Warszawa (Warschau) 04/2022

  • 30.04.2022
  • Hutnik Warszawa – Ząbkovia Ząbki 1:2
  • IV liga mazowiecka I (V)
  • Stadion Hutnika Warszawa (Att: 800)

Der polnische Fußball wollte es Anfang Mai so richtig wissen. Am 1.Mai Derby in Kraków (Krakau), am 2.Mai Pokalfinale zwischen Lech und Raków in Warszawa (Warschau) und am 3.Mai Derby in Łódź (Lodsch). Gerne wollte ich alle drei Partien beehren und überlegte mir einen Reiseplan. Weil ich es bevorzuge eine Basis zu haben, anstatt mit Rucksack jeden Tag von Stadt zu Stadt und Unterkunft zu Unterkunft zu tingeln, erkor ich Warszawa (Warschau) zu jener. Von dort würde ich Tagesausflüge nach Kraków und Łódź unternehmen.

Mein Zimmer für fünf Nächte

Das Routing Hannover – Warszawa – Hildesheim kostete mich mit der Bahn in der 1.Klasse lediglich 106,85 € und das Ibis Warszawa Reduta (***) am Westbahnhof der polnischen Hauptstadt rief für 5 Nächte bescheidene 139 € auf. Weil das nach München und Budapest mein dritter Aufenthalt von zwei oder mehr Nächten in einem Hotel der Accor Group innerhalb eines Aktionszeitraums war, gab es außerdem 3.000 Bonuspunkte für die Hotelbuchung. Die haben einen Gegenwert von 60 € bei kommenden Buchungen. Schneppe Tours also mal wieder auf Schnäppchenkurs…

Lahmacun Triple

Am 30.April war um 14:31 Uhr Abfahrt in Hannover. Zwei Stunden später erreichte ich den Bahnhof Berlin-Gesundbrunnen und hatte nun 69 Minuten Aufenthalt. Die wurden natürlich für’s Abendessen genutzt und dazu ging es zu Örnek Lahmacun Evi, um den Signature Dish des Lokals in dreifacher Ausführung zu verspeisen. Sauleckere Lahmacun, frisch von der Glut gezogen und mit Jalapeños, Zwiebeln und Kräutern anbei, kosten dort unschlagbare 1,30 € pro Stück. Jemand aus der Hood hatte mir den Tipp gegeben und ich bin Abi Joey dafür auch hier nochmal zu Dank verpflichtet.

Frühstückszeit im Ibis Warszawa Reduta

Die sechs Stunden Bahnfahrt im Anschluss waren relativ entspannt. Ich hatte in der 1.Klasse ein Abteil für mich allein und irgendwo zwischen Poznań und Warszawa gingen schon mal die Augen zu. Um Schlag Mitternacht war ich schließlich im Hotel und genoss das bequeme Bett für gute acht Stunden. Ausgeschlafen ging es gegen 8:30 Uhr zum Frühstücksbüffet, welches ich diesmal nicht mitgebucht hatte, da mir 50 € Aufpreis für fünfmal Frühstück zu teuer erschienen. Heute siegte jedoch die Bequemlichkeit und ich entrichtete spontan 47 Złoty (tatsächlich exakt 10 €) für die Zugriffsberechtigung auf das Speise- und Getränkeangebot. Ein Brötchen mit Käse und Schinken, Bliny mit Nussnougatcreme, Rührei mit Würstchen und Salatka Jarzynowa (Kartoffel-Gemüsesalat) wanderten in den Magen des Dons.

  • 30.04.2022
  • WRKS Olimpia Warszawa – Victoria II Sulejówek 2:1
  • Klasa A Warszawa II (VII)
  • Stadion Olimpia (Att: 58)

Dann war Fußball angesagt! Den heutigen Samstag hatte ich zum Großkampftag des Amateurfußballs erkoren. Da mein Zielspiel an diesem Tag erst um 20 Uhr angepfiffen werden sollte, waren zuvor noch diverse andere Kicks möglich. Teilweise sogar bei Traditionsvereinen mit brauchbaren bis deutlich attraktiven Kampfbahnen. Den Anfang machte dabei das Stadion Olimpia, welches vom Hotel direkt per Bus angesteuert werden konnte. Hier sollte Olimpia Warszawa um 11 Uhr die Zweitvertretung von Victoria Sulejówek im Rahmen der Klasa A Warszawa II (7.Liga) empfangen.

