer Stadtzentrum. Herz der Stadt ist dort die über vier Kilometer lange Prachtstraße Ulica Piotrkowska. Die spazierten wir von Süd (Plac Niepodległości) nach Nord (Plac Wolności) und sahen, inklusive Abstechern in die Nebenstraßen, so allerhand.

Ulica Piotrkowska

Die Hauptstraße erinnerte mich von der Architektur her ein wenig an die Knez Michailova in Belgrad. Ferner gab es besonders in den Nebenstraßen viel Streetart an fensterlosen Fassaden und optisch interessante Hinterhöfe. Dazu schönes Wetter und schöne Frauen. Wir fühlten uns auf Anhieb total wohl in Łódź, einer Stadt die vor 200 Jahren noch ein kleiner Fleck auf der Landkarte war.

Großflächige Streetart

Ausgerechnet Russen und Deutschen ist die Blüte der Stadt zu verdanken. 1815 beim Wiener Kongress wurde die Gegend um Łódź dem so genannten Kongresspolen zugeschlagen, welches fortan de facto Teil des Russischen Zarenreiches war. Die Russen erweiterten die kleine Stadt und warben deutsche Textilhandwerker an. Aus wenigen Hundert Einwohnern wurden schnell mehrere Tausend (davon ca. 75% Deutsche). Als wenig später die Industrialisierung einsetzte, entwickelten sich aus kleinen Handwerksmanufakturen große Textilfabriken und Łódź wurde das „Manchester Polens“. Der Bedarf an Arbeitskräften war riesig und insbesondere Polen und Juden siedelten sich in großer Anzahl in der „Boom Town“ an. Bei Ausbruch des 1.Weltkriegs lebten bereits über 500.000 Menschen in Łódź (51% Polen, 32% Juden, 15% Deutsche, 2% Sonstige).

Izrael-Poznański-Palast

An der Piotrkowska sind zahlreiche ehemalige Villen der deutschen Fabrikanten, repräsentative Bankhäuser und teilweise auch noch die alten Fabriken zu sehen. Besonders zur palastähnlichen „Weißen Fabrik“ in der Piotrkowska Nr.282, die heute das Textilmuseum beherbergt, lohnt ein Blick. Oder auch zum Izrael-Poznański-Palast, der jetzt als Historisches Museum genutzt wird. Dem ersten Eindruck nach taugt Łódź bestimmt auch mal für ein ganzes Wochenende. Dann kann man noch das ein oder andere Museum, die abgerockteren Viertel und vor allem auch das Nachtleben prüfen. Das ist bestimmt nicht von schlechten Eltern in Polens drittgrößter Stadt (ca. 700.000 Einwohner). Ebenso reizt die hiesige Gastroszene, deren unzählige Vertreter in der Innenstadt um Gäste buhlen.

Cepeliny

Um gegen 16 Uhr Frühstück und Mittagessen nachzuholen, hielten wir fleißig Ausschau nach freien Außenplätzen in jener Szene. Wir landeten letztlich im „Anatevka“. Musicalfreunde hätten es wohl schon am Namen erkannt, aber wir brauchten einen Blick in die Karte („Geil, hier gibt’s Shakshuka und Gefillte Fisch“) und einen Blick rein zur Restaurantdeko, bis wir wussten, dass wir unbewusst in einem jüdischen Restaurant gelandet waren. Natürlich kulinarisch nicht die schlechteste Wahl. Ich entschied mich für zwei Gänge. Zuerst Cepeliny (mit Hackfleisch gefüllte Kartoffelklöße) und danach Zraziki zawijane „Anatevka“ (Rouladen nach Art des Hauses, mit Pilzfüllung). Die anderen hatten Ente mit Beilagen (Kaczka pieczona „Karola Borowieckiego“) und ’ne Suppe vorweg. Während die Speisen von den Service-Damen serviert wurden, ging der Chef dauernd mit einer Pulle selbstgebranntem Schnaps rum. Zum Glück kein Arak, sondern so eine Art Obstler (ging geschmacklich in Richtung Rakija Dunja).

Entenschmaus

Der Mann hatte dabei auch viel Lust auf Plaudern. So konnten wir einiges über das jüdische Leben in Łódź und die Stadt allgemein erfahren. Im letzten Jahrzehnt soll sich viel getan haben, weshalb auch der Tourismus zunehme. Der ehemalige Bürgermeister habe sehr viel im technischen Bereich bewegt (z.B. Kanalisation und Nahverkehr), während die aktuelle Bürgermeisterin viel wert auf die Optik der Stadt legen soll. Zumindest in der Innenstadt sahen wir ein schönes Ergebnis dieser Bemühungen. Ansonsten erfuhren wir noch, dass die Gewürze für die Speisen extra in Israel gekauft werden und dass der Chef Jerusalem im Dunkeln genauso unangenehm wie wir findet.

Auf die Gesundheit!

