Górny Śląsk & Ostrava (Oberschlesien & Mährisch-Ostrau)

31.03.2018
GKS Tychy – KS Ruch Chorzow 2:0
I Liga (II)
Stadion Miejski w Tychac (Att: 8.191)

Fliegen zur Ferien- und Feiertagszeit ist bekanntlich selten günstig. Aber bevor Karfreitag daheim der Hund begraben ist und man aus Langeweile einen Hauerclub ohne Ende gründet, zahlt man eben zähneknirschend etwas mehr als gewohnt für eine Flugreise. Das waren in unserem Fall stolze 75€ pro Person für Hamburg-Katowice und zurück. Klingt vielleicht zunächst nicht teuer, aber das Preiseinstiegsniveau beim gewählten Anbieter Ryanair liegt auf dieser Strecke normal bei 9,99€ one-way. Vernünftige Unterkünfte gehen in Katowice übrigens auch so bei 10€ pro Nacht und Person im Doppelzimmer los, aber da brauchten wir jetzt auch nicht mit dem Sparen anfangen. Also entschieden sich Fat Lo, Abto, Ole, Max und ich für das Novotel**** im Stadtzentrum (20€ im DZ pro Person und Übernachtung, bzw. 30€ im EZ).

Edel in den Urlaub

Fat Lo musste leider kurzfristig durch einen operativen Eingriff von dieser Diätreise Abstand nehmen, aber mit Meiniche (spricht man portugiesisch aus) von der geschätzten Gruppierung „Roter Infarkt ’99“ fanden wir einen reisewilligen Ersatz. Er und der Abt reisten am Karfreitag mit dem Zug nach Hamburg, während Max, Ole und ich Auto fuhren. Wir hatten eigentlich geplant vor Abflug den HFC Falke zu besuchen, doch deren Pflichtspiel wurde heute (wie so viele weitere Begegnungen im Raum Hamburg) wegen Unbespielbarkeit des Platzes abgesagt. Also doch Ausschlafen und erst 14:30 Uhr los. Uns erwartete viel stockender Verkehr auf der A7 am „Carfreitag“, aber kurz vor 17 Uhr war das Auto kostenneutral in Flughafennähe abgestellt. Darauf erst mal ein Holsten Edel vom Kiosk an der Alsterkrugchaussee. Wie soll man auch sonst am höchsten Fastentag der katholischen Kirche auf seine Kalorien kommen?

Abtos Präsente

Mit weiteren Hülsen warteten wir vor’m Airport-Edeka auf den Abt und Meiniche. Als diese ’ne gute Stunde vor Abflug eintrafen, ging es am heute schwach frequentierten Flughafen durch die Sicherheitskontrolle. Im Flugzeug saßen wir alle getrennt, was mich zum Lesen der neuen Zeitspiel-Ausgabe animierte (mit großem Russland-/UdSSR-Spezial, empfehlenswert!). Nach 75 Minuten war der Spaß vorbei und wir ließen uns vom Shuttlebus (10€ return) ins circa 30km entfernte Katowice fahren. Da der Abt im Flieger von seiner polnischen Sitznachbarin auf zwei Runden Bier eingeladen wurde (sie wollte halt nicht alleine trinken), beschloss er sich von der Großzügigzeit anstecken zu lassen und spendierte am Flughafenkiosk erworbenes Bier und Haselnußlikör für die ganze Bande (Hvala brate!).

Chupa Chups

In Katowice ging es sofort in die Kneipenstraße (ul. Mariacka). Wir hatten alle Sorge, dass an Karfreitag in einer polnischen Stadt gar nichts geöffnet hat. Doch diese vom toten Bahnhofsumfeld weiter genährten Bedenken lösten sich am Ziel in Luft auf. In der Mariacka hatte fast alles auf und war auch gut besucht. Wir ließen uns in der „Pijalnia Piwa i Wódki“ nieder und zechten Warka-Bier, sowie diverse Shots. Favoriten waren dabei der jüngst schon in Poznán exzessiv konsumierte Monte (Soplica-Haselnuß mit Milch) und der neu entdeckte Chupa Chups (schmeckte wie die Cola-Lollys aus der Kindheit). Der heutige Suff ging übrigens auf Olberts Kosten, der uns letztes Wochenende in Wuppertal 180 Zloty zusteckte, die noch vom letzten Polen-Trip bei ihm rumflogen. Nochmal ein großes Dankeschön, denn das waren immerhin umgerechnet 45€ und dafür bekamen wir hier zu fünft sieben Runden Bier bzw. Shots (5 Zloty pro Drink).

Absacker im KATO

Kurz nach Mitternacht bekamen Ole und Abto Lust ihren Fleischentzug zu beenden und gingen zu einer ranzigen Dönerbude, während Meiniche, Max und ich noch einen Absacker in der Bar „KATO“ nahmen. Die war auch so voll, dass wir noch nur noch an der Theke Platz fanden. Die Dönerbande fuhr dann Taxi zum Hotel und der KATO-Mob machte einen Nachtspaziergang (waren ja nur 1.000 Meter), inklusive Späti-Besuch. Am Ende hatte definitiv jeder leicht einen sitzen und es überraschte wenig, dass am nächsten Morgen nicht alle pünktlich aus den Federn kamen. Das Zimmer Meiniche / Abto entschied sich für Ausschlafen.

Marienkirche bei Nacht

31.03.2018
ROW Rybnik – Siarka Tarnobrzeg 2:3
II Liga (III)
Stadion Miejski w Rybniku (Att: 356)

9:12 Uhr war Abfahrt unseres Zuges. Max, Ole und ich waren allerdings auch spät dran, so dass nur das Aufspringen auf eine gerade zufällig neben uns haltende Straßenbahn das erfolgreiche Last-Second-Eintreffen am Gleis erlaubte. Der Reiseproviant sah mit drei Flaschen Wasser auf den ersten Blick seriös aus, doch dann zauberte Max eine Flasche Soplica aus seiner Jackentasche. Davon trinken wollte zunächst allerdings niemand.

St.-Antonius-Basilika

Rybnik (140.000 Einwohner) erreichten wir nach 50 Minuten Fahrzeit mit der „Koleje Śląskie“ (quasi der S-Bahn hier in der Gegend) und orientierten uns sogleich in Richtung St.-Antonius-Basilika. Die neogotische Kirche von 1907 ist das Wahrzeichen der Stadt und Oberschlesiens höchster Sakralbau (ca. 96m Turmhöhe). Neben der Kirche luden Liegen im Park zum Verweilen ein und rund 45 Minuten nach uns tauchten Meiniche und der Abt in Rybnik auf. Die sind mit dem Service Uber für 100 Zloty (ca. 24€) gefahren und wussten natürlich instinktiv, dass man uns an der Basilika finden dürfte.

