St. Gallen 02/2022

  • 06.02.2022
  • FC St. Gallen 1879 – BSC Young Boys 3:3
  • Super League (I)
  • Stadion West (Att: 16.305)

Sonntagmorgen ging es um 8 Uhr aus den Federn. Kurzen Umweg über die Duschkabine genommen und anschließend wurde sich über das Frühstücksbuffet des Ibis Styles Zurich City Center (***) hergemacht. Leider herrschte in der Warmtheke Wursthegemonie und Rührei, wie auch Bacon wurden schmerzlich vermisst. Aber insgesamt war es eine gute Auswahl und neben kleinen Bratwürsten, sollten auch Brötchen, Aufschnitt, Obstsalat, gekochtes Ei und eine kleine Käseauswahl den Weg auf’s Tablett finden. Weil heute weder Mittag- noch Abendessen im Zeitplan unterzukriegen waren, musste obendrein mit kleinen Schokocroissants und Müsli ein vorläufiges Völlegefühl provoziert werden.

Frühstück in Zürich

Nach dem Frühstück war noch eine Stunde Zeit für ein Verdauungsnickerchen und 10:20 Uhr checkten wir aus und spazierten zum 960 Meter entfernten Hauptbahnhof. Unser gebuchter InterCity um 10:39 Uhr nach St. Gallen war also stressfrei zu bekommen und 73 Minuten später betraten wir unseren Zielort in der Ostschweiz. Der für heute angesagte Regen sollte sich noch etwas Zeit lassen und trockenen Fußes erkundeten Fat Lo und ich die St. Galler Altstadt.

Das St. Galler Stadtwappen

Der Name verrät es bereits, die Stadt ist nach dem Heiligen Gallus benannt. Dieser irische Wandermönch soll im frühen 7.Jahrhundert bei den Alemannen im Bodenseeraum missioniert haben. Der Legende nach zog er zusammen mit dem Arboner Diakon Hiltibod 612 vom Bodensee den Fluss Steinach aufwärts. Bei einer Rast in der Mülenenschlucht (heutiges Stadtgebiet von St. Gallen) wurden Gallus und Hiltibod von einem Bären überrascht. Doch mit Gottes Beistand machte sich der fromme Gallus das wilde Tier untertan. Deshalb ziert ein Bär nun auch das St. Galler Stadtwappen.

Wasserfall der Steinach in der Mülenenschlucht

Gallus hielt die Mülenenschlucht für einen guten Ort zur Gründung einer Einsiedelei und weil dem Wandermönch allerlei Wundertaten nachgesagt wurden, pilgerten die Menschen nach seinem Tod (mutmaßlich † 620) in die Schlucht. An diesem Wallfahrtsort gründete der später heiliggesprochene alemannische Geistliche Othmar im Jahre 719 eine Abtei und gab ihr den Namen St. Gallen. Nach anfänglicher Autonomie ging das Kloster 747 in den Orden der Benediktiner über. Dessen Regeln galten bis zur Säkularisierung der Abtei im Jahr 1805.

Am Gallusplatz

Das Kloster St. Gallen bekam vom Papst das Privileg seinen Abt selbst wählen zu dürfen und entwickelte sich bereits im 9.Jahrhundert zu einem wirtschaftlichen und geistigen Zentrum der Bodenseeregion. Im Scriptorium erhielten die Mönche Werke von antiken und frühchristlichen Autoren für die Nachwelt und in der Klosterbibliothek wurden neben eigenen Werken weitere Schriften aus der damals bekannten Welt gesammelt und aufbewahrt. Sie ist die einzige der großen Klosterbibliotheken des Frühmittelalters, deren Bestand vom 8.Jahrhundert bis heute nahezu komplett erhalten geblieben ist. Ein kulturhistorischer Schatz von unschätzbarem Wert, der über 2.000 mittelalterliche Handschriften und etwa 170.000 Bücher umfasst.