Im Endeffekt versackten wir für über 90 Minuten statt der geplanten Stunde und nachdem jeder mit Trinkgeld 100 Złoty los war, ging es fix mit einem Taxi zum Stadion. Jo, da war wirklich mächtig Andrang. Zum Glück musste man am Presseeingang nicht anstehen. Wir platzierten uns in der Medienebene der Haupttribüne ziemlich weit links und waren dadurch nah am gut gefüllten Gästeblock. Polonia, fantechnisch die (abgeschlagene) Nr.2 in Warszawa, hatte gut für das Topspiel mobilisiert. So rund 600 Hauptstädter dürften es gewesen sein. Der Gästeblock war schön beflaggt und die Fans trugen alle schwarz.

Alle in Rot

Der Rest des Stadions war dagegen zu 96% in rot gekleidet. Definitiv ein geiles Bild. Dazu hatte der etatmäßige Fanblock von Widzew eine große Blockfahne präsentiert. Motto: Alles auf Rot! Als ehemaliger Dauergast bei Hannover 96, dachte ich natürlich sofort an fantechnisch bessere Zeiten bei jenen „Roten“ und Spiele wie Bochum 2010, als auch ungefähr 10.000 96-Fans auswärts rote Shirts trugen und auf einem Banner vor’m Block „Alles auf Rot“ geschrieben stand. Aber Widzew bekam heute nicht nur eine geschlossene Optik hin, sondern vor allem auch geschlossene Anfeuerung der Mannschaft. Hier gab es auf keiner der Tribünen träges Publikum. Alles wirkte wie ein riesiger Fanblock, bei dem der harte Kern der rechten Hintertortribüne den Takt vorgab.

Alles auf Rot

Dazu waren noch Freunde angereist, wie man an Zaunfahnen der Szenen von Ruch Chorzów, Wisła Kraków und Elana Toruń erkennen konnte. Die drei Clubs bilden mit Widzew eine Achse, die in Polen für mächtig Wirbel gesorgt hat. Brachen sie doch bei der EM 2016 in Frankreich den Nichtangriffspakt der polnischen Szenen bei Länderspielen. Aber das ist schon wieder ein anderes, sehr kompliziertes Thema. Nur, dass Widzew nicht nur alleine eine Macht ist, sondern auch noch Verbündete der Güteklasse A hat, sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Solidarisches Spruchband für den kriselnden Freund Ruch

Um dem ganzen Potential außerhalb des Platzes wieder gerecht zu werden, muss man natürlich raus aus der 4.Liga, in welcher man durch Mißwirtschaft und Lizenzentzüge gelandet ist (2015 begann der Neustart in der 5.Liga). Sportlich war die Zielsetzung heute also klar: Gewinnen und damit die Tabellenführung verteidigen (nur die Staffelmeister steigen von der viergleisigen 4.Liga in die eingleisige 3.Liga auf). Die Mannschaft trat von Anfang an so auf, als würde sie sich dabei nicht vom Tabellenvierten in die Suppe spucken lassen. Entsprechend fiel bereits in der 14.Minute das 1:0 durch den 20jährigen Stürmer Kacper Falon. Der Torjubel auf den Rängen: Atemberaubend! Ohrenbetäubend!

Kompakter Support

Mit der frühen Führung im Rücken machte Widzew weiter Druck und kam bis zur Pause zu einigen guten Torabschlüssen. Polonia stemmte sich allerdings, oft eingeschnürt in der eigenen Hälfte, gegen die Niederlage und setzte gelegentlich mit Kontern Nadelstiche. So trafen sie zum Beispiel in der 40.Minute das Außennetz des Widzew-Kastens. Die Fans im Gästeblock verschafften sich derweil, in ähnlich unterlegener Situation wie das Team, immer mal wieder Gehör gegenüber der roten Übermacht auf den Rängen. Gut, wie viel davon am anderen Stadionende angekommen ist, ist fraglich. Aber wir standen ja recht nah dran und fanden den Auftritt sehr stabil.

Blockfahne im Gästebereich

Und zur 2.Hälfte setzten sie auch noch schöne optische Akzente in ihrer Stadionecke. Bei der Wiederkehr der Teams war eine Blockfahne mit dem Logo der „Ultras Enigma“ ausgebreitet und darunter wurde wenig überraschend ein kleines Feuerwerk vorbereitet. Als der Rauch langsam von dannen zog, packten sie auch noch über ein Dutzend Schwenkfahnen aus. Man merkte, dass das Spiel auch für sie Highlight war, welches eine Atmosphäre der Extraklasse bekommen sollte. Sprich, das ganze Drumherum gehörte in die Ekstraklasa und nicht in die viertklassige III Liga.

