Athen 02/2019 (I)

23.02.2019
AEK Athen – GS Apollon Smyrnis 2:1
Super League (I)
Olympiakó Stádio Athinon „Spyros Louis“ (Att: 1.594)

Im Spätherbst 2018 trommelte das seriöse Non-Profit-Touristikunternehmen „Abto Tours“ für die exquisite Rundreise „Winterzauber auf der Balkanhalbinsel“. Der Anreißer im (rein meiner Fantasie entsprungenen) Reiseprospekt: „Kommen Sie mit auf eine unvergessliche Winterreise nach Südosteuropa. Vom Fuße der Akropolis führen wir Sie auf seit der Antike bekannten Pfaden durch Griechenland und einige Teilrepubliken des ehemaligen Jugoslawiens. Lernen Sie mit uns die Perlen des Balkans wie Belgrad, Sarajevo oder Mostar kennen und tauchen Sie in eine kulturelle Vielfalt ein, die innerhalb Europas ihresgleichen sucht. Unter kundiger Reiseleitung entdecken Sie so manches Kleinod und für Ihre persönlichen Interessen bleibt auch genug Platz. Ob kulinarisch, kulturell oder sportlich, es gibt zahlreiche optionale Angebote für Sie.“

Auf den Urlaub!

Wer kann da widerstehen? Ole, Olbert, die Krake und ich konnten es jedenfalls nicht. Zusammen mit Reiseleiter El Abto bestiegen wir am 22.Februar um 7:36 Uhr einen ICE nach Hamburg. Überpünktlich wurde der Flughafen der Hansestadt erreicht und diverse Biere und eine Flasche Pfeffi später begann das Boarding unseres Fluges. Mit Aegean ging es für 45€ pro Person nach Athen. Um 12:00 Uhr hob der Airbus A320-200 ab und kurz danach wurde das im Flugpreis inbegriffene Essen serviert. Kritharáki mit etwas Hühnchen, sowie Cracker und Kekse füllten das Loch im Magen. Bei dem bescheidenen Flugpreis, war das schon okay. Und weil Aegean sicher auch 2019 seinen Titel als beste regionale Airline verteidigen möchte, gab es noch ein paar Getränkerunden im weiteren Flugverlauf.

Mahlzeit bei Aegean

Danach streckte ich auf meinem Platz am Notausgang noch etwas die Beine aus und döste bis zur Landung so vor mich hin. Kurz nach 16 Uhr Ortszeit war wieder Boden unter den Füßen und der Abt hatte für uns bereits einen Transfer zum „Hotel Apollo“ organisiert. Der Fahrer des Kleinbusses zauberte beim Einladen unseres Gepäcks gleich mal fünf kühle Pilsetten der Marke Fix aus seiner Kofferraumkühltruhe und man merkte einmal mehr, dass man die Reise bei einem Profi gebucht hatte.

Fixi, der stolze Schwan im Hotel Apollo

Gegen 17 Uhr hatten wir im Hotel eingecheckt und auch schon wieder die nächsten Kannen der hellenischen Bierspezialität Fix am Hals. Johann Karl Fix war übrigens ein bayrischer Braumeister, der die Brauerei Fix 1864 in Athen gründete. Seinerzeit hatten sich viele Bayern in Griechenland angesiedelt, da der 1830 vom Osmanischen Reich unabhängig gewordene Staat einen Wittelsbacher als ersten König bekam (Otto I.). Kurzer Einschub: Weil der abendländische Zeitgeist damals das antike Griechenland total abfeierte (Epoche der Klassik, Philhellenismus), unterstützten die meisten Monarchien Europas den Unabhängigskeitskampf der Griechen im frühen 19.Jahrhundert. Als es dann soweit war, sollte der neue Staat natürlich auch eine Monarchie werden. Es fehlte jedoch an griechischem Adel und so schlug man den Griechen einen europäischen Blaublüter als Regenten vor. Einige Namen waren im Gespräch, aber 1832 wurde schließlich der damals 16jährige bayrische Prinz Otto zum ersten König Griechenlands gekrönt (aus vielschichtigen Gründen, die jetzt zu weit führen würden).

