Cardiff, Bristol & Swansea 01/2020

01.01.2020
Bristol City F.C. – Brentford F.C. 0:4
Championship (II)
Ashton Gate Stadium (Att: 20.858)

Wie schon die Jahre 2018 und 2019, sollte auch das Jahr 2020 gleich mit einem Fußballspiel beginnen. Um derlei Ansinnen zu gerecht zu werden, ist Großbritannien der perfekte Ort zum Jahreswechsel. Deshalb ging es am 31.Dezember mal wieder auf die Insel. Der „Place to be“ für unsere Silvesterparty hieß Cardiff. Ausflüge nach Bristol und Swansea sollten folgen, ehe der Trip am ersten Januarwochenende in Stockport und Manchester ausklang. Für diese geballte UK-Dosis flog ich mit Ole am letzten Tag des Jahres 2019 von Hannover nach Heathrow, während Max bereits in Cardiff weilte. Denn er wollte unbedingt den wahrhaftigen Länderpunkt Wales eintüten. Das geht, wie schon mehrfach juristisch geklärt wurde, nicht bei Heimspielen von im englischen Ligasystem verhafteten Clubs wie Cardiff City oder Swansea City, sondern nur wenn die Football Association of Wales (FAW) oder ein in diesem Verband organisierter Club der Veranstalter eines Fußballspiels auf walisischem Boden ist. Deshalb schaute Max am 30.Dezember 2019 den Straßenfeger Cardiff Metropolitan F.C. vs. Barry Town F.C. (Cymru Premier, also 1.Liga Wales). Glückwunsch zum LP! Mal abgesehen davon, dass ich am 30.Dezember noch gearbeitet habe, hatte ich den wahrhaftigen und unzweifelhaften LP Wales natürlich schon vor Jahren eingetütet und sogar schon mehrfach bestätigt (Ole übrigens ebenso).

Ein Prosit im „The Flying Chariot“

Am Silvestermorgen ging es nach dem Frühstück zum hannoverschen Flughafen und um 11:20 Uhr hoben wir mit British Airways gen Heathrow ab (45£ / 52€ p. P.). Schon 77 Minuten später stand der Airbus A320 auf angelsächsischem Asphalt (11:37 Uhr Ortszeit) und um 14:30 Uhr sollte es mit Megabus weiter nach Cardiff gehen (16£ / 19€ p. P.). Also erstmal genug Zeit, um im Airport Pub „The Flying Chariot“ ein paar Pints zu ordern und einen kleinen Mittagssnack zu genießen. Dann kam am Busbahnhof von Heathrow ein bisschen Spannung auf, weil unser Bus nicht auf der digitalen Abfahrtstafel auftauchte, sowie ein wenig Unmut, weil der dortige „WH Smith“ kein Bier im Sortiment führte. Musste die Reise vorerst trockenfröhlich weitergehen, denn der „Phamtombus“ tauchte gegen 14:30 Uhr tatsächlich auch ohne Vorankündigung auf.

Meine Betten für die ersten drei Nächte

Die Hauptstadt von Wales (364.000 Einwohner) wurde planmäßig um 17:45 Uhr erreicht und erstes Ziel war natürlich das gebuchte Ibis Hotel, in welchem Oles Zimmerpartner Max bereits eingecheckt war und einen kulinarischen Gruß aus dem Hause „Carling“ auf den Kopfkissen drapiert hatte (Hvala brate!). Weil das Pfund sich zum Buchungszeitraum (August) gerade auf dem Jahrestiefststand von ca. 1,06€ befand, waren die Unterkünfte dieser Reise übrigens recht günstig. Das DZ kostete in Cardiff umgerechnet 35€ pro Nacht (und später in Manchester ca. 40€). Da wir dennoch keinen vierten Mann für die Tour fanden, habe ich mir letztlich den Luxus eines Einzelzimmers gegönnt, was mit durchschnittlich 37€ pro Nacht selbst für so’n armen Schlucker wie mich keine hohe finanzielle Belastung darstellte.

Einige wenige leichte Biere

Nach dem Check-In ging es schnurstracks zum Pub „The Central Bar“, wo Max bereits mit einer anderen Reisegruppe aus Hannover Stellung bezogen hatte. Zeitgleich mit uns waren doch tatsächlich auch Bega, Miri, der stille Flo und der Ananasmann in Cardiff (die hatten, exklusive dem zu besoffenen Ananasmann, am Vortag auch den LP Wales „weggescheppert“). Im Pub wurden nach freudiger Begrüßung gegen 19 Uhr selbstredend diverse Speisen gereicht und an Pintgebinden mit Ale oder Cider mangelte es auch nicht. Flo und Max waren sogar so mutig das Curry „Y Ddraig Fflamllyd“ („The Flaming Dragon“) zu probieren. „Schneppe, du hast das doch schon mal gegessen? Wie scharf ist das?“ „Puh, mit zeitlichem Abstand neigt man ja gerne zu Übertreibungen, aber ich glaube das ist das schärfste, was ich je gegessen habe.“ „Schärfer als die Zapiekanka in Katowice?“ „Oh nee, stimmt. Die waren noch ’ne Ecke schärfer.“ „Na dann ist das Curry vielleicht doch gar nicht so schlimm, Attacke!“ Beide bekamen nun die erwartbare feuerrote Gesichtsfärbung und viel Schweiß tropfte auf das Furnier unserer Speisetafel.

Mixed Grill (Extended Version with additional Black Pudding, Buttermilk Chicken & six beer-battered Onion Rings)

Diesbezüglich hatte ich mit meinem „Mixed Grill (Extended Version)“ weniger Sorgen (12.95£ / 15€ inklusive einem Pint „Guinness“). Weil die Augen jedoch wieder mal größer als der Appetit waren, überließ ich dem Ananasmann meine Reste. Im Duktus eines Peter-Maffay-Imitators äußerte unser magyarischer Freund „Ich finde nicht gut, wenn Essen weggeschmissen wird“. Natürlich eine löbliche Einstellung. Außerdem schmeckte ihm das Gereichte so gut, dass er sich gleich selbst einen großen Grillteller nachorderte. Blöd, dass er den nun auch nicht mehr ganz schaffte und am Ende doch Nahrungsmittel weggeworfen werden mussten. Nebenbei outete er sich noch als Fan von „Schneppe Tours“. Sein Lieblingsbericht ist natürlich der, in dem er bereits einen prominenten Auftritt hatte. Bei der gemeinsamen Schadensregulierung einer niederländischen Wohnungstür im Nachgang dieser Tour scheinen er und Bega schließlich so etwas wie Freunde geworden zu sein. Barátság!

Welcome to Cardiff Winter Wonderland

Gegen 22:30 Uhr machten wir uns dann auf zum nahen Rathaus. Vor jenem war ein „Winter Wonderland“ errichtet worden. Halb Weihnachtsmarkt, halb Jahrmarkt. In einer „Après Ski Hütte“ gönnten wir uns weitere Pints, ehe um 23:45 Uhr Position auf der Straße für das öffentliche Feuerwerk bezogen wurde. Im Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland ist bekanntermaßen Privatfeuerwerk an Silvester untersagt und die Städte und Gemeinden bieten den Menschen stattdessen professionelle Höhenfeuerwerke. Ich wiederhole nochmal mein aus den letzten Silvesterberichten bekanntes Credo: Die britische Lösung gefällt mir deutlich besser als die deutsche Variante. Es ist schöner anzusehen, es ist sicher, es ist besser für die Haustiere, die Feinstaubbelastung ist niedriger und auch das Müllproblem der Silvesternacht ist so deutlich moderater.

