Bruxelles (Brüssel) 12/2019

13.12.2019
VfL Bochum – HSV von 1896 2:1
2.Bundesliga (II)
Ruhrstadion (Att: 16.519)

Mein obligatorisches 96-Auswärtsspiel pro Saison sollte dieses Mal nicht auf den letzten Drücker stattfinden. Denn das Reisekollektiv, dem ich angehöre, läutete Mitte Dezember die Glocken zur traditionellen Weihnachtstour. Der Planungsstab hatte einen Ausflug nach Brüssel via Bochum und Düsseldorf ausgearbeitet. Freitag am frühen Abend die Roten Riesen in der Herbert-Grönemeyer-Stadt sehen, Freitag am späten Abend ein kleiner Umtrunk in der Andreas-Frege-Stadt und Samstag auf Sonntag Touriquatsch in der Roger-Jouret-Stadt. Ein Wochenende Gebrautes, Gebranntes und Frittiertes halt…

Hubertus ihm seine Tropfen

Der gemietete Neunsitzer (35€ p. P.), mit zunächst InterCityBerger am Steuer, sammelte Freitagmittag erstmal die Krake, Fat Lo, Reh und mich ein. Weil die Krake ’ne Autopanne auf dem Weg zum ersten Sammelpunkt hatte, verzögerte sich alles etwas und anstatt geplant 14 Uhr, waren wir erst um 15:10 Uhr am Sammelpunkt Nr. 2 in Hannover-Stöcken. Dort stiegen Ole, Max und El Glatto zu. Jetzt musste nur noch Marlon an der A2 Höhe Wunstorf-Kolenfeld eingesammelt werden und dann ging es relativ zügig gen Ruhrgebiet. Kühle Biere und kurze Spiritousen wurden gereicht, während El Glatto und Ole natürlich von ihrem Ausflug zu Olympiacos versus Zvezda (Champions League) erzählen mussten. Sie waren gerade erst kurz vor Abfahrt in Hannover gelandet und konnten von einer mitreißenden Party von „Gate 7“ und „Delije“ am Dienstagabend in einer Halle in Piräus berichten. Beim Spiel am Mittwoch konnte dann aus sportlichen Gesichtspunkten zwangsläufig nur ein Fanlager feiern. Ein Team würde sich Platz 3 und damit den Einzug in der erste K.O.-Runde der Europa League sichern, der andere als Gruppenvierter in der ersten Jahreshälfte 2020 ohne europäische Abenteuer auskommen müssen. An einem stimmungsvollen Fußballabend machten die Griechen das Ding spät, aber verdient durch ein Strafstoßtor klar (dem ein selten dummes Handspiel des Belgrader Verteidigers Jander vorausgegangen war). Nichtsdestotrotz hatten die beiden (und El Abto als Dritter im Bunde) ihren Spaß, gemeinsam mit alten und neuen Freunden aus Serbien und Griechenland.

Tief im Westen

Am Gästeblock des Bochumer Ruhrstadions kamen wir kurz nach 18 Uhr an. Damit hatten wir zwar einen pyrolastigen Fanmarsch der hannoverschen Szene verpasst, aber immerhin waren wir doch überpünktlich im nach wie vor wunderbaren Stadion an der Castroper Straße (mit dem man als 96-Fan außerdem seit 2010 besondere Momente verbinden kann). Am Eingang, am Bierstand und im Block traf ich sogleich einige bekannte Gesichter, die ich aufgrund meiner 96%igen 96-Abstinenz nur noch selten sehe. Das waren wieder so Momente, wo du denkst, dass diese Leute 96 sind und nicht Martin Kind und seine Bilmesschneider. Dennoch fehlt es mir nach wie vor an der Motivation dieses Konstrukt zu unterstützen. Keine Ahnung, was passieren muss, damit das Feuer nochmal lodert.

Leichtes Handgepäck

Nebenbei mundete auch das Bier aus dem Hause Moritz Fiege und mit so ein paar Bechern feinherbem Gerstensaft ließ sich der aus 96-Sicht ernüchternde Auftritt halbwegs ertragen. Nach den zwei knappen Siegen gegen Sankt Pauli und Erzgebirge Aue, schielte einige Optimisten schon wieder eher Richtung Aufstiegs- denn Abstiegsränge. Doch heute gab es einen Dämpfer für die Kocak-Schützlinge. In den ersten 45 Minuten ließen sie in Bochum so ziemlich alles vermissen und folgerichtig ging der VfL bereits in der 14.Minute in Führung. Übrigens sehr sehenswerte Kombination mit zweimal Hacke, ehe der Ball den Stürmer Manuel Wintzheimer erreichte und dieser sich in die Torschützenliste eintragen durfte.

Blick zur Heimkurve

Die blau-weißen Kicker bekamen dadurch Aufwind und 14 Minuten später stand es bereits 2:0. Albornoz klärte nach einem VfL-Eckstoß mehr als mies und Simon Zoller bedankte sich für das Zuspiel seines Gegenspielers mit einem Volleyschuss, den Zieler anscheinend zu spät sah. Bochum kam noch zu weiteren hochkarätigen Chancen und dass es nur mit zwei Toren Rückstand in die Pause ging, fand ich fast schon schmeichelhaft. Der Trainer der Roten – der im Sommer nur zweite Wahl war, aber bisher leise Hoffnungen weckte, dass er mehr mit der Mannschaft als die erste Wahl Mirko Slomka erreichen kann (Überraschung, Überraschung…) – reagierte nun natürlich und brachte Ducksch und Stendera für Muslija und Ostrzolek. Letzterer durfte heute übrigens im defensiven Mittelfeld ran. Interessantes Experiment, mit erwartbar bescheidenem Ergebnis. Zu Muslija schreibe ich dagegen besser gar nichts.

