Luzern 11/2021

  • 06.11.2021
  • FC Luzern – FC Sion 0:1
  • Super League (I)
  • Stadion Allmend – neu – (Att: 8.241)

Nachdem ich in Zug die ersten Züge Schweizer Luft eingeatmet hatte, ging es weiter nach Luzern. Ankunft in der Hauptstadt des gleichnamigen Kantons (ca. 82.000 Einwohner) war um 18:51 Uhr und ich steuerte zunächst mein Hotel an. Ich hatte mich für eine Nacht ins zentrale “Ibis Styles” (***) einquartiert. Mit 85€ zwar kein Schnapper, aber für das hiesige Preisniveau eigentlich okay. Zumal Betten in Hostel-Schlafsälen für 35 bis 50€ zu haben waren und das spartanische “Ibis Budget” 75€ für ein Zimmer aufrief. Dann lieber 10€ mehr für höheren Komfort und ein reichhaltiges Frühstücksbüffet (ist bei “Ibis Styles” immer im Preis mit inbegriffen). Dazu gab es beim Check-In einen Voucher für meinen „Welcome Drink“, den Hinweis auf Kaffee und Tee „for free“ während des gesamten Aufenthalts und zu guter Letzt die „Gästekarte Luzern“. Die berechtigt zur kostenlosen Nutzung des ÖPNV im gesamten Stadtgebiet und gewährt Nachlässe auf Museen, Bergbahnen, Stadtführungen etc.

Der Luzerner Schweizerhofquai bei Nacht

Ich nutzte die Karte gleich mal für die Busfahrt zum ca. 4 km von meinem Hotel entfernten Stadion. So erreichte ich die 2011 eröffnete „Arena“ gegen 20:10 Uhr. Sie ersetzte an gleicher Stelle das alte Stadion Allmend (Baujahr 1934), welches bis dahin die Heimstätte des 1897 gegründeten FC Luzern war. Dort feierte der FCL auch seinen größten Erfolg, als er 1989 unter Trainer Friedel Rausch die Schweizer Fußballmeisterschaft gewann. Zum einzigen Meistertitel gesellen sich außerdem noch drei Pokaltriumphe in den Jahren 1960, 1992 und 2021. Den jüngsten Cupsieg konnte man jedoch nicht europäisch veredeln, da man in der 3.Qualifikationsrunde der „UEFA Conference League“ an Feyenoord scheiterte und somit nicht in die Gruppenphase einzog. Ironischerweise hatte Feyenoord den FCL auch bereits 1992 in der 2.Runde des Europapokals der Pokalsieger ausgeschaltet und nach der Meisterschaft 1989 kegelte der PSV Eindhoven die Luzerner in der 1.Runde des Europapokals der Landesmeister raus. Solang’s um Fußball geht, hasst man „Holland“ am Vierwaldstättersee wahrscheinlich wie die Pest.

Hinein in die gute Stube des Luzerner Fußballs

Insgesamt kommen die Luzerner auf 14 Europapokalteilnahmen, haben allerdings nie mehr als zwei Runden auf internationaler Bühne mittun dürfen. Gerade im vergangenen Jahrzehnt standen sie dank guter Meisterschaftsendplatzierungen siebenmal in der Qualifikation für die „UEFA Europa League“, erreichten jedoch nie die Gruppenphase. Diese Saison wird’s wohl nichts mit einer weiteren Teilnahme am internationalen Geschäft (außer man verteidigt den Pokal). Mit zehn Punkten aus zwölf Spielen logiert der FC Luzern gegenwärtig auf dem vorletzten Tabellenplatz. Der heutige Gast aus Sion (Sitten) hat lediglich zwei Punkte mehr auf dem Konto, so dass ein Heimsieg dringend geboten war, um nicht den Anschluss an das Tabellenmittelfeld zu verlieren.

