London 01/2019

01.01.2019
Charlton Athletic – Walsall FC 2:1
League One (III)
The Valley (Att: 10.396)

Am Silvestermorgen war die Fraktion Southampton topfit und die Fraktion Darts etwas angeschlagen. Gerade noch rechtzeitig für die Frühstückskarte suchten wir zu fünft kurz vor 12 Uhr den Pub „Goodman’s Field“ auf. Der Mob hatte Bock auf „Large Breakfast“. Außer meiner, der „Eggs Benedict“ orderte (man muss ja mal Abwechslung in seinen Speiseplan bringen!). Natürlich mit Rucola serviert, weshalb ich mich fragte, warum die „Eggs Benedict“ nicht „Scotch Eggs“ heißen und „Scotch Eggs“ dann meinetwegen „Eggs Benedict“ (Insider für Mitreisende und Stammleser).

Egss Benedict

Während ich merkte, dass mein Frühstück zwar lecker, aber keineswegs ausreichend war, lauschte ich den Schilderungen von Schirm und Schlenn zu ihrem Vorabend. Die Stimmung im „Ally Pally“ soll sehr gut gewesen sein und die Getränkepreise waren „affordable“ mit 5£ pro Pint Cider oder Ale. Spannende Spiele gab es für die beiden zwar nicht zu sehen, aber dass sie der Meinung waren, es hätte sich trotzdem gelohnt, war die Hauptsache.

Mann, Crossman & Paulin in Whitechapel

Nach dem Frühstück musste Struktur in den Tag. Wir hatten uns logischerweise nicht bei einer sündhaft teuren Silvesterparty in London eingekauft, so dass wir einen Plan schmieden mussten. Den Nachmittag wollten wir jetzt erstmal in Hackney bzw. Dalston rumbringen und abends im Anschluss in einem Pub an der Themse feiern, sowie möglichst um Mitternacht etwas vom Feuerwerk sehen.

Maze Street in Hackney

Hackney kann man übrigens nicht unterirdisch erreichen, so dass man entweder einen Nahverkehrszug nehmen muss oder mit dem Bus fährt. Vor unserem Hotel fuhr praktischerweise eine Buslinie nach Hackney ab, so dass wir für 1.50£ bis Hackney Central kamen. Hackney Central ist das eigentliche Hackney und Namensgeber des Stadtbezirks „London Borough of Hackney“, in welchem über 260.000 Menschen leben und zu dem u.a. auch die Viertel Shoreditch, Dalston und Clapton gehören.

Backsteinarchitektur in Hackney mit Poppy dran

In diesem „Barrio“ machten wir zunächst einen kleinen Einkaufsbummel. Da wir direkt vor einem „TK Maxx“ rausgeworfen wurden, wagten wir dort zuerst einen Blick herein. Doch in meinen Augen gab es nur Mist. Nach dem erwartbar unergiebigen Abstecher in die vermeintliche Schnäppchenwelt, begutachteten wir den nahen und weithin sichtbaren „St Augustine’s Tower“. Der Turm ist Überbleibsel einer mittelalterlichen Kirche und zugleich das Wahrzeichen Hackneys, so dass er auch das Wappen des Stadtbezirks krönt.

St Augustine’s Tower

Man hätte jetzt eine kleine Fußgängerzone mit Niederlassungen diverser Gastronomie- und Einzelhandelsketten in Richtung Norden prüfen können, doch wir spazierten lieber parallel zu den Bahngleisen am „Bohemia Place“ ostwärts. In den alten Garagen und Gemäuern unter der Bahnlinie sind eine Mikrobrauerei, sowie ein paar Bars und kleine Clubs zuhause. Soll abends einen Besuch wert sein, doch nachmittags (zumindest diesen Nachmittag) war alles verrammelt.

Bohemia Place

Weiter ging es zu einem alten Industriegelände, wo nun diverse Modelabel Outlets in den Gebäuden betreiben. Pringle und Aquascutum waren ganz interessant und man konnte in Ruhe gucken. Bei Burberry, wo wir sowieso nur alibimäßig reingeschaut haben, wütete dagegen ein Mob ostasiatischer Touristen. Die ballerten sich die Einkaufskörbe wahllos wirkend mit Textilien voll (Vorliebe: „As much Nova Check as possible“) und zerrupften alle Auslagen. Kannte ich zwar schon aus anderen Outlets, doch ich kriege jedes Mal auf’s neue große Augen bei dieser Show. Sicher kein schlechter Reibach für den Betreiber, aber ich wäre als Arbeitskraft der Aufgabe mental nicht gewachsen und den Burberry-Wahn in Fernost kann ich auch nur schwerlich begreifen.

