Liberec (Reichenberg) 10/2021

  • 03.10.2021
  • FC Slovan Liberec – FC Banik Ostrava 0:2
  • 1.česká fotbalová liga (I)
  • Stadion u Nisy (Att: 3.200)

Es war wohl irgendwie Trotz, warum ich mir bei der Jahresurlaubsplanung den 4.Oktober eingetragen habe. Frust darüber, dass 2021 so viele Feiertage auf’s Wochenende fielen. So auch der Tag der Deutschen Einheit am 3.Oktober. Ich denke dann immer an die Staaten der Erde mit Ehre, die in solchen Fällen den freien Tag auf den darauf folgenden Montag schieben. Aber im Arbeitgeberparadies BRD ist so etwas natürlich undenkbar. Egal, ich hatte mir mein langes Wochenende mit meinem letzten verfügbaren Urlaubstag des Jahres teuer erkauft und das musste natürlich mit Leben gefüllt werden. Um die Dekarbonisierung meines Lifestyles weiter voranzutreiben, sollte es eine Zugreise werden. Aber bitte trotzdem Ausland. Gut, dass ich bei meiner sommerlichen Wanderreise ins Zittauer Gebirge bemerkt hatte, dass das tschechische Liberec (Reichenberg) von Dresden optimal per Bahn zu erreichen ist. Die nordböhmische Stadt und ihr Umland wirkten auf Bildern ganz nett und obendrein sollte Banik Ostrava am Sonntag bei Slovan Liberec gastieren.

Guter Lesestoff

Mein „Mobility Partner“ verlangte für Hin- und Rückfahrt lediglich schlanke 39,20€ und am 2.Oktober startete der Kurztrip um 8:36 Uhr am hannoverschen Hauptbahnhof. Zur Überbrückung der 4,5 Stunden bis Dresden hatte ich eine druckfrische Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung dabei. „Vereint im Stolz – Fußball, Nation und Identität im postjugoslawischen Raum“ heisst das Werk, welches eine Bestandsaufnahme in allen Nachfolgestaaten der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien wagt. Teils wurden von mir sehr geschätzte Mitwirkende / Interviewpartner gewonnen. Außerdem ist auf den zahlreichen Farbfotos u. a. unser “Corona-Partyboot” vom jüngsten Belgrad-Trip abgelichtet. Da musste ich schon schmunzeln. Insgesamt an dieser Stelle natürlich eine Bestellempfehlung von meiner Seite.

Mein Zimmer für zwei Nächte

Nach dem Umstieg am Dresdner Hauptbahnhof ging es per länderübergreifendem Nahverkehrszug (Trilex) weiter nach Liberec, wo ich pünktlich um 15:29 Uhr den ersten Hieb böhmische Luft einatmete. Schnell noch 1.000 Tschechische Kronen (ca. 40€) am Bankomat gezogen und dann ging es zur gebuchten Unterkunft, welche ca. 1.200 Meter vom Bahnhof entfernt zu finden war. Ich hatte mich für zwei Nächte à 30€ im „Hotel Arena“ (***) eingenistet. Dieses ist Teil eines großen Sportkomplexes. Entsprechend steht nebenan nicht nur die Eishalle der Bílí Tygři Liberec (Tschechischer Eishockeymeister der Saison 2015/16), sondern auch das alte Stadion des FC Slovan. Bis 1978 kickte Slovan Liberec im Městský stadion. Da immer noch Insignien des Fußballclubs im Rund zu sehen sind, gehe ich davon aus, dass diese Anlage noch von der 2.Mannschaft, den Damen oder der Jugend des FC Slovan genutzt wird.

Das Liberecer Městský stadion

Hätte Slovan B just bei meiner Ankunft ein Ligaspiel bestritten, wäre das natürlich ein perfekter Beifang an diesem Wochenende geworden. Doch die Ränge und der Rasen waren an diesem Samstagnachmittag leider menschenleer. Stattdessen sah ich hinter Haupttribüne in der Ferne mein geplantes Ausflugsziel für heute. Es sollte auf den Liberecer Hausberg Ještěd (Jeschken) gehen. Die Wanderung auf den 1.012 Meter hohen Gipfel kam aus Zeitgründen nicht mehr in Frage (ich hätte es vor Sonnenuntergang nicht mehr hinauf geschafft), aber wenigstens die fünf Kilometer bis zur Talstation der Seilbahn wollte ich wandern. Leider erreichte ich dieses Zwischenziel erst kurz nach 17 Uhr und hatte somit gerade eine planmäßige Auffahrt verpasst.

