Beograd (Belgrad) & Šabac (Schabatz) 03/2019

02.03.2019
FK Crvena zvezda – FK Partizan 1:1
Super Liga (I)
Stadion Rajko Mitic (Att: 40.000)

Bei der Buchung unserer Balkanreise war das Belgrader Derby noch auf Mittwoch den 27.Februar terminiert. Doch der Balkan entpuppte sich mal wieder als unberechenbar und drei Wochen vor Abflug verlegte man in Serbien das Derby, bzw. den ganzen 23.Spieltag auf das erste März-Wochenende. Blöd, dass wir wenige Tage vorher unsere Transfers von Belgrad nach Sarajevo und von Sarajevo nach Mostar, sowie unser Hotel in Sarajevo gebucht hatten. Für Olbert und die Krake, die beide am Freitag zurück nach Deutschland mussten, war das Derby nun gestorben, während Abto, Ole und ich nochmal umdisponieren mussten.

Also die Hotelbuchung in Sarajevo von drei auf zwei Nächte geändert und im Belgrader „Hotel Rex“ wurde noch eine Nacht drangehangen. Nun sollte es erst am Samstagabend (nach dem Derby) nach Sarajevo gehen und der Tagesausflug nach Mostar musste leider wieder aus der Reiseplanung verschwinden. Zum Glück waren die Änderungen bei den Übernachtungen und Transfers ohne nennenswerte Mehrkosten zu realisieren und Mostar ist halt ein anderes Mal fällig.

Mousakka

Am Mittwochmorgen ging es um 10 Uhr wieder via Transfer zum Flughafen. 38€ im Achtsitzer kostete die Fahrt, was nur minimal höher als eine Metrofahrt zu Buche schlug. Denn unsere 5-Tages-Tickets galten nicht für Fahrten zum Flughafen. Dafür werden in Athen Extra-Tickets à 8€ benötigt (bzw. zwei Personen zahlen 14€, drei Personen 20€). Man kann zwar theoretisch mit einem normalen Ticket bis zum Airport fahren, aber dort kommt man dann nicht durch die Kontrollbarrieren und darf nachzahlen. Klar, dass wir uns da lieber gemütlich mit dem Kleinbus vor der Haustür abholen ließen und binnen 50 Minuten das Ziel erreichten.

Kings!

Nach dem Check-In gönnten wir uns noch kleine bis große Snacks (mich hatte schon wieder so ein Moussaka angelächelt) und dann war um 12:15 Uhr auch schon das Boarding für unseren Flug nach Belgrad. Im Flieger wurde gleich der nächste Snack serviert. Auf der Kurzstrecke gab es bei Aegean leider nur ein Truthahn-Baguette und einen Schokoriegel. Aber dafür war der Flieger noch kürzer als angekündigt in der Luft und schon um 13:12 Uhr (14:12 Uhr Athener Zeit) betraten wir serbischen Boden.

Moin, Marakana!

„Hm, ist heute nicht um 14 Uhr 2.Liga in Serbien angesetzt?“ „Oh ja, FK Sinđelić gegen FK Novi Pazar und Zarkovo gegen Teleoptik finden in Belgrad statt.“ Bei planmäßiger Landung um 13:45 Uhr Ortszeit (wahrscheinlich war erst ’ne Turbopropmaschine anstatt des heute bestiegenen Airbus A320 eingeplant) wäre das natürlich nichts geworden, doch so stand die Fußballtür plötzlich einladend offen. Demokratisch setzte sich Fußball mit 3:2 Stimmen gegen Hotel durch und wir nahmen zwei Taxis à 1.800 Dinar (rund 15€) zum Stadion des FK Sinđelić.

Novi Beograd

Am Ziel war zunächst großer Hopperfasching angesagt. Jedoch machten die ganzen deutschen und britischen Stadionsammler lange Gesichter. Das Spiel wurde nämlich ins Stadion des FK Voždovac verlegt. Möglicherweise sogar aus Sicherheitsgründen. Denn der FK Novi Pazar ist der Vorzeigeclub der muslimischen Bosniaken aus dem Sandžak (eine muslimisch geprägte Region im Südwesten Serbiens). Da gibt es schon Reibungspunkte mit serbisch-orthodoxen, nationalistischen Fußballfans, die es vielleicht nicht direkt beim FK Sinđelić, jedoch ganz allgemein in Belgrad gibt. Na ja, ich kann nur spekulieren.

Stadion des FK Sindelic

Das in der Abstimmung am Flughafen unterlegene Duo spürte derweil Genugtuung, aber da ich die „Grounds“ von Sinđelić und Voždovac beide bereits abgehakt habe, tat ich ihnen nicht den Gefallen mich zu grämen. Stattdessen freuten wir uns alle darüber, dass wir Dicki und seine Freundin hier trafen. Die verweilten gerade als urlaubendes Pärchen von Dienstag bis Samstag in Belgrad und hätten nach der Derbyverlegung doch gerne wenigstens einen Kick gesehen.

Stadion Rajko Mitic aka Marakana

Nach ein paar Drinks auf der sonnigen Terrasse des Stadioncafés des FK Sinđelić, zeigten wir ihnen wenigstens noch das „Marakana“. Mit zwei Taxis ging es zum Stadion des FK Crvena zvezda und dort ins zweite Stadioncafé des Tages. Auch hier herrschte Hopperfasching und ein ebenfalls anwesender Vorsänger der Zvezda-Kurve war irgendwas zwischen amüsiert und angeekelt. Na ja, man ist die Stadiontouristen sicher mittlerweile gewohnt und Idioten, die den Respekt nicht durch die Grenzkontrolle bekommen haben, bekommen bestimmt zu spüren, dass Belgrad kein Ferienparadies für Groundhopper sein muss.

Sopskasalat

Wir snackten nun im rot-weißen Ambiente je nach Lust und Appetit Šopska-Salat, Palatschinken oder Fleischgerichte und gönnten uns weitere Biere. Danach ließen wir noch Geld im Delije-Shop (für Bekleidungsstücke) und in den dortigen Spendendosen (für eine gute Sache).

Umkleidekabinen im Delije-Shop

Zum Hotel ging es anschließend mit dem Bus. Die alte Taktik mit einem 2.000-Dinar-Schein bezahlen zu wollen, damit man durchgewunken wird, funktionierte wieder einmal. Wir hatten uns in Abtos Belgrader Stammunterkunft „Hotel Rex“ eingebucht und ich muss sagen, ich war positiv überrascht. Solide Mittelklasse, die etwas in die Tage gekommen ist, aber an der für umgerechnet 20€ pro Nacht nichts auszusetzen war. Nach den ganzen Geschichten, was sich dort schon alles für Szenen abgespielt haben sollen, hatte ich ’ne komplett unseriöse Absteige erwartet.

