Bern 12/2021

  • 04.12.2021
  • BSC Young Boys – FC Servette 1:2
  • Super League (I)
  • Stadion Wankdorf (Att: 22.629)

Ich habe es schon wieder getan. Mir eine Packung Knoppers-Riegel gekauft und damit meinen Tagesbedarf an Kilokalorien gedeckt (und den für Kohlenhydrate garantiert überschritten). Aber es ging mir nicht (nur) darum noch korpulenter zu werden und somit Heizkosten im Winter einzusparen, sondern ich wollte unbedingt einen weiteren DB-Gutscheincode erhalten. Damit konnte ich bei meiner nächsten Reisebuchung erneut 10€ in Abzug bringen und hatte am Ende nur 31,70€ für die Verbindung Hannover-Bern-Basel-Hannover zu entrichten. Bei diesen Preisen muss man reisen! Außerdem sollte der Besuch des „Stadion Wankdorf“ nachgeholt werden. Bekanntlich fiel jener 14 Tage zuvor einer Verfügung der Berner Kantonspolizei zum Opfer. Aufgrund einer Großbaustelle am stadionnahen Bahnhof Wankdorf durfte das Risikospiel BSC Young Boys – FC Basel nicht stattfinden. Gut, muss ich nun eben mit Servette als Gastmannschaft Vorlieb nehmen.

Moin, mein präferierter Mobility Partner

Zum dritten Mal binnen sechs Wochen bestieg ich in Hannover um 7:41 Uhr den ICE 71 gen Chur. Wieder Wagen 2 (Ruhebereich), wieder Fensterplatz 84. Der Mensch ist eben Gewohnheitstier. Ob mein dritter Schweiztrip in diesem Herbst tatsächlich realisiert werden kann, war allerdings kurz zuvor fraglich geworden. Es herrscht bekanntlich weiterhin eine Pandemie und ich hatte unter für die Virusübertragung sehr günstigen Umständen mehrstündigen Kontakt mit einer infizierten Person, welche kurz darauf über einen eigenen Risikokontakt informiert wurde und prompt selbst ein positives Ergebnis beim PCR-Test auswies. Das Gesundheitsamt und mich plagte nun die große Sorge, dass auch mein Körper die Delta-Variante von SARS-CoV-2 bewirten darf. Doch mein PCR-Test fiel negativ aus und Symptome traten ebenfalls keine auf. Also doch keine Quarantäne und abermals Glück gehabt beim Corona-Roulette (Vgl. Beograd 09/2021). Mein Kontakt hatte übrigens wie das Gros der Geimpften nur einen milden Verlauf und wird hoffentlich auch keine Langzeitfolgen zu spüren bekommen. Da SARS-CoV-2 dank global niedriger Impfquoten noch die ein oder andere Mutation ausbrüten darf, wird es irgendwann sicher auch mich erwischen. Trotz Impfschutz und demnächst auch „Borcester“ zur Auffrischung des selbigen. Vielleicht knackt bereits die aufstrebende Omikron-Variante mein ausgeklügeltes „Réduit“ aus Antikörpern und T-Zellen.

Ungeplanter Umstieg am Badischen Bahnhof von Basel

Bei der planmäßig fünfstündigen Bahnfahrt gen Schweiz sorgte u. a. die frisch veröffentlichte neue Doku über den Hamburger Kiez-Penny für Kurzweil (Anspieltipp: Minute 33:20). Dafür verlängerte sich die Reisezeit um eine Stunde, weil die DB den ICE außerplanmäßig am Badischen Bahnhof von Basel enden ließ. So musste ich nun mit der S-Bahn weiter nach Basel SBB und verpasste meinen Anschlusszug um 96 Sekunden. Entsprechend war ich nicht um 14:26 Uhr in Bern, sondern erst eine Stunde. Mir blieben immerhin noch 1,5 Stunden Tageslicht und da es den ganzen Nachmittag in Bern geregnet hatte, war die verspätete Ankunft vielleicht sogar ganz gut. Ich bekam jedenfalls nur noch ein paar Tropfen am Bahnhofsvorplatz ab und der Himmel klarte anschließend für ca. 96 Minuten etwas auf. Ideal für meinen stadtgeschichtlichen Rundgang, bei dem ich die historischen Sehenswürdigkeiten der 1983 ins UNESCO Welterbe aufgenommenen Berner Altstadt abgrasen wollte. Vor zwei Wochen kam diese touristische Pflicht bekanntlich zu kurz.

Berthold V., wie man ihn sich 1847 idealisiert vorgestellt hat (Zähringerdenkmal an der Nydeggkirche)

Die bereiste Stadt kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Bern hatte drei Tage vor meiner Ankunft den 814.Geburtstag feiern dürfen. Alles Gute nachträglich! Aber bei jenem Geburtstag geht es natürlich nur um die erste urkundliche Erwähnung. Besiedelt sind die Ufer an der hiesigen Schleife des Flusses Aare schon länger. Siedlungsspuren aus der Eisenzeit, so wie später u. a. von Kelten, Römern und Franken sind nachgewiesen. 1127 bekam das Adelsgeschlecht der Zähringer vom römisch-deutschen König Lothar III. (Lothar von Süpplingenburg) die Gebiete östlich des Jura (Transjuranien) zugesprochen und im späten 12.Jahrhundert (wahrscheinlich 1191) wurde die mittelalterliche Stadt Bern vom Zähringerherzog Berthold V. gegründet, nachdem sein Vater Berthold IV. bereits Mitte des 12.Jahrhunderts die Burg Nydegg zum Schutz eines dortigen Aareübergangs errichtet hatte. Bern hat daher den für Stadtgründungen dieses Adelshauses typischen Grundriss mit dem so genannten Zähringer-Straßenkreuz. Dabei kreuzen sich zwei Straßenzüge rechtwinklig im Zentrum, so dass die Stadt in vier Quadranten / Quartiere gegliedert ist. In der Regel ist eine beiden Hauptachsen als Marktgasse breiter ausgebildet. Im Fall Bern ist das die heute in Kramgasse und Gerechtigkeitsgasse unterteilte Ost-West-Achse zwischen Zytglogge (siehe Titelbild) und Nydeggkirche.