Nett gestaltete Tribüne bei Olimpia

Olimpia wurde 1952 östlich der Wisła (Weichsel) in Praga gegründet, zog jedoch 1975 in den westlichen Stadtteil Wola um. In der realsozialistischen Volksrepublik Polen wurde der Verein vom Maschinenbaukombinat Waryński unterstützt, welches damals wie heute für die Produktion von Raupenfahrzeugen bekannt ist. Bestes Ergebnis in der Clubhistorie war ein 2.Platz in der III Liga (4.Liga) am Ende der Saison 1996/1997. Den Aufstieg in die II Liga verpasste man jedoch im fälligen Entscheidungsspiel gegen Warmia Olsztyn. Der damalige Erfolg verleitete obendrein zu einem Stadionbauprojekt. Geplant waren über 10.000 Plätze. Doch als man 1998 in die IV Liga (5.Liga) absteigen musste, waren lediglich die beiden Hintertortribünen fertig (jeweils 2.000 Sitzplätze) und für einen weiteren Ausbau fehlte fortan das liebe Geld, aber auch die Notwendigkeit.

Gepinselte Grüße an die Fanfreunde

Das ist also baulich ein ziemlich besonderes Stadion. Außerdem ist die Tribüne, auf der sich hin und wieder der Fanmob von WRKS Olimpia sammelt, mit viel Liebe angepinselt worden. Neben Olimpias Insignien, sind auch die Farben von Legia vertreten (die Szene tritt sonst als Fanclub bei Spielen von Legia in Erscheinung) und die Fanfreundschaften der Olimpijczycy ’01 zu den Fans des CKS Czeladź und den Green Dragons von Olimpia Ljubljana werden ebenfalls optisch gewüdigt. Bei Topspielen macht die Bande von Olimpia mit 50 bis 80 Leuten auch mal Rambazamba. Heute lungerte jedoch nur eine handvoll Szenetypen mit Dosenbier im Schatten hinter ihrer Tribüne. Die ca. fünfzig weniger durchtrainierten Zaungäste standen dagegen auf der Längsseite oder saßen auf der baugleichen anderen Hintertortribüne.

Eine der beiden baugleichen Zuschauertribünen bei Olimpia

Sie sahen wie der Gast aus der östlichen Peripherie von Warszawa in der 25.Minute in Führung ging. Doch bereits zwei Minuten später kassierte die Victoria den Ausgleich per Strafstoß. Es war insgesamt eine ausgeglichene Partie auf Bezirksliganiveau, bei der Olimpia in der 75.Minute noch der Siegtreffer gelingen sollte. Drei deutsche Groundhopper konnte ich derweil im Publikum identifizieren und mir war klar, dass ich die wohl im Laufe des Tages noch ein paar Mal sehen werde. Kam auch so, aber ein Wortwechsel blieb mir auch bei den kommenden Spielen erspart.

  • 30.04.2022
  • MKS Polonia Warszawa – Korona Góra Kalwaria 5:1
  • Klasa okręgowa Warszawa II (VI)
  • Boisko MKS Polonia Warszawa (Att: 45)

Als zweites Spiel des Tages standen nur Optionen auf tristen Kunstrasenplätzen zur Auswahl. Da ich um 17 Uhr zu Polonia wollte, war es wohl sinnvollsten deren Nebenplatz zu begutachten. Um 14:30 Uhr empfing MKS Polonia Warszawa dort Korona Góra Kalwaria zum Pflichtspiel der Klasa okręgowa Warszawa II (6.Liga). Höhepunkt war ganz klar, dass ich zunächst einmal durch das leere Nachbarstadion streifen konnte. Doch dann erwartete mich einer dieser typischen polnischen Plätze ab 4.Liga abwärts. Ein Kunstrasenteppich mit einer vier bis fünfreihigen Stahlgerüsttribüne auf einer Längsseite. Wer sich das antut, muss den Fußball wirklich lieben. Oder sich selbst sehr hassen.