Call me Pita Pan

Ottos Thronfolger Georg I. (aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg) machte Fix dann zum griechischen Hoflieferanten und schuf der Brauerei damit zeitweilig eine Quasi-Monopolstellung am griechischen Biermarkt. Trotz wachsender Biervielfalt ab Mitte des 19.Jahrhunderts und zwischenzeitlichem Konkurs der Brauerei Fix (1983), hat die Marke dank ihrer Beliebtheit weiterhin einen festen Platz in den Getränkeregalen und Zapfhähnen des Landes. Es ist eben auch ein sehr leckeres Bier und deshalb gab es davon gleich die nächsten Gebinde beim Abendessen. Jene Mahlzeit wurde an der erstbesten Gyrosbude in Hotelnähe konsumiert. 3€ pro Pita und 3,50€ pro 0,5l Bier wechselten hier den Besitzer.

An der Metrostation des Olympiageländes

Nach der Stärkung war es auch schon an der Zeit eine Metro zum Gelände der Olympischen Sommerspiele von 2004 zu besteigen. Das von uns gewählte 5-Tages-Ticket à 9€ kann ich nur jedem Touri empfehlen. Außer Fahrten zum Flughafen, sind alle Öffis im Athener Verkehrsverbund inklusive. Rund 30 Minuten dauerte nun die Fahrt von der Station Metaxourgio zur Station Eirini. Im Dunkeln war das Gelände natürlich optisch nicht so richtig zu erfassen, aber was man erkennen konnte, war schon ein interessantes architektonisches Ensemble. Santiago Calatravas Handschrift ist auch ohne Tageslicht deutlich zu erkennen.

Professionelle Berichterstattung

Fußball im Olympiastadion war heute allerdings nicht angesagt, sondern Basketball in der großen Olympiahalle (18.989 Plätze) nebenan. Denn weil uns auf diesem Trip leider kein Fußballspiel von Panathinaikos vergönnt war, musste ein Surrogat her. Die Ultraszene in Griechenland ist bekanntlich polysportiv unterwegs und unterstützt neben König Fußball auch andere Vereinssparten wie Basketball oder Wasserball. Wobei Basketball und Fußball bei Panathinaikos zwei unterschiedliche Unternehmen sind und man nicht mehr wirklich von einem Verein sprechen kann. Das erfuhren wir jedenfalls bei der Entgegennahme unserer Akkreditierungen vom Pressesprecher.

Panathinaikos vs. BK Khimki

Die unter dem Dach „Gate 13“ organisierten Fanatiker sind jedoch, trotz ihrer Vorliebe für die Farbe Grün, keine Erbsenzähler. Wo Panathinaikos drauf steht, ist für sie auch Panathinaikos drin. Deshalb waren unter den rund 10.000 Besuchern der heutigen Partie (EuroLeague gegen den BK Khimki aus der Region Moskau) einige hundert Ultras. Bei Derbies brennt die Halle richtig, aber auch heute bot der reduzierte Stimmungskern eine nette Atmosphäre und hin und wieder wurde ein Freudenfeuer auf der Tribüne entflammt.

Indoor-Pyromanen

Obwohl die Gäste aus Russland in der Tabelle ebenbürtig mit Panathinaikos wirkten (der Zwölfte empfing den Elften), zeigte der Rekordmeister dieses internationalen Wettbewerbs (viermaliger Sieger der EuroLeague) zunächst eine deutlich ansprechendere Leistung als die Gäste und es ging mit 65:50 in die Halbzeir. Wie auch in den Auszeiten und Viertelpausen, sorgten die Cheerleader und das Maskottchen von PAO (Mr. Green) für Unterhaltung. Mr. Green ballerte mit einer T-Shirt-Kanone um sich und leitete nebenbei noch das Halbzeitspiel, welches sich an der „Reise nach Jerusalem“ orientierte. Außerdem bekamen wir Pressevertreter die offizielle Zuschauerzahl vom Statistikservice gereicht. 10.036 Basketballfreunde hatten heute Abend zwischen 18 und 80€ für diesen Spaß investiert.