Mein Zimmer im Rex

Das nächste Tagesziel war dann so klar wie der Inhalt einer Flasche „Knjaz Miloš Voda“. Die Glücksritter mussten unverzüglich zur nächstbesten Niederlassung von „Balkan Bet“. Zum Glück gibt es in Belgrad gefühlt in jeder Straße so eine Wettbude (Sportwetten sind fester Bestandteil der Balkan-DNA) und der Weg war dementsprechend kurz. Geläutert von meiner mißlungenen Premiere in Griechenland, ließ ich natürlich die Finger von den Sportwetten. Auch die Automaten, bei denen die Krake gut 100€ Gewinn machte, während alle anderen ihre 15 bis 20€ Einsatz verloren hatten, lockten mich nicht.

Falling in Lav with Roulette

Der Roulettetisch übte jedoch eine gewisse Anziehungskraft auf den Schreiber dieser Zeilen aus. In Polen hatte ich mich schon mal blitzeblau an diesem Glücksspiel versucht und mich gar nicht schlecht geschlagen. Warum nicht mal nüchtern sein Glück versuchen? Stolze 500 Dinar, also ca. 4,25€, setzte ich ein und nachdem ich bei meiner Achterbahnfahrt der Gefühle das zweite Mal über 1.000 Dinar kam, ließ ich mir die Summe auszahlen. Schnelles Geld!

Leichte serbische Küche

Mein Riesengewinn subventionierte mir im Anschluss das gemeinsame Abendessen im Restaurant „Polet Beograd“ (In Serbien sind 4,25€ noch was wert!). Landestypisch natürlich nicht so der Veganer-Laden, aber man kann es mit der Fleischeslust auch übertreiben. Wie meine Wenigkeit an diesem Abend. Ich hatte nämlich Hackröllchen im Speckmantel mit Räucherspeck- und Käsefüllung. Und bei den anderen gab es ähnliche Spezialitäten. Mit Zuhilfenahme von Jelen Pivo und Rakija in rauen Mengen, wurden die Fleischberge jedoch bezwungen und anschließend verdauungsfähig gemacht.

Jelen Pivo

Nach dem Abendessen war Mitternacht durch und Abt und Ole hatten mit ihren Sportwetten Erfolg gehabt. Sie ließen sich bei „Balkan Bet“ ihre Wettscheine auszahlen. Danach war für die beiden Gewinnertypen und mich Bettruhe, während die Krake und Olbert noch eine Weinbar nahe des Hotels unsicher machten. Das durstige Duo verließ die „Vinarija“ erst gegen 4 Uhr morgens und je 3.000 Dinar ärmer. Für die Summe konnte man dort allerdings auch ordentlich auftanken, so dass sie beim Frühstück um 9:30 Uhr in Sachen Fitnessgrad den Schnitt der Reisegruppe mächtig nach unten zogen.

Balkanbreakfast

Gut, dass im „Hotel Rex“ morgens erfreulicherweise ganz gut aufgetischt wird, inklusive diversen warmen Eierspeisen, so dass wir alle den Energielevel wieder heben konnten. Danach gingen die Gewinnertypen wieder zu „Balkan Bet“ und ich schnappte mir die anderen beiden für einen Friseurbesuch. „Dreimal Peaky Blinkers Haircut a.k.a. Derbyschnitt bitte!“ Wir wollten beim Derby am Wochenende schließlich motiviert und nicht wie Hippies aussehen. Das war uns gerne 2,50€ wert.

Gavrilo Princip

Nachdem die einen der Spielsucht und die anderen der Eitelkeit nachgegeben hatten, ging es gemeinsam durch die Stadt zur Belgrader Festung bzw. zum „Kalemegdan“ (dem großen Stadtpark, der in und um die Festung entstanden ist). Wir passierten dabei zunächst die Statue von Gavrilo Princip und später jene vom russischen Zar Nikolaus II. Das mündete natürlich wieder in interessante geschichtswissenschaftliche Gespräche über den 1.Weltkrieg und wir erinnerten uns, dass wir in Kürze ja auch noch Sarajevo besuchen werden.

Knez Mihailova

Auf dem weiteren Weg zur Festung flanierten wir über Belgrads Prachtstraße „Knez Mihailova“ und liefen dort wieder Dicki und Annabell in die Arme. Die hatten gerade den Programmpunkt „Kalemegdan“ abgehakt und guckten sich nun ein paar weitere Sehenswürdigkeiten der Belgrader Innenstadt an. Wir dagegen wollten uns die Mittagssonne in der Festung auf den Bauch scheinen lassen. Das ist ja nicht irgend eine Burg oder Festung, die man sich mal angucken kann, sondern Belgrads schönster und größter öffentlicher Park. Ergo ein Ort, den viele Einheimische bei gutem Wetter aufsuchen und den man als regelmäßiger Belgrad-Tourist auch mehrfach, also eigentlich jedes Mal besucht.

Das Zindan-Tor der Belgrader Festung

Die Festung liegt, strategisch wertvoll, 50 Meter über der Mündung der Save in die Donau. Schon die Römer hatten hier im 1.Jahrhundert v. Chr. ein Kastell errichtet. Wechselnde Herrscher wie die Byzantiner, Südslawen, Ungarn, Osmanen und Österreicher hinterließen in den kommenden 2.000 Jahren ihre Spuren. Die heutige Befestigung geht im Wesentlichen auf die Österreicher im 18.Jahrhundert zurück. Jedoch sind selbst noch römische Mauerreste zu entdecken. Wer alte Gemäuer mag, kommt auf seine Kosten. Wer einen schönen Ausblick genießen will, ebenfalls. Selbst für Waffennarren gibt es was zu sehen (Panzer, Haubitzen, Flak u.v.m.). Dazu existieren Kioske und Restaurants, sowie Spielplätze für die kleinen Besucher.

Panzer zur Pazifistenprovokation

Nach unserem Streifzug über das Gelände wagten wir einen Blick auf die Uhr. 13 Uhr war durch, also konnte man sich ruhig schon mal mit einem Bier auf die Festungsmauer setzen und den Ausblick über Donau und Save genießen. Und weil der Verkäufer im Festungskiosk von Abtos Serbischkenntnissen so angetan war, gab es sogar noch kostenlosen Rakija dazu. Für Schnaps war es vielleicht doch noch zu früh, aber was willste machen? Der Tag nahm nun an Fahrt auf und die nächsten neun Stunden wurde mehr oder weniger durchgekachelt. Ab 22 Uhr hatten wir nämlich einen Tisch in der Kafana „Ona Moja“ reserviert, um dort planmäßig die ganze Nacht durchzufeiern. Wäre natürlich klüger gewesen erst ab abends Alkohol zu konsumieren, aber man muss die Feste eben feiern wie sie fallen.