Das Ruhrstadion zu Bochum

Der Doppelwechsel fruchtete. In der 65.Minute legte Marc Stendera der Sturmspitze Marvin Ducksch den Anschlußtreffer auf. Danach entwickelte sich eine sehr spannende Partie. Hannover drückte auf den Ausgleich, aber u. a. Weydant und abermals Ducksch vergaben in den nächsten Minuten aus aussichtsreicher Position. Auch auf den Rängen stieg die Atmosphäre und der auf die Sitzplätze neben dem etatmäßigen Gästeblock ausgewichene hannoversche Ultramob schien akustisch nochmal eine Schippe draufzulegen. Die 96-Offensive in der Schlussphase eröffnete den Bochumern zwar einige Kontermöglichkeiten, doch erfreulicherweise wurden diese nicht genutzt und teilweise 100%ige Chancen blieben liegen. Das hielt die Partie bis zum Ende offen.

Gegengerade Ruhrstadion

Die letzte große Chance zum Ausgleich hatte Ducksch in der 86.Minute, doch ihm fehlte im Abschluss, wie so oft in der dieser Saison, die Fortune. Nichtsdestotrotz empfiehl sich der Ex-Fortune mit dem zweifelhaften Modegeschmack – in einer Fußballwelt voller Swag, vermag er immer noch einen draufzusetzen – für die Startelf. Genau wie Stendera, bei dem aber angeblich die Luft immer noch nicht für 90 Minuten reichen soll. Ansonsten bleibt nach der verdienten Niederlage am heutigen Abend (der VfL war in der 1.Halbzeit zu 96% besser, der HSV von 1896 im zweiten Durchgang nur zu 50+1%) die Hoffnung, dass es die Defizite der 96-Equipe in der Winterpause nicht unter den Tisch fallen und man sich tabellarisch nicht schon wieder sicher wähnt. Der VfL Bochum lässt die Roten jedenfalls erst einmal hinter sich. Wenn der eine Relegationsplatz nach 17 Spielen zehn Punkte entfernt ist und der andere nur vier Punkte, sollte man eigentlich wissen, wohin man eher schauen muss. Ich will ja keine Namen nennen, aber die 2.Liga hatte schon so manchen Überraschungsabsteiger. Sogar mit 39 Punkten.

Auf geht’s Hannover, vorwärts ihr Roten

Nach Abpfiff spazierten wie zeitnah zum Neuner und nahmen Kurs auf Düsseldorf. Nach Brüssel durchzufahren wäre Quatsch gewesen, weshalb uns Hauptorganisator InterCityBerger für die erste Nacht an der längsten Theke der Welt einquartierte. Dort konnten wir bereits 21:15 Uhr im Hotel einchecken, während wir die belgische Hauptstadt wahrscheinlich erst zwei Stunden später erreicht hätten und kaum noch was vom Abend übrig gewesen wäre. Wir waren für 35€ p. P. im Ibis nahe des Hauptbahnhofs untergebracht und nach dem Check-In ging es unverzüglich mit Uber in die Altstadt, wo wir „Im Füchschen“ zu Abend essen wollten. Leider bekam nur Fahrzeug Nr. 1 noch Plätze in dem Lokal. Fahrzeug Nr. 2 entschied sich dann weiterzuziehen, obwohl wir bei der herrschenden Taubenschlagatmosphäre zurecht einen baldigen Tisch für sie prognostizierten.

Ein Fuchs muss trinken was ein Fuchs trinken muss

Egal, Spaß hatten wir auch in halber Mannschaftsstärke, zumal wir noch Verstärkung eines Exil-Hönnersumers aus NRW bekamen. Unser in der Nähe von Düsseldorf lebender Kumpel Kräftchen sollte uns den Rest des Wochenendes begleiten. Der Köbes „Im Füchschen“ machte unterdessen einen guten Job und neben dem normalen Altbier, schmeichelte auch das saisonale Winterbier dem Gaumen. Während der Rest sich an Haxen und ähnlichen Deftigkeiten labte, wurde meine Gulaschbestellung irgendwie unterschlagen. Egal, 10 Altbier sind auch ein Topf Schmorrfleischragout und Fleisch wird eh überbewertet. Zumindest in den Augen von unserem Mitreisenden Max. Er gestand der Gruppe heute nervös, dass er sich seit knapp einem Jahr aus ethischen Motiven vorwiegend vegetarisch ernährt. Klar, ich war erst geschockt. Aber noch viel mehr war ich erleichtert. Ich war die letzten Monate wirklich besorgt, weil er einfach nicht gesund aussah. Meine Angst, dass er eine schwere Krankheit haben könnte, war somit unbegründet. Außerdem hatte ich nun eine Erklärung, warum er schon so lange nicht mehr auf dem Balkan war.