Die Seilbahn auf den Ještěd

Die nächste Gondel wäre laut Fahrplan erst um 18 Uhr gestartet und ich überlegte schon, ob ich mir doch noch die fehlenden 400 Höhenmeter per pedes antun soll (mit über 25% Steigung). Doch was ich nicht wusste; die Seilbahn fährt außerplanmäßig ab geschätzt 10 wartenden Personen und alsbald war ein kleiner Mob zusammen, der um 17:22 Uhr die vierminütige Gondelei nach oben antreten durfte. Aber hat auch Sinn. Man kann in Stoßzeiten in der Hauptsaison nicht nur alle 30 oder gar 60 Minuten jeweils so 25 bis 30 Personen rauf und runter schaffen. Da fährt die Seilbahn wahrscheinlich ohne Unterlass.

Hatten Außerirdische hier ihre Finger im Spiel? Erich von Däniken bitte nach Böhmen!

Betreiber der Seilbahn ist übrigens die staatliche Eisenbahngesellschaft „České dráhy“ und der Fahrpreis beläuft sich gegenwärtig auf faire 170 Kronen (knapp 6,80€) für Hin- und Rückfahrt, während für “one way” 110 Kronen (ca. 4,40€) aufgerufen werden. Darüberhinaus waren rund um den Ještěd mehrere Skipisten und -lifte zu erspähen, sowie wie zwei Skisprungschanzen. Auf der größeren Schanze fanden bereits mehrere Weltcupspringen statt, ließ ich mir sagen.

Abendlicher Ausblick im Jeschkengebirge

Oben angekommen, stellte ich zunächst einmal stellte ich fest, dass es hier ein paar Grad kälter als unten in der Stadt war und einem starke Windböen um die Ohren sausten. Das war wenig überraschend, denn es ist eben wie der heimische Brocken im Harz ein sehr exponierter Ort, der sein eigenes Wetter hat. Deshalb hatte ich trotz spätsommerlichen 20°C in Liberec ”Downtown” eine winddichte Jacke eingepackt. Nachdem ich den Ausblick in alle Himmelsrichtungen bei tief stehender Abendsonne genossen hatte, trieb mich das garstige Wetter jedoch trotzdem in den markanten Fernsehturm.

Sonnenuntergang auf dem Gipfel

Dieser ist das Wahrzeichen der ganzen Region und holte einen Architekturnerd wie mich natürlich vollumfänglich ab. Zwischen 1966 und 1973 wurde das futuristisch anmutete Bauwerk nach Plänen des Architekten Karel Hubáček errichtet. Es ersetzte den 1963 abgebrannten Berggasthof und dient seit Eröffnung nicht nur als Fernsehturm, sondern auch als Gaststätte und Hotel. Vorab hatte ich auch mit dem Gedanken gespielt zumindest eine Nacht hier oben zu verbringen (die Zimmer erinnern optisch definitiv an das Interieur von Raumschiffen- oder stationen in Sci-Fi-Werken), aber kurzfristig war leider kein Zimmer mehr zu bekommen.

Der futuristische Fernsehturm

Doch das Bauwerk wirkt nicht nur futuristisch, sondern verlängert den Berg nach oben hin harmonisch. Karel Hubáček wählte dafür eine Formgestalt, die mich an die Stupas in Südostasien erinnerte. Das Internet behauptet, es handelt sich dabei um einen Rotationshyperboloiden (wieder was gelernt). In jedem Fall bekam Hubáček für dieses Meisterwerk den renommierten Auguste-Perret-Preis der „Union Internationale des Architectes“ (UIA) verliehen. Damit befindet sich Hubáček in guter Gesellschaft mit u. a. Hans Scharoun, Frei Otto, Santiago Calatrava und Norman Foster. Außerdem haben die Tschechen ihren Fernsehturm für das UNESCO Welterbe eingereicht. Mal sehen, wie das Komitee dieses Ansinnen bewertet.

