Beograd (Belgrad) 02/2022

  • 27.02.2022
  • FK Crvena zvezda – FK Partizan 2:0
  • Super Liga (I)
  • Stadion Rajko Mitić (Att: 41.000)

Zum Jahreswechsel verkündete die Lufthansa, dass sie 33.000 Flüge ihres Winterflugplans streichen muss. Die gesunkene Nachfrage aufgrund der Verbreitung der Virusvariante Omikron sei der Hauptgrund. Allerdings hätte man gerne noch 18.000 weitere kaum ausgelastete Flüge gestrichen. Nur muss man diese aus rechtlichen Gründen durchführen, damit man die wertvollen Start- und Landerechte dieser Verbindungen nicht verliert. Im 1.Quartal 2022 müssen also tausende nahezu leere Maschinen kreuz und quer über den Kontinent fliegen. Damit dieses Umweltverbrechen nicht mehr ganz so sinnlos erscheint, buchten der Abt (Annalena Baerbocks Treuester), Ole (Organization for Life & Environment) und ich (Initiative für Chemtrails am Himmel) bei der Lufthansa Flugverbindungen von Hannover nach Belgrad (via Frankfurt) und von Sarajevo nach Hannover (via Wien) für insgesamt 160 € pro Kopf.

Schön leer bei Austrian Air

Wenig später stornierte die Lufthansa leider unseren Zubringer von Hannover nach Frankfurt. Die Umbuchung auf einen früheren Flug hätte einen Urlaubstag erfordert und auf fünf Stunden FRA hatten wir auch keinen Bock. Also ließen wir uns vom Kundenservice des Kranichs auf Austrian Airlines via VIE umbuchen. Das waren nahezu identische Flugzeiten wie bei der usprünglich gebuchten Verbindung und wir hoben somit erst am Freitagabend um 19:50 Uhr ab. Die gute Kim chauffierte uns entsprechend am späten Nachmittag zum Flughafen (Hvala!) und dort lief alles reibungslos. Beim Check-In durften wir uns über Plätze am Notausgang freuen und zwei Liter Bier pro Person waren zeitlich auch noch machbar.

Unser Mitternachtssnack in Belgrad

Kaum abgehoben, überflog unsere Maschine das hell erleuchtete Niedersachsenstadion. 96 spielte gerade gegen Holstein Kiel und sollte tatsächlich gewinnen. Davon erfuhren wir aber natürlich erst beim Umstieg in Wien, der erfreulicherweise auch reibungslos klappte. 23:15 Uhr betraten wir planmäßig serbischen Boden und ein junger Mann, mit einem Schild auf dem Abtotours geschrieben stand, erwartete uns in der Vorhalle. In seinem Benz reichte er uns sogleich drei eisgekühlte Pivo aus dem Hause Zaječarsko und eine Bierlänge später waren wir im Herzen Belgrads. Abto hatte uns in eine riesige Altbauwohnung einquartiert, die stolze zwölf Schlafplätze bot und uns pro Nacht und Nase ca. 20 € kosten sollte. Bisschen überdimensioniert, aber eigentlich wollten wir auch mit fünf, sechs Leuten anreisen.

Pivo i Rakija I

Nun musste als nächstes das Abendbrot nachgeholt werden. Direkt nebenan vom Apartment war eine Gyrosbude, deren gut gelauntes Personal uns gleich mal marinierten Schweinenacken vom Grillspieß säbeln durfte. Nach den Pitas ging es weiter in den Queen’s Pub in Dorcól. Dort wurden noch zwei Runden Pivo und Rakija Dunja konsumiert, ehe alle Gäste kurz nach 2 Uhr abkassiert wurden. Nach einem halben Arbeitstag (wir waren alle seit 5 oder 6 Uhr auf den Beinen) und der mehrstündigen Anreise, war 2:30 Uhr eine begrüßenswerte Startzeit für die Nachtruhe. Ergo ging es nicht mehr weiter in eine andere Bar oder einen Club. Man muss ja auch nicht immer gleich am ersten Tag sein Pulver verballern ;-).