Publikumsbespaßung

Dann durften auf dem Parkett wieder die Profis dribbeln und Khimki kam zwischenzeitlich sogar mal bis auf vier Punkte ran. An Ende nutzten ihnen die gewonnenen Viertel Nr. 3 (13:17) und Nr. 4 (16:18) jedoch nichts mehr. Der Endstand hieß 94:85 für Panathinaikos. Bester Mann: Deshaun Thomas von PAO (das steht übrigens für Panathinaikos Athlitikos Omilos und heisst übersetzt soviel wie Gesamt-Athener Sportclub). Der 27jährige Small Forward aus Fort Wayna (Indiana, USA) erzielte stolze 25 Punkte in dieser Partie.

Support

Mit dem Sieg klettern die Athener auf Platz 10 und dürfen weiterhin davon träumen unter die ersten Acht zu kommen. Damit würden sie die Play-Offs der EuroLeague erreichen. Zur absoluten europäischen Spitze scheint Panathinaikos aktuell aber nicht mehr zu gehören. Besonders die Spitzenteams aus der Türkei und Spanien dominieren zur Zeit die Hallen unseres Kontinents. In Griechenland ist der Rekordmeister jedoch weiterhin der Primus und strebt diese Saison Meistertitel Nr. 37 an. Womit sie dann auch nächste Saison für die EuroLeague qualifiziert wären.

OAKA Olympic Indoor Hall

Nach dem Spiel ging es mit der nächstbesten Metro wieder nach Metaxourgio und gegen Mitternacht erreichten wir das „Hotel Apollo“. Das Athener Nachtleben ließen wir schön ohne uns stattfinden und verzogen uns nach einem Absacker in die Kojen. Man wird leider älter und steckt die Reisestrapazen nicht mehr so gut weg wie dereinst als Teen oder Twen. Aber der Trip ist ja noch lang!

Fetalastiges Frühstück

Am Samstag war erstmal Ausschlafen angesagt. Das Wetter war trüb und lud nicht gerade zu Touri-Power ein. Also wurden Akropolis und Co auf Dienstag verschoben und für heute ein anderes Programm gebastelt. Nach dem Frühstück in einer Bäckerei am Hotel, fuhren wir mit der Metro zum Omonia-Platz. Der war gerade eine Großbaustelle und wirkte auch sonst nicht besonders attraktiv aus touristischer Perspektive. Allerdings war es von hier nicht weit zur zentralen Athener Marthalle (ein Bauwerk von 1886). Die war schon interessanter. Generell gehe ich gerne in Markthallen und mag das bunte Treiben dort.

Fleisch in der Markthalle

Von der Markthalle war es nur ein Katzensprung zum Monastiraki-Platz und dem gleichnamigen Quartier. Dieses alte Basarviertel am Fuße der Akropolis bietet einen Flohmarkt, weiteren Einzelhandel und viel Gastronomie. Alles sehr auf Touris zugeschnitten, aber zum Flanieren ganz nett. Zumal hier mit der altgriechischen Agora, der römischen Agora, der Hadriansbibliothek und der Stoa des Attalos (eine in den 1950er Jahren rekonstruierte antike Wandelhalle) bedeutende historische Sehenswürdigkeiten auf den Besucher warten.

Monastiraki-Platz mit der Tzistarakis-Moschee

Die Mischung aus antiken Ruinen, orientalischen Bauwerken aus der osmanischen Zeit (z.B. der Tzistarakis-Moschee und der Fethije-Moschee), das „Flea Market Flair“ und das Panorama der Akropolis machen Monastiraki zu einem Muss für jeden Athen-Reisenden. Dabei sind die Eintrittsgelder für die zwei Agorai und die Hadriansbibliothek, welche von November bis März reduziert sind oder ganz entfallen, gut investiertes Geld.