Aquascutum Outlet

Nach dem Bummel musste um 14:30 Uhr ein Pint her und „The Globe in Morning Lane“ warb draußen mit „A proper Hackney Pub“ und „Under the same management for 30 years“. Also rein in die gute Stube! Die Omi hinter der Theke war auch wirklich ein „Darling“, wies uns allerdings darauf hin, dass ab 15 Uhr geschlossene Gesellschaft ist. Kein Problem, war ja genug Zeit für ein schnelles Helles (oder auch Dunkles). An den Wänden waren viele Fotocollagen von Pub-Events, wo ziemlich oft die selben Gesichter lächelten. Scheinbar wirklich ein traditioneller Pub mit Stammpublikum aus der Nachbarschaft. Wirkte grundsympathisch, jedoch erwies sich ausgerechnet unser Tischachbar als etwas anstrengender Charakter.

The Globe in Morning Lane

Der war so klischeehaft, der hätte auch von Claas Relotius hätte erfunden sein können. „You’re Germans?“ „Yes, Sir…“ „Two World Wars and one World Cup!“ Nach diesem grandiosen Einstieg, war der weitere Weg vorgezeichnet. Er lobpreiste fortan die Kampfesmoral seiner Nation und betonte, dass „This tiny island has never been occupied“, weil sie eine „Nation of fighters“ seien. „Except the Romans“ in grauer Vorzeit (und vielleicht noch ein paar andere, die ich aber unerwähnt ließ). Die Römer waren als fremde Invasoren Englands allerdings definitiv nicht wegzudiskutieren und der ü50-Engländer erklärte uns, dass deren Nachfahren („The f**king Italians!“) dafür der letzte Schrott seien. „In the desert, we’ve kicked the shit out of them!“, spielte er auf den Kriegsschauplatz Nordafrika im 2.Weltkrieg an. Aber er gestand ihnen immerhin schöne Frauen und gutes Essen zu, nur „Fighters“ seien sie eben nicht. Wir Deutschen in seinen Augen dagegen schon und er sei bereit zum Kampf. „Germans! If you wanna fight, I’m ready!“ Er fragte fortan öfter, ob jemand Bock von uns hätte zu kämpfen und es war schwer einzuschätzen, ob er nur Spaß machte oder ihm wirklich eine zünftige Kneipenschlägerei das Silvester versüßt hätte.

Beer and a bit of Maximillian’s shirt

Unser neuer Freund hatte übrigens laut Eigenaussage etliche Jahre in der Britischen Armee gedient. Ich glaube er sprach von acht Jahren beim Royal Regiment of Fusiliers. Danach hat er als Tiefbauer gearbeitet und eine Nachfrage, ob er immer noch berufstätig sei, ersparte ich mir lieber. Bohrende Fragen seinerseits waren noch, warum Deutsche keinen Humor haben und warum England der Welt so viel gute Musik geschenkt hat und Deutschland nicht einen weltberühmten Act hat. Schlenn warf die „Scorpions“ in den Raum. Zweifelsohne eine weltweit sehr erfolgreiche Band und daher ein richtiger Einwand. Allerdings fand unser Gesprächspartner die Band und ihren „einen“ Song („Wind of Change“) wenig überraschend „gay“ („gay“ waren übrigens auch die heutigen Hemden von Max und Schlenn seiner Meinung nach) und „totally shit“. Abgesehen davon, dass es natürlich nicht politisch korrekt ist, „gay“ als Schimpfwort zu verwenden (oder fand er den Song und die Hemden einfach nur heiter, lebenslustig oder bunt?), wollte natürlich niemand eine Lanze für die Softrocker aus Hannover brechen. Ist unsere Musik ja auch nicht.

Tresen in der Cock Tavern

Als der Laden um 15 Uhr dicht machte, war ich nicht besonders traurig. Das Gespräch war sozialwissenschaftlich zwar ganz interessant gewesen und wichtige Themenkomplexe wie der Brexit, die EU und Angela Merkel fehlten noch, aber insgesamt war es doch zu anstrengend. Im nächsten Pub, der „Cock Tavern“, erwartete uns zum Glück eine ausschließlich mit sich selbst beschäftigte Mischung aus Hipstern und Alkoholikern. Und obwohl sich eine Vertreterin letzterer Fraktion zwischenzeitlich neben uns setzte und unterdessen ein Glas Weißwein in zwei Zügen leerte, blieb uns eine Interaktion mit anderen Menschen als dem Barkeeper erspart.

