Beograd (Belgrad) 09/2021

  • 19.09.2021
  • FK Partizan – FK Crvena zvezda 1:1
  • Super Liga (I)
  • Stadion Partizana (Att: 16.074)

In der Impfeuphorie des Frühsommers entschied ich mich eine Reise zum erstbesten Belgrader Derby im September zu planen. Flüge gab es von Hannover für ’n Appel und ’n Ei (Freitag hin, Montag zurück), so dass auch Ole, Fat Lo, InterCityBerger und Kräftchen nicht lange überlegten. Außerdem weilte El Abto im September drei Wochen zwecks Bildungsurlaub in Serbiens Hauptstadt. Würde also ein guter Derbymob werden. Wir ließen uns auch nicht entmutigen, als Wizz Air im August unsere Flüge strich. Stattdessen flogen Fat Lo und Ole schon am Mittwochabend ab Dortmund und konnten so tags darauf bereits das Europapokalspiel des FK Crvena zvezda gegen den Sporting Clube de Braga mitnehmen. Kräftchen, Berger und ich blieben dagegen, den Fesseln der Lohnarbeit geschuldet, beim freitäglichen Abflug. Nun allerdings ebenfalls ab Dortmund und mit anderen Flugzeiten. Der Vogel sollte Freitag 15:55 Uhr anstatt 9:10 Uhr von deutschem Boden abheben und Montag war wiederum erst 18:20 Uhr Abflug (nach Hannover wäre jener bereits um 6:30 Uhr erfolgt).

BMW E30

Entsprechend fuhren Berger und ich am Freitagmorgen um 9:30 Uhr in Hildesheim los und trafen uns 2,5 Stunden später mit Kräftchen, der direkt aus seinem NRW-Exil angereist war, zum Mittagessen in Dortmund-Wambel. Unser Kumpel hatte dafür nämlich extra „Big Boost Burger“ herausgesucht. Dieser Burgerladen gehört zur Fahrzeugveredelungsschmiede „JP Performance“ und somit standen in der Nachbarschaft des Grillrosts einige aufgemotzte Sportwagen. Weil dort zwischen 12 und 13 Uhr die Hölle los war, blieb beim Warten auf die Bestellung genug Zeit, um sich die Karren mal genauer anzuschauen. Aber Stammleser wissen es vielleicht, ich habe meinen Führerschein nur als ca. 1.312€ teures alternatives Ausweisdokument erworben und bin nicht so der PS-Nerd. Deshalb spare ich mir detaillierte Schilderungen der Boliden. 

Toyota GT86 bei Big Boost Burger

Stattdessen möchte ich die Burger über den grünen Klee loben! Wir haben uns alle für den Meat Love (8,90€) mit 0,2 kg Rindfleisch, doppelt Bacon und doppelt Cheddar entschieden. Außerdem waren noch rote Zwiebeln, Bacon Jam und die hiesige Signature Sauce zwischen den Brötchenhälften anzutreffen. Eine höchst harmonische und zugleich sehr sättigende Kreation. Weil wir mangels Frühstück so richtig Hunger hatten, gab es außerdem noch Bratcurry (3,60€) und Fritten (2,40€) dazu. Aber eigentlich hätte man sich diese Begleiter auch sparen können. Beim nächsten Mal sind wir schlauer. 

Hypergieriger Burger

Nach dem Essen schauten wir uns gegenüber der Burgerbraterei, am Hauptsitz von „JP Performance“, noch ein paar Ferraris, Porsches und andere Sportwagen an (für die PS-Freunde ist sicher auch der YouTube-Channel von „JP Performance“ eine Empfehlung). Dabei träumten meine zwei Mitreisenden bereits von neuen fahrbaren Untersätzen mit ordentlich Power unter der Haube. Vielleicht würde das nötige Kleingeld dafür in Belgrad, dem Monte Carlo des kleinen Mannes, bei „Balkan Bet“ zu gewinnen sein? Also, nichts wie weg und auf nach Serbien!

VW Golf II GTI Fire & Ice

Am Flughafen parkten wir kostenneutral in einem nahen Wohngebiet und im Terminal legten wir beim Check-In zeitnah unsere Impfpässe vor. Wir profitierten übrigens von einer kurzfristigen Neuregelung im Grenzverkehr zwischen Deutschland und Serbien. Bis vor wenigen Tagen erkannte Serbien den deutschen Impfschutz nicht an und bestand auch bei vollständig Geimpften auf einen negativen PCR-Test. Just an dem Tag, als Angela Merkel nochmal auf Abschiedsbesuch bei Aleksandar Vučić war (Montag, 13.September), hob Serbien die Beschränkung jedoch auf. Da ein PCR-Test um die 50€ kostet, kam uns das natürlich sehr gelegen. Danke Vučić!!! Danke Merkel!!!

Das erste Bier des Urlaubs

Hinter der Sicherheitskontrolle war noch genug Zeit für ein paar Runden Pils. Wie es sich für einen Flughafen gehört, zu äußerst unverschämten Preisen (0,33l Brinkhoff’s für 3,50€). Aber was soll der Geiz? Wizz Air hob letztlich mit kleiner Verspätung um 16:10 Uhr ab und ich hatte in unserem Trio mit 1E noch den besten Platz zugewiesen bekommen (wenigstens genug Beinfreiheit). Dennoch war es eine Freude nach 1:55 h wieder aus der ungarischen Sardinenbüchse zu steigen und das Hochrisikogebiet Serbien zu betreten (bei Buchung lag die Inzidenz noch im niedrigen zweistelligen Bereich, nun war sie auf 700 gestiegen).