Feinwürzige Fettwurst a.k.a. Klobasa

Ich gönnte mir im Hochpaterre der „Raumstation“ zunächst einmal im Bistro eine Klobasa und 0,5 l Pivo. Der exklusiven Lage geschuldet mit deutschen Preisen aus unexklusiven Lagen vergleichbar (zusammen 125 CZK, also ziemlich genau 5€). Das Hotel war selbstredend nicht frei zugänglich (im Video unten gibt es dafür bewegte Bilder aus dem Hotelbereich), doch das Panoramarestaurant im 1.OG war offen für alle und mir natürlich noch einen Blick wert. Hier schlürfte ich einen Americano für 67 CZK (ca. 2,65€) und genoss den Sonnenuntergang.

Das Panoramarestaurant im Fernsehturm

Abwärts ging es schließlich wie geplant um 19 Uhr und dann per Straßenbahn für 24 Kronen (0,96€) ins 6 km entfernte Stadtzentrum. Ein Abendessen musste her und gutbürgerliche Gasthäuser und Schankstuben gibt es eine Menge in Liberec. Letztlich bekam die “Hospoda Na Růžku” den Zuschlag. Ich gönnte mir einen Krug fassfrisches Slivany Pivo und eine sehr pikante Klobasa mit großem Kartoffelreibekuchen, Sauerkraut und gerösteten Zwiebelringen. Ein wahrlich herzhafter Gaumenschmaus! Kostete zusammen 225 Kronen (ca. 8,80€) und mit Trinkgeld war ich die nächsten 250 Tschechentaler los. Heute also doch schon über 600 Kronen verprasst. Wird mein Budget von 1.000 CZK wohl zu knapp bemessen sein, aber ein Nachtragshaushalt wird sicher kurzfristig bewilligt.

Klobasa der gehobenen Art

Nach dem Essen erlaubte ich mir noch einen ca. 3 km langen Verdauungsspaziergang und freute mich, dass die Bewegungsbilanz am Ende des Tages doch noch ordentliche 19.625 Schritte (15,2 km) auswies. Im Hotel jedoch der Schock; mein Ladegerät funktionierte nicht! Ich testete mehrere Steckdosen, aber das Netzteil oder das USB-Lightning-Kabel musste einen Defekt haben. 39% Akku hatte ich noch und damit war für den Rest der Reise sozusagen ”Digital Detox” angesagt. Ab sofort Flugmodus und das Smartphone wurde eigentlich nur noch als Uhr und Kamera genutzt. Lediglich für wirklich Wichtiges wie die Bundesligaergebnisse, kurze Kommunikation mit der Familie und einen Instagrampost wurde am Folgetag kurzzeitig der Flugmodus verlassen.

Mit der Bimmelbahn in die Berge

Am Sonntagmorgen ging es trotzdem gut gelaunt aus den Federn. Wandern war angesagt und das Wetter top. Kurz noch Wasser und Kofola in einem Minimarkt erworben und dann ging es 8:33 Uhr mit einem Nahverkehrszug ins rund 30 Bahnkilometer entfernte Hejnice (Haindorf). Kostete 95 Kronen (ca. 3,75€) für Hin- und Rückfahrt (Nahverkehrspreise, von denen man in Deutschland nur träumen kann). Nach einer guten halben Stunde Bahnfahrt erreichte ich das Örtchen im Jizerské hory (Isergebirge) und steuerte als erstes auf die barocke Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung zu. Doch weil dort Gottesdienst war (Sonntagmorgen halt), wurde die Besichtigung des Inneren auf später verschoben.

Wallfahrtskirche Maria Heimsuchung und der Ořešník

Stattdessen war hinter den Kirchtürmen bereits das Hauptziel der Wanderung zu erspähen. Das Gipfelkreuz des exakt 800 Meter hohen Ořešník (Nußstein) lächelte mich an. Da ich mich an der Kirche auf 330 Metern ü. NN befand, würde meine Muskulatur also heute auf ihre Kosten kommen. Schön 3,5 Kilometer mit ordentlicher Steigung bergauf, immer den Markierungen der roten Route folgen… Denn aufgrund der Akku-Problematik musste ich heute natürlich auf die lieb gewonnene Wander-App namens “Komoot” verzichten.

Der Weg führte immer mal wieder durch Felsspalten

Aber die Wege waren wirklich gut markiert und die Beschilderung an den Wegkreuzungen ebenfalls top. Im Jizerské hory kann man als Ortsfremder also auch problemlos analog wandern. Zwar wünschte ich mir aufgrund der permanenten Steigung (immer so zwischen 10 und 20%) und dem anspruchsvollen steinigen Untergrund schnell eine weitere Seilbahn daher, aber heute kam ich um sportliche Betätigung nicht herum. Als die Muskulatur nach rund zwei Kilometern so langsam warm wurde, begann es jedoch Spaß zu machen.