Pyro von Polonia

Widzews Anhang nahm sich natürlich auch kein Hitzefrei und beeindruckte weiter mit fantastischer Mitmachquote. Da wurden zum Beispiel Lieder von allen vier Tribünen im Kanon gesungen und dabei die Schals, wovon fast jeder Fan einen hatte, gewedelt. Die Nummer lief natürlich nicht nur eine Stadionrunde und dann setzten sich alle wieder brav hin, sondern mehrere Runden. Gefühlt mit ansteigender Lautstärke. Auch Hüpfeinlagen aller Couleur wurden reihum von den Tribünen zelebriert. Und anderswo feiern die Durschnittskartoffeln sich dafür, dass sie am letzten Spieltag in einem kollektiven Anfall von Passion für die Stadionwelle ein Sekündchen von ihren Sitzen aufgestanden sind. Wie schrieb mir die 96-Marketingabteilung doch jüngst? „La-Ola, die berühmte Begeisterungswelle, machte in der HDI-Arena die Runde.“ Ich bin auch immer noch ganz begeistert von dem Premiumprodukt Hannover 96 und der Premiumplatform 1.Bundesliga. Wo muss ich für meine neue Dauerkarte unterschreiben? Der Füller, das berühmte Schreibwerkzeug auf Tintenbasis, ist schon gezückt.

Fahneneinsatz der mitgereisten Hauptstädter

Belohnt wurde das Treiben auf den Tribünen mit dem 2:0 in der 65.Minute durch Marek Zuziak. Das war heute Widzews Abend, ganz klar. So sehr sich Polonia auch mühte, der polnische Meister von 1981, 1982, 1996 und 1997 ließ nichts mehr anbrennen. Gegen Ende gingen nochmal alle Schals in die Höhe und nach Abpfiff konnten 17.000 Rote bei der obligatorischen Stadionrunde ihrer Mannschaft den nächsten großen Schritt Richtung Aufstieg feiern. Doch auch Polonias Elf schlich nicht wie ein geprügelter Hund vom Platz, sondern ging erhobenen Hauptes in die Gästekurve, um sich vor den mitgereisten Fans für die Unterstützung zu bedanken. Diese goutierten die starke kämpferische Leistung ebenfalls mit Applaus und Gesängen.

Alle Schals in die Höhe

Das war in allen Belangen ein starkes Spiel und mehr als zufrieden verließen wir das Stadion. Angeblich wird Widzew jetzt von seriösen Geschäftsmännern geführt und strategische Partner aus der Wirtschaft sind auch in Sicht (hoffentlich keine polnischen Hörgeräteakustiker aus dem Łódźer Speckgürtel). Mit dem Stadion und den Fans im Rücken ist das einfach ein Erstligastandort. Traurig, dass Widzew so abgeschmiert ist und dass der Lokalrivale LKS als aktueller Drittligist mit halber Stadionruine ebenfalls nicht die Stadt im Spitzenfußball vertreten darf. Da LKS allerdings ebenso auf dem Weg der Besserung ist und in die 2.Liga aufsteigt, wird es auch bei einem Widzew-Aufstieg kein Stadtderby in der kommenden Saison geben. Dann vielleicht 2019/20 in der 2.Liga.

Warschauer Pyronudist

Da 20:42 Uhr unser Zug vom Widzewer Bahnhof losrollen sollte, mussten wir nun zügigen Schrittes dorthin und kamen nochmal ein bißchen ins Schwitzen. Für einen Fahrkartenkauf hat das Zeitfenster dann auch nicht mehr gereicht, aber im InterCity kann man natürlich nachlösen. Hat letztlich umgerechnet ein oder zwei Euro mehr gekostet.

Abendliche Eisenbahnromantik in Koluszki

Nach einem Umstieg in Koluszki wurde sich schließlich für 2,5 Stunden Restfahrzeit im Bordbistro platziert und der Zloty rollte wie der Zug. Nach dem coolen Kick waren wir einfach in Feierlaune und das höchstens zweitstimmungsvollste Fußballspiel in Europa am heutigen Tage wurde via Smartphone verfolgt. Kloppo dachte wohl, er könne mal wieder ein Finale gewinnen. Doch den Zahn hat Karius ihm gezogen. Gut, ich hätte es Liverpool wohl mehr gegönnt, aber um irgendwie mitzufiebern, ist mir diese Kommerzkacke einfach zu egal. Stattdessen freuten wir uns schon auf das Derby zwischen Ruch und Zagłębie. Erst recht, als sich ein leicht alkoholisierten Fan von Zagłębie zu uns gesellte. Der war gerade auf dem Weg von seinem englischen Arbeits-Exil (Coventry) nach Sosnowiec für das morgige Spiel und teilte uns mit, dass es Gästefans geben wird. 500 Tickets sollen sie bekommen haben. Sehr gut!

Zechzug

In Katowice steuerten wir die Mariacka an und setzten uns heute mal vor das „KATO“. Aber so gegen 1:00 Uhr machte ich nach drei Runden Bier den Abflug, während meine juvenilen Mitstreiter echt noch Energie für einen Diskobesuch hatten. Sie waren erst in der Großraumdiskothek „Spiz“ und danach auf einer ü40-Party in einem Club, dessen Namen sie sich nicht merken konnten. Einem schockierenden Videodokument zufolge tanzten sie unter anderem zum polnischen 2012er Smashhit „Ona Tanczy Dla Mnie“ von der Gruppe Weekend ab. Ich hoffe jeder, der das Lied jetzt recherchiert, bekommt einen Ohrwurm davon.

