Beograd (Belgrad) 07/2019

23.07.2019
FK Crvena zvezda – HJK Helsinki 2:0
UEFA Champions League (Qualifying, 2nd Round)
Stadion „Rajko Mitic“ (Att: 36.289)

Wie ärgerlich, dass die UEFA-Losfee zwei Auslosungen hintereinander zwar die richtigen Kugeln, jedoch in der falschen Reihenfolge gezogen hatte. Ich prophezeite zuvor optimistisch, dass Zvezda in der 1.Qualifikationsrunde einen der drei Meister aus dem Baltikum zugelost bekommt und eine Runde später nach Helsinki darf. Genau so kam es dann auch. Nur, dass Zvezda den litauischen Meister während unserer Baltikum-Urlaubswoche zum Rückspiel in Belgrad empfing und der finnische Meister HJK in unserer zweiten Urlaubswoche, die in Helsinki begann, nach Belgrad zum Hinspiel reisen durfte. Es wäre sonst so schön gewesen! Da sich in der CL-Quali sonst keine Paarung in Kalenderwoche 30 so richtig aufdrängte und für Donnerstag in der EL-Quali ein paar brauchbare Partien in Südosteuropa möglich schienen, ging es halt parallel zur HJK-Mannschaft von Helsinki nach Belgrad.

Auf Wiedersehen Helsinki

Der Ansetzung FK Crvena zvezda – HJK Helsinki war es wohl auch geschuldet, dass die Preise für den montäglichen Direktflug mit Air Serbia exorbitant hoch waren (über 200€ im Basic-Tarif). Wahrscheinlich hatte HJK nach der Auslosung gleich mal 40 oder 50 Sitze geblockt. Die preiswerteste Alternative war nun mit Turkish Airlines via Istanbul für 150€ p. P. zu fliegen. Immerhin mit Speis und Trank, sowie sehr guten Plätzen am Notausgang im Preis inbegriffen.

Mittagessen über den Wolken

Um 10 Uhr verließen wir am Montagmorgen Helsinkis Stadtmitte gen Vantaa, wo sich der Hauptstadtflughafen in 18,96km Entfernung vom Zentrum befindet. Eine halbe Stunde braucht der Zug und die Strecke war in unserem 24-Stunden-Ticket der Zonen A bis C inkludiert (die Zeitkarte hatte uns am Vortag 12€ gekostet, ein Einzelticket zum Airport schlägt wiederum mit 5€ zu Buche). Alles lief heute flüssig und 30 Minuten vor’m Boarding waren wir am Gate. Dort beschlagnahmte unser Trio drei Liegen und wartete entspannt auf den Einlass für unsere Buchungskategorie. Nachdem zunächst die Businessreisenden abgefertigt wurden, hieß es auch für uns Lederliege gegen Ledersitz tauschen und wir konnten kaum noch das Mittagessen über den Wolken erwarten.

Olympiastadion Istanbul

Da wir im Vorfeld keine kulinarischen Sonderwünsche geäußert hatten, gab es delikate Köfte mit Reis und Gemüse, plus Brötchen, Salatbeilage und Pudding. Das erste Bier des Tages (oder der erste Wein im Falle unseres kleinen Italieners) durfte natürlich auch nicht fehlen. Auf der Hälfte des Fluges nickte ich schließlich ein und wurde erst beim Landeanflug auf die Megacity Istanbul wieder wach. Unser heutiges Drehkreuz war der neue Istanbuler Flughafen. Ein gigantisches Bauwerk, in dessen internationalem Terminal wir uns erstmal an Pide (ca. 6,50€) und Lahmacun (ca. 2,90€) labten. Mit dem kulinarischen Intermezzo vergingen die 96 Minuten bis zum Boarding des Anschlussfluges rasch und 18:40 Uhr waren wir wieder am Himmel.

Türkische Teigspezialitäten am neuen Istanbuler Flughafen

Im Flieger Nr. 2 wurde ein Käse-Tomaten-Sandwich, ein kleiner Salat mit Hähnchenbrust und ein Apfelküchlein als Abendsnack gereicht. Weiteres Efes durfte natürlich auch nicht fehlen und nach einem 66minütigen Lufttransport betraten wir einmal mehr serbischen Boden. Erfreulicherweise waren wir gerade pünktlich zu einer Busabfahrt durch die Grenzkontrolle und investierten die umgerechnet 2,50€ für den Transfer in die Stadt. Am Busbahnhof verließen wir das Vehikel und steuerten per pedes das 1,5km entfernte „Hotel Rex“ an (22€ pro Nacht und Bett inklusive Frühstück).

Abendessen über den Wolken

Danach waren wir mit El Glatto und dem Abt zum Abendessen verabredet. Die beiden hatten das vergangene Wochenende in Sarajevo verbracht und waren ebenfalls heute in Belgrad eingetroffen. Es sollte wieder mal ins Restaurant „Polet“ gehen, nur leider hatte unser Kellnerkumpel und mein gleichzeitiger Namensvetter Saša Urlaub. Das Essen schmeckte natürlich trotzdem, aber unsere heutige Servicekraft verrichtete nur Dienst nach Vorschrift. In Anbetracht der bereits drei Mahlzeiten in den letzten acht Stunden, gab es für mich übrigens nur 10 Ćevapčići mit einer Kugel Kajmak, Zwiebeln und Fritten. Für Fleischplatten würde es die nächsten Tage schon noch genug Gelegenheiten geben.