Ganz nett hier im Isergebirge

Je näher ich dem Gipfel kam, desto imposanter wurden die Felsformationen. Gegen 10:30 Uhr hatte ich schließlich das Gipfelkreuz in Sicht. Blöderweise war nun klettern angesagt. Zwar sind Stufen in den Fels gehauen und ein Geländer bietet Halt, aber bei den starken Windböen am heutigen Mittag war dieser “Endgegner” trotzdem kein Spaß für jemanden, der ungern klettert und nicht ganz schwindelfrei ist. Doch die Aussicht entschädigte für die Mühen und Hinaufsteigen klappt zumindest bei mir immer ganz gut.

Gipefelkreuz auf dem Ořešník

Der Abstieg war da schon herausfordernder. Aber zum Glück half der Rückwartsgang mein Gehirn etwas auszutricksen. Zumal ein Trio junger Tschechinnen unten brav darauf wartete, dass ich die Bahn für ihren Aufstieg frei mache. Da darf man sich als alter heterosexueller Cis-Bergsportler natürlich erst recht keine Blöße geben. Aber Spaß beiseite, ich muss definitiv wie ein tapsiger Berggorilla ausgesehen haben und konnte sicher keiner der Damen imponieren. Die waren wahrscheinlich froh, dass sie nicht die Bergwacht rufen mussten.

Geht steil hier

Vom Ořešník sollte es weiter zum Velký Štolpich Vodopád (Großer Stolpichfall) gehen. Dazu mussten zunächst noch einmal ein paar hundert Meter über Stock und Stein überwunden werden. Dann folgte zur Abwechslung mal ein Teilstück “normaler” Wanderweg, ehe es über schmale und steinige Serpentinen runter ins Tal des Štolpich (Stolpich) ging. Dort erwarteten mich die Kaskaden dieses in 970 Metern Höhe entspringenden Flusses. Ca. 35 Meter stürzt das Wasser hier nahezu senkrecht hinab, um sich dann über weitere Kaskaden und Katerakte seinen Weg ins Tal zu bahnen.

Der Stolpichfall

Nachdem das Naturschauspiel ausreichend auf mich gewirkt hatte, ging es parallel zum Wasserfall wieder ein paar Meter bergauf. Das artete erneut fast in Richtung Klettersport aus und an einer Stelle war sogar eine installierte Hilfsleiter notwendig. Aber bergauf wie gesagt nicht das Problem für mich und oben überspannte eine Holzbrücke den Wasserfall. Auf deren anderer Seite erwartete mich dann ein steiniger, aber breiter Wanderweg ins Tal. Es handelt sich dabei um die so genannte Stolpichstraße, die jedoch nichts mit einer modernen Straße zu tun hat und 1891 erbaut wurde. Graf Franz von Clam-Gallas, dessen Geschlecht in habsburgischen Zeiten die „Babos“ in der Region stellen durfte, ließ sie zur besseren forstwirtschaftlichen Erschließung der Wälder auf dem Isergebirgskamm anlegen.

Der Štolpich bahnt sich ihren Weg ins Tal

Als ich auf der Stolpichstraße noch einmal den Fluss queren musste, erinnerte eine Gedenktafel an die 1898 ermordete österreichische Kaiserin Elisabeth I. (genau, die Sissi vom Franz). Die hatte – trotz ihrer Reisefreudigkeit und Naturverbundenheit – zwar nie das Isergebirge besucht, jedoch war sie persönlich mit dem Grafen Franz von Clam-Gallas bekannt gewesen. Dieser ließ nach ihrem Tod eine Gedenktafel in seinen Wäldern installieren und daneben wurde eine Rastgelegenheit für Wanderer geschaffen. Für einen Historiker natürlich genau der richtige Ort zum Durchschnaufen. Mit Fuet, getrockneten Maulbeeren und Kofola führte ich dem Körper neue Kalorien zum Verbrennen zu.

Die Sissi war in Österreich dereinst eine beliebte Kaiserin. Ob sie dieses Stimmungsbild auch schon landestypisch mit erkauften Umfragen manipulieren ließ?