Ab nach Serbien

Die Einreise erfolgte auch flott (die Grenzer interessierte nur Personalausweis oder Reisepass) und anschließend wurde die Taximafia gekonnt ignoriert. Stattdessen ging es für 300 Dinar p. P. (ca. 2,50€) mit dem Bus ins Stadtzentrum. Dort hatte ich uns eine kleine Zwei-Zimmer-Wohnung in der Cetinjska organisiert (Parallelstraße der Skardalija). 100€ für drei Nächte, gut ausgestattet (inklusive Klimaanlage) und für drei Personen platzmäßig ausreichend. Vermieterin Katarina war auch sehr sympatisch und die Abwicklung war völlig unkompliziert. Diese Bleibe wandert defintiv in meinen Pool.

Wir starten mit Šopska

Auf 20 Uhr hatte Abto dann für alle einen Tisch im „Velika Skardalija“ reserviert und erfreulicherweise war jenes hervorragende Restaurant nur 250 Meter von unserer Wohnung entfernt. Unser Tisch stand direkt am Springbrunnen, in der Mitte des Hofes. Da hatten wir das ganze Geschehen im Blick und wurden von den Musikern optimal mit serbischen Volksliedern beschallt. Doch nicht nur für diese vortreffliche Wahl möchte ich unseren Klostervorsteher preisen. Auch hatte sein Serbisch in den letzten drei Wochen einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht. Lob an ihn und seine Lehrerin.

Der Hauptgang war köstlich, aber herausfordernd

Zum Essen gab es nun Šopska, frisch gebackenes Brot und große Fleischplatten mit Ćevapčići, Kobasice, Schweinesteak, Gurmanska Pljeskavica und Hähnchenfilet im Speckmantel. Dazu Kartoffelecken und ein bisschen Zwiebelgarnitur. Alles ein Hochgenuss, aber wir hatten am Ende mit der Portionsgröße doch arg zu kämpfen. Unsere Kellnerin war allerdings recht keck und weigerte sich etwas anderes als leere Fleischplatten abzuräumen. Letztlich teilte sie die Reste nochmal auf unsere Teller auf und wir parierten artig.

Diverse Digestif durften deshalb nicht fehlen

Bewegung war nach dem üppigen Essen voerst nicht in unserem Interesse und so ließen wir den Abend bis 1 Uhr an unserem Tisch ausklingen. Natürlich mit viel Rakija Dunja und noch mehr Jelen Pivo. Es gab auch wieder einiges zu erzählen und zu lachen, so dass gar kein Interesse an einer Luftveränderung aufkam. Am Ende waren aufgerundet 30.000 Dinar zu entrichten, wovon Fat Lo gleich mal ein Drittel und damit quasi alle Speisen als nachträgliches Geburtstagessen übernahm. Hvala brate! Das Angebot, dass er komplett alles zahlt, konnten wir allerdings nicht annehmen, so dass jeder für die Getränke ein paar tausend Dinar in den Hut warf.

Schlummertrunk

Gegen 1:30 Uhr waren wir wieder in der Wohnung und Fluch oder Segen war nun, dass wir bei Ankunft außer Wasser auch ein paar Dosen Bier gekauft hatten. Die mussten natürlich noch aufgerissen werden. Als alle sechs Blechbüchsen leer waren, konnte die Nachtruhe aber beginnen. Immerhin war Urlaub und wir konnten bis mittags schlafen. Erst gegen 12 Uhr waren wir mit anderen beim nächstbesten „Balkan Bet“ verabredet. Kaffee trinken, Wettquoten prüfen, Scheine machen, Geld im Automaten oder am Roulettetisch vermehren… Was man halt so in einem serbischen Wettbüro macht.

Zum Glück gibt es für Glücksspielgegner wie mich bei „Balkan Bet“ auch Bier

Danach ging es zum Trg Republika (Platz der Republik) und von dort durch die Knez Mihailova zur Festung Kalemegdan. Kräftchen musste bei seinem ersten Besuch der serbischen Hauptstadt wenigstens das Wesentliche an touristischen Höhepunkten gezeigt werden. Nicht, dass er denkt in Belgrad gäbe es nur Fleischrestaurants, Glücksspielhöllen und Fußballstadien. Ich spare mir an dieser Stelle jedoch weitere Ausführungen zu den Sehenswürdigkeiten und der Stadtgeschichte. Das wurde schon in genug meiner Reiseberichte aus Belgrad erörtert und insbesondere jener aus dem Juli 2019 ist denke ich empfehlenswert für Interessierte.

Trg Republika (Platz der Republik)

Auf der Festungsmauer zauberte dann auch irgendwer von irgendwo schon wieder Bier her und in der Mittagssonne schlugen die alkoholhaltigen Erfrischungsgetränke gleich ein wenig an. Deshalb zogen wir alsbald ein schattiges Plätzchen im Biergarten „Mali Kalemegdan“ an der Festungsmauer vor. Auch hier gab es natürlich Bier für die durstige Runde, aber ebenso ein paar kleine Snacks. Nichtsdestotrotz wollten Ole und ich noch zu einem Fußballspiel der 3.Liga nach Novi Beograd rüber (FK Radnički Beograd vs. FK BSK Borča), welches um 16 Uhr angepfiffen werden sollte.

Ausblick von der Festungsmauer

Aber meine Freunde merkten, dass ich unentschlossen wirkte und um 15:30 Uhr meinte Ole „Was ist jetzt? Ja oder nein?“ Die Vorlage nahm der Rest dankbar auf und textete einen bekannten Song von „Fettes Brot“ um. Ich kriege den ganzen Text natürlich nicht mehr komplett zusammen, aber die Hook war auf jeden Fall „Trag ich mir den Ground ein oder knall‘ ich mir ein rein? Ja, äh, nein. Ich mein jein…“ Bei so viel Kreativität ergriff ich mit Ole schnell, aber sichtlich schmunzelnd das Weite. Ground sticht Gerstensaft… (jedenfalls manchmal).

