Górny Śląsk (Oberschlesien) 04/2019

20.04.2019
KS Ruch Chorzów – ROW Rybnik 3:0
II Liga (III)
Stadion Miejski (Att: 6.735)

Ostern in Oberschlesien war bereits 2018 eine Erfolgsgeschichte. Deshalb drängte ich auf Wiederholung und verbreitete einen Reiseentwurf nach Katowice (Kattowitz). Erstaunlicherweise fand ich jedoch keine Mitstreiter in meinem Freundeskreis. Na ja, solo reisen hat den Vorteil, dass man keine Kompromisse eingehen muss. So konnte ich etwas für meinen „CO₂-Footprint“ tun und entschied mich für die teure Bahn und gegen die günstigen Billigflieger. Wir reden hier zwar von 10 bis 12 Stunden Bahnfahrt (je nach Verbindung), doch beim Begriff Katowice muss ich mittlerweile immer an die jüngste Weltklimakonferenz dort denken. Und wenn das schwedische Gör namens Greta von Stockholm nach Katowice locker flockig Zug fährt, schaff‘ ich das von Hannover aus auch.

Erstklassig unterwegs

Da ein Ticket in der 1.Klasse 170€ kostete und in der 2.Klasse 120€, gönnte ich mir auf der langen Zugreise außerdem noch etwas mehr Komfort. Diese Entscheidung feierte ich am Karfreitag schon kurz nach Reisebeginn. Abfahrt war 2:40 Uhr am hannoverschen Hauptbahnhof und großzügigere Plätze und weniger Menschen ließen mich noch etwas ruhen. Weil bei der Reisebuchung kaum absehbar war, ob ich richtig gute Spiele sehen würde oder nur B-Lösungen möglich sein werden, fand ich meine Reisebuchung im Nachhinein doch recht wagemutig. Es war nämlich noch nichts fix terminiert und außerdem starteten Ostern die Meisterrunde und die Abstiegsrunde der Ekstraklasa, deren Ansetzungen erst eine Woche zuvor feststanden. Wenn es blöd gelaufen wäre, hätte ich vielleicht mehrere hundert Euro für eine Tour mit GKS Tychy gegen Puszcza Niepołomice oder Rozwój Katowice gegen Górnik Łęczna als Höhepunkt investiert.

Im Osten geht die Sonne auf

Gut, dass es anders kam und am Ostersamtag erneut ein „Dreier“ drin war (mit dem Derby Ruch Chorzów – ROW Rybnik als Höhepunkt). Außerdem erwartete mich am Ostersonntag mit FK Banik Ostrava – SFC Opava noch ein richtiger Kracher in CZ. Dafür kann man schon mal mitten in der Nacht aufstehen und so ca. 300€ im Etat freischaufeln. Wobei der frühe Reisebeginn auch nur gewählt wurde, weil ich mich gehasst hätte, wenn ich Freitagabend aus Bequemlichkeit ein Topspiel in Polen verpasst hätte. Mir fehlte die Glaskugel, um zu wissen, dass Karfreitag nur ŁKS Łódź – Sandecja Nowy Sącz möglich sein würde, was mir einen Umweg über Łódź nicht wert war (den „Ground“ hatte ich schließlich bereits letzten Sommer „weggescheppert“).

Frühstückszeit im EuroCity

Erstes Etappenziel der entspannten Nachtfahrt war Berlin. Am Ostbahnhof der Hauptstadt gab es anschließend einen großen Kaffee und im gut ausgelasteten EC 41 (Berlin-Warschau-Express) genoss ich bis Poznań (Posen) die Beinfreiheit der polnischen „First Class“. Außerdem wurde noch ein kleines Frühstück serviert, bestehend aus einem Freigetränk, einem mit Schaumwein-Ganache gefüllten Croissant (Sektfrühstück mal anders) und einer Schokopraline als weitere kleinere Aufmerksamkeit.

Warum nicht mal die Post in Posen posten?