Hackney Empire

Ähnlich intim konnten wir auch die anschließende Zeit im proppevollen Wetherspoon’s „Baxters Court“ verbringen. Der Pub befand sich in guter Nachbarschaft mit „Listed Buildings“ wie dem „Hackney Empire“ (eines der größten und bekanntesten Schauspielhäuser Londons) und der „Hackney Town Hall“ und war sehr gut besucht. Wir aßen dort zunächst Burger bzw. Pizza und nach ein paar Runden Bier wurde um 17:17 Uhr endlich ins Schnaps-Business eingestiegen.

Das letzte Abendmahl in 2018

Gegen 18:30 Uhr realisierten wir, dass die anvisierte Erkundung von Dalston nicht mehr in den Zeitplan passt und stiegen stattdessen vor dem Pub in einen Bus Richtung London Bridge. Dort kamen wir 30 Minuten später an und stellten fest, dass man von hier wohl so gut wie nichts vom Feuerwerk am London Eye sehen dürfte. Hatte ich so schon vermutet, aber probieren geht über studieren. Die Themse hat nunmal ihren Knick hinter der Waterloo Bridge und wirklich gut sehen könnte man dann nur vom „Victoria Embankment“. Das Gebiet ist jedoch an NYE abgesperrt und Zugang gibt es nur mit Eintrittskarte. Die verkauft die Stadt für faire 10£, meldete jedoch auch schon im September „sold out“. Zu früh für unsere Planungen.

Tower & Tower Bridge bei Nacht

Na ja, für mich war das Feuerwerk eh ein zu vernachlässigender Programmpunkt und wir kehrten circa 19:30 Uhr in den Pub „The Liberty Bounds“ zwischen London Bridge und Tower Bridge ein. Der war auch proppenvoll, aber entgegen der schlimmsten Befürchtungen wurde schnell ein Tisch für uns frei. Viele waren eben nur auf der Durchreise hier, um ein, zwei schnelle Pints auf dem Weg zum Feuerwerk oder ihrer eigentlichen Party-Destination zu nehmen.

Ehrliches Ale

Bei uns blieb es natürlich nicht bei ein, zwei Pints, sondern es wurde vier Stunden Gas gegeben. Biere kosteten 4 bis 5£, ein Liter Cocktail 9£. Das waren akzeptable Preise für die Lage des Pubs und das im Laufe des Abends immer touristischer wirkende Publikum (unsere beiden Nachbartische waren mittlerweile ebenfalls von deutschen Gästen besetzt und auch sonst hörte man beim Gang zur Theke oder Toilette wenig Englisch).

Eiffel 65 Cocktail

Eine halbe Stunde vor Mitternacht stimmte die Mehrheit dann für einen Gang Richtung Feuerwerk. Wir wollten am Nordufer der Themse mal so weit wie möglich Richtung Pyrospektakel gehen. Wirklich weit kamen wir nicht und durften letztlich auf Höhe der Southwark Bridge, eingequetscht zwischen unzähligen anderen Touristen, ein bißchen Feuerwerk zwischen den Hochhäusern der „South Bank“ erspähen (wer es nicht weiß; in Großbritannien darf nicht jeder Dulli an Silvester mit Feuerwerk rumhantieren, sondern es gibt öffentliche Feuerwerke von Profis).

Feuerwerksspitzen

Einen Vorteil hatte das aus unserer Perspektive unspektakuläre Lichtspiel am Nachthimmel; die Pubs hier in der Ecke hatten durch den Exodus Schaulustiger Kapazitäten freibekommen. So kehrten wir nun in den „The Monument“ ein und legten je 10£ für ein Neujahrsgedeck (Bier + Jägerbomb) auf den Tresen. Außerdem flimmerte hier nochmal das wirklich schöne und EU-bejahende Londoner Feuerwerk über die Bildschirme. Frohes Neues und so…

Prosit Neujahr!