Rynek von Rybnik

Gemeinsam ging es nun den Rynek (Marktplatz) der Stadt prüfen. Dem Stadtkern merkt man schon an, dass man sich in einer älteren Stadt als z.B. Katowice befindet (Rybnik bekam im Zuge der deutschen Ostkolonisiation um 1300 das Stadtrecht). Doch einen touristischen Geheimtipp haben wir jetzt nicht entdeckt, welchen der Reisende nach Oberschlesien unbedingt gesehen haben muss. Letztlich ist die Stadt architektonisch zu 90% von der Zeit der Industrialisierung, der Zwischenkriegszeit, sowie Polens sozialistischer Episode geprägt. Aber egal welche Epoche wir heranziehen, ein Gebäude von überregionaler Bedeutung wurde offenbar zu keiner Zeit errichtet.

Stadion MOSiR Rybnik

Nach 30 weiteren Minuten des Flanierens, war es daher auch nicht schlimm, dass nun das erste von drei Fußballspielen am heutigen Tag rief. ROW 1964 Rybnik (Neunter) empfing Siarka Tarnobrzeg (der Tabellensechste, aus dem Karpatenvorland angereist) zum Duell innerhalb der 3.Liga Polens. Sicher das Spiel heute, welches man noch am ehesten hätte streichen können, aber das Stadion hatte Charme (abgerockt, speedwaytauglich und mit über 10.000 Plätzen) und mit zwei kleinen Fanszenen war auch zu rechnen. Zumal heuer noch zwei große Verbündete der Rybniker ihre Spiele hatten (Górnik Zabrze um 15:30 Uhr und GKS Katowice um 20:15 Uhr) und absehbar war, dass die „Gladiators“ das eigene Spiel um 12 Uhr mittags als Sammelpunkt und Warm-Up nutzen wollen.

Stadion der alten Schule

Als wir am Kassenhäuschen anstanden kam auch ein stattlicher Mob um die Ecke, begleitet von Polizisten mit Schildern und Knüppeln. Anhand der Klamotten war allerdings zu erkennen, dass es sich um die Gästefans handelte. Hm, standen wir für den Gästeblock an? Nee, kann eigentlich nicht sein. Dann muss es entweder gleich knallen oder die sind befreundet. Die Antwort war: Weder noch! Die 50 Mann aus Tarnobrzeg lungerten nach dem Einlass zunächst oberhalb der Zuschauerblöcke am Bierstand und interagierten kein bißchen mit den Rybnikern.

Blick zur Haupttribüne

Zur 2.Halbzeit enterten sie dann einen Zuschauerblock neben dem harten Kern von ROW, beflaggten diesen und begannen zu supporten. Das animierte die bisher auch nur lose in ihrem Block rumstehenden Rybniker ebenfalls zum Support. Sie formierten sich mit etwa 100 Mann und ein Capo gab die Gesänge vor. Interaktion mit den Gästefans jedoch weiterhin Fehlanzeige. Vielleicht gibt es im komplizierten polnischen Atlas der Freundschaften und Bündnisse einen gemeinsamen Freund, der zum Waffenstillstand anregte? Oder man hat einfach ein neutrales Verhältnis mangels gemeinsamer Konflikthistorie? Eine nachträgliche Recherche ergab schließlich, dass beide Szenen Kontakte zu Wisłoka Dębica pflegen und sich deshalb respektieren ohne sich gleich in die Arme zu fallen.

Vorne Siarka, gleich dahinter ROW

Auf dem Platz stand es 1:0 zur Pause (41.Min, Tkocz), doch die zweiten 45 Minuten gehörten den Gästen. In der 73.Minute trugen ihre Offensivbemühungen erstmals Früchte und Cupriak besorgte den Ausgleich. Nach 83 Minuten gelang Glaz nach einem schönen Solo die Führung, welche die Mannschaft mit dem Babywiegejubel (Remember Bebeto ’94) vor dem Gästemob feierte. Schon drei Minuten später erhöhte Janeczko auf 1:3 und das Spiel schien entschieden. Nichtsdestotrotz betrieb Musiolik mit einem sehenswerten Schlenzer in der Nachspielzeit noch Ergebniskosmetik für ROW (was übrigens für „Rybnickiego Okręgu Węglowego“ steht, also für Rybniker Kohlerevier).

Kielbasa & Piwo

Kuriosität am Rande: Alle drei Tore von Siarka waren Jokertore, sprich jeder der drei eingewechselten Kicker hatte getroffen. Das nennt man wohl ein glückliches Händchen. Ansonsten bleibt noch anzumerken, dass Wurst und Bier im Stadion lecker waren und Max sich letzte Nacht vergriffen hatte. Die mitgeführte Pulle Soplica war nicht Haselnuß, sondern Dörrobst als Geschmacksrichtung. Egal, konnte man auch trinken (…mittlerweile…) und hatte außerdem mehr Umdrehungen als das nussige Pendant.

Oberschlesische Eisenbahnromantik

31.03.2018
GKS Tychy – KS Ruch Chorzow 2:0
I Liga (II)
Stadion Miejski w Tychac (Att: 8.191)

Nach Abpfiff machten wir uns auf zu einem nahegelegenen Vorortbahnhof und hatten bis zur Abfahrt der nächsten „Koleje Śląskie“ noch genug Zeit für den Bierkauf an einer Tanke. Mit Uber oder normalen Taxis wäre es nun möglich gewesen die Ekstraklasa-Partie Górnik Zabrze gegen Sandecja Nowy Sącz anzusteuern (Anpfiff 15:30 Uhr). Jedoch hätten wir bei jener Begegnung früher abhauen müssen, um rechtzeitig zum Spielbeginn (17:45 Uhr) in Tychy (dt.: Tichau) zu sein. Also beließen wir es beim 3-Spiele-Plan und brachen um 14:38 Uhr Richtung Tychy auf.

GKS-Wappen von Ruch gecrosst

Nach einem hektischen Umstieg in Katowice-Piotrowice, inklusive über die Gleise flitzen, erreichten wir um 15:33 Uhr Tychy (ca. 130.000 Einwohner). Schon am Bahnhof war zu sehen, dass die Ruch-Leute letzte Nacht sehr aktiv gewesen sein müssen. Etliche Graffitis von GKS Tychy waren gecrosst. Laut Medien soll die Polizei dabei 15 mutmaßliche Sprüher aus dem 30km entfernten Chorzów erwischt haben. Grafittis waren zunächst auch das optisch interessanteste in dieser Bier- (Tyskie), Bergbau- und Automobilbaustadt (früher FSM, heute Fiat und Ford). Architektonisch sah Tychy wie Salzgitter-Lebenstedt aus. Richtig, das ist kein Kompliment!