Ein kleiner Lustiger

Deshalb wurde nach dem Rundgang der schöne Biergarten „Mala Kalemegdan“ im Schatten der Festungsmauern angesteuert. Hier gab es nochmal diverse Vitamine in Form von Šopska-Salaten und dann wurde fassfrisches Bier in der Sonne genossen. Außerdem hatte jeder, der zwischenzeitlich zur Toilette musste, die Pflicht eine Runde Schnaps zu organisieren. Das heitere Spiel war zum Glück gerade erst angelaufen, als Dicki und Annabell wieder dazustießen. So waren wir ihnen gegenüber noch gesellschaftsfähig.

Im Biergarten sorgten wir für guten Umsatz

Gegen 18 Uhr hatten wir die Schnapskarte durch, trennten uns wieder von Dicki und Annabell und nahmen uns zwei Taxis zur Kafana „Stari Most“ an der Donaubrücke nach Pancevo. Eine Empfehlung von Zvezda-Kontakten, die sich lohnte. Am Interieur des Restaurants wurde seit vielen Monden nicht herumgeschraubt, aber so etwas Altbackenes hat ja auch seinen Charme. Der Laden war eben auch null auf Touris ausgerichtet, doch das tat der Qualität der Speisen natürlich keinen Abbruch. Weil die richtig geilen Fleischplatten alle für zwei Personen ausgelegt waren und wir zu fünft, musste einer in den sauren Apfel bzw. den größten Fleischberg beißen und das war ich.

Warum nicht mal etwas Fleisch?

Meine Mitstreiter waren der Meinung, ich würde niemals ein Kilogramm Fleisch alleine schaffen. Auch der Kellner fragte zweimal nach, aber ich stellte mich der Herausforderung und als Preis winkten diverse Freigetränke meiner Freunde. Die „Challenge“ wurde akukustisch u.a. von Joe Cocker mit „There’s up we’re we belong“ und Berlin mit „Take My Breathe Away“ begleitet. Die Mucke kam schon in den 80er Jahren gut, als der Eiserne Vorhang noch durch Europa baumelte. Kommt deshalb 35 Jahre später ja nicht automatisch schlechter, dachten sich die serbischen Gastronomen. Erinnerte mich stark an eine Busfahrt von Skopje nach Niš im August 2017. Es handelte sich wahrscheinlich um die gleiche Kuschelrock-CD.

Menschen, Fleisch, Emotionen

Meine Völlerei gestaltete sich analog zu einer Fernbusfahrt. In meiner bier- und rakijaseligen Stimmung bin ich die lange Tour optimistisch gestartet, aber ab der Reisemitte wurde es recht zäh. So wie dann eine Busfahrt gefühlt nicht enden will, wurde der Teller irgendwie auch kaum noch leerer. Ab und an ’ne Pause und irgendwie ging es doch mühsam voran. Und wenn das Ziel in Sicht ist, kriegt man das letzte Teilstück wieder ganz gut rum. Demenstprechend hatte ich meine Fleischplatte am Ende erfolgreich bezwungen.

Warum nicht mal ein Bier?

Nachdem wir die Fleischmassen noch mit dem einen oder anderen Rakija im Körper sortiert hatten, ging es mit zwei Taxis zur „Srpska kuća piva“, quasi Belgrads Haus der 1000 Biere. Dort kann man so ziemlich jedes serbische Bier probieren und damit westliche Touristen sich nicht zu willkommen fühlen, gibt es nur eine kyrillische Getränkekarte. Ich weiß gar nicht warum, aber auf den Tisch kam leider kein Exot, sondern das recht populäre und bereits bestens bekannte Zaječarsko aus Ostserbien. Aber wir waren eh nur auf ein Bier da, um nochmal die letzte halbe Stunde bis zur Öffnung der Kafana rumzukriegen. Nächstes Mal gibt es da aber ’ne richtige Bierverkostung, versprochen!

Gutes Kraut

Gegen 22 Uhr spazierten wir schließlich zur 5 Minuten entfernten Kafana „Ona Moja“. Aber nicht, ohne vorher an einem Kiosk noch dubiose Zigaretten der Marke „Drina“ für ungefähr 1,50€ zu kaufen. Olbert riss gleich den Filter ab und nahm einen ordentlichen Hieb von dem Kraut. Der Rest rauchte kultivierter, aber lecker sollen die Nikotinstängel wirklich nicht gewesen sein. Da kann man sich wohl deutlich bessere Erzeugnisse auf den Zahn legen, wenn man sich immer noch nicht von Ekelbildern und Warnhinweisen hat abschrecken lassen.

Und wieder so ein 08/15-Bierfoto

Die „Ona Moja“ ist eine Kafana ohne Küche, also rein auf Trinken, Tanzen und Live-Musik ausgerichtet. Wir hatten zeitig reserviert und das muss man auch, da der Laden eigentlich immer voll ist. So auch heute. Außer uns und 96% Serben, waren auch noch ein paar sportliche Russen in dem Tanzlokal. Doch Entwarnung; keine verirrten CSKA-Leute, sondern Spartak. Dementsprechend wurde schnell auf mehreren Kanälen die orthodoxe Bruderschaft bzw. die Achse Moskau-Belgrad-Piräus gefeiert und alle hatten Spaß. Für das Derby reist eben nicht nur ein Haufen sinnloser Groundhopper an, sondern u.a. auch PAOK und CSKA auf Partizan-Seite und Olympiakos und Spartak auf Zvezda-Seite.

Dragica Zlatic & Ljuba Perucica

Mit den Kerlen wurde also gesoffen und die weiblichen Schönheiten des Abends wurden angetanzt. Erst Ljuba Perucica (größter Hit: „Pijem da zaboravim“) und später die populäre Sängerin Dragica Zlatic (größter Hit: „Udaj se za meme“) trällerten dazu ihre Songs. Beide in Serbiens Popmusikszene keine Unbekannten. Trotz der Live-Auftritte (Eintritt wurde nicht erhoben), waren die Getränke nach westlichen Maßstäben preiswert. Zumindest Bier (ca. 2,20€ der Halbe) und Rakija (ca. 1,90€ für 3cl). Importierte Spiritousen kosteten dagegen pro Flasche ungefähr 80 bis 100€ und pro Shot ca. 2,50€ bis 5€. Champagner ging ab 120€ Flaschenpreis los, doch in die Verlegenheit mit irgendwelchen serbischen Models Champus zu schlürfen kam niemand von uns.

Dragica Zlatic und ein anonymer Fan

Frühmorgens ging das Licht in der Kafana an und wir stiegen in Taxis gen Hotel. Wobei meine vier Freunde tatsächlich am Slavija die Fahrt beendeten und noch irgendwo einen Absacker nahmen. Tiere!