Happy New Year

Nach dem Feuerwerk wollten wir natürlich wieder irgendwo zum Feiern einkehren. Wir wären zwar in Begleitung von Flo wahrscheinlich eh überall reingekommen – der hatte für diesen Festtag feinste Abendgarderobe angelegt und behauptete, er hätte mit dem An- und Verkauf von grönländischen Grundstücken ein Vermögen gemacht (schließlich wäre es nur noch eine Frage der Zeit, bis man dort Orangen und weitere Südfrüchte würde anbauen können) -, aber entschieden uns doch für den erstbesten Laden. Das Obergeschoss des Pubs „Owain Glyndwr“ war zum Tanzschuppen umfunktioniert worden und Eintritt wurde erfreulicherweise nicht erhoben. Doch ausgerechnet Flo blieb zunächst an den Türstehern hängen. Sie hatten wohl vermutet, dass es sich um einen Teenager handelte, der sich mit Anzug und Krawatte auf älter trimmen wollte. Der Bundespersonalausweis konnte diesen Verdacht jedoch schnell ausräumen und wenig später konnten wir mit Ale und Jägerbombs zünftig auf das neue Jahr anstoßen. Das erste Gedeck natürlich traditionell auf ex.

Neujahrsgedecke

Alsbald ging es noch auf die Tanzfläche, während mit dem mächtig intoxinierten Ananasmann bereits der erste Verlust im neuen Jahr zu beklagen war. Der war halt bettreif und bestieg gegen 1 Uhr ein Taxi zum wenige hundert Meter entfernten Hotel (sicher ist sicher). Unsererseits wurde zu Evergreens wie „Don’t Look Back in Anger“ oder „Chelsea Dagger“ fleißig weitergefeiert. Doch schon um 2 Uhr ging das Licht an und die Musik aus. Das war blöd, hatten wir doch auf 3 oder 4 Uhr als Rauswurfzeit spekuliert. Wir wollten nun noch weiterziehen, aber die anderen Läden, die erst um 3 Uhr dicht gemacht hätten (u. a. „Walkabout“, „Retro“ und „Popworld“), ließen kurz vor Toreschluss niemanden mehr rein. Tja, ging es halt nur noch kurz für einen frittierten Snack in die Caroline Street (auch „Chip Alley“ genannt) und schon um 2:45 Uhr ins Bett.

In der Caroline Street nachts um halb 3…

Weil das Zechen in der Silvesternacht so abrupt endete, kamen wir am Neujahrsmorgen ausgezeichnet aus dem Bett. Kein Vergleich zum Vorjahr in London… (und diesmal auch keine Untermieterinnen). 9:30 Uhr schnappten wir uns noch „Tea with milk to go“ in der Hotellobby und spazierten gemütlich zur Bushaltestelle von Megabus, um 9:55 Uhr nach Bristol zu düsen (3£ p. P.). Exakt 60 Minuten später betraten wir unweit des zentralen Verkehrskreisels „The Bearpit“ den Boden der englischen 465.000-Einwohner-Stadt (nebenbei seit 1947 Partnerstadt von Hannover). Die andere Reisegruppe konnte übrigens ausschlafen, weil sie für ihren Neujahrskick lediglich ins 20km von Cardiff entfernte Newport mussten (für mich ein „Alter Hut“ und deshalb nicht so interessant). Der Ananasmann schaffte es trotzdem nicht rechtzeitig aus seinem Koma und verpasste auch dieses Fußballspiel. Man kann ihm vieles vorwerfen, aber Groundhopper ist er wenigstens keiner.

Schön, dass wir dagegen alle so fit waren. Denn für Bristol hatte ich einiges an Sightseeing in unsere vier Stunden Zeitfenster bis zum Anpfiff der heutigen Fußballpartie gepackt. Schließlich kann die Stadt auf eine sehr lange und bewegte Geschichte zurückblicken und obendrein hat sie sich in jüngster Vergangenheit zu einer riesigen Streetart-Galerie entwickelt, woran ein berühmter Sohn der Stadt natürlich seinen Anteil hat. Banksy ist aus Bristol und legte den Grundstein für eine kregele Szene an der Severnmündung. So erspähten wir schon zahlreiche großflächige Kunstwerke auf dem Weg von der Bushaltestelle zum für das Frühstück auserkorenen Pub im historischen Stadtzentrum.

Mein Neujahrsfrühstück

Mit ersten Impressionen beladen, kehrten wir gegen 11:30 Uhr die „The Commercial Rooms“ ein. Dies ist ein Pub der Kette „Wetherspoon’s“, der in einem ehemaligen Clubhaus für die Kaufleute der Stadt installiert wurde (Baujahr 1810). Ole und ich stellten uns jeder ein großes englisches Frühstück individuell zusammen (bei mir 8.29£ / 9,70€ inklusive Kaffeespezialitäten ohne Limit), während Max die vegetarische Variante mit Würstchen aus Quorn bestellte (und natürlich auf Frühstücksschinken und den schmackhaften Black Pudding verzichten musste). Der „Free Refill“ am Kaffeevollautomaten wurde nebenbei rege genutzt und kurz nach 12 Uhr konnte die Stadterkundung mit neuer Energie fortgesetzt werden.

St James‘ Priory (est. 1129)

Bristol wurde um das Jahr 1000 gegründet und fiel im Jahr 1066 wie fast ganz England unter normannische Herrschaft. Die neuen Herren errichteten hier eine der größten Burgen des Landes, von der heute aber nur noch rudimentäre Reste im Bereich des „Castle Park“ zu entdecken sind. Die dortige Spurensuche musste ich aus Zeitmangel ausfallen lassen, stattdessen widmeten wir uns einigen sakralen Bauwerken aus der Zeit nach der normannischen Eroberung. Schon kurz nach dem Ausstieg aus dem Bus hatten wir einen Blick auf das ehemalige Benediktinerkloster „St James‘ Priory“ (1129 gegründet) geworfen und nun war die prunkvolle Kirche „St Mary Redcliffe“ dran (deren Bau im 12.Jahrhundert begonnen, jedoch erst im 15.Jahrhundert vollendet wurde).

St Mary Redcliffe (12. bis 15.Jahrhundert erbaut)

Ein weiterer sakraler Höhepunkt unseres Stadtrundgangs war wenig später die „Bristol Cathedral“ (1148 geweiht). Diese Kathedrale war ursprünglich die Abteikirche eines Augustinerklosters, welches der reiche Baron Robert Fitzharding 1140 stiftete. Von der Abtei ist außerdem noch das Torhaus von 1170 sehr gut erhalten und bildet mit der Kathedrale ein schönes Ensemble. Zur Kathedrale wurde die Kirche schließlich 1542 erhoben, als König Heinrich VIII. das Bistum Bristol schuf.

The Great Gatehouse & Bristol Cathedral

Kleiner Einschub: Nach der von Heinrich vorangetriebenen englischen Reformation (Suprematsakte von 1534) war der englische König auch Oberhaupt der englischen Kirche und somit für die Ernennung von Bischöfen und die Gründung von Bistümern zuständig. Zur Reformation und Lossagung von der römischen Kirche kam es, weil der Papst die Ehe von Heinrich mit Katharina von Aragon nach 23 Ehejahren nicht annullieren wollte. Nun war der Weg frei für eine zweite Ehe Heinrichs und weil er es jetzt ja konnte, heiratete er bis zu seinem Tode 1547 noch vier weitere Male. Die Schicksale der insgesamt sechs Ehefrauen haben wir früher mit dem Merksatz „Divorced, Beheaded, Died, Divorced, Beheaded, Survived“ gelernt (zu deutsch: Geschieden, Geköpft, Gestorben, Geschieden, Geköpft, Überlebt).