Motivationsfeuer zu Spielbeginn

Der FCL schien sich dessen bewusst zu sein und begann die Partie im Fackelschein der Fankurve schwungvoll. Der FC Sion strahlte zwar durchaus Kontergefahr aus, aber die aktivere Mannschaft trug blau-weiße Dressen und hatte ein kleines Chancenplus. In der 28.Minute kam es schließlich zum vermeintlichen Höhepunkt des erstens Durchgangs. Marvin Schulz, ehemals Borussia Mönchengladbach, drosch das Leder in die Maschen des Gästekastens und in der Fankurve wurde bereits die erste Freudenfackel entzündet. Doch auch in der Schweiz entscheidet letztlich der VAR, ob man wirklich jubeln darf. Die Experten, die in meiner Fiktion in einem Kontrollraum in einem Bergmassiv vor ihren Monitoren saßen, hatten eine Abseitsstellung gesehen und der Treffer wurde annuliert. Schade, das Tor wäre durchaus verdient gewesen und hätte *pling* dem Spiel sicher gut getan.

Rauchschwaden ziehen gen Abendhimmel

Noch ’ne Halbchance und hier und ’ne Viertelchance da, aber letztlich ging es torlos in die Pause. Aus den Boxen dröhnte nun der Hit „Tokyo“ der gleichnamigen Band aus dem Jahr 1981. Da ich mich immer freue, wenn was anderes als aktueller Brei aus den Charts oder den Airplaylisten des Partnerradios läuft, begrüßte ich diesen Synthiepopklassiker natürlich. Für einen Moment überlegte ich, ob Robby Musenbichler, Klaus Luley & Co vielleicht sogar Kinder Luzerns sind. Aber falsch gedacht; eine Internetsuchmaschine verriet mir, dass mutmaßlich alle Tokyo-Mitglieder aus Österreich stammen. Vielleicht ist der Stadion-DJ einfach Fan von denen.

Wuly is making new friends

Meine nächste Rechercheaufgabe war schließlich, was da für seltsames Plüschding über den Rasen schlendert. Dieses pinke Wuschelwesen konnte doch unmöglich das offizielle Maskottchen des FC Luzern sein. Nee, die haben zwei Löwen in FCL-Trikots namens Siegfied & Leu. Bald sorgte der Stadionsprecher für Aufklärung. Das Vieh heisst Wuli und soll die kommende Winteruniversiade (Welthochschulspiele des Wintersports) in Luzern und Umgebung bewerben. Die Erschafferin wurde für ihre Kreatur vom Yeti, den Zentralschweizer Bergen und ihren Mythen, sowie der Luzerner Fasnacht inspiriert. Wow, mein Bewusstsein wird wohl nie erweitert genug sein, um zu derlei Analogien fähig zu werden.

Das neue Stadion Allmend fasst bis zu 16.800 Zuschauer

Als Wuli das Feld wieder räumte, kamen die Akteure zurück auf den Platz und Halbzeit zwei begann gleich wieder mit einer guten Möglichkeit für Marvin Schulz. Doch nach einem Eckstoß in der 49.Minute verfehlte sein Torschuss das Sioner Gehäuse knapp. Der FCL tat weiterhin mehr für’s Spiel und hatte weitere gute Chancen durch Ex-Bundesligaprofi Christian Gentner (60.Minute) und Dejan Sorgic (63.Minute). Die Fankurve peitschte die Manschaft aus der Leuchtenstadt dabei immer wieder nach vorne. Überhaupt gefielen mir die Ultras aus der Zentralschweiz ganz gut. Schön Pyro zum Intro und anschließend abwechslungreicher Support. Es gab ein paar melodische und ein paar textlastige Lieder, die sich mit lauten Schlachtruf-Stakkatos abwechselten. Zum Beispiel ganz klassisch „Hopp, Hopp, Hopp Luzern!“ oder „Auf geht’s Luzern, schiesst ein Tor!“ Auch für mehrmals „Scheiss Sion! Scheiss Sion!“ war Platz. Dabei stets guter Fahneneinsatz und gelegentlich wurden auch Schalparaden und Hüpfeinlagen in den Tifo eingebaut.