In Poznań erwarteten mich 39 Minuten Aufenthalt, so dass ich etwas um das Bahnhofsgebäude schlich und die Frühlingsonne genoss. Ich hatte auch überlegt einen Abstecher zum nahen Residenzschloss zu machen, doch ich wollte meinen Anschluss nicht gefährden. Stattdessen will ich einem der letzten und somit auch jüngsten Schlossbauprojekte Europas (von 1905 bis 1913 im Auftrage des Deutschen Kaisers errichtet) beim nächsten richtigen Besuch in Poznań meine Aufmerksamkeit schenken. Dann ist sicher auch mehr möglich, als nur ein kurzer Blick von außen.

Back in Katowice

Nach einer guten halben Stunde Frischluftpause rollte schließlich der Zug für mein letztes Segment in Poznań ein. Mit einem InterCity ging es durch die Woiwodschaften Wielkopolskie (Großpolen), Dolnośląskie (Niederschlesien), Opolskie (Oppeln) und Śląskie (Schlesien) binnen fünf Stunden nach Katowice. Graffiti markierten am Wegesrand welche Fanszene wo herrschte. Als die ersten Bilder von Piast Gliwice auftauchten, konnte es nicht mehr weit sein. Alles wurde industrieller und nach dem Passieren der Heimatterritorien von Górnik Zabrze und Ruch Chorzów war ich am Ziel. In der prallen Nachmittagssonne marschierte ich vom Bahnhof die 1.312 Meter zum Hotel und checkte ein. Unterkunft war übrigens das Ibis für ziemlich genau 20€ pro Nacht.

Willkommen in Nikiszowiec

Auf dem Zimmer hätte ich den Körper am besten gar nicht erst in die Horizontale verlagert (obligatorischer Bettenbequemlichkeitstest). Denn nun fiel das Aufraffen schwer. Aber Müdigkeit hin oder her, ich konnte unmöglich schon um 16 Uhr die Nachtruhe beginnen. Draußen war zu schönes Wetter und außerdem hatte ich noch einen touristischen Programmpunkt offen, der bei den letzten Besuchen aus Zeitgründen immer hinten runterfiel. Ich wollte endlich mal den charismatischen Stadtteil Nikiszowiec (Nickischschacht) im Südosten von Katowice besuchen.

Straßenszene in Nikiszowiec

Mit dem Bus ging es für ungefähr 1€ in das sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernte Viertel. In zwei Etappen (1908 bis 1915 und 1920 bis 1924) wurde die hiesige Arbeitersiedlung nach Plänen des Architekturbüros Zillmann aus Berlin-Charlottenburg errichtet. Hier sollten die Bergleute des nahen Bergwerks Wieczorek (damals Gieschegrube genannt und Eigentum des Bergbaukonzerns „Georg von Giesches Erben“) mit ihren Familien leben.

Neobarocke Kirche von 1914

Die Geschichte des Viertels und seiner Bauwerke ist von der Tourismusbehörde mit dreisprachigen Informationsstelen in Polnisch, Englisch und Deutsch sehr gut aufbereitet. Insgesamt 14 Stationen hat der von ihnen empfohlene Rundgang. Ich ließ natürlich keine aus und schaute außerdem immer mal wieder in die Seitenstraßen und Hinterhöfe. Denn dort gab es etliche Graffiti mit Fußballbezug zu entdecken. Jene waren, obwohl wir uns in Katowice befanden, durch die Bank Ruch Chorzów oder deren Fanfreundschaften gewidmet.

NEBGE9085
Graffiti in Nikiszowiec

Ich hatte es ja schon letztes Jahr erwähnt, dass Katowice teilweise unter der Kontrolle von Ruch ist. Nikiszowiec ist definitiv eines dieser „blauen“ Quartiere. Da im ganzen „Barrio“ nicht eine Spur von GKS Katowice zu finden war, ist das Viertel anscheinend auch nicht umkämpft, sondern komplett in der Hand von Ruch. Wächst du hier auf, kannst du dir deinen Verein nicht aussuchen. Willst du zum Fußball gehen, musst du zu Ruch in die Nachbarstadt Chorzów fahren.

Familoki-Idylle

Für meine Interessen war das Viertel auf jeden Fall ein Traum. Architektur, Geschichte und Fußballgraffiti auf einem Fleck. Außerdem gab es ein nettes Café („Cafe Byfyj“) am zentralen Platz von Nikiszowiec, dessen Außenbestuhlung zu einer Erfrischungspause einlud. Dabei ließ ich den Platz nochmal auf mich wirken. Die Architekten spendierten ihren Entwürfen vor rund 100 Jahren Arkaden, Erker, Rundbogenfenster und viele architektonische Spielereien mehr. Ich hab schon wesentlich trostlosere Arbeitersiedlungen aus dieser Epoche gesehen.