Die Grundlage für das heutige Gelage

Samstagmorgen stiegen wir gegen 10 Uhr aus den Federn und eine Stunde später wurde uns im Restoran Boutique 1 am Trg Republike (Platz der Republik) Frühstück serviert. Abto überraschte mit einer Schüssel Joghurt mit Müsli und Obst (der war wohl noch nicht im Urlaubsmodus), während Ole mit Omelette und Toast und ich mit Käse-Truthahn-Sandwiches nebst Fritten schon eine solide Grundlage für ein episches Gelage am Abend schufen. Danach ging es natürlich zum nächstbesten Balkan Bet, um bei Kaffee und Cedevita die heutigen Quoten in der Sportwelt zu prüfen. Zwar wird die Lust am Zocken mittlerweile fast schon lieber mit großen Beträgen an der Börse befriedigt (dieser Urlaub wurde jemandem übrigens von Rheinmetall bzw. deren kurzfristiger Kursentwicklung finanziert), aber man darf niemals vergessen wo man herkommt. Wettscheine und Spielautomaten bleiben natürlich weiterhin das Rückgrat im Vermögensaufbau.

  • 26.02.2022
  • FK Rad – FK Bačka 1:1
  • Prva Liga (II)
  • Stadion Kralj Petar I (Att: 202)

12:30 Uhr bestiegen wir dann ein Taxi und ließen uns zum Stadion Kralj Petar I nach Banjica kutschieren. Dort sollte um 13 Uhr erstmals auf dieser Tour der Ball rollen. Da FK Rad gegen FK Bačka so ziemlich das einzige Spiel im Großraum Belgrad am heutigen Tage war, gab es natürlich einen großen Hopperfasching. Also lieber erstmal noch an die Theke des Stadionrestaurants gesetzt und Gedeck Pivo i Rakija genossen, ehe es auf die Tribüne ging. Dort befanden sich unter den 200 Zuschauern mindestens 50 Groundhopper. Ein alter Bekannter von uns, der regelmäßig zu Zvezda fährt, war allerdings ebenfalls mit seiner Freundin anwesend, so dass wir die 1.Halbzeit des Kicks gut verquatschen konnten (Gruß an M. & T.!).

Revisit bei Rad

Das Niveau auf dem Rasen lag dabei eindeutig unter dem unserer Gesprächsthemen. Aber gut, wir hatten alle schon genug Spiele in Serbiens 2.Liga gesehen, um davon nicht überrascht zu werden. Heute passierte bis zur 40.Minute wenig, dann ging der FK Bačka in der 40. Minute durch Karišić in Führung. In der 45. Minute, als meine Freunde bereits zum Zapfhahn geschlichen waren, gelang dem erfahrenen Rad-Stürmer Slaviša Stojanović nach einem Eckstoß der Ausgleich. Freude im Block der United Force, die sicher nicht gerade die beste Phase ihrer 35jährigen Gruppengeschichte durchlebt. Passend zum Jubiläumsjahr waren bescheidene 35 Navijaci in Sachen Support zugange.

Sportfotograf S. Snepanovic hielt das 0:1 im Bild fest

Um mir das Trauerspiel nicht länger zu geben, zog es mich nach dem Pausenpfiff ebenfalls ins Stadionrestaurant und zu Beginn der 2.Halbzeit natürlich nicht wieder hinaus in die Kälte. Am historischen Ort eines wilden Gelages im August des Jahres 2017 wurde nun wieder reichlich Alkohol genossen und sich im Quintett heiteren Gesprächsthemen gewidmet. Tore verpassten wir keine mehr, ergo ging der Kick zweier mittelmäßiger Zweitligisten standesgemäß mit 1:1 aus. Nach Spielende wurde die Gaststube auch nochmal rappelvoll, aber wir hatten strategisch gute Plätze in Thekennähe und deshalb weiterhin keine Probleme mit der Bier- und Schnapsversorgung. 90 Minuten nach Spielende war dann jedoch nur noch der harte Kern der Radovci anwesend und M. & T. waren auch bereits aufgebrochen (Termine, Termine…). Ein guter Zeitpunkt, um selbst den Absprung zu wagen.