Piwo, Piwo, jeden Tag nur Piwo!

31.03.2018
KS Ruch Chorzów – Zagłębie Sosnowiec 0:1
I Liga (II)
Stadion Miejski (Att: 7.426)

Für Sonntag war natürlich das Derby Ruch Chorzów versus Zagłębie Sosnowiec gesetzt. Da bereits um 12:45 Uhr angestoßen werden sollte, hieß es um 10 Uhr aufstehen und zeitnah eine Straßenbahn in die Nachbarstadt besteigen. Die Erstbeste mit der Aufschrift Chorzów endete zwar bereits kurz hinter der Stadtgrenze am Stadion Slaski, aber von dort waren es auch nur 20 Fußminuten bis zum Stadion Miejski, wo Ruch seine Heimspiele austrägt. Und ’ne Tankstelle, bei der wir das georgische Wunderwasser Borjomi erwerben konnten, lag glücklicherweise am Wegesrand. Die Bewegung an der frischen Luft und das mineralienreiche Wasser aus der kaukasischen Bergquelle, vertrieben den lästigen Kater aus unseren Körpern.

Das Schlesische Stadion

Da hatte man auch gleich wieder Augen für die Backsteinarbeiterhäuser im Barrio und die vielen Ruch-Graffiti an den Wänden und in den Hinterhöfen. Den Weg zum Stadion fand man aufgrund der vielen Menschen mit Ruch-Fanartikeln am Körper ziemlich leicht. Und wir dachten uns; wenn wir schon keine Ruch-Shirts haben, laufen wir wenigstens wieder oberkörperfrei rum. Das war am unauffälligsten, gerade weil wir natürlich zielsicher die Heimkurve ansteuerten und nicht alle dort lungernden Gestalten nach Lust auf fremde Typen aussahen.

Königshütter Backsteinromantik

Der Weg nach rechts hätte nun zum Gästeblock geführt und war von einem massiven Polizeiaufgebot versperrt. Also ging es linksrum im großen Bogen zur Haupttribüne. Dort durften wir ewig lange in der Hitze anstehen, ehe wir für je 50 Zloty unsere Haupttribünentickets in den Händen hielten. Sportlicher Preis für die 2.Liga, aber wir helfen gerne die maroden Ruch-Finanzen zu sanieren. Und ein paar Taler für die Choreokasse hatten wir auch noch übrig.

Choreokasse

Unser Eingang war gleich neben dem Gästeblock und so sahen wir bereits beim Hereinspazieren den imposanten Gästemob aus Sosnowiec. Gut, dass Gästefans nicht vom obersten Verwaltungschef der Woiwodschaft Schlesien untersagt wurden, denn die Brisanz ließ das wieder mal befürchten. Zum einen das Sportliche. Da Ruch überraschend die letzten beiden Spiele gewonnen hatte, wäre bei einem Sieg und Schützenhilfe auf den anderen Plätzen am letzten Spieltag noch der Klassenerhalt drin. Sosnowiec dagegen hatte seit Ostern, wo wir ihrer Niederlage in Katowice bei GieKSa beiwohnten, acht Siege aus neun Spielen geholt und konnte heute mit einem weiteren Sieg den Aufstieg in die Ekstraklasa klar machen.

Fanartikel für die Pumperfans

Zur sportlichen Komponente gesellte sich natürlich die allgegenwärtige Rivalität zwischen Ruch und Zagłębie. Ruchs Fanszene hat die schlesische Mentalität in ihrer Fankultur kultiviert (heute wieder mit großen Oberschlesien-Banner vor’m Block), während die Sosnowiecer sich als reine Polen definieren und auch historisch gesehen nie Schlesier waren. Erst die deutschen Besatzer haben Oberschlesien im 2.Weltkrieg nach Osten um das Dombrowaer Kohlebecken mit Städten wie Sosnowiec erweitert und die Polen haben es nach dem Krieg so beibehalten. Während es im traditionellen Oberschlesien gewissen Separatismus und mindestens eine ausgeprägte eigene schlesische Identität gibt, ist man in Sosnowiec Warschau politisch ergeben und passend dazu auch noch fantechnisch mit Legia Warszawa alliiert. Legia-Sprechchöre waren heute auch das Erste, was wir aus dem Gästeblock gehört haben.

Oberschlesien-Banner vorm Block

Die Gäste hatten außerdem früh Grund zu jubeln, da das 0:1 durch den angolanischen Stürmer Christovao in der 13.Minute fiel. Doch wer glaubte, dass das Tabellenschlusslicht nun gebrochen war und die verhassten Nachbarn sich mit einem Schützenfest in die Ekstraklasa zurückmelden, wurde eines Besseren belehrt. Ruch lieferte bei brütender Hitze einen großen Kampf und ließ wenig zu. Hier und da kamen sie sogar zu eigenen Torchancen, aber die Abschlussqualität ließ dann doch zu wünschen übrig. Das Heimpublikum, natürlich unterstützt von Abordnungen der Verbündeten Wisla und Widzew, goutierte die Bemühungen mit lautstarker Unterstützung.

