Budapest 10/2017

29.10.2017
MTK Budapest FC – Mosonmagyaróvári TE 1904 6:1
Nemzeti Bajnokság II (II)
Hidegkuti-Nándor-Stadion (Att: 1.016)

Gleich zu Beginn des Jahres konnten wir den letzten Flug des Sommerflugplans 2017 von Hannover nach Budapest für 10€ klarmachen (mit WizzAir). Als dann der Winterflugplan 17/18 veröffentlicht wurde, gab es leider einen kleinen Dämpfer. Wir hatten am langen Wochenende (der 31.Oktober war dieses Jahr erstmals wieder Feiertag) auf direkte Rückflüge am Montag oder Dienstag gehofft, wurden aber vom WizzAir-Management enttäuscht und mussten auf Ryanair von Budapest nach Berlin ausweichen. Na ja, waren auch nur 26€ für den Flug, plus 13€ für die ICE-Gruppenfahrt nach Hannover. Ja, Gruppenfahrt, denn wir hatten geplant mit einem 10-Mann-Mob in der ungarischen Hauptstadt aufzuschlagen. Bestehend aus Malte, Marlon, Bene, Fat Lo, InterCityBerger, Kleiner Dammtor, Milano Pete, El Glatto, der Krake und mir.

Endlich Urlaub

Am Freitagnachmittag hatten sich jedoch nur 9 anstatt 10 Reisende am Hannover Airport eingefunden, da Malte sich angeblich kurzfristig einer Zahn-OP unterziehen musste. Spötter behaupteten allerdings, dass ihm wohl eher seine Freundin den Zahn mit dem Partywochenende in Budapest gezogen hatte und er sich lieber die Schmetterlinge aus dem Bauch wegoperieren lassen sollte, bevor er nochmal Schneppe Tours bucht. Nachdem wir uns ausreichend über unseren „Freund“ das Maul zerrissen hatten, befüllten wir selbiges mit ausreichend Underberg. Weil der Flug über 1,5 Stunden Verspätung hatte, wurde das ein richtiges Massaker und so ganz nüchtern war wohl keiner mehr beim Einstieg in den Airbus. Dann gab es noch ein paar Biere an Bord und bei meiner dritten Landung auf dem Budapester Flughafen ging es erstmals in die dazugehörige Stadt (bisher einmal nur Zwischenziel auf dem Weg nach Belgrad und einmal Notlandung).

Das Underberg-Massaker

Mit zwei Taxis zum Festpreis von je 25€ fuhren wir ins Stadtzentrum. Der Shuttlebus wäre zwar bedeutend günstiger gewesen, aber die Geiz-Mentalität war in dieser Reisegruppe nicht besonders ausgeprägt (keine Groundhopper dabei). Als wir dann in unserer Straße namens Semmelweis abgeladen wurden, dauerte es nur zwei Minuten und Vermieter Julius stand auf der Matte. Die Bude (120 Quadratmeter mit 10 Einzelbetten, 315€ das WE) war geräumig, wirkte relativ nobel und Julius sprach fließend Deutsch, weil er lange in Österreich als Tischtennistrainer tätig war. Er gab uns noch ‘ne Flasche Wein zur Begrüßung, nützliche Tipps für Budapest und einen Rabattgutschein für das Restaurant „Nika“ gleich um die Ecke (10% Abzug auf die Rechnungssumme). Laut Julius das beste Gulasch der Stadt und es würde nur 3€ pro Person kosten und wir bekommen auch eine Runde Freibier, wenn wir sagen, dass Julius uns schickt. Dieses Konzept, dass überteuerte Restaurants mit Hoteliers, Stadtführern o.ä. zusammenarbeiten und der Gutscheinverteiler dann eine Provision bekommt, ist mir natürlich bekannt, aber bei Freibier hört die Vernunft auf. Außerdem wirkte Julius vertrauenswürdig und das Lokal war halt auch nur 150 Meter von unserer Bude weg und der Hunger groß.