Die Goliathgasse und der Turm von St. Mangen (11.Jahrhundert)

Um das Kloster herum entstand eine städtische Siedlung und im Umland wurden Höfe und Dörfer gegründet. Bis dahin war das Gebiet um St. Gallen dicht bewaldet, schwer zugänglich und nahezu unbesiedelt gewesen. Zum einen entwickelte sich die Gallusstadt zum Marktort der Region, zum anderen wurden wie im gesamten Bodenseeraum Tücher aus Flachs oder Hanf produziert. Die Erzeugnisse der Weberfamilien wurden von den Kaufleuten St. Gallens auch über die Region hinaus vertrieben und eine erste wirtschaftliche Blüte war zu verzeichnen.

Reich verzierte Erker waren die Statussymbole der St. Galler Textilkaufleute (hier zu sehen in der Spisergasse)

Der wirtschaftliche Aufschwung förderte jedoch nicht nur den Wohlstand, sondern ließ auch das Selbstbewusstsein der Bürger wachsen. 1281 verlieh der deutsch-römische König Rudolf I. (HRR) der Bürgerschaft eine eigene Gerichtsbarkeit und 10 Jahre später beurkundete die Abtei den Bürgern der Stadt viele rechtliche Freiheiten (Handfeste von 1291). Spätestens in dieser Zeit formierte sich auch ein von den Zünften dominierter Stadtrat mit eigenem Stadtsiegel und für 1354 ist erstmals ein Bürgermeister bezeugt.

Schicke Fachwerkbebauung aus dem 16.Jahrhundert

1451 schloss zunächst die Abtei, 1454 ebenso die Stadt St. Gallen ein Bündnis mit der Eidgenossenschaft und beide Entitäten wurden dadurch so genannte zugewandte Orte. Man war damit zwar noch kein Vollmitglied in dieser exklusiven Assoziation, die damals bereits aus Uri (seit 1291), Schwyz (1291), Unterwalden (1291), Luzern (1332), Zürich (1351), Zug (1352) und Bern (1353) bestand, musste sich jedoch als eine Art Prospect schon der Satzung und dem Schiedsgericht der Eidgenossenschaft beugen. Fortan hatte sich die Tagsatzung der Eidgenossenschaft mit den Streitereien der Fürstabtei und der Stadt St. Gallen zu beschäftigen und es ergingen in den Jahren 1457 bis 1462 etliche Schiedssprüche, die nicht immer zugunsten der Stadt ausfielen, aber ihr in Summe doch erhebliche weitere Rechte zusprachen.

Die Zeughausgasse mit Blick auf St. Laurenzen (Pfarrkirche der Reformierten)

Schon bald sollte sich die Stadt auch in religiöser Hinsicht von der Abtei emanzipieren. Unter der Führung des Bürgermeisters Joachim von Watt (genannt Vadian) und des Reformators Johannes Kessler trat sie 1524 zur Reformation über. Zwischen Abtei und Stadt wurde eine Schiedmauer gebaut, die fortan den katholischen vom reformierten Teil der Stadt trennte. Als die Mauer 1566 fertiggestellt war, kaufte man dem Kloster seine letzten Rechte auf dem Stadtgebiet ab. Nun gab es zwei Territoralstaaten namens St. Gallen. Die kleine, aber wohlhabende Stadt umschloss dabei den Stiftsbezirk der Fürstabtei, während die zahlreichen Ländereien der Fürstabtei die Stadt umschlossen. Sprich, man musste sich weiterhin zumindest im Wegerecht arrangieren.

