Tallinn (Reval) 07/2019

am

19.07.2019
Nōmme Kalju FC – Paide Linnameeskond 1:1
Meistriliiga (I)
Hiiu staadion (Att: 402)

Nach unserer Nacht in Dimitris Vilniusser Ostblockbarockbude rief zum Glück schon früh morgens der Bus nach Tallinn (9 Uhr war Abfahrt). Kurz die nötigste Körperpflege absolviert (mit vollem Körper passte nur der kleine Italiener in die provisorische Duschnische) und dann ab zum 300 Meter entfernten Busbahnhof. Via Riga ging es mit „Lux Express“ à 26€ von der litauischen in die estnische Hauptstadt. „Lux Express“ stand unserem vorherigen Beförderer „Ecolines“ in Sachen Komfort nichts nach und so war es wieder eine angenehme Fahrt mit Strom, Internet, Freigetränken usw., die ich zum Berichte verfassen nutzte, während meine Mitstreiter die unbequeme letzte Nacht mit geschlossenen Augen kompensierten.

Unterwegs mit Lux Express

In Riga hatten wir eine Stunde Aufenthalt und weil der Busbahnhof gleich an den Markthallen ist, war auch klar wo zu Mittag gegessen wird. Gerne wollten wir alle den vorgestern von Ole geprüften Burger essen, doch jener Imbiss machte tatsächlich um 13 Uhr Mittagspause. Sachen gibt’s! Da mich aber ebenso die Suppenbar am Vorvortag angelächelt hatte, verwirklichte ich heute eben meinen seinerzeit verworfenen Plan des Soljankakonsums. Gute Idee, da für 3,90€ eine ordentliche Portion in die Schüssel kam. Waren geschätzt 600ml und neben einem Schlag Schmand, hatte die säuerliche-pikante Suppe auch dreierlei Fleischeinlage (Fleischbrät, geräucherte Wurst und Suppenfleisch).

Soljanka in Riga

Pünktlich um 14 Uhr ging es schließlich weiter nach Tallinn und dafür waren nochmal 4,5 Stunden Fahrzeit veranschlagt. Am Ende waren es zehn Minuten mehr und weitere 20 Minuten später waren wir gegen 19 Uhr im Apartment. Gott sei Dank wieder eine solide Unterkunft mit zwei Schlafzimmern, Wohnzimmer, Küche, Bad und modernem Standard. Aber Zeit zum Einleben war nicht, denn um 19:30 Uhr sollte schon wieder der Ball rollen. Wir wollten den Länderpunkt Estland lieber sofort bei einem Spiel der erstklassigen Meistriliiga einsacken, als am Folgetag 2.Liga oder gar 3.Liga zu gucken. Also ein „Bolt“ geordert, welches uns für 7,50€ zum Hiiu-Stadion im 10km entfernten Stadtteil Nōmme kutschierte (Bolt ist die Uber-Alternative des Baltikums).

Hiiu-Stadion in Nömme

Den Anpfiff verpassten wir um wenige Minuten, aber Tore hatten wir noch keine versäumt. Nachdem 10€ am Eingang gelöhnt waren, ging es schnurstracks zum Bierstand. Mit Bier (4€) und Knoblauchbrot (2€) im Gepäck umrundeten wir einmal den Platz, um uns letztlich auf einer provisorischen Stahlrohrtribüne niederzulassen und dem Treiben auf dem Platz zu folgen. Kaum saßen wir, fiel auch schon das 0:1 durch den 20jährigen Stürmer Ander Ott Valge (18.Minute). Das freute die aus Paide mitgereiste Fanschar sichtlich.

Paides Fanschar

Nōmme Kalju FC, der amtierende estnische Meister, hatte ebenfalls einen kleinen Fanblock und so sorgten immerhin insgesamt 10% der rund 400 Besucher für Stimmung. Das so etwas weitgereiste Fußballfans nicht vom Hocker hauen kann, dürfte klar sein. Aber wir waren eh nur für’s Knoblauchbrot und den Länderpunkt hier. Das hatten wir wohl mit einer gemischtgeschlechtlichen Wessi-Hopper-Reisegruppe gemeinsam, welche wir bereits am Vorabend bei Žalgiris in Vilnius gespotted hatten. Ansonsten weisen wir aber jegliche Parallelen zu so genannten Groundhoppern von uns!