BSE – Bad Schnitzel Experience

Nach dem Freibier (0,2l) wurde die Speisekarte studiert (Speisekarte mit Fotos, der Indikator schlechthin für Touri-Fallen!) und festgestellt, dass mit dem 3€-Gulasch höchstens die Gulaschsuppe für umgerechnet 4€ gemeint sein kann. Zur Ehrenrettung von Julius sei allerdings gesagt, dass in Ungarn Gulaschsuppe als Gulasch (Gulyas) bezeichnet wird und das in Deutschland unter Gulasch bekannte Schmorrfleischragout in der Regel Pörkölt oder Paprikás heisst. Letzteres kostete hier etwas über 10€, aber soll im Gegensatz zu meinem wirklich furztrockenen Wiener Schnitzel (12€) ganz gut geschmeckt haben. Wie auch das Boeuf Stroganoff genießbar war, was einige gewählt hatten. Allerdings waren das alles nur in der Mikrowelle oder dem Dampfgarer aufgewärmte Fertiggerichte, wofür neben Geschmack und Optik ergänzend die schnelle Zubereitungszeit sprach.

Maltes Zahn-OP rekonstruiert

Auch die Getränkepreise waren überdurchschnittlich für Budapest (0,5l ungarisches Bier ca. 2,30€ anstatt 1€ bis 1,50€ wie sonst vielerorts). Kurzum; zur Weiterempfehlung taugt der Laden auf keinen Fall. Aber immerhin war jetzt etwas feste Nahrung im Magen und heiter wie wir waren, stellten wir noch schnell Maltes Zahn-OP im Restaurant nach, um ihn via Whatsapp weiter auf’s Korn zu nehmen (frei nach dem schwäbischen Philosophen Hartmut Engler: Wozu sind denn schließlich Freunde da?). Danach zogen wir motiviert in den nahen Pester Partybezirk weiter (VII.Bezirk, Erzsébetvarós). Die vielen Synagogen dort zeugen noch davon, dass hier, ähnlich wie in Krakau, das ehemalige Jüdische Viertel zum Schmelztiegel des Nachtlebens mutiert ist. Hier hielten Schickse und Schegez heute Abend natürlich nicht viel vom Sabbat und es war ordentlich Partyvolk unterwegs.

Dubiose Undercover-Bar

Ergo war’s gegen 21 Uhr nicht gerade einfach eine Kneipe mit 9 freien Plätzen zu finden. Die Suche blieb zunächst absolut erfolgslos, doch in einer Seitenstraße ging plötzlich eine Tür auf und hinter der undurchsichtigen und unbeschrifteten Tür waren trinkende Menschen an Tischen und einer Theke zu erspähen. Der Halbe (allerdings nur Flaschenbier) hat nicht mal einen Euro gekostet. Hier gab es zwar auch nicht genug Plätze für uns, aber Hauptsache endlich wieder Bier, bevor noch einer nüchtern wird. Ich fand das ja ganz cool in so einer namenlosen, fensterlosen und fast schon semilegal wirkenden Kneipe mit lauter Einheimischen zu zechen (ist ansonsten schon ein sehr tourilastiges Viertel). Aber, da muss ich dem zum Aufbruch drängenden Teil meiner Freunde rechtgeben, es gab keine Musik und eine zu niedrige Katzenquote in dem Schuppen.

Das Cocktail-Quintett

Bei der weiterhin erfolglosen Suche nach einer passenden Kneipe splittete sich der Mob nun und meine Gruppe (Dammtor, Glatto, Bene, Lo und ich) entdeckte irgendwann die „Hotsy Totsy Bar“. Sie war, trotz der Kellerlage, etwas auffälliger als die Hinterzimmerkneipe von eben und hatte immerhin noch fünf Plätze an der Theke zu bieten. Das war schon eine gehobene Cocktailbar mit schönen Gästen und passionierten Barkeepern. Den Laden gab es erst ein halbes Jahr, aber er wurde bereits mächtig gehyped, wie eine nachträgliche Recherche ergab. Der Begriff „Cocktail Artist“ darf durchaus für die Herren hinter der Theke verwendet werden. Wir tranken erstmal „Zombies“ oder „Long Island Iced Teas“ und sahen einen der Künstler schließlich mit Feuer, Qualm und Totenkopfgefäßen hantieren. Mit der Flamme wurde übrigens Bacon flambiert. Spätestens jetzt mussten wir das Zeug auch haben und zwangen den Barkeeper gleich nochmal die aufwändige Show abzuziehen. „Nervige Instagram-Touris“, wird er sich beim gequälten Lächeln wohl gedacht haben.

