Beograd (Belgrad) 08/2017

24.08.2017
FK Crvena zvezda– FC Krasnodar 2:1
UEFA Europa League (Play-Off)
Stadion Rajko Mitic (Att: 50.720)

Die dreistündige Fahrt von Niš im überfüllten Bus nach Belgrad (u.a. mit vielen Fans von Crvena zvezda) war natürlich kein Zuckerschlecken, aber konnte wenigstens zu einem Drittel verschlafen werden. Als der Bus in Belgrad an der Stadtautobahn rechts ranfuhr, um die Roter-Stern-Fans stadionnah rauszulassen, ergriffen auch wir die Chance das Vehikel zu verlassen. Denn von hier waren es nur ein paar hundert Meter zu unserem Appartement am „Trg Slavija“ (Slavija-Platz). 30€ pro Nacht für so 60 bis 70m² frisch modernisierten Wohnraum, mit fünf Schlafgelegenheiten, ging natürlich als Schnäppchen durch. Und die Lage war ideal für die Projekte des ersten Abends in Belgrad.

Jelen naschen am Slavija

Um 18 Uhr ging es wieder vor die Haustür, um am Slavija auf den Abt zu warten. 18:40 Uhr tauchte sein Taxi vom Flughafen auf und gemeinsam wurde nun Punjena Pljeskavica und Jelen Pivo am „Grill Rankovic“ genascht. Aufgrund der besonderen Situation, dass das Stadion voll werden würde, gingen wir allerdings frühzeitig zum „Marakana“. War nicht die schlechteste Entscheidung, denn der Andrang war mächtig. Zvezda hatte die große Chance zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder in die Gruppenphase eines europäischen Wettbewerbs einzuziehen (das Hinspiel gewann Krasnodar knapp mit 3:2). Das wäre eine sehr gute Entschädigung für die am Ende doch enttäuschende letzte Saison (im Kampf um Meisterschaft und Pokal musste man sich Partizan geschlagen geben). Da das Privatvergnügen eines russischen Einzelhandelmilliardärs (est. 2008) keine Gästefans mitbrachte, fieberten über 50.000 Serben im ausverkauften Rund mit und wollten unbedingt den passenden Heimsieg feiern (1:0, 2:1 und jeder Sieg mit zwei Toren Vorsprung würde reichen).

Auf ins Marakana

Aufgrund der überfüllten Haupttribüne, mussten wir uns nach ganz unten durchkämpfen und stellten uns hin, wo noch Platz war. Das Stadion Rajko Mitic war heute kein All-Seater, sondern ein reines Stehplatzstadion. Im Prinzip wirkte das ganze Stadion leicht überfüllt und auch ich wäre ohne gültiges Ticket reingekommen (ich schätze mal es waren eher 60.000 denn 50.000 Menschen). Auf Spielfeldniveau war die Sicht nicht die Beste, aber es war Platz zum Atmen. Wir sahen nun in der Nordkurve eine Choreographie zur Zelebrierung der serbisch-russischen Freundschaft. Jene Choreo mit den gemeinsamen Nationalfarben, sowie dem serbischen und dem russischen Adler, war natürlich ganz allgemein gehalten. Nicht, dass noch jemand denkt Roter Stern hat ’ne Fanfreundschaft mit Krasnodar (mit wem sollten sie die dort auch haben?). Stattdessen sind ihre russischen Brüder bei Spartak Moskau zu finden und Serbien und Russland sind bekanntlich auch fußballunspezifisch richtige „Bros“.

Choreo in der Nordkurve

Dann pfiff unser Landsmann Tobias Stieler die Partie pünktlich um 21 Uhr an. Die Lokalmatadore legten los wie die Feuerwehr und die ersten Angriffswellen wurden bereits in der 7.Spielminute belohnt. Einen Torschuss von Nemanja Milic ließ Krasnodars Schlussmann Sinitsyn abklatschen und Zvezda-Stürmer Radonjic ballerte den Nachschuss via Unterlatte ins Tor. Ich glaube ich verwende jetzt zum ersten Mal überhaupt in meinen Berichten den Begriff Hexenkessel. Denn nie wird er besser gepasst haben. Das ganze Stadion tobte und Radonjic rannte oberkörperfrei in die Kurve. Erinnerte mich an das Niedersachsenstadion vor 6 Jahren gegen den Sevilla FC, um der damals noch zusammengeschweißten 96-Fanszene mal über Gebühr zu schmeicheln. Ernsthaft vergleichen kann man es natürlich nicht, aber in Hannover wurde damals wahrscheinlich das Maximum herausgeholt und heute soll laut Kennern so ziemlich das Maximum von Roter Stern geliefert worden sein. Dass die Fans in Belgrad dennoch doppelt so laut sind wie ein Niedersachsenstadion am Limit, ist eben so und dürfte wohl keinen verwundern. In Sachen Support verlinke ich einfach mal ein Video: KLICK MICH. Bewegte Bilder mit Ton können die Stimmung des Abends im Gegensatz zu meinen Worten immerhin annähernd transportieren.

Volles Haus

Das Tor hat die Mannschaft mit dem roten Stern auf der Brust natürlich nochmal beflügelt und auch die Atmosphäre dürfte zu Spitzenleistungen angestachelt haben. Der Ghanaer Richmond Boakye hätte wenige Minuten nach dem 1:0 fast noch das 2:0 geköpft, aber dieser demoraliserende Doppelschlag war den Gastgebern nicht vergönnt. Stattdessen begann Krasnodar sich zu sortieren und drängte auf den Ausgleich. Nur Zvezda attackierte bereits in der Sturmreihe und kämpfte um jeden Ball. Wahnsinn, was alle 10 Feldspieler schon in den ersten 45 Minuten für Meter gemacht haben. Brachen die Russen doch mal zum gegnerischen Strafraum durch, prallten sich auf eine richtig gute Abwehrreihe aus Stojkovic (1,80m), Frimpong (1,80m), Savic (1,94m) und Rodic (1,85m). Die Jungs standen kompakt und behaupteten außerdem die Lufthoheit im Strafraum von Zvezda.

Fluchtwege? Heute nicht.