Tychy Downtown

Da wir noch fast zwei Stunden bis zum Anpfiff zu überbrücken hatten, entschieden wir uns am ebenfalls nicht sehenswerten Marktplatz in das „Avanti Steak House“ einzukehren und das Mittagessen nachzuholen. Vorweg gab es Knoblauchsuppe (höllisch gut!) und dann hatte ich einen Burger (gut) und die anderen aßen Steaks (sollen sehr gut gewesen sein). Dazu Kozel vom Fass, während draußen dauernd Polenböller detonierten und der ein oder andere Fanmob der Lokalmatadore über den Platz Richtung Stadion zog.

Kleiner Burgersnack

Auch wir saßen nun auf heißen Kohlen und wollten die Rechnung (mit zwei Getränkerunden war jeder im Schnitt 10€ los). Das Stadion war einen Steinwurf entfernt, jedoch erwarteten uns lange Schlangen am Kassenhäuschen und gefühlt ging es keinen Meter voran. Das hier übliche Procedere ist echt nervig. Jeder muss seinen Personalausweis abgeben und bekommt ein personalisiertes Ticket. Datenmäßig wird offenbar alles was die ID-Card an Informationen hergibt in die Tastatur gehackt. Jedenfalls waren die jungen Damen bei jedem Kartenkauf ewig lange am tippen. Trotz noch 30 Minuten bis zum Anpfiff, war schnell klar, dass wir nicht pünktlich im Stadion sein würden.

Tychy-Graffiti in Stadionnähe

Um 17:50 Uhr wechselten dann je 12 Zloty (ca. 3€) für einen Sitzplatz auf der Gegengerade den Besitzer und 10 Minuten nach Anpfiff saßen wir auf unseren Plätzen in der modernen Arena (2015 eröffnet, bietet sie14.050 profane Sitzplätze, sowie 850 Business-Seats und 100 Logen-Plätze). Wie draußen bereits anhand der Geräuschkulisse erahnt, wurde schon ein Tor versäumt. Edgar Bernhardt (Besitzer der russischen, kirgisischen und deutschen Staatsbürgerschaft und früher u.a. beim Wuppertaler SV aktiv) hatte die Hausherren in der 3.Minute in Führung gebracht. Doch hatten wir auch eine Choreographie der Fans verpasst? Wahrscheinlich schon, lagen doch Glitzerfolientafeln und zusammengerollte Blockfahnen im Heimsektor rum.

Ein erster Blick zur Heimkurve

Wenigstens bot uns der Gästeblock (1.000 Gästefans waren heute zugelassen) in der 30.Minute noch eine schöne Schalparade und akustisch waren beide Fanlager gut aufgelegt. Eher nicht so die Freunde des Ultra-Sing-Sangs, sondern es gab hauptsächlich brachial laute Anfeuerungsrufe oder Pöbeleien gegen den Gegner. Die Graffiti-Action im Vorfeld und der Zuschauerandrang deuteten es ja bereits an: Hier war heute Zunder drin!

Schalparade im Gästeblock

Mit Tychy scheint Ruch zwar in den letzten Jahren wenig Berührungspunkte gehabt zu haben und es gab nicht die erbitterten Revierkämpfe wie zwischen Ruch und seinen direkten Nachbarn aus Zabrze und Katowice. Doch Tychy ist mit LKS Łódź und Cracovia Kraków ganz dicke, während Ruch nun ausgerechnet mit Widzew Łódź und Wisla Kraków alliiert ist. Die Freunde waren heute auch alle mit Abordnungen am Start. Dazu hatte Cracovia noch ihre Kumpels aus den Niederlanden (Ajax) im Schlepptau, die heute zumindest bei Tychy willkommen genug waren, um optisch in Erscheinung treten zu dürfen (Zaunfahne und Szeneklamotten). Keine Ahnung ob sich da auch was über den gemeinsamen Freund Cracovia zwischen Tychy und Ajax entwickelt hat oder ob es nur eine Gefälligkeit gegenüber Cracovia war. LKS Łódź stellte jedenfalls nach dem Spiel sofort klar, dass man explizit nicht mit Ajax befreundet ist.

Blick zur Haupttribüne

Das schwache Spiel des 11.Platzierten (Tychy) gegen den Achtzehnten und somit Tabellenletzten ging mit 1:0 in die Pause und wir besorgten uns erstmal Bier. Dann hieß es zurücklehnen und die Show genießen. Denn mitnichten hatte die Heimszene schon zu Spielbeginn optische Akzente gesetzt, sondern man wollte offenbar warten bis das Stadion auch vernünftig gefüllt ist. Deshalb nun Vorhang auf für „45 Minuten Hardcore – Echte Gefühle“:

Gründungsjahr des Clubs

Zunächst hüllten die Fans ihren Sektor in eine Blockfahne mit den Vereinsfarben und dem Gründungsjahr (1971). Dazu vor dem Block ein Banner auf dem frei übersetzt geschrieben stand: „Nichts ändert sich. Alte Traditionen werden von jungen Generationen fortgesetzt.“ Die Gästefans befestigten derweil vor ihrem Block ein großes Banner mit der Aufschrift „Wladcy Slaska“ (Herrscher Schlesiens, was auch auf ihren einheitlichen Fanschals stand).

Wladcy Slaska – Herrscher Schlesiens

Als die zweiten 45 Minuten begannen und die Blockfahne wieder eingerollt war, wurde jedoch nicht wie von uns spekuliert sofort gefackelt, sondern zunächst tauchte unter dem Stoff noch eine kleinere Blockfahne mit dem Stadtwappen von Tychy auf (ein Posthorn auf blauem Grund). Dann kam die nächste blocküberspannende Fahne zum Einsatz. Die „Ultras TNG“ (Tyszanie Net Group) feierten darauf ihr 15jähriges Bestehen.

15 Jahre Ultras TNG

Als diese Fahne wieder verschwunden war, standen im ganzen Block verteilt Fans in Maleranzügen und Sturmhauben. Jeder hatte in der jeder Hand so zwei Stäbe. Wir waren gespannt, was nun wohl als nächstes passieren würde… 😉 Die Jungs entzündeten auf Kommando ihre über 100 Fackeln und rissen die Arme auseinander. Der Block erstrahlte frontal betrachtet links in grün und rechts in rot.

Feuer frei

Das Spiel lief bereits schon über 10 Minuten, nur die Aktionen im Heimblock hatten immer noch kein Ende gefunden. Nun kamen glitzerne Folientafeln zum Einsatz, zusammen mit einer weiteren Blockfahne. Vor’m Block stand jetzt auf einem neuen Banner „W życiu piękne są tylko szpile“ und dazu blinkten rund 100 Stroboskopfackeln. Der Satz ergibt für Nicht-Muttersprachler keinen Sinn, da er wörtlich übersetzt so etwas wie „Im Leben sind nur Reißzwecken/Pins/Nägel (oder auch Stiletto-Absätze) schön“ heisst.