Party im Ballermann 6

Gegen Mitternacht steuerten wir schließlich ein Etablissement mit dem vielversprechenden Namen „Ballermann 6“ an, wo sich der Rest vom Fest bereits befand. Musik und Publikum erfüllten die Erwartungen punktgenau und mindestens einer meiner Mitstreiter war schon wieder „out of order“ (der 390€-Mann…). Wir hatten auf jeden Fall alle gute Laune und es gab sogar Frauen, die sich nicht zu Schade waren uns anzugraben. Typischer Absturzladen halt. Ich machte irgendwann einen polnischen Abgang, während Teile der Reisegruppe noch Botox-Leopardinnen erlegen wollten. Den Daten meines Smartphones nach zu urteilen, muss meine Flucht zwischen 2:30 Uhr und 3:00 Uhr erfolgt sein. Denn um 3:19 Uhr knipste ich ein Foto von einem echt widerlichen Dürüm, welchen ich mir am Worringer Platz zugelegt hatte. Witzigerweise hatte ich mir echt noch den Namen des Platzes in besagtem Smartphone notiert, weil die Schlacht von Worringen 1288 ganz eng mit der Gründung der Stadt Düsseldorf zusammenhängt. Schade, dass ich niemanden meiner Freunde ad hoc mit diesem Nerdwissen nerven konnte.

This is the Dürüm of my night, the night, oh yeah…

Am nächsten Morgen war um 11 Uhr Abfahrt und es ging gar nicht mal allen so gut. Lediglich Fahrer Reh war unser Licht im Dunkeln. Außerdem beklagte ein Mitreisender den „Verlust“ von 390€. Da half nur aggressives Kontern mit Herrenhäuser Premium Pilsener und Hubertustropfen Pfefferminz. Beschallt mit dem Album „Nordachse 2“ von Shacke One und MC Bomber fuhren wir nun ins Land der beleuchteten Autobahnen und erreichten dessen Hauptstadt gegen 12:45 Uhr. In Brüssel hatte Berger uns das zentrale „Motel One“ gebucht, welches wenig mit einem klassischen Motel zu tun hatte. Nicht einmal Parkplätze hatten sie, aber der Neuner konnte für 24 Stunden in einem nahen Parkhaus untergebracht werden. Das Hotel war allerdings nicht nur von der Lage her top (gleich an der Kathedrale und nur wenige hundert Meter vom „Grand Place“ entfernt), sondern modern und stilvoll eingerichtet. Mit 44€ p. P. (inklusive Frühstück) war der Preis auch in Ordnung. Die Kette kommt in mein Portfolio.

Zimmer im Brüsseler Motel One

In Brüssel trennten sich dann vorerst die Wege der Gruppe. Der Grad der Fertigkeit war zu unterschiedlich, um sofort gemeinsam loszuziehen. Ich erkundete erstmal mit InterCityBerger, Fat Lo, Max und dem wieder aus NRW dazugestoßenen Kräftchen auf eigene Faust die Innenstadt. Und apropos Faust. Auf jene gab es natürlich alsbald eine Portion Fritten mit Samuraisauce. Gut gestärkt ließen sich die „Cathédrale St. Michel et Gudule“, die „Colonne du Congrès“, die „Galeries Royales Saint-Hubert“, die „Bourse de Bruxelles“ und der „Grand Place“ mitsamt dem „Hôtel de ville“ und dem „Musée de la ville“ gleich viel besser erkunden. Ein paar Worte möchte ich dabei natürlich zur Stadt- und Landesgeschichte verlieren… (es gab zwar schon mindestens ein halbes Dutzend Berichte aus Belgien bei „Schneppe Tours“, aber geschichtlich habe ich mich dabei bisher immer sehr bedeckt gehalten)

Kathedrale St. Michael und St. Gudula aus dem 13.Jahrhundert

Vermutlich ist Brüssel (was soviel wie „Wohnsitz im Sumpf“ bedeutet) spätestens seit dem Frühmittelalter besiedelt. Belegt ist, dass der niederlothringische Herzog Karl hier im späten 10.Jahrhundert eine Burg errichten ließ und die St.-Gudula-Kapelle stiftete. Der Brabanter Herzog Heinrich I. ließ diese Kapelle ab 1225 zu einer großen gotischen Basilika ausbauen und außerdem verlieh er Brüssel im Jahre 1229 das Stadtrecht. Die Siedlung rund um den „Grote Markt“ („Grand Place“) und die Basilika bekamen eine erste Stadtmauer, die auch das herzögliche Schloss auf dem Coudenberg einschloss. Brüssel florierte und bekam im späten 14.Jahrhundert eine erste Erweiterung. Die Ringmauer wurde von ca. 4.000 auf ungefähr 8.000 Meter ausgebaut, um neuen Wohn- und Handelsplatz zu schaffen. Ab 1420 entstand das Rathaus („Hôtel de ville“) am Großen Markt und die ersten prächtigen Gildehäuser dort wurden ebenfalls errichtet.

Église Saint Nicolas (Bürgerkirche aus dem 14.Jahrhundert)

1430 erbte der Burgunderherzog Philipp der Gute (Philipp III.) das Herzogtum Brabant und baute die niederländischen Provinzen (weite Teile der heutigen Niederlande und Belgiens) de facto zu einem selbstständigen Staatskomplex zwischen den Großmächten Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation (HRR) aus (de jure gehörten die Provinzen jedoch weiterhin zum HRR). Die selbstbewussten Städte und Provinzen der Niederlande beriefen 1464 zum ersten Mal die Generalstaaten der Niederlande ein (eine allgemeine Ständeversammlung, die erheblichen Einfluss auf die Politik des Herzogtums hatte). Im 15. und 16.Jahrhundert tagten die Generalstaaten regelmäßig in Brüssel und verschafften der Stadt somit auch über die Provinz Brabant hinaus eine Hauptstadtrolle. Als Philipps Sohn und Nachfolger Karl der Kühne anno 1477 ohne männlichen Erben starb, gelangte das Haus Habsburg an das Herzogtum Burgund. Der spätere römisch-deutsche Kaiser Maximillian I. hatte Karls Tochter Maria kurz nach Karls Ableben geehelicht (versprochen wurde man einander allerdings schon 1476) und wurde dadurch de iure uxoris zum Herzog von Burgund. Diese Verbindung der Häuser Burgund und Habsburg bedeutete für letzteres Haus übrigens einen großen Machtzugewinn und markiert zugleich den Beginn des jahrhundertelangen habsburgisch-französischen Gegensatzes, der noch in vielen Kriegen ausgefochten werden sollte. Denn Frankreich erhob ebenfalls Ansprüche auf Burgund, da die burgundischen Kernlande ursprünglich ein französisches Lehen waren. Diese Kernlande im heutigen Zentralfrankreich besetzte Frankreich nun auch im Burgundischen Erbfolgekrieg (1477 – 1493).