Die Haupttribüne bei Polonia

Davon ab konnte man wegen der Baumreihe und den Auswechselbänken von keiner der Sitzschalen vernünftig bzw. vollständig das Spielfeld einsehen. Aber ich wollte eh viel lieber 90 Minuten stehen. Ist schließlich gesünder als sitzen. So sah ich nun wie MKS Polonia den Gast aus Góra Kalwaria (zu Deutsch: Kalvarienberg) mit 5:1 deklassierte. Die Hälfte der Tore fiel übrigens durch Strafstöße. Aber wirklich gestraft fühlte nur ich mich. Na gut, einmal totaler Hafer ist bei dem sonstigen Premiumprogramm dieses Trips zu verkraften und irgendwo muss man seinen Hatern auch Raum zum Lästern geben ;-).

Nebenplatz mit Ausbau der fragwürdigen Art

MKS Polonia fungiert übrigens als 2.Mannschaft von Polonia, ist jedoch rechtlich getrennt von der gegenwärtigen Profifußballgeselllschaft Polonia Warszawa Spółka akcyjna. Die gesamte Jugendakademie von Polonia, welche die just gesehene Mannschaft als U21 im Herrenbereich antreten lässt, operiert als MKS Polonia. Als die KSP Polonia Warszawa Spółka akcyjna (Aktiengesellschaft) im Jahre 2013 liquidiert werden musste, konnte so der ganze Nachwuchsfußball gerettet werden und die Basis für den Nachfolgeverein bilden. Jener sollte nun nebenan seine Partie in der 4.Liga anstoßen.

  • 30.04.2022
  • KS Polonia Warszawa – Znicz Biała Piska 3:1
  • III Liga, grupa I (IV)
  • Stadion Polonii im. generała Kazimierza Sosnkowskiego (Att: 633)

Beim Wechsel von Ground zu Ground kam ich nicht nur am Pomnik Poległym i Pomordowanym na Wschodzie vorbei (ein Denkmal, welches an die Opfer der sowjetischen Invasion und Okkupation Polens während des Zweiten Weltkriegs erinnert), sondern geriet auch in eine Polizeikontrolle. Mein “Wie falle ich am wenigsten in einem polnischen Stadion auf”-Outfit scheint bei Ordnungshütern das Gegenteil zu bewirken. “Nie chuligan, jestem turystą!” konnte ich ihnen jedoch glaubhaft mit einem Erzeugnis der Bundesdruckerei vermitteln. Viel Spaß beim Spiel wünschten sie mir trotzdem nicht.

Denkmal für die Gefallenen und Ermordeten im Osten

Da es heute gegen eine Truppe ging, deren Anhang es nicht in Mirko Ottos Kompendium “Fanszene Polen” geschafft hat, war ich eh irritiert über Anzahl und Ausrüstung der Polizeikräfte (neben Behelmten waren sogar Berittene am Start). Im Stadion war der Gästeblock auch wirklich wie erwartet verwaist, aber dafür immerhin das Grillrost hinter der Haupttribüne gerammelt voll mit Würsten. Für 15 Złoty (ca. 3 €) ging eine Kiełbasa nebst additiven Viktualien sehr kurzzeitig in mein Eigentum über. Für vier weitere Złoty gab es noch ein Wasser zum Nachspülen und dann war wieder Fußball angesagt.