Stoa des Attalos

Die Agora war der zentrale Platz des antiken Athens, an welchem seit mutmaßlich dem 5.Jahrhundert vor Christus alle freien Bürgern ihre Gerichts- und Volksversammlungen abhielten. Man gelangt hier also zu den Wurzeln der Demokratie und wer so ein bißchen Geschichts- und Kulturbewusstsein in sich trägt, wird von diesen alten Steinen geflasht sein. Ferner findet man zwischen den ganzen Ruinen der Agora auch noch den fast komplett erhaltenen Tempel des Hephaistos (5.Jahrhundert v. Chr., Hephaistos ist der griechische Gott der Schmiedekunst).

Turm der Winde in der römischen Agora

Nachdem die Römer den Stadtstaat Athen im Jahre 86 v. Chr. ihrem Reich einverleibt hatten, bauten sie während der Regentschaft von Kaiser Augustus noch eine weitere Agora bzw. ihr römisches Forum. Die römische Agora wurde also kurz vor Christi Geburt gebaut und unter Hadrian (Kaiser von 117 bis 138 n. Chr.), der ein Faible für die alten Griechen hatte, wurde die Agora nochmal erweitert. Zum Beispiel kam der gut erhaltene Turm der Winde hinzu, der als Uhr und Wetterwarte fungierte.

Spaziergang durch Plaka

Die ebenfalls von Hadrian gestiftete Bibliothek, bzw. deren Ruine, schließt gleich an die römische Agora an. Außerdem finden wir im Umfeld der römischen Agora noch die Fethije-Moschee. Das ist Athens älteste Moschee, da sie gleich nach der türkischen (osmanischen) Eroberung im Jahre 1456 errichtet wurde. Bei dieser Moschee wechselten wir nun auch in den an Monastiraki angrenzenden Stadtteil Plaka über. Ebenfalls sehr altstädtisch wirkend und einen Streifzug wert!

Kathedrale Mariä Verkündigung

Für uns war Plaka jetzt aber nur Durchgangsviertel, um auf kürzestem Weg zur Kathedrale Mariä Verkündigung zu spazieren, welche im östlichen Teil von Monastiraki zu finden ist. Jener Teil des Viertels hat vorwiegend Bebauung aus dem 19. und 20.Jahrhundert vorzuweisen. So ist auch die Kathedrale ein Bauwerk des 19.Jahrhunderts. Der dänisch-österreichische Architekt Theophil Hansen entwarf hier eine Kathedrale in einer Art neobyzantischem Stil mit romanischen Einflüssen. 1842 legte König Otto I. den Grundstein für die Großkirche, die schließlich 1862 geweiht wurde und seitdem Sitz des orthodoxen Erzbischofs von Athen ist. Sie ist natürlich auch ein nationales Symbol der 1830 gewonnenen Unabhängigkeit von den muslimischen Türken.

Panagía Gorgoepíkoos

Neben der Kathedrale, die absolut auch einen Blick ins Innere wert ist, findet man außerdem noch die mittelalterliche Kleinkirche „Panagia Gorgoepikoos“. Die wiederum ist außen besonders interessant, da sich an ihrer Fassade ca. 90 Reliefs aus der byzantischen Zeit befinden. Und apropos Byzanz; über beide Kirchen wacht an diesem Platz ein kämpferisches Standbild von „Konstantinos XI. Palaiologos“. Konstantin XI. war von 1448 bis 1453 der letzte byzantinische Kaiser und starb bei der Verteidigung Konstantinopels gegen die Osmanen. So schließt sich hier also der Kreis.

Konstantinos XI. Palaiologos

Weil zuviel Kultur aber auch nicht gesund ist, hielten wir nach dem „Cathedral Ground“ so langsam die Augen nach einer Bar offen und fanden im lebhaften Nachbarviertel Psyri bald einen Ort, um unser Verlangen zu stillen. Obwohl jeder zunächst nur eine Flasche Stella Artois trank (dieses Bier war auf der Karte alternativlos, da es sich eher um eine Cocktailbar handelte), ist mir der Name der Bar wieder entfallen.