Pivo i Rakija II

Nun ging es gegen 16:30 Uhr mit einem Oberleitungsbus für wenige Cent zurück ins Stadtzentrum. Abto wollte mit uns in den United Pub, wo er während seines mehrwöchigen Bildungsurlaub im Vorjahr öfter mal zu Gast war. Wirtin Olga kommt aus St. Petersburg, mag aber den Ballspielverein Borussia 09 aus Dortmund total gern. Deshalb hatte Abto ihr ein paar Fanartikel des BVB aus Deutschland mitgebracht. Da war die gute Olga richtig aus dem Häuschen und natürlich sollten und wollten wir noch auf ein paar Getränke bleiben. Zwar war auch diese Gaststube rappelvoll, aber die Szeneleute von Torpedo und Spartak aus Moskau rückten an ihrem Tisch ein bisschen zusammen.

Die abendliche Alexander-Newski-Kirche in Dorcól

Da wir alle etwas klüger als diverse Politiker sind, ging es jetzt natürlich um Verbindendes anstatt Trennendes. Nichtsdestotrotz sprachen wir auch über aktuelle Situation in der Ukraine. Sonst wäre das den Abend über der berühmte Elefant im Raum gewesen (übrigens geht die Redewendung passenderweise auf Dostojewski zurück). Olga hatte bereits eine ukrainische neben der russischen Flagge an der Theke drapiert und auch die Sportfreunde aus Moskau waren gegen einen Bruderkrieg. Das Thema ist allerdings insgesamt zu komplex, um ihm hier Platz einzuräumen. Ich erwähne aber gerne, dass auch in der durchaus patriotischen Fußballszene Russland differenziert über den Einmarsch in die Ukraine debattiert wird. Aber noch ist alles frisch und schwer einzuordnen und in Russland wird dir natürlich eine andere Geschichte als im Westen erzählt.

Olgas Theke

Die schöneren Gesprächsthemen des Abends waren dann Musik, Klamotten, Graffiti, Fankurven etc… Außerdem stieß noch ein gemeinsamer serbischer Bekannter aus Belgrad dazu, was den Alkoholkonsum alles andere als drosselte. Wir waren alle erstaunt wie klein die Welt doch in gewissen Kreisen ist und um sie noch kleiner zu machen, rief ein Neuankömmling mit Cockney Accent erstaunt „Abto?“, als er zu unserem Tisch blickte. Der gute Mann aus London heisst Rafa und ist Expat in Belgrad. Deshalb saß er letztes Jahr zusammen mit Abto im Sprachkurs. Dabei hatte Abto ihm anscheinend auch mal den United Pub gezeigt und seitdem geht er dort regelmäßig hin (der Engländer braucht eben überall einen Stammpub). Dass dort plötzlich noch ein finnischer Follower von meinem Instagram Account rumlief, schockierte mich dann schon gar nicht mehr.

Pivo i Rakija III

War ein wilder Abend, bei dem ich das zählen der Bier- und Schnapsrunden irgendwann aufgab und nach der Rechnungssumme später braucht mich auch niemand zu fragen (war aber definitiv ein Freundschaftspreis). Eigentlich wollten wir nur kurz den BVB-Kram vorbeibringen und anstandshalber auf ein Bier bleiben. Dann sollte es in ein Restaurant für die obligatorische Fleischplatte gehen und erst im Anschluss sollten die Tassen so richtig gehoben werden. Aber in Belgrad braucht man mittlerweile keine Pläne mehr machen. Inzwischen macht Belgrad deine Pläne.

Nächtlicher Ausblick von unserem Apartment

Vielleicht war der leere Magen Schuld, dass wir morgens um 1 Uhr die Reißleine zogen und zurück zum Apartment tokelten? Ich muss leider schon jetzt einräumen, das wird der erste Bericht aus Belgrad ohne Fleischplattenfoto und Tourikram gab es diesmal auch nicht. Aber für Stadtgeschichte und Sehenswürdigkeiten empfehle ich insbesondere den Bericht Belgrad 07/2019 und für Fleischplattenfetischisten taugt ansonsten ausnahmslos jeder bisherige Reisebericht aus Serbiens Hauptstadt.