Für das leibliche Wohl war gesorgt

Genauer gesagt Fußball bei einem der größten Traditionsvereine des Landes. Schon 1911, als der russische Zar noch das Sagen in diesem Teil Polens hatte, wurde Polonia gegründet. Zwischen den Weltkriegen gehörte man bereits zur nationalen Spitze und 1946 errang man den ersten Meistertitel nach dem Zweiten Weltkrieg. 1952 kam außerdem der nationale Fußballpokal erstmals in die Vereinsvitrine. Fortan hatte man es als Verein mit bürgerlicher Vergangenheit jedoch schwer in der sozialistischen Volksrepublik Polen. Armeesportklub Legia und Polizeisportklub Gwardia wurden vom Regime in Warszawa besonders gefördert und Polonia rutschte sukzessive in die Drittklassigkeit ab. Man blieb jedoch gewissermaßen ein kleines Refugium für Andersdenkende und hatte eine respektable Fanszene vorzuweisen. Diese pflegte u. a. mit Cracovias Anhang die wahrscheinlich älteste Fanfreundschaft Polens. Seit 1968 war man offiziell befreundet (Kontakte soll es sogar schon in den 1920er Jahren gegeben haben) und bis 2017 hielt diese Verbindung.

Die Teams grüßen in die Runde

Erst nach der politischen Wende ging es sportlich wieder aufwärts für die Schwarz-Weiß-Roten. 1994 kehrte man in die Ekstraklasa zurück und im Jahre 2000 wurde der zweite Meistertitel gefeiert. Den machte man ausgerechnet mit einem Auswärtssieg bei Legia am drittletzten Spieltag der Saison 1999/00 klar. Außerdem folgte 2001 ein weiterer Pokaltriumph. Dennoch kam es nicht zum dauerhaften Machtwechsel in der polnischen Hauptstadt. International reüssierte Polonia seinerzeit glücklos (regelmäßiges Erstrundenaus) und im Laufe der 2000er Jahre wurde das Geld in den Kassen der Czarne koszule (Schwarzhemden) knapp.

Fans von Polonia

Im Mai 2006 stieg der Klub zunächst als Tabellenletzter aus der Ekstraklasa ab. Jedoch konnte man 2008 durch eine Fusion mit Groclin Dyskobolia Grodzisk Wielkopolski deren Platz in der Ekstraklasa übernehmen. Im Sommer 2012 dann der Schock für den Anhang; Polonias Eigentümer Jòzef Wojciechowski hatte den Club für umgerechnet 1,25 Mio € an Ireneusz Król, seinerzeit auch Besitzer des Zweitligisten GKS Katowice, verkauft. Króls Plan war die Lizenz und den Kader nach Katowice zu holen und GKS fortan unter dem neuen Namen KP Katowice in der Ekstraklasa antreten zu lassen. Allerdings scheiterte das Unterfangen zur kommenden Saison 2012/13 noch an Formalien. Im Laufe der Saison bereitete Król dann sowohl in Warszawa, als auch in Katowice den Rückzug aus seinen Fußballunternehmungen vor.

Fanartikel von Polonia

Für seinen Return on Investment sorgte Król nun mit Spielerverkäufe bei Polonia. Wobei mit Paweł Wszołek einer der prominentesten Kicker gegen diese Praxis rebellierte. Der sollte im Januar 2013 an Hannover 96 transferiert werden, weigerte sich jedoch den unterschriebenen Vertrag anzutreten und in Hannover zum Medizin-Check zu erscheinen. Während in hannoverschen Medien nun vom Wackel-Polen die Rede war, resümierte Wszołek, der im Sommer 2013 schließlich zu Sampdoria in die Serie A wechseln sollte: „Ich fühlte mich wie eine in den Westen verkaufte Prostituierte“. Unterdessen wurde Polonia für die Saison 2013/14 keine Lizenz mehr erteilt.

Wir konnten uns alle sicher fühlen

Fans und Freunde der Czarne koszule sorgten allerdings für einen Neustart in der fünftklassigen IV Liga und wie erwähnt konnten sie dabei auf das Fundament der als MKS Polonia operierenden Fußballakademie zurückgreifen. So war man sogleich wettbewerbsfähig und schaffte auch binnen kurzer Zeit zwei Aufstiege. Zwar hielt man sich nur kurz in der II Liga, aber aktuell ist man in der III Liga wieder oben dabei und träumt vom neuerlichen Aufstieg. Seit März 2020 ist Polonias Mehrheitsgesellschafter übrigens der französische Geschäftsmann Grégoire Nitot. Dieser gründete 2006 eine IT-Firma in Warszawa, die sich vom kleinen Start-up zum Unternehmen mit über 4.000 Mitarbeitern mauserte. Beim Einstieg des Franzosen stand Polonia wieder kurz vor der Insolvenz und konnte erst durch Nitots Investment gerettet werden. Nun möchte man mittels 10-Jahres-Plan bis 2030 wieder in die Ekstraklasa zurückkehren.