Der nächste Akt der Kurvenshow

Doch das Ganze ist eine umgangssprachliche Verballhornung von „W życiu piękne są tylko chwile“, was soviel wie „Im Leben sind nur die Momente schön“ heisst und auch ein Songtitel der populären polnischen Rockband „Dżem“ aus Tychy ist. Da auf der Blockfahne ein Vater mit seinem kleinen Sohn Hand in Hand auf dem Weg zum Stadion zu sehen war, passt es mit den Momenten auch etwas besser als mit Stilettos oder Reißzwecken.

Nochmal Fackeln während die krawallinteressierten Blicke schon gen Gästeblock gehen)

Nachdem die Stroboskopfackeln erloschen und Choreomaterialen wieder verschwunden waren, wurden als Schlusspunkt nochmal ungefähr 30 weiße bengalische Fackeln im Block gezündet. Wahrlich eine große Show und man verlor den Gästeblock zwischendurch ganz aus dem Augenmerk. Dort wurden nämlich unterdessen Fanutensilien der Heimszene präsentiert. Allen voran eine große Fanfahne. Zwar von den Fans der übrigens äußerst erfolreichen Eishockeysparte des GKS Tychy. Doch selbst wenn es da keine personelle Kongruenz mit den Fußballleuten geben würde, prickt das Sehen der eigenen Farben in Feindeshand natürlich wie ein „szpile“.

Geklaute GKS-Fahne

Dementsprechend angestachelt war der gewaltgeneigte Teil der Heimkurve und hinter uns wechselten Vermummte in großer Anzahl die Stadionseite. Wenig später fing es, im doppelten Wortsinn, zu knallen an. „Tychy & Friends“ versuchten den Durchbruch, untermalt von etlichen Böllern, während im Gästeblock die Fanartikel der Tychyer loderten. Ausserdem ließ Ruch sich auch lumpen und rüttelte mächtig am Zaun, wobei ein Segment fast aus der Verankerung riß. Die Polizei setzte Reizgas in rauen Mengen ein, während die Jungs aus Chorzów anscheinend an einen Feuerlöscher gekommen waren und selber mit einer eigenen Wolke antworteten.

Reizende Luft lag im Stadion

Die GKS-Hools wiederum deckten den Gästeblock mit Sitzschalen ein. Wer allerdings zu nah an die Gäste rankam, wurde gnadenlos von den Vertretern des staatlichen Gewaltmonopols niedergeknüppelt. Ein Tychyer, der über den Platz dem Gästeblock entgegen stürmte, bekam das besonders zu spüren. Als die Luft das Reizgas selbst zu unseren Plätzen (nahe der Mittellinie auf der Gegengerade) trug, war klar, dass die Spieler auch Atemnot haben dürften. Das Spiel wurde in der 69.Minute wenig überraschend für rund 10 Minuten unterbrochen, doch auf den Rängen und dahinter ging es munter weiter.

Achtung: Tieffliegende Sitzschalen

Im Sinne einer möglichst vollumfassenden Berichterstattung haben der Abt und ich die Spielunterbrechung genutzt und uns das Ganze mal aus der Nähe angeguckt. Auch gerade was hinter den Rängen im Umlauf los war. Tychy war weiterhin dabei sich Scharmützel mit der Polizei zu liefern und zurückgewichen wurde höchstens, um sich mit neuen Wurfgegenständen wie Trenngittern oder Mülltonnen zu versorgen.

Wer jetzt dem Zaun zu nah kam, bekam Reizgas

Als der Ball wieder rollte, bekam GKS in der 82.Minute noch einen Strafstoß zugesprochen. Lukasz Grzeszcyk verwandelte zum entscheidenden 2:0, doch heute war Fußball wirklich nur Nebensache. Nichtsdestotrotz will ich noch erwähnen, dass Ruch diese Saison noch sicherer als der Hamburger SV absteigt. 12 Punkte aus 22 Spielen, 10 Punkte Abstand zum Relegationsplatz. Eine traurige Bilanz für den Rekordmeister Polens (ausgerechnet gemeinsam mit dem Erzrivalen Górnik Zabrze mit je 14 Titeln), der erst letzten Sommer aus der Ekstraklasa abgestiegen war und vor wenigen Jahren noch um Meistertitel Nr.15 kämpfte.

Sein größter Wunsch: Eine dritte Hand

Kurz vor Spielende schien sich auch die Situation im Stadion wieder vollends unter der Kontrolle der 400 eingesetzten Polizisten (also ein Polizist je 20 Stadionbesucher) zu befinden und nach Abpfiff mussten wir uns sputen. Schließlich wollten wir pünktlich zum nächsten schlesischen Derby kommen. GKS Katowice versus Zagłębie Sosnowiec versprach nicht minder brisant zu werden und für je 100 Zloty bewältigten wir mit zwei Taxis die 18,96km von Stadiontor zu Stadiontor binnen 20 Minuten. (BTW: bei „Around the Ground“ gibt es eine schöne Galerie von GKS Tychy – Ruch Chorzów)

Der Wasserwerfer einfahrbereit am Stadiontor

31.03.2018
GKS Katowice – Zagłębie Sosnowiec 1:0
I Liga (II)
Stadion GKS Katowice (Att: 5.250)

Kurz nach 20 Uhr tauchte das Stadion von GKS Katowice auf (ca. 9.500 Plätze). Es ist nicht so eine moderne Arena wie in Tychy, sondern ein betagtes, aber ebenfalls reines Fußballstadion. Es dürfte zwar außerhalb der entsprechenden Katasterämter kaum einen Menschen interessieren, jedoch liegt das Stadiongrundstück kurioserweise auf dem Stadtgebiet von Chorzów, der Heimat vom Rivalen Ruch, während die Zufahrtsstraße zum Stadion (ul. Bukowa) zu Katowice gehört und das Stadion somit wenigstens eine Katowicer Anschrift hat (Bukowa 1, 40-108 Katowice).

Up to the stand

Beim Blick durch den Stadionzaun offenbarte sich, dass der Gästeblock leider leer war. Sehr schade, sind doch beide Fanlager in tiefer Abneigung verbunden. Katowice und Sosnowiec grenzen direkt aneinander, jedoch war das früher nicht nur eine Gemeindegrenze, sondern auch eine Grenze von Regionen bzw. sogar Imperien. Katowice war und ist oberschlesisch, während Sosnowiec historisch zum Dombrowaer Kohlebecken (Zagłębie Dąbrowskie) zählt. Von 1742 bis zum 1.Weltkrieg gehörte Katowice mit Oberschlesien zu Preußen bzw. dem Deutschen Reich und Sosnowiec zum Russischen Zarenreich (ab 1813 de facto, ab 1831 hochoffiziell). In der Zwischenkriegszeit fielen beide Städte an den neuen polnischen Nationalstaat (Zweite Polnische Republik), doch das „Zagłębie“ (dt.: Revier) mit Sosnowiec wurde Teil der Woiwodschaft Kielce und nicht wie Katowice Teil der Woiwodschaft Schlesien.