  • 27.02.2022
  • FK Crvena zvezda – FK Partizan 2:0
  • Super Liga (I)
  • Stadion Rajko Mitić (Att: 41.000)

Am Sonntagvormittag machte sich bezahlt, dass wir doch schon so früh im Bett lagen. Gegen 11 Uhr waren wir fit genug für Frühstück und weil im AURELIO CAFFE am Trg republike natürlich nur deftige Gerichte serviert wurden, sahen wir nach dem Schmaus endgültig wieder wie das blühende Leben aus. Ich war nach Würstchen, Speck, Weichkäse, Omelett & Co sogar noch gewillt mir ein Dessert bringen zu lassen. Der Jaffa Cup war mit Orangen, Schoko- und Vanillepudding, Sahne und Vanilleeiscreme excellent für die weitere Ausschüttung von Dopamin.

Frühstücksteller im AURELIO CAFFE

Außerdem stieß beim Frühstück Abtos Bekannter Thomas hinzu, der seit zwei Jahren in Belgrad lebt und hier studiert. Ein BVB-Fan aus Baden, der hier beim OFK Beograd rumlümmelt und ansonsten viel in Serbien hoppt. Gemeinsam ging es nun auf einen Cappucino und eine Cedevita rüber zu Balkan Bet. Kaum waren die Getränke leer, stießen nach unserem okay vier Essener hinzu, die Thomas bei ihrem ersten Besuch in der Weißen Stadt ein bisschen unter seine Fittiche genommen hatte. So richtige Hafensänger, mit denen wir uns gleich mal bei ein paar Rutschen Nektar und Rakija im nahen Bridge Pub über serbischen Beton austauschten.

Der Jaffa Cup

Ein weiteres Thema war natürlich der jüngste Böllerwurf an der Hafenstraße gegen Preußen Münster, der RWE möglicherweise den Aufstieg kostet. Richtig bitter, aber irgendwie auch typisch Essen. Der Täter war wohl erst das zweite Mal im Stadion und hat null Szenebezug. Auf den von den Essenern gezeigten Fotos sah er so aus, als würde er sonst die Freizeit mit seiner mehr schlecht als recht aufgemotzten Karre auf Supermarktparkplätzen verbringen. Aktuell dürfte er sich aber wohl eher weniger aus dem Haus trauen. Dank offenen Profilen bei Social Media weiß jeder wie er aussieht und seine Tattoos im Hals- und Gesichtsbereich sind ziemlich auffällig und nur schlecht zu verstecken.

Der leckerste Nektar der Welt

Gegen 15:30 Uhr brachen wir zum Stadion Rajko Mitić auf und 30 Minuten später trennten sich unsere Wege am berüchtigten Kreisel des Bulevar oslobođenja. Die Essener saßen als deutsche Derbytouristen natürlich auf der Zapad (Haupttribüne), während Abto und Ole ihre Dauerkarten auf der Sever (Fankurve von Zvezda) nutzten. Thomas und ich mussten dagegen noch kurz auf Rafa warten, der nach sechs Monaten in Belgrad auch endlich mal ins Stadion wollte. Sich vergewissern, ob die Stimmung wirklich besser als bei Arsenal ist. Das durfte er nun mit Thomas und mir auf der Istok (Gegengerade) auf Höhe der Mittellinie (1.000 RSD, ergo 8,50 € pro Ticket).

Fans auf dem Weg zum Stadion

Wir erlebten noch einen Angriff der Delije auf die Grobari nahe der Jug (Gästekurve) aus sicherer Distanz (der schnell von der Polizei unterbunden wurde) und dann ging es hinein in die gute Stube des Fussballclubs mit dem roten Stern. Das Belgrader Marakana war heute außerordentlich gut gefüllt. Wir hatten irgendwo aufgeschnappt, dass es nur zu 50 % ausgelastet werden darf, weil doch irgendwie immer noch Pandemie ist. Aber davon merkt man im serbischen Alltag mittlerweile eh kaum noch etwas und wahrscheinlich wurde die Regelung noch gekippt. Auch wenn es nicht kontrolliert wurde, waren außerdem bestimmt alle im Stadion geimpft, getestet oder genesen. Letzteres vielleicht wirklich die meisten, da COVID-19 die letzten Monate ja doch etwas unkontrollierter durch Serbien als beispielsweise durch Deutschland rauschte.