Wir bleiben dem Zaječarsko vorerst treu

Nun sollte es mit einem Taxi zum Stadion des FK Radnički Beograd gehen, allerdings waren die Straßen der Innenstadt plötzlich wie ausgestorben. Es fuhren nur noch ein paar Busse und Straßenbahnen. Auf dem Weg zum nächstbesten uns bekannten Taxistand sahen wir dann Polizisten Absperrungen errichten. Hier war irgendwas im Busche. Da weit und breit kein Auto mehr fuhr und die Innenstadt großflächig abgesperrt war, konnten wir uns das Taxi und damit den Ground in die Haare schmieren.

In Belgrad ist was im Busche

Zum Glück wusste Ole einen netten anderen Biergarten in der Nähe und wir ließen uns zeitnah im Innenhof des ”Bridge Pub” nieder. Dort gab es das leckere Nektar vom Faß (eine Bierspezialität aus Banja Luka). Wir erfuhren hier außerdem, dass heute die ”Beograd Prajd” stattfinden sollte und ebenso eine Gegendemo angekündigt war. Das erklärte natürlich den Aufriss in der Stadt. Wir naschten nun unser Nektar und kaum war die zweite Runde bestellt, tauchte der Rest vom Fest auf. Da alle zwischenzeitlich in einer Spielhölle namens ”Balkan Bet” am Roulettetisch oder bei “Eye of Horus” erfolgreich waren, wurde natürlich eine ansteckende Euphorie versprüht. Entsprechend vergaßen Ole und ich schnell den Kummer über das verpasste Fußballspiel.

Glücksspiel kann süchtig machen. Infos und Hilfe unter http://www.bzga.de

Gegen 18:30 Uhr kam schließlich ein leichtes Hungergefühl auf, welches bei einem nahen Pizzastand bekämpft werden konnte. Beim Blick die Straße hoch sahen wir dann einen Demonstrationszug und beschlossen uns die Menschen mal aus der Nähe anzuschauen. Aber irgendwie war das alles total unübersichtlich. Anscheinend gab es diverse Demos zeitgleich. Eine Demo, die wir zunächst für eine nationalistische Gegendemo der „Prajd“ hielten, entpuppte sich als Kundgebung von Impfgegnern und Coronaleugnern. Querdenker gibt es also auch in Serbien.

Impfskeptische und Corona verharmlosende Demonstranten

Und letztlich waren die natürlich gewissermaßen trotzdem eine Gegendemo, da diese Szene auch in Serbien ganz klar rechten Verschörungserzählungen und rechter Ideologie anhängt. Das Narrativ des Hauptredners war u. a., dass „Globalisten“ (Hans-Georg Maaßen gefällt das) die serbische Nation gefährden. Corona und drohender Impfzwang bzw. die Einführung von Covid-Pässen in Serbien (welche die Regierung einführen will, um bei der gegenwärtigen Inzidenz und Intensivbettenauslastung einen weiteren Lockdown zu verhindern) wären nur ein Hebel, um die serbische Nation zu zerstören. Die ganze „Homo-Propaganda“ hätte das gleiche Ziel. Alles eine große Verschwörung von den Feinden Serbiens.

Demonstranten ziehen Richtung Parlamentspalast

Von den Queerdenkern und ihren Regenbogenfahnen dagegen keine Spur. Die hielten derweil auch schon ihre Abschlusskundgebung im nahen Manjež-Park ab (wie wir später den Medien entnehmen konnten). Stattdessen kam bald eine Prozession mit Heiligenbildern, Kreuzen und Weihrauch um die Ecke. Aber da war auch nicht klar, ob die nun gegen die „unchristliche“ Sexualität der LGBTetc.-Community demonstrierten (mit der sie gewiss nicht sympathisieren) oder sie doch zuvorderst ein anderes Anliegen hatten. Es herrscht schließlich seit mehreren Jahren ein Kirchen- und Nationalitätenstreit in Montenegro, der sich Ende 2019 durch ein mittlerweile wieder kassiertes Gesetz zur weitgehenden Enteignung der serbisch-orthodoxen Kirche in Montenegro zuspitzte. Im Zuge dessen gehen serbisch-orthodoxe Christen regelmäßig in serbischen und montenegrinischen Städten demonstrieren. Erst jüngst am 5.September, anlässlich der Einführung des neuen Metropoliten der serbisch-orthodoxen Kirche im montenegrinischen Cetinje, gab es gewaltsame Proteste. Montenegrinische Nationalisten sehen in der serbisch-orthodoxen Kirche einen verlängerten politischen Arm Belgrads, der Montenegros Unabhängigkeit unterminiert. Gleichwohl gehören rund zwei Drittel der Einwohner Montenegros der serbisch-orthodoxen Kirche an (und ein Drittel der Bevölkerung bekennt sich zur serbischen Nationalität).

Religiöse Eiferer

Wir beschlossen die für „Outsider“ schwer zu verstehende Szenerie so langsam mal zu verlassen. Schließlich demonstrierten wir hier nicht für oder gegen irgend etwas, sondern waren gefühlt die einzigen Schaulustigen. Außerdem tun mir Demonstranten jeglicher Couleur immer leid. Denn wer für seine Anliegen auf die Straße gehen muss, hat anscheinend nicht genug Geld, um sich die notwendigen Politiker zu kaufen. In funktionierenden Demokratien wie der Bundesrepuplik Deutschland regelt man sowas mit Parteispenden, Wahlkampfunterstützung oder mit gut dotierten Posten nach dem politischen Mandat. Abends auf der Straße mit einem Plakat in der Hand frieren, ist wirklich nur etwas für den Pöbel.