Ouzo auf’s Haus

Dafür weiß ich natürlich noch, dass der Barkeeper bei Gate 13 aktiv ist. Denn komischerweise fragte er nach ein paar Minuten, ob wir etwas mit Fußball zu tun haben (woran kann man das nur immer erkennen?). Man soll ja nicht lügen und so hatten wir noch ein nettes Gespräch über Fankultur und stellten fest, dass wir den gestrigen Spielbesuch beim Basketball gemeinsam hatten. Der gute Mann holte jetzt seinen Rucksack unter’m Tresen hervor und dieser war prall gefüllt mit Panathinaikos-Stickern. Von jedem Motiv verschenkte er ein Exemplar und bestand noch darauf, dass er uns auf einen Ouzo einladen darf.

Loukanikos

Danach schieden wir wieder und stellten fest, dass an der nächsten Häuserecke ein Athener Wahrzeichen für die Generation Instagram zu finden war. Nämlich ein großes Graffito bzw. Mural zu Ehren von „Riot Dog“ Loukanikos! Ein Foto davon mussten wir natürlich auch gleich in unseren Influencer-Accounts teilen. Loukanikos (zu deutsch: Würstchen) war ab 2010 die animalische Symbolfigur der Massenproteste gegen den Sparkurs, den die Troika aus EU, EZB und IWF den Griechen im Gegenzug zu Finanzhilfen aufgezwungen hatte. Der Straßenhund, der auf Seiten der Protestierenden mitmischte, schaffte es u.a. ins „Time Magazine“ und auf das Cover vom „The Economist“.

Kapitalismuskritisches Wandbild

Letztlich waren es wohl mehrere Athener Straßenhunde, die als Loukanikos zum beliebten Fotomotiv der Presse wurden, aber der „wahre“ Loukanikos fand nach dem Abebben der größten Proteste 2012 eine humanoide Familie und verstarb zwei Jahre später im Alter von circa 10 Lenzen in deren Schoß. Laut des Tierarztes hatten Tränengas und Co seiner Gesundheit erheblich zugesetzt und seine Lebenserwartung somit drastisch reduziert. Ein echter Märtyrer also.

Stadio Apostolos Nikolaidis

Als nächstes ging es mit der Metro zum alten Stadion von Panathinaikos. Wie auch AEK, spielt PAO zur Zeit im ungeliebten Olympiastadion. Doch während AEK gerade einen Neubau durchführt (das Stadio Agia Sofia), wird Panathinaikos noch auf umbestimmte Zeit „jwd“ spielen müssen. Damit ist das wunderschöne und urban gelegene Stadio Apostolos Nikolaidis zur Zeit sportlich verwaist. Zumindest was das Fußballfeld angeht, denn das Stadion hat noch eine Sporthalle unter einer Tribüne, in welcher während unseres Besuchs gerade Basketball-Training stattfand.

Graffiti rund um das Stadion von PAO

Außerdem gab es eine Stadionkneipe, in die wir nach einer Graffititour rund um’s Stadion auf ein paar Fix einkehrten. Nach der ersten Runde stieß auch noch der Bruder von Abtos Freundin dazu. Noah hat gerade sein Erasmus-Semester in Athen hinter sich und heute seinen letzten vollen Tag in der griechischen Hauptstadt. Nach ein bißchen Smalltalk mit den ebenfalls anwesenden Mitgliedern von Gate 13, widmeten wir uns als Sextett dem weiteren Bierkonsum und nach sechs Runden Fix, wechselten wir nochmal die Bar.

Ballern bei PAO

Draußen begann zwar langsam ein Unwetter, aber Noahs Stammtaverne war am anderen Ende der Straße zu finden und ist wahrscheinlich eine der günstigsten in ganz Athen. Im „Teniakó“ wurde der halbe Liter Bier für 2€ serviert und für 5€ gab es bunte Teller mit Fritten, Fetataschen, Saganaki, Hackbällchen und Wurst. Dazu noch Ouzo und später auch Rakomelo. Das ist warmer Raki mit Honig und eine kleine Karaffe kostete 9€. Die Spiritousen-Spezialität kannte außer Noah noch keiner von uns und natürlich geht das Zeug rasant ins Blut.