Knoblauchbrot

Interessanterweise sahen wir heute eine ausgeglichene Partie (auf niedrigem Niveau). Ganz so wie man es erwartet, wenn der Vierte den punktgleichen Dritten der Meistriliiga empfängt (je 39 Punkte nach 19 Saisonspielen). Dementsprechend markierte der Meister in der 78.Minute noch den Ausgleich. Allerdings durch ein Eigentor eines Paide-Spielers. So scheint es zwischen beiden Teams ein spannender Kampf um den 3.Platz zu bleiben, der übrigens zur Teilnahme an der EL-Quali berechtigt. In Sachen Meisterschaft ist Eintracht Frankfurts kommender Gegner Flora Tallinn derweil schon 12 Punkte enteilt. Und der Zweitplatierte Levadia Tallinn liegt liegt auch bereits sieben Punkte vor dem heute gesehenen Duo.

Die Fans des Nömme Kalju FC

Nebenbei hat noch nie eine Mannschaft von außerhalb der Tallinner Stadtgrenzen den estnischen Meistertitel geholt:

  • 11 Titel: FC Flora Tallinn
  • 9 Titel: FC Levadia Tallinn
  • 2 Titel: FC Nõmme Kalju, FC Lantana Tallinn, FC Norma Tallinn
  • 1 Titel: FC TVMK Tallinn, FC Infonet Tallinn

Der Fußball ist, wie das ganze Land, sehr auf seine Primatstadt fixiert. Aber nun gut, es gibt im ansonsten ländlich geprägten Estland auch keine weitere Großstadt und Fußball ist nicht unbedingt der Nationalsport. Das ist hier eher der Skilanglauf (Winter), Leichtathletik (Sommer) oder Kiiking (das in Estland erfundene Extremschaukeln).

Ausgemusterte Straßenbahn am Stadion

Nach Abpfiff brachte uns ein weiteres Bolt für 6,30€ zurück ins Zentrum. In der Altstadt wollten wir uns irgend einen Gastropub suchen und dort zu Abend essen. Die Wahl fiel nach ein bisschen Herumstreunern auf das „Karja Kelder“. Angeblich Tallinns ältester Pub und im Keller eines der Altstadthäuser beheimatet. War ein uriger Laden, der relativ preiswertes Essen anbot. Das haute dann aber auch niemanden geschmacklich vom Hocker. Aber so schlecht, dass Schweinenacken-, Putenbrust- oder Rinderhacksteak nebst Beilage ihre 8/9€ nicht wert waren, schmeckte es auch nicht. Bier ging übrigens für 4€ pro Pint über den Tresen, was auch der Tallinner Altstadtstandard zu sein schien.

Abendessen

Wir beließen es bei einer Rutsche Bier und machten anschließend noch einen Verdauungsspaziergang durch die Tallinner Altstadt. Die war auch nach Anbruch der Dunkelheit äußerst sehenswert und außerdem noch sehr belebt. Die Vorfreude auf den nächsten Tag stieg dementsprechend mit jedem Meter. Auf dem Weg ins Apartment wurden noch schnell die Borjomi-Vorräte aufgefüllt (das leckerste Wasser der Welt) und gegen Mitternacht begann die Nachtruhe.

Die nächtliche Altstadt

Samstagmorgen gingen die Augen zwischen 8 und 9 Uhr wieder auf und wir konstruierten einen Tagesplan. Zunächst sollte es quer durch die Altstadt ins Viertel Kalamaja zum Frühstücken gehen. Danach wollten wir uns mal den Stadtstrand anschauen und außerdem ein wenig an der Ostsee spazieren. Am späten Nachmittag sollte es schließlich wieder in die Altstadt gehen, um diesen Teil Tallinns nach dem großen Tourimob und vor dem Feiervolk zu erkunden.

Morgens unterwegs in der Altstadt

Die Altstadt machte natürlich auch bei Tageslicht einen Bombeneindruck, war allerdings selbst morgens schon gut mit Touris gefüllt. Via Marktplatz und Domberg steuerten wir das nordwestlich der Altstadt liegende Szeneviertel Kalamaja an. Der Spaß innerhalb der Altstadtmauern verging uns jedoch, als ab ca. 10 Uhr die ganzen geführten Gruppen von Tagestouristen aufmarschierten (in der Regel von Kreuzfahrtschiffen in die Stadt gespült). Also nichts wie runter vom Domberg und rein ins urbane Treiben von Kalamaja.