Es ging mit 1:0 in die Pause und nach Wiederanpfiff gelang dem serbischen Rekordmeister tatsächlich nochmal ein Blitzstart. Der Gabuner Kanga feuerte bereits in der 46.Minute einen traumhaften Schuss aus 25 Metern in den Torwinkel. Wir stapelten uns mit unseren neuen Freunden im Block (u.a. mit Marko aus der Nähe von Wien, dessen Bruder Nikola gerade in Heidenheim sein Glück im deutschen Profifußball versucht). Der Atmosphäre konnte man sich einfach nicht entziehen! Marko war sich übrigens auch sicher, dass Boakye zu Hannover 96 wechselt, wenn sein Team die Gruppenphase verfehlen sollte. Das war dem aufopferungsvoll spielenden Stürmer natürlich nicht zu wünschen und bisher sah es zum Glück nach einem Verbleib an Donau und Save aus.

Krass, keiner da

Der FC Krasnodar, welcher die letzten drei Jahre immer die Gruppenphase der Europa League erreichte (und dabei u.a. auf den VfL Wolfsburg, Schalke 04 und den BVB traf), hatte natürlich noch gute 45 Minuten Zeit für zwei Tore und warf jetzt wirklich alles nach vorne. Jedoch gleiches Procedere wie in der 1.Halbzeit; ein frenetisches Publikum mit gefühlt 100.000 Kehlen trieb 11 Fußballer in rot-weißen Jerseys zu Höchstleistungen an. Das Abwehrbollwerk von Zvezda konnte dann ausgerechnet mit Hilfe von Tobias Stieler durchbrochen werden. Ein Stürmerfoul (!) im Strafraum ahndete er mit Strafstoß. Alle Proteste halfen nichts und das tobende Publikum stimmte Stieler natürlich auch nicht um. Der Schwede Granqvist überwand den Serbo-Kanadier Borjan in der 82.Minute und es stand nur noch 2:1.

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Der verrückte Norden

Böse Blicke aus der Nachbarschaft erreichten uns. „Ey, wir hassen den genauso! Der hat uns auch schon verpfiffen.“ (z.B. im Oktober 2013 gegen die TSG Hoffenheim). Die Serben witterten nun auf jeden Fall eine Verschwörung. „Wetten der pfeift jetzt jeden Zweikampf gegen uns?“ Gefühlt war es wirklich so und dann wurden auch noch sechs Minuten Nachspielzeit angezeigt. Keiner wusste wofür. Einzig nennenswerte Unterbrechung waren ein bis zwei Minuten Diskussionen und Tumulte nach dem Elfmeterpfiff. Wollte die heute viel besungene „UEFA-Mafia“ etwa verhindern, dass die kritische Fanszene von Roter Stern die Gruppenphase als Plattform für weitere Proteste nutzen kann? 80 Minuten sah es ehrlich gesagt nicht danach aus und Stieler ist eben einfach eher ein bescheiden fähiger Schiedsrichter, denn ein korrupter Vertreter seiner Zunft.

Freudenfeuer

Der Unparteiische verteilte in den letzten Minuten noch inflationär gelbe Karten an die Serben, aber jeder Freistoß und jeder Torschuss wurden entschärft. In der 7.Minute der Nachspielzeit kam dann endlich der erlösende Abpfiff und die Emotionen nahmen ihren Lauf. Die Mannschaft wusste, wo sich sie zu bedanken hatte und Tränen der Freude flossen vor der Nordkurve. Der Kessel kochte nochmal richtig und nachdem die erste Last abgefallen war, ging es auf eine lange Ehrenrunde durch das ganze Stadion, welches sich noch überhaupt nicht leeren wollte. Endlich waren die Könige Europas von 1991 mal wieder in die Gruppenphase eines internationalen Wettbewerbs eingezogen.

Boakye ist tief bewegt

45 Minuten nach Abpfiff (das nenne ich mal ’ne 3.Halbzeit!) verließen wir im Gänsemarsch mit der Masse das Marakana. Da der Reiseleiter gleich Geburtstag hatte, musste schnell ’ne Lokalität zum Anstoßen her. Leider wurden wir nicht fündig und auch im bereits geschlossenen Lokal von Marko Pantelic, wollte man uns nicht nochmal kurz auf sechs Rakija einlassen. Danke Marko!!! Also bin ich in den Straßen Belgrads ein Jahr älter geworden. Neben Hildesheim, Hannover und Cardiff vielleicht das einzige weitere angemessene Straßenpflaster dafür und von daher kein Drama. Gab es halt zeitlich etwas versetzt „Rakija to go“ von einem Straßenstand zum Anstoßen.

Auch Jovana weinte vor Rührung

Für mein Geburtstagsdinner marschierten wir nun in das Bohème-Viertel Skadarlija, wo ich meine fünf Freunde auf Speis und Trank ins „Tri šešira“ einlud. Es gab erlesene Spezialitäten des Hauses wie das „Schwert von König Miloš“, auf dem diverse Fleischsorten aufgespießt waren. Oder das „Kloster Hühnchen“, bei dem Hänchenbrüste mit Schinken und Käse gefüllt und mit Walnüssen paniert werden. Oder den Ćevapčići-Mix mit drei verschiedenen Arten von Ćevapčići aus drei verschiedenen serbischen Regionen. Einen Tisch bekamen wir um 0:45 Uhr übrigens nur, weil eine Gesellschaft gerade aufbrach. Im Sommer sollte man also auch unter der Woche reservieren. Es ist einfach eine begehrte Adresse und die Gäste, allen voran die Damen, hatten alle großen Wert auf ihr Äußeres gelegt. Kurzum; dieser Ort war würdig für so einen Etikette-Fetischisten wie mich.

Geburtstagsbankett

Gegen 2:30 Uhr war schließlich auch der vorerst letzte halbe Liter Jelen Pivo dem Körper zugeführt und wie gerufen standen zwei Taxis am Ende der belebten Kopfsteinpflasterstraße bereit. Als der Taxifahrer meiner 3er-Gruppe damit anfing, dass er uns alles von Drogen, über Waffen bis hin zu Frauen besorgen kann („In Belgrade everything is possible my friends“), war klar, dass ein Blick auf’s Taxameter nicht schaden konnte. Das ratterte auch fröhlich in die Höhe und hatte am Slavija nach 2,5km Fahrt 1.335 Dinar erreicht. Startpreis in Belgrad ist 170, der Kilometerpreis beträgt 70 Dinar. Also gab es von uns großzügig gerundete 500 Dinar und die Ansage, dass die Alternative Klärung bei der Polizei heißt. Schon war der Preis in Ordnung. Der Taxifahrer des anderen Trios, welches irgendwo um die Ecke außer Sichtweite rausgelassen wurde, war nicht ganz so dreist und hatte „nur“ 990 Dinar auf der Uhr stehen. Kam ihnen zwar teuer vor, aber nicht teuer genug, so dass ihr Fahrer seinem Kollegen hoffentlich den Tip gibt, in Zukunft etwas maßvoller zu betrügen.