Die Berner Kramgasse mit dem Simsonbrunnen von 1544

Außerdem kennzeichnet die Stadtgründungen der Zähringer – zu denen u. a. auch Freiburg im Breisgau, Fribourg (Freiburg im Üechtland), Offenburg, Villingen und Rheinfelden zählen – ein für damalige Verhältnisse modernes Stadtrecht und das Einräumen großer Freiheiten für die Bürger. 1218 starb Herzog Berthold V. und weil er ohne Nachkommen geblieben war, erlosch mit ihm auch die Hauptlinie der Zähringer. Die heute schweizerischen Besitzungen der Zähringer fielen an die Grafen von Kyburg (Graf Ullrich III. von Kyburg war mit Bertholds Schwester Anna vermählt) und die Berner Bürger fürchteten nun um ihre Privilegien. Aber wir befinden uns bekanntlich im Mittelalter und was macht man da in so einer Situation? Richtig, man fälscht eine Urkunde, die Ansprüche oder Privilegien höchstmöglich legitimieren soll. Deshalb verlieh sich Bern einige Jahre nach Bertholds Exitus (um ca. 1250) mit der mutmaßlich gefälschten und auf 1218 rückdatierten „Goldenen Handfeste“ im Namen des ebenfalls schon verstorbenenen römisch-deutschen Königs Friedrich II. den Status einer Freien Reichsstadt. Aufgrund der Handfeste war Bern reichsunmittelbar (unterstand also keinem Reichsfürsten) und besaß das Recht auf eigene Münzen, Maße, Gewichte und eine eigene Gerichtsbarkeit.

Reste der um 1270 geschliffenen Nydeggburg

Den Bernern kam dabei sicher auch das Interregnum im Heiligen Römischen Reich (HRR) zwischen 1254 und 1273 entgegen. In der Zeit der Herrscherlosigkeit konnten die Kyburger ihren Anspruch gegenüber Bern nicht königlich legimitieren lassen. Zumal sich die Berner unter den Schutz des mächtigen Hauses Savoyen gestellt hatten, die Berns Unabhängigkeit gegenüber den Kyburgern versicherten. Bereits 1263 erlosch dann auch die männliche Hauptlinie der Kyburger. Die Habsburger erbten durch verwandschaftliche Beziehungen die Kyburger Ländereien und Territorialansprüche. 1270 schleiften die Berner deshalb vorsorglich die Nydeggburg. Hätten die Habsburger die Burg besetzt und somit den Aareübergang kontrolliert, hätten sie darüber womöglich die Herrschaft über die Stadt erzwungen. Das Interregnum endete erst am 1.Oktober 1273 mit der Wahl von ausgerechnet Rudolf I. (von Habsburg) zum neuen römisch-deutschen König. Allerdings war Rudolf um einen Ausgleich mit den Bernern bemüht. Am 16.Januar 1274 bestätigte er die Rechtmäßigkeit der von Bern in der Thronvakanz ausgeübten Privilegien aus der „Goldenen Handfeste.“ Er versichert den Bernern diese Priviliegien auch in Zukunft unangetastet zu lassen und darüber hinaus erteilt er ihnen die Absolution für die zerstörte Reichsburg Nydegg. Auch Rudolfs Nachfolger auf dem römisch-deutschen Königsthron, Adolf I. von Nassau, bestätigte im Jahre 1293 mutatis mutandis Berns Reichsfreiheit. Damit war das Ding durch. Dreistigkeit siegt eben meistens.

Die Nydeggkirche

Als die Reichsunmittelbarkeit nun gesichert war, setzte um 1300 Berns Territorialpolitik ein. Unter anderem nahm man den Habsburgern nach mehreren bewaffneten Konflikten im Jahr 1333 die Stadt Fribourg (Freiburg im Üechtland) ab. Außerdem dehnte man seinen Herrschaftsbereich ins heutige Berner Oberland aus. Bei den Berner Expansionsbestrebungen, die vornehmlich zu Lasten des Hauses Habsburg gingen, konnte man sich außerdem die Unterstützung des Bundes der Eidgenossen sichern, welcher 1291 von den Urkantonen Uri, Schwyz und Unterwalden (heute Ob- und Nidwalden) gegründet wurde und dem sich Mitte des 14.Jahrhunderts die Städte Luzern (1332), Zürich (1351) und Zug (1352) angeschlossen hatten. 1353 trat auch Bern der Eidgenossenschaft als achter Ort bei und festigte damit seine Position als bestimmender Machtfaktor zwischen Jura und Alpen. Bern hatte sich zu einem reichen und selbstbewussten Stadtstaat entwickelt, der sich zusammen mit den Eidgenossen gegen die mächtigen Anrainer Habsburg, Burgund und Savoyen behaupten konnte.

Das Berner Rathaus (erbaut von 1406 bis 1415) mit wehender Stadtflagge

Darüberhinaus kam es im 14. und 15.Jahrhundert zu den städtebaulichen Veränderungen, die bis heute Berns Altstadt prägen. Westlich des Wehr- und Uhrturmes Zytglogge (siehe Titelbild) entstand eine Neustadt, die ebenfalls befestigt wurde und bis kurz vor den heutigen Bahnhof reichte. Nach einem großen Stadtbrand im Jahre 1405 wurden die einstigen Holzhäuser durch Neubauten aus Ostermundiger Sandstein ersetzt. Dabei bekam Berns Altstadt auch seine insgesamt rund sechs Kilometer langen Laubengänge und das bis heute architektonisch sehr geschlossen wirkende Erscheinungsbild. Es folgten Großbauwerke wie das Rathaus (Grundsteinlegung 1406) und das Münster (1421).