So richtig benötigt wurde diese Energie allerdings gar nicht mehr. Ab dem „Sissi Spot“ ging es nur noch sanft bergab, immer am Lauf des Štolpich entlang. Und der Untergrund wurde auch bald angenehmer. In Ferdinandov (Ferdinandsthal) verließ ich den Wald wieder und spazierte am Straßenrand gen Hejnice zurück. Dort war um 13 Uhr die ideale Zeit zur Besichtigung der wunderschönen barocken Wallfahrtskirche.

Hejnices Anwort auf die Karlsbrücke

Der Legende nach erfuhr ein gebrechlicher Siebmacher im frühen 13.Jahrhundert an der Stelle der heutigen Kirche unter einem Lindenbaum eine Wunderheilung. Aus Dank und Ehrfurcht kehrte er alsbald zurück und nagelte ein Marienbild an den Baum. Anschließlich soll ein lokaler Edelmann eine Wallfahrtskapelle erbaut haben. Um diese Kapelle herum entstand im 14.Jahrhundert schließlich auch der Ort Haindorf. Bald erfuhr die Kapelle einen Ausbau zu einer gotischen Hallenkirche und weitere Wunderheilungen sollen immer wieder geschehen sein.

Der Altarraum von Maria Heimsuchung

Das sorgte für einen großen Strom an Pilgern (Tausende pro Jahr) und entsprechende Einnahmen für das Dorf. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) fielen die nordböhmischen Schlösser Friedland und Reichenberg, nebst den dazugehörigen Ländereien, an den kaiserlichen Feldherrn Matthias Graf von Gallas. Dessen Sohn Franz Ferdinand von Gallas stiftete 1691 ein Franziskanerkloster neben der Wallfahrtskirche, während der Sakralbau wiederum zwischen 1722 und 1729 seine eindrucksvolle Barockgestalt bekam. Wahrscheinlich sind es mittlerweile mehr Touristen als Pilger, aber Hejnice verzeichnet dank dieses Kleinods in reizvoller Umgebung bis heute zehntausende Besucher pro Jahr.

Die Kuppelmalerei in der Wallfahrtskirche

13:43 Uhr fuhr ich dann auf Schienen zurück nach Liberec. Dort kurz ins Hotel, geduscht und frische Klamotten an den beleibten Leib geworfen. Heute war schließlich „Matchday“ und 55 Minuten vor Anpfiff war ich wieder startklar. Nun ging es 3,5 km quer durch Stadt, um eine Viertelstunde vor Spielbeginn das Stadiontor zu passieren. Eine Karte für die Haupttribüne hatte ich mir bereits online im Vorverkauf gesichert. Kostete umgerechnet so in etwa 6,50€ und neben dem Ausdruck des Billets, wollte man am Drehkreuz sogar noch meinen Impfnachweis sehen. Scheint also gegenwärtig beim Fußball 2G oder 3G in CZ zu gelten (ansonsten war bei meinem Trip wenig von der Pandemie zu spüren).

Graffiti in Stadionnähe

Im Stadion hatte ich dann erstmal nur Augen für den Gästeblock. So ungefähr 300 mährisch-schlesische Schlachtenbummler waren angereist. Banik hat in meinen Augen die interessanteste Fanszene in der Tschechischen Republik. Die geografische Nähe zu Polen und die langjährige Freundschaft mit den Kibice von GKS Katowice hatten einen unübersehbaren und unüberhörbaren Einfluss auf die „Chachaři“ (schlesisch umgangssprachlich für Vagabund, Schurke o. ä.). Die Jungs würden in der „Ekstraklasa“ sicher nicht für einen Kulturschock sorgen und gefielen auch heute mit Fanunterstützung polnischer Art. Sehr geschlossen (jeder zieht mit) und sehr laut. Nichts für Freunde von Lalala-Singsang.

Die Haupttribüne im Stadion u Nisy

Der Heimfanblock war dagegen recht spärlich gefüllt, aber sorgte mit einer Doppelhalter-Parade für einen optischen Akzent. Die Blockinsassen sahen aus der Distanz recht jugendlich aus und stilistisch erinnerte das an Ultrà-Deutschland vor 20 Jahren. Irgendwie jedes Mal auf’s Neue erstaunlich, was in CZ für ein Gefälle herrscht. Da hat man Banik, Slavia, Sparta und mit Abstrichen noch eine handvoll weitere brauchbare Szenen und der Rest hängt der Avantgarde gefühlt zwei Jahrzehnte hinterher. Dass sich bei irgend einem Provinzclub aus einer Kleinstadt keine Mörderszene entwickelt, kann ich natürlich nachvollziehen. Aber dass bei langjährigen Erstligisten aus Städten mit mehr als 100.000 Einwohnern, siehe Sigma Olomouc oder Slovan Liberec, nichts Vernünftiges entstehen will, ist mir ein Rätsel. Ich hab in Sachen tschechische Szene allerdings auch keine Expertise und deshalb keinen Erklärungsansatz.