Seitenansicht der Kathedrale

Doch zurück zur Geschichte Bristols; denn zwischen dem 11. und 16.Jahrhundert hatte sich die Stadt, unweit der Mündung des Severn (längster Fluss Großbritanniens) in den Atlantik gelegen, zu einer der wichtigsten Hafenstädte des Landes gemausert. Besonders durch den Handel mit Irland und Nordeuropa florierte Bristol seinerzeit und war nach London und York die drittgrösste Stadt im mittelalterlichen England. Auch im Schiffsbau gehörte Bristol zu den führenden Standorten. So passt es, dass Bristol der Ausgang einiger britischer Entdeckungsreisen im 15.Jahrhundert war. Den größten Nachhall hat dabei die Atlantiküberquerung John Cabots im Jahre 1497 erzeugt. Wie schon Christophorus Columbus anno 1492, war Cabot der Meinung man könne westwärts den Seeweg nach Indien entdecken. Doch statt Asien, erreichte er die Küste Nordamerikas und war nach den Wikingern im 11.Jahrhundert der erste Europäer dort. Cabot – übrigens wie Columbus Italiener (wahrscheinlich auch Genueser) und dort als Giovanni Caboto in den Geschichtsbüchern stehend – wird in Bristol u. a. mit dem „Cabot Tower“ geehrt, der 400 Jahre nach seiner Entdeckungsfahrt auf einem Hügel der Stadt, dem „Brandon Hill“, eröffnet wurde.

Unterwegs in den Altstadtgassen Bristols

Die Wiederentdeckung Nordamerikas hatte zwar für England und Bristol keine unmittelbaren Auswirkungen, doch wurde Cabots Überfahrt später verwendet, um Ansprüche der englischen Krone in Nordamerika zu begründen. Im späten 16.Jahrhundert begann schließlich die britische Kolonisierung des Kontinents (erste Inbesitznahme war Neufundland 1583 und erste echte Kolonie war Jamestown im heutigen US-Bundesstaat Virginia ab 1607) und Bristol wurde ein wichtiger Hafen für den wirtschaftlichen Austausch mit den Kolonien. Das machte die Kaufleute der Stadt sehr wohlhabend. Im 18.Jahrhundert wurde Bristol schließlich nach Liverpool zum größten Drehkreuz des lukrativen britischen Sklavenhandels zwischen Afrika und Amerika. Das machte die hiesigen Kaufleute noch wohlhabender.

Viele Bauwerke künden noch heute vom einstigen Reichtum

Als 1807 der Sklavenhandel verboten wurde, gab es zwar einen Knick in der Konjunktur, aber die Kaufleute schienen nicht verarmt zu sein, wie der prunkvolle „Commercial Room“ vom heutigen Frühstück bewiesen hatte. Mit der Industrialisierung bahnte sich schließlich auch schon das nächste große Ding für das Kapital der Stadt an. Doch die größte Bedeutung für Bristol hatte im 19.Jahrhundert wahrscheinlich ein Ingenieur namens Isambard Kingdom Brunel. Der hatte sich bereits als 20jähriger (ab 1826) einen Namen als leitender Ingenieur des Themsetunnels in London gemacht. 1831 wurde er Chefingenieur bei der Modernisierung der Bristoler Docks und wenig später (1838) bekam Bristol einen Eisenbahnanschluss durch die ebenfalls von Brunel geplante Linie „Great Western Main Line“ (GWML). Dabei entwarf Brunel auch den wunderschönen Bahnhof „Bristol Temple Meads“, der 1840 eröffnet wurde (übrigens der älteste noch bestehende Hauptbahnhof der Welt). Überhaupt ist die „GWML“ ein Meisterwerk in Sachen Verknüpfung von Technik und Ästhetik. Sie führt von London-Paddington durch schöne Landschaften nach Bristol und etliche Bahnhöfe und Viadukte sind „Listed Buildings“.

The Commercial Rooms von 1810

Mit der „SS Great Western“ und der „SS Great Britain“ entwarf der umtriebige Brunel außerdem zwei technisch bahnbrechende Dampfschiffe für den Transatlantikverkehr, die 1837 bzw. 1843 in Bristol vom Stapel liefen. Die „SS Great Britain“ liegt heute als Museumsschiff im originalen Baudock und ist eine der beliebtesten Touristenattraktionen der Stadt. Noch beliebter ist wahrscheinlich nur ein weiteres Meisterwerk, welches Brunel Bristol schenkte; die „Clifton Suspension Bridge“. Zu dieser spazierten wir nach dem Abhaken von Altstadt, Kathedrale und „Cabot Tower“ und querten dabei den sehenswerten Stadtbezirk Clifton. Dorthin musste man zwar einen ziemlich steilen Anstieg meistern, aber ich sag immer „Per aspera ad astra“ und außerdem hatte ich heute ja zwei sportliche Typen dabei, die mir nicht bei jeder kleinen Anstrengung sofort „Sklaventreiber“ an den Kopf werfen. Ferner gab es nun tolle Architektur des 18. und 19.Jahrhunderts aus nächster Nähe zu bewundern (beispielsweise die viktorianischen Terrassen von Clifton Wood, mit ihren bunten Reihenhäusern) und am Ende wartete besagte Brücke von Brunel als der Mühe Lohn auf uns.

Royal York Crescent (390 Meter lange sichelförmige Terrasse in Clifton)

Die „Clifton Suspension Bridge“ ist eine Kettenbrücke und überspannt den Fluss Avon (Nebenfluss des Severn) in 75 Metern Höhe. Bereits 1830 hatte Brunels Entwurf die Ausschreibung für eine Brücke über die „Avon Gorge“ gewonnen, doch die Fertigstellung des 1864 eröffneten Bauwerks erlebte der 1859 verstorbene Ingenieur nicht mehr. Bereits seit der Eröffnung ist es übrigens eine mautpflichtige Brücke (aktuell: 1£ pro Kraftfahrzeug). Durch die Maut sollten die immensen Baukosten von ca. 100.000£ (was über 12 Mio £ in der Gegenwart entsprechen würde) wieder reingeholt werden und heute fließen die Einnahmen in die Instandhaltung. Um schöne Bilder, sofern das trübe Wetter dies überhaupt zuließ, zu knipsen, erklommen wie am Ziel nochmal den Hügel oberhalb der Brückenkonstruktion. Auf jenem befindet sich die hiesige Sternwarte und es scheint zur neuen Tradition zu werden, dass ich am Neujahrstag auf irgendwelche Hügel mit Observatorien marschiere.

The Clifton Suspension Bridge über der Schlucht des Flusses Avon

Bristol ging also als moderne und wohlhabende Stadt ins 20.Jahrhundert. Die Einwohnerzahl lag 1901 bei über 330.000 und 1909 bekam die Stadt endlich eine Universität (an der gegenwärtig fast 25.000 Studierende eingeschrieben sind). Die Gründung der „University of Bristol“ wurde erheblich von der Tabakunternehmerfamilie Wills gefördert und Henry Overton Wills III. wurde der erste Kanzler der Hochschule. Die neogotischen Universitätsgebäude orientieren sich stark an der spätgotischen Architektur der berühmten Pendants in Oxford und Cambridge. Besonders das Wills Memorial Building (zwischen 1915 und 1925 erbaut), mit dem 68 Meter hohen Wills Tower, sticht hervor.