Blick zum leeren Gästeblock

Erst die deutschen Okkupanten im 2.Weltkrieg gliederten Sosnowiec (eingedeutscht Sosnowitz) und das „Zagłębie“ an Oberschlesien an. Nach dem Krieg beließ das neue kommunistische Polen diese Zuordnung, doch die Menschen aus Sosnowiec und dem Rest des „Zagłębie“ werden sich nie als Schlesier verstehen. Schlesier sind in Sachen Sprache (schlesischer Dialekt), Religiösität (erzkatholisch) und politischer Einstellung (warschaufeindlich bis separatistisch) für sie ein völlig anderer Schlag Menschen. Klar, dass diese tiefen Animositäten sich auch im sportlichen Wettkampf manifestieren. Die Fans aus Sosnowiec hassen alle „echten“ oberschlesischen Vereine, besonders natürlich den direkten Nachbarn GKS Katowice, und haben sich darüber hinaus bereits in den 1970er Jahren mit den Hauptstädtern von Legia Warsawa verbündet, die bei den Schlesiern unisono verhasst sind.

Die Haupttribüne vom Stadion GKS Katowice

Kurzum; die Ereignisse vom vorherigen Spielbesuch drohten mit neuen Charakteren eine Wiederholung zu bekommen. Doch da machte der Woiwode von Schlesien einen Strich durch die Rechnung. Gästefans wurden vom obersten Verwaltungschef der Woiwodschaft gemäß § 1 Abs. 1 des Gesetzes über die Sicherheit von Massenveranstaltungen von diesem Spiel ausgeschlossen. Und als wäre das nicht genug der Präventation, wurden wir nach dem Passieren der Stadiontore (Eintritt übrigens doppelt so teuer wie in Tychy) auch noch in Kenntnis darüber gesetzt, dass es heute aus Sicherheitsgründen nur alkoholfreies Bier gab. Dieser Woiwode wird mir immer unsympathischer!

Choreo der GKS-Fans

Wenigstens war die Heimszene auch ohne Gegner auf den Rängen zahlreich erschienen (über 5.000 zahlende Zuschauer). Auch eine Choreographie auf der Gegengerade gab es zu bewundern. Es schwebte die komplette 1.Halbzeit ein Kosmonaut vor’m Block und daneben stand in großen Lettern frei übersetzt der Satz „Gefangen in der Raumzeit“. In der Hauptphase der Darbietung wurde beides von blauen Papptafeln unterlegt, gefolgt von Stroboskopfackeln. Eine nette Aktion und gesanglich wurde ebenfalls das ganze Spiel über Dampf gemacht.

Der Kosmonaut

Sportlich war die Partie allerdings zäh. GieKSa (GKS Katowice) ging als Fünfter gegen den Zehnten als Favorit ins Spiel, wurde der Rolle aber zunächst nicht gerecht. Den ersten Torschuss des Abends feuerte dementsprechend der Sosnowiecer Portugal-Import Nuno Malheiro in der 21.Minute ab (im letzten Sommer von einem portugiesischen Drittligisten zu einem polnischen Zweitligisten gewechselt, es gibt schon seltsame Transfers). Doch der Ball landete knapp neben dem linken Pfosten im Toraus. Danach ergriff GieKSa zaghaft die Iniative, nur mehr als zwei ungenaue Torschüsse sprangen bis zum Seitenwechsel nicht heraus.

Pyrotechnische Untermalung

Zur zweiten Hälfte war die Choreo abgehangen und dafür alle Zaunfahnen aufgehangen. Sichtbaren Besuch gab es von den „Gladiators“ aus Rybnik und „Swirlandia“ aus Jarosław, sowie aus der Tschechischen Republik. Die „Generation 2016“ und die „Cosa Nostra“ von FK Banik Ostrava waren zu Gast (warum letztere sich nicht „Cosa Nostrava“ genannt haben, werde ich als Fan schlechter Wortspiele wohl nie nachvollziehen können). Górnik Zabrze war zumindest mittels GieKSa-Górnik-Kameradschaftsfahne präsent, aber physisch werden bestimmt auch ein paar Fanatiker aus Zabrze einen Doppler am heutigen Sonnabend realisiert haben.

Fanblock GieKSa

Ferner wurden auch ein paar Fanschals oder sonstige kleinere Textilien der Sosnowiecer Fanszene abgefackelt. Dass dabei nun ausgerechnet der Funke auf die Mannschaft übergesprungen sei, wär jedoch arg konstruiert. Doch jedenfalls kamen die Hausherren besser aus der Kabine. Adrian Błąd versuchte gleich den Tormann von Zagłębie mit einem Flachschuss zu überraschen, nur der war auf dem Posten. Als in der 51.Minute die Rote Karte von Babiarz die Gäste dezimierte, sah es noch besser für den polnischen Pokalsieger von von ’86, ’91 und ’93 aus. In der 62.Minute schlug Błąd (was auf deutsch übrigens Fehler heisst) eine Flanke von Linksaußen in den Strafraum, die alle hochspringenden Akteure beider Teams verfehlten. Am Ende senkte sich der Ball am zweiten Pfosten ins Tornetz. Das war sicher nicht so geplant, aber nun stand es 1:0.

Die Haupttribüne freut sich über das 1:0

Kurioserweise gaben Führung und Überzahl dem Team in der letzten halben Stunde keine Sicherheit. Sie blieben nach vorne ohne Durchschlagskraft und ließen Zagłębie noch zwei, dreimal durchkommen. Doch deren Harmlosigkeit konnte den wichtigen Heimsieg von GieKSa nicht mehr in Frage stellen. Es blieb beim 1:0 und in Katowice klettert man auf Platz 4. Man hat vier Punkte Rückstand auf Tabellenführer Miedz Legnica, aber auch ein Spiel weniger auf dem Konto.

Das Schlesische Theater

Wir spazierten vom Stadion zur nächstbesten Bahnstation und fuhren mit der Tram ins Zentrum von Katowice. Eins war leider klar, alt würden wir nicht mehr werden. Es wurde lediglich noch der Hunger und Durst in einer Pizzeria gestillt. Rund 8€ waren für eine leckere 40cm-Pizza mit Paprika und Salsiccia im „Basiliana“ zu löhnen. Pappsatt ging erst recht nichts mehr in Sachen Nachtleben, aber am kommenden Morgen unverkatert nach Ostrava zu reisen war ja auch keine schlechte Perspektive.