Um 1 Uhr stellte die Bar den Ausschank ein und wenig später begannen die „Bouncer“ ihre Runde, um den Laden zeitnah leer zu bekommen. Da in London die Öffis die Silvesternacht durchfahren und dazu auch noch ausnahmsweise gratis sind, kamen wir schnell und kostenneutral von der Station Monument zur Station Aldgate East. Von dort war es nur ein Katzensprung ins „Indo“ gegenüber unseres Hotels (hatte wie immer bis ca. 3 Uhr auf). 3/5 zogen nach einem Absacker zeitnah ins Hotelbett und 2/5 trafen auf kontaktfreudige Damen. Doch ich sag mal so, der Rest war am nächsten Morgen entweder amüsiert oder schockiert, aber nicht neidisch.

Flirten für Profis

Am 1.Januar war natürlich wieder Fußball angesagt. Warum nicht mit einem Dreier, äh Doppler ins neue Jahr starten? Die Gruppe splittete sich abermals, da Schlenn und Schirm Karten für Arsenal vs. Fulham hatten und Max, Ole und ich auf Charlton vs. Walsall als Alternative schielten. Abends war dann noch optional Bromley vs. Sutton drin (5.Liga), um tatsächlich mit einem Doppler das neue Fußballjahr einzuläuten.

Canary Wharf

Frühstück und frische Luft in Greenwich sollten meinen Teil der Reisegruppe zunächst wieder auf Trab bringen. Über Canary Wharf und die Isle of Dogs ging es via Overground nach Greenwich. Da wir kurz vor 12 Uhr im Pub „The Gate Clock“ eintrafen, hatte man noch die Qual der Wahl zwischen deftigem Frühstück oder doch schon deftigem Mittagessen. Richtig, wichtig war deftig!

Katerfrühstück

Meine Mitstreiter aßen Burger und ich gönnte mir eine Combo aus Rippchen und Hähnchenbrust mit zwei Spiegeleiern und einer Ofenkartoffel (anstatt fettigen Fritten). Wer jetzt einen Ansatz von fettärmerer und proteinreicherer Kost bei mir ausmachen will: Träumt weiter! Selbstverständlich werden auch 2019 keine Kalorien gezählt. Zumindest im Urlaub nicht (daheim natürlich nur Reis und Thunfisch, ich schwör‘!).

2019: Jahr des Bieres

Diese Mahlzeit war jedenfalls ungesund genug für meine bewährten Ansprüche in Sachen Völlerei. Und weil ich vom „Dry January“ auch nichts halte, gab es gleich mal ein Pint Carling dazu. Ole und Max dagegen blieben alkoholfrei, trotz meiner Fürrede für die unglaubliche Wirkkraft des so genannten Konterbieres.

Die Cutty Sark

Nach dem Essen spazierten wir touristisch motiviert durch Greenwich. Mein letzter Besuch dort rührt noch aus Kindertagen, doch mir kam noch alles sehr vertraut vor. Max und Ole gefiel es rund um das Museumsschiff „Cutty Sark“ und das „Old Royal Naval College“ (siehe Titelbild) auch sehr gut. Aber kein Wunder, ist doch Greenwich eine der vier Londoner UNESCO Welterbestätten. Den folgenden Anstieg zum „Royal Greenwich Observatory“ hatte ich allerdings weniger anstrengend in Erinnerung. Nun gut, der Schweiß könnte auch vorwiegend dem Exzess der Silvesternacht geschuldet gewesen sein.

Netter Ausblick vom Royal Greenwich Observatory

Vom Hügel des Observatorium gab es nicht nur einen tollen Ausblick, sondern wir realisierten auch, dass wir heute gleich am ersten Tag des Jahres sowohl die östliche, als auch die westliche Hemisphäre unseren Planeten unsicher machten. Auch wenn der Nullmeridian im Gegensatz zum Äquator willkürlich gewählt ist, waren wir uns bewusst am heutigen Tage zu einer Minderheit zu gehören. Noch besser wäre natürlich gewesen heute schon in beiden Hemisphären Bier zu trinken, aber die Uhr tickte. 14:14 Uhr fuhr unsere Bahn von der Station Maze Hill ins nahe Charlton (der nächste um 14:44 Uhr war uns zu knapp).