Blick hinauf zum Wills Tower

Im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) wurde die Stadt leider mehrmals von der deutschen Luftwaffe bombardiert. Hauptziel waren natürlich die Docks und die Industrieanlagen, doch die innerstädtischen Wohngebiete wurden ebenso gezielt zerstört. Ungefähr 100.000 Gebäude wurden dabei beschädigt (ca. 3.000 Totalverluste). Man restaurierte Teile der Altstadt originalgetreu, während andere Viertel Nachkriegsbebauung wichen. So enstand der moderne Einkaufsdistrikt Broadmead und die Gegend um die Ruine der mittelalterlichen Burg wurde zu einem großem Park umgestaltet. Lediglich zwei ausgebombte Kirchen, „St Mary le Port Church“ und „St Peter’s Church“,  beließ man als Mahnmal im „Castle Park“ (einen Besuch der Ruinen würde ich aber nur bedingt empfehlen, da die lokale Rauschgiftszene sich hier in trauriger Ironie tagtäglich das Leben ruiniert).

City Hall (zwischen 1938 und 1952 gebaut, unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg)

Heute gilt Bristol als heimliche Kulturhauptstadt Englands. Erst brachten in den 1990er Jahren Künstler wie „Massive Attack“, „Portishead“ und „Roni Size“ die Stadt zurück auf die Musiklandkarte. Im neuen Jahrtausend setzte schließlich der bereits angeschnittene Streetartboom ein. Mit der North Street, nahe des „Ashton Gate Stadium“, stand nun ein weiteres Streetart-Epizentrum Bristols auf unserer Liste. Da es mittlerweile 14:15 Uhr war, mussten wir uns ein Uber organisieren, um die 3,5km Distanz zügig zu meistern. In der North Street findet seit 2008 jährlich das „Upfest“ statt. Europas größtes Festival für Graffiti und Streetart, bei dem jedes Jahr riesige „Murals“ an den Fassaden jener Straße entstehen. Entsprechend ist auch die permanente Kunstgalerie „Upfest“ dort zu finden, welche gerahmte Werke urbaner Künstler ausstellt und veräußert. Für die Galerie war nun wirklich keine Zeit mehr, aber zwei, drei Kilometer bis zum Stadion auf der North Street zu flanieren, war auch sehr schön. Dabei gab es einige Hinterlassenschaften des 2019er Festival zu bewundern. Beispielsweise das Werk „Sea Change“ des Künstlers Jody Thomas.

14:55 Uhr passierten wir schließlich die Drehkreuze des Stadions und zogen ein erstes Fazit: Bristol hat für Touristen wahnsinnig viel zu bieten. Da kann man sicher auch mal ein ganzes Wochenende verbringen, ohne dass einem langweilig wird. Ansonsten gäbe es außerdem noch Bath (UNESCO Welterbe), meinen Geheimtipp Wells (Englands zweitkleinste City nach der City of London) oder Badeorte wie Weston-super-Mare als weitere Ziele in der Nähe. Allgemein ist das hier eine schöne Region.

Banksy about Football & Religion

Dafür ist Bristol für eine Stadt mit fast einer halben Million Einwohnern mega erfolglos im Fußballsport. Weder der heute besuchte Bristol City F.C., noch der Stadtrivale Rovers F.C., konnten mal einen großen Titel nach Bristol holen. Während die Rovers sogar noch nie erstklassig waren, spielte City auch lediglich von 1906 bis 1911 und von 1976 bis 1980 in der Beletage des englischen Fußballs. Der größte Erfolg des Bristol City F.C. ist daher prinzipiell der Gewinn des walisischen Verbandspokals (FAW Cup) im Jahre 1934. In einem rein englischen Finale besiegte man damals die Tranmere Rovers (der walisische Cup stand früher auch englischen Teams aus dem Grenzgebiet zu Wales offen, was mittlerweile gemäß UEFA-Statuten nicht mehr der Fall ist). Wahrscheinlich werten die Fans von City aber die englische Vizemeisterschaft von 1907 und die FA-Cup-Finalteilnahme von 1909 höher.

Welcome to Ashton Gate Stadium

Vor über 110 Jahren war man also eine echt große Nummer im englischen Fußball. Der zweite Versuch sich in der nationalen Spitze festzusetzen, scheiterte dagegen dramatisch. Wie erwähnt, war man von 1976 bis 1980 nochmal vier Jahre erstklassig. Doch auf den Abstieg von 1980, folgten zwei weitere Abstiege in den Sommern ’81 und ’82. Plötzlich war man nur noch viertklassig und außerdem bankrott. Eine neue Gesellschaft (BCFC 1982 plc.) wurde gegründet und übernahm vom Bristol City F.C. die Lizenz und die Spielerkontrakte. Allerdings hatte der neue BCFC nur eine Überlebenschance, wenn acht noch mit Verträgen aus Erstligatagen ausgestattete Spieler von der Payroll verschwinden würden. In Summe ging es um ca. 100.000£. Damals ’ne Menge Holz und für einen Viertligisten nicht zu stemmen. Um den Club final zu retten, lösten alle acht Kicker ihre Verträge freiwillig auf und gingen als die „Ashton Gate Eight“ positiv in die Geschichte ein.

Kunstvolle Gestaltung der Tribünenumläufe

Seinerzeit eskalierte übrigens auch die Rivalität zu den Rovers, die Anfang der 1980er Jahre ein Stadionproblem hatten. Denn die ebenfalls chronisch klammen Rovers konnten sich die massiv erhöhte Miete für das „Eastville Stadium“ nicht mehr leisten und brauchten nach stolzen 89 Jahren dringend eine neue Spielstätte (1940 hatten sie ihr Stadion bereits in finanzieller Not an die „Bristol Greyhound Company“ verkauft). Das „Ashton Gate Stadium“, welches man 1980 schon einmal mit City gemeinsam genutzt hatte, war natürlich die erste Wahl. Doch als City justement seine Insolvenz überwunden hatte, wollte man unter keinen Umständen das Stadion mit dem Ortsrivalen teilen, welchen man eh als Stolperstein der eigenen Entwicklung betrachtete und zugleich befürchtete, dass die Rovers langfristig die Nr. 1 in Bristol werden könnten. Den Rovers blieb nun nur der Gang ins Exil nach Bath in den „Twerton Park“. Diese Vertreibung aus der eigenen Stadt nimmt man dem BCFC bis heute sehr übel und als 1990 Fanatiker von City auch noch die Haupttribüne in Bath niederbrannten, war der Hass am Klimax angelangt. Spätestens seit den 1990er Jahren zählt das „Bristol Derby“ zu den brisantesten auf der Insel.

Das Away End am heutigen Nachmittag

Ansonsten sind in Bristol die Clubs und Fans von der anderen Seite der Severnmündung nicht gern gesehen. Allen voran Cardiff City, mit denen man viele Jahre auf einem Niveau kickte. Die stattlichen „Hooliganarmeen“ beider Clubs lieferten sich schon einige blutige Schlachten und deshalb sind beim „Severnside Derby“ mittlerweile für Gästefans nur noch organisierte Busreisen direkt in die jeweiligen Gästeblöcke möglich. Bei einem Stadtderby würde diese Maßnahme wahrscheinlich weniger fruchten, weshalb die hiesige Polizei froh sein dürfte, dass City und die Rovers zuletzt 2000/01 in der selben Liga gespielt haben.