Bunter Teller im Teniakó

Geographisch waren wir übrigens mittlerweile in Exarchia, dem Studentenviertel schlechthin in Athen. Rund um die Technische Universität von Athen (das „Polytechneion“) hat sich eine alternative bis anarchistische Szene etabliert und laut Noah hat die Polizei hier nicht wirklich was zu melden. Hier nahmen im November 1973 die Studentenproteste gegen die von den USA und seinen NATO-Partnern gestützte Militärdiktatur ihren Anfang. Da das Regime auch an den Universitäten jegliche Form von Meinungsfreiheit und Mitbestimmung repressiv bekämpfte und kritische Studenten rigoros von den Hochschulen entfernt wurden, wuchs 1973 der Widerstand der Nachwuchsakademiker gegen die griechische Militärjunta.

Rakomelo

Im November 1973 besetzten tausende Studenten schließlich das Polytechneion und forderten freie Wahlen für die Studentenvertretung ihrer Hochschule. Nachdem Studenten anderer Athener Universitäten, sowie der Hochschulen in Patras und Thessaloniki dem Vorbild der Studierenden des Polytechneions folgten und auch ein bürgerlicher Protest am zentralen Syntagma-Platz vor dem Parlament einsetze, schickte der Diktator Papadopoulos in der Nacht vom 16. auf den 17.November Panzer und Fallschirmjäger zum Universitätsgelände. Die Proteste wurden gegen 2 Uhr morgens blutig aufgelöst, aber für Papadopoulos und die Junta begann dennoch die Götterdämmerung. Genau ein Jahr später gab es wieder freie Parlamentswahlen in Griechenland und seitdem auch jedes Jahr Gedenkmärsche für die Märtyrer des 17.November 1973 in Exarchia (42 Tote sollen es gewesen sein), die nicht selten zu Straßenschlachten ausufern.

Das Olympiastadion von außen

Nach Noahs Schilderungen von den Krawallen am 17.November 2018, die sich quasi vor seiner Haustür abspielten, verriet ein Blick auf Uhr, dass König Fußball Aufmerksamkeit einforderte. Draußen tobte zwar mittlerweile der Sturm des Jahrhunderts und in Uruguay hätten sie sofort den ganzen Spieltag abgesagt, aber hier sollte anscheinend trotz Unwetter gekickt werden. Also kämpften wir uns aus Exarchia zur nächstbesten U-Bahn-Station namens „Victoria“ durch und steuerten den zweiten Abend in Folge das Olympiagelände an.

Das Ticket ins Trockene

Um 19:30 Uhr fand im Olympiakó Stádio Athinon „Spyros Louis“ das von mir so getaufte das „Vertriebenen-Derby“ statt. Vor gerade mal rund 1.500 Zuschauern (sicher auch dem Wetter geschuldet) empfing AEK a.k.a. Athlitiki Enosi Konstantinoupoleos die Mannschaft von Apollon Smyrnis. Beide Clubs sitzen in Athen, haben ihre Wurzeln jedoch in der Fremde. Apollon wurde 1891 in Smyrna gegründet (türkischer Name der Stadt: Izmir) und AEK ist zwar 1924 in Athen aus der Taufe gehoben worden, jedoch als neue sportliche Heimat von Athleten aus Konstantinopel (Istanbul). Wie auch PAOK in Thessaloniki, beruft sich AEK auf das Erbe des konstantinopelschen Pera Clubs.

Das Olympiastadion von innen

Über den Kleinasiatische Katastrophe und den Vertrag von Lausanne, der nach dem Griechisch-Türkischen Krieg (1919 – 1921) zum Bevölkerungsaustausch der jeweiligen Minderheiten zwischen Griechenland und der Türkei führte, muss ich an dieser Stelle leider hinweggehen. Sonst würde ich in diesem Bericht zu sehr abschweifen. Doch ich denke im zweiten Athen-Bericht werde ich dazu noch zwei, drei Absätze verlieren. Ansonsten hilft euch bei Interesse natürlich auch eine kleine Internetrecherche weiter.