Die typische Altstadtbebauung aus Ostermundiger Sandstein und mit Laubengängen (15.Jahrhundert)

Eine zweite Phase der territorialen Expansion Berns begann mit der Annahme der Reformation im Jahre 1528. Zwar gab es zunächst Unruhen im Berner Oberland, da die Gemeinden dort das neue Bekenntnis ablehnten. Doch nachdem die Stadtrepublik ihre Herrschaft im Oberland wieder durchgesetzt hatte, bot man den reformierten Gemeinden im nahen Waadtland seinen Schutz an. Im folgenden Krieg mit dem katholischen Herzog von Savoyen um das Waadtland errang man 1536 einen Sieg und dehnte den Machtbereich nochmals erheblich aus. Bern war nun der größte Stadtstaat nördlich der Alpen und bis zum Revolutionsjahr 1798 blieb das französischsprachige Waadt zu Bern zugehörig. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) wurde dann vielleicht der Grundstein für die bis heute kennzeichnende Schweizer Neutralität gelegt. Die Eidgenossenschaft hielt sich aus diesem großen Religions- und Territorialkrieg heraus, der in weiten Teilen des HRR zu enormen Verheerungen und Umwälzungen führte. Lohn war die nun auch formelle Loslösung der eidgenössischen Staaten (und somit ebenso Berns) vom HRR im Westfälischen Frieden (1648). Fortan konnten sich alle eidgenössischen Kantone als souveräne Staaten betrachten und verkehrten mit anderen Staaten diplomatisch gleichrangig.

Das gotische Münster (Grundsteinlegung 1421)

Doch das bereits erwähnte Revolutionsjahr 1798 beendete das „Ancien Régime“ der alten Eidgenossenschaft. Die Französische Revolution griff auf die Schweiz über und französische Truppen marschierten nicht nur ins Berner Waadtland ein, sondern rückten auch auf die Stadt selbst vor. In der Schlacht am Grauholz mussten sich die Berner am 5.März 1798 dem Invasionsheer geschlagen geben. Frankreich beschlagnahmte die Staatskasse der Republik Bern und setzte die Unabhängigkeit der Berner Territorien Waadtland und Aargau durch, die bis heute eigenständige Kantone geblieben sind. Insgesamt ordnete der französische Herrscher Napoleon Bonaparte die Eidgenossenschaft als Helvetische Republik nach französischem Vorbild neu. Ergo wurden die Kantone von souveränen Teilrepubliken eines Staatenbunds zu bloßen Verwaltungseinheiten eines Zentralstaats degradiert. Nachdem die Koalitionskriege (1792 – 1815) mit der totalen Niederlage Frankreichs endeten, wurde die alte Eidgenossenschaft weitgehend restauriert. Bern hatte zwar an Territorium und Einfluss verloren, bekam jedoch neben Luzern und Zürich den Status eines Vororts. Dass bedeutete, dass in diesen drei Städten die Tagsatzung der Eidgenossenschaft (parlamentarische Versammlung der Abgesandten der Kantone) im turnusmäßigen Wechsel stattfand.

Das schmuckvolle Innere des Berner Münsters

Die drei Vororte kamen nun auch als Hauptstadt des 1848 gegründeten Bundesstaates in Frage (den steinigen, teilweise auch blutigen Weg vom Staatenbund zum Bundesstaat im 19.Jahrhundert habe ich ja bereits in meinem vorigen Reisebericht aus Sion skizziert). Für Zürich sprach die beste Infrastruktur der drei Kandidaten. Sie wies bereits Mitte des 19.Jahrhunderts von allen Schweizer Städten am ehesten die Merkmale einer Metropole auf. Die Größe und wirtschaftliche Kraft waren jedoch zugleich der Malus. Die Gegner Zürichs befürchteten, dass der Hauptstadtstatus Zürich erst recht als Primatstadt der Schweiz zementieren würde und sich möglicherweise doch mit Zeit ein zentralistisches Staatswesen einschleicht. Für Luzern sprach wiederum die Lage in der geographischen Mitte der Schweiz. Dafür wirkte die Stadt 1848 noch sehr beschaulich und obendrein war in Luzern und den nahen Urkantonen die Ablehnung des neuen Bundesstaats sehr groß (was sich bis heute kaum geändert hat, aber darauf gehe ich später noch ein). Vielleicht hätte man Luzern als Hauptstadt in der konservativen Innerschweiz als Zugeständnis wohlwollend aufgenommen, möglicherweise hätten die Menschen es aber auch als Provokation aufgefasst. Bern hatte derweil mehr Pro- als Contra-Argumente. Es lag ebenfalls relativ zentral und vor allem grenzte es an die Romandie (französischsprachiger Teil der Schweiz) und hatte selbst eine größere französischsprachige Minderheit. Somit war es den Frankophonen als Hauptstadt besser zu vermitteln. Zwar war Bern seinerzeit auch alles andere als eine Metropole, aber man sicherte dem Bund zu, dass die nötige Infrastruktur auf eigene Rechnung errichtet wird. Bei der Wahl zur Bundesstadt am 28.November 1848 votierten letztlich 9 Räte für Luzern, 48 für Zürich und 79 für Bern.

Der von 1641 bis 1644 errichtete Käfigturm

1857 wurde das versprochene Bundeshaus in Bern eröffnet und ist seitdem Regierungs- und Parlamentssitz der Schweiz. Zuvor tagte der Bundesrat ab 1848 im Erlacherhof, einem spätbarocken Palais aus dem 18.Jahrhundert, während andere bundesstaatliche Institutionen öffentliche Räume der Stadt Bern provisorisch nutzten. Als Zugeständnis an die Zentralstaatsgegner verzichtete man allerdings darauf die neue Hauptstadt auch als solche zu bezeichnen. Die Schweiz hat deshalb bis heute de jure keine Hauptstadt, Bern erfüllt aber de facto alle Merkmale einer solchen. Ferner zog man bald sogar multinationale Organisationen an. Die mittlerweile in Genève (Genf) ansässige Internationale Fernmeldeunion verlegte 1868 ihren Sitz von Paris nach Bern und 1878 wurde der Weltpostverein in der Bundesstadt gegründet. Aber das ist bekanntlich ein allgemeines Kennzeichen der Schweiz, dass dort internationale Organisationen gegründet werden oder sich niederlassen. Da gibt es in Zürich oder insbesondere in Genève noch deutlich mehr Klingelschilder als in Bern. Ich nenne nur mal exemplarisch das Rote Kreuz, den Völkerbund, das IOC, die FIFA, die UEFA, die WHO, die WTO oder das Weltwirtschaftsforum.