Pizza Salsiccia

01.04.2018
MFK Vitkovice- FK Varnsdorf 1:0
Fotbalová národní liga (II)
Městský stadion – Vítkovice Aréna (Att: 439)

Ab Sonntagmorgen mussten wir leider auf Meiniche verzichten. Für unseren Nachbucher war der Hinflug mit 35€ zwar noch erschwinglich, jedoch sollte unser Rückflug am Montagabend mittlerweile weit über 100€ kosten. Daher ging es verständlicherweise nach den fußballerischen Highlights der Tour vorzeitig für 10€ von Katowice nach Dortmund (und dann mit Bahnsparpreis weiter nach Hause). Dementsprechend spazierten wir am Ostersonntag nur zu viert zum Bahnhof, wo wir für umgerechnet 27€ p.P. eine Hin- und Rückfahrt nach Ostrava kauften und 9:18 Uhr des Schaffners Pfeife in unserem Séparée hörten.

Welcome to Ostrava Downtown

Obwohl es ein EuroCity war (Warsawa-Wien) und Katowice und Ostrava nur rund 90km auseinander liegen, brauchten wir aufgrund der Streckenführung und einem viertelstündigen planmäßigen Aufenthalt in Bohumin 1,66 Stunden bis Ostrava hl.n.. Von diesem etwas außerhalb liegenden Fernverkehrsbahnhof der drittgrößten Stadt Tschechiens (290.000 Einwohner) ging es mit der Tram ins Stadtzentrum. Da war kurz nach 11 Uhr an einem Ostersonntag nichts los und wir inspizierten zunächst die Kathedrale der Stadt. Ein nettes Bauwerk von 1880 im Stile der Neorenaissance.

Kathedrale zum Göttlichen Erlöser

Von Ostravas wichtigstem Kirchenbau war es auch nicht mehr weit zum Markplatz der Stadt. Ein sehr großzügiger Platz, jedoch war außer dem Alten Rathaus und seinen Nachbargebäuden nicht viel von der historischen Bausubstanz übrig. Sozialistische Nachkriegsbausünden prägten die Szenerie. Das trübe Wetter mit Nieselregen trug auch nicht gerade dazu bei, sich heute touristisch in Ostrava zu verlieben.

Die schöne Seite des Marktplatzes

Als dritten Pflichtpunkt vor dem heutigen Fußballspiel hatte ich nur noch die Burg der Stadt auf der Liste. Die war einen Kilometer vom Marktplatz entfernt und man musste dafür den Fluss Ostravice überqueren. Damit hatte man historisch gesehen „Moravská Ostrava“ (Mährisch-Ostrau) verlassen und war nun in „Slezská Ostrava“ (Schlesisch-Ostrau). Denn jahrhundertelang bildete die Ostravice die Grenze zwischen Mähren und Schlesien und beide Orte entwickelten sich zunächst eigenständig. Im schlesischen Dorf Ostrava entstand zum Grenzschutz im späten 13.Jahrhundert die nun besichtigte Burg der Piastenherzöge (heutige Optik allerdings aus dem 16.Jahrhundert), doch eine städtische Blüte war bis in die Neuzeit weder dem mährischen, noch dem schlesischen Ostrau vergönnt.

Die Burg von Schlesisch-Ostrau

Erst im 19.Jahrhundert stieg durch Kohle und Stahl die Bedeutung Mährisch-Ostraus. Beide Ostraus waren damals Teil von Österreich-Ungarn, aber weiterhin unterschiedlichen Provinzen zugehörig. Das nun florierende Mährisch-Ostrau gehörte zur Markgrafschaft Mähren und das etwas zaghafter wachsende Schlesisch-Ostrau zum Herzogtum Schlesien (den Resten des historischen Schlesiens, welche Österreich 1742 nicht an Preußen abtreten musste). Im Rahmen des 2.Weltkriegs vereinigten die deutschen Besatzer beide Städte (1941), was in der rekonstituierten Tschechoslowakei nach dem Krieg so beibehalten wurde. In der Nachkriegszeit wurde Ostrava nun das Zentrum der tschechoslawokischen Schwerindustrie und dieser im späten 20.Jahrhundert bereits niedergegangene Wirtschaftszweig prägt optisch immer noch das Stadtbild. Die 1998 erloschenen Hochöfen der „Vítkovické železárny“ (Witkowitzer Stahlwerke) sind das heimliche Wahrzeichen Ostravas und seit 2002 nationales Kulturdenkmal.

Zapfspaß

Vitkovice war ja auch unsere fußballerische Destination heute, aber davor waren Hunger und Durst zu stillen. Auserwählt wurde die Dependance der bierigen Erlebnisgastronomiekette „The Pub“ (bestens bekannt durch Besuche in Prag und Pilsen). Der Bierpreis liegt zwar über dem ortsüblichen Durchschnittspreis, aber dafür darf man selber am Tisch zapfen und seine Fortschritte auf seinem Display verfolgen. Etwas über 8 Liter Pilsener Urquell tranken wir in den kommenden 90 Minuten und hatten dafür rund 25€ zu entrichten. Außerdem konnte man über das Display bequem Schnaps ordern, was zu zwei Runden Slivovice animierte (4cl für 1,80€).

Fleischplatte

Ach ja, gegessen wurde natürlich auch. Ich hatte Schweinefilet mit Pilzsauce und Reis (ca. 8,50€) und meine drei Freunde nahmen die Fleischplatte für 4 Personen (mit u.a. Spießbraten, Rippchen und Chicken Wings für umgerechnet 40€). Sogar der Koch hat das Essen noch vor dem Servieren fotografiert. Er war also offenbar stolz auf sein Werk. Mein Essen war natürlich ein Pausenbrot gegenüber der Platte der anderen, aber zu viert wiederum wären bestimmt nicht alle von der Platte satt geworden.

Zwischendurch auch mal ’nen Lustigen

Um 14:40 Uhr stand das vom Kellner gerufe Taxi parat und binnen 10 Minuten waren die sechs bis sieben Kilometer zum „Městský stadion – Vítkovice Aréna“ gemeistert. Taxi 1€ pro Person und Eintritt 2,50€ waren die Zusatzkosten für den kommenden Gammelkick. Gedankenspiele, dass Weiterzapfen bei „The Pub“ ja eigentlich geiler gewesen wäre, verwarf die hiesige Stadiongastronomie. Es gab den Halben Radegast für knapp 1€ und ungefähr das Doppelte war für eine Klobasa zu zahlen, die allein die Anreise wert war. Fies fettig wie immer, aber dazu noch extrem knoblauchlastig im Geschmack.