Nettes Ensemble in der altstädtischen Gallusstraße

Reformierte Stadt und römisch-katholische Abtei fanden weitgehend einen Modus vivendi, aber die innerschweizerischen Religionskonflikte der kommenden zwei Jahrhunderte gingen nicht spurlos an St. Gallen vorbei. Gerade die Fürstabtei spielte eine führende Rolle im katholischen Teil der Eidgenossenschaft und versuchte die Gegenreformation voranzutreiben, ehe sich im zweiten Villmergerkrieg (1712) ein breites reformiertes Bündnis um Zürich, Bern und Genf die Vorherrschaft der katholischen Kantone in der Schweiz brach. Damals wurde das Fürstabt sogar aus St. Gallen vertrieben und der Stiftsbezirk von den reformierten Truppen aus Zürich und Bern besetzt.

Die spätbarocke Stiftskirche

Dass die Fürstabtei sich von der schweren Niederlage und dem Machtverlust doch recht schnell erholen konnte, zeigt die Rokokopracht im Stiftsbezirk eindrücklich. Zwischen 1755 und 1767 bekam das gesamte Areal ein spätbarockes Makeover. Zwar gab es auch Stimmen im Konvent, die eine bescheidenere Renovierung favorisiert haben, doch der damalige Abt Coelestin Gugger von Staudach setzte sich mit seiner Ansicht durch. Zur Ehre Gottes konnte es ihm gar nicht prunkvoll genug sein und der Satz Auream Ecclesiam aedificarem, si aurum haberem (Ich würde eine goldene Kirche bauen, wenn ich das Gold dafür hätte) ist von ihm überliefert.

Altarraum der Stiftskirche

Mit der Helvetischen Revolution im Jahre 1798 endete die Existenz der Stadtrepublik St. Gallen. Unter französischem Druck stimmten die Bürger der Stadt der Annahme der zentralistischen Helvetischen Verfassung und damit auch der Eingliederung in den neu geschaffenen Kanton Säntis zu. 1803 wurde schließlich der Kanton St. Gallen in seiner heutigen Form gebildet, der Stadtrepublik und die zugleich säkularisierte Fürstabtei territorial wieder zusammenführte. 1831 gab sich jener Kanton St. Gallen eine sehr liberale Verfassung und die Gewerbefreiheit führte zum Ende der Zünfte und zum Anstoß der Industrialisierung.

Der Marktplatz von St.Gallen, Hauptknoten des ÖPNV mit Wartehalle von Santiago Calatrava (1996 fertiggestellt) und dem Waaghaus (16.Jahrhundert)

Die seit dem Mittelalter existierenden Strukturen im Textilgewerbe bildeten dafür die Grundlage. 1852 brachte der St. Galler Textilkaufmann Jacob Bartholome Rittmeyer die 22 Jahre zuvor von Josua Heilmann erfundene Stickmaschine zur Marktreife. Nun begann der weltweite Siegeszug von St. Galler Stickereien. 1890 waren bereits 20.000 Stickmaschinen in St. Gallen und Umgebung im Einsatz und der Absatz erreichte Jahr für Jahr neue Rekordwerte. 1911 exportierte die Schweiz Stickwaren im Wert 215 Mio CHF, was selbst den Uhrenexport (1911: 187 Mio CHF) in den Schatten stellte.

Die legendäre OLMA Bratwurst im Querschnitt

Der Arbeitskräftebedarf sorgte für eine enorme Bevölkerungszunahme im 19.Jahrhundert. Aus 17.858 Bürgern im Jahr 1850 waren 1910 bereits 75.482 geworden. Nichtsdestotrotz ist zumindest das Umland der Stadt stark landwirtschaftlich geprägt geblieben. Bereits im 19.Jahrhundert gab es in St. Gallen erste landwirtschaftliche Austellungen und 1943 fand erstmals die Ostschweizerische Land- und Milchwirtschaftliche Ausstellung (OLMA) statt. Mittlerweile ist die jährliche OLMA die größte Messe der Schweiz (2019 waren es ca. 350.000 Besucher und 600 Aussteller) und insbesondere Degustationshallen und die berühmte OLMA Bratwurst erfreuen sich großer Beliebheit. Auch hat die OLMA Züge eines Volksfests. So gibt es u. a. Brauchtumsumzüge und Ferkelrennen.