Mysteriöse Elixiere werden uns gebraut

Nach ein paar Minuten war unser „Smoky Negroni with Bacon“ verzehrfertig. Blöderweise mundete zwar der Bacon fantastisch, aber der Drink unter ihm war wirklich widerlich. Wahrscheinlich schmeckt es so, wenn man verkohltes Holz ableckt oder die Wände eines Raumes nach einem Schwelbrand. Daher noch schnell einen „Mojito“ zum Nachspülen geordert, der sofort wieder unseren Geschmack traf. Am Ende waren wir jeder 5.000 HUF für drei Cocktails los, was so ungefähr 15€ entspricht. Dann ging es mit dem Taxi für Bene, Glatto und mich zum Späti (Wasser kaufen!) und von da weiter zur Wohnung. Dafür, dass es geschätzt nur ein Kilometer Distanz war, waren die geforderten 3.000 HUF des Taxlers natürlich ein Fantasiepreis. Aber betrunken denkt man nicht mehr so darüber nach. Erst am nächsten Morgen wunderte ich mich, dass mit den von Bene geforderten 1.000 HUF nicht der Gesamtpreis, sondern mein Anteil gemeint ist.

Die historische Bebauung unseres Viertels

Nachdem zwei meiner Kumpels bereits kalt geduscht hatten, hatte ich ein Erbarmen mit dem Rest und brachte die asbachuralte Junkers-Therme zum Laufen (’ne MINI-8, für meine mitlesenden Fans aus dem SHK-Gewerbe). Nachdem der Don als einer der Letzten auch endlich frisch geschniegelt und gestriegelt für den großen Touri-Tag in Budapest war, saßen die ersten Mitreisenden bereits bei der täglich fast 24 Stunden geöffneten „Absturzbar“ namens „Ördögsarok“ an der Astoria-Kreuzung. Wohl immer noch von der kalten Dusche traumatisiert, hatten sie einen rotzbesoffenen mutmaßlichen Klempner als neuen Freund gefunden. Irgendwer nannte ihn der Einfachheit halber Wolfgang, denn mit ihm ernsthaft zu kommunizieren wäre eh zwecklos gewesen. Er trug einen Overall mit einem Aufnäher von Viega  – ein Hersteller von Sanitär- und Heizungsprodukten und zugleich eines dieser nicht börsennotierten deutschen Unternehmen aus der Provinz, die über eine Milliarde Euro pro Geschäftsjahr umsetzen, aber die kaum einer außerhalb ihrer Branche kennt -, was zu der Klempner-Annahme führte.

Die barocke Universitätskirche

Da die Arbeitskleidung überraschenderweise super sauber war, hatte er sich auf dem Weg zur Arbeit vielleicht überlegt, doch lieber saufen zu gehen. Oder er hatte schon nach ein, zwei Kundendienstaufträgen um 10 Uhr Feierabend gehabt? Aber dann hätte er ja trotzdem schon am Vortag oder während der Arbeit an seinem Promillepegel arbeiten müssen. Wir konnten seinen Hintergrund nicht weiter ergründen, da ihn ein am Hals tätowierter Mann mit Sakko des Lokals verwies. Aus Solidarität mit Wolfgang (und natürlich nicht, weil wir endlich frühstücken wollten) brachen wir 96 Sekunden später auch auf und sahen Wolfgang in der Unterführung der Kreuzung in den Fängen zweier ungarischer Polizisten. Möglicherweise war seine Suff-Tour jetzt endgültig vorbei?