Blick hinüber zum harten Kern von Ruch

Kurz vor der Halbzeit beschlossen wir dann mal das Frühstück nachzuholen. Dazu gab es eine üppige Kielbasa vom Grill. Kann auch nicht teuer gewesen sein, da für drei Getränke und drei Würste nichtmal 40 Zloty zu zahlen waren. Satt freuten wir uns auf die 2.Hälfte. Es blieb leider ein ziemlich mieses Fußballspiel, welches fast ausschließlich zwischen den Strafräumen ablief. Aber da hatte ich auch keine großen Erwartungen. Erfreut man sich halt an den brachialen Gesängen und Schlachtrufen der Fangruppen.

Nahrhafte Kielbasa

Als nach 90+4 Minuten Schluß war, stürmte natürlich die ganze Zagłębie-Bank auf’s Spielfeld. Gemeinsam ging es in die Kurve, um mit den Fans den Aufstieg in die höchste Spielklasse (nach 10 Jahren Abstinenz) zu feiern. Ruchs Anhang wirkte derweil relativ gelassen. Man hatte sich wahrscheinlich schon zeitig mit dem Abstieg abgefunden, wusste dass die junge No-Name-Truppe auf dem Platz alles gegeben hat und verabschiedete die geknickten Kicker mit Applaus. Andere Szenen, als noch vor einem Jahr. Da stieg der polnische Rekordmeister (14 Titel) aus der Ekstraklasa ab und aufgrund der immensen Schulden war gar nicht klar, ob es überhaupt eine Lizenz für die 2.Liga gibt. So ein Absturz wie bei den Freunden von Widzew drohte und es gab schwere Ausschreitungen mit rund 150 Festnahmen.

Sosnowiec feiert

Ob der Club, der sich in dieser Saison sicher kein Stück sanieren konnte, die Lizenz für die 3.Liga bekommt, halte ich jetzt allerdings ebenfalls für fraglich. Ich will auch nicht ausschließen, dass es heute noch außerhalb des Stadions gerappelt hat. Aber selbst wenn Schaulust bei uns vorhanden gewesen wäre, der schnelle Weg zur Heimseite war versperrt und wieder einmal um den Pudding zu laufen, war auch nicht verlockend. Außerdem war kurz vor Spielende eine Frau in unserer Nähe zusammengesackt und das war so ernst, dass die Rettungssanitäter gerade Maßnahmen zur Wiederbelebung unternahmen.

Hinterhof-Graffiti im Stadionumfeld

Auch wenn man nach dem ersten Blick nicht mehr hinschaute, nahm einen das schon mit, dass da gerade 10 Meter neben dir um das Leben eines Menschen gekämpft wurde. Da denkst du dann nicht an Suff und Halligalli, sondern drückst fest die Daumen. Als Laie kann man nur ahnen, dass eine gefühlte Ewigkeit Reanimationsversuche wohl nicht gut ausgehen wird und in der Berichterstattung zum Spiel wurde es dann traurige Gewissheit, dass sie es nicht geschafft hat. Es war die Mutter eines Ruch-Spielers, die bei jedem Spiel auf der Tribüne mitfieberte. Spoczywaj w pokoju Marzena Kulejewska!

Bonjour Tristesse

Nachdem wir aus dem Stadion raus waren, machten wir uns auf in die Innenstadt von Chorzów (ehemals Königshütte). Wenig überraschend ließ diese das Touri-Herz nicht höher schlagen, aber bei sommerlichen Temperaturen und viel grün, war das Stadtbild nicht ganz so deprimierend. Außerdem hatten die alten Gemäuer der Arbeiterstadt auch ihren Charme. Ich persönlich mag solche Städte ja, die haben Charakter! Und hier instern keine deutschen Touris rum (außer wir).

Alte Post in Chorzów

Auch bröckelte nicht überall der Putz. Die Haupteinkaufsstrasse namens Wolnosci war fein herausgeputzt und die größeren repräsentativeren Gebäude wie die Barbarakirche, die Hedwigskirche oder die alte Post ebenso. Wirklich alte Bausubstanz sucht man natürlich vergebens, da das namensgebende Hüttenwerk erst 1797 gegründet wurde und die Stadt Königshütte ein Zusammenschluss mehrerer Siedlungen der Hüttenwerker im Jahre 1868 war. Nach dem 1.Weltkrieg fiel Königshütte (trotz knapp 75% bei der Volksabstimmung für den Verbleib im Deutschen Reich) an Polen und bekam wenige Jahre später, nach ein paar Eingemeindungen, den heutigen Namen Chorzów.