Der vielfältig beflaggte Gästeblock

Den mitgereisten Fans aus dem Wallis merkte man dagegen klar ihre Herkunft aus einem frankophonen Kulturaum an (wobei Sion und das Wallis teilweise auch deutschsprachig bevölkert sind). Die Gesänge fußten in der Regel auf melodisch vorgetragenem „Lalala“ oder „Allez, Allez“, gepaart mit rhythmischen Trommelschlägen. Dazu zwei Vorsänger für 300 Leute, welche dafür sorgten, dass Gesänge nicht so schnell wieder abklingen konnten. War auch nicht schlecht und ein interessanter Kontrast zu Luzern. Ich war zumindest zum Fußball schauen noch nicht oft in der Schweiz und habe dabei bisher nur Szenen aus der Deutschschweiz live erlebt. Da waren Ultras aus der Romandie tatsächlich Neuland für mich. Aber in etwa wie dargeboten habe ich mir ihr Auftreten ausgemalt. Schon interessant, dass man in der Schweiz deutschsprachige, französischsprachige und italienischsprachige Szenen in einer Liga hat.

Wie ein 12.Mann….

Über die Sprachgrenzen hinweg gibt es zweifelsohne ein paar gute und sehr gute Fanszenen in der Schweiz und diese Saison fiel mir sogar eine Besonderheit auf. Die zehn Mannschaften der “Super League” sind zugleich auch die “Top 10” der Ewigen Tabelle. Da in der Schweiz bereits seit knapp 125 Jahren im Ligabetrieb gespielt wird, ist das schon eine bemerkenswerte Konstellation. Mehr Tradition geht quasi nicht. Obendrein wird sonnabends um 18:00 Uhr und 20:30 Uhr in der “Super League” angepfiffen, so dass man die Spiele selbst aus Norddeutschland recht bequem erreichen kann. Mitten in der Nacht oder schon freitags muss man jedenfalls nicht aufbrechen, um rechtzeitig für den erwählten Samstagabendkick am Spielort zu sein. Vielleicht fahre jetzt wieder häufiger in die Schweiz…

Die Sittenstrolche zogen nach der Führung blank

Doch zurück zum heutigen Spiel, bei dem sich der FC Sion äusserst effizient zeigte. Eine der wenigen Torchancen nutzte ihr aufälligster Spieler, der brasilianische Stürmer Itainga, zum 0:1 in der 71.Minute. Nur wenige Sekunden nach Wiederanpfiff schien der FCL sogleich die Gelegenheit zum Ausgleich zu bekommen. Ibrahima Ndiaye ging in einem Zweikampf mit im Strafraum der Sioner zu Boden. Der Unparteiische zeigte auf den Punkt, doch wieder griff der VAR korrigierend ein. Danach verschanzten sich die Gäste noch mehr als bisher in der eigenen Hälfte und die Luzerner fanden keine Mittel mehr, um eine Punkteteilung zu erzwingen. Somit geht man je nach Ausgang der Sonntagsspiele als Vorletzter oder gar Letzter in die Länderspielpause. Fans und Mannschaft des FCS feierten dagegen nach Abpfiff den wichtigen Auswärtssieg, der das Polster zur Abstiegszone deutlich erhöht. Nachdem Team und Ultras gemeinsam gesungen und getanzt hatten, verabschiedeten die Gästefans schließlich noch das Heimpublikum mit einem lang gezogenen und nicht ganz akzentfreien „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen“.

Die Sioner und ihre Feiersitten

Ich machte mich nach dem Spiel wieder mit dem Bus auf in die Innenstadt und erreichte mein Hotel gegen 23:15 Uhr. Schnell noch meinen Voucher eingelöst und eine Dose Bier mit auf’s Zimmer genommen. Es sollte wenigstens das zweitteuerste Getränk (4,50 CHF) nach Sekt aus dem Kühlschrank an der Rezeption werden (die Hotelbar hatte pandemiebedingt geschlossen) und Wasser und einen Softdrink (Rivella) hatte ich eh schon im Hotelzimmer stehen. Nach dem Schlummertrunk aus der Appenzeller Brauerei Locher (Quöllfrisch Hell) schloss ich schließlich meine Äuglein.