Auf dem Grand Place

Besondere Bedeutung für die weitere Entwicklung der damals 17 niederländischen Provinzen (Brabant, Limburg, Luxemburg, Gelderland, Flandern, Artois, Hennegau, Holland, Zeeland, Namur, Zütphen, Ost- und Westfriesland, Mechelen, Utrecht, Overyssel und Groningen) hatte sicherlich Karl V. (Kaiser des HRR ab 1530). Der Enkel von Maximillian I. wurde 1515 Herzog der Burgundischen Niederlande (Burgund ohne den an Frankreich gefallenen Teil des Herzogtums), 1516 erster König von Spanien (die vereinigten Königreiche Kastallien und Aragón) und 1519 Erzherzog von Österreich. Sein Weltreich – Spaniens Kolonialbesitz in Amerika fiel natürlich auch an ihn, weshalb man von einem Reich sprach, in dem die Sonne nie untergeht – vermochte er jedoch dynastisch nicht zusammenzuhalten. 1522 wurde das Habsburgerreich im Vertrag von Brüssel geteilt und die österreichischen Erblande fielen an seinen Bruder Ferdinand (der außerdem König von Böhmen, Ungarn und Kroatien wurde). Fortan gab es eine österreichische und eine spanische Linie des Hauses Habsburg, wobei die Niederlande zum Besitz der spanischen Linie gehörten.

Renaissancebebauung in der Brüsseler Altstadt

1556 übernahm Karls Sohn Philipp II. die Herrschaft über das Königreich Spanien mitsamt der Niederlande und der fanatische Katholik bekämpfte den in den Niederlanden aufgekommenen Protestantismus (Calvinismus) rigoros. Es kam zu Protesten und Aufständen unter der Führung von Fürst Wilhelm von Oranien und Graf Lamoral von Egmond, die letztlich in den Achtzigjährigen Krieg (1568 – 1648) mündeten und die Niederlande religiös dauerhaft spalteten. Die südlichsten Provinzen (weitgehend das heutige Wallonien) bekannten sich 1579 mit der Union von Arras zum Katholiszismus und zur spanisch-habsburgischen Krone, während die nördlichen Provinzen, inklusive Flandern und Brabant, im selben Jahr die protestantische Union von Utrecht gründeten. 1581 löste sich die Union von Utrecht als Republik der Vereinigten Niederlande von der spanischen Oberhoheit, wie auch vom HRR. Doch weite Teile Flanderns und Brabants fielen im weiteren Kriegsverlauf wieder an Spanien (also der heutige niederländischsprachige Norden Belgiens) und wurden rekatholisiert. Im Frieden von Münster 1648 wurde der damalige Besatzungszustand zum Status quo festgeschrieben, so dass Brabant geteilt werden musste. Der Norden der Provinz fiel an die Vereinigten Niederlande und der Süden Brabants, mitsamt Brüssel, verblieb bei den Spanischen Niederlanden.

Der Grand Place am Abend (in der Bildmitte das Haus der Herzöge von Brabant von 1698)

Im 17. und 18.Jahrhundert kam es zu einigen Kriegen um die Spanischen Niederlande. Das Spanische Königreich musste im Pyrenäenfrieden (1659), dem Frieden von Aachen am Ende des Devolutionskrieges (1668) und dem Frieden von Nimwegen (1678) einige Territorien an Frankreich abtreten (u. a. Cambrai, Lille, Arras und Dünkirchen). Im Spanischen Erbfolgekrieg (1706 – 1714) wurden weite Teile des Landes durch die Briten und die Vereinigten Niederlande besetzt. Am Ende dieses Krieges fielen die südlichen Niederlande an die österreichische Linie des Hauses Habsburg (Frieden von Utrecht) und hießen fortan Österreichische Niederlande. Diese waren ein nahezu souveräner Staat, der nur durch Personalunion mit Österreich verbunden war. Als der österreichische Kaiser Joseph II. ab 1780 die Autonomie seiner Niederlande wieder einschränken wollte, kam es im Jahr 1790 zur Brabanter Revolution und die Rebellen riefen die Vereinigten Belgischen Staaten aus. Zwar konnte Österreich die Revolution niederschlagen, doch in den Napoleonischen Kriegen (1792 – 1815) wurde das Land 1794 von Frankreich besetzt. 1815 war das heutige Belgien schließlich Schauplatz der entscheidenden Schlacht gegen Napoleon, die der französische Kaiser vor den Toren Brüssels bei Waterloo verlor.