Der Friedhof

Derbytypisch herrschte schon beim Aufwärmen der Partizan-Mannschaft eine prickelnde Stimmung (Zvezda wärmt sich traditionell auf einem Nebenplatz auf). Richtung Spielbeginn potenzierte sich das alles und als beide Teams kurz vor Anpfiff aus dem Spielertunnel kamen, präsentierte die Sever eine schöne Choreographie. Sie zeigte mit einem Friedhof eine typisches Motiv der Grobari (Totengräber). Irgendwann wurde vor dem Block ein Banner mit dem Schriftzug „Dobro veče“ ausgerollt und im Zentrum der Kurve eine Blockfahne mit dem Abbild von Starac sa groblja hochgezogen. Das ist ein Charakter aus dem jugoslawischen Kultfilm „Maratonci trče počasni krug“. Ein schwarze Komödie, in welcher die Nachkommen der Bestatter-Dynastie einer serbischen Kleinstadt um das Erbe des verstorbenen Patriarchen streiten. Der dargestellte Charakter erhebt sich in einer Szene aus einem Grab, sagt freundlich „Dobro veče“ (Guten Abend) und alle Totengräber rennen erschrocken weg.

Starac sa groblja mit Delije-Logo auf der Brust

Die Botschaft war eigentlich klar und wieder mal, für Delije typisch, mit Bezug zu einem Kultfilm oder einer Kultserie aus der Jugosphäre. Aber im Twitter-Zeitalter dauert es natürlich nur Sekunden bis jemand einfach ohne jedes Hintergrundwissen einen Shitstorm lostreten will. „Verachtenswert, hässlich, peinlich. Serbische Fussballfans zeigen einen Friedhof in ukrainischen Farben. Das sollte von der Fifa nicht ungestraft bleiben.“ schrieb Vlora Çitaku, ehemalige kosovarische Ministerin für europäische Integration, noch während des Spiels auf Twitter und etliche Medien nahmen diesen Querpass dankbar auf. Diese inoffizielle kosovarische Beauftragte für Geschmacksfragen postete übrigens 2014, zum 15. Jahrestag des Beginns der NATO-Bombardements von Serbien, eine verfremdete Wort-Bild-Marke des Sportartikelherstellers Nike. Aus „NIKE Air. Just Do It.“ wurde „NATO Air. Just Do It.“ und der berühmte Swoosh wurde zum Abgasstrahl eines Kampflugzeuges umgedeutet.

Die Choreographie der Delije in Gänze

Wahrscheinlich fanden das die Angehörigen der ca. 500 zivilen Opfer der NATO-Bombardements auch mindestens verachtenswert, hässlich und peinlich. War eh eine Fußnote wert, dass ich beim Ausbruch des Ukrainekrieges ausgerechnet in Serbien war, auf dessen Boden zuvor der letzte europäische Krieg tobte. Man kann Serbien 1999 natürlich nicht der Ukraine 2022 vergleichen und Kosovo-Metochien nicht mit dem Donbass. Aber Vladimir Putin scheint ähnlich zu argumentieren wie die NATO 1999. Da findet angeblich ein (unbelegter) Genozid an einer ethnischen Minderheit statt, da strebt eine von dieser Minderheit mit deutlicher Mehrheit bewohnte Provinz ihre Unabhängigheit von dem sie unterdrückenden Zentralstaat an und die von der Minderheit gebildeten Milizen sind in ihrer gerechten Sachen zu unterstützen… Putin kauft man die humanitären Motive seiner militärischen Operation natürlich noch weniger ab, als damals der NATO, aber zumindest in ihm gewogenen Kreisen wird das Narrativ auf fruchtbaren Boden fallen.

Partizane igraj i pobedi (Partizan spiele und siege) hing vor der Jug und ist eine Zeile aus dem Grobarski marš