Typisches Holzhaus in Kalamaja

Kalamaja ist der estnische Begriff für ein Fischerhaus und in jenem Quartier dominierten die einfachen einstigen Holzhäuser der Fischer und Hafenarbeiter. Im 19.Jahrhundert entwickelte sich das Viertel zum Industriestandort und zahlreiche zugezogene Esten vom Land und russische Migranten fanden hier eine neue Heimat. Kalamaja war also jahrhundertelang Wohnquartier ärmerer Schichten, doch in den letzten Jahrzehnten setzte eine Gentrifizierung ein. Die Szene hatte das Viertel für sich entdeckt und aus den vielen Arbeiterkneipen des Bezirks wurden hippe Bars und Restaurants, während der Großteil der Wohngebäude saniert wurde und heute zu den teuersten Lagen Tallinns zählt.

Frühstück in Kalamaja

Wir ließen uns zum Frühstücken in dem zur heutigen Bevölkerungsstruktur passend getauften Café „Boheem“ nieder und aßen so leckere Sachen wie Bratkartoffeln mit Ei und Bacon oder Chicken Wraps. Außerdem gab es Eiskaffee (es waren schon stolze 25°C) und Kompot zu trinken. Nach der ersten Mahlzeit des Tages wurde wieder via App ein Bolt organisiert und es ging für 5,50€ zum städtischen Strand Pirita. Wobei ich mich in der Bolt-App vertan habe und wir am Russalka-Strand an der Pirita-Straße landeten. Nun waren wir an einem schmalen und innenstadtnahen Strandstreifen, anstatt am breiten und belebten Strand des Vorortes Pirita.

Der Russalka-Strand

Na ja, wir verweilten trotzdem ein wenig und ab hier konnte man auch einen Spaziergang am Meer starten. Da die Strandpromenade gerade saniert wurde, war es allerdings eher eine Baustellenbegehung mit Meeresblick. Das nächste Ziel, die realsozialistische Multifunktionshalle Linnahall am Tallinner Hafen, war optisch auch keine Schönheit. Aber als historisches Zeugnis ganz interessant. Nun war auch 15 Uhr durch und wir starteten den ersehnten Altstadtbummel. Inklusive historischen Ausführungen vom Tourguide S. Snepanovic.

Lungern auf dem Dach der Linnahall

Die Ursprünge der 800 Jahre alten Stadt gehen auf eine estnische Burg (und gleichzeitigen Handelsplatz) im Hochmittelalter zurück. Diese Burg eroberte 1219 die dänische Krone, musste sie jedoch schon 1227 an den vom Rigaer Bischof Albert (Stadtgründer und erster Bischof von Riga, wir erinnern uns) gegründeten Schwertbrüderorden abtreten. 1230 wurden die ersten deutschen Kaufleute angeworben und unterhalb der Burg angesiedelt.

Castrum Danorum, die Dänenburg aus dem 13.Jahrhundert

Als dem Schwertbrüderorden von den heidnischen Stämmen im Baltikum wenige Jahre später eine schwere militärische Niederlage beigebracht wurde, gingen die Reste des Schwertbrüderordens im Deutschen Orden auf. Weil der Papst aber zugleich die Expansion und Macht des Deutschen Ordens etwas bremsen wollte, verordnete er nun, dass das damals Reval genannte Tallinn 1238 wieder an Dänemark fallen soll.

Der Tallinner Dom, dessen Ursprungsbau 1240 geweiht wurde

Die Dänen herrschten fortan rund 100 Jahre über die Stadt und sie prosperierte damals enorm. Die wahren Herren der Stadt wurden unterdessen die deutschen Kaufleute, die etliche Privilegien von der dänische Krone erhielten und sich eng an die Hanse banden. Das änderte sich auch nicht, als die Dänen 1346 bei einem estnischen Aufstand die Hilfe des Deutschen Ordens brauchten und diesem letztlich das nördliche Livland (Estland) mitsamt Reval (Tallinn) abtraten.