Impressionen aus meinem Hotel bzw. hauptsächlich vom Frühstückstisch 🙂

Am Sonntagmorgen wachte ich gegen 8 Uhr auf und nahm ungefähr 30 Minuten später einen Platz im Frühstückssaal des „Ibis Styles“ ein. Um diese Zeit war es noch schön leer und ich tobte mich am Buffet aus. Erster Gang waren Brötchen mit Aufschnitt und ein Bananenjoghurt, darauf folgten Pancakes mit Ahornsirup und Rührei mit Speck. Anschließend pfiff ich mir noch Cerealien und Fruchtsalat rein. Da bis abends keine weitere Mahlzeit vorgesehen war, wollte ich so viele Nährwerte wie möglich auf dem Teller haben.

Das Löwendenkmal

Gegen 9:00 Uhr checkte ich aus und verfügte nun über knappe drei Stunden für einen Spaziergang durch Luzern. Dafür hatte ich mir auf dem Stadtplan eine gute Route ausgeguckt, die mir das Gros der Sehenswürdigkeiten präsentieren sollte. Der erste Stop war dabei nur einen Steinwurf vom Hotel entfernt. Im frühen 19.Jahrhundert wurde ein ca. 10×6 Meter grosses Löwendenkmal in die Sandsteinflanke des Wesemlin-Hügels gehauen. Es wurde 10.August 1821 feierlich eingeweiht. Denn genau 29 Jahre zuvor wurde in Paris die von der Schweizergarde verteidigte Residenz des französischen Königs, der Tuilerienpalast, von aufständischen Bevölkerungsteilen gestürmt. Mehrere hundert Schweizer in französischen Diensten ließen dabei ihr Leben und dieses mit „Helvetiorum fidei ac virtuti“ (Der Treue und Tapferkeit der Schweizer) überschriebene Denkmal eines tödlich verwundeten Löwen soll an ihr Opfer erinnern.

Spaziergang an der Museggmauer (im Bild der 33 Meter hohe Männliturm)

Mein nächstes Ziel war die Museggmauer. Dabei handelt sich um eine spätmittelalterliche Stadtmauer mit insgesamt neun Türmen, die Luzern dereinst landseitig vor Feinden schützte. In den anderen Himmelsrichtungen boten die Reuss und der Vierwaldstättersee dagegen eine natürliche Barriere. Die Museggmauer ersetzte ab Ende des 14.Jahrhunderts die Ursprungsbefestigung der rund 200 Jahre zuvor gegründeten Stadt Luzern. Heute kann man prima an oder auf der Mauer entlangspazieren und den Ausblick genießen. Wobei auf der Mauer leider aus Sicherheitsgründen (Glätte) nur von Anfang April bis Ende Oktober möglich ist. Ich musste also am Boden bleiben und konnte mich stattdessen an dem kleinen Bauernhof im Schatten der Mauer erfreuen. Schottische Hochlandrinder, Zwergziegen, Minischweine, Appenzeller Spitzhaubenhühner und Alpakas bilden die internationale Tierbelegschaft des Kulturhofes „Hinter Musegg“.

Die Spreuerbrücke mit den Türmen der Museggmauer im Hintergrund

Nach 870 Metern trifft die Museggmauer schließlich auf die Reuss. Nun galt mein Augenmerk den beiden überdachten Holzbrücken über jenen Fluss. Den Anfang machte dabei die Spreuerbrücke, die diesen Namen bekam, weil die Bürger früher ausschließlich von dieser Brücke Laub und Spreu im Fluss entsorgen durften. Eine Vorgängerbrücke existierte bereits im späten 13.Jahrhundert, doch diese wurde bei einem Hochwasser im Jahre 1566 größtenteils weggespült. Beim Wiederaufbau im 16.Jahrhundert bekam die Brücke ihr bis heute zu bewunderndes Antlitz. Höhepunkt sind sicherlich die 45 (von ursprünglich 67) bemalten Holztafeln, die zwischen 1616 bis 1637 gefertigt wurden und allegorisch Tanz und Tod zum Motiv haben. Sozusagen ein Totentanz-Zyklus. Darüberhinaus gibt es eine kleine Marienkapelle („Maria auf der Reuss“), die markant auf den Fluss hinausragt.