Parlament bei Nacht

An meinem Geburtstagsmorgen waren Ole und Milano im benachbarten Fitnessstudio am Pumpen (Tagesmitgliedschaften konnten spontan abgeschlossen werden), während Abto, Lo und die Krake im Casino ihr Geld verzockten. Ich schlief aus und kümmerte mich danach um meine anfallende Korrespondenz dieses spezifischen Tages. Pumper und Zocker kehrten irgendwann zurück und 12 Uhr mussten wir unsere temporäre Unterkunft verlassen. Wir gingen nun zum eigentlich für Belgrad gebuchten Appartement, wo wir ab 14 Uhr einchecken konnten. Die knapp zwei Stunden (beide Appartements waren nur 1.500 Meter auseinander) überbrückten wir gegenüber der neuen Basis im „M:eating“. Sehr nettes Lokal für Business-Lunch oder After-Work-Cocktails. Tagesgerichte gab es für 500 Dinar (heute Risotto), Drinks und à la Carte waren allerdings preislich über dem Belgrader Durchschnitt. Wir sonnten uns in der Lounge im Innenhof, verfolgten die Auslosung der Europa League und gaben um 14 Uhr beim Bezahlen noch schnell 30% Trinkgeld für die Balkankatzen im Service, da wir dachten hier noch öfter aufzuschlagen (kam natürlich wieder anders).

Risotto im M:eating

Gegenüber empfing uns nun Danka und zeigte was die 96m²-Wohnung so zu bieten hat. Großes Wohnzimmer mit Schlafsofa, zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer mit modernen Duschsystemen, Küche (auch voll ausgestattet), Esszimmer und Balkon erwarteten uns im 1.OG eines Altbaus. Da kann man nicht meckern bei 50€ pro Nacht. Groß einleben taten wir uns jedoch zunächst nicht, da mittlerweile Chuck und Hannes aus der blauen Münchner Fanszene in Belgrad eingetroffen waren. Sie logierten wie der Abt im „Hotel Rex“ und alle drei erwarteten uns zum braun und blau werden in der Belgrader Burg.

Ab in die Burg

Dort angekommen, tauschten wir natürlich erst einmal unsere Reiseerfahrungen aus. Nach einer Woche in Polen und ein paar Tagen auf Zypern, sollte ein Wochenende in Belgrad die Fußballsommerreise der Münchner abrunden. Wir dagegen hatten ja bereits Mazedonien hinter uns und Montenegro noch vor uns. In sengender Hitze verleibten wir uns diverse Jelen Pivo ein und entwickelten reges Interesse an den vorbei flanierenden Touristinnen. Wann immer eine junge Dame ein Portrait- oder Gruppenfoto wollte, standen die Hobbyfotografen von München blau und Hannover rot parat. Dazu vertrieben wir uns die Zeit mit obligatorischen Mobfotos vor und auf dem ausgestellten Kriegsgerät und dem Aushecken von diversen Schandtaten für das anklopfende Wochenende.

Panzertruppe

25.08.2017
FK Rad – FK Čukarički 0:1
Super Liga (I)
Stadion Kralj Petar I. (Att: 3.000)

Natürlich hatte ich heute den innigen Geburtstagswunsch mit all meinen anwesenden Freunden ein Fußballspiel zu besuchen und einzig bot sich dafür am Abend eine Partie von Rad Belgrad an. Dementsprechend war dort ein großer Hopperfasching aus Deutschland auszumachen. Frankfurter, Aachener, Dortmunder, Dresdner und viele mehr wurden auf der Tribüne identifiziert (insgesamt 18 Stück, Dunkelziffer dürfte bedeutend höher liegen). Wenn in Belgrad Derby-Wochenende ist, kommen deutschsprachige Hopper leider als Überdosis in Serbiens Hauptstadt geströmt. Und bei weiteren machbaren Spielen am Derbywochenende, kann es ab 2.Liga abwärts schon mal sein, dass gefühlt mehr Hopperschweine als den beiden Teams zugeneigte Besucher im Stadion sind.

Stadion Kralj Petar I.

Bei Rad (immerhin 1.Liga) war es dank insgesamt 3.000 Zuschauern nicht so extrem, aber trotzdem ein bißchen ätzend (ich hasse es einfach im Ausland dauernd Deutsch zu hören). Und ätzend war leider auch der Kick. Erst in der 24.Minute feuerte Rad (zu deutsch: Arbeit, 1958 von Belgrader Bauingenieuren gegründet) den ersten Torschuss des Spiels ab. In der 31.Minute musste ein Rad-Verteidiger noch einen Ball von der Linie kratzen und in der 41.Minute sahen wir einen guten Freistoß vom Gästekapitän aus 20 Metern, aber Rads Torwart war auf dem Posten. Dazu gab es lautstarken Support der „United Force“, bei dem auch die Haupttribüne gelegentlich einstieg. Die Jungs sind natürlich die Beitar-Jerusalem-Fanszene Serbiens, aber 30 Jahre (seit 1987) sein Ding im Schatten von „Grobari“ und „Delije“ durchzuziehen, ist schon bemerkenswert.

Fanblock Rad Belgrad

In der Halbzeitpause pries der Abt schließlich die gute Schankwirtschaft des Stadions an, von der man das Spiel weiter verfolgen könne. Gute Argumente gegen den Positionswechsel gab es eigentlich keine und daher hatten wir jeder pünktlich zum Wiederanpfiff einen Halben in der Hand. Natürlich interessierte sich jetzt doch keiner mehr für das Spiel, aber außer dem einzigen Tor des Tages haben wir wohl nichts Weltbewegendes mehr verpasst. FK Čukaričkis Sturmneuzugang Mudrinski (vom Ligarivalen Spartak Subotica) erzielte in der 65.Minute das Siegtor für die Gäste.