Insgesamt 3.600 Polizisten sicherten die reibungslose Duchführung der „Prajd“ ab

Durch mehrere Polizeiketten arbeiteten wir uns nun mit dem „Touristenbonus“ zum Restaurant „Polet“ vor. Das hatte trotz der Demos geöffnet, war aber so gut wie menschenleer. Ich kannte das Restaurant bisher nur proppenvoll, aber so hatten wir heute die volle Aufmerksamkeit der Kellner. Die durften gleich eine Runde Šopska, sowie Jelen Pivo und Rakija servieren. Bei den Hauptgängen entschied sich jedoch jeder für etwas anderes. Mich hatte in der Speisekarte das Polet-Steak angelacht (eine mit Käse und Schinkenwürfeln gefüllte Schnitzelrolle im knusprigen Speckmantel). Nach dem Essen stieg ich in den Kanon der zufriedenen Gesichter ein. Es musste nur noch ein Verdauungsschnaps her, um das Abendessen perfekt abzurunden. Einer musste zwar zu seinem Glück gezwungen werden, aber auch dieser Haderer konnte diplomatisch davon überzeugt werden, dass ein Nein in dieser Runde nicht akzeptiert wird.

Abendessen im Restaurant Polet

Nachdem jeder 2.000 Dinar für Essen und diverse Getränkerunden im „Polet“ gelassen, waren wir sozusagen auf Betriebstemperatur. Deshalb musste natürlich noch irgendwo weitergekachelt werden. Zwischenzeitlich hatte sich unser Partizan-Kumpel M. von den „Zabranjeni“ gemeldet. Der war mit ein paar Kumpels in der „Zappa Bar“ am feiern. Hm, da feiern wir doch mit… Also auf zur Bar, die in einer Nebenstraße der Knez Mihailova zu finden ist und somit auch unweit unserer Appartements lag. Strategisch also ein idealer Ort, um den Derbyvorabend ausklingen zu lassen. Vor Ort gab es dann viele Cocktails und Longdrinks und obendrein einen guten Musikmix von einer DJane. Leider war um 1 Uhr Sperrstunde. Die galt wohl aktuell als quasi letzte gültige Coronamaßnahme flächendeckend in Belgrads Gastronomie.

Partystimmung in der Zappa Bar

Ole machte nun als erster den Abflug. Allerdings meinte M., dass wir noch auf einem „Splav“ weiter feiern könnten. Wir dachten, er meinte das private „Splav“, auf wir auch im Juli 2019 mit ihm gechillt hatten. Sprich, dass wir uns in kleiner Runde noch ein paar Drinks genehmigen. Doch stattdessen ging es mit zwei Taxis zu den Partybooten am Save-Ufer. Die hatten anscheinend um 1 Uhr noch keine Sperrstunde. Angeblich, weil sie höhere Steuern zahlen. Ja gut, welches Virus lässt sich nicht durch fiskalische Regulierungen eindämmen? Wahrscheinlich will deshalb auch eine relative Mehrheit der Bundesbürger den gegenwärtigen Finanzminister (und somit obersten Pandemiebekämpfer) als neuen Bundeskanzler.

Die nachts in den panslawischen Farben illuminierte Brankov-Brücke

Die Taxis warfen uns an der „Zappa Barka“ raus und da M. hier natürlich ebenfalls bestens bekannt war (die Zappa-Läden sind eng mit der Szene von Partizan verknüpft), waren sowohl das Anstehen in der Schlange, als auch das Eintrittsgeld hinfällig. Dafür war der Preis möglicherweise eine Ansteckung mit einem neuartigen Coronavirus, der die Welt nach wie vor in Atem hält. Nüchtern wären wir wohl wieder umgedreht und hätten kein überfülltes Partyboot in einem Hochrisikogebiet betreten. Am nächsten Morgen fanden wir uns deshalb ziemlich leichtsinnig.

Eng an eng auf der Zappa Barka

Zum Schönreden taugten lediglich diverse nicht ganz ernst gemeinte Argumente. Denn es war wenigstens an der frischen Luft (es wurde an Deck gefeiert) und für alle anderen Gäste galt bestimmt 3G. Nur bei frisch eingereisten Ausländern mussten die Türsteher selbstverständlich nicht nach einem Nachweis fragen (den brauchten wir doch eh für die Einreise). Ferner standen wir fast den ganze Zeit mit M. und weiteren „Zabranjeni“ an der Theke, anstatt uns richtig ins Getümmel zu werfen. Und im Zweifelsfall muss man den Impfschutz eben mal auf Herz und Nieren prüfen. Aber ernsthaft, einfach wieder mal ein Paradebeispiel, dass Alkoholkonsum und Infektionsschutz bei Tinder kein Match hätten.

Mitten in der Nacht war wieder alles ruhig am Parlamentspalast

Für den Moment hatten wir natürlich dennoch dieses Stück Normalität ausgekostet. Es war eine Topstimmung auf dem Boot und erst gegen 4 Uhr morgens ging die Musik aus und das Licht an. Wir organisierten uns erneut Taxis und fuhren zurück ins Stadtzentrum. Abto, Lo und M. nahmen noch ein, zwei Absacker in Abtos Wohnung und brutzelten sich Frühstück in der Pfanne, während Berger, Kräftchen und ich kapitulierten. Jedes weitere alkoholische Getränk hätte lediglich das Potential gehabt uns den Sonntag, ergo den Derbytag komplett zu versauen. Nicht, dass wir das um 4:30 Uhr mit 1,896 Promille noch abwägen konnten, aber wir waren halt einfach stehend K.O.. Manchmal kannst du die Augen nicht mehr aufhalten und Bier passt auch keins mehr in den Körper. Deshalb sage ich auch immer, dass man sich beim Alkoholkonsum kein Limit setzen muss. Das legt dein Körper schon von alleine fest.

Der Saša mag Ćevapčići

Zum Glück war Abtos Bude nur 10 Fußminuten von der unseren entfernt und kurz vor 5 Uhr lagen wir im Bett. Aber gut ging es uns Sonntagvormittag natürlich trotzdem nicht. Ich war aus unserem Trio noch der fitteste Mensch und verabredete mich um 11 Uhr zum Frühstücken mit Ole. Da er gestern den Absprung zum richtigen Zeitpunkt geschafft hatte, schlug sein Fitnesslevel den meinen natürlich nochmal um Längen, aber 10 Ćevapčići mit Zwiebeln, Kajmak und Lepinja im Restaurant „To je to“ brachten mich auch ein gutes Stück voran. Bei „To je to“ gibt es die kleinen Fleischröllchen nach Sarajevo-Art und diese ist bekanntlich geschmacklich schwer zu toppen. Anschließend gab es noch Kaffee und Cockta (serbische Cola) im sonnigen Hof des Lokals „Jedno Mesto“. Hier stießen auch nach und nach Abto, Lo, Berger und Kräftchen dazu.