Schlachter-Frühstück

Wir dagegen erkundeten nun ein paar Sehenswürdigkeiten auf der Pester Seite der Stadt, aber darauf detailliert einzugehen, wäre bei dieser reinen Partytour ein unnötiger Stilbruch und viel gesehen haben wir wirklich nicht (vereinzelt packe ich einfach mal ein Touri-Bild zwischen die Absätze, das muss diesmal reichen). Zwischenziel bei unserem Spaziergang war ein Schlachter namens „Belvárosi Disznótoros“, der auch über eine Warmtheke und Stehtische verfügt und mein kulinarischer Tipp an alle Budapest-Reisenden ist. Fremdsprachen haben sie nicht so drauf, aber man muss den älteren Fleischereifachverkäuferinnen ja nur zeigen, was man aus der Theke alles haben will. Dann wird gewogen, ggf. frisch zubereitet und bezahlt (ich hatte für ein Schnitzel, frisch frittierte Kartoffelchips, eine Art „Black Pudding“ und eine sehr pikante Paprika-Grillwurst ungefähr 6€ zu investieren). Auch die anderen hatten nichts auszusetzen an zum Beispiel Entenkeule oder einem Kalbsragout mit Erbsen.

Bier & Wir, ein unschlagbares Team

Auf dem Weg zum nun angepeilten „Brauhaus Kaltenberg“ kamen wir am „Pointer Pub“ in der Straße Kecskeméti vorbei. Ich weiß nicht mehr 100%ig wer es sagte, aber der Tourist und Reiseleiter in mir verflucht diesen Mitreisenden für seine folgenden Worte: „Wollen wir da nicht erstmal auf ein Bier rein?“. Aufmerksame Leser kennen das Versackungspotential von Schneppe-Tours-Reisegruppen in Pubs und bei der diesmaligen Zusammensetzung war es noch größer als sonst. Weitere Faktoren: Gut gelauntes Personal, ’ne gemütliche Ecke zum Sitzen, moderate Preise und gute britische Musik aus dem vorherigen Jahrhundert („Stone Roses“, „The Style Council“, „The Cure“, „The Smiths“, „The Jam“ etc.). Das Pint des wirklich leckeren Hausbieres („Hunter’s Gold“) kostete regulär etwas über 2€ und in den Happy Hours von 14 bis 17 Uhr nur noch ca. 1,20€. Als jenes Sonderangebot zu greifen begann, wäre auch langsam Zeit für den Aufbruch zum Fußball gewesen. Aber plötzlich wollte sich kaum noch jemand auf das eigentlich recht interessante 1.Liga-Spiel von Újpest gegen Videoton einlassen. Dann wurde uns auch noch zugesichert, dass 96 gegen den BVB in voller Länge ab 15:30 Uhr gezeigt wird und am Ende waren es nur noch El Glatto und ich, die zu zweit planten mit dem Taxi zum Szusza-Ferenc-Stadion zu fahren. Aber unser Ansinnen wurde von immer neuen Runden Bier und abgeschnittenen Fluchtwegen torpediert. Die Feinde des Fußballs hatten wieder mal gesiegt!

Dzsenifer bei der Arbeit

Nach dem 96-Spiel gab es eine Zwischenrechnung für die ersten sechs Stunden Pub und jeder hatte nur 30€ zu zahlen (inklusive viel Trinkgeld für unsere persönliche Tischdame Dzsenifer). Jetzt wurden alle übermütig und die nächsten vier Stunden wurden nur noch Cocktails bestellt. Die kosteten immerhin 3 bis 5€, so dass am Ende, trotz weniger Trinkzeit, nochmals 30€ pro Person fällig wurden. Ganz ehrlich, normal war das alles nicht und mit ein paar Leuten, die wie ich heute nicht die Schwelle zum Starkstrom-Alkoholiker überschreiten wollten, ging es nach 10 Stunden Suff völlig fertig ins Appartement. Da schliefen wir sofort ein, doch die Nachtruhe hielt nur bis kurz vor Mitternacht. Denn zur Geisterstunde tauchten die wahren Zechtiere auf, die noch in einem Pub unweit der Unterkunft weitergesoffen hatten. Natürlich bekamen sie nun die Tür nicht geöffnet. Gepolter und Sturmklingeln rissen mich aus den Träumen, aber ich war zu schlaftrunken, um auf Anhieb unsere komplizierte Türverriegelung zu meistern. Doch sie ließen nicht locker. Als die mit Bier und Wein bewaffnete Meute schließlich doch irgendwann drin war, war erst recht nicht mehr an Schlaf zu denken. Immerhin wurde Geburtstagskind Bene natürlich auch wach und man konnte ihm pünktlich um Mitternacht gratulieren.