01.03.2019
FK Mačva Šabac – FK Rad Beograd 0:0
Super Liga (I)
Gradski Stadion Šabac (Att: 400)

Am nächsten Morgen fiel das Frühstück komischerweise aus und erst gegen 12 Uhr ließen wir die Geborgenheit der Hotelbetten hinter uns. Die Krake und Olbert waren da bereits auf dem Weg zum Flughafen, während Abto, Ole und ich nach einem unvermeidlichen Kaffee bei „Balkan Bet“ den Busbahnhof aufsuchten. Für 660 Dinar (5,50€) lösten wir dort Tickets nach Šabac (Schabatz). Trotz befürchtetem „Hopperfasching“ wollten wir uns Mačva Šabac gegen Rad Beograd nicht entgehen lassen.

Morgenritual

Šabac liegt rund 90km westlich von Belgrad und zu den Grenzen zur Republik Kroatien und zur Republika Srpska (eine der zwei Entitäten von Bosnien und Herzegowina) ist es von hier nicht mehr weit. Im überfüllten Überlandbus saß eine ältere Dame bei uns, die uns aufklärte, dass viele Studenten aus Belgrad freitags immer mit Taschen voller Schmutzwäsche zu ihren Familien fahren. Außerdem erzählte sie viel über Jugoslawien und den Krieg. Als wir das Dorf Hrtkovci passierten, wusste sie zu berichten, dass dieses Dorf bei Kriegsausbruch 1991 mehrheitlich von Kroaten bewohnt war. Während die Kroaten von serbischen Nationalisten zur Umsiedlung nach Kroatien gedrängt wurden (in diesem Fall angeblich ohne Blutvergießen, aber natürlich mit Diskriminierungen und Drohungen erzwungen), siedelten sich in dem Dorf ab 1992 aus Bosnien und Kroatien vertriebene Serben an. Die meisten Serben kamen aus dem kroatischen Dorf Kula nach Hrtkovci und die meisten Kroaten aus Hrtkovci siedelten nach Kula über. Man kann also im Prinzip sagen, dass Kula und Hrtkovci ihre Bewohner ausgetauscht haben.

Ab geht die Rakete

14:50 Uhr betraten wir alle erstmals den Boden der Stadt Šabac. Die Vorabrecherche ergab bereits, dass die Stadt kein „Hidden Gem“ Serbiens ist. Aber ein Restaurant der Spitzenklasse sollte es dort geben. Deshalb hieß das erste Ziel in Šabac „Gradska Kafana“. In der städtischen Kafana wurden excellente Fleischspezialitäten serviert. Preislich schlug die gemischte Fleischplatte gerade mal mit 1.000 Dinar (8,50€) zu Buche. Denn die Provinz ist natürlich nochmal eine Spur günstiger als die Hauptstadt.

Heute mal etwas Fleischiges

Nach dem nachmittäglichen Mittagessen widmeten wir der Innenstadt von Šabac unsere Aufmerksamkeit. Die Stadt hat rund 50.000 Einwohner und wurde 1454 erstmals urkundlich erwähnt. Wenige Jahre später fiel die Stadt auch schon unter osmanische (türkische) Herrschaft und die Eroberer bauten hier am Fluss Save eine Festung. Die Ruine davon kann man besichtigen, schenkten wir uns aber. Stattdessen widmeten wir uns den neuzeitlichen Bauwerken im Stadtzentrum.

St. Peter & Paul

Osmanen und Habsburger rangen lange um Šabac bzw. um den ganzen Balkan und so wechselte die Stadt oft den Besitzer oder besser gesagt den Besatzer. Erst mit dem serbischen Aufstand gegen die Osmanen im Jahre 1806 wurde Šabac wieder wirklich serbisch. Zumindest bis die Osmanen 1813 zurückschlugen. Es bedurfte dann noch eines zweiten serbischen Aufstandes anno 1815, um den Osmanen eine Teilautonomie abzuringen. Ab 1817 war Šabac ein Teil des Fürstentums Serbiens innerhalb des Osmanischen Reiches. Aus dieser Epoche ist zum Beispiel die orthodoxe Hauptkirche der Stadt (Sv. Petra i Pavla, 1831 geweiht) und das ehemalige Gymnasium und heutige Nationalmuseum (1857 war es eines der ersten Gymnasien Serbiens).

Nationalmuseum

1867 erlangte Serbien de facto die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich und war schließlich ab 1882 wieder ein Königreich. 1883 wurde in Šabac die erste Zeitung dieses Königreichs gedruckt. Die serbische bzw. zwischenzeitlich jugoslawische Herrlichkeit wurde nur noch von den zwei Weltkriegen unterbrochen. Die Gräueltaten der Okkupanten will ich dabei nicht unter den Tisch fallen lassen. Im 1.Weltkrieg verübten die Österreicher, respektive die Soldaten der k.u.k-Monarchie, ein Massaker an der Zivilbevölkerung (120 Todesopfer). Im 2.Weltkrieg zerstörten die Deutschen die Stadt weitgehend und halbierten die Zivilbevölkerung auf ca. 7.000 Einwohner. Angebliche Sabotage und Unterstützung von Partisanen waren die Vorwände für diese Kriegsverbrechen.

Haus der Kaufmannsfamilie Krsmanović

Nach dem 2.Weltkrieg wurde aus Šabac eine schnell wachsende Industriestadt der sozialistischen Bundesrepublik Jugoslawien. Stadt und Umland sind heute die Heimat von rund 150.000 Menschen und die Fußballfans unter ihnen halten zwar mehrheitlich zu Zvezda oder Partizan, aber bei Bedarf haben sie auch einen eigenen Erstligisten vor der Haustür. Das städtische Stadion (Gradski Stadion Šabac) liegt sehr zentral und kann bis zu 10.000 Zuschauer beherbergen. Rund 10% der Plätze füllen sich regelmäßig bei den Heimspielen von Mačva Šabac (gegen Zvezda und Partizan wird das Stadion sogar halb voll).

Das Rathaus der Stadt

Ausgerechnet heute gab es, trotz Groundhopperanwesenheit im soliden zweistelligen Bereich, den bisherigen Saisonminusrekord. Nur 400 zahlende Zuschauer wollten Mačvas Duell mit dem Belgrader Dauerabstiegskandidaten FK Rad sehen. Davon war ungefähr ein Zehntel im Gästeblock und drückte den Belgradern die Daumen. Zum Glück beließen sie es nicht nur beim nonverbalen Mitfiebern, sondern supporteten ihr Team auch akustisch relativ konstant über 90 Minuten.

Flutlichtfreitag

Die fetten Jahre der „United Force“ sind allerdings auch vorbei. 1987 wurde die Gruppe gegründet und hatte sich von Anfang an serbischen Nationalismus auf die Fahnen geschrieben. Nationalistisch sind natürlich mehr oder weniger alle Ultras auf dem Balkan, allerdings ist diese politische Einstellung bei Rad teilweise mit Rassismus verbunden. Für serbische Nationalisten ungewöhnlich, finden sie den deutschen Nationalsozialismus ganz gut und bedienen sich oft dessen Symbolik. Die Fankurven von den großen Stadtrivalen sind zwar auch nationalistisch geprägt, die Rad-Fanatiker hassen FK Crvena zvezda und FK Partizan jedoch aufgrund der kommunistischen Vergangenheit der Clubs und weil sie weiterhin die „Regime-Clubs“ sind, die auch von den postkommunistischen Regierungen systematisch unterstützt wurden und werden. Wenn fast das ganze Land zu einem der beiden Clubs hält, sind die Fans dieser Clubs natürlich ein Machtfaktor.