Schickes Ding, dieses Ashton Gate Stadium

Doch nun zum heutigen Geschehen; mit dem Brentford F.C. kam ein relativ unbrisanter Gegner ins „Ashton Gate Stadium“. Die Westlondoner hatten allerdings eine quantitativ ordentliche Fanschar mobilisiert und überhaupt war das Stadion mit 20.858 Zuschauern nicht schlecht besucht. Wir saßen auf der Gegengerade, nahe der Gästetribüne, wofür 31£ (ca. 36€) fällig wurden. War kein Schnäppchen, aber dafür gab es wenigstens einen munteren Kick zu sehen, bei dem Brentford bereits in der 6.Minute durch Bryan Mbeuno in Führung ging. 10.Saisontor für den 20jährigen Franzosen, der im vergangenen Sommer aus Troyes zu den Londonern stieß (geschätzt 6,5 Mio € Ablöse sind geflossen). Der Gästeanhang wurde nun erstmals laut und in der 10.Minute war das ganze Stadion erregt. Bristols Ashley Williams (langjähriger Nationalmannschaftskapitän von Wales) geriet mit seinem Gegenspieler Ollie Watkins aneinander. Es wurde sich am Kragen gepackt, gerangelt und Stirn an Stirn schien man verbale Nettigkeiten auszutauschen. Beide Spieler sahen nun die Gelbe Karte, doch mindestens bei Williams wollte sich das Gemüt nicht so recht wieder abkühlen. Drei Minuten später senste er Watkins nochmal von hinten um und durfte mit glatt Rot duschen gehen.

Die Haupttribüne des Ashton Gate Stadium

In Überzahl wurde es für die „Bees“ relativ einfach das Spiel zu kontrollieren. Zumal ihr Offensivmann Saïd Benrahma heute glänzend aufgelegt war und in der 26.Minute das 0:2 besorgte. Damit ging es auch in die Pause, welche wir bereits in der 40.Minute begannen und erst 10 Minuten nach Wiederanpfiff beendeten. So waren zwei Pints drin und bekanntermaßen darf man in britischen Stadien keinen Alkohol auf den Rängen konsumieren. Viel verpasst haben wir nicht, da Brentford klug das Spiel verwaltete und erst in der Schlussphase nochmal aufdrehte. Ollie Watkins sendete mit einem Doppelpack in der 82. und 90.Minute (die Saisontore Nr. 16 und 17) nochmal Grüße an Ashley Williams. Aber „Man of the Match“ war trotzdem Benrahma, der an nahezu jedem Brentford-Angriff beteiligt war, feine Pässe spielte und außerdem ein paar technische Finessen zeigte (z. B. einen formvollendeten Okocha-Trick in der 87.Minute).

Action gab es meist nur im Strafraum der Gastgeber

Der Bristol City F.C., der vor ein paar Wochen als Aufstiegskandidat durchging (Anfang Dezember war man noch Vierter), hat nun fünf der letzten sechs Ligaspiele verloren und startet als Elfter in die Rückserie. Brentford ist dagegen sehr gut in Form und klettert mit dem heutigen Sieg auf den dritten Rang. Letztlich haben sie aber auch „nur“ fünf Zähler mehr auf dem Konto als Bristol City und 20 Spieltage stehen noch aus, so dass der Kampf um den Aufstieg bzw. um die Tickets für die Aufstiegsrunde sicher noch lange spannend bleibt. Dennoch herrschte nach dem Debakel natürlich keine besonders gute Stimmung im erstbesten Pub am Stadion. Deshalb blieben wir auch nur eine Pintlänge im „The Rising Sun“ (einer dieser Pubs, die Gästefans meiden sollten) und organisierten uns ein Uber für den Transfer in die Innenstadt.

The Llandoger Trow (bereits am Mittag geknipst)

Zielsetzung war bis zur Busabfahrt in zwei Stunden noch zwei, drei historische Pubs in Bristols Altstadt aufzusuchen. Allerdings hatten an Neujahr viele Lokale ganztägig geschlossen. So z. B. „The Llandoger Trow“ (ein Pub von 1664), den wir als erstes anpeilten. In dieser urigen Fachwerkschänke sollen die Geschichten des Seemanns Alexander Selkirks dereinst Daniel Defoe zu seinem Roman „Robinson Crusoe“ inspiriert haben. Außerdem fand Robert Louis Stevenson hier Ideen für sein Werk „Treasure Island“ („Die Schatzinsel“) . Wir mussten uns nun notgedrungen unseren neuen kreativen Input im nahen „King William Ale House“ holen. Mit dem Baujahr 1670 darf dieses Gemäuer auf eine fast so lange Historie wie „The Llandoger Trow“ zurückblicken. Allerdings wurde das Gebäude nicht durchgehend als Gasthaus genutzt, sondern war zunächst eine Art Frauenhaus. Gemütlich war es trotzdem und wir gönnten uns ’ne Runde „Samuel Smith’s Double Four Lager“ (2.90£ / 3,40€).

King William Ale House (ebenfalls ein Foto vom mittäglichen Stadtrundgang)

Gegen 19 Uhr wollten wir gern noch einen weiteren Pub von meiner langen Liste inspizieren, aber „The Crown“, „The Cornubia“ und „Ye Shakespeare“ hatten auch alle geschlossen. Zwangsläufig ging es nochmal in die „Commercial Rooms“. Diesbezüglich ist auf „Wetherspoon’s“ ja Verlass, die kennen keine Ruhetage. So rasteten wir hier noch eine gute halbe Stunde und ich genoss ein arg röstkaffeeartiges Stout mit Vanillenote namens „Great Western Black Flower“ (2.59£ / 3€). Den ganzen Abend könnte ich das nicht trinken, aber es schmeckte interessant.

Inside The Commercial Rooms

19:55 Uhr war schließlich Abfahrt (9£ p. P.) und erneut exakt eine Stunde später erreichten wir Cardiff. Auch dort war wenig auf den Straßen los und viele Lokale hatten ihre Pforten geschlossen. Die „Rummer Tavern“ bildete eine der Ausnahmen und so gab es dort das nächste Ale des Tages. Gegen 21:30 Uhr wechselten wir allerdings in den „Wetherspoon’s“ Pub „The Gatekeeper“, da Max und Ole noch ein Abendessen begehrten. Ich war komischerweise nicht hungrig, staunte aber wie die beiden über den fast komplett leeren Pub. Von geschätzt 100 Tischen auf zwei Etagen waren lediglich vier besetzt. Gut, 1.Januar halt. Wenn wir gewollt hätten, wäre natürlich selbst heute noch etwas am Glas möglich gewesen (die „Live Lounge“ hätte z. B. noch bis 3 Uhr geöffnet gehabt). Aber tatsächlich lautete der Dreiklang „Ach, lasst uns ins Hotel gehen, dann haben wir Morgen mehr vom Tag“. Mit 21,8km hatten wir außerdem ein gutes Programm per Pedes abgerissen, welches ebenfalls seinen Tribut forderte.

Peaky Blinders Mural in Cardiff

Am 2.Januar war ich also abermals topfit und diesmal außerdem verdammt hungrig (das fehlende Abendessen am Vortag machte sich doch deutlich bemerkbar). Ich wollte jetzt unbedingt in einen sehr guten „Greasy Spoon“ in der Nähe der Universität. Doch das „Ramon’s“ gönnte sich noch eine Auszeit bis zum 3.Januar und die beiden weiteren Frühstückslokale in der Nachbarschaft hatten auch dicht. Verdammt! Ein 08/15-Frühstück in einem „Wetherspoon’s“ musste echt nicht schon wieder sein, aber beim Durchstreifen der Innenstadt Cardiffs mangelte es am heutigen Morgen an Alternativen.

The Castle Arcade (1887)

Wir schauten mal kurz beim „Cardiff Castle“ vorbei, spazierten durch die wunderschönen viktorianischen Arkaden der Innenstadt und flanierten über die zentrale „St Mary’s Street“, doch kaum ein Lokal hatte geöffnet. Zum Glück ging die Tür vom „Brewhouse“ auf. War zwar kein Gast drin und Handwerker renovierten einen Teil der Decke, aber die anwesende Bardame meinte ab 10 Uhr gibt es Frühstück. Wie gut, dass es bereits 9:45 Uhr war. Wir bekamen schon mal Tee und Kaffee und um Punkt 10 Uhr wurde Deftiges geordert.