Unser Zechmob

Nach dieser verrückten Nacht stellte ich zunächst fest, dass ich nicht geträumt habe, dass Dammtor beim Feiern mein Iphone geschrottet hatte. Aber was willste machen? Wut ist der Pfad zur dunklen Seite, denn Wut führt zu Hass und Hass führt zu unsäglichem Leid. Außerdem war es halt auch nur ein 5s. Also ignorieren und weitermachen! Um auf andere Gedanken zu kommen, ging es nach dem revitalisierenden Duschbad wieder zur Astoria-Kreuzung. Und wer turnte da immer noch (oder wieder?) in Arbeitskleidung rum? Natürlich der Wolfgang! Ich glaube wir freuten uns zu offensichtlich über das Wiedersehen, denn Wolfgang folgte uns nun zu der Pizza- und Gyrosbude („Pizza King“), wo Fat Lo dieses Wochenende bisher angeblich schon vier Gyrostaschen gefuttert haben soll. Die Dinger für 1,50€ waren zwar nur Pausenbrote, aber erstmal besser als nichts. Und Wolfgang war auch kein Schnorrer und bezahlte seine Pita aus eigenen Mitteln.

Wolfgang eats breakfast

Bevor auch der magyarische Zechgott aufgegessen hatte, brachen wir auf und erarbeiteten uns einen uneinholbaren Vorsprung (wir glaubten eh, dass er mit einer elektronischen Fußfessel an einen Radius von 96 Metern um die Astoria-Kreuzung gebunden war). Ekligerweise war Sturm und Regen aufgezogen und Bene beschenkte sich an seinem Geburtstag noch schnell mit einem Regenschirm in einer Unterführung. Eine clevere ungarische Ich-AG hatte anscheinend im 1€-Shop alle Ramsch-Regenschirme aufgekauft und veräußerte diese für umgerechnet 3€ weiter. Bis zu unserem Ziel, dem „Brauhaus Kaltenberg“, hielt dieses Qualitätsprodukt natürlich nicht durch. Und zu allem Überfluss schien das Brauhaus auch noch Ruhetag zu haben. Nachdem wir etwas Milderung des Regengusses unter einem Baugerüst abwarteten, war der einstimmige Beschluss: Sofort in das erstbeste Gasthaus einkehren!

Das schmucke Budapester Kunstgewerbemuseum

Die erstbesten Türen waren leider alle verschlossen, aber dann marschierten wir im Corvin-Quartier zielstrebig auf einen Rundbau im Zuckerbäckerstil zu. An der Seite des Gebäudes war Bestuhlung und die Tür dort ließ sich öffnen. Dann mal hereinspaziert und eine Stärkung ordern… Es gab für die meisten Kaffee und „White Russian“, die ideale Kombination gegen den Kater. Ein Mitreisender fragte sich derweil: „Wo sind wir hier eigentlich? Ist das ein Bahnhof?“ und deutete auf die zahlreichen Verkaufsschalter im runden Atrium. Die dort hängenden Kinoplakate verrieten allerdings die Wahrheit. Wir zechten also an der Bar eines historischen Lichtspielhauses. Den „Ground“ haben bestimmt nicht viele Touris und wir blieben erstmal für eine weitere Runde Getränke. Nur die Toiletten waren in diesem Gebäude schwer auszumachen, da man auf Piktogramme verzichtete. Deshalb wurde es „Try & Error“ an allen möglichen Türen.