Zu diesen ihm gewogenen Kreisen gehören neben Rechtspopulisten in Westeuropa natürlich auch die serbische Regierung und ein signifikanter Teil der serbischen Bevölkerung. Das hat ausgedehnte historische Gründe, deren Erläuterung ausufern würde. Auf die Stimmen aus dem pro-russischen Lager möchte der Autokrat Aleksandar Vučić jedenfalls sicher ungern verzichten. Vučić muss sich nun also ganz schön strecken, um weiter seinen Spagat zwischen Moskau und Brüssel zu schaffen. Am Derbywochenende leistete Serbien sogar noch Belarus Gesellschaft in der einsamen Ecke europäischer Staaten, die Russlands Einmarsch in die Ukraine nicht verurteilten und regierungsnahe serbische Boulevardmedien schrieben gar von einem Angriff der Ukraine auf Russland und übernahmen Kreml-Proganda völlig ungefiltert. Der UN-Resolution ES-11/1 am 2.März schloss sich Serbien jedoch auf europäischen Druck an. Der Traum von einer EU-Mitgliedschaft wäre sonst wohl endgültig ausgeträumt gewesen. Dafür muss Vučić nun Angst haben, dass Putin den Gashahn zudreht. Bisher hat Serbien sein Gas zu einem absoluten Freundschaftspreis aus Russland bezogen. Man zahlt gegenwärtig nur ein Viertel des Marktpreises und die Differenz bucht sich Putin im Konto Geopolitik auf die Habenseite.

Der Grobarski marš wiederum ist angelehnt an den Marš na Drinu, ein berühmter serbischer Marsch aus dem Ersten Weltkrieg

Aufgrund der pro-russischen Strömungen in Serbien, die auch in der Fankurve von Crvena zvezda (und Partizan) präsent sind und durch die Fanfreundschaften zu den Moskauer Clubs Spartak (Zvezda) und CSKA (Partizan) noch ein besonderes Fundament haben, kann ich sogar verstehen, dass man als Nicht-Serbe einen Ukrainebezug der Choreographie für möglich hält. Aber warum nicht erstmal abwarten und nachfragen oder wenigstens kurz nachdenken? Binnen drei Tagen ist die Planung und Umsetzung einer Choreographie dieser Dimension praktisch unmöglich und nächtliche Friedhöfe werden nicht selten mit gelbem Mond, schwarzen Grabsteinen und dunkelblauem Himmel gemalt. Scheiß Twitter und schäbige (Boulevard)Medien, die aus dem Gezwitscher sofort Headlines machen.

Sitzschalen abfackeln ist das Traditionshobby der Grobari im Marakana

Doch kommen wir endlich zum Fußball. Der FK Crvena zvezda lag vor dem Spiel fünf Punkte hinter dem FK Partizan. Partizan lieferte bisher eine ziemlich souveräne Saisonleistung ab und gab sich auch im Hinspiel auf heimischem Geläuf keine Blöße. Bleibt es bei fünf Punkten Vorsprung oder werden gar acht Punkte daraus, dürfte der Meisterzug für Zvezda abgefahren sein. Ergo musste heute der Derbysieg her und die Gastgeber spielten von Beginn an druckvoll nach vorne. Vielleicht kam ihnen zupass, dass Partizan zwei englische Wochen in den Knochen hatte und erst drei Tage zuvor, als die UEFA allen Menschen auf Twitter einen „Happy Thursday“ gewünscht hatte, gegen den AC Sparta Praha in der UEFA Europa Conference League ran musste. Nachträglichen Glückwunsch zum Einzug ins Achtelfinale dieses jungen Wettbewerbs an dieser Stelle.

Freudenfeuer nach dem 1:0

Tja, heute lief es nicht so gut für die Crno beli und der FK Crvena zvezda ging in der 29.Minute durch ein Tor von Ohi Omoijuanfo in Führung. Logischerweise riesiger Jubel in den Reihen der Rot-Weißen und etliche Freudenfeuer wurden in der Kurve entzündet. Das Schauspiel wiederholte sich gleich 13 Minuten und 12 Sekunden später noch einmal, als Aleksandar Katai für seine Farben in der 42.Minute auf 2:0 stellte. Komfortable Pausenführung, da sollte doch wohl außer den üblichen Sitzschalen im Gästeblock nichts mehr anbrennen, oder?

Freudenfeuer nach dem 2:0

Zu Beginn des zweiten Durchgangs loderte dann erstmal wieder die Nordkurve. Waren die Fackeln nach den Toren noch spontan und unkontrolliert, gab es nun ein koordiniertes Fackelmeer der Delije (siehe auch Titelbild). Rafa meinte, dass waren schon ein, zwei Fackeln mehr, als beim North London Derby von Arsenal gegen Tottenham. Auch könnten die Serben etwas mehr und etwas lauter als seine Landsleute an der Themse singen. Aber da war er sich nicht ganz so sicher. Mit ihm konnte man auf jeden Fall 90 Minuten lang hervorragend Banter betreiben.