Der Erlacherhof

Auf lokaler Ebene ist das 19.Jahrhundert ebenfalls sehr bedeutend für die Entwicklung Berns. 1831 hatte das rund 650 Jahre über die Stadt (und den Kanton) bestimmende Patriziat abgedankt. Der Kanton Bern erhielt nun eine demokratische Verfassung und politisch dominierten die freisinnigen (liberalen) Kräfte. Zu den neuen verfassungsmässigen Freiheitsrechten gehörte die Handels- und Gewerbefreiheit, welche das freie Unternehmertum förderte. Um den Kapitalbedarf der Gründer zu decken, wurde 1834 die Berner Kantonalbank als eine der ersten Kantonalbanken der Eidgenossenschaft gegründet. Mit der Inbetriebnahme des Gaswerks (1843) und dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (1857) setzte ferner die Industrialisierung in der Bundesstadt ein. 1858 eröffnete eine große Seidenweberei und 1864 die Spinnerei Felsenau (damals eine der größten Fabriken der Schweiz). Im Lebensmittelsektor gründete sich 1865 die Firma Wander („Ovomaltine“) und 1899 folgte Tobler („Toblerone“). Bern blieb zwar zuvorderst Beamtenstadt, bei einer erstmaligen Erhebung im Jahre 1888 beschäftigten die Fabrikbetriebe jedoch bereits rund 10% der Erwerbstätigen.

Das 1857 eröffnete erste Bundeshaus (heute Westflügel des Gesamtkomplexes)

Bis 1914 hielt ein massiver wirtschaftlicher Aufschwung und ein starkes Bevölkerungswachstum an. Die Stadt begann entsprechend über die Aarehalbinsel hinauszuwachsen. In den 1830er Jahren wurden Mauern und Schanzen der Stadtbefestigung abgetragen und als erste bedeutende städtebauliche Erweiterung seit dem Mittelalter entstand das Länggassquartier, wo Fabriken und Arbeiterwohnhäuser errichtet wurden. Durch den Bau der von Hochbrücken über die Aare öffnete sich die Stadt im 19.Jahrhundert außerdem nach Norden, Osten und Süden. Es entwickelten sich am anderen Ufer wohlhabende Vorstädte. Besonders jenseits der 1883 eröffneten Kirchenfeldbrücke entstand eine noble Wohngegend, für deren Villen Berns Oberschicht ihre Patrizierhäuser in der Altstadt verließ und sich außerdem viele der ausländischen Botschaften niederließen. Durch den dadurch erzeugten Leerstand wurde die Altstadt nun auch ein für Arbeiter und Angestellte interessantes Wohnquartier. So zog 1903 ein junger Angestellter des Berner Patentamts in die Kramgasse nahe der Zytglogge und arbeitete in seiner Wohnung nebenbei an seiner Dissertation „Eine neue Bestimmung der Moleküldimensionen“, sowie an bahnbrechenden Arbeiten zum photoelekrischen Effekt und zur brownschen Molekularbewegung. Außerdem kam er dort der Äquivalenz von Masse und Energie auf die Spur und stellte in seiner speziellen Relativitätstheorie die Formel E = mc² auf. Die ehemalige Wohnstätte in der Berner Kramgasse 49 ist heute als Einsteinhaus ein Museum zur Würdigung dieses außergewöhnlichen Genies.

Das Haus der Patrizierfamilie Zeerleder mit dem Familienstammbaum an der Fassade

Eine weitere Zäsur bedeutete der Erste Weltkrieg (1914 – 1918). Obwohl die Schweiz ihre Neutralität wahren konnte, ging dieser weltumspannende Krieg nicht spurlos am Staat und seiner Kapitale vorbei. Um sich vor etwaigen Invasionen der Nachbarn zu schützen, wurde mobil gemacht und ein Heer von ca. 250.000 Mann sicherte die Grenzen ab. Derweil kam der Handel mit den sich bekriegenden Nachbarstaaten teilweise zum Erliegen. Die Verknappung der Lebensmittelimporte führte zu massiven Teuerungsraten. Dazu kamen Umsatzeinbrüche der exportorientierten Wirtschaftszweige (mit Ausnahme der Rüstungsindustrie) und die Lohnausfälle der ca. 250.000 Soldaten. Das führte in den ärmeren Bevölkerungsschichten zu extremen Notlagen, die vielerorts in Streiks und sozialen Unruhen mündeten. Am 6.November 1918 wurden deshalb aus Revolutionsangst die Großstädte des Landes, also auch Bern, von der Armee besetzt. Die Arbeiter des Landes reagierten mit einem Generalstreik vom 12. bis zum 14.November 1918. Forderungen waren u. a. die Abkehr vom Mehrheitswahlrecht und die Einführung der 48-Stunden-Woche, der Alters- und Invalidenversicherung und des Frauenwahlrechts.

Die 229 m lange und 37 m hohe Kirchenfeldbrücke von 1883

Zwar konnte die Arbeiterbewegung den Streik nur wenige Tage aufrecht erhalten und hatte drei Tote zu beklagen, allerdings kam es mittelbar doch zu einigen Reformen. 1919 wurde sogleich das Verhältniswahlrecht eingeführt. Beim bisherigen Mehrheitswahlrecht waren die Arbeiter- oder auch Kleinparteien deutlich unterpräsentiert gewesen, während die bürgerlich-liberale FDP (Freisinnig-Demokratischen Partei) mit einer relativen Mehrheit der Stimmen jedes Mal die absolute Mehrheit der Sitze holte und konfortabel allein regieren konnte. So erhielt Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) 1917 zwar 30,8 % der Stimmen, aber nur 11,6 % der Mandate, während die FDP mit 40,8 % der Stimmen 54,5 % der Mandate errang. Ab sofort wurden die Sitze proportional zu den Wählerstimmen verteilt, so dass die FDP 1919 bei 28,9 % der Stimmen nur noch 32,3 % der Mandate erhielt und die SP mit einem Stimmenanteil von 23,5 % auf 21,7 % der Parlamentssitze kam. Im Kanton Bern war bei dieser Wahl übrigens die 1917 im Lokal Bierhübeli gegründete Bernische Bauern- und Bürgerpartei der große Gewinner. Sie gewann auf Anhieb 46,3 % der bernischen Wählerstimmen. Zusammen mit anderen kantonalen Bauernparteien kam man landesweit auf 15,3 % der Stimmen und stellte eine Fraktion, die immerhin 15,9 % der Stühle im Parlament besetzen konnte.