Das Stadionumfeld von Polonia zieren diverse Wandbilder zum Warschauer Aufstand

Ein, zwei Aufstiege für Polonia wären sicher eine gute Sache. Sportlicher Aufschwung gibt der Szene vielleicht auch wieder einen kleinen Schub. Wobei es echt nicht leicht ist in Warszawa Fan von Polonia zu sein. Legia kontrolliert jedes Viertel in der Hauptstadt und ebenso das ganze Umland. Die Banden der kleineren Clubs sind auch alle auf Legia eingeschworen (siehe Olimpia, Hutnik, Ząbkovia oder Ursus). Da kann dir deine Entscheidung für Polonia sehr schnell madig gemacht werden und im Alltag lebst du deine Leidenschaft lieber low profile aus. Aber es ist eine Nische und Warszawa mit seinen 1,8 Mio Einwohnern kann mehr als einen Verein im Spitzenfußball vertragen. Zumal Polonia in den 1990er Jahren bereits Punks, Skins und andere subkulturelle Menschen, sowie sogar antifaschistische Aktivisten anzog. Letztere zogen sich jedoch beim Neustart 2013/14 aus der Szene zurück.

Torfreude bei Polonia

Zusammen mit 632 weiteren zahlenden Zuschauern sah ich wie Polonia heute seine Aufstiegschance wahren konnte. Szymon Lewicki und (21.Minute) und Wojciech Fadecki (45.) sorgten für eine komfortable Pausenführung des selbsternannten Duma stolicy (Stolz der Hauptstadt). Als dem Gast aus der Województwo Warmińsko-Mazurskie (Woiwodschaft Ermland-Masuren) in der 58.Minute der Anschlusstreffer gelang, wurde allerdings nochmal gezittert. Erst in der 87.Minute ließ Lewicki mit seinem zweiten Tor die Fans aufatmen. Durch diesen Heimsieg bleibt man auf Tuchfühlung mit Tabellenführer Legionovia Legionowo (drei Punkte Rückstand) und am vorletzten Spieltag (11.Juni) kommt es noch zum direkten Duell mit Heimrecht Polonia.

  • 30.04.2022
  • Hutnik Warszawa – Ząbkovia Ząbki 1:2
  • IV liga mazowiecka I (V)
  • Stadion Hutnika Warszawa (Att: 800)

Während die treuesten Fans der Czarne koszule nach Abpfiff in einen Shuttlebus stiegen, um einem wichtigen Heimspiel der Basketballer von Polonia beizuwohnen, zog es mich zur nächstgelegenen Haltestelle der Tram. Denn Spiel Nr. 4 an diesem Tag führte mich raus nach Bielany. Hier ist der 1957 gegründete Hutniczy Klub Sportowy zu Hause und dieser beging heute seinen 65.Geburtstag. Dieses Spiel war überhaupt der Grund schon heute in Warszawa zu sein. Ursprünglich wollte ich zu Stal Stalowa Wola gegen Siarka Tarnobrzeg, aber die Szene von Stal meinte ausgerechnet kurz vor’m “Karpatenvorland-Classico” gegen Siarka in den Boykott treten zu müssen.

Endgültig satt für heute

Dass zwei Tage vor’m Derby die geforderten Rücktritte auf Funktionärsebene bei Stal erfolgten, konnte ich natürlich nicht ahnen und hatte bereits umdisponiert. Erst wollte ich als Plan B einen Tagesausflug nach Białystok machen (Jagiellonia Białystok vs. Śląsk Wrocław). Aber dann fiel mir beim Durchstöbern der Spielpläne auf, dass Hutnik gegen Ząbkovia in Warszawa antreten sollte. Zwar nur 5.Liga, doch beide Fanszenen haben einen guten Leumund. Wenn obendrein der Gastgeber seinen 65.Geburtstag an diesem Abend feiert, kann es nur gut werden.