Die 2005 eröffnete Stadtlounge im innerstädtischen Quartier Bleicheli (wo früher Tücher zum Bleichen in die Sonne gelegt wurden)

Außer der OLMA lockt das architektonische Erbe der Stadt jährlich viele Besucher an. Der Stiftsbezirk wurde 1983 ins UNESCO Welterbe eingetragen, wobei man sowohl die Architektur der Kirche und der Bibliothek, als auch den großen Bestand an historischen Schriften und die lange und einflussreiche Geschichte der Abtei würdigen möchte. An diesem kulturhistorischen Höhepunkt der Stadt hört man übrigens schon das Rauschen der Steinach in der Mülenenschlucht. Dort, wo St. Gallen der Legende nach seinen Ursprung hat, endete unser Stadtspaziergang, bzw. ging nahtlos in eine kleine Trekkingtour über.

Wasserfall in der Mülenenschlucht

Für den Fall, dass das Wetter nicht zu garstig sein würde, hatte ich eine Wanderung von der St. Galler Altstadt durch das Natur- und Landschaftsschutzgebiet Sitter- und Wattbachlandschaft ausgearbeitet. Weil Petrus es um 13:30 Uhr immer noch gut mit der Gallusstadt meinte, stand dieser nichts mehr im Wege. Fat Lo und ich kämpften uns zunächst einmal den Wasserfall in der Mülenenschlucht hoch. Damit waren schon mal 70 Höhenmeter gemeistert (nun 750 Meter ü. NN) und uns erwartete ein erster schöner Ausblick am kleinen Mühleggweiher. Rechts vom Weiher ging es die Falkenburgstraße weiter bergauf, welche am einladend wirkenden Ausflugslokal Falkenburg endet.

Ausblick vom Bernegg auf St. Gallen und den Bodensee

Hinter dem Restaurant wurden die nächste Steigung zum bewaldeten Höhenzug Bernegg auf circa 825 Meter ü. NN gemeistert. Am Waldrand führt ein Panoramaweg entlang, der auf seiner gesamten Länge eine wunderschöne Aussicht über die Stadt St. Gallen und den nahen Bodensee bietet. Nach ca. 1,5 km Panoramaweg durchquerten wir den Wald, um bergab ins Tal der Demut zu spazieren. Nun befanden wir uns im St. Galler Quartier Riethüsli, an dessen Südende wir auf den Wattbach trafen.

Der rauschende Wattbach

Der Wattbach markiert zugleich die Grenze zwischen den Kantonen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Das Gewässer fließt durch eine enge Schlucht mit hohen Felswänden. Tobel sagt der Schweizer zu derlei Schluchten und jenen Wattbachtobel nennt er laut Beschilderung Höll. Sieht man vom Rauschen des Wattbachs ab, herrschte im Höll allerdings himmlische Ruhe. Wir folgten dem Lauf des Baches ungefähr 1.896 Meter, ehe wir an der befestigten Wattbachstraße den St. Galler Brückenweg kreuzen. Ein sehr beliebter Wanderweg an Wattbach und Sitter.

Die Hüslibrücken über Sitter und Wattbach

Es ging nun wieder bergauf und oben erreichten wir die 98,6 Meter hohe Gangellibrugg, die das tiefe Tal der Sitter überspannt. Seit 85 Jahren erleichtert diese Stahlbrücke Füßgängern und Radfahrern die Talquerung zwischen St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Aber wir waren hier nicht unterwegs, um es uns einfach zu machen und folgten deshalb dem ausgeschilderten Wanderweg wieder steil abwärts zum Wattbach. An jener Stelle, wo dieser in die Sitter einmündet, erwarteten uns zwei gedeckte Holzbrücken (die Hüslibrücken). Beide Brücken bekamen 1787 ihre bis heute erhaltene Gestalt, ersetzten damals jedoch noch ältere Brücken aus dem Mittelalter.