Městský stadion – Vítkovice Aréna

Etwas über 400 zahlende Zuschauer hatten sich in das überdimensionierte Stadion verirrt. Jenes fasst ungefähr 15.000 Besucher und verfügt über Leichtathletikanlagen, welche regelmäßig internationalen Wettkämpfen dienen. In Sachen Fußball teilt der MFK Vitkovice sich das Stadion mit dem erfolgreicheren Lokalrivalen Banik Ostrava, der 2015 sein angestammtes Stadion im einstigen schlesischen Teil der Stadt dem Abriss preisgegeben hat. Banik blickt auf u.a. drei tschechoslowakische Meisterschaften und eine tschechische Meisterschaft zurück, während die Vitkovicer formell erst seit 2012 existieren. Allerdings führen sie das Erbe des im selben Jahr aus dem Vereinsregister gelöschten FC Vitkovice fort. Der wiederum hatte in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine Glanzzeit mit der tschechoslowakischen Meisterschaft ’86, der Vizemeisterschaft ’87 und dem Gewinn des tschechischen Pokals ’88 (mit einem gewissen Miroslav Kadlec als Libero).

Radegast + Klobasa = ❤

30 Jahre später heisst die Realität für den Nachfolgeverein Abstiegskampf in der 2.Liga. Der Vierzehnte empfing heute den Dreizehnten der 16er-Liga (die letzten beiden Teams steigen ab) und beide Teams sorgten dafür, dass das auch so aussah, wie man sich das vorstellt. Den Ball hatten hauptsächlich die Varnsdorfer, aber viel konnten sie nicht damit anfangen. So war es dann auch der Hausherr, der in der 34.Minute eine der wenigen Chancen des Spiels zur Führung nutzte. Bei einem Eckstoß schraubte sich der 1,95m-Sturmtank Libor Zondra höher als alle anderen und wuchtete den Ball mit seiner Stirn ins Tornetz. Drittes Tor im dritten Spiel für den Winterneuzugang vom Ligarivalen Hradec Králové.

Stars in action

Damit sind fast alle Höhepunkte des Spiels erzählt. Ole wird wohl nie wieder einen Wetttipp von mir befolgen („Ich habe die letzten Spiele beider Clubs genau analysiert, da fallen mindestens 3 Tore. Todsicheres Ding!“). Wenn die Teams immer so spielen, wundert es nicht, dass es a) keine Gästefans gab und b) die Heimmannschaft nur von einer handvoll 6 bis 12jähriger akustisch unterstützt wurde. Das Highlight des zweiten Durchgangs: Varnsdorf wechselt einen Spieler namens Klobasa ein. Zeit, sich nochmal eine Wurst zu holen.

Gut besucht sieht anders aus

Um 17 Uhr, also kurz nach Abpfiff, stand wenigstens der Taxifahrer von der Anreise wie instruiert vor dem Stadiontor und brachte uns für wieder umgerechnet 1€ pro Person zum Bahnhof. Dort hatten wir noch eine halbe Stunde Zeit bis zur Abfahrt des Zuges nach Katowice. Also erstmal ’ne Runde Bier im Bahnhofsbistro genossen (das lokale Ostravar) und anschließend den Bahnhofskiosk um 8 Liter Kozel erleichtert. Die tschechischen Kronen mussten ja weg!

Kozel Nostra

Kurz vor 20 Uhr atmeten wir wieder Katowicer Luft und wollten den letzten Abend nicht ungenutzt lassen. Also ging es wieder in die Mariacka, wo wir diesmal die „Ambasada Śledzia“ aufsuchten. Auch eine geile Bar mit günstigen Preisen und leckeren Shot-Kreationen. Zwei Stunden hielten wir noch durch, waren dann aber doch leicht angetrunken. Anders kann ich mir nicht erklären, dass der vorgezogene Mitternachtssnack bar jeder Vernunft bestellt wurde.

Der Bahnhof Katowice

Wir orderten „Zapiekanki“ (Polens Antwort auf Baguettes bzw. Croques bzw. Subway) bei „Z ogórem czy bez“ und nahmen jeder ein Zapiekanka mit Salami, Käse, Zwiebeln, Gurken, scharfen Pepperonis und Knoblauchsauce. Da wir anstatt normalen Ketchup unbedingt irgend so einen Scoville-Kracher haben wollten („You really want this? It’s very spicy“), brannte der Snack sich einmal von Norden nach Süden durch.

Zapiekanka diavola

Egal, 12 Stunden später sah die Welt schon wieder besser aus. Ich ließ die Sonne ins Zimmer und genoss das Plattenbaupanorama aus dem 9.Stock unseres Hotels. Bis zum abendlichen Abflug war der Tag noch mit Leben zu füllen und fußballerisch war nichts mehr möglich. Leider spielte Wisła Kraków erst um 18 Uhr gegen Lech Poznań, Bei 15 Uhr Anstoßzeit wären wir frühzeitig von Katowice nach Kraków gefahren, hätten dort ein paar Stunden die Stadt angeschaut und wären nach dem Spiel von dort mit einem Shuttle zum Flughafen Katowice gefahren.

Fläzer vorm Hotel Silesia

So mussten wir mit dem touristisch nicht ganz so interessanten Katowice Vorlieb nehmen. Zu Beginn streiften wir die Mariacka bei Tageslicht und checkten dann den Rynek, der wenig historische Gebäude zu bieten hat. Aber ich steh ja auch auf sozialistischen Brutalismus und fand das ganz nett hier. Zumal man sich auf Liegebänken in die Sonne fläzen konnte.

Der Spodek (die Untertasse von Katowice)

Nächster Stopp war der „Spodek“, eine 1971 eröffnete untertassenförmige Veranstaltunghalle in Katowice und eines der Wahrzeichen der Stadt. Bis zu 11.500 Besucher finden darin Platz und ein Haufen musikalischer Weltstars hat hier schon Konzerte gegeben. Auch fanden schon Premiumevents aller großen Hallensportarten statt. Zum Verweilen lud das Areal jedoch noch nicht ein, da erstmal unser Hunger gestillt werden wollte.

Das gemütliche Wiejska Chatka

Dazu hatte ich das „Wiejska Chatka“ herausgesucht. Hier hat man quasi ein gemütliches altes polnisches Landhaus ins Hochpaterre eines Plattenbaus gebaut. Weil das Frühstück entfiel, konnten wir mittags guten Gewissens gleich richtig zulangen. Also erstmal vorweg eine traditionelle Brotsuppe mit ordentlich geriebenem Knoblauch und Bratkartoffeln darin. Auch Brot mit hausgemachtem Gänseschmalz wurde zu Beginn gereicht. Danach gönnte sich jeder 10 Pierogi mit Fleischfüllung.

