Dresden 09/2019

Als ich jüngst nach Prag reiste, beschloss ich bei der Durchfahrt durch die Sächsische Schweiz, dass ein Ausflug dorthin (in Kombination mit Dresden) mal wieder eine gute Sache sei. Zumal InterCityBerger, der stumme Kai und meine Wenigkeit eh irgendwann unseren nun in Dresden rumforschenden Kumpel Johnny Power besuchen wollten. Am Freitag den 6.September starteten wir um 15 Uhr nach einer gemeinsamen Currywurst-Stärkung gen Sachsen. Mit der noch nicht lange zurückliegenden Hochzeit von InterCityBerger und seiner Jugendliebe – sowie dem vorgeschalteten Junggesellenabschied nach Utrecht, dessen Reisebericht selbstredend CTS klassifiziert ist – hatten wir natürlich auch gute Gesprächsthemen für eine kurzweilige Autofahrt.  Gegen 19 Uhr wurde Dresden erreicht und Johnnys stadionnahe WG war schnell gefunden. Kurz das Nachtlager vorbereitet und dann fuhren wir mit der Tram zu viert in die Dresdner Neustadt.

Pizza Quattro Formaggi

Zunächst einmal gab es Abendessen in Form einer Pizza im Imbiss „Bonjorno“ (schreibt sich wirklich so). Da kosten alle 30cm-Pizzen nur je 5€ und lecker sind sie obendrein. Jetzt waren wir reif für die hiesige Kneipenszene und begannen den großen Umtrunk im „Little Creatures“. Nette Bar, die den kleinen Helden der Unterhaltungsgeschichte an ihren Wänden huldigt (halt Figuren wie Mogwai, Willow, Meister Yoda, Alf oder Schlapperplapper) und eine gute Auswahl auf der Getränkekarte bietet. Wir stiegen hier mit Pilsner Urquell ins Fassbiergeschäft ein und zogen nach ein paar Runden weiter in die Indiekneipe „Mondfisch“. Dort gönnten wir uns fassfrisches Dresdner Feldschlößchen. Der „Crawl“ führte uns anschließend ins „Madness“. Die Pinte war Berger und mir bereits vom vorigen gemeinsamen Dresdenbesuch bekannt und feiert optisch größtenteils die britische Popkultur an seinen Wänden (u. a. Filme wie Quadrophenia oder Trainspotting). Hier wurde uns tschechisches Lagerbier als süffiges Hausbier zum schmalen Preis serviert.

Stopp Nr.2: Mondfisch

Auch nach diesem Abstecher blieb in der abends mächtig belebten Neustadt noch genug Auswahl für weitere gastronomische Impressionen. Nächster Stopp war die „Bar Paradox“ mit einer sehr großen Craftbeerauswahl auf der Schiefertafel. Irgend ein experimenteller Kleinsud aus dem Hause Maisel kam in den Hunken, aber ich weiß den Namen nicht mehr. Irgendwie wurden wir mit dem hochfrequentierten und zu hell beleuchteten Laden auch nicht wirklich warm und zogen alsbald in den Irish Pub „Old Beams“ weiter. Der existiert schon seit 1997 und konnte ebenfalls nicht über fehlendes Publikum klagen. Hier gab es stilgerecht Guinness und ein interessantes Gespräch mit Gunnar vom Nachbartisch. InterCityBerger saß am nächsten dran und musste den Wendeverliererversteher mimen. Er versuchte seine Argumente gegen Parteien wie die AfD und über die Vorzüge unseres Systems nicht als Besserwessi vorzubringen. Nichtsdestotrotz wird Gunnar wohl auch nach der Begegnung mit Berger immer noch der Meinung sein, dass die BRD kein freies Land und ein Unrechtsstaat ist. AfD oder so will er aber nicht wählen, weil wenn Wahlen was ändern würden, wären sie laut ihm schon längst verboten.