Die vierte Mahlzeit des Tages

Nach dem Essen ging es noch in die hotelnahe Niederlassung von „Balkan Bet“ und bei einem Bier schauten Glatto und ich den anderen drei Mitmenschen beim Geld verbrennen am Roulettetisch zu. Gegen Mitternacht machten wir die letzten Meter zum „Hotel Rex“ und ich freute mich diese Nacht wieder richtig bequem zu schlafen, ehe um 8:30 Uhr der Wecker zum Frühstück rief. Am Buffet wurde die nötige Energie für die ersten Herausforderungen des Tages getankt und dann hieß es Abschied von El Glatto nehmen, der heute von Belgrad nach Hannover zurückflog. Der Rest ging dagegen schräg gegenüber vom Hotel zum Friseur. Ich wurde auch tatsächlich von der serbischen Scherenartistin wiedererkannt und ließ heute extra viele Haare in dem Laden, damit ich möglichst bis zum nächsten Trip nach Belgrad nicht nochmal zum Friseur muss. Anstatt die aufgerufenen 2,70€ war die Dienstleistung uns allen wenigstens umgerechnet 4,25€ wert und somit bleiben wir wohl weiterhin in guter Erinnerung.

Hotel Rex: Not great, not terrible

Während meine Freunde nun zum Stadion von Zvezda wollten (Tickets für Morgen kaufen, den Fanshop durchstöbern und im Stadioncafé lungern), hatte ich mir eine historische Stadttour durch die Altstadtviertel Skadarlija, Dorćol, Kosančićev Venac und den Festungsdistrikt Kalemegdan, sowie durch Novi Beograd überlegt (inklusive Graffitispotting in Novi Beograd). Das Ganze sollte eine mehrstündige geschichtliche Spurensuche werden (passenderweise am 563.Jahrestag der siegreichen Schlacht gegen die Türken von 1456), denn ich hab zwar in den letzten Jahren schon viele Häppchen über die Geschichte Belgrads und Serbiens serviert, aber ein kleiner chronologischer Überblick der Belgrader Stadtgeschichte fehlt bisher. Deshalb werde ich mit dem Stil der bisherigen Berichte dieser Sommerreise nicht brechen und auch ein paar Absätze über die wechselhafte Historie der serbischen Hauptstadt verfassen.

Die Mündung der Save in die Donau hat seit über 2.000 Jahren stragetische Bedeutung

Jene wurde erstmals 279 v. Chr. in einer römischen Quelle als Singidunum erwähnt. Es handelte sich um eine keltische Siedlung, die schließlich 86 v. Chr. von den Römern erobert wurde. Auf der Anhöhe oberhalb vom Zufluss der Save in die Donau errichteten sie ein Kastell und Singidunum wurde eine strategisch wichtige Garnisonsstadt. In den unteren Schichten der Belgrader Festungsmauer findet man noch heute Mauerteile des einstigen Römerkastells.

Römische Mauerreste im Festungsdistrikt Kalemegdan

Durch die römische Reichsteilung von 395 n. Chr. wurde Singidunum Teil des Oströmischen (Byzantinischen) Reiches. Schon wenig später brachte die Zeit der Völkerwanderung Tod und Zerstörung in die Stadt. Zunächst fielen nacheinander Hunnen, Ostgoten und Sarmaten in Singidunum ein (5./6.Jahrhundert). Im späten 6.Jahrhundert drangen schließlich die Awaren und Slawen von Norden bis an die Donau vor. In dieser Periode kamen slawische Stämme, und somit die Vorfahren der heutigen jugoslawischer Völker, erstmals und sogleich dauerhaft auf den Balkan. Spätestens ab 630 war auch Singidunum unter slawischer Kontrolle. Die folgenden zwei Jahrhunderte sind äußerst quellenarm, allerdings bekam die Stadt bereits damals, wegen ihrer Kalksteinbausubstanz, von den Slawen ihren heutigen Namen Beograd / Belgrad (deutsch: Weiße Stadt).

Modell der mittelalterlichen Festungsgestalt

Vom 9. bis ins 13.Jahrhundert dauerte eine äußerst kriegerische Periode an, in der sich die Magyaren (Ungarn), die Byzantiner und die Bulgaren mit der Herrschaft über die „Weiße Stadt“ an der Donau gefühlt alle paar Jahre abwechselten. Der erste serbische Herrscher über die Stadt heißt schließlich Stefan Dragutin. Er war der ungarischen Krone tributpflichtig, regierte jedoch ansonsten autonom das nordserbische Königreich Srem, dessen Hauptstadt Belgrad 1284 wird. Von 1276 bis 1282 hatte Stefan Dragutin (welcher der serbischen Nemanjić-Dynastie entstammt) übrigens über das eigentliche mittelalterliche serbische Königreich auf der Balkanhalbinsel geherrscht. Dieses erstreckte sich im Wesentlichen über das heutige Zentral- und Südserbien (inklusive Kosovo und Metochien). Da dem serbischen Hochadel jedoch Dragutins Nähe zum ungarischen König mißfiel (seine Frau entstammte der damals über Ungarn herrschenden Linie des Hauses Anjou) und man einen Anschluss an Ungarn befürchtete, wurde Dragutin abgesetzt. Sein nördliches Teilreich unter ungarischem Schutz, war dann gewissermaßen Ungarns Entschädigung für den treuen Verbündeten.