In the Streets of Greenwich

Deshalb fiel ein weiterer Pubbesuch in Greenwich aus und nach kurzer Bahnfahrt ging es vom Bahnhof Charlton bergab zum Stadion „The Valley“, welches seinen Namen also wirklich aus geographischen Gründen trägt. 27.000 Plätze offeriert das 1919 eröffnete und Anfang der 90er Jahre grundsanierte Stadion zur Zeit. Bis zur großen Modernisierung spielte Charlton Athletic zwar in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre erstklassig (First Division), aber aus Gründen der Stadionsicherheit seinerzeit im Exil. Entweder bei Crystal Palace im Selhurst Park oder bei West Ham United im Boleyn Ground.

To the ground

Seit dem 5.Dezember 1992 tritt der tief im Arbeiterstadtteil Charlton verwurzelte Club wieder im „Valley“ an und hat das in erster Linie dem Eifer seiner Fans zu verdanken. Denn die hatten es satt Untermieter bei Rivalen zu sein und gründeten 1990 sogar eine eigene Partei. Bis dahin weigerte sich die öffentliche Hand des Royal Borough of Greenwich Gelder für die Stadionsanierung in Charlton bereitzustellen. Doch als „The Valley Party“ am 3.Mai 1990 bei der Kommunalwahl in Greenwich 14.838 Stimmen erhielt (10,9%) und zugleich rund 1 Mio £ an Spendengeldern für das Stadion einsammelte, konnte ihr Ansinnen von der Lokalpolitik nicht mehr ignoriert werden.

Ein Greasy Spoon am Ground

Bis 1998 blieb man an alter, aber nun modernisierter Wirkungsstätte zweitklassig. Dann gelang der erste Aufstieg in die 1992 eingeführte Premier League. Nach einem einjährigen Gastspiel im Oberhaus musste Charlton sich nochmal bis 2000 gedulden, bis man vorerst in der Premier League Fuß fassen konnte. Erst im verflixten 7.Jahr trat man erneut den Gang in die 2.Liga an. Zwischenzeitlich wurde das Stadion nochmals modernisiert und erweitert, um den Ansprüchen der Premier League gerecht zu werden. Doch seit 2007 muss man sich leider durchgängig mit der Zweit- und Drittklassigkeit zufrieden geben.

Charlton Athletic

Immerhin spielt der Vizemeister von 1937 und FA-Cup-Sieger von 1947 diese Saison bisher um den Aufstieg in die Championship mit (aktuell 5.Platz nach 25 Spielrunden). Mit Clubs wie Sunderland (vorletzte Saison noch Premier League) und Portsmouth, oder auch dem von Daniel Stendel trainierten Barnsley FC, hat man allerdings starke Mitbewerber an der Spitze. Nur die beiden bestplatzierten Clubs werden die League One auf direktem Wege nach oben verlassen können, aber vielleicht klappt es am Ende zumindest über die Play-offs für den CAFC mit dem Aufstieg.

Outside of The Valley

Für das ersehnte Happy End im Sommer war natürlich ein Heimsieg gegen den Vierzehnten der Tabelle eine Pflichtaufgabe. Allerdings hatte Walsall gerade erst dem derzeitigen Zweitplatzierten Luton Town (noch ein Aufstiegskonkurrent!) ein Unentschieden abgetrotzt. Schien die Hausherren nicht beeindruckt zu haben, denn sie gaben nach Anpfiff sofort Vollgas. Angetrieben von einem sehr sangesfreudigen Fanblock hinter dem Tor (inklusive Trommlern).

Eine asymmetrische Arena

Für Walsall ging das alles einen Tick zu schnell und schon in der 6.Minute klingelte es im Gästetor. Es gab eine Balleroberung am Mittelkreis durch Tarique Fosu und dieser passte aus ca. 35 Metern steil in den Strafraum. Perfekt in den Lauf von Karlan Grant, der seinem Bewacher enteilte und dem herauseilenden Keeper aus 12 Metern einen Tunnel verpasste. Als die „Addicks“ in der 9.Minute auch noch einen Strafstoß zugesprochen bekamen und Lyle Taylor diesen souverän verwandelte, schien der Matchplan von Trainer Lee Bowyer voll aufzugehen.