Am Hauptplatz von Nikiszowiec

Nach der Pause setzte die Dämmerung ein und viele Anwohner spazierten zu einem Karfreitagsgottesdienst in die Kirche. Ich genoss die Siedlung nochmal unter neuen Lichtverhältnissen und nachdem ich noch einen mutmaßlich stillgelegten Schienenweg entlang spazierte, schnappte ich mir gegen 20 Uhr einen Bus zurück ins Zentrum.

Zapiekanka

Dort suchte ich noch schnell eine Niederlassung der Supermarktkette „Biedronka“ (a.k.a. „Marienkäfermarkt“) auf. Denn mit billigen Backwaren wollte ich mein karfreitagliches Fasten brechen. Erfreulicherweise kamen die Zapiekanka (à 0,75€) gerade frisch aus dem Ofen. Natürlich gab es die vegetarische Variante mit Champignons (um heute Gott, und auch Greta, weiterhin zu gefallen). Nach dem Essen war von 21 bis 9 Uhr Nachtruhe angesagt, ehe am nächsten Morgen König Fußball rief.

20.04.2019
Sarmacja Będzin – Slavia Ruda Śląska 4:0
IV Liga Grupa Śląska 1 (V)
Stadion OSiR w Będzinie (Att: 65)

Der erste Kick des Supersamstags führte mich nach Będzin (germanisiert: Bendsburg). Im Juni 2018 war ich schon mal aus touristischen Motiven dort und erspähte damals das städtische Stadion mit seinen ursprünglich geschätzt 20.000 Zuschauerplätzen. Ich drohte seinerzeit an, dass ich zum Zwecke eines Spielbesuches wiederkehren würde. Nun war es soweit und es ging gegen 9:45 Uhr wieder mit dem Bus von Katowice nach Będzin, wofür ich 14 Złoty (ungefähr „dreifuffzich“) für ein 24-Stunden-Ticket des oberschlesischen Verkehrsverbundes investierte. Das konnte ich sodann für alle weiteren Transfers des Tages weiternutzen.

Schwarze Przemsza

In Będzin sollte um 11 Uhr vormittags angepfiffen werden und ich nutzte die gute Stunde bis zum Spielbeginn für einen Spaziergang an der Schwarzen Przemsza, die mitten durch die Stadt fliesst und einst die Grenze zwischen Deutschem Kaiserreich und Russischem Zarenreich darstellte. Ziel war die hiesige Burg. Diese hatte ich natürlich beim letzten Mal schon besucht, jedoch ließ das damalige Wetter nicht so gute Fotos zu. Nun habe ich von dieser Burg doch noch zufriedenstellende Schnappschüsse für die heimische Galerie bekommen.

Das Wahrzeichen von Będzin

Nach der kleinen Fotosession rief das Punktspiel der fünftklassigen polnischen „IV Liga“, die in den 16 Woiwodschaften Polens jeweils die höchste Spielklasse ist (sozusagen eine Verbands- oder Landesliga). In der Regel ist diese Leistungsstufe eingleisig, in der Woiwodschaft Śląskie jedoch zweigleisig (aufgrund der hohen Bevölkerungsanzahl und der vielen gemeldeten Teams). Die beiden hiesigen Fünftligameister müssen dann am Saisonende in zwei Entscheidungspielen noch einen Gesamtmeister ermitteln. Der Sieger daraus ist letzlich einer der landesweit 16 Aufsteiger in die viertklassige und viergleisige „III Liga“ (sind quasi die Regionalligen Polens).

Am Stadion

Die beiden heutigen Kontrahenten müssen sich allerdings nicht mit dem Thema Aufstieg beschäftigen. Sarmacja Będzin steht auf Platz 10 und ist punktemäßig (24 Punkte aus 20 Spielen) jenseits von Gut und Böse, während Slavia Ruda Śląska das Hannover 96 dieser Spielklasse ist (12 Punkte aus 20 Spielen) und dementsprechend das Tabellenende ziert. Die Gäste können also schon mal für die „Klasa okręgowa“ (sozusagen die Bezirksliga) planen.