Stefan Dragutins Machtbereich zwischen Serbien und Ungarn

Nach Stefan Dragutins Tod (1316) kam sein Sohn Stefan Vladislav auf den Thron, der sich mehr als ungarischer Anjou denn als serbischer Nemanjide sah. Er überließ Srem wieder der ungarischen Krone. Allerdings war sein Onkel Stefan Uroš II. Milutin (seit 1282 Nachfolger von Stefan Dragutin auf dem serbischen Thron) ebenfalls scharf auf das Königreich Srem und eroberte den Süden des Territoriums bis vor die Tore Belgrads. Überhaupt dehnte Milutin das mittelalterliche Serbien enorm aus. Er herrschte nicht nur über das gegenwärtige Serbien (abzüglich Belgrad und der Vojvodina), sondern es kamen außerdem Montenegro, die Herzegowina, Süddalmatien und Teile der heutigen südlichen Nachbarländer Albanien, Nordmazedonien, Griechenland und Bulgarien unter seine Herrschaft.

Das serbische Zarenreich und ihm abhängige Gebiete

Die größte Ausdehnung und Machtposition erreichte das mittelalterliche Serbien dann unter Stefan Uroš IV. Dušan (1331 bis 1346 serbischer König, 1346 bis 1355 erster serbischer Zar). Jener Herrscher, der sich im Stile eines Karls des Großen zum römischen Kaiser (Zar) krönen ließ, eroberte auch Belgrad für sein Reich. Doch aufgrund der Randposition, kam es damals nicht als Hauptstadt in Frage. Das blieb Prizren im Kosovo, mit seiner zentralen Lage im serbischen Stammland (der Kosovo ist die Wiege der serbischen Nation und bis heute das religiöse Zentrum der serbisch-orthodoxen Kirche). Nach Norden hin befand sich mit der Donau nun eine natürliche Grenze zum mächtigen Gegenspieler Ungarn und der Zar richtete den Fokus mehr nach Süden. Die Schwäche der Byzantiner und die gleichzeitige Expansion der Osmanen, erkannte er zurecht als große Chance und noch größere Gefahr für sein Reich.

Die Markuskirche in Belgrad

Den unweigerlichen „Showdown“ zwischen den Türken (Osmanen) und den Serben auf dem Balkan erlebten jedoch erst die Nachfahren des ersten serbischen Zaren (dessen Gebeine übrigens in der Belgrader Markuskirche liegen). Die legendäre Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo polje) am 15.Juni 1389 hatte große Auswirkungen auf Belgrads weitere Entwicklung. Da die Türken damals über die Serben siegten und sich auf der Balkanhalbinsel festsetzten, verlagerte sich das Serbenreich nach Norden. Das serbische König- bzw. Zarenreich war nach der Niederlage von 1389 zerschlagen und es blieb den Serben nur ein von den Osmanen abhängiges Rumpfserbien im Norden (das so genannte serbische Despotat). Der erste Despot Stefan Lazarević herrschte von 1389 bis 1427 und erkor Belgrad, welches er von der mittlerweile wieder über die Stadt herrschenden ungarischen Krone als Lehen bekam, zu seiner Hauptstadt.

Tor des Despoten

Es setzte nun eine große kulturelle Blüte ein, da Stefan Lazarević ein Schöngeist war und darüberhinaus zahlreiche orthodoxe Gelehrte aus von den Osmanen unterjochten Gebieten nach Belgrad flohen. Der Despot baute außerdem seine Residenzstadt aus und erneuerte die Belgrader Festung. Belgrad wurde in eine höfische Oberstadt und eine zivile Unterstadt geteilt. Von dieser Zeit zeugt heute noch das Tor des Despoten. Stefan Lazarevićs Thronfolger Đurađ Branković musste Belgrad allerdings an die Ungarn zurückgeben. Diese verstärkten die Festung nochmals, da das Bollwerk an der Donau das nächste logische Ziel der türkischen Expansion war. Aus dieser Epoche stammt das doppeltürmige Zindantor (siehe Titelbild), welches bei der ersten türkischen Belagerung (22.Juli 1456) ein Garant für den Erfolg der ungarischen und serbischen Verteidiger war. Beim zweiten Anlauf 1521 hielten die Mauern jedoch nicht mehr der modernen osmanischen Artillerie stand und Sultan Süleymann I. zog als Sieger in die Stadt ein. Belgrad wurde nun geplündert, niedergebrannt und als osmanische Stadt neu errichtet.

Ungarisch-Serbischer Gedenkstein an die Schlacht von 1456

Die Serben erhoben sich zwar 1594 gegen die türkischen Okkupanten, doch der Großwesir Sinan Pascha schlug den Aufstand nieder und sorgte für Vergeltung. So wurden die Kirchen der Stadt niedergebrannt und der Leichnam des serbischen Nationalheiligen Sava wurde extra aus dem Kloster Mileševa nach Belgrad überführt, um ihn öffentlich auf dem Belgrader Vračar-Hügel zu verbrennen (an jener Stelle thront heute der Dom des Heiligen Sava über Serbiens Hauptstadt). Nachdem die Verhältnisse vorläufig geklärt waren, blühte die Stadt abermals auf. Sie wurde eine wichtige Handelsstadt zwischen Orient und Okzident, mit prächtigen Palästen und Moscheen, die um 1700 schätzungsweise erstmals die Marke von 100.000 Einwohnern überschritt. Sie war damit nach Konstantinopel (Istanbul) die zweitgrößte Stadt im Osmanischen Reich und galt auch als die zweitprächtigste hinter der Hauptstadt.