Auf die Freundschaft

Nach der „Last Order“ im „Old Beams“ war es mittlerweile 1:30 Uhr. Zeit für einen Mitternachtssnack und da „Bonjorno“ schon den Ofen aus hatte, ging es gegenüber zum orientalischen Imbiss „Dürüm Kebab Haus“. Selbst der mittelmäßigste Döner kann im Suff bekanntlich eine echte Offenbarung sein und gab vor allem Energie für den letzten Stopp der Kneipentour. Wir suchten gegen 2 Uhr nachts noch das „Hebedas“ auf. Der Vintage-Shabbylook der Musikkneipe zog viele Hipster an und das Personal schien modisch auch diese Schiene zu fahren. Wir ließen uns am Kachelofen nieder, während Teile des Publikums zu trashigem Pop aus den 90ies tanzten.

Late Night Kebab

Nach kurzer Zeit stand abermals Berger im Mittelpunkt des Geschehens. Paula vom Nachbartisch vermisste ihre Balkantasche und zufälligerweise hatte Berger das gleiche Modell aus dem Hause Carhartt. Paula versuchte sich der Umhängetasche unseres Freundes zu bemächtigen, was ihr aber nicht gelang. In Rage äußerte sie ihre Diebstahlsvorwürfe und nachdem wir sie etwas beruhigen konnten, durfte sie in Bergers Tasche schauen und feststellen, dass es doch nicht ihre ist. Ein tränenreicher Moment! Eigentlich war das Feld jetzt perfekt für so einen empathischen Tröstteddy wie mich bereitet, doch a) war ich zwischen dem Kachelofen und dem bereits schlafenden Johnny eingekeilt und b) selbst schon stark angeschlagen. Außerdem tauchten alsbald Paulas Freundinnen auf und es stellte sich dabei heraus, dass Paula Geburtstag hatte. Hoffentlich hielt das Geburtstagswochenende am Ende doch noch ein paar Höhepunkte für sie parat. Wir raubten uns derweil mit weiteren Bieren die Perspektive auf Wanderhöhepunkte im späteren Tagesverlauf. Insgesamt fünf oder sechs Liter Bier pro Person waren dann aber auch mal genug und Berger hatte als noch fähigster Tourteilnehmer die Aufgabe ein Taxi zu organisieren. Gelang ihm mit Bravour und gegen 5 Uhr lagen alle in der Heier.

Irgend eine Plörre im Hebedas

Am nächsten Vormittag kam es, wie es kommen musste. Alle waren arg angeschlagen und keiner hätte ein Fahrzeug führen dürfen. Zum Glück war das Wetter kacke, so dass es nicht ganz so schlimm war die geplante Wanderung im Elbsandsteingebirge ausfallen zu lassen (Schwedenlöcher, wir stopfen euch ein anderes Mal!). Doch den ganzen Tag auf Sofas oder Luftmatratzen zu lungern, war natürlich keine Alternative. Deshalb wagten wir uns gegen 12:30 Uhr an die frische Luft. Ich kaufte mir noch schnell ein belebendes Getränk in einem Einkaufszentrum am Straßburger Platz und dann ging es die paar hundert Meter in die Altstadt zu Fuß.

Johnny’s hood in the morning

Im historischen Kern Dresdens beschäftigten wir uns nun ausgiebig mit der Stadtgeschichte und den stummen Zeitzeugen a.k.a. Sehenswürdigkeiten. Ein guter Einstieg war natürlich der Dresdner Fürstenzug. Auf rund 23.000 Meißener Porzellankacheln werden dort seit 1907 insgesamt 34 über Sachsen herrschende Markgrafen, Herzöge, Kurfürsten und Könige aus dem Geschlecht der Wettiner gewürdigt. Konrad der Große (1127 bis 1156 Markgraf von Meißen) ist der erste und Georg von Sachsen (1902 bis 1904) der letzte dargestellte Herrscher des Reiterzuges. Beim Abschreiten des 102 Meter langen Wandbildes stolperten wir über manchen kuriosen Namen bzw. Beinamen. Dietrich der Bedrängte (1198 bis 1221 Markgraf von Meißen), Albert der Entartete (1288 – 1307) oder Friedrich der Gebissene (1292 – 1323) weckten auf jeden Fall unser Interesse an einer Auseinandersetzung mit ihren Biografien.