Prächtige Häuserfassaden im Barockstil am Grand Place

Auf dem die Friedensordnung festlegenden Wiener Kongress wurde 1815 eine Vereinigung der nördlichen und südlichen Niederlande ausgehandelt. Dem Königreich der Vereinten Niederlande war allerdings keine lange Lebensdauer beschieden. Die beiden Niederlande hatten sich über die Jahrhunderte anscheinend zu weit auseinander entwickelt. Nebem dem religiösen Gegensatz zwischen protestantischem Norden und römisch-katholischem Süden, wurde der Süden politisch und militärisch benachteiligt (die „Belgier“ waren in politischen Ämtern, wie auch Offiziersrängen deutlich unterrepräsentiert). Die Belgische Revolution von 1830 überführte die südlichen Provinzen schließlich in ein souveränes Staatswesen. Weil so eine bürgerliche Republik aber immer noch verpönt war (es war die Epoche der Restauration in Europa und die Monarchien drumherum hätten keine reine Republik in ihrer Nachbarschaft akzeptiert), musste ein Blaublüter als König für eine parlamentarische Monarchie her. Die „Headhunter“ Belgiens sammelten sich zunächst ein paar Absagen ein, ehe der deutsche Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha – der zuvor den griechischen Königstitel ausgeschlagen hatte – zusagte. Als Witwer der designierten britischen Thronerbin Charlotte († 1817) und somit verhinderter Prinzgemahl, lebte er schon lange in Großbritannien und war daher mit dem System einer parlamentarischen Monarchie bestens vertraut. Am 21. Juli, der seitdem belgischer Nationalfeiertag ist, legte Leopold auf dem Brüsseler Königsplatz den Eid auf die Verfassung ab und wurde erster König der Belgier.

Colonne du Congrès (diese Säule von 1859 erinnert an die Schaffung Belgiens 1830/31)

Durch die neue Rolle als Hauptstadt eines unabhängigen Staates, sowie durch die Industrialisierung im 19. Jahrhundert, erfuhr Brüssel nun ein merkliches Wachstum. Die Bevölkerungszahl stieg deutlich, vor allem durch starke französischsprachige Zuwanderung aus der Wallonie und Nordfrankreich. Durch die notwendige städtebauliche Expansion verschmolz der historische Stadtkern mit den ländlichen Gemeinden drumherum zu einem großen Ballungsraum. Es wurden die „Université libre de Bruxelles“ (1834) und die „Université Saint-Louis“ (1857) als öffentliche Hochschulen gegründet und außerdem entwickelte sich Brüssel zu einem wichtigen europäischen Finanzplatz (mit der „Société générale de Belgique“ als Zentralbank). Die Stadt erfuhr dabei eine Umgestaltung mit vielen repräsentativen Bauwerken (u. a. die Börse von 1873 oder der Justizpalast von 1883), schicken Boulevards und breiten Alleen. Auch das Schloss auf dem Coudenberg, welches bereits der niederländische König von 1815 bis 1829 zur königlichen Residenz ausbauen ließ, wurde nochmals erweitert und bekam seine gegenwärtige neobarocke Gestalt.

Galeries Royales Saint-Hubert (Einkaufspassage von 1847)

Als Stadt für internationale Messen machte sich Brüssel ebenfalls einen Namen. So fand hier 1897 und 1910 die Weltausstellung statt. Im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) und im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) wurde Belgien zweimal von Deutschland überfallen und zeitweilig besetzt. Doch Brüssel blieb in beiden Kriegen weitgehend von Kampfhandlungen und Zerstörungen verschont. Nichtsdestotrotz modernisierte man nach dem Zweiten Weltkrieg nochmals das Stadtbild. Teile der historischen Altstadt und der Gründerzeitviertel mussten modernen Hochhäusern und breiten, autogerechten Straßen weichen. Der damalige Fortschrittsglaube manifestierte sich auch in der Weltaustellung von 1958 (Motto: „Technik im Dienste des Menschen. Fortschritt der Menschheit durch Fortschritt der Technik.“), die Brüssel u. a. das Atomium als neues Wahrzeichen schenkte (siehe Titelbild).

Cinéma Nova – Lichtspielhaus von 1900

Heute ist Brüssel bekanntermaßen Sitz der Europäischen Kommission (liebe Grüße an Flinten-Uschi und ihre teils dubiosen Mitstreiter und Mitstreiterinnen), des Europäischen Rates, des Rates der Europäischen Union (beides bitte nicht verwechseln oder gleichsetzen) und neben Straßburg einer der Arbeitsorte des Europäischen Parlamentes. Ferner haben noch ganz viele weitere internationale Institutionen und Organe ihren Sitz hier, u. a. hat die NATO ihr Hauptquartier in Brüssel. Diese ganzen internationalen Behörden und Institutionen sorgen für eine hohe Quote von Expats aus aller Welt in der belgischen Hauptstadt. Außerdem sind besonders die Randgemeinden Brüssels (z. B. Molenbeek-Saint-Jean und Anderlecht) durch Zuwanderer aus dem Orient und Nordafrika mittlerweile stark islamisch geprägt. Besonders Molenbeek kam in die Schlagzeilen, weil dort einige Fäden des islamistischen Terrors zusammenliefen und in salafistischen Moscheen viele Kämpfer für den Islamischen Staat (IS) in Syrien und dem Irak geworben werden konnten. Die Terroranschläge vom 22.März 2016 in Brüssel, mit 35 Todesopfern und über 300 Verletzten, waren ein trauriges Fanal der Radikalisierung einer Minderheit unter den Muslimen im multikulturellen Belgien.