Der mittelalterliche Katharinengang

Die Hanse verfügte zeitgleich, dass der Russlandhandel der Organisation zwingend über die drei baltischen Hafenstädte Riga, Pernau (estnisch: Pärnu) und Reval zu laufen habe. Inklusive Stapelrechten für diese drei Städte. Das bedeutete, dass jeder durchziehende Kaufmann seine Waren zunächst in der Hafenstadt anbieten musste, bevor er weiterreisen konnte.

Tallinns gotisches Rathaus von 1404

Die Karten neu mischte der Livländische Krieg, der von 1558 bis 1583 im Baltikum tobte und der Auftakt einer Reihe von Kriegen zwischen den Mächten des Ostseeraums darstellt (daher auch Erster Nordischer Krieg genannt). Russlands erster Zar Ivan IV. (populärwissenschaftlich als Ivan der Schreckliche bekannt) fiel damals in Livland ein, welches im Wesentlichen die heutigen Staatsgebiete von Estland und Lettland umfasste und vom Deutschen Orden kontrolliert wurde.

Der Kiek in de Kök Kanonenturm von 1475

Nach der Niederlage des Deutschen Ordens gegen das russische Invasionsherr, hielten die mächtigen Städte Livlands Ausschau nach neuen Schutzherrn (wir erinnern uns, dass Riga damals Schutz bei Polen-Litauen suchte). In Reval und Umgebung übernahmen die Schweden, die schon seit dem 12.Jahrhundert die gegenüberliegende südfinnische Küste besiedelt hatten, die Kontrolle. Die neue Schutzmacht wehrte die regelmäßigen russischen Begehrlichkeiten immerhin bis zum Großen Nordischen Krieg ab (1700-1721). Im Rahmen dieses militärischen Konfliktes gelang Zar Peter I. (Peter der Große) im Jahre 1710 schließlich die lang ersehnte Eroberung Revals.

Das Portal des Tallinner Schwarzhäupterhauses

Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs war Estland mitsamt Reval nun Teil des Russischen Zarenreichs. Wie auch in Lettland, arrangierte sich der Zar mit der deutsch-baltischen Oberschicht, so dass deutsche Großgrundbesitzer auf dem Land und deutsche Bürger in den Städten wie Reval weitreichende Privilegien genossen. Analog zum lettischen Riga, sorgten Industrialisierung und Landflucht im 19.Jahrhundert dennoch für einem Zuwachs an Esten in Reval.

Die russisch-orthodoxe Alexander-Newski-Kathedrale von 1900

Ab den 1870er Jahren stellten die Esten erstmals die Bevölkerungsmehrheit in der Stadt. Kurz darauf begann jedoch im ganzen Baltikum eine Russifizierungspolitik, um das damalige nationale Erwachen der Esten, Letten und Litauer zu unterdrücken. Mit der Russifizierung wurden sowohl die Rechte der Deutsch-Balten, die 1881 ihre Privilegien verloren, als auch der Esten, deren Sprache aus den Schulen und dem öffentlichen Apparat verbannt wurde, eingeschränkt.

Deutsche Spuren aus dem frühen 20.Jahrhundert

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Ausrufung der Unabhängigkeit Estlands am 24.Februar 1918 in Reval, welches zugleich in Tallinn umbenannt wurde, kam es auch in Estland zu einem Bürgerkrieg. Die Esten führten sowohl Krieg gegen die deutsch-baltische Landwehr, als auch gegen die Rote Armee der frisch gegründeten Sowjetunion (welche von estnischen Kommunisten unterstützt wurde). Die Esten gingen 1920 siegreich aus den Kämpfen hervor und hatten ihre Unabhängigkeit vorerst gesichert.

Die Siegessäule des Unabhängigkeitskrieges

Als Stalin und Hitler Osteuropa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs geheimvertraglich untereinander aufteilten, fiel Estland (wie das ganze Baltikum) in den sowjetischen Einflussbereich. 1940 marschierte die Rote Armee in Tallinn ein und die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik wurde ausgerufen. Es kam nun zur mit Hitler vereinbarten Umsiedlung der Deutsch-Balten in von Deutschland annektiertes polnisches Gebiet. Außerdem kam es zu Deportionen der estnischen politischen, geistigen und wirtschaftlichen Elite ins GULag. Da Hitler jedoch schon 1941 den Pakt mit Stalin brach, okkupierte das Deutsche Reich Estland und die estnischen Bürger wurden bis 1944 Opfer (und teilweise auch Unterstützer) des nationalsozialistischen Terrors, der insbesondere das jüdische Leben der Stadt auslöschte.