Cockta, wenn an Cocktails noch nicht zu denken ist

Bis 14 Uhr fassten wir uns kollektiv an Kopf, wie dämlich wir vor wenigen Stunden waren. Dann machten wir uns langsam auf in Richtung Stadion und stellten fest, dass immer noch keine Autos auf den Straßen der Innenstadt zu erspähen waren. Die Stadtoberen hatten einen „Pešačka nedelja“ (zu deutsch: Autofreier Sonntag) ausgerufen. Aber ist natürlich ganz praktisch, wenn am Vortag eh alles abgesperrt werden musste. Nun hatten sich die Fußgänger, Fahrradfahrer und spielende Kinder den Asphalt zurückerobert. In Serbien werden grüne Träume Wirklichkeit… Zumindest für einen Tag.

Karadjordje-Denkmal und Dom des Heiligen Sava

Berger und ich zeigten Kräftchen auf dem weiteren Weg natürlich noch die Kathedrale des Heiligen Sava, um das Thema Sightseeing für einen Erstbesucher halbwegs abzurunden. Außerdem nutzten wir das Umfeld des geweihten Ortes gegen 15 Uhr für eine weitere Kaffeepause. Ich hatte mit meinen feinen Antennen Impulse empfangen, dass die beiden Kollegen nicht davon angetan waren die relativ lange Strecke von der Skardalija zum Stadion quasi in einem Rutsch zu bewältigen. Und ich bin ja kein Sklaventreiber (mehr). Also lieber nochmal drei Tassen Kaffee in einem Café an der Kathedrale geordert und Süßschnabel Berger gönnte sich sogar noch leckere Eiscreme.

Die Europapokalfinalelf von 1966 an der Stadionfassade (Real Madrid mit 1:2 unterlegen gewesen)

Gegen 16 Uhr schlugen wir schließlich am Kreisel des Bulevar Oslobodjenja auf und kehrten dort noch auf eine Runde Cola in eine der Bars ein. Von den Außentischen konnte man wie immer prima Leute gucken. Bekanntermaßen hat das Fanlager mit Heimrecht selbiges auch am Kreisel und so sahen wir bereits viele Mobs von Partizan. Plus deren Moskauer Freunde von CSKA. Man schnappte auch schon erste Informationen über Scharmützel auf. So ein Derbytag geht für die Szenen bekanntermaßen mindestens 24 Stunden und die Polizei kann natürlich nicht in allen Winkeln der Metropole so präsent wie im Stadionumfeld sein.

Gesperrter Sitzplatz

Als 17 Uhr durch war, nahm die Hibbeligkeit wieder überhand und wir machten die letzten 500 Meter zum Stadion. Vor der Heimkurve stand noch eine höchst imposante Menschenansammlung, die Einlass begehrte. Wir arbeiteten uns zur Gegengerade vor und nahmen ca. 17:15 Uhr unsere Plätze angrenzend zur „Jug“ (Südtribüne) ein. Ole, Lo und Abto waren auch bereits drin, hatten sich jedoch auf Höhe der Mittellinie platziert. Wir überlegten ebenfalls dorthin zu wechseln, aber unser Block war verhältnismäßig dünn besetzt und wir hatten selbst zu Spielbeginn noch zu allen fremden Personen mindestens zwei Meter Abstand. Jetzt waren wir plötzlich wieder verantwortungsvolle Erwachsene mit Respekt vor Sars-CoV-2.

Die Mannschaft von Partizan betritt das Feld

Während der gewohnte und geschätzte Punkrock der „Grupa JNA“ aus den Boxen dröhnte, füllte sich das Stadion enorm. Die letzten drei Derbys wurden wegen der Pandemie ohne Publikum ausgetragen, doch nun waren Zuschauer wieder erlaubt. Im Nachgang würde Partizan 16.074 Besucher verkünden, was einer Auslastung von ziemlich genau 50% entspräche. Ich bin zwar schlecht im schätzen, aber das sah für mich eher nach 75% Auslastung aus. Abgesehen von den Pufferzonen, saßen oder standen die Fans eng an eng. Stimmung kam beim Aufwärmen der Mannschaften auch schon phasenweise auf und man freute sich auf einen tollen Derbyabend. An die Pandemie erinnerten heute nur die Aufkleber auf jedem zweiten Sitz, dass dieser Platz frei bleiben soll. Das war, allen alarmierenden Kennziffern zum Trotz, jedoch höchstens eine Empfehlung.

Die fast volle „Jug“ singt sich ein

Weil in der Gästekurve ebenfalls prall gefüllt war, sah die dortige Choreographie zu Spielbeginn entsprechend formvollendet aus. Die „Delije“ (Dachgruppe der Szene von Zvezda) hatten einfach mal die Choreo von vergangenem Donnerstag (Europa League gegen Braga) konserviert und erneut präsentiert (Europas nachhaltigste Ultras ;-)). Wie schon auf europäischer Bühne im heimischen „Marakana“, waren die Logos von Crvena zvezda und „Delije“ einträchtig nebeneinander. Dazu auf einem Banner der Satz „Samo za tebe, uvek uz tebe“ (Nur für dich, immer bei dir), welcher auch zugleich die Hauptzeile eines bekannten Fangesangs ist.