Die Teams betreten das Rund

Gemäß Ausgangslage sollte dieses Spiel also eine klare Angelegenheit werden, doch Slavia hielt sich lange wacker. Sarmacja war zwar deutlich besser, nur mehr als ein paar Torschüsse aus der 2.Reihe waren von ihnen im ersten Durchgang nicht zu bewundern. Wirkliche Torgefahr kam dabei selten auf. Von Slavia gab es an Offensivaktionen dagegen nur einen Freistoß in der 44.Minute aus ungefähr 25 Metern zu vermerken, so dass es folglich torlos in die Pause ging.

Die Haupttribüne

Im zweiten Durchgang schaltete das Heimteam einen Gang hoch und markierte in der 53.Minute durch Kacper Zawadzki das 1:0 (er konnte aus fünf Metern unbedrängt eine flache Hereingabe ins Tor schieben). Das gab den Jungs vor rund 65 Zuschauern Auftrieb und Daniel Majka erhöhte in der 67.Minute per Abstauber. Der nächste Name auf der heutigen Torjägerliste wurde Tomasz Maj. Der schoss mit einem Distanzschuss in den Winkel das vorerst schönste Tor des Tages (72.Minute). Seweryn Pielichowski, dem der Ball bei einer missglückten Abwehraktion vor die Füße fiel und der sich nun bei freier Schussbahn die Torecke aussuchen konnte, markierte in der 76.Minute schließlich den 4:0-Endstand.

Nicht viel los im Stadion OSiR w Będzinie

Alle Tore wurden brav vom Publikum beklatscht, aber richtige Fankultur gab es leider nicht zu bestaunen. Wenn auch ein paar Typen szenig aussahen und ein Zuschauer sogar das Trikot der Gastmannschaft trug. Für beide Clubs dürfte gelten, dass sich bei neuerlichen sportlichen Höhenflügen oder wichtigen Spielen Fanmobs formieren. Hier in Będzin sorgen dann garantiert die lokalen „Kibice“ von Zagłębie Sosnowiec für Stimmung und bei Slavia dürften im Fall der Fälle dort ansässige Fans von Ruch tätig werden.

Wenn diese Steine erzählen könnten…

Alles in allem war das ein Spielbesuch, wo bereits im Vorfeld klar war, dass das Stadion der Star sein wird. Jenes wurde den Erwartungen auch vollumfänglich gerecht. Das weite Rund hat mittlerweile 52 Jahre auf dem Buckel und fast genauso lang schien niemand mehr etwas daran gemacht zu haben. Die einstigen Holzbänke sind mittlerweile verschwunden und im Zentrum der Haupttribüne wurden irgendwann mal rund 1.000 Kunststoffschalensitze installiert. Mehr als genug Plätze, denn Sarmacjas mehr oder weniger fetten Jahre liegen schon ein paar Dekaden zurück.

Sarmacjas Wappen ins Stadion gepinselt

Der 1917 gegründete Verein hatte seine besten Zeiten zwischen den beiden Weltkriegen und in den 1970er Jahren. In diesen Phasen war man jeweils eine feste Größe in Polens 3.Liga und gewann auch zweimal den Fußballpokal der Woiwodschaft. Seit der politischen Wende 1989 ist man allerdings vorwiegend in der 5.Liga zuhause. Dementsprechend hält sich der Zuschauerzuspruch in der 60.000-Einwohner-Stadt Będzin seit geraumer Zeit in Grenzen. Übrigens teilen sich die Fußballer von Sarmacja das Stadion mit den American Footballern der Zagłębie Steelers. Die spielen in ihrer Sportart zwar erstklassig, aber dass American Football in Polen ein großer Zuschauermagnet ist, möchte ich in Zweifel ziehen.