Nochmal ein Blick ins Stadion vom VIP-Balkon

Im Clubhaus war es dagegen nach Abpfiff noch lange nicht zu Ende. So acht deutsche Typen fallen ja doch etwas auf und wir machten den Fehler eine ausgegebene Runde Rakija anzunehmen. Wobei man natürlich keine Wahl hatte. Den Affront so etwas in Serbien abzulehnen, sollte man sich besser nicht leisten. Plötzlich wurde uns auch noch ungefragt Essen serviert und irgend ein Cluboffizieller fragte nach unseren Konfektionsgrößen. Das wurde echt kurios. Der eine Kellner blieb jetzt auch permanent an unserer kleinen Tafel und schenkte jedes leere Glas sofort nach. Entweder wussten die, dass der Don heute Geburtstag hat (aber woher nur?) oder das war ’ne Falle der Radovci. Aber das Zauberwort hieß wohl einfach nur Gastfreundschaft und irgendwann bekam jeder noch ein Trikotshirt in seiner Größe überreicht. Danach wird es dann nebulös und der Abend lässt sich nicht mehr 100%ig rekonstruieren.

Mein zweites Geburtstagsbankett

Auf jeden Fall war es eine wilde Nacht und wer von uns morgens um 6 Uhr von Berufspendlern an einer Bushaltestelle geweckt wurde, beantworte ich zum Schutz der Persönlichkeitsrechte natürlich nur im persönlichen Gespräch. Aber ich erwähne ruhig, dass sein Handy noch da war und auch nichts aus dem Portemonnaie fehlte (falls irgend einer meiner Leser den irrigen Glauben hat, Belgrad sei unsicherer als z.B. Hildesheim). So ’ne Nacht, noch bevor der berüchtigte Monti überhaupt ins Geschehen eingreift, hätte ich ehrlich gesagt nicht erwartet, aber ich liebe Überraschungen. Besonders an meinem Geburtstag.

Kontern gehört ins Fußballstadion!

Samstag waren selbstredend alle Beteiligten gerädert ohne Ende. Aber es nützt ja alles nichts, es muss ja weiter gehen! Zumal Monti und Hans aus Hannover via Budapest über Nacht angereist waren und richtig Bock hatten. Wir trafen sie zum Katerfrühstück im Stadionrestaurant von Zvezda und im Gegensatz zu uns, waren sie natürlich in der Lage Bier zu trinken. Das schmeckt immer besonders gut auf den Logenbalkonen des „Marakana“. Daher stieg ich doch noch ins Business ein und lauschte Montis Abenteuergeschichten von seinen bisherigen Reisen und aus dem 96-Trainingslager. Wir wissen ja alle, er ist gut drauf und feiert lang.

26.08.2017
FK Zemun – FK Bačka 1:1
Super Liga (I)
Stadion Zemun (Att: 1.200)

Mittags nahmen wir schließlich drei Taxis nach Zemun (ca. 1.000 Dinar für 10km), wo um 17 Uhr der Ball rollen sollte. Aber vorerst war relaxen am Ufer der Donau das Gebot der Stunde. Zemun, Belgrads kleine Nachbarstadt westlich der Großen Kriegsinsel (streng genommen ein Belgrader Stadtbezirk), gehörte von 1718 bis 1918 zu Österreich-Ungarn und ist ein toller Ort. Es gibt einen schönen historischen Stadtkern und eine fast schon mondäne kilometerlange Promenade an der Donau. Alle von uns mit Geld ließen sich irgendwann im Restaurant „Tricolore“ nieder, während die realpreisig reisenden Jungspunde Ole und Hannes die Stadt spazierend erkundeten (eure Armut kotzt uns an!). Es gab Meeresfrüchte, Pizza und Pasta (für mich Tagliolini mit Hähnchenbrust, Safran, Zwiebeln, Cognac und Käsemischung). Außerdem stellten wir fest, dass Mojitos mit 3€ nur einen Euro mehr als Bier kosteten. Also schlürften wir diverse davon, die in der prallen Sonne ihre Wirkung nicht verfehlten.

Pizza, Pasta & Mojitos

Nach dem wirklich hervorragenden Essen (es muss nicht immer Fleischplatte sein und italienische Küche bekommen sie auf dem Balkan allgemein ganz gut hin), entzog ich mich der gefährlichen Pace von Monti, Chuck und Co, indem ich zeitig zum Stadion aufbrach. Anstatt kurz vor Anpfiff Taxi zu fahren, wollte ich lieber nochmal die Straßen und Gassen Zemuns per pedes erkunden. Gut, der Aufstieg zum Gardoš-Turm war mit Restalkohol und Frischalkohol bei 37 Grad Celsius eine recht herausfordernde Angelegenheit, aber der Ausblick belohnte die Mühe. 10 Minuten vor Anpfiff zog ich dann weiter zur wenige hundert Meter entfernten Spielstätte.

Gardos-Turm in Zemun

In Zemuns herrlicher Ostblockschüssel (10.000 Plätze), musste ich meinen Blick nach dem Eintreten nur nach rechts richten. Abto, Ole, Monti, Hans, Chuck und Hannes saßen natürlich auf der Terrasse der Stadiongaststätte, wo es Pivo gab und exzellente Sicht auf’s Spielfeld ebenfalls gegeben war. Die Krake, Milano und Lo (lieber in der Donau schwimmend) hatten sie allerdings gegen irgendwelche Groundhopper, u.a. Ösis und Frankfurter, eingetauscht, die mit üblichem Hopper-Gesülze nervten. Na ja, ich zeigte meine Schokoladenseite und behandelte den Appendix von Monti & Co wie Luft. Diese exbirtauglichen Schnorrergeschichten kann sich auch kein Mensch anhören (wer es nicht kennt, Exbir ist beste Unterhaltung von der Unterschicht der „most travelled people“ bei Facebook. Und wer es nun kennenlernt, das Geschreibsel ist keine Satire, die meinen das wirklich ernst!).

Stadion Zemun

Zu meiner Freude war auch bei diesem Spiel wenigstens eine Fangruppe anwesend und lautstark (aus der Batschka waren nur eine handvoll Leute mitgereist). Die „Taurunum Boys“ gibt es auch schon seit 1987 und die Leidenschaft für ihren FK Zemun schien sich noch kein Stück abgenutzt zu haben. Die circa 150 Leute machten ordentlich Alarm, mit guter Lautstärke und schönen Melodien. So ein kleines Derby von Rad gegen Zemun würde mich ja ebenfalls mal reizen. Aber nun zum Spiel; besonders hochwertig ging es auch heute nicht zur Sache. Keine der Mannschaften konnte sich im ersten Drittel des Spiels so richtig hervor tun. Doch dann fasste sich Zemuns erst 19jähriger litauischer Spielmacher Justas Lasickas ein Herz und startete ein Wahnsinnssolo durch die gegnerische Hälfte, welches er mit einem unhaltbaren Schuss in die untere linke Torecke krönte. 1:0 für den FK Zemun nach 37 Minuten!