Die Bajrakli-Moschee aus dem 17.Jahrhundert in Dorćol

Nachdem die türkische Expansion in Europa 1683 vor den Toren Wiens endgültig gestoppt wurde, begann das bis heute nachwirkende Ringen zwischen Habsburgern und Osmanen auf der Balkanhalbinsel. Es war die Epoche der Türkenkriege und von 1688 bis 1690, sowie von 1717 bis 1739 und von 1789 bis 1791 stand die Stadt zwischenzeitlich dreimal unter österreichischer Herrschaft. Die Serben witterten nach diesem kriegerischen Jahrhundert ein geschwächtes Osmanisches Reich und somit ihre Chance auf Unabhängigkeit. Dazu kam erschwerend hinzu, dass die Osmanen seit der Wiedereroberung von 1791 mit besonders harter Hand regierten und den Serben keinerlei Autonomie mehr gewährten.

Osmanisches Grab des Generals Ali Pasha von 1716

Unter Đorđe Petrović, den die Osmanen wegen seiner Unbarmherzigkeit Karađorđe (Schwarzer Georg) tauften, erhoben sich die Serben 1804 und von 1806 bis 1813 kontrollierten die Aufständischen Belgrad. Karađorđe ließ damals die Moscheen zerstören oder entweihte sie andernfalls als Schweineställe. Große Unterstützung erfuhren die Serben bei ihrem Aufstand vom Russischen Zarenreich (der Beginn einer bis heute währenden Völkerfreundschaft). Als Napoleon jedoch 1812 seinen Russlandfeldzug begann, nutzten die Osmanen die Gunst der Stunde und starteten eine Großoffensive gegen die Serben, die mittlerweile ein Gebiet von der Donau bis in den Kosovo kontrollierten.

Belgrads ältestes erhaltenes Wohnhaus von 1739 in Dorćol

Das türkische Imperium schlug noch ein letztes Mal erfolgreich zurück und Karađorđe floh nach Österreich. Nach der Rückeroberung Belgrads begannen die Osmanen wieder ihre Moscheen zu errichten, doch schon am 24.April 1815 brach Miloš Obrenović den Zweiten Serbischen Aufstand vom Zaun. Die Serben schlugen die Osmanen in mehreren Schlachten und eroberten schon im Sommer 1815 Belgrad zurück. Das geschwächte türkische Imperium scheute einen abermaligen militärischen Kraftakt und setzte sich mit den Aufständischen an den Verhandlungstisch. Das Ergebnis war ein nahezu komplett autonomes serbisches Fürstentum, mit Belgrad als Hauptstadt, innerhalb der Grenzen des Osmanischen Reichs. Türkische Präsenz gab es nur noch durch Garnisonen in den Festungen des Landes (z. B. in Belgrad, Šabac oder Niš).

Die serbisch-orthodoxe Kathedrale des Erzengel Michael von 1837 im Viertel Kosančićev Venac

1867 erreichten die Serben auf diplomatischem Weg auch noch den Abzug der türkischen Garnisonen, womit das Land endgültig in die Unabhängigkeit entlassen wurde. 1878 erkannten alle Großmächte den jungen Staat auf dem Berliner Kongreß an und 1882 erhob sich das Fürstentum zum Königreich Serbien. Ab 1867 veränderte sich unterdessen das Stadtbild nachhaltig. Die Moscheen, bis auf die Bajrakli-Moschee, und weitere osmanische Spuren verschwanden aus dem Stadtbild. Als Hauptstadt war Belgrad nun ein großes Wachstum beschieden, welches die Industrialisierung zusätzlich befeuerte. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs erreichte die Stadt wieder die 100.000-Einwohner-Marke und ferner hatte sich das Stadtgebiet durch zahlreiche Neubaugebiete auch in der Fläche enorm vergrößert.

Belgrads älteste Kafana von 1878 in einem Gebäude von 1823

Der Erste Weltkrieg, an dessen Ausbruch Serben bekanntermaßen Aktien hatten, brachte jedoch wieder Tod und Zerstörung nach Belgrad. Die serbische Hauptstadt lag direkt an der Grenze zu Österreich-Ungarn und wurde schon in den ersten Kriegswochen von den Mittelmächten (Deutsches Reich und Österreich-Ungarn) erobert. Nach einer serbischen Rückeroberung im Dezember 1914 fiel Belgrad im Oktober 1915 abermals an die Mittelmächte. Erst im November 1918, kurz vor Kriegsende, befreiten serbische und französische Truppen die Stadt wieder. Als Kriegsfolge bekam Serbien bzw. das nun gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen die Vojvodina zugesprochen (bisher ungarisches Territorium), so dass Belgrad mehr in die Mitte des Reiches rückte. Außerdem lebten erstmals fast alle Serben zusammen in einem Staatsgebilde. Denn die geschichtlichen Entwicklungen des Balkans verstreuten die Serben über die Jahrhunderte auch auf Kroatien, Bosnien und weitere Teile der Jugosphäre.