Corvin Mozi

Na ja, warum sollte auch ein Mensch, der nicht der ungarischen Sprache mächtig ist, in ein ungarisches Kino gehen? Außerdem schön, dass ich jetzt weiß, dass „mosdó“ anscheinend Waschraum oder Toilette heisst, während Kinosaal irgendwas wie „moziterem“ heisst. Hat meinen Ungarisch-Wortschatz so ziemlich verdoppelt. Denn Ungarisch verdient wirklich mal die Bezeichnung Fremdsprache aus meiner Sicht. Es ist nämlich eine der wenigen nicht indogermanischen Landessprachen in Europa und gehört zum finno-ugrischen Zweig der Uralischen Sprachen. Bekannteste verwandte Sprache ist das Finnische, aber Ungarisch und Finnisch haben sich auch schon vor Urzeiten auseinanderentwickelt, so dass sie sich jetzt in etwa so ähnlich sind wie die beiden indogermanischen Sprachen Isländisch und Persisch. Wenigstens lateinische Buchstaben haben sie, aber es ist schon krass, wie ich außer bei Lehnwörtern gar nichts herleiten konnte, obwohl ich mindestens eine germanische, eine romanische, eine keltische und eine slawische Sprache beherrsche.

Kaffee und „Kaffee“

Übrigens war unser „Kinobesuch“ nicht nur ein kleiner Sprachkurs, sondern der Zufall hatte uns auch an einen historisch bedeutenden Ort gebracht. Denn während wir drinnen „White Russians“ schlürften, flogen draußen vor genau 61 Jahren Molotow-Cocktails auf sowjetische Panzer. Beim Herausgehen realisierten wir, dass der Platz beim Ungarischen Volksaufstand von 1956 hart umkämpft war. Da fiel uns allen – zumindest den Nüchternsten – die Bronzestatue vorm Eingang auf. Sie zeigt einen Jugendlichen mit Gewehr und hinter ihm ist an der Fassade eine Gedenktafel für die Gefallenen des Aufstands angebracht. Die hier gehuldigten „Pesti srácok“ waren bewaffnete Jugendliche aus Pest, die damals versuchten ihr Viertel gegen die sowjetischen Soldaten (quasi die „Red Russians“) zu verteidigen. Später wurde der Begriff „Pesti srác“ in der ungarischen Umgangssprache zum Synonym für Hooligans, besonders für die von Ferencváros. Doch heute feiert das ziemlich nach rechts gerückte Ungarn seine juvenilen Aufständischen wieder als antikommunistische Helden.

Bunter Grillteller

Von der Sprache und Geschichte des einstigen Steppenvolkes aus dem Ural-Gebiet, kamen wir auch wieder schnell auf die Küche der Magyaren zu sprechen. Denn der Gulaschtopf (und Artverwandtes) ist ja das traditionelle Essen der Steppenvölker, um die Fleischreste vor’m Weiterziehen noch schnell zu verwerten. Da 12 Uhr nun durch war, wurde es mal wieder Zeit Gulasch & Co zu konsumieren. Dazu hatte Fleischfachmann Dammtor in seiner Internet-Umkreissuche das 300 Meter entfernte Restaurant „Bécsiszelet Vendéglö“ herausgesucht. Ob die Gulaschsuppen oder die Sopska-Salate vorweg (je ca. 3€) oder die Hauptgerichte a.k.a die gemischte Platte (meine Wahl), die tellergroßen Schnitzel oder das „richtige“ Gulasch mit Butternockerln (alles unter 10€), es schmeckte unisono sehr gut. Das Ambiente dazu war in dieser Kellergaststube recht rustikal, also genau richtig für rustikale Kerle wie uns.

Das neue Stadion von Ferencváros

Nach dem Essen nahm Marlon Abschied (er musste bereits heute via MUC nach Hause fliegen und am nächsten Morgen arbeiten) und El Glatto brauchte Regeneration (ist also zurück ins Appartement gegangen), während ich mir mit Länderpunkt-Lo und Ballsport-Bene ein Taxi zum heutigen Fußballspiel von MTK Budapest schnappte (der Rest wollte stattdessen nochmal ein wenig „Budapest erkunden“). Da mir mit Edinburgh 09/2017 eine fußballlose Tour im Jahr 2017 ausreichend erschien, führte heute kein Weg am Stadionbesuch vorbei. Zumal ich noch nie in Ungarn Fußball geschaut habe und uns ein topmodernes neues Stadion mit dem 23fachen ungarischen Meister MTK (zuletzt anno 2008) als Gastgeber erwartete. Gut, der „Magyar Testgyakorlók Köre“ (zu deutsch: Kreis ungarischer Körperertüchtiger) war just im Sommer in die Zweitklassigkeit abgestiegen, aber irgendwas finden meine Freunde bekanntlich immer, um meine ausgewählten Fußball-Leckerbissen schlechtzureden.