Taurunum Boys

Mit dieser knappen Führung sollte es auch in die Pause gehen, die für weitere Biere und Leute gucken genutzt wurde. Dabei drohte Monti bereits einen epischen Suff für die kommende Nacht an. Sollte ich tatsächlich bis spätabends durchhalten, konnte ich mich also auf was gefasst machen. Dann rollte der Ball und das Niveau steigerte sich nicht wirklich. Ich glaube um dauerhaft den serbischen Fußball verfolgen zu wollen, muss man sein Herz an ein serbisches Team verlieren. So wie die „Taurunum Boys“, die unermüdlich weitersupporteten. Taurunum ist übrigens der Name der römischen Vorgängersiedlung von Zemun, wie der Abt zu berichten wusste. Der FK Bačka kommt wiederum aus Bačka Palanka (deutsch: Plankenburg) in der autonomen Provinz Vojvodina. Ihnen gelang in der 89.Minute tatsächlich noch der späte Ausgleich durch den eingewechselten Offensivmann Dino Šabac. Erst der vierte Punkt im 7.Spiel (Platz 15), während Zemun mit nun acht Punkten auf Rang 11 logiert.

Ein Spiel auf Augenhöhe

Aber was soll ich sagen, selten war ein Unentschieden leistungsrechter. Bei Torschüssen, Ecken und Freistößen herrschte statistisch Gleichstand und der Ballbesitz war gerade mal 52:48 zugunsten von Zemun verteilt. Ich hätte den Hausherren den Sieg allerdings für die Fans, das coole Stadion und die größere Tradition gegönnt. So wie ich uns jetzt ein Taxi gegönnt hätte, aber es wollte einfach kein freies Exemplar an uns vorbeifahren. Daher marschierten wir (ich war nun mit Ole und Hannes unterwegs) schon mal in die richtige Richtung und hofften an einer der Hauptverkehrsstraßen ins benachbarte Novi Beograd ein Taxi greifen zu können. Klappte schlußendlich auch.

Zemun

26.08.2017
FK Voždovac– Mačva Šabac 0:2
Super Liga (I)
Stadion Event Place (Att: 500)

30 Minuten vor Anpfiff erreichten wir die Mall „Stadion Shopping Centar“ auf deren Dach die Heimspielstätte des FK Voždovac zu finden ist. Hier war von 1912 bis 2011 bereits das Stadion des Stadtteilclubs, welches dann jedoch für das bisher größte Shoppingcenter Südosteuropas weichen musste (74.600m² Nutzfläche). Die Lösung dem Verein einfach ein topmodernes neues Stadion auf das Dach zu setzen, ist bisher einzigartig und weckte unsere Neugier. Nur hatten wir so unsere lieben Probleme auf das Dach zu kommen. In der Mall selbst kam man nur ein Stockwerk unter das Stadion, weiter fuhren die Rolltreppen nicht. Ausgeschildert war auch nichts und wir fuhren jetzt mit diversen Fahrstühlen durch die Gegend und kamen an so obskuren Orten wie der Warenannahme raus. Irgendwann fanden wir doch noch einen Fahrstuhl, der das oberste Stockwerk ansteuern konnte. Nur leider warf der uns am Eingang eines großen Festsaals heraus. Der einer Fremdsprache nicht mächtige Türsteher stellte sich natürlich sofort in den Weg und herrschte uns auf Serbisch an. Dann stieß die Managerin der Lokalität dazu (ca. 1,96m große braungebrannte Balkankatze, mit den geschätzten Maßen von 96-58-92), die die kleinen Jungs sofort an die Hand nahm, bis in die Tiefgarage mitfuhr und uns dort den weiteren Weg zum Stadioneingang ins Ohr hauchte. Hvala ti ljubavi!

Stadion Shopping Centar

Jetzt ging es durch ein Treppenhaus mit vielen weiteren keuchenden Fans bis auf das Dach rauf und oben wollten die Ordner dann unsere Tickets sehen. Man konnte hier tatsächlich keine Tickets erstehen, sondern hätte sie bereits unten kaufen müssen. Aber unten waren gar keine Kassenhäuschen. Nun klärte uns der Ordner auf, dass es Tickets am Infoschalter in der ersten Verkaufsebene der Mall gibt. Alter!!! Ihr kennt bestimmt das Haus, das verrückt macht aus „Asterix erobert Rom“. Zugangsberechtigungen für das Voždavac-Stadion sind anscheinend der Passierschein A38. Wieder unten trafen wir nun auf den Rest des Mobs (auch die Schwimmviecher Fat Lo, Milano und die Krake waren wieder am Start), welcher ebenfalls orientierungslos wirkte.

Ungeplant journalistisch tätig

Während alle erneut Richtung Einkaufsparadies schlenderten, war ich vollends bedient und fragte nach dem Presseeingang. Ich mißbrauche meine journalistische Tätigkeit prinzipiell nicht, um in der Freizeit 1,60€ zu sparen, aber hier hatte ich die Schnauze voll und zum Pressebereich fuhr wenigstens ein Fahrstuhl. Als ich mich nun spontan akkreditierte, tauchten hinter mir die österreichischen Hopper von vorhin auf, die nun versuchten sich als Journalisten reinzuschmuggeln und dabei ihre ÖPNV-Monatskarten präsentierten. Bei aller Liebe, so blöd ist eine mutmaßlich studierte Medienbeauftragte natürlich nicht, dass sie das nicht erkennt („This is a bus card! Are you kidding?“). Die drei Sparfüchse wurden dementsprechend wieder wegkomplimentiert, während der „German Journalist“ herzlich willkommen war. „Here is the Wi-Fi-Pass and here is something to drink.“

Haupttribüne des Stadions

Mich erwartete nun ein weiteres grauenhaftes Spiel der serbischen 1.Liga. Super Liga? Superscheisse Liga! Ich ärgerte mich doch arg, nicht bei meinen Freunden zu sitzen, denn geteiltes Leid ist halbes Leid. Oder, dass ich jetzt nicht mit der Maîtresse d’hôtel von eben auf der benachbarten Hochzeit eine spontane Verlobung feiern kann. Jene Feier war übrigens von der Tribüne dank Glasfront etwas einsehbar und die Musik mangels Fankultur auf den Rängen leise hörbar. Die bunten Lichter lenkten immer wieder vom Blick auf das Spielfeld ab (war ja auch nicht schwer!). Immerhin fiel ein frühes Tor (0:1 in der 14.Minute durch Bojan Matic), aber danach stellte Mačva Šabac seine Offensivbemühungen halbwegs nachvollziehbar komplett ein und Voždovac fiel trotz gefühlt 75% Ballbesitz (in Wirklichkeit waren es „nur“ 65%) nichts zu der Fragestellung ein, wie man sich eine gescheite Torchance kreiert. Außer Alibischüssen aus der Distanz passierte nicht mehr viel bis zur Pause.