20.04.2019
CKS Czeladź – KS Preczów 4:2
Klasa A Grupa Sosnowiec (VII)
Stadion Miejski im. Józefa Pawełczyka (Att: 120)

Nachdem in Będzin Feierabend war, lautete mein Leitspruch: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel! Zum zweiten Kick des Tages hatte ich eigentlich Śląsk Świętochłowice gegen Przemsza Siewierz auserkoren (ebenfalls 5.Liga). Allerdings ergab die Recherche, dass die Świętochłowicer nicht in ihrem endgeilen Hauptstadion (26.000 Plätze) im Stadtzentrum spielen, sondern das Spiel auf einer kleineren Anlage im Stadtteil Lipiny austragen würden. Wie gut, dass nur fünf Kilometer vom Będziner Stadion entfernt die nächste große Kampfbahn als Alternative parat stand. Es ging per Bus in die Nachbarstadt Czeladź (34.000 Einwohner), wo der städtische Fußballclub CKS den KS Preczów empfing. Das war zwar nur 7.Liga (entspricht ungefähr der Kreisliga in Niedersachsen), aber das „Stadion Miejski im. Józefa Pawełczyka“ kann (oder konnte mal) über 20.000 Zuschauer beherbergen.

Grafitto in Czeladz

Ich stieg unweit der Sportstätte aus dem Bus und freute mich, dass sich hierhin fast doppelt so viele Zuschauer verirrt hatten, als zum höherklassigen Spiel in Będzin. Wie auch Będzin, ist Czeladź Territorium von Zagłębie Sosnowiec und Graffiti im Stadionumfeld kündeten davon. Allerdings unterstützt die lokale Zagłębie-Bande den hiesigen Fußballclub momentan aktiv und so fanden sich rund 30 Ultras hinter einer Zaunfahne auf der Gegengerade ein. Ich nahm zunächst auf der Haupttribüne Platz und freute mich darüber, dass sich dort einige Zecher mit Plastiktüten voller Bier und Billigfusel eingefunden hatten. Ihr Gepöbel und die unkoordinierten Bewegungen, waren ganz unterhaltsam.

Gleich nochmal Stadionnostalgie

Gegen 13:30 Uhr marschierten schließlich die 22 Fußballer, angeführt vom Schiedsrichtergespann, aus dem rostigen Käfigtunnel in die Arena. Höflicher Applaus von allen Seiten, doch die Ultras zogen es zunächst vor bei Smalltalk in der Sonne zu lungern, anstatt mich mit Stimmung zu bespaßen. Daher mussten die Kicker die Kartoffelbelustigung übernehmen und ich sah eine erstaunlich muntere Partie. Die neuntplatzierten Preczówer gingen nämlich beim Tabellenzweiten mit 0:2 in Führung (8.Minute und 23.Minute). Gern würde ich – obwohl es nachvollziehbar keinen außer mich interessiert – die Torschützen nennen, doch erwartungsgemäß gab es auf diesem Niveau keine Spielberichtsbögen (für das Publikum).

Der Fanblock

Übrigens existierte auch keine Stadionkasse. Aber wenn schon die 5.Liga nur 5 Złoty kostet (diese umgerechnet 1,20€ waren bei Sarmacja fällig geworden), was soll dann in der 7.Liga verlangt werden? 2 Złoty? Stattdessen drehten, ungefähr zwischen Spielminute 25 und 35, eine süße Maus und zwei Typen in Shirts der Ultras Czeladź eine Stadionrunde. Sie hatten eine mit Szenestickern verzierte Pringlesdose dabei und baten um milde Gaben für das fankulturelle Tagwerk der Ultras Czeladź.

Der Spielertunnel

Da gab ich doch gern die größtmögliche Münze aus meinem Portemonnaie her. Vielleicht funktionierte die zweckentfremdete Kartoffelchipslettenumverpackung aber auch wie eine Art Jukebox? Denn als die drei Sammler wieder bei ihren Freunden angekommen waren, begannen diese passenderweise mit dem Support. Wie bestellt fiel nun auch der Anschlußtreffer in der 39.Minute und mit 1:2 ging es in die Pause.

Neue Perspektive in Halbzeit Nr.2

Für die Unterbrechung hatte ich die Idee mir irgendwo Wasser zu organisieren. Zum Glück war ich nicht der einzige durstige Stadionbesucher und musste deshalb nicht nach dem nächstbesten Nahversorger suchen. Ich nahm einfach die Verfolgung eines der Sprittis auf. Der würde wohl kaum einen Arbeitsplatz zur Spätschicht aufsuchen wollen und dementsprechend betrat ich, mit 1,5 Liter Mineralwasser im Gepäck, weit vor Wiederanpfiff erneut das Stadion.