Der Gästeblock

Die Heimszene existierte dagegen nur marginal und lieferte dementsprechend auch keine organisierte Stimmung. Immerhin war der Mačva-Song vom Band irgendwie eingängig. Ich hab auch schon mal Kurven- und Corteobilder aus Šabac gesehen, die auf etwas mehr Fankultur als das heute Sichtbare hindeuteten. Es gibt oder gab (?) da jedenfalls die Ultragruppe „Šaneri“. Aber vielleicht können die sich nur gegen große Gegner motivieren oder haben auch gerade keine Hochphase?

Etatmäßiger Heimfanblock

Ich hatte mich übrigens akkreditiert und saß im Presse- und Ehrenbereich. Natürlich nicht um umgerechnet 4,25€ zu sparen, sondern um vernünftig für diesen Bericht zu recherchieren und möglicherweise Mitarbeiterinnen von „TV Arena Sport“ anflirten zu können. Dort platzierte sich eine ganz nett wirkende junge Frau mit Rad-Beograd-Schal neben mir. Ich tippte auf Spielerfrau oder -freundin, aber sie war eine Funktionärin des Clubs. Mit Internetzugriff hätte ich vielleicht schon während des Spiels herausgefunden, dass jene Jelena Polic den gängigen Rad-Klischees genüge tut und öffentlich schon mehrfach als xenophobe Nationalistin aufgefallen ist. Dann hätte ich natürlich den Aufstand der Anständigen geprobt, aber ohne Hintergrundwissen war das nicht zu erahnen. Das Böse versteckt sich eben manchmal in einer hübschen Verpackung.

Gradski Stadion Šabac

Doch kommen wir nun kurz zum Fußball. Das war wieder so ein Spiel, wo eigentlich schon nach 10 Minuten klar war, dass es 0:0 enden wird. Wenig überraschend ging es deshalb auch torlos in die Pause. In jener Halbzeitpause schnappte ich mir erstmal ein paar Erfrischungen und nachdem der eigene Durst gestillt war, versorgte ich noch den Abt, Ole und zwei Stadionbesucher aus Dresden mit Getränken. Die hatten ihre Haupttribünenplätze nämlich direkt unterhalb des VIP-Bereichs.

Die Gegengerade

Ich fand anschließend die Bildergalerien in den Fluren der Tribüne etwas interessanter als das Gekicke und informierte mich mal aus erster Hand ein wenig über die Clubhistorie. Der FK Mačva wurde bereits 1919 gegründet (zum Vergleich: der FK Rad wurde 1958 gegründet, FK Crvena zvezda und FK Partizan jeweils 1945) und spielte vor dem 2.Weltkrieg eine gute Rolle im serbischen bzw. jugoslawischen Fußball. Höhepunkt war die erstmalige Erstklassigkeit in der Saison 1930/31, wodurch man sich plötzlich auf Augenhöhe mit den Topclubs aus Belgrad, Zagreb, Split und Sarajevo messen durfte.

Historisches Stadionfoto von 1929

Der Club bekam Ende der 1920er auch den Spitznamen „Provinz-Uruguay“ verliehen, weil man zwar ein kleines Provinzteam war, aber sehr gut kicken konnte und Uruguay damals als zweimaliger Olympiasieger und kommender erster Weltmeister fußballerisch das Maß aller Dinge war. Bei dieser ersten Weltmeisterschaft (1930 in Uruguay) schaffte es Jugoslawien übrigens sensationell ins Halbfinale (mit zwei Spielern mit Mačva-Vergangenheit im Kader). Die Geschichte dazu ist buch- und filmreif (wurde in Serbien sogar unter dem Titel „Montevideo, Bog te video“ als Spielfilm und Serie verfilmt), weil die erste Fußball-Weltmeisterschaft natürlich sowieso etwas Besonderes war und eine Reise von Belgrad nach Montevideo 1930 natürlich allein schon als Abenteuer durchging. Die Teilnahme stand außerdem lange auf der Kippe. Unter anderem war die Finanzierung der Überseereise schwierig und darüberhinaus boykottierte der kroatische Unterverband damals das Nationalteam, so dass eine rein serbische Auswahl, fast nur aus Spielern der zwei Belgrader Erstligisten bestehend, die Nationalelf bildete (damals gab es massive politische Spannungen zwischen Serben und Kroaten im gemeinsamen Königreich).

Der Presseraum

Aber hier und heute sollte es nicht um die jugoslawische Nationalelf, sondern um den FK Mačva gehen. Deren Stern begann nach dem 2.Weltkrieg wieder zu sinken und nach zwei weiteren erstklassigen Jahren Anfang der 50er Jahre, mussten sie sich über sechs Jahrzehnte mit unterklassigem Fußball begnügen. 2017 gelang dann endlich der Aufstieg in Serbiens höchste Spielklasse (Super Liga) und man schaffte auf Anhieb den Klassenerhalt. Aktuell ist man Zehnter und wird wohl wieder nichts mit dem Abstieg zu tun haben.

0:0, ein Grund zu feiern

Der heutige Grottenkick endete natürlich wirklich 0:0 (nach Gelben Karten 1:6) und hatte auch kein anderes Ergebnis verdient. Für den favorisierten FK Mačva ein enttäuschendes Resultat. Der zur Zeit Drittletzte FK Rad konnte das 0:0 wiederum als Erfolg werten, weshalb Jelena neben mir ausdauernd applaudierte und gegenüber von uns die himmelblaue Mannschaft mit den Fans feierte.

Graffito der lokalen Fangruppe Šaneri

Nach Abpfiff ging es wieder ganz gemütlich zum Busbahnhof von Šabac. Wenig überraschend war der erste Bus nach Abpfiff, zugleich der letzte Bus des heutigen Tages, fest in der Hand von deutschen Kartoffelhoppern. Die spontan gebildete sächsisch-südniedersächsische Phalanx aus den Dynamos und uns, stand da natürlich ganz oben in der Nahrungskette und keiner der weiteren Landsleute quatschte einen mit sinnloser Groundhopperscheiße voll. Stattdessen durften die Stadionsammler sich zwangsläufig an unserer hohen Dialogqualität miterfreuen, wofür wir eigentlich noch den Hut hätten rumgehen lassen können.