Jimmy Seed Stand

Lee Bowyer war um die Jahrtausendwende übrigens mal Säule einer legendären Mannschaft von Leeds United und zugleich ein Hoffnungsträger des englischen Fußballs. Dass das Toptalent letztlich nur ein A-Länderspiel absolvieren durfte, mag mit seinen vielen Eskapaden zusammenhängen. Denn Bowyer war auf und neben dem Platz ein großer Rüpel. So sammelte er 99 Gelbe Karten in 397 Premier-League-Spielen und stand wegen Alkoholexzessen, Schlägereien und rassistischen Ausfällen sowohl in den Schlagzeilen, als auch vor Gericht. Letzteres sorgt dafür, dass man so jemanden nicht als Kultspieler feiern sollte, obwohl er sonst die Attribute dafür liefert. Aber gut, man sollte jedem Menschen eine geistige Weiterentwicklung seit den Schandtaten der Adoleszenz zutrauen und darf nicht auf ewig den Stab über ihn brechen. Heute arbeitet Bowyer immerhin für einen Club, der in England als ein Pionier in Sachen Antidiskriminierung beim Fußball gilt und Bowyer trainerte außerdem ehrenamtlich ein LGBT-Freizeitfußballteam in London namens Charlton Invicta.

Blick zur Haupttribüne

Vielleicht ist dem gereiften Lee Bowyer ja eine große Trainerkarriere ohne Schandflecken vergönnt. Bei seiner ersten Station läuft es jedenfalls bisher gut und bis zur Halbzeit brannte auch beim heutigen Spiel nichts mehr an. Nach dem Seitenwechsel dagegen pennte sein Team einen Moment und die Gäste konnten in der 47.Minute durch ihren Mittelstürmer Andy Cook den Anschlusstreffer erzielen. Da machte sich auch endlich mal das bescheidene Häufchen Gästefans bemerkbar.

Charltons Stimmungskern

Keine 200 Seelen waren aus den Midlands mitgereist.  Vielleicht hatten Teile der Allesfahrer heute einen üblen Silvesterkater und ließen den Trip kurzfristig sausen? Wahrscheinlicher ist aber wohl, dass dieser Club, aus der Nachbarschaft etlicher Größen des englischen Profifußballs, einfach eine sehr kleine Fanbasis hat. Die teilen sich das Einzugsgebiet immerhin mit Aston Villa, Birmingham FC, West Brom und den Wolverhampton Wanderers. Um nur die größten Clubs aus der Ecke Englands zu nennen…

Die Gästefans

Die frühe Anschluß versprach nun eine spannende 2.Halbzeit, doch im Großen und Ganzen ließ Charlton nichts anbrennen. Walsall wurde mit einer guten Defensivdarbietung weitgehend vom eigenen Tor ferngehalten (u.a. vom deutschen Innenverteidiger Patrick Bauer) und in 60.Minute köpfte Lyle Taylor sogar das vermeintlich 3:1. Nur wollte der Schiedsrichter irgend etwas Unrechtmäßiges gesehen haben und gab das Tor nicht. Sah für mich weder nach Foul noch nach Abseits aus, aber ich war natürlich etwas weiter weg als der bestellte und bezahlte Beurteiler in schwarz.

The Valley

Nichtsdestotrotz blieb Charlton in der letzten halben Stunde dem 3:1 näher als Walsall dem 2:2, so dass die Südostlondoner am Ende verdient über den fünften Heimsieg in Serie jubeln durften. Die 24£ Eintrittspreis für meinen Platz auf Gegengerade habe ich jedenfalls nicht bereut, während der echte Student Max und der falsche Student Ole nur je 14£ zahlen mussten (ich wolte das neue Jahr natürlich nicht unehrlich starten ;-)). Fazit beim Verlassen des Grounds: Stimmung gut (besonders der Chant „Valley Floyd Road“ hat mir gut gefallen), Spiel gut und Stadion top. Charlton Athletic, gerne wieder!

01.01.2019
Bromley FC – Sutton United 2:1
National League (V)
Hayes Lane (Att: 1.428)

Wäre der erste Kick des Jahres nicht so ein befriedigendes Ereignis gewesen, hätte man sich die Weiterreise nach Bromley sicher überlegt. So waren wir topmotiviert den Doppler wirklich zu realisieren. Aus dem Norden der Stadt kamen dagegen Signale, dass Schlenn und Schirm nicht dazustoßen würden. So hatte Schirm doch tatsächlich seine Jacke in der Silvesternacht verlegt und komischersweise keinen Bedarf noch ein weiteres Mal am Neujahrstag in einem Stadion zu frieren.