Pierogi mit Fleischfüllung

Der Hauptgang war dann unterschiedlicher Art. Ole und der Abt hatten Beef Tenderloin Steaks mit gegrilltem Gemüse und Kartoffelecken gewählt. Max nahm eine Rinderroulade mit Kartoffeln und Klößen und ich entschied mich für Boeuf Stroganoff mit schlesischen Klößen. Wirklich alles von vorne bis hinten einwandfrei. Für ein Dessert war komischerweise bei niemandem mehr Platz. Dennoch kamen wir mit zwei Getränkerunden nur auf knapp 75€ Rechnungssumme.

Boeuf Stroganoff mit schlesischen Klößen

Nach dem üppigen Mittagessen musste natürlich geruht werden und dazu bot sich ein exponierter Rastplatz neben dem Spodek an. Es war jetzt 13 Uhr und die Sonne hatte ihre Wirkkraft voll entfaltet. Daher hingen wir wie viele junge Einheimische erstmal ’ne Stunde hier ab. Letztlich trieb uns nur der Durst auf ein Erfrischungsgetränk wieder von unserem Lungerhügel hinunter.

Chillen am Spodek

Nachdem der Durst an einer Tankstelle gestillt war, holten wir unser Gepäck aus dem nahen Hotel. Etwas über drei Stunden waren es noch bis zur anvisierten Transferzeit zum Flughafen. Das Muzeum Śląskie (dt.: Schlesisches Museum) auf dem Gelände der stillgelegten „Kopalnia Węgla Kamiennego Katowice“ (dt.: Ferdinandgrube) wäre jetzt eine naheliegende Option gewesen. Doch die hatten heute Ruhetag. Daher spazierten wir nur etwas über das frei zugängliche Zechengelände, während das Museum vorwiegend unter der Erde seine Räumlichkeiten hat.

Zeche Ferdinand

Um meine weiteren Alternativen auf der Touri-Liste anzusteuern war es nun zu spät. Sonst hätten wir den rund 7km vom Stadtzentrum entfernten Stadtteil Nikiszowiec mit seiner gut erhaltene Arbeitersiedlung aus dem späten 19. Jahrhundert besucht. Oder den 5km entfernten Park Śląski (Schlesischer Park) in der Nachbarstadt Chorzów. Europas größter Stadtpark und außerdem Heimat des „Stadion Śląski“ (nicht nur Schlesiens Großstadion, sondern auch Polens offizielles, aber immer noch im Umbau befindliches Fußballnationalstadion).

Unterwegs in den Straßen von Katowice

So blieben nur Optionen in Bahnhofsnähe und daher setzte die Kathedrale der Stadt den touristischen Schlußpunkt der Reise. Auf den rund drei Kilometern zwischen Museum und Kathedrale passierte man erneut das Stadtzentrum von Katowice und konnte mit einem Eis auf der Hand den spannenden Mix aus spätem 19.Jahrhundert, frühem 20.Jahrhundert, Sozialismus und Postsozialismus nochmals auf sich wirken lassen.

Nette Gründerzeitfassade im Stadtzentrum

Auf einer Anhöhe südlich des Bahnhofs war dann die „Archikatedra Chrystusa Króla“ (Christkönigskathedrale) zu finden. An der Geschichte von Polens größter Kathedrale (100x50m), die innerhalb des Gebäudes auch auf Schautafeln nacherzählt wird, lässt sich gut die bewegte Geschichte der Stadt im 20.Jahrhundert nachvollziehen. Von 1742 bis 1922 war die Stadt als Kattowitz Teil von Preußen bzw. Deutschland und entwickelte sich dabei im späten 19.Jahrhundert zu einem Eisenbahnknotenpunkt und Industriestandort an der Grenze zum Habsburgerreich und dem Russischen Zarenreich.

Christkönigskathedrale

Nach dem 1.Weltkrieg und einer Volksabstimmung (auf deren Umstände und Ergebnisse einzugehen leider den Rahmen sprengen würde, aber ihr habt ja alle Internet), wurde Oberschlesien geteilt und der Kreis Kattowitz fiel trotz knapper Mehrheit für einen Verbleib bei Deutschland (52%) an den neugegründeten polnischen Nationalstaat. Fortan hieß die Stadt amtlich Katowice und Migrationsprozesse schufen schnell eine polnische Majorität in der Stadt. Die Polen trieben in der Zwischenkriegszeit viele repräsentative öffentliche Bauwerke voran und da in der erzkatholischen Region zwangsläufig ein neues Bistum gegründet wurde (vorher gehörte Kattowitz zum Fürstbistum Breslau), musste auch eine mächtige Kathedrale her.

Innenraum der Kathedrale

Die Ausschreibung hatte ein neoklassizistischer Entwurf mit mächtiger Kuppel gewonnen und 1927 erfolgte der erste Spatenstich. Doch die deutsche Besatzung im 2.Weltkrieg sorgte für einen Baustopp zwischen 1939 und 1945. Dann übernahmen die Kommunisten das Ruder in Polen und Religion war nicht mehr so angesagt. Ein Weiterbau wurde nur gestattet, wenn die Kuppel von 106 Meter auf 64 Meter zurechtgestutzt würde (was nun irgendwie ziemlich gedrungen ausschaut von außen). Dass eine Kirche die Silhouette einer modernen kommunistischen Stadt dominiert, wurde von den neuen Machthabern nicht akzeptiert. 1955 wurde die Kathedrale dann endlich geweiht und diente den, trotz neuer Staatsideologie, weiterhin frommen Polen als Ort des Gebetes, Gottesdienstes und der Seelsorge. 1992, nach dem Ende des Kommunismus, wurde das Bistum Katowice vom Papst Johannes Paul II., der ja nebenbei so seinen Anteil an der politischen Wende in seinem Heimatland Polen hatte, sogar zum Erzbistum erhoben und JP II. bekam eine Statue auf den Kirchplatz gestellt.

Back at the train station

Mit geschichtlichem Wissenszuwachs und österlichem Segen konnte es nun zum Airport gehen. Doch der Tag hielt noch eine kleine Überraschung parat. Für den über Ryanair gebuchten Flughafentransfer wurden uns falsche Abfahrtszeiten mitgeteilt. Der angegebene 18:15er fuhr bereits um 18 Uhr. Wurde halt nochmal Uber bemüht (6€ p.P.) und letztlich waren wir überpünktlich am Gate. Und für ’ne Ryanair-Pünktlichkeitsfanfare hat’s in Hamburg auch noch gereicht. Die zweistündige Rückfahrt war wie so oft ideal für ein erstes Resümee. Oberschlesien ist auf jeden Fall alles andere als Oberscheisse und verdient weitere Exkursionen.