Der Fanblock der Liberecer

In Liberec kam nun auch noch eine Spaltung der kleinen Szene hinzu. Irgendwann vor der Pandemie muss es Zoff zwischen den Gruppen „Supras Core“ (gegründet 2008) und „Chaotix“ (2010) gegeben haben. Die „Supras“ stehen weiterhin im etatmäßigen Fanblock, während die „Chaotix“ auf die andere Hintertortribüne, also in die Nähe des Gästeblocks gewechselt sind. Allerdings waren es heute derer nur acht Gestalten. Zu Spitzenzeiten dürften die „Chaotix“ immerhin auch 20 bis 30 Supporter gestellt haben, während ich die „Supras“ auf knapp 50 Leute plus Umfeld schätze.

Ca. 300 Gästefans waren angereist

Grund für den Split waren angeblich politische Differenzen. „Supras Core“ sind nämlich der Meinung, dass Liberec und Liberalität nicht nur ähnlich geschrieben werden, sondern auch gut zusammen passen. Die „Chaotix“ dagegen wünschen sich die Kurve in Liberec lieber rechts. Oder sind zumindest rechstsoffen, während die „Supras“ zwar nicht als dezidiert linke Gruppe gelten, aber durchaus vom vorherrschenden rechten Mainstream in den tschechischen Fankurven abweichen. Ich sag mal überspitzt und konstruiert, wenn die „Chaotix“ ’ne „Refugees Not Welcome“-Choreo geplant hätten, wären die „Supras“ dagegen gewesen. Aber ich steckte da zu wenig drin, um hier mehr als Hörensagen im Konjunktiv zu verbreiten.

Die Teams sind bereit

Da in Liberec also bei den meisten Fans der rechte Arm nur gehoben wird, weil man einarmig schlecht Doppelhalter in die Höhe recken kann, dürften sich auch fast alle Anhänger vorbehaltslos über die Rückkehr von Theodor Gebre Selassie gefreut haben. Der PoC und ehemalige A-Nationalspieler der Tschechischen Republik (54 A-Länderspiele) kehrte im Sommer nach neunjährigem Gastspiel bei Werder Bremen zurück an die Lužická Nisa (Lausitzer Neiße) und bekam ein nettes Willkommensvideo als „The Fresh Transfer of Liber-Air„. Er hatte vor seinem Bundesliga-Abenteuer vier erfolgreiche Jahre bei Slovan, gekrönt mit der Meisterschaft 2012. Ebenfalls Teil dieser Meistermannschaft war übrigens die Slovan- und 96-Legende Jiří Štajner.

Bis zu 9.900 Zuschauer finden im Stadion U Nisy Platz

Štajner war auch schon Schlüsselspieler bei Slovans erstem Meistertitel im Jahre 2002 und beim Pokalsieg in der Saison 1999/00. Eine weitere Meisterschaft wurde außerdem 2006 gefeiert. Natürlich spielte Slovan durch die Erfolge auch regelmäßig international. In der Saison 2001/02 stießen sie im UEFA-Pokal sogar bis ins Viertelfinale vor. Man schaltete Slovan Bratislava, Celta de Vigo, RCD Mallorca und Olympique Lyonnais aus, ehe Borussia Dortmund die Liberecer Ambitionen stoppen konnte. Wahrscheinlich hatte sich der spielfreudige Štajner damals mit nationalen und internationalen Topleistungen in die Notizbücher von Bundesligisten wie Hannover 96 gezaubert. Er traf jedenfalls in nahezu jedem zweiten Liga- wie auch Europapokalspiel der Liberecer.