Das Fackelmeer zu Beginn der 2.Halbzeit

Die Gästekurve wartete brav ein paar Minuten, ehe sie um die 50.Minute herum auch nochmal eine feine Pyroshow ablieferte. Ist nebenbei eine positive Entwicklung, dass aus zwischenzeitlich drei Gästeblöcken und somit auch drei verfeindeten Lagern wieder zwei geworden sind. Vielleicht versammeln sich sogar irgendwann wieder alle hinter einem Banner. Ist ja doch viel passiert in den letzten Jahren, wovon allerdings in den letzten Berichten aus Belgrad schon genug zu lesen war. Beim in Haft sitzenden Veljko Belivuk (Vgl. Belgrad 09/2021) gibt es allerdings eine neue Entwicklung (siehe Spiegel Online). Der will auspacken und behauptet u. a. 2016 für Präsident Vučić illegalerweise das Viertel Savamala mit seiner Schlägertruppe geräumt zu haben, damit das Viertel für das Projekt Belgrade Waterfront weichen konnte (Vgl. Belgrad 03/2019). Gut, dass war bisher schon ein offenes Geheimnis.

Nochmal ordentlich Feuer in den beiden Partizan-Blöcken

Auf dem Rasen passierte zur Freude der Rot-Weißen und vieler Wettfreunde – aus sicher Quelle weiß ich, dass auf etlichen Wettscheinen am heutigen Tag unter 2,5 Tore platziert war – nicht mehr viel. So konnte der Rekordmeister erfolgreich bis auf zwei Punkte an den Tabellenführer Partizan rankommen und die Meisterschaft wird wieder spannend. Ich gehe davon aus, dass beide Clubs in den nächsten Wochen wenig bis gar nichts gegen den Rest der Liga liegen lassen und dann könnte das dritte und letzte Derby der Saison, im Rahmen der Meisterrunde, entscheidend werden.

Der Funke sprang nicht über…

Nach Abpfiff genoss ich noch die feiernden Fans. Richtig, wieder viel Pyro und diesmal hatten teilweise auch Spieler Fackeln in der Hand. Schon bald geht es übrigens für beide Teams auf der europäischen Bühne weiter. Zvezda trifft im Achtelfinale der UEFA Europa League auf den Rangers FC aus Glasgow und Partizan darf sich im Achtelfinale der UEFA Europa Conference League mit Feyenoord aus Rotterdam messen. Ich bin sicher, die Medien und die UEFA werden ganz genau hinhören und hinschauen, ob sich eine der Fanszenen zum Krieg in der Ukraine positionieren wird.

Fans und Mannschaft feiern den Derbysieg

Europäische Bühne ist übrigens ein gutes Stichwort, denn traf ich mich nach Spielende alsbald mit Abto und Ole am Kreisel und wir versuchten erwatungsgemäß erfolglos ein Taxi zu bekommen. Schließlich hatten wir auch noch Karten für das Basketballspiel von KK Crvena zvezda gegen Fenerbahçe in der EuroLeague. Der Spaß sollte 21 Uhr beginnen und die Hala Aleksandar Nikolić ist ziemlich genau fünf Kilometer vom Stadion Rajko Mitić entfernt. Die Hälfte davon ging es nun zu Fuß (bei Abmarsch war es bereits 20:15 Uhr) und irgendwo in der Nähe vom Trg Slavija (Slavija-Platz) bekamen wir dann endlich ein Taxi, so dass man kurz vor Anpfiff in der Warteschlange stand und in der 5.Spielminute seine Plätzen in der Halle einnahm (1.300 RSD kosteten jene pro Stück).