Das Bundeshauses wurde zwischen 1894 und 1902 um ein prunkvolles Parlamentsgebäude erweitert (hier zu sehen die Südfassade)

Bern sollte mehrere Jahrzehnte eine Hochburg dieser Partei bleiben, die sich 1936 mit ihren anderen Mitstreitern zur gesamtschweizerischen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) zusammenschloss, aus der 1971 wiederum die nationalkonservative bis rechtspopulistische Schweizerische Volkspartei (SVP) hervorging. Doch zurück in die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg… 1920 führte das diverser gewordene Parlament flächendeckend die 48-Stunden-Woche ohne Lohneinbußen ein und die Sozialversicherungen wurden in den 1920er Jahren ebenfalls auf den Weg gebracht (letztendlich jedoch erst 1948 vollumfänglich umgesetzt). Nur auf ihr Wahlrecht mussten die Frauen noch lange warten. Im Kanton Bern noch bis 1968 und auf Bundesebene wurde es sogar erst 1971 eingeführt. Aber das sollte ja allgemein bekannt sein, dass die Schweiz in Sachen Frauenwahlrecht nicht zu den „Early Adoptern“ gehörte.

Das Ölgemälde „Die Wiege der Eidgenossenschaft“ ziert den Saal des Nationalrats und zeigt den Urnersee, wo 1291 mit dem Rütlischwur das Bündnis der Urkantone geschlossen worden sein soll

Auch im Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) blieb die Schweiz neutral, machte jedoch abermals zum Schutz seiner Grenzen mobil. Nur diesmal bekamen die eingezogenen Soldaten einen Lohnausgleich aus der Staatskasse gezahlt und auf die drohende Lebensmittelknappheit war man ebenfalls besser vorbereitet. Man sicherte die Grundversorgung frühzeitig durch Rationierungen und eine Anbauoffensive in den eigenen Landesgrenzen (der Selbstversorgungsgrad der Schweiz mit Lebensmitteln stieg dadurch von 52 % auf 70 %). Gleichzeitig konnte durch den Ankauf von „Nazigold“ die Inflation gering gehalten werden. Das Deutsche Reich wickelte ca. 75 % seines Devisenhandels über die Schweiz ab und konnte dort geraubtes Gold aus den Nationalbanken der besetzten Staaten und von enteigneten Juden in Schweizer Franken umtauschen. Mit Franken konnten wiederum Rüstungsgüter aus der Schweiz bezahlt werden oder auf dem Weltmarkt kriegswichtige Güter und Rohstoffe ins Reich importiert werden (z. B. Wolfram aus Portugal oder Eisenerz aus Schweden). Für die Nazis war die Schweiz als internationale „Hausbank“ dadurch viel wertvoller, als hätte man die Alpenrepublik besetzt. Detailliert auf die Schweizer Wirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg oder auch auf die ambivalente Flüchtlingspolitik der Eidgenossen einzugehen, würde jetzt allerdings den Rahmen sprengen.

Ausblick über das Kirchenfeldquartier

Wirtschaftlich kann man die Schweizer also durchaus als Kriegsgewinner durch Nazi-Kollaboration bezeichnen. Sah auch die USA so und fror Schweizer Konten und Goldreserven in den USA ein. Zunächst wurde die Schweiz wegen ihrer Verquickungen mit den Nazis außenpolitisch isoliert. Gold und Geld hatte man in Bern aber trotzdem noch im Überfluss und löste damit die außenpolitischen Probleme rasch. 1946 zahlte die Schweiz den USA einfach 250 Millionen Franken als Wiedergutmachung für die düsteren Nazigeschäfte. Im Gegenzug wurden die Schweizer Konten in den USA wieder entsperrt und Washingtons „Blacklist“ von Schweizer Unternehmen mit Nazi-Geschäftsbeziehungen wurde vernichtet. Nun war der Weg frei, um die Vorteile einer vom Krieg unversehrten Wirtschaft auf dem Weltmarkt auszunutzen. In der Schweiz herrschte in der Nachkriegszeit eine langanhaltende Hochkonjunktur. Diese führte bald zu einem Bedarf an Arbeitskräften aus dem Ausland. In Bern wurde auf den Zuzug der Gastarbeiter mit dem Bau der Hochhaussiedlungen Tscharnergut (1958 – 1967), Gäbelbach (1965 – 1968) und Wittigkofen (1973 – 1981) reagiert. Heute besitzt ca. jeder vierte Einwohner Berns eine ausländische Staatsbürgerschaft. Nimmt man noch Schweizer Staatsbürger hinzu, deren Eltern im Ausland geboren sind, hat insgesamt ca. ein Drittel der Berner einen Migrationshintergrund. Die größte ausländische Gemeinschaft stellen übrigens die Deutschen (ca. 6 %). Gefolgt von Italienern (3,8 %), Spaniern (1,8 %) und Portugiesen (1,4 %).

Haupthalle des um die Jahrtausendwende modernisierten Hauptbahnhofs

Einen vorerst letzen politischen Einschnitt für Bern bedeutete in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts die Sezession des französischsprachigen Jura. 1975 hatten die jurassischen Bezirke des Kantons Bern in einer Volksabstimmung für ihre Unabhängigkeit votiert. Man arbeitete eine Verfassung aus und seit 1979 ist der Jura der 26. und jüngste Kanton der Schweiz. Damit hätten wir auch gleich ein gutes Beispiel für die plebiszitären Elemente der schweizerischen Demokratie. Aber da gibt es auch etwas ganz Aktuelles. Gerade erst am Vorwochenende hatte ein Volksentscheid die Zertifikatspflicht (3G-Regel) mit immerhin 62% Zustimmung legitimiert. Dabei wurde die Debatte im Vorfeld von einer lautstarken Minderheit um die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei (SVP) und zivile Initiativen wie die „Freunde der Verfassung“, die „Freiheitstrychler“ oder das „Aktionsbündnis der Urkantone“ bestimmt. Diese Gruppen waren medial deutlich präsenter als die eher stille Mehrheit der Maßnahmenbefürworter und hatten außerdem viel Geld für ihre Kampagne organisieren können. Letztlich gab es aber nur in zwei der 26 Kantone eine Mehrheit gegen die Coronapolitik des Bundes. Die beiden ländlichen Kantone Appenzell Innerrhoden und Schwyz lehnten das aktuell gültige Covid-19-Gesetz ab.