Kapellbrücke, Wasserturm und Luzerner Altstadtsilhouette

Die Spreuerbrücke ist wirklich ein Meisterwerk, steht jedoch zweifelsohne im Schatten ihrer großen Schwester, der Kapellbrücke (siehe auch Titelbild). Diese Holzbrücke wurde um 1365 als Wehrgang gebaut und verbindet die durch die Reuss getrennte Alt- und Neustadt. Mit 203 Metern ist es die zweitlängste überdachte Holzbrücke der Welt. Zwischen Bad Säckingen (D) und Stein (CH) überspannt doch tatsächlich eine ca. 96 cm längere gedeckte Holzbrücke den Rhein. Nichtsdestotrotz soll die Luzerner Kapellbrücke das meistfotografierteste Bauwerk der Schweiz sein. Wie viele Touristen fahren dagegen nach Stein oder Bad Säckingen?

Unterwegs auf der Kapellbrücke

Außerdem war die Kapellbrücke bis 1835 noch 75 Meter länger als heute und wurde lediglich gekürzt, weil damals das Ufer der Reuss neustadtseitig aufgeschüttet wurde. In den Giebeln der Brücke befanden sich übrigens analog zur Spreuerbrücke 111 dreieckige Gemälde, die wichtige Szenen der Schweizer Geschichte darstellten. Allerdings fielen 81 davon, wie weite Teile der gesamten Brücke, einem Brand im Jahre 1993 zum Opfer. Mutmaßlich wurde die Katastrophe von einem arglos weggeworfenen Zigarettenstummel verursacht, aber zum Glück waren alle Einzelteile der Brücke katalogisiert worden und konnten somit originalgetreu rekonstruiert werden.

Blick von der Kapellbrücke zur Jesuitenkirche

Untrennbar als Bauensemble mit der Kapellbrücke verbunden ist natürlich der markante achteckige Wasserturm. Er ragt rund 35 Meter aus den Fluten der Reuss heraus und war dereinst Teil der seeseitigen Stadtbefestigung. Im Laufe der Jahrhunderte erfüllte der Wasserturm noch viele weitere Funktionen. So diente er als Kerker- und Folterverließ, Schatzkammer oder zeitweilig auch als Stadtarchiv. Leider ist er der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber schöne Ausblicke bietet auch schon der Spaziergang auf der Brücke. Zur einen Seite der Vierwaldstättersee und sein Bergpanorama im Hintergrund, zur anderen Seite die Uferbebauung der Luzerner Alt- wie auch Neustadt.

Im Inneren der Jesuitenkiche

Auf der Neustadtseite befindet sich u. a. die Luzerner Jesuitenkirche. Diese wurde als erste große Barockkirche der Schweiz in den Jahren 1666 bis 1677 errichtet. Wie bei Barockkirchen so üblich, lohnt natürlich auch ein Blick ins Innere. Anschließend flanierte ich über den steinernen Rathaussteg hinüber in die Altstadt. Hier nahm die Stadtgeschichte irgendwann um 1180 ihren Anfang (ein genaues Gründungsdatum ist nicht bekannt). 1332 schloß man sich schließlich dem Bund der Eidgenossen an, dem bisher die drei Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden (heute Nidwalden und Obwalden) angehörten. Ab 1415 hatte Luzern innerhalb des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation (HHR) außerdem den Status einer Reichsstadt inne.