Die Ultras von CKS

Ich verlagerte mich auch sogleich übermütig auf die sonnige Gegengerade, um etwas Urlaubsbräune zu bekommen. Von dort sah ich eine weiterhin unterhaltsame Begegnung. Denn die zweiten 45 Minuten gehörten CKS und mit Toren in der 48. und 55.Minute war das Spiel schnell gedreht. Während meine Haut nun so langsam einen gesunden knallroten Teint bekam, ließen bei beiden Teams die Kräfte nach. In der 90.Minute lupfte die Nr.9 der Gastgeber allerdings bei einem Konter lässig über den herauseilenden Gästetormann und setzte somit sehenswert den 4:2-Schlusspunkt.

Stadion Miejski im. Józefa Pawełczyka

Auch hier möchte ich noch ein paar Worte zum Heimverein verlieren. CKS Czeladź wurde 1924 gegründet und spielte auch lange Jahre drittklassig. 1972, 1987 und 1994 schrammte man jeweils knapp am Aufstieg in die 2.Liga vorbei. Im neuen Jahrtausend kam man leider in eine finanzielle Schieflage und zwischenzeitlich ruhte der Spielbetrieb für zwei Saisons. Doch 2012 wagte man in der untersten Spielklasse (8.Liga) einen Neubeginn und schaffte auf Anhieb den Aufstieg in die siebtklassige „Klasa A“. Nach den Platzierungen 11, 3, 5 und 3 in den Vorjahren, gelingt dieses Jahr vielleicht der Aufstieg in die 6.Liga. Den Fans wäre es natürlich zu wünschen.

Das Wappen von CKS ins Stadion gepinselt

Nach dem Spiel suchte ich die zentralste Haltestelle der Stadt auf (wo sich mehrere Buslinien und die Straßenbahn kreuzen), um die nächstbeste Öffi-Verbindung nach Chorzów (Königshütte) zu nehmen. Czeladź lud jetzt nicht unbedingt zum Sightseeing ein und die vielleicht einzige Sehenswürdigkeit, die St.-Stanilaus-Kirche aus dem 17.Jahrhundert, war direkt an der erwähnten Haltestelle, so dass es keinen Grund gab länger als nötig zu bleiben.

St.-Stanilaus-Kirche

Auf dem Weg von Czeladź nach Chorzów kam ich in Katowice zufällig an meinem örtlichen Stammlokal „Wiejscie Chtaka“ vorbei. Dementsprechend disponierte ich spontan um und beschloss hier die Leere im Magen zu beenden, anstatt in Chorzów erst eine passende Gastwirtschaft dafür suchen zu müssen. Zeit hatte ich, kurz nach 16 Uhr, jedenfalls noch genug (Anstoß sollte erst um 18 Uhr sein).

Abendessen am Ostersamstag

Also durfte mir der Ober eine Rinderroulade mit schlesischen Klößen und Rotkohl servieren. Außerdem gab es zur Erfrischung eine hausgemachte Grapefruitlimonade mit frischer Minze. Alles wieder mal äußerst delikat und so stockte ich die 42 Złoty Rechnungssumme (ziemlich genau 10€) großzügig auf.

20.04.2019
KS Ruch Chorzów – ROW Rybnik 3:0
II Liga (III)
Stadion Miejski (Att: 6.735)

Nach dem Essen schnappte ich mir die nächstbeste Busverbindung zum Chorzówer Stadion. Mit einem Umstieg war ich binnen 25 Minuten am Ziel und holte meine hinterlegte Zugangsberechtigung ab. Dadurch, dass ich nicht zum ersten Mal hier war, wusste ich wo ich ich hinmusste und war ruckzuck in meinen Premiumplatz versunken. Mit bester Sicht auf das Spielgeschehen auf dem Rasen und das Fangeschehen auf der Gegengerade, verfolgte ich nun das oberschlesische Drittligaderby.