Hedwigskirche

Im Zuge des deutsch-sowjetischen Angriffs auf Polen fiel die Stadt 1939 (bis 1945) erneut an das Deutsche Reich. Wie auch in der Zwischenkriegszeit, mussten die Oberschlesier sich wieder bekennen: Deutsch oder Polnisch? Auch fußballhistorisch ist das ein interessantes Thema. Exemplarisch sei da die Vita der Ruch-Legende Ernst Willimowski (polnisch: Ernest Wilimowski) genannt, der von 1934 bis 1939 21 Tore in 22 Länderspielen für Polen erzielte und in den Jahren 1941 und 1942 achtmal für das Deutsche Reich auflief (13 Tore). Doch ob Oberschlesien im 20.Jahrhundert oder die Karrieren von Willimowski und anderen oberschlesischen Fußballern, das sind Stoffe für ganze Bücher und sprengen hier den Rahmen.

Ernst-Willimowski-Huldigung im Stadion

Nachdem wir genug von der Stadt gesehen hatten, suchten wir uns ein Lokal mit Außenbestuhlung und wurden an einer Grünfläche nahe des Rynek fündig. Wie die Pinte hieß, war nicht ersichtlich, aber sie hatte eine schattige Terrasse und das erste Bier des Tages schmeckte besser als gedacht. Das ältere Pärchen am Nachbartisch war in der Thematik schon wesentlich fortgeschrittener als wir und torkelte alsbald von dannen. Dabei packte sich die wirklich strunzvolle Frau noch voll auf’s Mett und riß ihren Mann dabei fast mit um. Der wirkte jetzt etwas angenervt. Jedenfalls setzte er bei der sich immer wieder einhaken wollenden Frau konsequent auf eine Armlänge Abstand. Wie teilte uns Monti noch am selben Abend via Instagram-Story mit? Wenn es die Verpflichtungen des Montags zulassen, kann man sich auch ruhig sonntags zuzechen. Waren wohl polnische Follower von ihm.

Lauschiges Plätzchen in Chorzów

Wenig später brach unser Trio auch auf, unfallfrei versteht sich, und suchte den innerstädtischen Bahnhof von Chorzów auf. Denn wir wollten mit dem Zug zurück nach Katowice. Fahrplangemäß um 16:31 Uhr fuhr ein Zug ein. Hm, allerdings ein InterCity. Sollte das nicht eigentlich ’ne Koleje Śląskie sein? Egal, da steht was von Katowice dran, also rein da. Dummerweise kam der Zug aus Katowice und war auf dem Weg nach Poznán. Ergo ergriffen wir die Flucht vor dem Schaffner und sprangen am nächsten Halt raus.

Bahnfahrt durchs schlesische Industrierevier

Das war Bytom. Eine Stadt die vielleicht die schönste polnische Stadt wäre, wenn Polen nur eine Stadt hätte. Quasi Chorzów in hässlich. Doch bevor uns dieser Ort so richtig verzaubern konnte, waren wir auch schon wieder weg. Der Zug, den wir eigentlich in Chorzów besteigen wollten, fuhr gerade mit 30 Minuten Verspätung in Bytom ein. Bytom, du bekommst dann irgendwann anders deine Chance und bist wahrscheinlich gar nicht so schlimm wie alle sagen.

Bytom Hauptbahnhof

Viertel nach fünf war Katowice erreicht und dort votierten wir sofort für’s Abendessen. Wie schon an Ostermontag, sollte uns das „Wiejska Chatka“ bewirten. Nun saisonal auch mit Außenbestuhlung. Da verzichteten wir in Anbetracht des Wetters auch auf das liebevoll eingerichtete Innere des Restaurants und nahmen auf der Terrasse Platz. Mit einem Liter hausgemachter Grapefruitlimonade erfrischte ich mich erstmal (für läppische 2,50€), während die anderen beiden aus Macht der Gewohnheit Bier bestellten.

Schmalzbrot, Limo & Piwo

Die englischsprachige Karte konnte der Kellner auch gleich behalten, da unser slawisches Kauderwelsch mit der polnischen Saisonkarte gut klar kam und darauf eine Grillplatte für umgerechnet 9€ entdeckt wurde. Die nahm jeder und wir bekamen Nackensteak, ausgelöstes Kotelett, Putensteak und Kielbasa, sowie Kartoffelecken und grünen Spargel mit Speck umwickelt. Leckere und sättigende Angelegenheit. Fast schon zuviel des Guten, denn irgendwie war der Motor nun aus.

Polnischer Grillteller

Wir entschieden uns nach dem Essen für Lungern in der Abendsonne am Spodek, der Katowicer Veranstaltungshalle in Form einer fliegenden Untertasse. Auf dem Weg dorthin kam uns ein junger Mann mit blutverschmierten Händen und einem zermatschten Auge entgegen. Na ja, der polnische Kohlenpott ist halt nicht Disneyland. Nichtsdestotrotz erreichten wir einen ganz friedlichen Ort, an dem neben uns nur Pärchen, Hobbyfotografen und Hundehalter waren.