Haus der Nationalversammlung (zwischen 1907 und 1936 erbaut)

Die Zwischenkriegszeit war nun eine regelrechte Epoche des Booms für die Hauptstadt des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (1929 in Königreich Jugoslawien umbenannt). Die Industrialisierung nahm nochmal an Fahrt auf und das Stadtgebiet dehnte sich erneut aus. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs lebten bereits über 300.000 Menschen in Belgrad. Der neuerliche Weltkrieg traf die Stadt jedoch hart. Die Stadtteile westlich der Save wurden dem neu gebildeten und Hitler treu ergebenen kroatischen Staat zugeschlagen. Am Westufer der Save, auf dem bisherigen Belgrader Messegelände, errichteten die Nazis außerdemn ein Konzentrationslager.

Mahnmal auf dem Grund des ehemaligen KZ Sajmište

Im KZ Sajmište wurde ein Großteil der serbischen Juden systematisch ermordet (schätzungsweise 48.000 Todesopfer), während auch die nicht-jüdische Bevölkerung unter dem Terror-Regime des deutschen Militärgouverneurs Franz Böhme litt. Es galt die Faustregel, dass für jeden getöteten deutschen Soldaten 100 Serben hingerichtet werden. Bis zur Befreiung Belgrads am 20.Oktober 1944, durch Titos Volksbefreiungsarmee und die aus Rumänien vorrückende Rote Armee der Sowjetunion, starben Zehntausende Belgrader im Zweiten Weltkrieg. Insgesamt ließen Hunderttausende Serben in diesem Krieg ihr Leben. Die meisten davon durch den Genozid der Kroaten an den Serben auf kroatisch kontrolliertem Gebiet.

Der Palata Srbije von 1959

Nachdem das Deutsche Reich und seine Verbündeten geschlagen waren, begann die sozialistische Ära unter Partisanenführer Tito. Obwohl sich während des Krieges Kroaten, Serben, Muslime usw. gegenseitig abgeschlachtet haben, wagte man ein zweites jugoslawisches Staatsexperiment; die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien (mit Belgrad als Bundeshauptstadt). Der Kriegsheld und charismatische Führer Tito, der übrigens halb Slowene und halb Kroate war, schaffte tatsächlich die (sozialistische) jugoslawische Idee von Einheit und Brüderlichkeit mehrere Jahrzehnte am Leben zu halten. Dabei wandelte sich Belgrads Stadtbild abermals. Mit Novi Beograd entstand zum Beispiel ein riesiger sozialistischer Musterstadtteil – eher eine neue Stadt – mit riesigen brutalistischen Wohnblöcken.

Novi Beograd

Doch nach Titos Tod 1980 kehrte der Nationalismus endgültig wieder nach Jugoslawien zurück. Rund 10 Jahre später zerbrach der Bundesstaat vor allem an den nationalistischen Ideen des kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman und des serbischen Präsidenten Slobodan Milošević. Die bittere Folge waren ab 1991 die Jugoslawienkriege. Während der Bürgerkriege in Kroatien und Bosnien-Herzegowina blieb Belgrad noch von Kriegshandlungen verschont, doch während des Kosovokrieges 1999 wurde die Stadt mehrfach von der NATO bombardiert. Von diesen Luftangriffen sind immer noch ein paar Narben im Stadtbild zu sehen.

Das 1999 zerbombte Verteidigungsministerium

Nach dem Kosovokrieg, der die serbische Provinz Kosovo-Metochien unter internationale Kontrolle brachte, kam es im Jahre 2000 zum Sturz des langjährigen autokratischen Präsidenten Slobodan Milošević. Danach setzte ein längst nicht abgeschlossener Demokratisierungsprozess ein und heute ist Belgrad wieder eine Metropole im Wachstum und Wandel. Bei jedem Besuch gibt es Neues zu entdecken und teilweise ist Altes verschwunden. Beispielhaft sei nur nochmal das gegenwärtige Mammutbauprojekt „Belgrade Waterfront“ genannt (ich berichtete bereits ausführlich).

Nachdem ich in Novi Beograd die historische Spurensuche beendete, widmete ich mich schließlich noch zeitgenössischer Fußballkultur mittels einer Graffititour durch den von Zvezda-Fans kontrollierten Blok 21 (Novi Beograd ist in 72 Wohnblöcke unterteilt). Dann ging es mit tollen Impressionen im Kopf und 15.000 Metern in den Beinen zurück ins „Rex“. Ein serbischer Bekannter vom Abt hatte uns auf ein paar Biere und eine Runde Schwimmen in der Save eingeladen. M. holte uns kurz nach 16 Uhr am Hotel ab und fuhr mit uns auf das semikommerzielle Hausboot bzw. Partyfloss eines seiner besten Freunde. Dieses „Splav“ verfügt über eine gut bestückte Bar und man führt einfach Strichliste, wenn man sich bedient. An den Wochenenden der warmen Jahreszeit feiern sie dort regelmässig nette kleine Partys mit DJ und wir dürfen uns dazu eingeladen fühlen, wenn wir nächstes Mal in Belgrad sind.