Der Dresdner Fürstenzug

Die ersten Fürsten herrschten zu einer Zeit über diese Region, als Dresden noch eine unbedeutende Siedlung an der Elbe war (der Stadtname leitet sich übrigens von einem slawischen Wort für Sumpfbewohner ab). Die erste urkundliche Erwähnung kann man bisher auf das Jahr 1206 datieren, das Stadtrecht bekam Dresden vermutlich 1403 verliehen. 1485 wurde es Residenzstadt der sächsischen Herrscher und blieb dies bis 1918. Als Kurfürst Moritz (der natürlich auch im Fürstenzug abgebildet ist) im Jahre 1549 die rechts- und linkselbischen Teile der Stadt vereinigte, vergrößerte sich Dresden erstmals deutlich und zur gleichen Zeit entstand das Residenzschloss im architektonischen Stil der Renaissance. Da Dresden vom Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) verschont wurde, gab es hier auch nicht den für viele deutsche Städte typischen Entwicklungsknick im 17.Jahrhundert. Dafür wurde die sächsische Metropole in den folgenden großen Kriegen immer stark in Mitleidenschaft gezogen und vor Epidemien oder Feuersbrünsten war man natürlich auch nicht gefeit.

Die Frauenkirche

Sein bis heute bewundertes barockes Zentrum bekam die Stadt im späten 17.Jahrhundert und im frühen 18.Jahrhundert (unter Friedrich August I., besser bekannt als August der Starke, und unter seinem Sohn Friedrich August II.). August der Starke ist wohl der bekannteste sächsische Fürst der Geschichte. Er war nicht nur von 1694 bis 1733 Kurfürst Sachsens, sondern auch von 1697 bis 1733 (mit kurzer Unterbrechung) König von Polen-Litauen. Für die polnische Königswürde musste er selbstredend vom Protestantismus zum Katholizismus konvertieren, was in der Reformationshochburg Sachsen Unruhe auslöste. Doch er und sein ebenfalls konvertierter Sohn garantierten die Glaubensfreiheit ihrer Untertanen und förderten außerdem den Bau der protestantischen Frauenkirche (von 1726 bis 1743 erbaut) erheblich. Nichtsdestotrotz wollte Friedrich August II. nach dem Tod seines Vaters auch eine repräsentative katholische Kirche in Dresden haben. Von 1739 bis 1755 ließ er die Katholische Hofkirche nach Plänen des italienischen Architekten Gaetano Chiaveri, der bisher in Warszawa (Warschau) für die Wettiner wirkte, errichten. Neben der Frauenkirche ein weiterer herausragender Sakralbau des Dresdner Barocks.

Die Katholische Hofkirche

Da wir uns jetzt in der Epoche des Barocks und im Zeitalter des Absolutismus befinden, ging es unter den Augusten am Dresdner Hofe fraglos viele Dekaden äußerst dekadent zu. Zu nennen ist da zuvorderst die Hochzeit von Friedrich August II. mit der österreichischen Erzherzögin Josepha, Tochter des Habsburgermonarchen und Kaisers des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRR) Joseph I. Nach der Vorstellung von August dem Starken, sollte die 1719 vollzogenene und schon seit vielen Jahren angebahnte Ehe für sein Haus langfristig ein mitteleuropäisches Riesenreich aus Sachsen, Polen-Litauen, Böhmen, Österreich, Ungarn usw. schaffen und möglichst auch einen Wettiner auf den Kaiserthron des HRR hieven. Zelebriert wurde die Eheschließung von Friedrich August II. und Josepha deshalb schon mal in einem selbst für die Barockzeit gigantischen Ausmaß und weil Dresden aktuell den 300.Jahrestag der Vermählung würdigte (unter anderem im 1719 frisch eröffneten und damals groß eingebundenen Zwinger), kamen wir nicht an den Details der Zeremonie vorbei.