14.12.2019
RWD Molenbeek – AFC Tubize 0:1
Eerste klasse amateurs (III)
Stade Edmond Machtens (Att: 1.312)

Nach dem Sightseeing, welches bereits von Glühweinkosum auf dem Weihnachtsmarkt flankiert wurde, kam unser ganzes Dezett aus allen vier Himmelsrichtungen im zentralen Pub „Celtica“ zusammen. Hier gab es den halben Liter belgisches Lager („Maes“) für 2€ und entsprechend voll war der Laden schon am späten Nachmittag. Alle Tische und auch die Thekenplätze waren belegt, jedoch saß an einem der großen Tische (für 10 bis 12 Personen) nur ein Pärchen. Höflich erfragten wir, ob unsere Gesellschaft genehm sei. Wir durften uns bei dem jungen britischen Ehepaar willkommen fühlen und sie ernteten großes Gelächter, als sie ihre Herkunft aus Burnley offenbarten. Die irritierten Blicke konnten wir auflösen, indem wir uns als Hannoveraner outeten, die 2017 fast alle in Burnley beim 96-Testspiel zugegen waren. Jetzt konnten wir gemeisam lachen und stießen mit Bier und Jägerbombs auf den Fußball, die Völkerfreundschaft und vieles mehr an. Er, eingefleischter Supporter des Burnley FC, war damals selbst bei der „Schande von Burnley“ zugegen, betrachtete die Ereignisse aber sehr objektiv.

Willkommen im Edmond-Machtens-Stadion

Einige Runden später kam die Schnapsidee auf, dass man ja zu einem hiesigen Fußballspiel fahren könnte. Bei irgendwem hatte die Hopper-App ein Spiel in Molenbeek ausgespuckt. Ich hatte eigentlich keinen Spielbesuch auf der Agenda und das Thema auch jetzt nicht forciert (ausnahmsweise mal), aber sieben von zehn Mitreisenden wollten plötzlich tatsächlich zum Fußball. Muss am Pegel gelegen haben. Nun ging es also mit zwei Taxis raus nach Molenbeek zum „Stade Edmond Machtens“ (ca. 15.000 Plätze). Hier sollte um 20:00 Uhr RWD Molenbeek den AFC Tubize empfangen (3.Liga).

Bequem und warm war’s

Mein Taxi-Quartett bekam vor’m Stadion gleich mal Freikarten für die Haupttribüne geschenkt (gab wohl so ein Weihnachtsspezial, dass jeder Kartenkäufer eine zweite Eintrittskarte gratis bekam). Drinnen steuerten wir sofort den Bierstand an und entdeckten alsbald den VIP-Bereich über uns. Im alkoholisierten Leichtsinn dachten wir uns, dass man da einfach reinspazieren könnte. Dem war aber nicht so. „Mit dem Bier kommt ihr hier nicht rein“, war die Ansage der Türsteher. Okay, haben wir die Becher also eiskalt geext und jetzt durften wir tatsächlich ohne etwas vorzeigen zu müssen rein in die gute Stube. Unsere Leistung am Glas (bzw. Plastikbecher) hatte anscheinend mächtig Eindruck gemacht.

Gönnung im Stadion

Im verglasten Businessbereich konnten wir nun bei wohlig-warmen Temperaturen das Spiel verfolgen und Taxibesatzung Nr. 2 lotsten wir auch noch ins Warme. Mit pikant gewürzten Nüssen und belgischen Bieren (hier auch endlich wieder in Gläsern) genossen wir das Gekicke. Okay, ich bin ehrlich, niemand interessierte sich für das Spiel. Zwei Tage später habe ich überhaupt erst das Ergebnis recherchiert. Dafür konnte ich schon vor Ort mit Wissen über die beteiligten Clubs nerven (wenngleich natürlich nicht in epischer Breite, wie nun nach intensiver Nachbereitung). RWD war nämlich mal eine große Nummer und geht auf den Racing Club de Bruxelles von 1891 (seit 1894 mit Fußballabteilung und der sechste beim belgischen Verband regisitrierte Fußballclub) und den White Star AC von 1909 zurück (Club Nr. 47 beim Verband). Racing wurde sechsmal Meister (1897, 1900, 1901, 1902, 1903 und 1908) und White Star spielte zeitweilig auch immerhin erstklassig. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren beide Clubs jedoch sportlich schwach und fusionierten 1963 zu Royal Racing White. Dem vereinigten Club gelang die Rückkehr in die 1.Liga (1965) und der Einzug ins Pokalfinale (1969, 0:2 gegen Lierse SK).

Blick zur Gegengerade mitsamt dem Heimfanblock (rechtsaußen)

1973 wuchs der Club schließlich nochmals fusionsbedingt. Der Royal Daring Club Molenbeek von 1895 (Belgischer Fußballmeister 1912, 1914, 1921, 1936 und 1937) war in die 2.Liga abgestürzt und sah sich aus eigener Kraft nicht in der Lage wieder in den Spitzenfußball zurückzukehren. Gemeinsam mit Racing White Star wollte man ein belgisches Topteam formen, welches auch auf europäischer Ebene wettbewerbsfähig werden sollte. Racing White Daring Molenbeek (RWDM) griff also ab 1973 an und sicherte sich tatsächlich schon 1975 die Belgische Meisterschaft. Außerdem gelang zwischen 1974 und 1978 fünfmal hintereinander die Qualifikation für den Europapokal (Höhepunkt: 1977 schaffte man es bis ins Halbfinale des UEFA-Cups, scheiterte aber am Athletic Club aus Bilbao). In den 1980er und 1990er verkam man leider zur Fahrstuhlmannschaft zwischen erster und zweiter Liga und finanzielle Nöte zwangen den Club am Ende der beiden wechselhaften Dekaden in die Insolvenz (2001). 2002 ging man im KFC Strombeek auf und dieser wurde 2003 in RWDM Brussels FC umbenannt. Der Brussels FC spielte zwischen 2004 und 2008 nochmal vier Saisons erstklassig, doch auch hier wurde schlecht gewirtschaftet und 2014 wurde dieser Club aufgelöst. Das Erbe ging 2015 schließlich im Verein Standaard Wetteren auf, der damals fünftklassig kickte. Als RWDM47 bzw. RWD Molenbeek geht man nun im „Stade Edmond Machtens“ auf Torejagd und schaffte es immerhin binnen zwei Saisons in die 3.Liga (inklusive geerbtem treuen Anhang).