Noch ein Graffito am Stadion

Sozial wie Sachsen nun mal sind, versorgten sie mich außerdem mit Bier aus ihrem Rucksack. Da war er hin, der alkoholfreie Freitag! Dementsprechend brauchten die beiden edlen Spender auch kaum Überredungskünste, um mich noch für den gemeinsamen Besuch einer Schankwirtschaft in Belgrad zu begeistern. Während Abto und Ole tatsächlich nicht mehr ins Bierglasgeschäft einsteigen wollten, ging es für uns in die Pinte des Theaters „Akademija 28“ und ich durfte mich eingeladen fühlen. Danke nochmal, K. und J.!

02.03.2019
FK Crvena zvezda – FK Partizan 1:1
Super Liga (I)
Stadion Rajko Mitic (Att: 40.000)

Am Sonnabend war dann endlich Matchday. Als echte Fans haben wir natürlich sofort die lokalen Medien für letzte Meldungen zum Spiel der Spiele studiert und sind über ein interessantes Zitat gestolpert. Der Urheber ist mir entfallen, aber dieser sagte sinngemäß, dass beim Derby 50.000 Männer im Stadion sein werden und das bedeutet 50.000 Ehefrauen haben deshalb die Gelegenheit ihren Mann zu betrügen. Allerdings werden sie niemanden dafür finden, weil alle echten Männer dieses Spiel verfolgen werden.

Schleichwerbung für Balkan Bet

Nach dem üppigen Frühstück im „Hotel Rex“ mussten wir irgendwie noch die Zeit bis zum Anpfiff (18 Uhr) überbrücken. Wettscheine bei „Balkan Bet“ machen, war natürlich obligatorisch für meine Freunde, während ich dort in guter Gesellschaft nochmal einen Kaffee trank. Danach spazierten wir durch das Viertel Savamala bzw. dessen Überreste. Das Stadterneuerungsprogramm namens „Belgrade Waterfront“ hat nicht mehr viel übrig gelassen vom teilweise baufälligen, aber besonders bei Künstlern und jungen urbanen Belgradern angesagten Quartier.

Alte Bausubstanz

Stattdessen bauen Investoren aus der Golfregion nun moderne Hochhäuser mit für die hiesigen Verhältnisse utopisch hohen Quadratmeterpreisen. Kritiker, die regelmäßig in vierstelliger Anzahl in Belgrad demonstrieren, werfen Premierminister Aleksandar Vučic und vielen weiteren herrschenden Politikern Korruption und Amtsmißbrauch vor. Angeblich sollen einige Petrodollars für das Megaprojekt in ihre Taschen gewandert sein. Der Vorwurf: Dafür steht der Rechtsstaat den Investoren beim Thema Enteignung und Abriss der alten Bausubstanz nicht im Wege.

Ein bereits vollendeter Neubau der Waterfront

Im April 2016, direkt nach den vorgezogenen Parlamentswahlen und gleichzeitigen Kommunalwahlen, welche Vučics Regierung bestätigten, fiel eine vermummte und bewaffnete Schlägerbande in einer Nacht- und Nebelaktion in Savamala ein. Sie trieb die Menschen aus den anvisierten Gebäuden und schwang die Abrissbirne. Die Bürger wurden vorläufig der Freiheit beraubt und der dubiose Bautrupp nahm ihnen die Mobiltelefone und Ausweise ab. Irgendwer schaffte es dennoch die Polizei zu rufen, doch die soll nicht eingegriffen haben. Ob es sich um eine staatliche Spezialeinheit oder um angeheuerte Schläger aus der Fußballszene oder der Unterwelt handelte, ist unklar. Den Investoren wird es in jedem Fall gefallen haben.

Graffito von Gavrilo

Das heutige Serbien, an dem sowohl die EU (und die USA), als auch der traditionelle Alliierte Russland, sowie China und die Golfstaaten wirtschaftliches Interesse haben, nimmt es eben mit dem Rechtsstaat nicht so genau. Bei Serbiens Gegenwart kommt sicher so mancher Modernisierungs- und Globalisierungsverlierer auf die Idee das alte sozialistische Jugoslawien zu verklären. Deshalb war für unsere Kaffeepause unweit der Großbaustelle „Belgrade Waterfront“ auch die „Kafana SFRJ“ der ideale Ort. Dort gibt es museal anmutende SFRJ-Nostalgie, auf die neben den „Ewiggestrigen“ auch viele westliche Touristen abfahren.

Letzte Stärkung vorm Derby

Nach jenem Zwischenstopp mussten wir so langsam zum Slavija-Platz aufbrechen. Denn wir waren um 14 Uhr nochmal mit Dicki und Annabell zum Mittagessen verabredet. Es ging wieder ins Restaurant „Polet Beograd“, wo ich mir eine Hähnchenbrustroulade mit Ruccola-Tomaten-Füllung und Käsesauce gönnte. War jetzt auch keine richtige Diätkost, aber lag nicht so schwer im Magen wie das Essen vom Mittwochabend.

Nach dem Essen zerschlugen sich dann leider Dickis letzte Derbyhoffnungen. Sollte WizzAir schon jetzt ein oder zwei Stunden Verspätung announciert haben, wären doch vielleicht 45 bis 90 Minuten Derby drin gewesen. Aber klar, wenn man mal eine Verspätung braucht, ist WizzAir plötzlich pünktlich. Deshalb trennten sich unsere Wege gegen 16 Uhr am Slavija. Das Duo bestieg dort einen Bus zum Flughafen und das Trio eine Straßenbahn zum Stadion.

Der Slavija-Platz

Am berüchtigten Verkehrskreisel, von dem die Stadien von Zvezda und Partizan jeweils nur einen Steinwurf entfernt sind, herrschte bei der Polizei natürlich schon hektische Betriebsamkeit. Strikte Fantrennung war das oberste Gebot. Der Kreisel und die anliegende Gastronomie war heute ausschließlich für Anhänger des Roten Sterns vorgesehen. Aber dennoch kam es kurz nach unserer Passage des neuralgischen Punktes zu einer größeren Auseinandersetzung. Keine Ahnung welche der drei (!) Fraktionen von Partizan der Angreifer war. Die Polizei soll jedenfalls alles schnell unter Kontrolle gehabt haben. Das Gros der Zvezda-Szene war zu diesem Zeitpunkt bereits im Stadion und rund 30 Minuten vor Anpfiff begann sich die Heimkurve einzusingen. Auf der noch recht spärlich gefüllten Gästeseite wurde es dann natürlich auch erstmals laut. Ein großes Rahmenprogramm gibt es hier nicht, so dass die gewachsene Fankultur ihren Raum bekommt.

Die Heimkurve füllt sich

Kurz zur sportlichen Ausgangssituation von Derby Nr. 159: Zvezda führt die Tabelle zur Zeit mit 15 Vorsprung auf Partizan an. Der ewige Rivale ist sogar nur Dritter, weil sich diese Saison vorerst Radnicki Niš zwischen die „Big Two“ geschoben hat (Radnicki fehlen aktuell neun Punkte auf Zvezda). Gewinnen die Rot-Weißen heute, sind es also gigantische 18 Punkte Vorsprung auf die Partisanen. In wenigen Wochen werden zwar die Punkte für die Meisterrunde halbiert (so dass aus hypothetischen 18 Punkten neun Punkte Vorsprung würden), allerdings sind in der Meisterrunde auch nur noch maximal 21 Punkte zu holen. Wenn überhaupt, müsste Rekordmeister FK Crvena zvezda (in Summe 28 jugoslawische und serbische Meistertitel) dann nur noch Radnicki im Auge behalten.