Der Zwinger aus dem frühen 18.Jahrhundert

Am 2.September 1719 erreichte das in Wien vermählte Paar auf einer Replik der venezianischen Staatsgaleere, begleitet von einem Orchester an Deck und einer ganzen Regatta von Prunkschiffen im Schlepptau, die sächsische Residenzstadt. August der Starke empfing das Brautpaar auf der Vogelwiese und man hielt anschließend mit über 100 geschmückten Kutschen Einzug ins Dresdner Residenzschloss. Es folgten vier Wochen voller Feierlichkeiten, die wohl für jeden Zeitzeugen unvergesslich blieben. Einzelne, mehrtägige Abschnitte wurden den sieben Planeten gemäß antikem, also geozentrischem Weltbild gewidmet. Es gab ergo Planetenfeste zu Ehren von Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus und Saturn bzw. zu Ehren der entsprechenden Gottheiten Sol, Diana, Mars, Mercurius, Jupiter, Venus und Saturn. Am Hof fanden zahlreiche Konzerte, Tanzabende, Theateraufführungen und Festbankette unter „Schirmherrschaft“ eines der sieben Planeten statt.

Der Marstall

Außerdem wurde das neue Dresdner Opernhaus am Zwinger, Vorgängerbau der berühmten Semperoper, mit mehreren Stücken berühmter zeitgenössischer Schöpfer eröffnet (u. a. wurde die Oper „Teofane“ von Antonio Lotti dort seinerzeit uraufgeführt). Der Mond, respektive die römische Jagdgöttin Diana stand derweil Patin für einige Schaujagden. So wurden in einem extra errichteten hölzernen Amphitheater verschiedene wilde Tiere (z. B. Löwen, Panther, Paviane oder Bären) aufeinander losgelassen und dann von August dem Starken und dem Brautpaar vor rund 4.000 begeisterten Zuschauern abgeschossen. Oder bei einer Wasserjagd wurden 400 Hirsche, Rehe und Wildschweine in die Elbe getrieben und dort abgeschossen. Zu Ehren des Kriegsgottes Mars gab es ferner im Innenhof des Marstalls Schaukämpfe zu Fuß und zu Pferd, dem Sonnengott Sol wurde u. a. mit einem Festoratorium und anschließendem Höhenfeuerwerk gehuldigt, Mercurius war Namenspatron eines Jahrmarktes der Nationen und beim Venusfest gab es Musik und Tanz, sowie mit Georg Friedrich Händel (extra aus London angereist) und Georg Philipp Telemann zwei damalige Weltstars als Ehrengäste.

Das prächtige Kronentor des Dresdner Zwingers

Auch Jupiter (u. a. mit großer Pferdeparade) und Erdgöttin Erda bekamen Theater und Bankette gewidmet. Den krönenden Abschluss der vier Partywochen stellte jedoch das Saturnusfest (26. bis 29.September 1719) im Plauenschen Grund dar. Bei den alten Römern waren die Saturnalien ein Bauern- bzw. Erntefest, doch August der Starke widmete es seinen Bergleuten und ihren Schätzen aus der Tiefe um. Dazu passte, dass den sieben Planeten in der Alchemie die sieben Metalle Gold, Silber, Eisen, Quecksilber, Zinn, Kupfer und Blei zugeordnet wurden und außerdem der sächsische Reichtum auf den metallischen Bodenschätzen des Landes fußte. Am Rande des Erzgebirges kam es nun zu einer weiteren großen Schaujagd und in einem eigens errichteten Naturtheater wurden Komödien aufgeführt. Ebenfalls nur für dieses Fest wurde ein prächtiger Saturnustempel erbaut. Im üppigen Tempelbau wurden die Hochzeitsgeschenke des Brautpaares präsentiert und 350 als türkische Janitscharen gewandete sächsische Soldaten bedienten die hier dinierende Festgesellschaft. Höhepunkt war schließlich eine Parade mit etwa 1.600 fein herausgeputzten Bergleuten aus ganz Sachsen und einer Leistungsschau mit eigens mitgeführtem Hochofen und einer Münzprägemaschine.