Ich hatte heute mal ein vegetarisches Frühstück (5£). Keine Angst, Max hatte nicht missioniert. Allerdings wurde das „Veggie Brekkie“ mit „Glamorgan Sausages“ (quasi Käse-Lauch-Kroketten) serviert und ich liebe diese Dinger einfach (in Deutschland gibt es so etwas Feines ja nicht). Ole blieb traditionell mit einem „Large English Breakfast“ (7£) und Max gönnte sich die vegetarische Variante der „Eggs Benedict“ (5£, mit Pilzen anstatt Schinken). Sehr schön war auch, dass alles mit „Fried bread“ anstatt Toast serviert wurde und weil ein Heißgetränk pro Frühstück inklusive war, konnte man über den Preis auch nicht meckern. Definitiv besser als bei „Wetherspoon’s“.

Veggie Brekkie at The Brewhouse

Nach der ersten Mahlzeit des Tages, bot sich ein knapp zweistündiger Rundweg zur Cardiff Bay an (die Bay ist circa 2km Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt). Zur Stadtgeschichte hatte ich bereits 2012 ein paar Absätze geschrieben, weshalb ich mich nicht nochmal ausufernd wiederholen möchte. Nur soviel; Cardiff geht auf ein Römerkastell aus dem 1.Jahrhundert n. Chr. zurück, an dessen Stelle nach der normannischen Eroberung weiter Teile Großbritanniens (1066) ab 1081 das Castle enstand (Reste des Römerkastells sind immer noch im Mauerwerk des Castles zu erkennen). Bis ins 19.Jahrhundert blieb Cardiff ein kleiner Marktflecken, doch während der Industrialisierung stieg es zum größten Kohlehafen der Welt auf. Die reichen walisischen Kohlevorkommen wurden von hier in alle Winkel der Erde verschifft und ließen die Stadt enorm prosperieren (die Einwohnerzahl stieg zwischen 1800 und 1900 von ca. 6.000 auf über 170.000). Folgerichtig bekam man 1905 vom König den Status einer City verliehen und seit 1955 ist Cardiff auch die Hauptstadt von Wales.

The Coal Exchange at Catdiff Bay

An der von uns angesteuerten Bay investierte man in der jüngeren Vergangenheit mehrere hundert Millionen Pfund, um die nach dem Strukturwandel (vom Industrie- zum Dienstleistungssektor) vor sich hindarbende „Bay Area“ wieder neu zu entwickeln. Nun findet man dort Uferpromenaden, Freizeitangebote, Gastronomie, die futuristische Nationaloper und das walisische Parlamentsgebäude (Wales ist wie Schottland und Nordirland teilautonom). Einige historische Gebäude existieren natürlich auch noch und heute wollte ich mir endlich mal den „Coal Exchange“ von 1888 näher anschauen. Das Gebäude wurde bei meinen zahlreichen Cardiffreisen zwischen 2012 und 2016 grundsaniert und war entsprechend verhüllt. Nun findet man dort ein nobles Hotel nebst Restaurant. Vor über 100 Jahren, in der Hochphase des Kohleexports, gingen hier bis zu 10.000 Menschen pro Tag ein und aus und machten Geschäfte. An dieser Börse wurden die Weltmarktpreise der Kohle festgelegt und außerdem wurde hier 1904 der erste Deal in der britischen Geschichte mit einem Volumen von über 100.000£ abgeschlossen.

Curry No 1

Die Visite des „Coal Exchange“ lag bereits auf dem Rückweg in die City und gegen 13 Uhr gab es im Pub „Prince of Wales“ das erste Curry des Tages (donnerstags ist bei „Wetherspoon’s“ immer „Curry Club“, wobei diverse Currys zum Sonderpreis angeboten werden). Ich wählte „Lamb Rogan Josh“ (Fleischstücke von der Lammschulter in einer cremigen Sauce mit Knoblauch, Chili, Ingwer und Currygewürzmischung), Ole „Chicken Jalfrezi“ (Hähnchenbruststücke in pikanter Sauce mit Chili, Paprika und Zwiebeln) und Max hatte das vegetarische Curry (mit Süßkartoffeln, Kichererbsen und Spinat). Jedes Curry kommt mit Pilaureis, Naanbrot and Poppadums auf den Tisch und im Preis von 7.39£ (ca. 8.60€) war auch noch ein Getränk inklusive. Dass lediglich mir ein Pint „Guinness“ serviert wurde und die anderen beiden sich mit Cola begnügten, legte erste dunkle Schleier über diesen Tag.

02.02.2020
Swansea City A.F.C. – Charlton Athletic F.C. 1:0
Championship (II)
White Rock (Att: 15.352)

Um 13:38 Uhr war schließlich Abfahrt nach Swansea (5.50£ p. P.) und 50+1 Minuten später erreichten wir die zweitgrößte Stadt von Wales (ca. 246.000 Einwohner). Es handelt sich zugleich um eine der strukturschwächsten Städte Großbritanniens. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, besonders unter den 16 bis 24jährigen, und viele flüchten sich in Alkohol- und Drogenmißbrauch. Vor über 10 Jahren veröffentlichte das Magazin „Vice“ einen erschütternden 60minütigen Dokumentarfilm über die Szene namens „Swansea Love Story„. Damals bewegte die Redakteure der Umstand zu ihren Machwerk, dass Swansea Großbritanniens Hochburg bei Heroinkonsum und Drogentoten war. Daran hat sich trotz damaligem Aufschrei bis 2019 nichts großartig geändert (A report from Public Health Wales has revealed that drug deaths are at record levels, with fatalities from drug poisoning increasing by almost 80% over the last decade. Swansea has the highest rate of deaths in Wales followed by neighbouring Neath Port Talbot).

Welcome to Swansea

Die Stadtgeschichte von Swansea, dessen Gemarkung bereits seit der Bronzezeit besiedelt war, beginnt im Hochmittelalter. Nach der bereits zweimal erwähnten normannischen Invasion von 1066, streckten die Normannen ihre Fühler auch nach Wales aus. Während das Hinterland vorerst nicht zu unterwerfen war, konnten sie sich an der Küste an einigen strategischen Punkten niederlassen und errichteten Burgen. Wie in Cardiff, enstand auch in Swansea eine der dutzenden Zwingburgen der neuen Herrscher Englands. Die Gegend um Swansea bekam 1106 der normannische Adlige Henry de Beaumont als Lehen und er begann sofort mit der Errichtung von „Swansea Castle“. Dessen klägliche Überreste stehen heute umzingelt von modernen Gebäuden aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhundert im Stadtzentrum. Es ist Swanseas einziges „Grade I Listed Building“ (Grade I = Bauwerke von außerordentlicher, mindestens nationaler Bedeutung) und war unser erstes Ziel auf der ziemlich knappen „Sights of Swansea“-Liste (zum Vergleich, Cardiff verfügt über 16 „Grade I“ Bauwerke).

Swansea Castle (aus der romantischsten Perspektive)

Das „Swansea Castle“ wurde im Mittelalter immer wieder Ziel von aufständischen Walisern und 1217 erstmal vollständig zerstört. Erst im späten 13.Jahrhundert gelang der englischen Krone die vollständige Unterwerfung von Wales und König Edward I. (sie kennen ihn vielleicht als Edward Longschanks aus Filmen wie „Braveheart“) errichtete zur Festigung seiner Herrschaft in ganz Wales noch massivere Burgen als die bisherigen. Festungen wie „Caerphilly Castle“ nahe Cardiff (die größte Burganlage in Wales), „Harlech Castle“, „Conwy Castle“, „Caernarfon Castle“ oder „Beaumaris Castle“ enstanden neu, während bestehende Anlagen wie „Swansea Castle“ enorm ausgebaut wurden. Nichtsdestotrotz fiel die hiesige Burg 1403 nochmal an walisische Rebellen unter Owain Glyndwr (der Typ, in dessen Pub wir das neue Jahr am Vortag begossen hatten 😉 ). Doch 1406 konnten die Engländer „Swansea Castle“ zurückerobern und 1410 war der letzte große Aufstand der Waliser gegen die englische Okkupation, der 1400 ausgebrochen war, endgültig niedergeschlagen.