Die Save bei Belgrad

Da M. ein Fan von Partizan ist, genauer gesagt ein Zabranjeni, drehten sich die Gespräche viel über Fußball. Aber auch Geschichte (wo er serbientypisch hervorragendes Wissen offenbarte) und Politik kamen nicht zu kurz. Zumal Fußball und Politik in Serbien ziemlich verwoben sein können. Genau wie Fußball und Unterwelt in Serbien sehr verwoben sein können. Wir erfuhren Wissenswertes über Geldwäsche und geschobene Spiele im serbischen Fußball. Außerdem gab es interessante Innenansichten eines Partizani, wie auch ebenso hörenswerte Einschätzungen zu anderen Szenen im Land und auf dem Rest-Balkan, allen voran natürlich zum ewigen Rivalen Crvena zvezda. Wo in Belgrad unsere fußballerischen Sympathien eher zu verorten waren, war M. vorher bekannt und keinerlei Problem.

Abkühlung

Beim Thema Politik sei es zum Beispiel nicht so, dass die Partizan-Szene grundsätzlich regierungstreu sein, wie gerne von den Medien dargestellt. Doch mache die repressive Regierungspolitik eine Oppositionshaltung im Stadion schwierig. Kommen Gesänge gegen die Regierung auf, knöpft sich die Exekutive im Anschluss die Köpfe der Kurve vor. Wenn nun deren legale oder auch illegale Geschäftsfelder attackiert werden (zum Beispiel regelmäßiger Besuch von Drogen- oder Steuerfahndern in deren Betrieben, die dort selbstredend auch immer etwas finden), sind die Führungsfiguren natürlich geneigt die nächsten politischen Äußerungen in der Kurve zu unterbinden.

Lungern auf dem Splav

Auch erfuhren wir einiges über die Stadtaufteilung zwischen Partizan und Zvezda und entsprechende Revierkämpfe. Weil die Partizanszene zur Zeit so zerstritten ist (ich berichtete bereits ausführlich darüber), hat Zvezda Aufwind in einigen Vierteln bekommen. Allerdings haben beide Seiten immer noch ihre Hochburgen, in die besser niemand geht, der ein bunter Hund der anderen Szene ist. Den Blok 21 in Novi Beograd, den gerade besucht hatte, könne man als bekannter Partizani nicht betreten, da bekäme man laut M. eine Kugel. M. hat sich in seiner aktivsten Phase allerdings immer für „faire Auseinandersetzungen“ ohne Waffen eingesetzt, was wiederum bedeutete keine Messer oder Knarren mitzuschleppen. Pyro und diverse Wurfgestände zählen jedoch seiner Ansicht nicht als Waffen, sondern eher als Folklore. „It’s not as dangerous as guns or knives or as wood or metal sticks and it’s good for the atmosphere, when the flares are flying before the clash.“

Reviermarkierung von Partizan (im Stadtteil Dorcol)

Wären die ganzen Mücken, die das Save-Ufer in der Dämmerung blutdurstig heimsuchten, doch auch nur unbewaffnet, also ohne ihre Stechrüssel, aufgetaucht. Stattdessen wurden unsere Körper so richtig zerstochen (zweistellig an den Beinen und leider auch an den Füßen, sowie diverse weitere Stiche am Oberkörper). Das war kein Fairplay von ihnen! Hätten wir das vorher geahnt, wären wir mit Anti-Brumm angerückt (ist ja nur Passiv-Bewaffnung). Eine Mischung aus Generve der Mücken und Appetit auf feste Nahrung trieb uns schließlich vom gemütlichen Hausbootdeck. M. bestand nun darauf uns wieder in die Stadt zu fahren.

Diese Laterne weist den Weg zum Abendessen

Dummerweise kamen wir kurz vor der angesteuerten Kafana „?“ in eine Polizeikontrolle und M. dürfte ganz leicht über den 0,3 Promille gelegen haben, die im serbischen Verkehr toleriert werden. Die Cops waren jedoch diskussionsbereit und fragten: „Willst du pusten oder lieber gleich zahlen?“ Gegen 2.000 Dinar „Gebühr“, für die wir alle ein paar Scheine in den Hut warfen, sahen die Polizisten von einem Promilletest ab. Eine Quittung für diese umgerechnet 17€ gab es nicht, aber M. wurde noch eine gute Weiterfahrt gewünscht.

Dinner im „?“

Im „?“, der ältesten Kafana der Stadt (1878 eröffnet), gönnten wir uns nun jeder einen bunten Grillteller und diverse Rakija auf den Schock durch die Polizeikontrolle. Diese schöne Kafana im Schatten der Kathedrale des Heiligen Erzengels Michael hat das Symbol des Fragezeichens anstatt einen richtigen Namen, weil der ursprüngliche Name „Zur Kathedrale“ von der serbisch-orthodoxen Kirche nicht geduldet wurde. Als Übergangslösung pinselte der damalige Wirt ein Fragezeichen an die Fassade, was irgendwann zur markanten Dauerlösung wurde.

Rakija

Als gegen Mitternacht „Last Order“ im „?“ war, schafften wir eine Punktlandung in Sachen Komplettierung der Schnapskarte und zogen entsprechend heiter von dannen. Da das „?“ in keiner Reisereportage und keinem Reiseführer über Belgrad fehlt, sind die Preise für’s örtliche Niveau etwas gehoben (hab sie allerdings dank der vielen Schnäpse nicht mehr exakt im Kopf) und man begrüßt hauptsächlich Touris als Gäste. Das Ambiente in dem alten Gemäuer und dem gemütlichen Innenhof ist allerdings einen Besuch wert und das Essen war geschmacklich auch okay. Gibt aber wesentlich bessere kulinarische Adressen in Belgrad.