Mother Nature begeisterte im Wattbachtobel

Wir nahmen die Große Hüslibrücke über die Sitter und durften uns nun auf Appenzeller Flussseite an der letzten großen Steigung des Tages erfreuen. Der Saumweg hinauf ins Dorf Stein ließ uns auf 600 Metern Länge weitere 70 Höhenmeter meistern. Spätestens jetzt war einem klar, warum man den alten Saumpfad von St. Gallen nach Stein durch den Bau der Gangellibrugg obsolet werden ließ.

Altes Bauernhaus auf der Appenzeller Seite der Sitter

Auf der Appenzeller Seite der Stahlbrücke ging es nun eine nette Alm mit Bauernhöfen entlang, ehe wir nach rund einem Kilometer abermals steil bergab zur Sitter hinunter mussten. Wir überquerten den Fluss im Tal über eine weitere gedeckte Holzbrücke, die 1800 vom Kloster St. Gallen errichtet wurde. Jene Brücke ist seit 1915 im Besitz der St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK), die hier das Wasserkraftwerk Kubel betreibt. Das erste Speicherkraftwerk der Schweiz nahm 1900 seinen Betrieb auf und produziert ca. 33 GWh Strom per anno.

Im Tobel der Sitter

An diesem Abschnitt der Sitter waren außerdem zwei Eisenbahnviadukte ein Blickfang. Das Sitterviadukt der Südostbahn (SOB) wurde 1910 freigebeben und ist 99 Meter hoch, jenes der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) ist seit 1925 in Betrieb und 63 Meter hoch. Nach den Viadukten folgten zwei Autobrücken über die Sitter und die erste namens Kräzernbrücke war die unsere. Nun mussten wir noch 1,5 km durch den St. Galler Stadtteil Winkeln spazieren, ehe uns nach insgesamt 13,12 km Strecke (inklusive 360 Höhenmetern) ein Gewerbegebiet mitsamt Fußballarena erwartete.

Das Sitterviadukt der SBB

2008 beerbte dieses moderne Stadion mit angeschlossener Shopping Mall das traditionsreiche Stadion Espenmoos (war seit 1910 Heimstätte des FC St. Gallen). Ich hatte es glaube ich schon im Bericht aus Bern erwähnt, kaum ein Neu- oder Umbau kam in der Schweiz im 21.Jahrhundert ohne gewerbliche Mantelnutzung aus. Arbeitstitel des Projekts war Stadion West, doch noch vor der Eröffnung sicherte sich die Arbonia-Forster-Gruppe (AFG) die Namensrechte, ehe sie 2016 von der Kybun AG abgelöst wurde. Die Sportstätte fasst 19.568 Zuschauer (bei internationalen Spielen rund 2.200 weniger) und neben dem FC St. Gallen hat auch schon die Nationalmannschaft Heimspiele im größten und modernsten Stadion der Ostschweiz ausgetragen.

Die Heimkurve der St. Galler

Doch Hauptnutzer ist und bleibt natürlich der älteste Fußballclub der Schweiz, der bereits 1879 aus der Taufe gehoben wurde und 1904 seine erste Meisterschaft feierte. Es dauerte allerdings 96 Jahre, bis sich die Anzahl der Meistertitel im Briefkopf verdoppelte. Dazu gesellt sich als weiterer großer Titel noch ein Cupsieg aus dem Jahre 1969. Trotz langer Durststrecken hat der FCSG eine große und treue Fangemeinde. Das Espenmoos, welches zuletzt noch 11.300 Zuschauer fasste, war regelmäßig ausverkauft und seit dem Umzug in die Arena verzeichnet man durchweg fünfstellige Saisonschnitte (abgesehen von den stark durch die Pandemie eingeschränkten Spielzeiten 2019/20 und 2020/21). Sogar in der Zweitklassigkeit (2008/09 und 2011/12) blieben die Zahlen konstant und 2021/22 passierten bisher im Schnitt 14.096 Zuschauer die Drehkreuze. Heute mit 16.305 Besuchern also leicht überdurchschnittlich, aber mit YB gastierte auch einer der Großen des Schweizer Fußballs in St. Gallen.