Choreographie in der Gästekurve

Bei den „Grobari“ (Dachgruppe der Fans in der „Jug“) ging dagegen zu Spielbeginn eine Blockfahne hoch. Auf dieser stand Novi Beograd in großen Lettern geschrieben und ein halber Totenschädel mit Spaten und Fischerhut war zu sehen. Darunter stand auf einem Banner „20 godina – Zlo i naopako“ (redensartlich übersetzt: 20 Jahre – Schlimmer geht’s nimmer). Da zusätzlich in dem Moment einzig eine Schwenkfahne der „Vandal Boys“ wehte und die diese Gruppe sowohl aus Novi Beograd stammt, als auch 2001 gegründet wurde, dürfte damit deren 20.Geburtstag gewürdigt worden sein. Dazu passten auch die anschließenden Gesänge für Demir Jukić (ein damals 18jähriger „Vandal“, der im Sommer 2017 bei Kämpfen mit rivalisierenden Fans von Zvezda einer Schußverletzung erlag).

Blockfahne in der Südkurve

Treue Leser von „Schneppe Tours“ oder Kenner der serbischen Szene werden jetzt vielleicht aufmerken. „Vandal Boys“? Gehörten die nicht zu den Gruppen, die sich aus der „Jug“ im Streit mit „Alcatraz“ gelöst haben und Ende 2017 teilweise an dem gescheiterten Versuch beteiligt waren, die „Jug“ gewaltsam zu übernehmen? Ja, richtig. Allerdings hat sich in den letzten Monaten einiges bei Partizan in der Kurve getan. So voll wie bei diesem Derby war die „Jug“ wahrscheinlich schon lange nicht mehr. Ich kann das gar nicht alles aufmetern und die ganze lange Historie von Morden und Machtkämpfen will ich auch nicht auflisten (dafür braucht es eigentlich ein Buch, kurz und knapp habe ich es mal im Derbybericht aus dem März 2019 versucht), aber ein entscheidender Faktor war sicherlich, dass die Behörden im Februar 2021 zum Schlag gegen die Gruppe „Principi“ (ehemals „Janjičari“) ausgeholt haben. Ihrem Anführer Veljko Belivuk (Spitzname: Velja Nevolja) und 16 weiteren festgenommenen Szenegrößen drohen nun Anklagen wegen Drogenhandel, Mord und Entführung.

Auf dem Zaun hat man natürlich auch genug Abstand zum nächsten Stadionbesucher

Die „Principi“ sind eine Fangruppierung von Partizan, die vorwiegend aus ehemaligen Anhängern von anderen Belgrader Clubs wie Crvena zvezda und FK Rad bestand, weshalb die ursprüngliche namentliche Reminiszenz an die Janitscharen im Osmanischen Reich historisch gesehen recht stimmig war. Die Gruppe hatte in den 2010er Jahren die Südkurve bei Partizan übernommen und ist zugleich in der Belgrader Unterwelt sehr mächtig geworden. Sie galt als verlängerter Arm des Kavač-Clans aus Kotor (montenegrinischen Mafia) in Serbiens Hauptstadt. Lange Zeit sagte man ihnen gute Beziehungen bis in höchste Sicherheits- und Regierungskreise nach (so wurde Danilo Vučić, Sohn des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić, mehrfach in der Gegenwart von Hooligans der „Principi“ gesehen). Die Theorie aus regierungskritischer Richtung: Die „Janjičari“ bzw. „Principi“ gaben etwas vom Kuchen ab und kontrollierten vor allem die zweitgrößte Fankurve des Landes im Sinne der Behörden, bzw. der Regierung Vučić. Zugleich rekrutierte die kriminelle Organisation ihre Fußsoldaten in der Fankurve, während die Behörden die Hooligans hin und wieder für die politische Drecksarbeit eingespannt haben sollen. Dafür schaute man bei deren „Biznis“ nicht so genau hin und bekämpfte zuvorderst einen rivalisierenden Clan (die Škaljari, auch aus Montenegro). Alles in allem Stoff für eine eigene „Narcos“-Staffel auf Netflix. Wobei die Leaks aus den Ermittlungsakten in Sachen Folter und Leichenentsorgung auch für einen veritablen Splattermovie taugen (definitiv nichts für zarte Gemüter). Doch nun wollen der Inlandsgeheimdienst BIA, die Staatsanwaltschaft und die Regierung, ergo Aleksandar Vučić, offenbar in Belgrads Unterwelt und Partizans Kurve aufräumen.

Der Ball rollt im 165. Belgrader Derby

Da mit „Alcatraz“ auch eine andere lange Zeit einflussreiche Fangruppe in der „Jug“ viele Federn lassen musste (Ende 2019 wurde ihr Anführer Ljubomir „Kića“ Marković ermordet und im Frühjahr 2021 wurden weitere Köpfe der Gruppe, wie Damjan Šobić, von der Polizei verhaftet), haben sich die Machtverhältnisse in der Südkurve offensichtlich verschoben. Tendenzen zu einer geschlosseneren und damit auch wieder stärkeren Szene waren bei diesem Derby jedenfalls zu erkennen. Ich werde die weitere Entwicklung bei Partizan mit Spannung verfolgen. Neue Machtkämpfe und das Einwirken von Regierungs- und Geheimdienstkreisen sind bei der Vorgeschichte, respektive der serbischen Lebenswirklichkeit, aber natürlich nicht auszuschließen. Wer den im vorigen Absatz verlinkten Artikel vom serbischen Investigativportal „Krik“ übersetzt und gelesen hat, kann sich spätestens jetzt vorstellen, dass es in den großen Kurven Serbiens niemals nur um Trommeln und Tralala gehen wird.

Gut gefüllte Ränge

Doch verlieren wir auch ein paar Worte zum sportlichen Geschehen. Nachdem Zvezda den nationalen Fußball die letzten vier Jahre relativ souverän dominierte und die entsprechenden Meistertitel selten gefährdet waren, ist Partizan diese Saison anscheinend wieder auf Augenhöhe. Der einstige Armeeklub starteten mit den maximal möglichen 21 Punkten aus den ersten sieben Spielen in die Saison (25:2 Tore), während Zvezdas Startbilanz sechs Siege und ein Remis ausweist (19 Punkte, 13:3 Tore). Das 165. „Večiti derbi“ (Ewiges Derby) würde also auch ein Duell um die Tabellenspitze sein. Entweder baut Partizan seinen Vorsprung auf fünf Punkte aus oder Zvezda zieht mit einem Auswärtssieg vorerst am Dauerrivalen vorbei. Alternativ bliebe bei einem Unentschieden natürlich alles wie gehabt.