Sport utcai stadion

Für 3km Taxifahrt zum MTK-Stadion, die unter anderem auch am fabrikneuen Nachfolger des Flórián-Albert-Stadions vorbeiführte (Heimat von Rekordmeister Ferencváros), wurden über 3.000 HUF fällig (10€). Anscheinend wurden wir wieder abgezockt, aber wir hatten auch keinen Bock auf Diskussionen und außerdem mochte ich des Taxlers Outfit. Mit seinem weißen kurzärmligen Hemd und der bunten Krawatte, sah der mitelalte Mann aus wie ein Handelsvertreter von Ramschwaren oder topseriösen Anlageprodukten. Und die verbliebenen Forinth mussten eh noch zeitnah unter’s Volk, wofür sich die Eintrittskarten mit schmalen 1.200 HUF für einen Sitzplatz auch nur bedingt eigneten. Also gönn‘ dir, du Taxi-Bandit! Während der „Gelbe Engel“ mit dicker Brieftasche davonbrauste, schlichen wir nach dem Kartenkauf erst einmal um’s Stadion und erspähten dabei noch das richtig pittoreske Stadion des Clubs BKV Elöre SC nebenan (das Utcai-Stadion, hier klicken für mehr Bilder).

Hinein ins Hidegkuti-Stadion

Bei kurzfristig strahlender Sonne, aber immer noch stürmischen Winden, betraten wir dann das Nandor-Hidegkuti-Stadion. Es ist nach einem der Fußballstars Ungarns benannt, die Mitte der 50er Jahre eine Weltklasse-Mannschaft bildeten und 1954, bei der WM-Endrunde in der Schweiz, lediglich in Deutschland ihren Meister fanden. Aber das ist lange her und Ungarn hat jüngst, trotz kleinem Achtungserfolg bei der EM 2016, wieder mal die WM-Endrundenqualifikation verpasst (letztmalig 1986 dabei). Auch MTK hat seine größten Glanzzeiten schon lange hinter sich und die meisten seiner 23 Meisterschaften vor vielen Jahrzehnten geholt (18 davon zwischen 1904 und 1958). Vielleicht begründete dieser Umstand, neben der aktuellen Zweitklassigkeit, dass sich nur ein kleines Häufchen hinter einer großen Zaunfahne im Fanblock versammelt hatte. Na ja, immerhin machten sie durchgehend Stimmung.

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Warm-Up im Hidegkuti-Nándor-Stadion

Das Spiel war dann sehr einseitig und man sah schon, warum MTK mit Abstand Tabellenführer der 2.Liga ist (37 Punkte aus 14 Spielen). Die hatten ein paar für diese Liga sehr gute Kicker in ihren Reihen und sorgten dafür, dass das Spiel fast ausschließlich in des Gegners Hälfte stattfand. In der 29.Minute bewiesen sie schließlich erstmals ihre Qualität beim Abschluss. Der 24jährige Patrik Vass, vor wenigen Jahren noch auf dem Sprung in Ungarns A-Nationalmannschaft, eröffnete den heutigen Torreigen. Das 2:0 besorgte acht Minuten später ein für deutsche Fußballfreunde bekannter Routinier. Sándor Torghelle hieß der Mann, einst in Düsseldorf und Augsburg in der 1. und 2.Bundesliga auf Torejagd. In der 42.Minute wurde außerdem durch den mir noch unbekannten Jungspund Attila Talabér der komfortable 3:0-Pausenstand hergestellt.