Bier, wir lieben es

Mit dieser Erkenntnis zogen wir nun noch in den „Turtle Pub“ weiter. In jener Kellerbar im Zentrum wurde es im Laufe der Nacht in Sachen Kundschaft eher voller denn leerer und ein paar Runden Schnaps und Bier sollten es noch werden. Entsprechend wurden wir auch immer voller und Milano Pete war irgendwann wortlos verschwunden. Nach einer endgültigen letzten Runde gegen 3 Uhr und einem Pizzasnack bei einer 24h-Bude, zogen wir eine gute halbe Stunde später auch los und der verlorene Italiener lief uns an der letzten Kreuzung vor’m Rex zufällig in die Arme. Die Auswertung seiner Smartphonedaten ergab am nächsten Tag einen schönen Nachtspaziergang des Tagesvollsten.

Frühstück im Rex

Milano und ich gingen übrigens, trotz Schädeln von hier bis Vukovar, nach fünf Stunden Schlaf gegen 9 Uhr runter zum Frühstücksbuffet. Denn ein Berg Rührei wirkt schließlich Wunder bei einem Kater. Danach pennten wir nochmal bis 12 Uhr und konnten halbwegs fit mit Abto und Ole zur Ada Ciganlija (kurz: Ada) aufbrechen. Die Ada ist eine Halbinsel, die mittels Dämmen zum Festland aus einem Save-Arm einen großen See mit kilometerlangem Strandbad geschaffen hat. An heißen Tagen wie heute (über 30°C) das perfekte Naherholungsparadies für die Belgrader Bevölkerung.

An der Ada

Wir genossen Erfrischungen in einem der zahlreichen Strandcafés, Abto und Ole holten noch ihr Frühstück nach und im Wasser wurde natürlich auch geplanscht. Echte Sportler (also nicht ich) sind sogar mal ans andere Ufer und wieder zurück geschwommen. Regelmäßige Abkühlung machte außerdem nicht nur die Sonne, sondern auch die Damenwelt notwendig. Serbien hat halt viele schöne Frauen. Teilweise hatten die anwesenden Damen sogar blanke Oberkörper, um für zu 96% nahtlose Bräune zu sorgen. Die Ada ist also eher kein Ort für prüde Zeitgenossen.

Lecker Eiskaffee

Nach ein paar Stunden Ada, wurde der Rückweg zum Hotel, wie auch schon der Hinweg, mit einem Taxi bestritten (je umgerechnet 5€ inklusive Trinkgeld für 4km). Nach einer Dusche rief dann auch schon König Fußball. 17 Uhr waren wir mit D., einer Bekanntschaft aus der Zvezda-Fanszene, zum Bierumtrunk nahe des Stadions verabredet. Im „Café Arara“ gönnten wir uns ein paar Biere und quatschten schon wieder über Fußball, Politik und Geschichte – übrigens gab es allerhand historisch interessante Bilder an den Wänden des „Café Arara“ – und lachten viel.

Kleiner Umtrunk vorm Spiel

Wir lauschten Geschichten von der WM 2018 in Russland, von den Europapokalausflügen mit Zvezda, allgemeinen Einschätzungen zum serbischen Fußball und den hiesigen Fanszenen, sowie zu aktuellen politischen Entwicklungen in Serbien allgemein und in der Region Kosovo-Metochien speziell (D. und viele Szeneleute waren gerade erst wieder unten, weil sich im Juni die Schlacht auf dem Amselfeld zum 630.Mal gejährt hatte). Außerdem mussten wir natürlich alle Infos zum möglichen kommenden Qualifikationsgegner FC København (und ihren Freunden vom Hamburger SV) liefern. Dann kam nach mehreren Runden Bier auch noch der unvermeidliche Rakija auf den Tisch, ehe D. gegen 19 Uhr zu seinem Gruppentreffpunkt musste und wir noch unbedingt ein Restaurant zum Abendessen aufsuchen wollten.

Eines der historischen Plakate im Café Arara (zeitlos gut)

Eigentlich hatten wir das nahe und schon mehrfach für sehr gut befundene „Trešnjin hlad“ im Stadtbezirk Savski Venac auserkoren, doch D. empfahl uns mal das „Stara Srbija“ im angrenzenden Viertel Čubura des Vračar-Stadtbezirks zu prüfen. Nachteil war der generelle Umweg in Richtung Stadion und dass es auch nicht die angegebenen fünf, sondern eher 15 Fußminuten entfernt war. Der Vorteil war allerdings, dass die nun zu durchquerenden Kieze in Zvezda-Hand sind und unzählige Graffiti dies untermauerten.