Die „Jug“ peitscht ihr Team nach vorn

Zunächst einmal war viel Eintracht auf dem Rasen zu sehen. Beide Teams wünschten beim Einlaufen mit T-Shirts dem ehemaligen Partizan-Torwart Radovan Radaković viel Kraft bei dessen Überlebenskampf gegen eine Krebserkrankung. Danach gedachte das ganze Stadion mit einer Schweigeminute der kürzlich verstorbenen Basketballlegende Dušan Ivković. Dieser feierte als Trainer der jugoslawischen Nationalmannschaft große Erfolge. 1990 führte er das Team zum WM-Titel, 1989, 1991 und 1995 zum Gewinn der Europameisterschaft, sowie 1988 zu Olympia-Silber. Außerdem gewann er mit seinen Teams, vorwiegend große Clubs in Griechenland und Russland, zahlreiche nationale und internationale Vereinstitel. Der letzte große Triumph gelang dem 1943 in Belgrad geborenen Serben, als er Olympiakos 2012 zum Gewinn der Euroleague führte.

Ein bisschen Pyrotechnik bei den „Grobari“

Dann sahen wir, gemessen an den Erfahrungen der letzten Jahre, ein recht flottes Derby. Zvezda begann druckvoll und die erste halbe Stunde hatten die Gäste ein leichtes Übergewicht. Höhepunkt war dabei ein Kopfball aus kurzer Distanz an die Querlatte von Aleksandar Katai in der 31.Minute. Doch fünf Minuten später gelang Partizan etwas überraschend die Führung. Der tscherkessichstämmige Israeli Bibras Natcho zog von der rechten Außenseite mit Ball am Fuß ins Zentrum und schoss aus rund zwanzig Metern scharf in den Torwinkel. Zvezda-Schlussmann Borjan war überwunden und es stand 1:0. Bis zur Pause blieb Partizan am Drücker und Natcho hatte sogar noch das 2:0 auf dem Fuß, verfehlte jedoch dieses Mal knapp.

Große Pyroshow der „Delije“

Die zweite Hälfte eröffnete die Gästekurve mit einem großen und derbywürdigen Fackelmeer (siehe auch Titelbild), während die „Grobari“ während des Spiels nur immer mal vereinzelte Feuer aufleuchten ließen. Das optische Duell der Fanblöcke entschied damit das Lager des Rekordmeisters klar für sich und akustisch nahm ich die „Delije“ auch ein My besser wahr (wobei beide Kurven wirklich stark waren). Auf dem Rasen blieb jedoch vorerst Partizan gefährlicher. Die Schwarz-Weißen hatten auch nach dem Seitenwechsel ein paar gute Torgelegenheiten. Besonders knapp war es in der 48.Minute, als ein Schuss von Ricardo im Netz zappelte. Doch per VAR wurde dieses Tor wieder annuliert. Der Schiedsrichter sah auf den Videobildern ein Foul von Ricardos Mitspieler Urošević an einem Zvezda-Verteidiger.

Vereinzelte Freudenfeuer nach dem späten Ausgleich

In den letzten 15 Minuten deuteten schließlich die Rot-Weißen an, dass sie das einstige Stadion der Jugoslawischen Volksarmee doch nicht als Verlierer verlassen wollten. Ihre Bemühungen wurden in der 83.Minute belohnt. Diesmal verwertete Katai einen Flanke von Milan Rodić mustergültig mit dem Kopf und es stand 1:1. Trotz ein paar weiteren Chancen hüben wie drüben, blieb es bei dieser fast schon traditionellen Punkteteilung. Beide Fanlager waren mit ihren Teams zufrieden und feierten nach dem Schlusspfiff die Spieler. Lediglich der Schiedsrichter bekam von den drei mit Partizan-Anhängern besiedelten Tribünen ein Pfeifkonzert. Besonders auf das aberkannte zweite Tor dürfte dieser Unmut abgezielt haben. Ebenso bekam Zvezdas Schlußmann Borjan, bzw. vielmehr dessen Ehefrau noch Schmähgesänge der „Grobari“ ab. Borjan machte jedoch Gesten, dass sie lauter sein müssen, weil er sie nicht verstehe. Da sprangen die Fans natürlich drauf an und wurden noch wilder und lauter. Typische Derbyfolklore eben.

Nach dem Spiel lehnte der Körper Bier nicht mehr kategorisch ab

Nach dem Spiel gaben wir uns kulinarisch ebenfalls folkloristisch und steuerten wie so oft das Restaurant „Trešnjin hlad“ in Stadionnähe an. Eigentlich immer eine Topadresse gewesen, aber heute hatten wir zwei absolut unfähige Kellner. Wahrscheinlich hat die Pandemie (in Serbien waren natürlich auch lange Lockdowns) teilweise zur beruflichen Umorientierung vieler gastronomischer Fachkräfte geführt. Die beiden wirkten trotz mittleren Alters wie blutige Anfänger und vergaßen mehrere Getränkewünsche, wie auch Vorspeisen und Beilagenänderungen. Dazu brutal langsam. Immerhin scheinen sie weiterhin einen vernünftigen Koch zu haben und die Rechnung stimmte auch fast. Wir erwarteten nach den vielen georderten, aber nicht servierten Speisen und Getränken schon ein Chaos und Diskussionen. Aber es war nur eine Kleinigkeit zu viel eingebongt worden. Da lohnte eine Reklamation nicht.