August der Starke, hier als „Der Goldene Reiter“ in der Dresdner Neustadt (Denkmal von 1736)

Die ganzen vier Wochen waren natürlich in erster Linie europaweit wahrgenommene Imagepflege von August dem Starken, aber seine Hoffnungen, dass Sachsen in der Folgezeit im Machtspiel der europaäischen Dynastien weiter aufsteigt, erfüllten sich nicht. Zum einen war Sachsen wegen der opulenten Feierlichkeiten nun hoch verschuldet (die geschätzten Gesamtkosten von 6 Millionen Talern waren das 20fache des höfischen Jahresetats). Zum anderen konnte aufgrund der von Josephas Onkel Karl VI. eingeführten Pragmatischen Sanktion keiner von Augusts Nachkommen den Wiener Thron besteigen und ebensowenig Kaiser des HRR werden. Denn nach dem Tod von Joseph I. stand dessen Bruder Karl auf Platz 1 der damals nach alter Sitte ausschließlich männlichen Erbfolge, doch die nun von ihm eingeführte Pragmatische Sanktion erlaubte auch Frauen – und damit Karls Tochter Maria Theresia – die Krone(n) der Habsburger Besitzungen zu erben, während zuvor ein männlicher Nachkomme von Josepha nach Karls Ableben den Thronanspruch inne gehabt hätte. Die neue Regel wollten nach Karls Tod 1740 allerdings viele irgendwie involvierte Fürsten- und Königshäuser, u. a. auch Sachsen, nicht hinnehmen, so dass es zum Österreichischen Erbfolgekrieg kam (1740 – 1748). Hier gab es für Sachsen jedoch nichts zu gewinnen und zugleich wurde der regionale Rivale Preußen mit der erfolgreichen Annexion Schlesiens (von den Habsburgern) noch mächtiger. Ferner verlor Friedrich August II. und damit das Haus Wettin durch den Siebenjährigen Krieg (1756 – 1763) auch bald die polnisch-litauische Krone. In beiden Kriegen hatte Preußen übrigens zeitweise Dresden besetzt und teilweise zerstört.

Gründerzeitarchitektur in der Neustadt

Auch die Napoleonischen Kriege (1792 – 1815) zogen die Stadt stark in Mitleidenschaft und an deren Ende verlor Sachsen beim Wiener Kongress obendrein große Gebiete an Preußen (58,2% des bisherigen Staatsgebietes). Es begann nun aber bis zum Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) ein friedliches Jahrhundert, welches Dresden zu neuer Blüte und neuem Reichtum trieb. Durch die Industrialisierung wuchs die Bevölkerung von rund 50.000 Einwohnern im Jahre 1815 auf über 500.000 im Jahre 1914.  In den Jahrzehnten ab 1850 entstanden dabei die für Dresden typischen Industriezweige Feinmechanik, Optik, Hygiene und Genussmittel (u. a. Schokolade & Zigaretten) und ab 1871 war das Königreich Sachsen ein Gliedstaat des Deutschen Kaiserreichs. Mit Ende des Ersten Weltkriegs, endete 1918 auch die Monarchie im Deutschen Reich und seinen Gliedstaaten. Der letzte sächsische König Friedrich August III. dankte ab  und Dresden war nicht mehr Residenzstadt des Königreiches Sachsen, sondern fortan Hauptstadt des Freistaates Sachsen als Teil des nun demokratischen Deutschen Reiches (genannt Weimarer Republik). Durch Eingemeindungen wuchs die Stadt in den 1920er und 1930er Jahren nochmal deutlich und bei der Volkszählung im Juni 1933 wurde mit 649.252 die bis heute höchste Einwohnerzahl in der Geschichte Dresdens erreicht.

Fragment der zerstörten Frauenkirche als Mahnung der Geschichte

1933 war auch das Jahr der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Deutschen Reich und der vom NS-Regime entfesselte Zweite Weltkrieg (1939 – 1945) sollte zum Fanal für die ob ihrer Schönheit Elbflorenz genannte Stadt werden. Die Nazis löschten nicht nur das jüdische Leben in Dresden vollständig aus, auch verfolgten, deportierten und ermordeten sie – wie im ganzen Deutschen Reich und später in den besetzten Gebieten – alle anderen erklärten Feinde ihrer Ideologie. Als Dresden ab Mitte 1944 für die Bomber der unaufhörlich vorrückenden alliierten Kriegsgegner in Reichweite kam, wurde die Garnisions- und Industriestadt mit ihren über 100 strategischen Angriffszielen (Kasernen, Rüstungsfabriken, Bahnanlagen etc.) regelmäßig stark bombardiert. Ihren Höhepunkt fanden die Luftangriffe Angriffe am 13. und 14. Februar 1945, bei denen die innerstädtischen Stadtteile nahezu vollständig zerstört wurden und schätzungsweise 25.000 Menschen den Tod fanden.