Die 1973 als Hala Pionir eröffnete Hala Aleksandar Nikolić (ca. 8.000 Plätze)

Wir saßen in der obersten Reihe des steilen Oberrangs und hatten schon jetzt Vorfreude auf das Hinabsteigen nach Spielende (schwindelfrei sein ist dort von Vorteil). Doch erstmal torkelte uns ein alter Bekannter von Abto in die Arme. Vuko sein Name, Hamburg sein Wohnort und sein Pegel heute deutlich höher als jener der Elbe. Wir mussten in den kommenden zwei Stunden viele Fragen zu Menschen aus Hamburg und Hannover beantworten. „Kennt ihr Mario aus dem C’est la vie? […] Kennt ihr Daggi aus dem Reitclub? Mensch Daggi! Digger, die kennt ihr!!!“ Auch Vukos Geschichten von letzter Nacht oder über zahnlose Leverkusener waren höchst unterhaltsam. Kurzum; es herrschte Kurzweil beim Basketball.

Danica Crnogorčević zauberte Kirchentagsstimmung in die Sporthalle

In der Halbzeitpause (nach 20:18 und 21:19 für Zvezda in dne ersten beiden Vierteln) sang dann Danica Crnogorčević mit einer weiteren mir namentlich unbekannten Sängerin ihre Hits „Sini jarko sunce sa Kosova“ und „Veseli se srpski rode“. Ui ui, auch schon wieder ziemlich kontrovers. Ethno-spirituelle Musik ist man aus deutschen Sportstätten außerdem eher nicht so gewöhnt. Aber es gab auch normale Fanstimmung und die wurde in einer engen und somit spannenden Partie zum Ende hin immer besser. Nachdem Zvezda das dritte Viertel mit 18:23 herschenkte, wurden sie letzten Viertel nochmal enorm vom Publikum nach vorne gepeitscht und entschieden das Spiel letztlich mit 74:69 für sich. Weil nun die drei russischen Teams (Zenit, CSKA und UNICS) vom Wettbewerb ausgeschlossen wurden, hat der KK Crvena zvezda vielleicht sogar noch eine Chance auf die Play-offs.

Cheerleader durften natürlich auch nicht fehlen

Nach Spielende liefen wir mit Vuko seinen beiden Reisebegleitern Aleks und Sami aus Hannover in die Arme. Die waren allerdings ziemlich nüchtern und so hatten wir beim Spaziergang zum Trg republike noch nette Gespräche über Zvezda, 96 und hannoverschen Amateurfußball. Nach einer Scheidepizza am Platz der Republik trennten sich schließlich unsere Wege und alle gingen gegen Mitternacht ins Bett. Auch wenn V. jeden noch zum Saufen animieren wollte. Der Gute hatte aus der Vornacht wohl nicht die richtigen Lehren gezogen.

Fettarmer Mitternachtssnack

Am Montagmorgen konnten wir alles ganz entspannt angehen lassen. Erst um 13:40 Uhr sollte unser Flieger nach Tivat (Montenegro) abheben. Daher wurde erst gegen 10 Uhr aufgestanden und eine Stunde später ausgecheckt. Nun mussten bei Balkan Bet die Gewinne abgeholt werden, ehe es ins Al Forno frühstücken ging. Netter Laden, der Frühstücksteller inklusive Heißgetränk nach Wahl für 430 RSD (ca. 3,60 €) anbietet. Gab u. a. englisches oder französisches Frühstück, aber wir entschieden uns unisono für den serbischen Frühstücksteller mit frittierten Teigstängeln, Ei, Speck, Ajvar und Weichkäse. Dazu noch jeder eine Tasse Cappucino und der Tag war unser Freund.

Drittes und letztes Frühstück in Serbien

Gegen 12 Uhr schnappten wir uns ein Taxi, welches uns nach Taxameter für 1.690 RSD zum Flughafen kutschierte. Ergo ein ehrlicher Taxler und die werden von uns bekanntlich immer mit üppig Trinkgeld als positivem Verstärker für ihr gewünschtes Verhalten belohnt. Also bekam der Gute 2.000 RSD (17 €) von uns und wir waren unser serbisches Bargeld alle fast komplett los. Im Flughafen lief auch alles reibungslos und pünktlich um 13:40 Uhr rollte unsere Maschine auf die Startbahn. Uns stand noch eine Woche Urlaub in Bosnien-Herzegowina bevor, aber davon lest ihr logischerweise in gesonderten Berichten. Diesmal auch mit Fleischplatten, ich schwör’…