Spodek bei Sonnenuntergang

Auch nach einer Stunden des Chillens, wollte der Motor immer noch nicht wieder anspringen. Wir sind halt nicht Sylvester Stallone in „Over The Top“ und müssen einfach nur die Cap umdrehen. Als die Sonne verschwunden war, ging es rüber ins Appartement, um schlechte, äh kultige Musik zu hören und blöde Scheiße zu labern (also alles wie bisher, nur mit Musik im Hintergrund). Das relativ frühe Ende des letzten Abends der Reise zog immerhin einen ausgeschlafenen Start in den letzten Tag nach sich. Trotz Wecker um 6 Uhr.

Good Morning Katowice

Das Tagesziel hieß heute Kraków (Krakau). Nach der Körperpflege und dem Packen, wurde schnell ausgecheckt und es ging zum 250 Meter entfernten Busbahnhof. Dort rollte um 7:50 Uhr unser Flixbus ein (3€ p.P. für Katowice-Kraków). Doch an Einstieg war vorerst nicht zu denken. Eine bewusstlose junge Frau musste zunächst aus der Bordtoilette befreit werden. Als das gelungen und außerdem ein Rettungswagen eingetroffen war, rollte der Bus mit 20 Minuten Verspätung los. Gute Besserung, unbekannte Frau!

Vorne: Barbakane – Hinten: Florianstor

Polens zweitgrößte Stadt (ca. 760.000 Einwohner) wurde jetzt auch erst 9:30 anstatt 9:10 Uhr erreicht, aber das war ja nicht so wild. Blieben immer noch 6,5 Stunden für die traumhafte Stadt an der Weichsel. Erstes Ziel waren die eindrucksvollen Reste der einstigen Stadtbefestigung. In Kraków kann man nämlich die größte Barbakane Europas besuchen (warum eigentlich nicht der Welt, wo außerhalb von Europa soll denn eine größere Barbakane stehen?). Ihr wisst nicht was eine Barbakane ist? Keine Sorge, ich wusste es vorher auch nicht. Das ist eine runde oder halbrunde vorgelagerte Kanonenbastion. Man lernt nie aus.

Turm und Wehrmauer der Stadtbefestigung

Die Barbakane hier war dem Florianstor vorgelagert, welches wir nun durchschritten, um die Altstadt zu betreten. Wir waren sogleich auf der Sichtachse der bis zu 81 Meter hohen Marienkirche (Bazylika Mariacka). Über die Straße Florianska steuerten wir auf diese prächtige Kirche zu. Als diese erreicht war (Tipp: unbedingt reingehen und das Innere bewundern), befanden wir uns in der Nordostecke des Hauptmarktes (Rynek Główny).

Die Marienkirche

Der ist mit über 40.000m² einer der größten mittelalterlichen Marktplätze Europas. In der Mitte dominieren die Krakówer Tuchhallen den Platz, eines der größten Renaissancegebäude in Mitteleuropa (fotografisch bei diesem Bericht als Titelbild verewigt). Rings um den Rynek reihte sich eine schöne Fassade an die nächste und in alle Himmelsrichtungen waren Kirchtürme zu sehen. Ich wusste schon jetzt, bei meinem historischen Interesse und meiner Detailverliebtheit, könnte ich locker mal ’ne Woche Urlaub in Kraków machen und mir würde nicht langweilig werden.

Am Hauptmarkt (Rynek Główny)

Vom Hauptmarkt waren es nur wenige Meter zum Collegium Maius, dem ältesten Gebäude der Jagiellonen-Universität. Die Universität wiederum ist (nach Prag) die zweitälteste mitteleuropäischen Universität (1364 gegründet). Die beiden berühmtesten Absolventen sind wohl Nikolaus Kopernikus und Karol Józef Wojtyła (Papst Johannes Paul II.). Vom Collegium Maius arbeiteten wir uns dann nach Süden vor und passierten zahlreiche sehenswerte Kirchen. Unter anderem die Dominikanerkirche, die Peter-und-Paul-Kirche und die romanische Andreaskirche.

Ein Turm der Wawel-Festung

Prinzipiell könnte ich schon jetzt den Text mit Schilderungen, kleinen Entdeckungen und geschichtlichen Vorträgen zukleistern, aber das hebe ich mir für den definitiv kommenden nächsten Kraków-Besuch auf. Daher fasse ich mich auch kurz bei der Darstellung unseres nächsten Ziels, dem Wawel. Dort residierten einst die Könige Polens und wir ließen uns von einer riesigen Burganlage, malerisch auf einem Hügel (228m ü. NN) an der Weichsel gelegen, in den Bann ziehen.

Die Wawel-Kathedrale innerhalb der Festungsmauern

Dank über 1000jähriger Existenz der Anlage, fanden wir einen Mix aus allen möglichen Architekturepochen vor. Das wirklich Innere kostet ein bißchen Eintritt, auf den großen Burghof kommt man jedoch gratis (anderswo wird ja schon gern am Burgtor kassiert). Von den Wehrmauern hat man einen schönen Ausblick auf die Weichsel und die Stadt und ein Gang führt von dort hinunter zur Drachengrotte. Der einstige mythologische Bewohner soll von einem Vandalenfürsten namens Krak getötet worden sein, der dann dort die Stadt Krakau gegründet haben soll. Doch nicht nur der Drache kommt aus dem Reich der Fabel, auch ist der vermeintliche Stadtgründer Krak historisch nicht zu belegen.