Nachkriegsarchitektur

Nach dem Krieg gehörte Dresden zur SBZ (Sowjetische Besatzungszone) und wurde somit 1949 Teil der Deutschen Demokratischen Republik. Die kommenden Jahrzehnte waren vom Wiederaufbau der großflächig zerstörten Stadt geprägt, wobei Teile der barocken Altstadt rekonstruiert wurden (u. a. der Zwinger und die Hofkirche). Außerdem bekam Dresden ab 1965 mit der völlig neu konzipierten Prager Straße eine moderne Hauptachse zwischen Hauptbahnhof und Altmarkt. Um den großen Bedarf an Wohnraum zu decken, entstanden ansonsten natürlich auch Plattenbausiedlungen wie Gorbitz und Prohlis in der Peripherie oder auch diverse „Platten“ im Zentrum (z. B. in der Pirnaischen Vorstadt oder in der Johannstadt). Wirtschaftlich blieb man auch im DDR-Maßstab spitze (nur die Hauptstadt Ost-Berlin war wohlhabender) und außerdem wurden die Bürger nicht so sehr mit den Verlockungen des Westens konfrontiert wie anderswo in der DDR. Denn in Dresden konnte man wegen der großen Entfernung zu West-Berlin und Westdeutschland größtenteils keine Fernseh- und Radiosender der BRD empfangen werden. Das gab der Gegend im Volksmund den Beinamen „Tal der Ahnungslosen“.

Eine Platte im Zentrum

Nichtsdestotrotz ging man im Sommer und Herbst 1989 auch in Dresden für Reformen auf die Straße und hierbei kann ich nochmal an meinen vorangegangen Reisebericht aus Prag anknüpfen. Denn die Proteste verliefen zwar auch in Dresden zunächst friedlich, doch das sollte sich Anfang Oktober ändern. Nachdem den DDR-Flüchtlingen auf dem Prager Botschaftsgelände der BRD die Ausreise in die Bundesrepublik am 30.September 1989 bewilligt wurde, mussten die Züge von Prag über Dresden in die BRD fahren. Am 4.Oktober kam es zur Durchfahrt einiger Prager Flüchtlingszüge und rund 3.000 Demonstranten wollten durch eine Besetzung des Hauptbahnhofs einen Halt der Züge und somit möglichst eine Mitreise erzwingen. Hier musste die Volkspolizei unmittelbaren Zwang anwenden, es blieb aber zum Glück „nur“ bei Verletzten. Einen Monat später fiel die Mauer und Dresden wurde im 1990 wiedervereinigten Deutschland Hauptstadt eines neuerlichen Freistaates Sachsen. Zu einem Symbol der Wiedervereinigung sollte dann in den Folgejahre der bisher ausgebliebene Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche werden. Erste Arbeiten begannen 1993 und 2005 konnte das 180 Mio € teure Projekt abgeschlossen werden (115 Mio € kamen von privaten Spendern, 65 Mio € aus öffentlichen Kassen).

Die Neustadt ist bunt

Durch das vorhandene wirtschaftliche Potential, konnte Dresden außerdem den Sprung in die Marktwirtschaft besser als andere Städte der ehemaligen DDR meistern. Zwar kam es auch hier zu einem Strukturwandel und einhergehender hoher Arbeitslosigkeit, doch schnell entwickelte sich Dresden zu einem der wichtigsten Technologiestandorte des wiedervereinigten Deutschlands (u. a. in der Mikroelektronik, Informations- und Kommunikationstechnologie). Das Bruttoinlandsprodukt ist in Dresden ziemlich deckungsgleich mit dem Bundesdurchschnitt und bei wichtigen wirtschaftlichen Kennzahlen liegt Dresden innerhalb der Neuen Bundesländer häufig vorn. Die schöne Stadt und die hohe Lebensqualität werden allerdings immer wieder von politischen Signalen aus Dresden in den Schatten gestellt. Als Pegida-Stadt und Hauptstadt eines Bundeslandes, in dem zunächst die NPD und aktuell die AfD Rekordergebnisse erzielen konnte, hat Dresden nicht den besten Ruf. Eine Aufdröselung der poltischen Umstände und Verhältnisse in Dresden (oder Sachsen oder der gesamten ehemaligen DDR) würde jetzt zu weit führen – und leisten kann ich die so oder so nicht vollumfänglich -, aber es sollte schon erwähnt werden, dass die rechtsoffenen bis rechtsextremen Menschen nicht die Mehrheit sind und Dresden an vielen Stellen sehr bunt ist.