Die Teams nach Abpfiff

Ja, alles recht kompliziert und angetrunken nur schwer zu erfassen. Der AFC Tubize, der heute 0:1 gewann, hat glücklicherweise eine etwas einfachere Biographie. Der Cercle Sportif Tubizien (von 1925) und der Club Sportif Esperance Tubize (von 1953) fusionierten am 1. Juli 1967 zum Football Club Tubize. Dieser wiederum schloss sich 1990 mit Amis Reunis Tubize (1976 gegründet) zum AFC Tubize zusammen, um die Kräfte in der wallonischen 25.000-Einwohner-Gemeinde zu bündeln (bisher waren alle Clubs nur regional aktiv). Mit Erfolg, denn 1996 gelang der Aufstieg in die 3.Liga, 2003 in die 2.Liga und 2008/09 spielte man sogar eine Saison erstklassig. Bis zum Sommer 2019 blieb man noch zweitklassig, doch jetzt steht man in der 3.Liga auf einem Abstiegsplatz. Umso wichtiger war der heutige Auswärtssieg beim gegenwärtig Tabellensiebten RWDM47.

Am Palais Royal de Bruxelles nachts um halb Eins…

Nach dem Spiel legte im VIP-Bereich noch ein DJ auf und warme Snacks wurden ebenfalls gereicht. Allerdings drängte ein Teil der Reisegruppe auf baldige Wiedervereiningung mit dem in der Innenstadt verbliebenen Trio. Mit einem Großraumtaxi ging es zeitnah zurück zum „Celtica“, aber ich gedachte nicht alt zu werden. Ich war ja eigentlich schon zu Spielbeginn ein Bier über den Durst gewesen und da waren nun noch einige weitere Pilsetten hinzugekommen. Also kämpfte ich mich gegen Mitternacht allein zum Hotel durch und war zeitig in der Heier.

15.12.2019
SC Westfalia Herne – SV Schermbeck 1:2
Oberliga Westfalen (V)
Stadion am Schloss Strünkede (Att: 309)

Am Sonntagmorgen war ich dann fast so etwas wie ausgeschlafen (ich pennte bis 9:30 Uhr) und um 10 Uhr trafen wir uns (fast) alle zum Frühstücken in der Hotellobby. Ein kontinentales Frühstück war im Hotelpreis inkludiert. Nichts Überragendes, aber ich stellte mir eine gute Combo gegen den Kater zusammen (siehe Foto) und meinte, dass sie wahre Wunder wirkte. Um 11 Uhr verließ uns schließlich Kräftchen zu einem Geschäftstermin in Antwerpen (schön, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann) und wir sattelten wenig später zu neunt Richtung Deutschland auf.

Frühstück im Motel One

Doch nicht, ohne den Neuner zuvor nochmal zum Atomium im Stadtteil Laken zu steuern („Auf zum Atom!“). Sonntagsfahrer Marlon musste dafür seine ersten 7km Kilometer ableisten, damit wir das Ding mal gesehen haben und vor allem unser obligatorisches Erinnerungsgruppenfoto schießen konnten. Im Schatten des risiegen Kristallmodells des Elementes Eisens (102 Meter hoch) waren außerdem diverse Harleyfahrer im Rahmen einer großen Ausfahrt angerückt. Dabei trugen die meisten Weihnachtsmannkostüme und auch viele der Zweiräder aus Milwaukee waren festlich geschmückt. Auch ein kurioser Anblick (siehe Titelbild).

Der Mob am Atomium

Um Punkt 12 Uhr verließen wir die Szenerie jedoch wieder und steuerten auf den heimlichen Höhepunkt der Reise zu. Denn um 14:30 Uhr sollte Westfalia Herne den SV Schermbeck zum Oberliga-Punktspiel empfangen. Das Stadion am Schloss Strünkede ist einfach für jeden Stadionenthusiasten Pflicht und heute lag es ideal am Wegesrand. Argumente, dass manche ja am nächsten Morgen früh raus müssen, zogen nur mangelhaft (schließlich war der Unterschied zwischen 17 oder 19 Uhr Heimkehr nicht kriegsentscheidend) und der alsbald angespielte Westfalia-Song räumte endgültig die letzten Zweifel aus. „An der Ritterfeste spielen die Westfalen und es füllt sich das Fußballstadion. Wenn 11 Freunde dann zum großen Anpfiff blasen, ist der Beifall der verdiente Lohn. Wenn der Fußball auf dem Rasen rollt, es auf den Rängen laut erschallt; Wir geh’n am Sonntagnachmittag zu uns’rer Westfalia. Die liebe Sonne freundlich lacht, für uns’re Westfalia…