Baniks Kicker bejubeln ihre Führung

Aktuell sieht es dagegen nicht so glorreich für den FC Slovan aus. Der Saisonstart ist mißlungen und mit acht Punkten aus neuen Spielen ist das internationale Geschäft weit entfernt. In diesen Sphären tummelt sich dagegen vorerst Banik. Die haben solide 19 Punkte errungen und rangieren auf dem 4.Platz. Damit war auch klar, wer heute der Favorit ist und die Kicker aus Ostrava sollten ihrer Rolle gerecht werden. In die Karten spielte ihnen dabei der Platzverweis von Slovans Mittelfeldspieler Christ Joël Tiéhi (38.Minute). Fünf Minuten später konnte der dreifache Tschechoslowakische (1976, ’80 und ’81) und einfache Tschechische Meister (2004) seine Vorteile in Zählbares ummünzen. Der 37jährige Routinier Jiří Fleišman sorgte in der 43.Minute für das 0:1 per sehenswertem Distanzschuss.

Have a break, have a Klobasa

Dann war Halbzeit und ich hatte mich mit schnellen Schritten zur Wurstversorgung vorgearbeitet. Fix eine Klobasa und einen halben Liter Pivo geordert, um zu Beginn der zweiten 45 Minuten was Leckeres konsumieren zu können. Beides zusammen kostete glaube ich preiswerte 100 CZK (ca. 4€). Kaum waren Wurstpappe und Plastikbecher entsorgt, fiel auch schon das 0:2 durch Ladislav Almásy (63.Minute). Die Mannschaft von Banik rannte zum Gästesektor und der Mob im Block entledigte sich seiner Oberbekleidung.

Banik zieht oben blank

Die „Chachaři“ schmetterten siegesgewiss ihre Schlachtrufe und Gesänge, während ihre Lieblingskicker auf dem Platz natürlich in der letzten halben Stunde nichts mehr anbrennen ließen. Sowohl auf dem Rasen, als auch auf den Rängen waren also die Gäste tonangebend. In Sachen Bespaßung war das okay und entsprechend zufrieden verließ ich nach Abpfiff die trapezförmig in eine Felswand gebaute Haupttribüne (quasi Braga light), um am Ufer der Nisa gen Altstadt zu spazieren. Der Fluss fließt übrigens direkt hinter der Gegengerade lang, so dass das Stadion sehr beengt zwischen dem Fluss und der erwähnten Felswand errichtet wurde.

Die Wallensteinhäuser

In der Alstadt erlaubte mir ein bißchen Sightseeing im charmanten Abendlicht. Dabei kreuzte ich zu Beginn die ältesten noch erhaltenen Wohnhäuser der 1352 erstmals urkundlich erwähnten Stadt. Das Ensemble der Wallensteinhäuser wurde in den den Jahren 1678 bis 1681 erbaut und ursprünglich lebten und arbeiteten Tuchmacher in diesen Umgebindehäusern (historischer Hausbautyp, der grenzübergreifend in der Region weit verbreitet ist). Die Tuchmacherei war analog zum nahen Zittau auch in Reichenberg der Unterpfand des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Wohlstands.

Schöner innenstädtischer Straßenzug aus dem 19.Jahrhundert

Von der mittelalterlichen Gründung bis zum Ersten Weltkrieg war die Stadt übrigens durchgängig deutschsprachig und Teil der Habsburgerreiches. Im Grunde genommen begann erst mit der Industrialisierung im 19.Jahrhundert ein sichtbares tschechisches Leben in Reichenberg. In der Stadt und ihrem Umland erwuchsen seinerzeit aus den alteingesessenen Textilmanufakturen große Fabriken. Der hohe Bedarf an Arbeitskräften wurde nun teilweise durch Anwerbung von tschechischen Untertanen der österreichischen Krone gedeckt. So stieg der Anteil der tschechischsprachigen Einwohner zwischen 1850 und 1900 von unter einem Prozent auf acht Prozent. Bauwerke aus dieser prosperierenden Epoche – wie Villen, Theater und das zwischen 1888 und 1893 errichtete Neue Rathaus (siehe Titelbild) – prägen bis heute das Stadtbild.