Der Haufen aus der Hauptstadt

Mit Konfettiregen empfing der Espenblock – mitsamt obligatorischer Unterstützung der Szene E aus Reutlingen – heute seine grün-weißen Helden. Deren Gesicht hatte sich in der Winterpause durch sechs Neuzugänge nochmal deutlich verändert (vier davon in der Startelf, die anderen beiden wurden später eingewechselt). Als Drittletzter witterte man zum Jahreswechsel die Abstiegsgefahr und möchte nun so schnell wie mögliche den Abstand zum Relegationsplatz ausbauen. Das Unterfangen startete am Vorwochenende mit einem 5:1 gegen den Vorletzten FC Lausanne-Sport schon mal sehr eindrucksvoll. Heute wollten die Ostschweizer gegen den amtierenden Meister und gegenwärtigen Dritten am liebsten nachlegen und begannen forsch.

Die 2008 eröffnete St. Galler Arena ist leider architektonisch recht beliebig

Doch die Berner nutzten in der 25.Minute ihre erste gute Torchance zum 0:1 durch Christian Fassnacht. Im Gästeblock gingen nun ein paar Freudenfeuer an, doch die St. Galler ließen sich nicht aus der Bahn werfen und waren weiter tonangebend auf dem Rasen. Es sprang nur nichts Zählbares aus ihren Feldvorteilen heraus und als eine Minute vor dem regulären Ende der 1.Halbzeit das 0:2 fiel (Jordan Siebatcheu nach Vorarbeit von Fassnacht), hatte YB auf jeden Fall das Momentum auf seiner Seite. Die mitgereisten Berner sangen sich euphorisch in einen Rausch, der noch über den Pausenpfiff hinaus ging. Fat Lo und ich marschierten unterdessen zum Würstchengrill.

YB zelebriert das 0:1

In St. Gallen durfte die obligatorische OLMA Bratwurst natürlich nicht fehlen. 7,50 CHF waren für die deutsche Kaufkraft zwar schmerzhaft, aber eben übliches eidgenössiches Preisniveau. Außerdem hatte die Wanderung die Energie des Frühstücks aufgezehrt und die Bratwurst war auch wirklich köstlich. Schlimm wäre dagegen, wenn man über 7 € für so etwas hinlegen müsste, was bei Hannover 96 als Stadionwurst im labbrigen Industriebrötchen serviert wird. 150 Gramm Kalbsbratwurst nebst knusprigem Bürli sind da schon eine andere Liga.

OLMA gegen den kleinen Hunger

Der zweite Durchgang sollte für die grün-weißen Ostschweizer zunächst auch nicht besser werden. In der 50.Minute konnte Fassnacht nochmal Siebatcheu mustergültig bedienen und es stand 0:3. Nun hätte die St. Galler Moral eigentlich endgültig gebrochen sein müssen. Doch als der eingewechselte Wilfried Kanga (aufmerksame Leser erinnern sich jetzt an Belgrad im August 2017) nach 60 Spielminuten eine hundertprozentige Torchance zum 4:0 verpasste, konnte sich der FCSG im Gegenzug endlich mal belohnen. Kwadwo Duah ließ seine Farben in der 61.Minute erstmals an diesem verregneten Sonntagnachmittag jubeln.