Willkommen am Stadion am Schloss Strünkede

Um 14:29 Uhr parkten wir schließlich den Neuner am Stadion und investierten je 8€ für einen erwartungsgemäß tristen Kick. Etwas über 300 Zaungäste hatten sich im bis zu 32.500 Zuschauer fassenden Rund versammelt, um die altehrwürdige Westfalia im Abstiegskampf zu unterstützen. Denn der Traditionsclub hatte gerade erst vor einer Woche Insolvenz angemeldet und bekam somit neun Punkte Abzug vom Verband. Das katapultierte das Team aus dem gesicherten Tabellenmittelfeld auf den drittletzten Platz. Nichtsdestotrotz wird die Insolvenz als große Sanierungschance gesehen. Seit 2011, als man in die 6.Liga runter musste, dauert die finanzielle Schieflage schon an. Außerordentliche Ausgaben, z. B. für das Stadion nach Sturmschäden oder nach Einbrüchen von Kriminellen, verhinderten einen Abbau der Altlasten in den letzten Jahren, so dass der Insolvenzantrag unabwendbar wurde. Die goldenen Zeiten sind in Herne leider schon lange vorbei und das Fußballinteresse im Pott konzentriert sich heute zu sehr auf die großen Fische wie Schalke 04 oder Borussia Dortmund. Da ist für kleineren Traditionsclub kaum noch Platz im bezahlten oder semiprofessionellen Fußball, wovon ja auch viele weitere Clubs, wie z. B. die SG Wattenscheid 09, ein Lied singen können.

Die Haupttribüne

Dabei spielte der 1904 im Rittersaal des Schlosses Strünkede gegründete Club von 1933 bis 1944 und von 1954 bis 1963 sogar erstklassig. Alfred Pyka, Hans Tilkowski und Helmut Benthaus waren damals u. a. für die Westfalia aktiv. Sportlicher Höhepunkt in dieser Phase waren die zwei Teilnahmen an der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft 1959 und 1960 (1959 sogar als Staffelmeister der Oberliga West). Für die 1963 eingeführte 1.Bundesliga verpasste man allerdings die Qualifikation. In den 1970er Jahren versuchte die Westfalia schließlich nochmal einen Angriff auf die Beletage des deutschen Fußballs, nachdem der Treibstoffhändler Erhard Goldbach beim Club eingestiegen war. Der „Ölkönig von Wanne-Eickel“ betrieb rund 250 Tankstellen seiner Kette „Goldin“ und sein Geschäftsmodell unterbot die Literpreise der großen Konzerne stets um zwei Pfennige. Aber sein wahres Erfolgsrezept waren die Vermeidung von Einfuhrzöllen und Steuern auf das Benzin. Mittels bester politischer Kontakte konnte Goldbach jahrelang ernsthafte Betriebsprüfungen vermeiden. Doch 1979 endete seine Glückssträhne und durch eine Razzia kamen seine dunklen Machenschaften ans Licht. 360 Millionen Mark schuldete Goldbach letzten Endes dem Staat, gleichbedeutend der größte Steuerbetrugsfall in der Geschichte der Bundesrepublik. Goldbach tauchte unter, wurde jedoch im Februar 1980 nach erfolgreicher Fahndung festgenommen und wenig später zu 12 Jahren Haft verurteilt. Über den Verbleib seiner Schwarzgeldmillionen schwieg der Mann jedoch bis zu seinem Tod im Jahre 2004.

Die Gegengerade

Der Mythos der verschwundenen Millionen von Herne inspirierte einen Filmemacher 2017 sogar zu einem Spielfilm namens „Pottoriginale Roadmovie“ (welchem bereits zwei dokumentarische Filme über Fußballfans im Ruhrgebiet vorausgegangen waren). So genannte Pottoriginale mit Vokuhila und losem Mundwerk gab es übrigens auch heute im Publikum. Allein dafür hatte sich der Besuch gelohnt. Ebenso natürlich für Currywurst mit Pommes für faire 4€. Ein Pilsken dazu wäre eigentlich auch Pflicht gewesen, aber ich wollte heute nicht schon wieder alles durcheinander trinken und blieb lieber bei Kräuterlikör der Marke Hubertustropfen, von denen mir zwischen Brüssel und Herne bereits ein paar gereicht wurden. Außerdem trafen wir noch auf einen treuen Unterstützer des FK Crvena zvezda aus Schweinfurt. Unter der Woche waren Glatto und Ole ihm noch in Athen begegnet und plötzlich läuft man sich Sonntagnachmittag in Herne über den Weg. Die Welt ist ein Dorf.

Blick in die leere Kurve

Apropos Dorf; Schermbeck machte das Ding heute mit 2:1 aus ihrer Sicht klar und klettert damit vom achten auf den sechsten Platz. während die Westfalia nun nur dank eines guten Torverhältnisses auf einem Nichtabstiegsplatz überwintern darf. Das wird noch eine spannende Rückrunde, denn so manch ambitionierter Kicker wird den insolventen Club möglicherweise in der Winterpause verlassen. Mit einem Auge werde ich das aus der Ferne verfolgen. Clubs mit Patina interessieren mich einfach.

Der weniger an Fußballkultur und -historie interessierte Teil der Reisegruppe, hat die 90 Minuten Fußball in Herne auch überlebt und wir waren tatsächlich schon gegen 19 Uhr wieder in heimatlichen Gefilden. Eine überaus gelungene Tour fand ihr Ende und im Gegensatz zu anderen Trips in solch einer Konstellation, vgl. Budapest 2017, haben wir diesmal sogar richtig viel Programm außerhalb von Bars und Kneipen gehabt (und trotzdem musste keiner, außer die jeweiligen Fahrer der Etappen, nüchtern bleiben).