Fackelfreudige Malergesellen

Denn Hutnik geht mittlerweile nach Legia und Polonia als fantechnische Nr. 3 in Warszawa durch und bei Ząbkovia Ząbki gibt es ebenfalls einen Mob, den ich eigentlich schon im Juni 2021 erstmals beehren wollte. Damals machte Ząbkovia den Aufstieg in die 4.Liga klar und hatte allerhand an Pyrotechnik abgefackelt. Auch heute sollte meine Pyrophilie mächtig gekitzelt werden. Doch zunächst holte ich mir einen Hutnik Hot Dog mit großer Kiełbasa (kostete wie der Eintritt so ungefähr 3,50 €), um meiner lukullischen Leidenschaft Genüge zu tun.

Gesundheitsgefährdende Giftwolke

Dann lieferten beide Fanlager, die jeweils an den Rändern der Gegengerade standen, eine Show vom Allerfeinsten. Entsprechend hab ich mich auf der Haupttribüne zurückgelehnt und das Programm gegenüber genosssen. Lass dir gut gehen, wurde dazu wohl der okayste Unternehmer der Welt Fynn Kliemann sagen.* Obendrein liefen dort unheimlich viele Typen in Maleranzügen rum, die sicher auch mal gerne unentgeltlich im Kliemannsland eine Scheune anpinseln würden. Wobei der gute Fynni dann berechtigte Sorge haben müsste, dass es bald heisst „Kliemannsland ist abgebrannt“.

Was hat dieser Zahn zu bedeuten? Ein Zahn, ein Mysterium…

Denn bereits in der 23.Minute zündete Hutniks Bande wie ein Weltmeister. Zu den Leuchtfeuern gesellte sich eine veritable orangefarbene Rauchwolke und die Haupttribüne spendete dem Treiben fleißig Applaus. Unterdessen hatte sich der Gästemob bereits unter einer Blockfahne versteckt und als diese in der 28.Spielminute verschwand, entzündeten sie Rauchtöpfe in ihren Vereinsfarben rot, weiß und blau. Deren Ultras muss man eh einfach mögen, weil sie u. a. einen aggressiven Backenzahn als Logo verwenden. Dazu muss anmerken, dass ihre Heimat Ząbki (östlicher Vorort von Warszawa) zugleich das polnische Wort für Gebiss ist und Ząb entsprechend Zahn heisst.

Erstmal ’n bißchen Rauch auf’en Zahn legen

Als der Rauchschleier sich über das Stadiondach gelegt hatte, zauberte Ząbkovias Anhang noch vor dem Halbzeitpfiff eine zweite Pyroshow aus dem Hut. Diesmal mit Bengalischen Feuern und Römischen Lichtern. Auf ihrem Spruchband stand in etwa „Diese Party kann ohne unser Zutun nicht steigen“ und zunächst hatten sie dem Heimfanblock wirklich etwas die Show gestohlen. Aber die HKS-Anhänger waren sicher eher erfreut, denn vergrätzt. Schließlich kennt und schätzt man sich. Beide Fanlager haben bei Legia sozusagen den Treueeid abgelegt und gelten als Fanclubs von Legia.

Ząbkovias Rauchwolke hat sich farblich vermischt

Im zweiten Durchgang legten die Veteranos, Valiant Boys & Co auf Heimseite außerdem nochmal nach. Gleich in der 46.Minute präsentierten sie einen großen Doppelhalter mit der 65 im Lorbeerkranz. Drumherum wurden nun Fackeln und Sprühfontänen entzündet. Abermals ein äußerst ansprechendes Bild und Szenenapplaus von der Haupttribüne folgte. Obendrein wurde in der 70.Spielminute einfach nochmal die fünfte Pyroshow des Abends gestartet. Damit endeten die Fackelfestspiele 3:2 für Hutnik.