Links der Fanblock, rechts das Event Center

Stimmung gab es auch keine und das ganze Stadion wirkte komisch steril. Ich stürzte noch ein paar Becher Cola gegen die Müdigkeit runter und dann rollte der Ball auch wieder. Gegen den Aufsteiger aus Šabac wollten die Kaufhauskicker (Vorjahressiebter) sicher nicht verlieren, aber wie schon in der ersten Halbzeit hatten sie keine Idee, wie man westserbischen Beton mürbe macht. Stattdessen bekam ihr Abwehr-Veteran Mihajlov auch noch Gelb-Rot nach wiederholtem Foulspiel in der 76.Minute und in der 90.Minute konnte Mačva endlich mal einen Konter vernünftig ausspielen und sorgte damit für die Entscheidung (Torschütze: Miodrag Gemovic). Kurz danach pfiff der Unparteiische ab und es kam noch zu handfesten Tumulten zwischen beiden Teams beim Verlassen des Rasens. Szenen, die wir in keinem Kaufhaus dieser Welt sehen wollen (außer es ist Schlußverkauf)!

Der Hausherr verlor überraschend mit 0:2

Dann war passiert, was ich erwartet hatte. Meine Freunde waren nicht bis zum Ende geblieben und schon mit Taxis über alle Berge. Jetzt war ich auch mal geizig und sah nicht ein, 5€ für ein eigenes Taxi zu investieren. Da die überfüllten Busse ebenfalls keine Option waren, gab es halt mal einen 45minütigen Nachtspaziergang durch diverse Belgrader Viertel (wie gesagt, Belgrad ist ein sicheres Pflaster), der um 23 Uhr am Slavija endete. Hier zechten schon fast alle meine Freunde an unserer beliebten Imbißbude („Grill Rankovic“) und die frischesten Gäste Monti und Hans hatten natürlich richtig Bock auf „Poady“. Aber auch Abto, Lo, Milano, Chuck und Hannes wirkten jetzt wieder fit und dazu motiviert es in dieser klaren Sommernacht nochmal richtig krachen zu lassen. Die Krake, der alte Nichtzecher lag dagegen schon im Bett und Ole und ich waren gerade neidischer auf ihn, als auf unsere Party-Sektion.

Sveti Sava bei Nacht

Natürlich habe ich was verpasst! Diese Belgrader Partyboote auf der Donau und Save sind nämlich ein Traum und alle Frauen ohne männliche Begleitung suchen dort die Liebe ihres Lebens. Und natürlich hat Monti wieder zwielichtige Gestalten kennengelernt, diesmal polnische Hooligans, mit denen er sich verbrüderte. Und natürlich war die Live-Sängerin auf dem Partyboot ein Engel. Aber ich war am Vortag gefühlt zwei statt ein Jahr älter geworden und der heutige Tag war ebenfalls anstrengend, gerade weil ich auch noch deutlich zweistellig Kilometer gelatscht bin. Doch irgendwann wird der Tag kommen, wo ich mit Monti in Belgrad losziehe und wir ein Zechduell haben. Ich muss dann nur wie er topfit dort ankommen und nicht schon zwei Geburtstagsfeiern und 12km Fußmarsch in den Knochen haben.

Eine Turbofolksängerin und ihr größter Fan

Doch vorerst musste ich all den skurrilen Geschichten als Gasthörer lauschen, zumindest den Versionen von Lo und Abto. Denn die anderen Typen beschlossen erst zum Derby das Hotel zu verlassen. Es muss also wirklich gut gewesen sein. Nur jetzt im Bett katern anstatt quickfidel zum Schwimmen auf die Ada Ciganlija zu gehen, hätte ich auch nicht haben wollen. Die Ada ist nämlich Belgrads Sommerparadies, an dem bei 30 Grad und mehr kein Weg vorbeiführt. Den Seitenarm der Save zwischen der 6km langen Flussinsel Ada Ciganlija und dem Festland hatte man eingedämmt und so einen schönen großen See erschaffen, der beidseitig Strände bietet. Bis zu 100.000 Menschen tauchen hier pro Tag auf, an Wochenend- oder Feiertagen sogar bis zu 150.000.

Eiskaffee im Strandcafé

Nah am Damm war natürlich schon Sonntagvormittag viel los (der Mensch ist halt bequem), aber wir gingen einfach eine Viertelstunde inselabwärts und ließen uns an einem noch recht leeren Strandcafé nieder. Hier wurde erstmal ein Eiskaffee genascht, dann ging es schwimmen, danach gab es wieder Drinks und daraufhin wurde sich am Ufer gebräunt. Den Rhythmus trinken, schwimmen, trocknen/bräunen behielten wir vier Stunden bei. So ein Strandtag zwischendurch ist schon was Feines. Quasi Urlaub im Urlaub. Und da wir bekanntlich alles junge Männer im zeugungsfähigen Alter sind, entgingen uns natürlich auch die vielen Bikinischönheiten nicht. Leider waren die hübschesten Mädchen in Begleitung von kahlrasierten Muskelbergen.