Xmas Tree in Bromley

Dabei hätten sie vom 22km entfernten Emirates Stadium mit Öffis nur eine Stunde nach Bromley gebraucht. Genau so lang wie wir, obwohl uns nur 11km von Bromley trennten. Sie hätten eine entspannte Combo aus Underground und Zug nehmen können, während wir zu einer komplizierten Route mit ausschließlich Bussen und drei Umstiegen gezwungen waren. Dafür kostete das nur 1.50£ und wir sahen uns bisher nette unbekannte Gegenden von London (z.B. Blackheath).

A Pub in Bromley

Der Bustransfer klappte reibungslos und gegen 18 Uhr waren wir im Zentrum von Bromley angelangt. Wie auch Hackney am Vortag, der Namensgeber und ursprüngliche Kern eines ganzen Bezirkes. Der „London Borough of Bromley“ markiert den äußersten Südosten der Metropole und geht schonend über ins ländliche Kent. Kurzum; teilweise wirkt der flächenmäßig größte Stadtbezirk von London selbst schon sehr ländlich. Das eigentliche Bromley erscheint einem dagegen wie eine englische Kleinstadt mit historischem Stadtkern, einer High Street, einer Mall, einem Theater, einem Rathaus, diversen Kirchen, zwei Bahnhöfen usw. (erinnerte alles ein bißchen an Watford). Hier leben ca. 72.000 der rund 330.000 Einwohner des Bezirks.

St Peter & St Pauls Parish Church

Einen Teil der noch ungefähr 100 Minuten bis zum Anpfiff nutzten wir jetzt für einen netten Abendspaziergang durch die Gemeinde. Den anderen Teil für das Abendessen, wofür der trotz seiner Größe gemütliche und traditionell eingerichtete Pub „The Greyhound“ im Zentrum auserkoren wurde.

Who ate all the pies?

Ole gönnte sich sein Leibgericht Chicken Tikka Masala, Max dagegen Fish & Chips. Sein Cod war so goldgeld gebacken, dass ich tatsächlich von einer Hülle aus Blattgold ausging und Ausschau nach Franck Ribéry hielt. Meiner einer bekam wiederum den Hals nicht voll und bestellte zwei Essen zum Preis von einem. Das waren einmal ein Steak & Kidney Pie mit Beilagen und einmal Chili con Carne mit Reis und Nachos (zusammen 9.49£). Wie rechtfertigte ich mich doch gleich vor der skeptisch servierenden Kellnerin? „Yes, both are for me. I’m blessed with a good appetite!“

Gang Nr. 2

Nicht nur gesegnet, sondern auch gesättigt, ging es anschliessend zum Ground an der Hayes Lane. Das Stadion liegt übrigens in einer gehobeneren Wohngegend. Den Häusern, sowie den Fahrzeugen in den Einfahrten nach zu urteilen, war das wohl schon Mittelschicht auf dem Niveau von Friedrich Merz. Wer weiß, wie viele der Anwohner ein Privatflugzeug auf dem nahen Biggin Hill Airport stehen haben…

Fachwerk in Bromley

Vielleicht waren ein paar der lokalen Millionäre auch Gönner des Bromley FC? Irgendwo muss das Geld für die 5.Liga (in England schon sehr professionell) schließlich herkommen. Die Müllkippe, die die Namensrechte am Stadion erworben hat und die utopischen Eintrittspreise allein können es eigentlich nicht sein (20£ für einen Stehplatz!). Seit 2015 spielen die „Ravens“ mittlerweile in der fünftklassigen National League, was den bisherigen  sportlichen Zenit der Vereinsgeschichte darstellt und einen siebenstelligen Etat pro Saison erfordert.

Welcome to Bromley FC

Weil das heutige Lokalduell gegen Sutton United als Topspiel auserkoren wurde (beide Teams kommen aus Südlondoner Bezirken), kickte man exklusiv um 19:45 Uhr. Logischerweise sah es dabei auf den Traversen zum Teil nach Groundhopper-Kongress aus. Mindestens 50 weitere Touristen aus der Kraut- und Kartoffelrepublik waren zugegen (viele davon hatten wir auch schon bei Charlton gespottet), von denen man sich aber keine Konversation aufzwingen ließ. Stattdessen wurde zwischen den Locals ein halbwegs brauchbarer Kick geguckt.