Mal wieder bei Ruch zu Gast

Derby gegen Rybnik klingt für das stolze Ruch in meinen Augen allerdings etwas abwertend. Auch wenn Verein und Fanszene im Vorfeld selbst von einem Derby sprachen, geht ROW Rybnik eigentlich nur als Stellvertreter für den wahren Erzrivalen Górnik Zabrze durch. Mit dem ungeliebten Verein aus der Nachbarstadt darf man sich, trotz sportlichem Absturz, immer noch den Titel Rekordmeister teilen (je 14 polnische Meisterschaften). Doch Górnik spielt zur Zeit zwei Klassen höher und ROW Rybnik ist nicht nur aktuell Ruchs geographisch nächstgelegener Gegner mit ernstzunehmer Fanszene (Rozwój Katowice klammere ich deshalb mal aus), sondern bezeichnenderweise obendrein mit Górnik Zabrze verbündet.

Kurz vor Anpfiff erhoben sich alle zur Clubhymne

Leider war ROW ohne Anhang angereist, da der Woiwode (der Gouverneur, also quasi der Ministerpräsident von Schlesien) aus Sicherheitsgründen Gästefans für diese Partie untersagte. Machen diese Woiwoden gerne mal, wie ich beispielsweise im Vorjahr bei GKS Katowice gegen Zagłębie Sosnowiec schon feststellen durfte. Meine Vorfreude war nun geschmälert, doch das Spiel blieb immer noch die beste Option für den heutigen Abend.

Die Teams nehmen Aufstellung

Das Fanlager von Ruch würde auch ohne Gegenpart einen guten Auftritt hinlegen, da war ich mir sicher. Zum einen wurde Ruch auf den Tag genau vor 99 Jahren gegründet (am 20.April 1920 als Ruch Bismarkhuta) und zum anderen war das heute nicht nur ein Derby, sondern auch ein Abstiegskrimi. Denn der Rekordmeister droht in die 4.Liga durchgereicht zu werden. Die „Niebiescy“ (die Blauen) stehen zur Zeit, genau wie ROW, auf einem Abstiegsplatz. Der heutige Sieger würde jedoch vorläufig die Abstiegszone verlassen. Es war also ein enorm wichtiger Kick für beide Vereine.

Guter Zuschauerzuspruch beim kleinen Derby

In der Vorwoche hatte Ruch deshalb versucht mit einem neuen Trainer frische Akzente zu setzen. Ján Kocian (einst viele Jahre Fußballprofi beim FC St.Pauli und zuletzt auf heikler Trainermission im Jemen unterwegs) übernahm das Ruder bei Ruch. Die Rückkehr des Slowaken Kocian löste eine große Euphorie rund um den Verein aus, denn als er bereits in der Saison 2013/14 Trainer hier war, schafften es die „Niebiescy“ auf Platz 3 der Ekstraklasa. Kocian wurde zu Polens Trainer des Jahres gekürt und Ruch spielte in der Folgesaison letztmals Europapokal.

Man fiebert angespannt mit

Der „neue Besen“ Kocian schien der Truppe heute eine offensive Marschrichtung aufgetragen zu haben. Sie nahmen von Anfang an das Zepter in die Hand und versuchten sich Chancen zu erarbeiten. Das blieb in der 1.Hälfte allerdings noch fruchtlos. Zu oft wurde unpräszise geflankt oder fahrig abgeschlossen. Von ROW gab es derweil gar keine Offensivbemühungen zu sehen. Deren Credo hieß wohl: Die Null muss stehen.

Kleine Blockfahne

Auch das Fanlager ließ es locker angehen. Es gab einen enthusiastischen Empfang der Mannschaft, aber danach wurde in Ruhe der Zaun beflaggt und sich in der ersten Viertelstunde langsam eingesungen. Nach einer knappen halben Stunde wurde schließlich das Ursprungswappen von Ruch Bismarkhuta bzw. von Ruch Wielkie Hajduki, wie der Club von 1922 bis 1939 hieß, als Blockfahne auf der Gegengerade präsentiert. Wer jetzt mit Pyro rechnete, musste sich aber noch gedulden. Die 1.Halbzeit wurde pyrofrei, jedoch mit immer lauter werdenden Gesängen, über die Bühne gebracht.