YB am Fackeln

Ging da noch was? Das Heimpublikum wurde munterer und die Gallusstädter rannten weiter gegen die YB-Defensive an. Allerdings lief zugleich die Uhr gegen sie und 25 Minuten nach dem Anschlußtreffer stand es immer noch 1:3. Erst in der 85.Minute, als sich die ersten Fans auf Gegengerade und Haupttribüne in Richtung Ausgang bewegten, fiel der zweite Treffer der Hausherren. Der erst 17jährige Alessio Besio traf von der Strafraumgrenze via Innenpfosten, unhaltbar für Berns Schlussmann Anthony Racioppi. Aber damit es Alessio auch wirklich gut gehen konnte, musste natürlich noch ein drittes St. Galler Tor her.

In der 2.Minute konnte Issac Schmidt eine Flanke in den YB-Strafraum bringen und Duah bugsierte den Ball per Direktabnahme im Berner Tornetz. Das Stadion im Westen St. Gallens rastete natürlich kollektiv aus und zwei deutsche Stadiontouristen verließen gut unterhalten ihre 30 CHF teuren Sitzplätze auf der Gegengerade. Freuen tut diese Punkteteilung sicherlich auch den FC Zürich. Die Breitenreiter-Schützlinge haben nun 10 Punkte Vorsprung auf den Tabellendritten YB. Und weil Basel heute gegen den FC Sion ebenfalls nicht über ein 3:3 hinauskam, ist man dem Zweiten auch stolze neun Punkte voraus.

Der Espenblock feiert das späte 3:3

Fat Lo und ich fuhren nun mit einem Sonderbus zum ca. 6 km entfernten Hauptbahnhof und hatten dort knappe zwei Stunden bis zur Weiterreise nach München. Die letzten Schweizer Franken wurden zunächst für Heißgetränke (wir waren jetzt doch gut durchgefroren) und anschließend noch für ein Säntisbier im stylischen Roox Café gelassen. Nun wieder mit Internetzugang, erhielten wir außerdem ein Foto von uns aus dem Gästeblock geknipst (Gruß an den YB-Hopperspotter Simon, mit dem durch die strikte Fantrennung leider kein Treffen auf ein Bier möglich war). 20:32 Uhr war schließlich Abfahrt unseres gebuchten InterCity und 2,5 Stunden später checkten wir im zur Reise passend benannten Müchner Hotel Helvetia (***) ein. Dort kostete das Zwei-Bett-Zimmer mit Frühstück nur 30 € pro Kopf und war dementsprechend halb so teuer wie vergleichbare Optionen in St. Gallen.

Der Käse- und Wurstaufschnitt des Münchner Hotelfrühstücks

Am nächsten Morgen machten wir uns gegen 8 Uhr über das reichhaltige Frühstücksbuffet her und diverse Portionen Rührei und reichhaltig belegte Brötchen später spazierten wir zum 96 Meter vom Hotel entfernten Münchner Hauptbahnhof. 9:18 Uhr rollte unser gebuchter ICE nordwärts und wir verließen ihn bereits kurz vor 13 Uhr in Göttingen, da dort bekanntermaßen das Auto seit 2,5 Tagen kostenneutral geparkt war. Alles in allem hatte uns der Trip nun 280 € pro Person gekostet. 250 bis 300 € für das Komplettpaket waren auch immer Standard bei unseren Wochenendtrips in west- oder nordeuropäische Metropolen wie London, Edinburgh, Brüssel, Stockholm oder Amsterdam. Aber um die Schweiz nicht fälschlicherweise günstig zu reden; wir hatten natürlich Glück, dass die An- und Abreise lediglich 38,15 € kostete und die Übernachtungskosten sich zusammen auch nur auf moderate 85 € pro Person beliefen. Dazu blieb das abendliche Feiern aus, was in Zürich sicher weitere 96 € verschlungen hätte. Zumindest in größerer Gruppe, wenn sich die Handbremse gewohntermaßen gelöst hätte.

Song of the Tour: Manuel Stahlberger über sein erstes Mal beim FCSG im Jahre 1983, einen sensationeller Kantersieg gegen die Grasshoppers (Friberg doppelt! Hächler! Braschler! Gisinger! Fünf! Zu! Eins!)