Im „Stara Srbija“ ließen wir uns auf der Terrasse nieder und nach Šopska-Salaten und Brot als Entré, sollte für Ole und Abto eine 1kg-Fleischplatte folgen, für Milano Ražnjići (Fleischspieße) und mich verschiedene Sorten Ćevapčići. Als eine große Fleischplatte serviert wurde, kam es allerdings zum „Ražnjići Gate“. Denn Milano hatte als einziger dem Kellner beim Servieren zugehört und griff sich einen Fleischspieß. Sofort wurde er vom „Dinner for Two“-Duo gefragt, was er da gerade vorhabe. Dass das sein Spieß ist, wurde ihm ganz schnell wieder ausgeredet und Ole vertilgte stattdessen den ersten Ražnjić. Ich war auch der Meinung, dass unser beider Essen noch serviert wird, doch drei Leute in der Runde irrten. Nach ein paar Minuten fragten wir nochmal beim Kellner nach und der erklärte uns abermals, dass auf der linken Seite die Hauptgänge für Milano und mich lagen, während sich die Fleischplatte für Zwei auf der rechten Seite befand.

Die Fleischplatte

Milano und ich schnappten uns nun, was noch von unserem Essen übrig war. Alles schmeckte wirklich sehr lecker, aber letzten Endes waren wir weiterhin der Meinung, dass alles zusammen vielleicht ein 1kg Fleisch war und die rechte Plattenhälfte eher nur ein halbes Kilogramm. Da es nach dem Bezahlen aber nur noch 20 Minuten bis zum Anpfiff im 2,5km entfernten Stadion waren, hatten wir sofort andere Sorgen. Nach ein paar hundert Metern konnten wir zum Glück noch in ein Taxi steigen und erreichten fünf Minuten vor Anpfiff unsere Plätze auf der Gegengerade.

Choreo zu Spielbeginn

So verpassten wir doch nicht wie befürchtet die Choreographie in der Nordkurve, die jedoch nichts Besonderes darstellte und wie eine offizielle Werbung zum Dauerkartenkauf in der Jubiläumssaison wirkte (der FK Crvena zvezda feiert diese Saison sein 75jähriges Bestehen). Allerdings staunten wir nicht schlecht über die Kulisse eines zu ca. 70% gefüllten Stadions. Das heutige Spiel der 2.Qualifikationsrunde zur UEFA Champions League interessierte also ungefähr dreimal so viele Zvezda-Fans wie das serbische Pokalfinale vor wenigen Wochen. Gästefans aus Finnland waren übrigens ungefähr ein Dutzend angereist, also nicht der Rede wert.

Der Gästeblock am heutigen Abend

Die Stimmung auf den drei Tribünen der Heimfans war auch sehr ansprechend. Alle fieberten mit und auf unserer Gegengerade wurde oft in die Gesänge der Nordkurve eingestiegen. Zvezda und Europapokal ist selbst schon in der Quali gegen die europäische Güteklasse B oder C ein lohnendes Erlebnis. In der 1.Runde, gegen den litauischen Meister FK Südova, waren auch bereits rund 25.000 Zuschauer ins Belgrader „Marakana“ gepilgert und sollte der FK Crvena zvezda die Hürde HJK Helsinki meistern, dürfte es gegen den FC København noch voller als heute werden.

Blick zur Haupttribüne

Den Grundstein für den heutigen Heimsieg, und hoffentlich auch den Einzug in die nächste Runde, legte Richmond Boakye in der 26.Minute. Mirko Ivanić schlug eine tolle Flanke von rechts, die der ghanaische Stürmer nur noch am zweiten Pfosten aus kurzer Distanz einköpfen musste. Die Führung war absolut verdient und mit einer besseren Chancenauswertung, wäre es auch schon mit einem größeren Vorsprung in die Pause gegangen.

Gut gefüllte Ränge

Auch im zweiten Durchgang wollte das zweite Tor gegen sehr passive Finnen lange nicht fallen. Doch der eingewechselte Milan Pavkov zeigte einmal mehr seine Abschlussqualitäten, als er in der 90.Minute einen schlecht geklärten Ball sieben Meter vor dem Gästegehäuse auf den Fuß bekam und eiskalt vollstreckte. Das Publikum war sich der Wichtigkeit dieses Treffers natürlich bewusst und rastete nochmal richtig aus. Dann mal viel Erfolg in Helsinki!

Die neue Videowand imitiert die alte Anzeigetafel

Tja, was gibt es noch abseits des Feldes zu berichten? Da fielen uns heute kleinere Modernisierungen am Stadion auf. In der Sommerpause wurden die alten Anzeigetafeln durch zwei Videowände ersetzt. Außerdem wurde die Haupttribüne neu bestuhlt und eine neue Sektoreneinteilung auf jener eingeführt. Die Fans wiederum fielen noch mit einem Dankesspruchband an die Fans von Slovan Bratislava auf, die am Vortag, beim EL-Quali-Duell gegen eine Mannschaft aus der abtrünnigen serbischen Provinz Kosovo-Metochien, die serbische Position zur Kosovo-Frage bezogen. Außerdem blieben der serbische Trainer und die zwei serbischen Legionäre von Slovan der Begegnung aus Protest fern.

Sveti Sava bei Nacht

Nach dem Spiel machten wir einen gemütlichen halbstündigen Spaziergang zum Hotel und am nächsten Morgen trennten sich die Wege der Reisegruppe. Abto und Ole hatten einen Flug nach Podgorica gebucht, um dort Donnerstag Europa-League-Qualifikation zu gucken, während Pete und ich per Bus gen Ljubljana in Slowenien aufbrachen (natürlich auch mit einem EL-Qualispiel auf der Agenda). Zwei europäische Hauptstädte erwarteten uns noch auf unserer kleinen Sommertournee.