Wohn- und Geschäftshaus aus der Nachkriegszeit

Das Kriegsende brachte den Esten leider nicht ihre Autonomie zurück. Stattdessen restaurierte die siegreiche Sowjetunion die Estnische Sozialistische Sowjetrepublik und die 1940 begonnene Säuberungswelle gegen das estnische Volk wurde fortgesetzt. Außerdem kam es zu einer starken Russifizierungspolitik, die die Esten im Osten des Landes teilweise zur Minderheit machte und in Tallinn in etwa eine Parität zwischen Esten und Russen schuf.

Die Linnahall

1980 wurde Tallinn übrigens ein Schauplatz der an Moskau vergebenen Olympischen Sommerspiele. Die Segelwettbewerbe fanden an der estnischen Ostseeküste statt und Tallinn bekam einige neue Bauwerke, u.a. seinen Fernsehturm und die zuvor von uns besuchte Stadthalle Linnahall. Doch die Sowjetunion hatte ihren Zenit bereits überschritten und in den 1980er Jahren formierte sich estnischer Widerstand gegen das System. Wie auch in Lettland und Litauen begann am Ende des Jahrzehnts die Singende Revolution und 1991 wurde Estland mit Tallinn als Hauptstadt wieder unabhängig.

Der Riigikogu, Estlands Parlamentssitz

Ich habe beim Schreiben übrigens überlegt, ob ich die Stadtgeschichte wirklich aufdröseln soll oder einfach auf die Berichte aus Riga und Vilnius, ergänzt um ein, zwei Anmerkungen, verweise. Die Geschichte der baltischen Hauptstädte bzw. der baltischen Republiken weist wirklich beachtliche Parallelen auf. Doch damit der Bericht auch für sich alleine stehen kann und Tallinn die gleiche Würdigung wie Riga und Vilnius von mir erfährt, obsiegte der Fleiß (was hoffentlich im Umkehrschluss nicht langweilig zu lesen ist).

Blick hinüber in Tallinns neues Geschäftszentrum

Nach 1991 wird die estnische Geschichte außerdem wieder etwas differenzierter. Klar, die Westintegration mit NATO- und EU-Beitritt geschah Hand in Hand mit Lettland und Litauen. Ebenso hat Estland, besonders in Tallinn, mit der Herausforderung der Integration der großen russischen Minderheit im Inneren zu kämpfen und fürchtet die äußere Bedrohung durch Russlands gegenwärtige Außenpolitik. Allerdings hat Estland die größte wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der drei baltischen Staaten geschrieben und Tallinn wurde zum IT- und Finanzplatz des Baltikums (Skype ist zum Beispiel eine estnische Erfolgsgeschichte). In der Digitalisierung lassen die Esten u.a. Deutschland wie ein Entwicklungsland aussehen. Wi-Fi und schnelles Internet gibt es hier wirklich an sprichwörtlich jeder Milchkanne (jeder Bürger hat das Recht auf einen schnellen und kostenlosen Internetzugang) und in Estland ist der öffentliche Sektor nahezu komplett digitalisiert.

Bierpause

Die Esten können über ihre digitale ID alle mögliche Services der Ämter nutzen und sogar an den Wahlen teilnehmen. Nur für Hochzeiten, Scheidungen und Grunderwerb muss der Este noch zwingend auf ein Amt. Ob das weltweit modernste Verwaltungssystem auch das Erstrebenswerteste ist, kann man natürlich kontrovers diskutieren. Und genau das taten Milano, Ole und ich bei ein paar Drinks im Biergarten des Altstadt-Pubs „Hell Hunt“. Ergebnisoffen, versteht sich.

Soljanka im Kompressor

Nach dem ersten Bier des Tages, sollte schließlich die nächste Mahlzeit folgen. Dazu ging es in das Tallinner Pfannkuchenhaus „Kompressor“. Es gab vorweg Soljanka (mit Pulled Pork Einlage) und dann deftige Pfannkuchen mit Hackfleischfüllung und Käse. Zusammen mit einem Softdrink war man gute 10€ los und wurde pappsatt. Köstlich war es obendrein. Deshalb ist der „Kompressor“ wohl auch alles andere als ein Geheimtipp und wir bekamen auch erst im zweiten Anlauf einen Tisch am Abend.