Steak au four

Am Abend hatten wir genug von Sightseeing und Stadtgeschichte und der körperliche Zustand ließ außerdem wieder eine neuerliche Alkoholzufuhr als bedenkenlos durchführbar erscheinen. Um Hunger und Bierdurst zu stillen, fuhren wir aus der Neustadt mit einem Taxi nach Mickten und ließen uns im „Ball- und Brauhaus Watzke“ nieder. Passend zum letzten Absatz, kam das Lokal vor wenigen Jahren durch eine AfD- bzw.- JA-Veranstaltung mit Bernd, äh Björn Höcke als Hauptredner in Verruf. Wir wollen jetzt aber nicht groß zitieren, sondern nur „Denkmal der Schande“ als Stichwort erwähnen. Als der Faschopilgerei unverdächtigte Personen, ging es uns aber natürlich nur um das Essen (und natürlich auch um das Bier). Denn hier gibt es laut InterCityBerger die beste Haxe Deutschlands (und der Mann hat schon viele Haxen in seinem Leben gegessen!). Ich nahm aber im Gegensatz zu meinen Begleitern lieber erstmal nur etwas Kleines zu mir (der Körper hatte kurz zuvor noch Signale gesendet, dass ich es noch nicht übertreiben soll) und wurde von einem Steak au four auch satt.

Biergenuss bei Watzke

Nach dem Essen stieg der Bierkonsum wieder an und wir verweilten noch für ein paar Runden im Brauhaus. Im neoklassizistischen Gemäuer von 1898 war es einfach gemütlich. Anschließend ging es gegen 21.30 Uhr mit der Tram in Richtung Altstadt. Noch eine Partynacht musste zwar nicht sein, aber noch ein, zwei Absacker rund um die Frauenkirche durften es schon werden. Außerdem wollten wir das nächtliche Altstadtpanaroma an der Elbe nochmal genießen. Für gute Fotos hätte es natürlich gute Kameratechnik gebraucht (Handyfotos können diesen Anblick der illumierten Barockbauwerke und ihre Spiegelung in der Elbe nicht wirklich transportieren), aber es ist ja nicht nur was für die Linse, sondern auch für’s Auge. Überhaupt; oft denke ich, viele Touris kommen nur für schnelle Fotos irgendwo hin und schenken dem Motiv kaum die gebotene Aufmerksamkeit. Dass ich in dieser Causa trotz Fotografiefimmel den Zeigefinger erheben darf, beweisen wahrscheinlich die mittlerweile über 500.000 von mir geschriebenen Wörter rund um meine Fotos auf dieser Internetpräsenz.