Gähnende Leere

Widmen wir uns nun lieber dem stürmischen Kick auf dem olympischen Rasenviereck. AEK nutzte gleich den ersten Angriff und ging in der 4.Minute durch ein Abstaubertor von Lucas Boyé in Führung. Ich erwartete nun eine klare Angelegenheit zwischen dem amtierenden griechischen Fußballmeister (derzeit 3.Platz) und dem abgeschlagenen Tabellenletzten (nur 9 Punkte aus den bisherigen 21 Spielen). Doch die unnormalen äußeren Bedingungen sorgten für nahezu Waffengleichheit. Bei Orkanböen, wo neben den Banden zeitweilig auch die TV-Kameras umflogen, war an die Umsetzung eines Matchplans wohl eher nicht zu denken.

Boys in the box

So hoffte auch Apollon hin und wieder auf den Beistand von Aiolos und setzte den ein oder anderen Fernschuss ab. Statt der Gott des Windes, half schließlich AEK-Innenverteidiger Oikonomou. Völlig neben sich wirkend, spielte er hinten quer in den Lauf von Apollon-Angreifer Hilal El-Helwe. Der Deutsch-Libanese, der das Kicken bei Hannover 96 gelernt hat, bedankte sich aus freier Schussposition mit dem 1:1. Damit ging es auch in die Pause und während die Spieler in die trockenen und windstillen Katakomben flohen, hatten wir uns bereits in eine schlecht belüftete VIP-Box gerettet. Der Kühlschrank war zwar leer, aber warm und windstill war es auch hier.

Die Unentwegten von AEK

Der zweite Durchgang startete dann ähnlich wie der Erste. Lucas Boyé zog in der 47.Minute aus der Drehung von der Strafraumgrenze ab und bezwang damit ein zweites Mal Apollons Schlußmann. Ein weiteres Geschenk an die wackeren Gäste blieb in der Folgezeit aus und so hieß es am Ende: Konstantinopel 2, Smyrna 1. Damit blieb AEK ein heißer Anwärter auf die EL-Teilnahme oder vielleicht auch die Vizemeisterschaft. Der Meistertitel wird diese Saison aber höchstwahrscheinlich an ein anderes Team mit dem byzantinischen Doppeladler auf der Brust gehen. Doch diese Herren standen erst in 24 Stunden auf unserer Fußballagenda.

Streetart in Metaxourgio

Irgendwann nach Abpfiff mussten wir wohl oder übel wieder unsere Loge verlassen. Draußen tobte mittlerweile der Sturm des Jahrtausends und selbst die Massephase-Mutanten in unserem Quintett drohten zeitweilig einen auf Mary Poppins zu machen. Man schaffte es irgendwie zur Bahnstation und in Metaxourgio wurde erstmal Zuflucht in einem Restaurant gefunden.

Fleischspieß-Mix im Kokkinos krinos

Da das Mittagessen heute vor lauter Kultur ausgefallen war, hatten wir alle noch Platz für ein zweites Abendessen. Das Asylum „Kokkinos krinos“ entpuppte sich als Taverne mit fairen Preisen und leckerem Essen. Ich brachte dort mit einem Fleischspieß-Potpourri den knurrenden Magen zum Schweigen. Für 9€ gab es genau die richtige Portion, um satt zu werden, aber nicht den Bierdurst zu verlieren.

Noch ’ne Tüte Spaß

Nach dem Late-Night-Dinner freuten wir uns deshalb über den kleinen Supermarkt zwischen Restaurant und Hotel, so dass das Olbert-Schneppe-Zimmer noch Bier nachladen konnte und zumindest 2/5 der Reisegruppe die Schlafphase auf ein Minimum reduzierten. Das 1.Kapitel Athen endete somit heiter bis neblig in meinem Kopf.