Die gespaltene Gästekurve

Die Fanszene von Partizan durchschreitet ebenso turbulente Zeiten. Seit Jahren ist die Szene tief gespalten und die Polizei musste nicht nur die rot-weißen und schwarz-weißen Fans voneinander trennen, sondern auch die drei rivalisierenden Fraktionen in der Gästekurve. Im Zentrum stand die historische Dachgruppe „Grobari“ (die Totengräber, die 1970 das Licht der Welt erblickt haben), mit Gruppen wie „Alcatraz“ oder den „Shadows“. Linksaußen, angrenzend zur Gegengerade, fand man die Abspaltung „Zabranjeni“ (die Verbotenen) und rechtsaußen, angrenzend an die Haupttribüne, die „Partizanovci“. Letztere werden von Miloš „Kimi“ Radisavljevic angeführt, der früher ein Kopf von „Alcatraz“ war und einem interessierten Publikum vielleicht durch die TV-Dokureihe „The Real Factories – International“ respektive „Hooligans – Die härtesten Fans der Welt“ bekannt ist. Alle drei Fraktionen waren notwendigerweise mit großzügigen Pufferzonen getrennt.

Der Sektor der Zabranjeni

Spaltung hat in der Kurve von Partizan eine gewisse Tradition. So gab es 1999 schon mal einen großen Split in „Grobari“ und „Juzni Front“. Differenzen, die bis ungefähr 2005 anhielten. 2011 haben sich dann die „Zabranjeni“ von den „Grobari“ gelöst und sind von der Südtribüne auf die Osttribüne übergesiedelt. In der Folgezeit begann eine blutige Auseinandersetzung zwischen ihnen und den Grobari-Gruppen um „Alcatraz“. Es gab Zusammenstöße bei Partizans Fußballspielen, Basketballspielen, Handballspielen usw., sowie in den Clubs der Stadt und auf offener Strasse. Doch es blieb nicht nur bei Schlägereien.

Der Grobari-Sektor

So wurde beispielsweise 2011 das Zabranjeni-Mitglied Ivan Perovic von Alcatraz-Leuten aus einem fahrenden Auto erschossen. 2016 wurde der Zabranjeni-Anführer Alan „Kubi“ Kostic von einem Capo der Gruppe „Alcatraz“ mit einer AK 47 ins Jenseits befördert. Da ging es natürlich nicht um Streitigkeiten, ob laute Schlachtrufe oder Dauergesänge der geilere Support sind, sondern um Unterweltkonflikte. Wenig später wurde dem Anführer der Grobari-Gruppe „Janjičari“ per „Drive-by-Shooting“ das Leben genommen (verdächtigt wurde allerdings eine montenegrinische Mafiaorganisation, anstatt die „Zabranjeni“). Von den „Janjičari“ hieß es, dass sie abtrünnige Zvezda-Lads in ihren Reihen hatten, die aus „geschäftlichen“ Motiven die Seiten gewechselt haben. Ende 2017 wollten die Zabranjeni-Gruppen „Young Boys“ und „Vandal Boys“, unterstützt von dubiosen Kroaten (!) aus Split, Partizans Südkurve übernehmen, wurden allerdings beim 156.Derby am 13.12.2017 von „Alcatraz“ und Co aus der eigenen Kurve geprügelt.

Die Partizanovci

Nach dieser Episode des langen Konfliktes (ich hab hier aus Platzgründen echt nur mal ein paar Zwischenfälle angeschnitten), traten die „Partizanovci“ plötzlich als dritte große Fraktion auf den Plan. Neben „Kimi“, der in den letzten Jahren ’ne Zeit lang untertauchen musste und außerdem eine Haftstrafe zu verbüßen hatte, mischen da noch weitere ehemalige Führungsköpfe von „Alcatraz“ mit und die „Zabranjeni“ wären jetzt ein logischer Verbündeter gegen die Grobari-Gruppen. Allerdings scheinen die „Zabranjeni“ Kimi und Co nicht wirklich über den Weg zu trauen. Schließlich haben diese Leute zur Zeit der Abspaltung der „Zabranjeni“ die Südkurve mitangeführt und standen damals für alles, was man „Alcatraz“ vorwarf. Das war beispielsweise, dass sie sich auf Kosten der Kurvengänger mit überteuerten Tickets (die der Verein „Alcatraz“ kostenlos zur Verfügung stellte) die eigenen Taschen vollmachten. Oder auch, dass sie ehemalige Zvezda-Lads dulden bzw. sogar in ihre Strukturen integrieren und dass sie mit der Exekutive zusammenarbeiten.

Die Teams laufen auf

Eines ist sicher, für eine große Versöhnungsparty in der Südkurve braucht sich niemand kurzfristig Termine freihalten. Wenigstens haben sie neben den Farben noch den Hass auf Zvezda gemein. So waren es die „Partizanovci“, die kurz vor Spielbeginn das erste Pöbelspruchband in unsere Richtung an ihrem Zaun befestigten. In etwa: „Dies ist kein Stadion, sondern eine Klärgrube. Das Zentrum von Serbiens Abschaum.“

Die Adressaten-Kurve macht natürlich auch ihr „Biznis“, hat aber wenigstens keine sichtbaren internen Konflikte. Unter dem Dach „Delije“ finden sich immer noch alle Gruppen wieder. Bekannte Gruppen der älteren Generation sind u.a. die „Ultra Boys“ (1993), „Heroes“ (1994), „Brigate“ (1994) und „Belgrade Boys“ (2000).

Choreo von Delije (war frontal besser zu erkennen)

Sie präsentierten zu Beginn eine Kosovo-Choreo in der Nordkurve. Nur fett das Wort „Kosovo“ aus Papptafeln und im Zentrum Schild und Schwerter. Ein Symbol, welches zusammen mit dem „Kosovo-Schwur“ die Gedenkstätte „Gazimestan“ im Kosovo schmückt und an welches sich auch das Delije-Logo anlehnt. „Delije“ wurde übrigens 1989, also 600 Jahre nach der Schlacht auf dem Amselfeld („Kosovo polje“) gegründet. Was der Kosovo und diese Schlacht für eine Bedeutung für die serbische Seele haben, habe ich mal etwas ausführlicher im Belgrad-Bericht aus dem September 2017 beschrieben. Da machen wir jetzt kein „Copy & Paste“.