Hm, der Fahrzeughalter halt wohl eher gegen das Covid-Gesetz gestimmt

Da wären wir, wie versprochen, wieder bei den konservativen und bundesstaatskritischen Innerschweizern. Ich las da erst jüngst eine interessante Reportage auf tagesschau.de über „Das Dorf der Neinsager“. Es ging um die Schwyzer Gemeinde Unteriberg, wo die Wahlberechtigten unter den ca. 2.300 Einwohner bereits das erste Covid-Gesetz des Bundes mit über 90 % abgelehnt haben und während der nationalen Impfwoche ein Impfbus vergebens in Unteriberg rumstand. Na ja, im Nachbarort Alpthal durfte der Impfbus gar nicht erst Station machen. In den Urkantonen sehen sich einige Orte stolz als „Gallische Dörfer“ im Kampf gegen die Eliten aus Bern. Hier ist man eigentlich gegen alles, was in der Bundesstadt beschlossen wird und manch einer nimmt auch das Wort Diktatur in den Mund. Irgendwie absurd, wenn man den ausgeprägten Föderalismus und die direkte Demokratie mittels Volksentscheiden bedenkt. Aber wir beobachten solche Entwicklungen bekanntermaßen in allen demokratischen Gesellschaften kapitalistischer Prägung. Radikale Minderheiten plärren dauernd Diktatur, weil sie für ihre Forderungen keine Mehrheiten finden können. Ihren Egoismus verwechseln sie mit unveräußerlichen Grundrechten und wollen ihre individuelle Freiheit zu Lasten des Gemeinwohls mit aller Gewalt durchsetzen.

Ein Regenguss verhagelte mir den Weihnachtsmarktbesuch

Letztlich bleibt Schweiz im internationalen Vergleich weiterhin sehr moderat mit ihren Einschränkungen zur Eindämmung der Pandemie. Obwohl heute eine landesweite Inzidenz von 667,5 gemeldet wurde, herrscht noch flächendeckend 3G und nicht 2G+ wie bei mir daheim. Als die Sonne und das von ihr gespendetes Tageslicht verschwunden waren, hätte ich deshalb auch gerne den Berner Weihnachtsmarkt für einen Abendsnack genutzt. Aber mit der Dunkelheit kam auch der Regen zurück. Also sah ich davon ab Fondue, Raclette oder Kalbsbratwurst an einem festlich geschmückten Chalet zu konsumieren und holte mir stattdessen eine Flasche Rivella und einen Wurstsemmel im deutschen Exportschlager ALDI (zusammen 2,95 CHF). Übrigens befindet sich besagter Discounter direkt am Kindlifresserbrunnen und ich muss jetzt doch nochmal ins Mittelalter zurückspringen. Denn möglicherweise ist dieser Brunnen aus dem Jahre 1545 von dem angeblichen Ritualmord an Rudolf von Bern inspiriert. Im April 1294 kam es in Bern unter dem Vorwand, Juden hätten einen vierjährigen Knaben namens Rudolf ermordet, zu einem Pogrom. Ein Teil der jüdischen Bevölkerung Berns wurde gerädert und der überlebende Rest aus der Stadt vertrieben. Den Quellen zufolge glaubte schon damals niemand an diesen Ritualmord, aber es war für einige Honoratioren eine willkommende Gelegenheit sich ihrer Schulden bei den jüdischen Geldgebern zu entledigen.

Der Kindlifresserbrunnen von 1545

Gegen 18 Uhr ging es dann so langsam Richtung Bahnhof und um 18:42 Uhr mit der S-Bahn nach Wankdorf. Bin ich eben schon 90 Minuten vor Anpfiff im Stadion. Da ist es zwar auch kalt, aber wenigstens trocken. Leider konnte ich mich diesmal nicht mit Simon zum gemeinsamen Matchbesuch treffen. Mein Kumpel hatte Weihnachtsfeier in Huttwil und mein „Knoppers-Gutschein“ war blöderweise nur bis 11.Dezember einlösbar, so dass ich nicht mehr auf ein anderes YB-Heimspiel ausweichen konnte. Theoretisch hätte ich jetzt leihweise Simons Dauerkarte bekommen können, aber der Austausch wäre logistisch zu aufwändig gewesen. Also besorgte er mir freundlicherweise ein Einzelticket für 25 CHF, welches als E-Ticket natürlich problemlos den digitalen Weg zu mir fand. Gemeinsam YB, dann gerne auswärts, holen wir sicher im neuen Jahr nach. Ich muss schließlich noch bis Saisonende die Super League komplettieren…

Stadion Wankdorf: Ein buchstäblicher Kommerztempel

Ich stromerte nun ein wenig um das Stadion, welches von außen nicht nur wie eine „Shopping Mall“ ausschaut, sondern auch eine ist. Aber das ist leider seit ca. 20 Jahren landesweit der Trend. Ob in Bern, Basel, Thun, St. Gallen, Luzern, Schaffhausen oder Neuchâtel; kaum ein Neu- oder Umbau kommt in der Schweiz ohne gewerbliche Mantelnutzung aus. So erinnert an das alte Stadion Wankdorf nur noch die auf dem Vorplatz aufgestellte ehemalige Stadionuhr. Aber nichtsdestotrotz wird man in Deutschland mit dem Stadion Wankdorf immer das „Wunder von Bern“ verbinden, als die deutsche Elf die favorisierten Ungarn im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 schlug. Traurigerweise war gerade erst am Vorabend meines Besuchs der letzte Weltmeister von ’54 verstorben. Horst Eckel, der 1954 übrigens nicht nur den WM-Pokal in die Höhe recken durfte, sondern auch Deutscher Vizemeister wurde, war ein großer Sportsmann und möge in Frieden ruhen.