Kleines Belgrader Sommerparadies

24.08.2017
FK Crvena zvezda– FK Partizan 0:0
Super Liga (I)
Stadion Rajko Mitic (Att: 32.841)

Um 15 Uhr brachen wir von der Insel auf, um schon mal unsere Zugtickets an die Adriaküste für den Folgetag zu kaufen. 20€ pro Person (inklusive Sitzplatzreservierung) kostete der 12stündige Ritt Belgrad-Bar für Eisenbahnromantiker. Fairer Deal! Verrichteter Dinge ging es nun nochmal zum Duschen ins Hotel und dann war Derbytime. Wir trafen uns um 17 Uhr am Slavija und brachen nach einem stärkenden Punjena Pljeskavica zum Stadion auf. Ein riesiges Polizeiaufgebot hatte im Umfeld des „Marakana“ beide Fanlager rigoros getrennt und Partizan marschierte von ihrer nur wenige hundert Meter entfernten Heimstatt (dem Stadion der JNA) geschlossen zur Gästekurve.

Der Tunnel in die Hölle von Belgrad

Für dieses Spiel hatten sich Ole und ich für den Innenraum akkreditiert und netterweise nimmt man als Pressefotograf den gleichen Weg zum Spielfeld wie die Mannschaften. Es geht also durch den ziemlich langen Spielertunnel hoch in die Arena (ganz klassisch gemeint), wo man direkt vor der fanatischen Nordkurve rausgespuckt wird. Hier bei einem bedeutenden Spiel aufzulaufen, muss der absolute Wahnsinn sein. Ich hätte wahrscheinlich dafür getötet letzten Donnerstag gegen Krasnodar ein einlaufender Spieler mit dem roten Stern auf der Brust sein zu dürfen.

Die Gästekurve weit vor Anpfiff

Heimseitig war gut 45 Minuten vor Anpfiff noch nicht ganz so viel los, während in der Gästekurve schon ein echt beeindruckender Haufen mit verschränkten Armen stand. Als ich bei einem ersten Stadionrundgang an der Partizan-Kurve vorbeischritt, blickte ich in wirklich hasserfüllte Augen. Die nahmen das 155.Derby (62 Siege Zvezda, 46 Siege Partizan, Rest Remis) verdammt ernst! Erschwerend kam heute hinzu, dass der 18jährige Partizan-Fan Demir Jukic vor wenigen Tagen seinen Anfang Juni zugezogenen Schussverletzungen erlag. In Novi Beograd waren damals rivalisierende Fangruppen aufeinander getroffen und leider wurde in der Massenschlägerei (Zeugen sprachen von rund 100 Beteiligten) wieder einmal eine Schusswaffe gezückt und auch eingesetzt.

Die Teams laufen auf zum 155.Derby

Deshalb schwiegen die Gästefans zunächst, hatten nur ein großes Gedenkbanner an den Zaun gehängt („Demir Jukic 1999-2017, in dir schlägt für immer das Herz eines Vandals“) und im Block wurde leidiglich eine große Fahne der „Vandal Boys“ (Demirs Gruppe) einsam geschwenkt. In der Nordkurve dagegen gewohnter Support, jedoch hatte auch „Delije“ nichts Besonderes zum Intro vorbereitet. Also keine Choreo oder Pyro-Orgie. Bei „nur“ rund 32.000 Zuschauern diesen Abend waren geschätzte 30.000 bis 40.000 Fans von Roter Stern weniger im Stadion als Donnerstag (Gästefans heute mindestens 10.000). Das unterstreicht noch einmal den Stellenwert, den dieses Europapokalspiel für die Fanszene hatte. Für die kommenden internationalen Auftritte von „Red Star Belgrade“ kann ich natürlich wenig überraschend eine Reiseempfehlung abgeben.

Demir Jukic 1999-2017

Nach 18 Minuten entrollten die „Grobari“ eine Blockfahne mit dem Konterfei des getöteten Teenagers. Da bekommt man als empathischer Mensch schon einen Kloß im Hals. Du siehst in ein lebensfrohes, fast noch kindliches Gesicht und weißt, dass sein Leben schon vorbei war, bevor es überhaupt richtig angefangen hatte. Demir war nicht das erste und ich fürchte auch nicht das letzte Todesopfer dieser bitteren Rivalität. Die Fans riefen seinen Vor- und Zunamen nun als Wechselgesang zwischen den beiden großen Gästeblöcken und eine einzelne rote Fackel leuchtete wie ein Grablicht im Herzen der Kurve. Darauf folgte brachialer Support der „Grobari“ und die Blockfahne wanderte in den frei gebliebenen Teil der Südkurve, wo sie bis zum Spielende verblieb.

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Die Gästekurve

Sportlich passierte derweil rund 30 Minuten gar nichts Erwähenswertes. Bei Partizan merkte man schon einen enormen Aderlass gegenüber dem so erfolgreichen Vorjahreskader an. Nikola Milenkovic wechselte für ca. 5 Millionen Euro Ablöse zur Fiorentina, der Brasilianer Leonardo für eine Million Euro weniger zu Al-Ahli nach Saudi-Arabien und Nemanja Mihajlovic geht jetzt für den SC Heerenveen in der Eredivisie auf Torejagd (ca. 2 Mio € Ablöse). Größter verbliebener Star war Toptorjäger Uros Djurdjevic (Vorsaison 28 Treffer in 34 Pflichtspielen), der heute allerdings blass blieb und direkt nach dem Spiel an Olympiakos nach Piräus transferiert wurde (geschätzter Erlös: 2,5 Mio €). Der Stadtrivale hatte dagegen trotz ebenfalls hoher Schulden einen Ausverkauf vermieden, lediglich Supertalent Luka Ilic wurde an Manchester City verkauft (ca. 5 Mio € Ablöse, aber auch gleich für die aktuelle Saison zurückgeliehen) und ein paar weitere, mittlerweile gleichwertig ersetzte Stammspieler der Vorsaison erlösten niedrige siebenstellige Summen. Hier hätten Topspieler wie Boakye oder Kanga nur zur Disposition gestanden, wäre man nicht in die EL-Gruppenphase eingezogen, aber das kam ja bekanntlich anders.

Erstes kleines Feuer in der Nordkurve

Die Playoff-Spiele vom vergangenen Donnerstag steckten beiden Teams noch in den Knochen (Partizan zog gegen Videoton ebenfalls in die Gruppenphase der Europa League ein), das war deutlich zu sehen. Zum Glück wurde das letzte Drittel der 1.Hälfte überraschend ereignisreich. In der 34.Minute knallte Pešic einen Torschuss von der Strafraumkante an die Latte und drei Minuten später wurde Boakye im Strafraum gut in Szene gesetzt, verstolperte aber dank eines Lochs im Rasen den Abschluss. In der 39.Minute bescherrte ein schöner Steilpass Slovoljub Srnic ein Eins gegen Eins mit dem Gästekeeper, bei dem Stojkovic jedoch den Schuss abwehren konnte. Srnic war es dann auch, der in der 44.Minute noch einen klugen Querpass zum 5er spielte, aber Stojkovic kam schneller an den Ball als der einschussbereite Boakye. Es blieb leider beim 0:0 und Partizan hatte in diesen ersten 45 Minuten nicht ein einziges Mal auf das Tor geschossen.