Marko Gobeljic

Mit in der Kurve stand übrigens der verletzte Spieler Marko Gobeljic. Er wurde mit einem der zahlreichen „Kosovo – Nema predaje“ Banner abgelichtet. Und wo wir gerade bei territorialpolitischen Statements sind; es hing außerdem eine Serbienfahne mit dem Schriftzug Vukovar (in kyrillischen Lettern). Wer die Provokation dahinter nicht versteht, googelt mal (der Bericht ist leider schon viel zu lang, um dazu auch noch etwas zu schreiben). Die „Grobari“ ticken natürlich politisch nicht anders als „Delije“ und hatten u.a. ein Banner mit dem Konterfei von General Mladic am Zaun befestigt (wenn nötig, bitte hier auch googeln).

General Mladic grüßt vom Grobari-Banner

Da wir mittlerweile das Jahr 2019 schreiben, kann man auch leicht errechnen, dass „Delije“ inzwischen 30 Jahre auf dem Buckel hat (gegründet am 7.Januar 1989). Vor zwei Wochen, beim ersten Heimspiel des Jahres gegen Vojvodina, wurde der Geburtstag schon etwas zelebriert. Heute gab es auch nochmal Aktionen mit Geburtstagsbezug. Unter anderem wurde eine Doppelhalter-Choreographie aus dem Jahre 1989 eins zu eins kopiert. Dabei war einst und heute „Delije Sever – Volim Te“ (Delije Nord – Ich liebe dich) in großen Lettern in der Nordkurve zu lesen.

Zeitreise ins Jahr 1989

Doch lassen wir das eigentliche Fußballspiel nicht ganz untergehen. Partizan überzeugte im ersten Durchgang mit einer stabilen Defensive und die Partie nahm nur langsam an Fahrt auf. Zur ersten Torchance kam es, als sich Zvezdas Marko Marin in der 21.Minute in den gegnerischen Strafraum dribbelte. Allerdings entschärfte Partizans serbischer Ex-Nationaltorhüter Vladimir Stojkovic den Schuss des ehemaligen deutschen Nationalspielers (mit serbischen Wurzeln).

Die Gästekurve lodert

Zwei Minuten später klingelte es doch im Gästetor, nur soll Torschütze Ben in den Augen des Schiedsrichtergespanns bei der Ballannahme im Abseits gestanden haben. Also weiterhin 0:0. In der 37.Minute gab es dann ein Gestochere um den Ball an Zvezdas Strafraumgrenze und irgendwie landete die Kugel am Elfmeterpunkt vor den Füßen von Nemanja Nikolic, der die Konfusion der Verteidigung zur Gästeführung ausnutzte. Ein Pyrospektakel in den Gästeblöcken war die erwartbare Reaktion der Partizan-Anhänger.

Es brennt bei den Grobari nach dem 0:1

Die Elf vom zur Zeit mächtig wackelnden Trainer Zoran Mirkovic brachte die Führung in die Pause und wir freuten uns 15 Minuten lang auf das Kurven-Intro zur 2.Halbzeit. Wir wussten natürlich, dass zumindest die Jungs in der Delije-Kurve etwas geplant hatten. Mutmaßlich etwas Pyrolastiges und genau so kam es auch. Denn als die Mannschaften wieder das Feld betraten, gewitterte es im Heimsektor. Die Fans hatten zig Stroboskopfackeln entzündet, was minutenlang ein geniales Bild in die Kurve zauberte.

Die Nordkurve zu Beginn der 2.Halbzeit

In der Gästekurve hielt man sich etwas zurück, aber gezündelt wurde dort selbstredend auch dauernd. In der 70.Minute, mutmaßlich weil die Grobari 1970  gegründet wurden, sah das wieder etwas organisierter aus. Im Zentrum des Grobari-Sektors wurden mehrere Fackeln in Reihe gezündet. Übrigens fand ich mit meinem Zaunfahnenfetisch das riesige „Undertakers Belgrade“ Banner vor dem Block richtig stark.

Die Grobari in der 70.Minute

Auf dem Platz stemmte sich die Heimelf natürlich gegen die drohende Derbyniederlage, während Partizan mit stabiler Defensive dagegen hielt. Richtig gefährlich wurde es erstmals wieder in der 57.Minute. Stojkovic fischte einen Kopfball von Milan Gajic aus dem Torwinkel und verhinderte damit vorerst den Ausgleich. Aber die Hausherren blieben am Drücker und in der 60.Minute traf Dusan Jovancic das Außennetz. Der FK Crvena zvezda war jetzt klar das bessere Team und ein Tor nur eine Frage der Zeit. Joker Pavkov (kam in der Pause für Veljko Simic) erlöste das Heimpublikum schließlich in der 74.Minute und knallte den Ball aus der Straufraumecke zum 1:1 in die Maschen.

Freudenfeuer nach dem Ausgleich

Natürlich loderten jetzt wieder Bengalische Feuer in der Nordkurve und die Fans sangen „Pavkov’s on fire“. Eine persönliche Huldigung, die der Stürmer sich diese Saison durch seine Siegtore gegen den großen Liverpool FC in der Champions League verdient hat. Nichtsdestotrotz flachte die Partie nach dem Ausgleich wieder ab. Zvezda spielte zwar weiter nach vorne, aber ich hatte das diffuse Gefühl, dass jetzt beide Seiten mit der Punkteteilung zufrieden waren.

Sitzschalenschmelze

10 Minuten vor Schluss begann im Gästesektor (bei den Grobari) nun wieder die traditionelle Sitzschalenschmelze. Sie legen anscheinend bei jedem Gastspiel im „Marakana“ ein Feuer und erfreuen sich an den giftigen Dämpfen. Doch auch auf dem Platz ging es noch einmal heiß her. Torchancen gab es zwar keine mehr, aber ein Foul in der 87.Minute erhitzte die Gemüter. Torschütze Nikolic hatte Filip Stojkovic unweit der Zvezda-Bank rüde gefoult. Es entstand ein Handgemenge, in welches auch die Akteure von den Auswechselbänken eingriffen. Schiedsrichter Grujic beendete die Rauferei und zückte dabei vier Gelbe Karte (Kartengesamtbilanz übrigens 4:6).

Doviđenja Beograd

Danach tickte die Uhr ohne nennenswerte Vorkommnisse weiter runter und in der 90+3. Minute war Feierabend. Somit verließ keine Mannschaft das Stadion auf dem Belgrader Topčiderberg als Sieger, aber auch kein Team und kein Anhang fühlte sich als Verlierer. Wir schauten uns noch an, wie die Spieler in den Fankurven gefeiert wurden und dann mussten wir so langsam zum rund 3,5 Kilometer entfernten „Hotel Rex“ spazieren. Denn dort warteten unser Gepäck und unser Chauffeur nach Sarajevo. In Bosnien sollte schließlich unsere Balkantour nach 1,5 weiteren Tagen ihr Ende finden. Leider ihr Ende finden, kann man schon jetzt bilanzieren.