MTK vs. MTE

Offiziell 1.016 Zuschauer sollen gekommen sein, sah aber nach weit weniger aus. Ich nehme mal an, dass bei dem heutigen Unwetter der ein oder andere Dauerkartenbesitzer daheim geblieben ist. Jene Fans verpassten, im Gegensatz zu den gefühlt 500 anwesenden Zuschauern, auch in der 2.Halbzeit einige Tore. Schon in der 49.Minute sorgte der 20jährige Ungar (wobei das nicht extra erwähnt werden muss, es spielten nur Einheimische bei MTK) Máté Katona für das 4:0 und in der 56.Minute schnürte Patrik Vass seinen Doppelpack. Dann passierte eine halbe Stunde lang kaum noch etwas auf dem Rasen und erst der Ehrentreffer des eingewechselten MTE-Jokers Julian Bartos (86.) ist wieder eine Erwähnung wert. Doch schon wenige Sekunden nach dem Wiederanpfiff stellte der ebenfalls eingewechselte Laszlo Lencse auf der Gegenseite den alten 5-Tore-Vorsprung wieder her (87.). 6:1 also, wobei es auch blieb. LP eingetütet, wie Groundhopper jetzt sagen würden.

Lässiger Louie und leuchtendes Logo

Nach dem Spiel nahmen wir für ein paar Cent die Straßenbahn ins Stadtzentrum (Fick dich, Taxi-Mafia!), stiegen am schön illuminierten Nationaltheater aus (es war dank der Zeitumstellung gerade dunkel geworden) und wollten eigentlich noch entspannt an der Donau entlang spazieren. Doch der Sturm war mittlerweile so heftig geworden, dass von Entspannung keine Rede mehr sein konnte. Von Marlon erfuhren wir jetzt auch, dass sein Flug von Budapest nach München auf unbestimmte Zeit verschoben wurde und sein Anschlussflug nach Hannover logischerweise bereits ohne ihn abgehoben war. Aufgrund der Unwirtlichkeit des Wetters, beschlossen wir uns zu den anderen wehen zu lassen. Die hatten es seit dem Mittagessen überraschend weit geschafft, nämlich bis zur nächstbesten geöffneten Pinte namens „Grafika Sörözö“. Bier (0,5l) kostete nur 1€ und ein lokaler Longdrink namens Vodka-Nafri nur unwesentlich mehr. Immerhin befand sich die Kneipe im Schatten der schönen Franz-von-Assisi-Kirche (ungarisch: Assisi Szent Ferenc-templom), aber das interessierte natürlich wieder nur mich.

Einst ging ich am Ufer der Donau entlang…

Ich blieb auf ein Bier und zog es danach vor mit den anderen Nichtzechern Bene und El Glatto (der zwischenzeitlich ein Comeback gefeiert hatte) zum Appartement zu gehen. Alkohol und ich, das passte heute nicht. Da sich der Sturm gelegt hatte, war es jetzt doch ganz angenehm an der frischen Luft und als wir den „Pointer Pub“ passierten, konnten wir uns schon denken, dass der Rest da später nicht einfach so vorbeigehen wird. Na ja, irgendwann kamen sie auch im Appartement an, teilweise (die Krake) sogar um die eine oder andere Erfahrung reifer. Nichtsdestotrotz waren am nächsten Morgen alle wieder auf zack und die Abreise klappte überraschend reibungslos. Mit zwei Taxis à umgerechnet 25€ fuhren wir zum Flughafen und ich saß im Taxi eines wirklich noch sehr nach Steppenreitervolk aussehenden Fahrers. Die 25 Minuten Fahrzeit peinigte er uns mit einer CD voller Heavy-Metal-Balladen. Genau die Musik, die wir bei dem Zöpfchenträger in der schwarzen Kutte erwartet hatten.

Ciao Donau

Dann hieß es frühstücken, abheben, nochmal schlafen und pünktlich in Schönefeld landen. Und ebenfalls pünktlich zu unserer Landung wurde auch die sturmbeschädigte Zugstrecke zwischen Berlin und Hannover wieder freigegeben. Also ging es sofort mit dem erstbesten ICE nach Hause und bei drei Runden Bier im Bordbistro vergingen auch zwei Stunden Zugfahrt wie im Fluge. In Hildesheim empfing uns nun um 14:23 Uhr der Mensch, der uns netterweise am Freitag auch zum Flughafen kutschiert hatte a.k.a Benes Vater. Die Familie hatte nämlich eine Überraschungsparty für ihren stark auf die 30 zugehenden Spross vorbereitet. Geil, schon wieder saufen… Und auch wenn Martin Luther ein verdammter Antisemit war, Gott sei Dank war Dienstag ein Feiertag. Ich brauchte dringend Erholung!