Die Burgruine in trauter Gesellschaft des BT Towers von 1970

Mit Beginn der Neuzeit verlor die Burg ihre militärische Bedeutung und 1647 wurde sie während des englischen Bürgerkriegs (1642 – 1651) von den Truppen des Parlaments abermals zerstört, nachdem sie 1642 an die Royalisten gefallen war. Am Wiederaufbau bestand kein Interesse und die verbliebenen intakten Gebäudeteile wurden vielfältig genutzt, z. B. als Rathaus, Gefängnis, Flaschenmanufaktur und Postamt. Im 18.Jahrhundert schwang sich Swansea schließlich noch vor Cardiff zum bedeutensten Kohlehafen von Wales auf. Als Cardiff diese Rolle im 19.Jahrhundert peu à peu übernahm, entwickelte sich Swansea zu einem wichtigen Importhafen für metallische Rohstoffe aus Übersee (u. a. Kupfer aus Chile). Entsprechend siedelte sich hier eine florierende Metallindustrie an und zahlreiche Fabriken für Stahl-, Kupfer- und Blecherzeugnisse wurden aus dem Boden gestampft. Die benötigten Arbeitskräfte ließen die Stadt analog zu Cardiff binnen 100 Jahren enorm wachsen (von knapp 7.000 Einwohnern im Jahre 1800 auf rund 130.000 anno 1900).

The Crosse Keys in einem Gebäude von 1332

Im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) geriet so eine bedeutende Industriestadt natürlich zwangsläufig in den Fokus des Kriegsgegners. Vorwiegend in den Kriegsjahren 1940 bis 1942 flog die deutsche Luftwaffe zahlreiche Angriffe auf die Hafenstadt. Besonders im so genannten „Three Nights Blitz“ 1941, als die deutschen Bomberverbände drei Nächte in Folge angriffen, wurde die Stadt hart getroffen. Das fast vollständig zerstörte Stadtzentrum wurde nach Kriegsende nur langsam und selten originalgetreu wiederaufgebaut. So kam es, dass Swansea (übrigens seit 1959 Partnerstadt von Mannheim) touristisch kaum etwas zu bieten hat. Dafür hat sein Hinterland wunderschöne Ecken, wie ich bereits 2013 feststellte (die Halbinsel Gower, insbesondere die dortige Rhossili Bay seien exemplarisch erwähnt).

Historisierende Nachkriegsbebauung nahe des Castles

Mit dem Pub „The Crosse Keys“ steuerten wir alsbald ein weiteres der raren historischen Bauwerke Swanseas an. Es handelt sich um ein ursprüngliches Armenhaus aus dem Jahre 1332. Ich ließ mir sogleich ein Pint „John Smith Extra Smooth“ zapfen, während die beiden Abstinenzler Latte macchiato o. ä. schlürften. Als ich gerade meinen Pöbelreigen starten wollte, lenkte uns allerdings ein neuer Gast im Etablissement ab. Der hatte große Kopfhörer auf und spielte jetzt synchron zu seiner Musik (ich würde tippen, es war nicht Helene Fischer…) Schlagzeug auf dem Tisch und Gitarre in der Luft. Headbanging war natürlich obligatorisch und irgendwann schwang er sogar einen Stuhl durch die Luft. Unheimlicher Typ, aber sicher nicht der einzige Bürger mit einer Psychose in dieser Drogenhochburg.

Swansea Marina

Nach der ersten Pubvisite in Swansea, zog es uns noch ans Wasser. Ins „Maritime Quarter“ flossen in jüngerer Vergangenheit einige Millionen (unter anderem aus den EU-Fördertöpfen) zur Revitalisierung. Das Ergebnis sieht ganz ordentlich aus. Es entstanden einige moderne Wohn- und Geschäftsgebäude, wobei „The Tower“ als höchstes Gebäude von Wales (107m) sprichwörtlich herausragt. Dort kann man übrigens auch in exponierter Lage essen und trinken (ein Bar- und Restaurantbetrieb ist im obersten Stockwerk zu finden), allerdings zog es uns lieber ins historische Pumpenhaus der Hafenschleuse. Dort ist ebenfalls eine schöne Gastwirtschaft untergebracht und im „The Pumphouse“ gab es sehr zu meiner Freude 30% Nachlass auf alle Biere der Cardiffer Brauerei „Brains“. 2£ für’n Pint „Brains SA“ waren echt ’n gutes Geschäft. Wussten meine Tee schlürfenden Freunde allerdings zunächst nicht zu schätzen und ich wurde langsam echt ungehalten. Alter, „Dry January“ ist nicht. Den könnt ihr wie ich am 5.Januar starten und dann eben bis 4.Februar durchziehen.

Endlich stehen drei Pints auf dem Tisch

Zum Glück habe ich in grauer Vorzeit Pädagogik und Psychologie im Nebenfach studiert. Mit verschiedenen Ansätzen reizte ich meine Gegenüber. Irgendwann fiel Max um und kam von einem Toilettengang mit einer Runde „Brains Smooth“ an den Tisch zurück. Ich habe natürlich sofort positive Verstärker eingesetzt und im übernächsten Pub zeigte Max beim Abendessen schon wieder von ganz alleine gewünschtes Verhalten. Doch zunächst ging es in Pub Nr. 3 des Tages; die „No Sign Wine Bar“ in der Wind Street. Jene Straße ist Swanseas Amüsiermeile und jener Pub das urigste Lokal dort. Wir genossen jeder ein Pint „Pitchfork Golden Ale“, ehe es eine Tür weiter ging.

Curry No 2

Hinter dieser Tür verbarg sich der Pub „The Bank Statement“. Ein großer „Wetherspoon’s“ in der ehemaligen Niederlassung der Barclays Bank. Hier musste das zweite Curry des Tages her und ich wählte „Beef Madras“ mit Garlic Naan, Samosa und Onion Bhaji. Dazu ein fassfrisches Pint „Guinness“. Doch bevor das Mahl am Tisch serviert ward, hatte Max bereits ’ne Runde „Jägerbombs“ organisiert. Den Bengel hatte ich also definitiv wieder im Griff. Ich goutierte sein Handeln mit einer Runde Sambuca als Digestif nach dem Essen. Ole war zwar immer noch nicht so motiviert, aber den zogen wir jetzt mit. Wie schade, dass wir wenig später schon wieder aufbrechen mussten. Doch der bei unserer Ankunft noch pickepackevolle Pub hatte sich schlagartig geleert. Zwischen 18:45 und 19:00 Uhr waren alle „Lads“ Richtung Stadion aufgebrochen.