Mit 0:0 ging es in die Pause

Im zweiten Durchgang erwischte Ruch einen Blitzstart und konnte die Weichen durch Tore von Tomasz Podgórski (48.Minute) und Mateusz Bartolewski (51.Minute, per Sololauf, welcher an Maradona am 22.Juni 1986 erinnerte) frühzeitig auf Heimsieg stellen. Nach diesem Doppelschlag spielten die „Niebiescy“ befreit auf und ROW blieb weiterhin nahezu alles schuldig. Da war man fast geneigt das Gästeverbot des Woiwoden als Geschenk für die Kibice aus Rybnik zu betrachten.

Der Ball kannte fast nur eine Richtung

Falls irgendjemand noch Zweifel hatte, dass das heute Ruchs Abend war, wurden jene in der 74.Minute durch das 3:0 von Mateusz Lechowicz beseitigt (übrigens 4.Tor im 5.Pflichtspiel für den Winterneuzugang). ROW ergab sich seinem Schicksal und hatte Glück, dass die Chorzówer in der Schlußviertelstunde, die wie ein Trainingsspiel anmutete, zahlreiche weitere Torchancen ungenutzt ließen.

Schöne Fanaktion in der Spätphase des Spiels

So durfte sich der geneigte Stadionbesucher in jenen letzten 15 Spielminuten ganz an der Show der Fanszene erfreuen. In transparenten Buchstaben stand auf schwarzen Folienbahnen geschrieben, dass man sich ein neues Stadion in Chorzów wünscht. Wie das immer so bei transparenten Buchstaben ist, fing es dahinter an wie von Geisterhand zu lodern. Rauchschwaden stiegen in den schlesischen Abendhimmel und maskierte Männer hantierten mit bengalischen Feuern. Außerdem kletterten im Zentrum und an den Rändern der Tribüne Fans mit Pyrofontänen auf den Zaun. Sehr nett!

Es funkt

Nach diesem Tifospektakel erreichte die Feierstimmung auch akustisch einen neuen Level. Weite Teile des Stadions stimmten mit in die Gassenhauer der Fanblöcke ein. Später wogten die Massen auch noch polonäsenartig von links nach rechts und wieder zurück über die Gegengerade. Als der Schiedsrichter schließlich nach kurzer Nachspielzeit die Partie beendete, feierten Fans und Mannschaft drei ganz wichtige Punkte, die Ruch vorerst auf den Nichtabstiegsplatz Nr. 14 katapultieren. Steht man dort auch am Ende des 34.Spieltags, wird man in Chorzów drei Kreuze machen.

Perspektivwechsel zum Abpfiff

Sollte der Club sich dann so langsam wieder sportlich und finanziell konsolidieren, wird ein neues Stadion auch realistisch. Wobei ich gelesen habe, dass das Stadion so oder so kommt und die Ausschreibung läuft. Finanzieren wird es die Stadt, die auch 25% der Clubanteile von Ruch hält. Politisch ist so ein Projekt (wir reden wohl über rund 30 Mio € Investitionssumme) jedoch sicher besser zu vermitteln, wenn Ruch sportlich erfolgreich ist und beim Spatenstich nicht gerade in der 4.Liga rumdümpelt.

Die Polizei sparte trotz Gästeverbot nicht an Kampfkraft

Es ist jedoch schade um diese geile Bude, die 1935 eröffnet wurde und sich seitdem nicht großartig verändert hat. Die Überdachung der Haupttribüne war damals nebenbei die erste auf der Welt, die keine tragenden Stützbalken benötigte. Da sich pünktlich zum Abpfiff über jenem Stadion der Himmel rot färbte, spazierte ich nochmal rüber auf die Gegengerade und kämpfte mich gegen den Mutantenstrom in den Fanblock vor. So ein Bild von dieser historischen Haupttribüne im Abendrot musste einfach noch sein.

Fußball kann so romantisch sein

Dann ging es gegen 20 Uhr mit der Straßenbahn zurück nach Katowice und dort passierte nicht mehr viel. Schnell noch im „Froschmarkt“ Getränke gekauft (mein geliebter „Marienkäfermarkt“ hatte leider schon zu) und um 21 Uhr lag ich in der Heier. Denn für den kommenden Morgen war der Wecker gnadenlos programmiert (4:45 Uhr). Der tschechische Teil von Schlesien und dessen großes Fußballderby riefen…