Nordkurve zu Beginn der 2.Hälfte

In der Halbzeit holte die Gästekurve mittels Durchsupporten quasi wieder ihre Schweigephase rein, während ich an diesem schwülen Abend mal schnell auf die Tribüne verschwand, um zwei Cola à 100 Dinar von einem fliegenden Händler zu organisieren. Außerdem grüßte ich die erneut beruflich anwesende TV-Journalistin Jovana, die heute ihre in meinen Augen noch attraktivere Kollegin Dijana im Schlepptau hatte. Ich glaube, ich fange auch bald bei Arena Sports TV an. Meinetwegen sogar ein unbezahltes Praktikum.

Flammendes Inferno bei Partizan

In den zweiten 45 Minuten wurde optisch und akustisch in beiden Kurven relativ viel geboten, was zur Unterhaltung auch bitter notwendig war, denn die Partie erreichte sportlich wieder das Niveau der ersten halben Stunde. Wir sahen viele Fackeln auf beiden Seiten und es wurde sich in gewohnter Manier durchbeleidigt. Auch gab es immer mal wieder krachend laute Böller. Einer davon erinnerte mich daran, warum ich bei solchen Spielen nicht vor der Kurve rumturne. Der ließ eine ganze Werbebande wegfliegen (gesprengt klänge zu martialisch, ist hier ja kein Madsack-Medium) und hatte ’ne Druckwelle bis zur Haupttribüne. Für einen Hallo-Wach-Effekt auf dem Platz sorgte aber auch das nicht. Die Rot-Weißen schienen ihr Pulver vor der Pause verschossen zu haben und Partizans immer noch torschussloses Team wäre mit einem Auswärtspunkt beim Tabellenführer wohl mehr als zufrieden.

Getrübte Aussichten

Damit uns wirklich nicht langweilig wurde, hatte sich die Gästekurve noch einen Rechercheauftrag für uns überlegt. Auf einem mysteriösen Spruchband stand einfach nur das Datum „27.08.1911“. Partizan existiert ja erst seit 1945 (wie auch Roter Stern) und einen Vorgängerverein gibt es auch nicht. Ebenfalls gibt die serbische Geschichte nichts Herausragendes für dieses Datum her (außer dass die serbische Schauspielerin Rahala Ferari an diesem Tag geboren wurde. Wer außerhalb der Jugosphäre kennt sie nicht?). Blieben eigentlich nur noch die griechischen (PAOK) und russischen (CSKA) „Waffenbrüder“ von Partizan. Und bingo, CSKA Moskau wurde heute vor 106 Jahren als „Gesellschaft der Skisportfreunde“ in Moskau gegründet worden.

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Die Nordkurve

In der 80.Minute gab es dann nochmal ein schönes Inferno in der Nordkurve und alle Fackeln wurden in der Polizeikette entsorgt. Doch auch das läutete keinen Endspurt auf dem Rasen ein. Mittlerweile war wohl auch die Elf mit dem roten Stern mit einem Punkt zufrieden und das 155.Derby endete mit dem 47.Unentschieden. Folglich brauchte man heute auch nicht besonders lange nach Abpfiff im Stadion bleiben. Beide Fanlager waren ihren Teams nicht wirklich böse (besonders die Hausherren hatten noch Riesenbonus von Donnerstag) und der Gästeanhang zündete seine Kurve nicht aus Frust, sondern mutmaßlich aus anderen Motiven an (ein paar dutzend Sitzschalen schmolzen noch dahin). Und während die Feuerwehr zum Löscheinsatz vorrückte, zogen wir Richtung Skardalija ab, um ein Abschlußessen dieses ereignisreichen Wochenendes zu realisieren.

Skardalija

Da bei „Tri šešira“ diesmal gar kein Tisch mehr frei war und wir ja auch stolze 10 Leute waren, nahmen wir die Gelegenheit wahr, dass draußen beim benachbarten Restaurant „Putujući glumac“ gerade eine große Tafel leer wurde. War aber ein sehr unbefriedigender Restaurantbesuch, der damit anfing, dass wir nach zwei Minuten schon um unsere Essensbestellung gebeten wurden, obwohl man uns gerade mal drei Speisekarten zur Verfügung gestellt hatte. Insgesamt waren die Kellner nicht besonders freundlich und das für hiesige Verhältnisse stolz bepreiste Essen enttäuschte auch auf breiter Linie. Ich hatte zum Beispiel „Mixed Grill“ für rund 9€, wo aber nichts gegrillt wurde, sondern teilweise mutmaßliches Tiefkühlfleisch (garantiert die Ćevapčići und das Pljeskavica) mit viel Öl in der Pfanne gebraten wurde. Dazu passte auch, dass die Freunde, die Gurmanska Pljeskavica bestellt hatten, eben nicht ein Hacksteak gefüllt mit Käse und Speck bekamen, sondern die gleiche große Hamburgerfrikadelle wie ich, nur mit Käse und Speckwürfeln obendrauf. Dazu war die Wurst viel zu kurz in der Pfanne und die Hähnchenbrust furztrocken. Einzig das große Schweinesteak war halbwegs okay, aber hätte mit Grillaroma auch 1000mal geiler geschmeckt. Dazu labbrige Pommes und 0,33l-Flaschenbier für 2€. Das war alles Imbissbudenqualität mit gehobenen serbischen Restaurantpreisen. Das gibt keinen „Revisit“.

Endlich mal schlechtes Essen

Nach dem Essen verabschiedeten wir uns gegen Mitternacht von den fünf Freunden aus München und Hannover herzlich (sie flogen alle Montagmorgen zurück) und gönnten uns anstatt einer Partynacht auch lieber ’ne zumindest siebenstündige Schlafphase. Schließlich mussten wir um 9:10 Uhr auch schon wieder im Zug sitzen. Montenegro is calling! Auf geht’s in die zweite Woche Balkan.