Y ddraig fflamllyd

Vor der Grotte erinnerte dann eine Drachenskulptur an den Gründungsmythos der Stadt. Der Drache speite sogar in gewissen Abständen Feuer und war logischerweise nicht nur für walisische Touristen, sondern auch für Schulklassen ein Magnet. Ein Selfie mit Feuer und ohne Schulkinder wollte einfach nicht gelingen. Frustiert ging es nun das Flußufer am Fuße der Festung entlang. Zum Glück sonnten sich an der Weichsel lauter polnische Bikinikatzen. Daher beschlossen wir, dass uns etwas Farbe auch gut tun würde.

Zurek

Kurz vor’m Sonnenbrand war Zeit für Mittagessen und es zog uns ins Restaurant „Chłopskie Jadło“ (was wohl soviel wie Landküche oder Bauernessen heißen muss). Der Name hielt was er versprach und es gab deftiges Essen. Gruß aus der Küche war das obligatorische Schmalzbrot und danach ging es weiter mit einer kräftigen Żurek (polnische Sauermehlsuppe mit ordentlich Fleischeinlage, Kartoffeln und gekochtem Ei). Hauptgang wurde bei meinen Freunden ein Holztrog mit Schweinesteaks, diversen Pierogi, Kohlrouladen, Sauerkraut, Kartoffelecken und ’nem halben Hahn.

Der Speisetrog

Weil ich so ungern teile, habe ich mir allerdings 10 Pierogi mit Wurstfüllung bestellt und einige davon als Tauschmittel für Teile aus dem Trog eingesetzt. Auf jeden Fall wurden wir alle satt und verließen das rustikal eingerichtete Lokal etwas träge und um je 50 Zloty ärmer. Auf der Agenda standen jetzt die alte Emaillewarenfabrik von Oskar Schindler oder die Stadien von Cracovia und Wisla. Für beide Programmpunkte reichte die Zeit nicht mehr und da wir sicher nochmal zu ein oder zwei Fußballspielen nach Kraków zurückkehren, bekam die Fabrik den Zuschlag.

Rustikales Restaurant Chłopskie Jadło

Bei sengender Hitze spazierten durch das einstige jüdische Viertel Kazimierz Richtung Weichsel. Den Graffiti nach zu urteilen, war dieses Viertel fußballtechnisch Cracovia-Gebiet. Neben den grafischen Reviermarkierungen gab es außerdem viele Synagogen und schöne Straßenzüge zu sehen. Aus diesem Viertel kamen viele von Schindlers jüdischen Zwangsarbeitern ursprünglich, allerdings waren sie zu der Zeit bereits von Kazimierz ins Krakauer Ghetto zwangsumgesiedelt worden.

Die einstige Schindler-Fabrik

Das befand sich südlich der Weichsel im Stadtteil Podgórze, unweit der Deutsche Emailwarenfabrik (DEF) von Oskar Schindler. Jene Fabrik wollten wir nun gerne besichtigen, allerdings waren für heute alle Führungen ausgebucht. Merke, beim nächsten Mal im Internet vorbestellen. Ein schattiges Plätzchen auf der Terrasse eines nahen Restaurants, war nun die Alternative. Mit fruchtigen Cocktails gab es Vitamine und Flüssigkeit. Genau das Nötige, um 60 Minuten vor Abfahrt wieder fit für die 4km zum Busbahnhof zu sein.

Cracovia-Graffito in Kazimierz

Statt Taxi o.ä. wurde natürlich lieber nochmal eine Dreiviertelstunde durch Kraków spaziert, um noch mehr Eindrücke von dieser prächtigen Stadt aufzusaugen. Am Busbahnhof erwarben wir noch Wasser, holten das eingeschlossene Gepäck und pünktlich um 16:00 Uhr rollte der letzte Transferbus des Tages (10,50€ p.P.) gen Flughafen Katowice. 17:00 Uhr hätte uns auch massig gereicht, aber ich darf die Fahrpläne ja nicht machen.

Kantinenmäßiger Fraß am Flughafen

Die zweistündige Fahrt nutzen wir alle für Nickerchen und das zahlte sich auch aus. Denn zu den knapp drei Stunden regulärer Wartezeit auf den Flug, die in einem Biergarten am Flughafen und in einem Schnellrestaurant rumgebracht wurden, gesellte auch noch eine Verspätung des Fluges um eine Stunde. Dazu noch eine nächtliche Vollsperrung der A7 bei Schwarmstedt und die Nachtruhe schrumpfte ein weiteres Stück. Na ja, im Alter braucht man eh weniger Schlaf und sonntags komme ich sonst auch nie vor Mitternacht ins Bett. Polen, wir sehen uns bald wieder!