Die alte Stadionuhr

Doch zurück in die Gegenwart… Das Spiel gegen Servette stand seitens der Fanszene unter dem Motto „YB – Ä Lideschaft für aui!“. Vor dem Stadion konnte man für karitative Zwecke Glühwein und „Chlouse-Säckli“ (Nikolaussäckchen mit Naschwerk und Nüssen) kaufen. Damit soll die Obdachlosenhilfe in Bern finanziell unterstützt werden. Außerdem wurden Sachspenden wie warme Kleidung und Hygieneartikel gesammelt. Ebenso hatte der Verein ein Spieltagsmotto ausgerufen. Mit „Merci Bärn“ wollte sich der BSC Young Boys bei seinen Fans, Partnern und Sponsoren für die Treue und Solidarität in den vergangenen zwei Jahren bedanken. Nach dem Passieren des Drehkreuzes wurde deshalb jedem Matchbesucher ein Voucher für ein Freigetränk gereicht. Okay, wenn das Bier umsonst ist, kann ich mir auch die von Simon angepriesene YB-Wurst für 7,50 CHF leisten. 7,23 € für Wurst und Bier sind selbst für jemanden mit lächerlicher deutscher Kaufkraft bezahlbar.

Absolutes Schietwetter beim Aufwärmen der Teams

Da der Kanton Bern unter der Woche die Maßnahmen zur Eindämmung der gegenwärtigen Pandemie verschärft hatte, herrschte bei diesem Spiel nicht nur Zertifikats-, sondern erstmals auch Maskenpflicht auf den Zuschauerplätzen. Gut, sind heute also alle vermummt, nicht nur die Pyromanen. Dafür gab es weiterhin keine Kapazitätseinschränkungen und 22.629 Zuschauer wurden am heutigen Abend vermeldet (wobei ich glaube, dass < 20k die Drehkreuze passiert hatten, ergo nicht nur Simons Dauerkarte ungenutzt blieb). Die Schweiz ist, wie bereits erwähnt, immer noch verhältnismäßig defensiv in der Pandemiebekämpfung. Wobei ausländische Touristen wie ich seit heute trotz vollständiger Impfung einen negativen PCR-Test bei der Einreise vorlegen müssen und etliche Länder auf einer Quarantäneliste gelandet sind. Man will erstmal nach außen die Maßnahmen verschärfen, bevor man im Innern wieder zu unbeliebten Instrumenten greift. Aber letzten Endes wird wohl auch in der Schweiz das Virus die Politik diktieren und den Spielraum der Regierung alsbald einschränken. Spätestens wenn die Intensivbettenbelegung mit der Inzidenz nachzieht.

Lasershow als Dankeschön für die Stadionbesucher

Aber heute war das trotz Maskenpflicht noch weitgehend ein Fußballerlebnis unter Normalbedingungen. Der proppenvolle Fanblock der Berner machte zu Spielbeginn nochmal choreographisch auf sein Motto „YB – Ä Lideschaft für aui!“ aufmerksam und die mitgereisten Gästefans zündeten ein paar dutzend Leucht- und Blinkfeuer. Wobei ich eine Licht- und Lasershow des Vereins kurz vor Spielbeginn nicht unterschlagen will. Das war ein weiteres Dankeschön der Cluboberen an die Fans. Deshalb leuchteten am Ende auch „Merci Bärn“-Schriftzüge auf dem Rasen. Mich holten sie damit zwar nicht ab, aber der BSC Young Boys musste sich bei mir natürlich auch nicht für die Solidarität in den letzten zwei Pandemiejahren bedanken und den kleinen Rackern im Familienblock, sowie einigen Popcornkonsumenten auf den Sitzplätzen dürfte es gefallen haben.

YB – Ä Lideschaft für aui!

Stattdessen zeige ich mich in einem aktuellen Verfahren der UEFA gegen YB solidarisch. Denn die UEFA-Disziplinarkammer hat den Bernern jüngst eine Strafe von 10.000 € aufgebrummt, weil bei einem Qualifikationsspiel zur „UEFA Champions League“ im August gegen Ferencváros – übrigens 3:2 für YB, Wankdorf ist einfach kein gutes Pflaster für Ungarn – zweimal „Scheiß UEFA“ angestimmt wurde. Der Verband sah nun Artikel 16.2.e seiner Rechtspflegeordnung erfüllt („Verbreitung provokativer, einer Sportveranstaltung unangemessener Botschaften aller Art, insbesondere solcher politischen, ideologischen, religiösen oder beleidigenden Inhalts“). Der BSC Young Boys argumentierte dagegen, dass „Scheiße“ nicht unbedingt „ad corporem“ beleidigend gemeint sein muss, sondern insbesondere im Schweizerdeutschen „Scheiße“ einfach nur eine Unmutsbekundung ist, wenn man mit bestimmten Dingen nicht zufrieden ist. Mit anderen Worten, die UEFA soll nicht ehrabschneidend als stinkendes Exkrement herabgewürdigt werden, sondern es sollte einfach nur bekundet werden, dass man manche Verbandentscheidungen eher als Mist empfindet.

Fackelmeer im Gästeblock zu Spielbeginn

Die UEFA wollte der Berner Argumention nicht folgen, aber so ein Urteil über das Wesen des Wortes „Scheiße“ ist schon nett zu lesen. Vielleicht geht YB ja noch in Berufung oder zieht vor den Internationalen Sportgerichtshof (CAS). Die „Scheiße“ muss endlich rechtssicher geklärt werden.

‚Scheiße‘ heißt nicht ‚Fuck‘ und auch nicht unbedingt ‚Scheiße‘

YB in seiner Stellungnahme an die UEFA

Mein Vorschlag für’s nächste internationale YB-Heimspiel: „Lass den Scheiß UEFA“ als Spruchband, um damit seinen Unmut über bestimmte Verbandsentscheidungen zu bekunden. Blöd natürlich, wenn irgendwann die ersten beiden Wörter von einer Zaunfahne überhangen werden. Aber die UEFA weiß dann ja, wie es eigentlich gemeint war.