Deftiger Pfannkuchen

Nach dem Essen machten wir als nächstes einen Abendspaziergang rund um den ostseeseitigen Teil der Stadtmauer. Denn heute sollte endlich erstmals in diesem Urlaub die 15km-Marke mit der Kraft der eigenen Beine geknackt werden. Mittwoch in Riga waren es 14,8km, am Donnerstag in Vilnius lediglich 13,3km und weil wir Freitag fast den ganzen Tag im Bus saßen, kamen wir da nur auf 5,7km. Da Bewegung, neben Fußball, Fressen und Saufen, ein Eckpfeiler von Schneppe Tours ist, hatten wir somit Nachholbedarf.

Teil der gut erhaltenen Stadtmauer

Die Tallinner Stadtbefestigung wurde ab 1265 auf Geheiß der dänischen Königin Margarethe gebaut und in den kommenden Jahrhunderten auch von den nachfolgenden Herrschern über Reval / Tallinn immer weiter ausgebaut. Im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit galt Reval deshalb als bestbefestigte Stadt im Ostseeraum. Dass der beeindruckende Wehrturm „Dicke Margarethe“ von 1510 die dänische Urheberin der Fortifikation nachträglich ehren sollte, ließ sich aber nicht verifizieren.

Die Dicke Margarethe

In der Neuzeit wurden der Stadtbefestigung von den Schweden noch mächtige sternförmige Bastionen vorgelagert, um dem Zeitalter der schweren Artillerie gerecht zu werden. Als diese Mitte des 19.Jahrhunderts überflüssig geworden waren und zurückgebaut wurden, enstanden an ihrer Stelle der mittelalterlichen Stadtmauer – die man zum Glück erhielt – vorgelagerte Parkanlagen.

Wehrturm Langer Hermann von 1370

Dort rasteten wir zwischendurch und hörten ins just veröffentliche Nordachse-Snippet von MC Bomber und Shacke One rein. Da wir uns gleich Karten für den Auftritt des dynamischen Nordberliner Rap-Duos in Hannover sicherten (1.Dezember), muss uns wohl gefallen haben, was wir da auf die Lauscher bekamen. Nach ausreichend Borjomikonsum zogen wir jedoch weiter und genossen den Domberg und die Stadtbefestigung mal von außen.

Stenbockpalais von 1792, heute der estnische Regierungssitz

Als es gegen 21 Uhr erneut in die Altstadt ging, wirkte die Stadt schon wieder belebter als am späten Nachmittag / frühen Abend und anstatt Touri-Gruppen, waren viele Kleingruppen auf Party aus. Auch gab es einige Junggesellen- und Junggesellinnenabschiede. Klar, dass wir ebenfalls Bierdurst bekamen. Als eine Pinte mit Halben für 3€ warb, konnten wir nicht widerstehen und stießen auf den bisher gelungenen Urlaub an.

Prost! Oder Öhtusöök, wie man in Estland sagt

Bier regt bekanntlich den Appetit an und so streunerten wir im Anschluss nochmal durch die Altstadt, um eine Möglichkeit für ein preiswertes spätes Abendessen zu finden. Beim Bistro „Frank“ wurden wir schließlich fündig. Die Kollegen Pete und Ole betsellten sich Philly Cheesesteaks mit Fritten (je 12€), während ich mir ein vorgezogenes Frühstück um 22 Uhr abends gönnte (7,50€). Dazu gab es hausgemachte Himbeer-Zitronen-Limonade à 5,50€ pro Karaffe.

English Breakfast in the evening

Gegen 23 Uhr ging es allerdings schon wieder zurück ins Apartment, da wir am nächsten Morgen eine frühe Fähre nach Helsinki gebucht hatten. Als Fazit lässt sich auf jeden Fall ziehen, dass Riga und Vilnius sehr schöne Städte sind, doch Tallinn beide nochmal toppt. Wirklich ein traumhaft schöner Ort, der auch noch genug Sehenswürdigkeiten für weitere Tage geboten hätte (z. B. Schloss Katharinental oder der Ülemiste-See, der in der estnischen Mythologie eine wichtige Rolle spielt). Zum Fußball lohnt Estland zwar nicht, aber ich werde bestimmt trotzdem nochmal wiederkehren. Stadionbesuche sind bei meinen Reisen schließlich nur Nebensache.