Wahrscheinlich gab es deshalb 45 Minuten vor Anpfiff in ganz Swansea leider kein verfügbares Uber-Fahrzeug, um uns von der Wind Street zum Stadion zu kutschieren. Also spazierten wir nochmal die 700 Meter zum Bahnhof und stiegen dort in ein reguläres Taxi. 5£ wurden für die restlichen 3km zur Spielstätte fällig. Eine lohnende Investition bei strömendem Regen. Karten hatten wir auch dieses Mal bereits im VVK erstanden (30£ / 35€ bzw. 17.50£ / 20,50€ für Studenten) und es ging diesmal an den Rand der Haupttribüne. Damit saßen wir erneut angrenzend zu den Gästefans, aber zugleich auch nah an der „Singing Area“ der Heimfans. Diese stehen in Swansea am Rande der Gegengerade, ergo uns direkt gegenüber. Einlass war übrigens wie immer flüssig in GB, da man auf das Alibi-Abtasten deutscher Prägung sinnvollerweise in der Regel verzichtet. Für die kontinentalen Cousins der Briten mag das eine gefühlte Sicherheit konstruieren, aber wir wissen ja alle, dass man in Deutschland trotzdem alles, was kleiner als ein Marschflugkörper ist, ins Stadion bekommt. Wenn man denn will.

Willkommen im Liberty Stadium a.k.a. White Rock

Die Fans von Swansea, die sich „Jack Army“ nennen, standen auch schon im alten Stadion „Vetch Field“ auf der Gegengeraden und das hat sich so erhalten. Das „Vetch Field“ hatte auch mehr Charme als dieser 08/15-Kasten, der 2005 eröffnet wurde. Die Namensrechte hat sich übrigens eine Immobiliengesellschaft namens „Liberty Properties“ gesichert, aber die Fans nennen das neue Stadion lieber „White Rock“ (benannt nach einem Kupferwerk, dass hier dereinst stand) oder immer noch „New Stadium“. Weil man in Swansea generell eine Abneigung gegen alle englischen Clubs hat und die Cockneys in Gästeblock natürlich zwangsläufig etwas über die Liebe der Waliser zu ihren Schafen skandierten, kam zu Beginn sogar so etwas wie Atmosphäre auf. Nur die Landsleute aus Cardiff, die hasst man in Swansea noch mehr als die Fans aus London, Bristol & Co.

Der Gästebereich

Die Beziehung Swansea / Cardiff ist der von Braunschweig zu Hannover nicht unähnlich. Auf der einen Seite die Hauptstadt, die größer, wohlhabender und schöner ist, sowie überregional viel mehr wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite die Nr. 2 einer Entität, die in nahezu allen Kategorien hinter der Hauptstadt zurückstecken muss. Da sammeln sich Minderwertigkeitskomplexe und das Fußballstadion kann hin und wieder der Ort werden, wo man es den verwöhnten und arroganten Hauptstädtern mal zeigen kann. Nicht nur haben die „Swans“ eine positive Derbybilanz, auch war man der erste walisische Club in der 1992 eingeführten Premier League (Aufstieg 2011). Umso bemerkenswerter, da man chronisch knapp bei Kasse war und der Weg dorthin in einem tiefen Tal begann. Denn 2002/03 konnte man erst am letzten Spieltag den Abstieg in die Fünftklassigkeit abwenden. Mit Aufstiegen 2005, 2008 und 2011 schrieb man jedoch eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte und stahl Cardiff City für einige Jahre die Show. Mit dem Gewinn des Ligapokals 2013 schaffte Swansea City sogar zeitweilig die Qualifikation für die UEFA Europa League (Endstation: Runde der letzten 32 gegen Napoli).

Swanseas Team zelebriert die frühe Führung

Doch nun zum heutigen Kick, der fast alternativlos war und wir deshalb, im Gegensatz zur gestrigen Partie in Bristol, viele deutsche Hopper spotten konnten (nur das schon lange ausverkaufte Spiel Liverpool F.C. vs. Sheffield United und Wayne Rooneys Premiere bei Derby County vs. Barnsley F.C. fanden parallel statt). Wer Swansea als Schwanensee übersetzte und nun weißes Ballett erwartete, konnte nur enttäuscht werden. In der walisischen Arbeiter- und Arbeitlosenstadt wird Fußball noch malocht. Auch der Aufsteiger aus Ostlondon, den wir übrigens 366 Tage zuvor als Aufstiegskandidat ausgemacht hatten (damals hab ich auch ein bißchen was zur Clubhistorie von Charlton Athletic geschrieben, falls es interessiert), stellte gewiß keine Tiki-Tika-Truppe. Allerdings begannen die Hausherren (ganz in weiß) dominant und gingen folgerichtig in der 14.Minute durch Yan Dhandas Treffer in Führung. Der in Liverpools Fußballakademie ausgebildete 21jährige umkurvte an der Strafraumgrenze seinen Gegenspieler und schloß platziert ins untere Toreck ab.

Blick zur uns gegenüberliegenden Singing Area der Swans

Das Tor machte Lust auf mehr und Swansea kam noch zu weiteren guten Gelegenheiten im ersten Durchgang. Doch Dhanda und sein Sturmpartner Borja ließen jetzt einiges liegen. Außerdem verhinderte der Pfosten bei einem tollen Torschuss von Spielgestalter George Byers (32.Minute) eine komfortbalere Pausenführung. Dieser Aluminiumtreffer war auch die letzte Szene der 1.Halbzeit, die Max und ich auf den Rängen sahen. Denn der Bierdurst trieb uns zeitig zu den Zapfanlagen, während Ole sich dem Halbzeitbier einfach entzog (dieser Nichtzecher!). Mit einer zweiten Rutsche Bier kurz vor Wiederanpfiff, dehnten wir die Pause außerdem noch ein weiteres Viertelstündchen aus. So sahen wir lediglich am Monitor, dass die Gäste (ganz in schwarz) etwas besser aus der Unterbrechung kamen und in der 52.Minute fast ausgeglichen hätten. Doch das eingewechselte Eigengewächs Alfie Doughty (im Dezember erst 20 Jahre alt geworden) schoss aus aussichtsreicher Position knapp neben den Pfosten.

Max knows best

Als Max und ich dann wieder zu Ole stießen, passierte nicht mehr wirklich viel auf dem Rasen und auf den Rängen war ebenfalls Totentanz. Swansea wechselte nach circa einer Stunde defensiv und Charlton fiel nichts ein, um dem zu begegnen. Letztlich reichte also ein frühes Tor für einen gelungenen Jahresauftakt bei den Walisern, wohingegen Charlton (derzeit 19.Platz bei 24 Teams) die Punkte für den Klassenerhalt anderswo einfahren muss. Swansea ist nun mit 41 Punkte Sechster und temporär in der Aufstiegslotterie. Doch ich hatte es ja schon nach dem gestrigen Kick geschrieben, die Liga ist noch sehr eng beieinander und den Dritten trennen nur sechs Punkte vom Zwölften. Außerdem sind noch 20 Spieltage zu absolvieren, bis feststeht welche zwei Teams direkt aufsteigen und welche vier Teams noch den dritten Aufsteiger in einer Aufstiegsrunde ausspielen.

Nettes Graffito in Swanseas Bahnhofstunnel

21:44 Uhr war Abpfiff und da es mittlerweile nur noch nieselte, entschieden wir uns die Strecke zum Bahnhof per Pedes zurückzulegen. 30 Minuten später und somit eine Viertelstunde vor Abfahrt saßen wir im Zug (wieder 5.50£ p. P.). Weil es diesmal ein Bummelzug war, dauerte die Fahrt nach Cardiff 70 anstatt 51 Minuten. Ergo erreichten wir 23:39 Uhr die walisische Hauptstadt und keine 10 Minuten später lagen wir in unseren Hotelbetten (Tagesspazierleistung: 23,9km). Am nächsten Tage ging es zu einer moderaten Abfahrtszeit weiter nach Manchester, aber das ist dann schon wieder ein anderer Bericht voller Geschichte, Streetart, Pubkultur, Fußballsport und kulinarischen Schmankerln.