Wenn sich zwei Rauchwolken überlagern…

Auf dem Rasen musste sich der am 21.April 1957 als Verein der Stahlarbeiter gegründete Hutniczy Klub Sportowy (HKS) jedoch mit 1:2 gegen die Zahnfeen aus der Nachbarschaft geschlagen geben. Damit bleibt Ząbkovia Ząbki Tabellenzweiter und dick im Aufstiegsgeschäft, während HKS im oberen Mittelfeld eh jenseits von Gut und Böse seine Kreise zieht. Doch aufsteigen will Hutnik, die in den 1980er und 1990er Jahren insgesamt sieben Spielzeiten zweitklassig waren (beste Platzierung war ein 6.Platz am Ende der Saison 1992/93), mittelfristig auch. Spätestens seit man 2019 eine strategische Partnerschaft mit der Warsaw Sports Group eingegangen ist und mit dem Wettanbieter forBET ein potenter Sponsor an Land gezogen werden konnte, wurde hier ähnlich viel gebastelt und gebaut wie im Kliemannsland.

Geburtstagskerzen im Gästeblock

Daher war mein einziger Wermutstropfen an diesem Abend auch, dass Hutnik jetzt nicht mehr in seiner alten Schüssel aus der sozialistischen Ära spielt, sondern die Patina dem Plastik gewichen ist. Das neue Stadion ist nicht schön, aber zeitgemäß und genügt schon jetzt den Auflagen der 3.Liga. Dazu sind nebenan mehrere neue Kunstrasenplätze und eine Trainingshalle entstanden. Infrastrukturell kann man somit schon mal mit Polonia mithalten, deren Position als sportliche und fantechnische Nr. 2 der Hauptstadt man gerne übernehmen würde.

65 Jahre HKS

Wäre spannend wie sich dann das Fanverhältnis zu Legia entwickeln würde. Unter den ganzen FC von Legia hat Hutnik jetzt schon eine Sonderstellung, da man eine Fahne in seinen Farben aufhängen darf (das Privileg haben Olimpia, Ząbkovia & Co nicht). Man möchte bei Legia sicher nur ungern auf die qualitativ und quantitativ starke Bande aus Bielany verzichten. Andererseits wird die ein paar Ligen höher vielleicht ihre Prioritäten verschieben. Dann wird man sehen, ob das Bündnis trotzdem bestehen kann oder ob es kriselt. Aber um nochmal Fynn Kliemann zu zitieren: „Krise kann auch geil sein!“

Hutnik Warszawa gebucht, beim Burning Man gelandet

Doch genug der Spekulation und vor allem von diesem Kliemann… Fünf Minuten nach Abpfiff brachte mich eine Tram zurück nach Warszawa-Ochota und ich ging äußerst zufrieden ins Bett. Vier Spiele an einem Tag muss ich zwar nicht unbedingt nochmal haben, aber es war eine Erfahrung wert. Zumal das letzte Spiel alles raus riss und Polonia als Appetitanreger auch okay war. Spiel Nr. 1 und Nr. 2 lagen dagegen irgendwie auf dem Silbertablett und Gelegenheit macht bekanntlich Diebe.

Song of the Tour: Rap und alte Kurvenfotos

*Der gute Fynn hat mich auf die Idee gebracht vielleicht eine Art Stiftung (aber mehr so unverbindlich) zu gründen, bei der Fußballfans freiwillig über den Eintrittspreis hinaus einen Spendenbeitrag Solibeitrag entrichten, mit dem dann vielleicht irgendwie und irgendwann mal in einem gewissen, aber rechtlich unverbindlichen Rahmen solche Menschen unterstützt werden, die sich den Eintritt dank der Profitgeier nicht leisten können. Ist doch ’ne ganz okaye Idee oder? Die Welt einfach ’n kleines bisschen besser machen… Stehe auch schon mit der Aktion Groundhopper in Not im Austausch. Außerdem spenden wir denen 100.000 fehlgedruckte Eintrittskarten, die sie hoffentlich trotzdem zu Geld machen können.