Miese Handyfotoqualität eines wunderschönen Motivs

Nach dem Panaroma, folgte nochmal die Nahdistanz und dabei machen Frauenkirche & Co nachts ebenso einen hübschen Eindruck. Zumal gegen 22 Uhr fast keine Touris mehr zugegen waren. Der Einheimische frequentiert seine Altstadt jedoch anscheinend auch kaum zu später Stunde, so dass viele Lokale bereits ihre Pforten geschlossen hatten. Na ja, im „Augustiner“ brannte noch Licht und wir nahmen auf der Außenbestuhlung im Schatten der Frauenkirche Platz. Uns wurden vier Krüge der Münchner Bierspezialität Augustiner Edelstoff gereicht und nebenan genossen vier Rheinländer in Anzug und Krawatte, aber mit Narrenkappe auf dem Kopf auch ihre kleinen Biere. Das animierte einen passierenden Touristen, mutmaßlich norddeutscher Herkunft, zur Imitation eines Karnevalstusches. Der Mann erntete allerdings nur böse Blicke von den vermeintlichen Frohnaturen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, doch das Gespräch zu suchen. „Mensch, ihr seid doch ein Karnevalsverein, so macht ihr doch immer, ne?“ Einer des rheinischen Quartetts entgegnete kühl „Mir sin ’ne Jesellschaft. Dat heisst Karnevalsjesellschaft!“. Es fehlte nur noch der Nachsatz „Und jetzt zisch ab!“, aber die Botschaft kam auch so an und der Passant wünschte nur noch einen schönen Abend, wofür er maximal ein Zunicken erntete.

Frauenkirche bei Nacht

Nach dieser Begegnung der besonderen Art, wurden im Augustiner so langsam die Tische abgeräumt. Wir orientierten uns in Richtung von Johnnys Exilunterkunft, stoppten jedoch noch spontan auf zwei Runden Bier in der Bierbar „ASS“. Zumindest an Spieltagen scheint es den vielen Aufklebern am Interieur nach eine Dynamo-Fankneipe zu sein, heute saßen hier aber nur ein paar Stammzecher aus der Nachbarschaft. Um 0:30 Uhr machte schließlich auch dieser Wirt seine Schotten dicht und fünf Minuten später saßen wir tatsächlich in Johnnys vier Wänden.

Ist das Glas halb leer oder halb voll?

Dort sondierten wir die Bierreserven und die waren natürlich nicht ausreichend. Also wurde nochmal etwas Gerstensaft beim „Bier Butler“ geordert. Anscheinend ein beliebter 24/7-Bierlieferservice in der sächsischen Landeshauptstadt. Zwölf halbe Liter Feldschlösschen kosteten übrigens 18,96€ (inklusive Flaschenpfand) und schmeckten zu nächtlicher Stunde formidabel. Dazu lief Trinklust befeuernde Musik in Zimmerlautstärke. Später wechselten wir aber auch zu seriöser Beschallung und ein Musikvideo der „Foo Fighters“ regte an, sich noch diverse alte Werbespots der Marke „Mentos“ anzuschauen (die sind im Video zu „Big Me“ wirklich hervorragend persifliert). Als endlich kein Bier mehr übrig war, näherte sich der kleine Zeiger auf der Wanduhr schon wieder der Ziffer 5. Also ab ins Bett!

Läuft da etwa der Bierkapitän?

Sonntag wurden wir in den Mittagsstunden nach und nach wieder wach und all meine Pläne in Dresden oder auf dem Rückweg noch irgendwo ein räudiges Amateurfußballspiel zu besuchen (es war Länderspielpause im höherklassigen Fußball), wurden mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit unseres Trios abgeschmettert. Stattdessen riefen die ausgelaugten Körper nach Kalorien und wir beschlossen am Nachmittag nochmal „Bonjorno“ in der Neustadt aufzusuchen. 5€ für ’ne Pizza sind eben echt ’n gutes Geschäft. Nach dem Pizzasnack und einer weiteren Capricciosa to go signalisierte Berger Abfahrbereitschaft. Deshalb nahmen wir Abschied von Johnny und bedankten uns für die großartige Gastfreundschaft.

Nochmal Pizza bei Bonjorno

Zwei größere Staus verzögerten zwar unsere Ankunft im Herzen Niedersachsens deutlich, pünktlich zur Tagesschau lag ich aber auf dem heimischen Sofa. Tja, beim nächsten Wandertrip machen wir es so wie beim letzten Mal; lieber erst Samstag in aller Frühe gen Dresden aufbrechen und gleich losmarschieren. Gibt es keinen süffigen Vorabend, klappt’s bestimmt auch wieder mit dem Wandern. So war eigentlich klar, dass wir Freitagabend in Dresden auf keinen Fall die Füße stillhalten können und keiner aus unserem Umfeld war überrascht, dass die Wanderklamotten das ganze Wochenende über im Kofferraum blieben.