Mein mit Käse und Schinken gefülltes und mit Pilzrahm übergossenes Schweinefilet

Nach dem Essen war ich gegen 22:30 Uhr schließlich der einzige, der Bock auf einen Verdauungsspaziergang hatte. Tja, auch kein Problem. Meine beiden Mitbewohner und die anderen drei Mitstreiter fuhren nun mit Taxis in Zentrum. Mir durfte man die Tür kurz nach 23 Uhr öffnen. Soviel später war das nicht, aber ich konnte schon nachvollziehen, dass man auf die 3,5 km Fußmarsch nach einem langen und anstrengenden Tag verzichten wollte. Mir tat die kühle Nachtluft und die Bewegung allerdings nochmal gut. Nicht nur, um das Essen besser zu verdauen, sondern auch um die vielen Derbyimpressionen zu verarbeiten.

Ein Besuch des Stadions von Zvezda durfte am Derbywochenende natürlich nicht fehlen

Am Montagmorgen wachten wir alle so gegen 8 Uhr auf und entschieden uns zeitnah auszuchecken. Katarina hatte uns zwar geschrieben, dass wir unseren Kram noch bis 14 Uhr in der Bude lassen können, aber so schwer war das kleine Handgepäck natürlich auch nicht und mit Umhängetasche am Mann war man etwas flexibler (sprich musste keine Rückkehr ins Appartement einplanen). Als Zielort für das Frühstück wurde nun das Stadion „Rajko Mitić“, bzw. dessen Stadionrestaurant ausgerufen. Weil es heute regnete, gestattete ich eine Taxifahrt. Kostet in Belgrad bekanntlich wenig, wenn man nicht an Betrüger gerät. Wir hatten Glück und mussten dem ehrlichen Taxler nur faire 500 Dinar (ca. 4,25€) für die 4 km löhnen.

Auch bei Partizan musste nochmals vorbei geschaut werden

Leider blieb heute jedoch die Küche im Stadion kalt (auch Fachkräftemangel?) und wir begnügten uns mit Cappucino. Dafür fand Kräftchen das „Marakana“ auch mit knurrendem Magen top und im Anschluss wurden fast schon obligatorisch ein paar Taler im Shop der „Delije“ gelassen (Papa braucht unbedingt einen Kühlschrankmagneten aus Serbien, dachte ich mir). Außerdem mussten wir noch zum Stadion von Partizan, weil ich einem serbischen Kumpel aus Deutschland versprochen hatte ihm das aktuelle Trikot zu besorgen. Dann schnappten wir uns wieder ein Taxi und ließen uns von diesem für abermals rund 500 Dinar ins Zentrum retournieren.

Abschlussessen im Restaurant „Mihailo“

Der andere Teil der Reisegruppe war bereits zum Flughafen aufgebrochen (ihr Rückflug ging nach Berlin, anstatt nach Dortmund), während wir dank des späten Abflugs noch ein paar Stunden in Belgrad zur Verfügung hatten. Jetzt (12 Uhr) musste endlich was Festes in den Magen. Berger wollte viel Fleisch, Kräftchen Pasta und ich mehr sowas in Richtung Eintopf oder Ragout. Die drei Wünsche konnten wir im Restaurant „Mihailo“ erfüllen lassen. Der eine bekam einen Teller mit mehreren Fleischspießen, der andere Penne Carbonara und ich Mućkalica (quasi ein Schmorrtopf mit Schweinegeschnetzeltem und pikantem Gemüse). Danach noch jeder einen Espresso und wir waren sehr zufrieden. Lediglich mit dem nasskalten Wetter heute haderten wir. Daher wurde der anschließende Spaziergang durch die Innenstadt auch bald abgebrochen und stattdessen lieber in einem warmen Café gelungert, bis es um 16:00 Uhr mit einem Taxi für faire 2.000 Dinar (ca. 17€) zum 13,12 km entfernten Flughafen ging.

Hm, mit welchem Belgrader Verein hält es dieser Mitreisende wohl?

Abflug sollte 18:20 Uhr sein, aber auch dieses Mal konnte sich Wizz Air eine kleine Verspätung nicht verkneifen. Letztlich hob der Airbus um 19 Uhr ab und landete zwei Stunden später auf dem Dortmunder Flughafen. Dort wurde man von der Bundespolizei überraschend fix abgefertigt (zumindest als EU-Bürger) und entsprechend waren wir bereits gegen 21:20 Uhr am Auto. Freie Autobahnen verkürzten die Fahrzeit nach Hildesheim auf moderate zwei Stunden und somit war ich sogar noch deutlich vor Mitternacht im Bett. Jetzt durfte nur niemand ein infektiöses Souvenir aus Serbien mitgebracht haben. Aber wir blieben nicht nur symptomlos, sondern die täglichen Tests zur Absicherung wiesen die ganze Woche über ein negatives Ergebnis aus.

Abtos Meisterwerke vom Grillrost

Obwohl wir am Mittwoch zu allem Überfluss die Hiobsbotschaft erhielten, dass M. positiv getestet wurde und richtig flach lag (Želim ti brz oporavak, bre!). Nun machten sogar noch zwei Mitreisende einen PCR-Test, aber auch diese fielen negativ aus. Die Impfung wirkt anscheinend hervorragend oder wir hatten, trotz der brisant wirkenden serbischen Pandemiepolitik und unseres unbedarften Zutuns, beim Corona-Roulette noch mehr Glück als bei „Balkan Bet“? Wie auch immer; eine Woche nach dem Derby feierten wir unseren erfolgreichen Leichtsinn mit einem großen Grillfest beim Abt. Der versorgte uns mit Šopska, Souvlaki, Gurmanska Pljeskavica und Rolovani ćevapi. Alles so lecker, dass wir ihm rieten seinen eigenen Balkangrill zu eröffnen. Dann könnte man auch kulinarisch verkraften, dass es wahrscheinlich erst in einem halben Jahr wieder auf den Balkan geht.

Song of the Tour: Partizan Punkrock