Die Luzerner Altstadt am Ufer der Reuss

Als 1798 die Revolution von Frankreich in die Eidgenossenschaft überschwappte, war Luzern sogar Hauptstadt der kurzlebigen Helvetischen Republik. Sie wurde jedoch alsbald von Bern abgelöst. Überhaupt verlor das stolze Luzern so ein bißchen den Anschluß an andere Stadtkantone innerhalb der Schweiz. Auch Basel und Zürich liefen ihr den Rang ab. Insbesondere durch Industrialisierung begünstigt, die dort früher einsetzte. Dafür konnte man sich sein pittoreskes Stadtbild besser erhalten und profitierte vom im 19.Jahrhundert ebenfalls aufkommenden Fremdenverkehr. Aber gut, der war gewissermaßen auch eine direkte Folge der Industrialisierung. Die städtischen Eliten reagierten auf die für sie negativen Effekte der Industrialisierung, wie Umweltbelastung, Lärm und wachsende Bevölkerungsdichte.

Reich verzierte Fassaden in der Altstadt

Als romantisches Städtchen, mit malerischer Natur drumherum gesegnet, schwang sich Luzern zu einem willkommen Erholungsziel auf. Bereits 1836 begann die touristische Dampfschifferei auf dem Vierwaldstättersee und Mitte des 19.Jahrhunderts wurden zahlreiche noble Hotels in Luzern eröffnet. Es wurde viel in die touristische Infrastruktur investiert und bereits am 11.Januar 1892 gründete sich die „Verkehrskommission Luzern, Vierwaldstättersee und Umgebung“ (die heutige „Luzern Tourismus AG“). Im gleichen Jahr zählte Luzern übrigens für damalige Verhältnisse stolze 77.950 Übernachtungsgäste. 20 Jahre später waren es bereits derer 183.219 und heute, respektive in den Jahren vor der Pandemie, besuchten Luzern über 9 Mio Tagestouristen pro Jahr.

Im Hintergrund grüßt das Pilatusmassiv

Gerade Touristen von anderen Kontinenten (bzw. deren Reiseveranstalter) bauen Luzern auf Europarundreisen gern als städtischen Stop in der Schweiz ein, bevor Matterhorn oder Jungfernjoch auf dem Programm stehen. Dieses meist gut betuchte Klientel erwirbt dann übrigens nicht nur Schokolade als Souvenir. Ungefähr die Hälfte aller in der Schweiz verkauften Uhren geht in Luzern über den Tresen. Davon die meisten an ausländische Käufer. Das erklärte auch die unzähligen Uhrenhändler in der Umgebung meines Hotels. Zur Zeit dürften die Geschäfte jedoch nicht so gut laufen. Ich erlebte nämlich eine relativ überschaubar von Touris bevölkerte Stadt. War für mich wirklich ein guter Zeitpunkt, um Luzern zu genießen. Nach Corona wird sicher zeitnah der Massentourismus zurückkehren. Auch wenn das Schlagwort „Overtourism“ bereits im lokalpolitischen Diskurs angekommen ist.

Mit diesem Frecciargento (Silberpfeil) der Trenitalia ging es von Luzern nach Basel

Gegen 11:45 ließ ich dann ein letztes Mal das Panorama am Bahnhofsquia auf mich wirken und neun Minuten später verließ ich in einem Alstom ETR 610 der Trenitalia den Luzerner Bahnhof. Dieser als EuroCity fungierende Silberpfeil brachte mich nach Basel, von wo es schließlich um 13:06 Uhr mit einem ICE weiter nach Frankfurt am Main ging. Dort stieg ich in einen anderen ICE nach Hildesheim um. Normalerweise fahren auch ICE von Basel ohne Umstieg nach Hildesheim. Aber aufgrund von Bauarbeiten wurden die temporär gestrichen. Na ja, ich war dennoch bereits 18:36 Uhr am Zielbahnhof und blicke voller Vorfreude auf weitere Trips in die Schweiz in naher Zukunft. Ich werde mich da jetzt wohl wirklich wieder öfter blicken lassen.

Song of the Tour: Der neueste Fansong der Luzerner, der sogar Platz 1 der schweizerischen iTunes-Charts eroberte