Fackeln im Herbststurm

Das nächste internationale Heimspiel könnte allerdings noch ein paar Tage hin sein. Vorerst steht nur das letzte CL-Gruppenspiel auswärts in Manchester an und sollte YB danach auf dem gegenwärtigen letzten Platz der Gruppe F verbleiben, ist der internationale Teil der Saison beendet. Umso wichtiger, dass man in der Liga in der Spitzengruppe bleibt (aktuell 4.Platz) und dazu einen Heimsieg gegen Servette (6.Platz) einfährt. Die von David Wagner trainierten Young Boys kamen an diesem stürmischen Herbstabend auch gut ins Spiel und bereits in der 10.Minute konnte der Angreifer Wilfried Kanga seine Farben in Führung bringen. Bern blieb in der Folgezeit überlegen und vielleicht hätte es ein ähnliches Schützenfest wie beim letzten Aufeinandertreffen werden können (im Spätsommer wurde Servette mit 6:0 abgefertigt). Allerdings wollte trotz guter Chancen vorerst kein zweites Tor fallen und als in der 45.Minute Berns Christopher Martins des Feldes verwiesen wurde (wiederholtes Foulspiel), war das möglicherweise der Wendepunkt.

Ein, zwei Freudenfeuer nach dem 1:0 durch Wilfried Kanga

Viele Fans bekamen Martins zweite Gelbe Karte allerdings gar nicht mit, da seit der 40.Minute gegen die Einführung von personalisierten Tickets zur kommenden Saison protestiert wurde. Über die Hintergründe hatte ich ja bereits aus Sion berichtet und der Unmut der Fans hielt natürlich noch an. Eigentlich geht der Protest erst richtig los. Für diesen Spieltag hatten alle relevanten Fanszenen des Landes ihre Aktionen orchestriert. Von der 40.Minute bis zum Beginn der 2.Halbzeit sollte die Fanblöcke landesweit und ligaübergreifend leer bleiben. Die Zaunfahnen wurden teilweise auch abgehangen. Stattdessen hingen Protestbanner. „Nein zu personalisierten Tickets“ bei YB und „Non aux billets nominatifs“ bei Servette. Scheiß personalisierte Tickets!

Non aux billets nominatifs (übersetzt für meine französischsprachigen Leser)

Während der Pause reagierte derweil David Wagner auf die Unterzahl. Torschütze Kanga ging raus, dafür kam mit Mohamed Ali ein Defensivakteur ins Spiel. Erwartungsgemäß nahm Servette nach dem Seitenwechsel das Spiel in die Hand, ohne jedoch zunächst wirkliche Torgefahr auszustrahlen. Das änderte sich nach 67 Spielminuten. Mohamed Ali hatte Servettes Kyei im Strafraum umgehauen und Kastriot Imeri, der am 12.November 2021 für das A-Nationalteam der Schweiz debütiert hatte, verwertete den fälligen Strafstoß. In der 75.Minute wurde von den Heimfans zwar die seit mindestens 1910 bei jedem Spiel der Gelb-Schwarzen zelebrierte YB-Viertelstunde akustisch eingeläutet. Aber Servette zeigte sich überhaupt nicht beeindruckt vom Mythos und Imeri besorgte außerdem per Freistoßtor in der 79.Minute die Führung für den 17fachen Schweizer Landesmeister aus der Romandie. Beide Treffer wurden im Gästeblock der Granatroten nochmal mit einer Vielzahl von Fackeln gefeiert.

Die Romands freuen sich über den Führungstreffer

YB versuchte in der Schlussphase natürlich noch einmal alles, um den neuerlichen Ausgleich zu erzwingen. Allein schon aus dramaturgischen Gründen hoffte ich natürlich auch, dass Mohamed Ali oder irgend einem anderen Berner der „Lucky Punch“ gelingt. Aber Bern und ich wurden enttäuscht. Es blieb beim 1:2 und YB braucht sich erstmal nicht mehr mit dem fünften Meistertitel in Serie beschäftigen (wäre dann insgesamt Titel Nr. 16). Da André Breitenreiters FCZ heute gewonnen hat, sind die Zürcher bereits neun Punkte enteilt. YB bleibt Vierter und muss vielleicht sogar um das internationale Geschäft bangen. Aber warten wir’s ab, die Saison ist ja noch lang. Als neutraler Zuschauer war ich auf jeden Fall zufrieden. Ich hatte insgesamt ca. 96 pyrotechnische Erzeugnisse im Einsatz erlebt und akustisch stimmungsvoll waren beide Kurven ebenfalls gewesen. Dazu war das Spiel zwar nicht besonders hochklassig, aber es hatte einen spannenden Verlauf.

Meine bisher teuerste Klobasa

Am Ausgang gab es nun noch „Keks-Päckli“ im „Märci Bern“-Look für alle Stadionbesucher und damit ausgestattet ging es zügig zum Bahnhof Wankdorf. Dort stieg ich in die nächstbeste Bahn zum Berner Hauptbahnhof und bekam den InterCity um 23:02 Uhr, der mich und meine Kekse binnen einer Stunde nach Basel transportieren sollte (wobei die Kekse nur bis Olten kamen). Weil in Bern an diesem Samstag einfach keine gescheite Unterkunft für unter 100 € zu bekommen war (auch mein Hotel vom letzten Trip sollte nun 125 € kosten), logierte ich die Nacht im Basler „Ibis Styles“ (***) für 96 € inklusive Frühstück. Ich wollte am Sonntagnachmittag schließlich eh noch FC Basel gegen FC Lausanne-Sport schauen, ehe es zurück nach Niedersachsen gehen sollte. Da war das eine gute Lösung, die mir obendrein einen netten Vormittag in Basels Altstadt ermöglichte. Aber davon wird im nächsten Bericht zu lesen sein.

Song of the Tour: Yes Sir, YB can Boogie