Haupttribüne an der Hayes Lane

Der Gast aus der Nachbarschaft (aktuell 8.Platz, aber dank engem Tableau Teil des Aufstiegskampfes) hatte ungefähr 150 der 1.428 zahlenden Zuschauer mitgebracht und erwischte den besseren Start. In der 11.Minute gingen sie durch ein Tor von Kenny Davis in Führung. Bromley, zur Zeit als Siebzehnter nur mit einem 6-Punkte-Polster zur Abstiegszone ausgestattet, schlug allerdings noch vor der Pause zurück. In der 33.Minute traf mit J. J. Hooper eine Sturmleihgabe aus Grimsby (4.Liga) zum Ausgleich.

Bromley feiert den Ausgleich

Sutton United, welches übrigens gerade erst am „Boxing Day“ (2.Weihnachtsfeiertag) das Hinspiel vor 2.086 Zuschauern gewonnen hatte, versuchte in der 2.Halbzeit viel für eine erneute Führung. Sie mussten allerdings feststellen, dass Bromley ihnen heute durchaus auf Augenhöhe begegnete. Als Bolarinwa kurz vor Schluss Suttons letzte Großchance knapp über das Tor abschloss, hatte sich bestimmt der Großteil des Publikums mit einem verdienten Unentschieden arrangiert. Doch der in der 89.Minute auf Seiten der „Ravens“ eingewechselte Goodman, kam anscheinend nicht nur, um Zeit von der Uhr zu nehmen. Mit seinem ersten Ballkontakt besorgte er Sekunden später das 2:1 für den Gastgeber. Der Eckstoß, der seine Hereinnahme gerade ermöglicht hatte, wurde ihm im Strafraum mustergültig auf die Stirn serviert.

Die Gegengerade

Großer Jubel bei 90% der Zuschauer und geknickte Gesichter beim Rest. Mein zweites Fußballspiel anno 2019 war zwar kein Straßenfeger geworden, aber den Ausflug ins provinzielle Südostlondon bereute dennoch keiner von uns. Was hätte man auch sonst am heutigen Abend machen sollen? Etwa schon wieder saufen?

Hintertortribüne

Apropos… Auf dem Heinweg merkte ich, dass ich etwas geplantes versäumt hatte. Nämlich schon heute sowohl in der westlichen, als auch der östlichen Hemisphäre ein Bier zu trinken. Aber das Jahr ist ja noch lang. Wesentlich länger als die Zugfahrt von Bromley nach London Victoria zum Beispiel, die uns nun als erste Etappe des Heimwegs bevorstand. Binnen 50 Minuten waren wir dann wieder in Whitechapel und gegen 23 Uhr im Hotelbett. Ein toller Trip neigte sich unweigerlich dem Ende entgegen.

The Shard by night

Am 2.Januar mussten wir bereits um 5:15 Uhr zum Flughafen aufbrechen. Zumindest Max, Ole und ich. Unsere Kompagnons Schirm und Schlenn standen da bereits vor’m Hotel und warteten auf ihr Uber-Taxi zum Bahnhof Paddington (ca. 8£ p.P.). Sie hatten von dort den Heathrow Express à 22£ gebucht, um zur Sicherheit 90 Minuten vor Abflug am Airport zu sein. Dazu waren wir anderen Drei zu preisbewusst und wählten lieber die erstbeste Underground-Option für 3.10£.

Flying with BA

Am Ende waren wir 70 Minuten vor Abflug am Terminal und 60 Minuten vor Abflug durch die Sicherheitskontrolle. Aber kann man vorher ja nicht wissen, gerade weil seit Jahren keiner mehr von uns ab Heathrow geflogen ist. Heathrow ist schon angenehmer als Stansted und via British Airways auch gut und i.d.R. günstig mit Hannover verbunden. Unser heutiger Flug kostete faire 59€ und Einstiegspreis auf der Strecke scheint 49€ zu sein (alles günstigster Tarif ohne Schnickschnack). Das ist konkurrenzfähig gegenüber HAJ-STN mit Eurowings und auch wenn ich eigentlich nie Vorsätze für ein neues Jahr mache; 2019 möchte ich a) Ryanair aus meinem Portfolio streichen und b) Stansted für meine regelmäßigen Englandreisen meiden.

Doch wer weiß schon, was die nächsten 12 Monate reisetechnisch für mich bereithalten? Das weiß nicht mal ich so genau, denn bis auf wenige Ausnahmen ist noch nichts geplant. Ziemlich sicher ist nur, dass es nicht wieder vier verschiedene Kontinente wie im Vorjahr werden. Europa ist ja auch sehr schön, also denken wir 2019 mal wieder mehr ans Klima.