Schicker Jugendstil im Stadtzentrum

Die Kriege und die tiefgreifenden politischen Umwälzungen im 20.Jahrhundert änderten schließlich die Bevölkerungsstruktur und territoriale Zugehörigkeit Reichenbergs nachhaltig. War es nach dem Ersten Weltkrieg (ab 1919) zunächst Teil der neu geschaffenen Tschechoslowakei, wurde es 1938 vom nationalsozialistischen Deutschen Reich annektiert. Nach dem von den Nazis entfesselten Zweiten Weltkrieg fiel die Stadt 1945 jedoch wieder an die Tschechoslowakei und die deutschsprachige Bevölkerung wurde als Konsequenz der Kriegs- und Besatzungsjahre fast vollständig vertrieben. Amtlich gültig war fortan nur noch die tschechische Ortsbezeichnung Liberec und fast ein halbes Jahrhundert realsozialistische Diktatur stand der Bevölkerung bevor. Wie schön, dass so Perlen wie Liberec und seine Umgebung seit rund 30 Jahren wieder der Welt offen stehen und sich anscheinend in diesen Dekaden wirtschaftlich prächtig entwickelt haben.

Der Palác Dunaj (1928), der modernem Konstruktivismus und Expressionismus architektonisch vereint

Nach Einbruch der Dunkelheit musste schließlich noch ein Abendessen her. Leider hatten fast alle Gasthäuser heute Ruhetag und ich durfte nicht all zu wählerisch sein. Im „Balada“, unweit des Marktplatzes, brannte Licht. Sah auch gemütlich aus und auf der Speisekarte weckte der „Pikantni Nudličky Mix“ mein Interesse. Wörtlich übersetzt eine scharfe Nudelmischung. Darunter stand bei den Bestandteilen allerdings nichts von Nudeln, sondern etwas was von pikanter Kräutersauce, gemischtem Salat und gebratenen Steakstreifen vom Schwein und Rind. Einfach mal bestellt und letztlich war es eine Art Pfannengyros mit Knoblauchsauce und Salatbeilage. Durchaus lecker, aber nicht das, was ich erwartet hatte. Dazu hatte ich mir übrigens noch leckeren Kartoffelstampf mit geschmorrten Zwiebeln von der Bedienung empfehlen lassen, so dass ich definitiv satt wurde.

They call it „Pikantni Nudličky Mix“

Ein Humpen böhmisches Bier durfte natürlich auch nicht fehlen und alles zusammen kostete mich 285 CZK (11,25€). Da die Summe meine restlichen Barmittel überstieg, musste ich doch nochmal meine Kreditkarte zücken. Aber war ja eh klar, dass ich mit 1.000 Kronen nicht hinkommen werde und entweder das heutige Abendessen oder das morgige Frühstück mit Karte bezahlt werden muss. Ich ließ dann noch ein paar Taler Trinkgeld für die „Bohemian Barmaid“ auf dem Teller liegen und verschwand in die dunkle Nacht.

Durch die nächtliche Altstadt

Als ich das Hotel erreichte, hatte mein Smartphone erfreulicherweise insgesamt 40.434 Schritte aufgezeichnet (30,5 km). Zugleich jedoch nur noch 15% Akku. Hm, könnte morgen eng werden mit dem mobilen Bahnticket der DB. Spätestens auf dem letzten Teilstück am Abend. Also an der Rezeption nach einem Ladegerät gefragt und die Hotelfachfrau fand in einer Krimskramskiste ein USB-Netzteil. Funktionierte zusammen mit meinem Ladekabel einwandfrei und „Digital Detox“ war vorbei. Mit der Premierenfolge des „neuen“ Fußballpodcasts „Dwidswoch“ im Ohr trat ich nun die Nachtruhe an.

Streetart in Liberec

Am Montagmorgen schlief ich so ungefähr bis 8 Uhr. Dann hielt mich eigentlich nichts mehr im Hotel und nach der Körperpflege checkte ich aus. Es ging erneut ins Stadtzentrum, wo ich ein Frühstückslokal ansteuerte, welches mir am Vorabend ins Auge gefallen war. Im „Saber Café“ gab es nun Rührei mit Salamiwürfeln, Käse und Jalapeños. Ergänzt um einen kleinen Brotkorb und einen Cappuccino. Ich gab inklusive ca. 18,96% Trinkgeld 170 Kronen und hatte damit die abgehobenen 1.000 Kronen fast komplett unter’s Volk gebracht. Alles in allem hatte dieser dreitägige Trip rund 165€ meines Vermögens verschlungen. Das werde ich an einem aktiven Wochenende mit Wandertrip in den Harz, Fußball, Kneipe und Essen gehen auch in der Heimat los.

Pikante Rühreikomposition

Nun war es 10 Uhr durch und ich hatte keine zündende Idee, wie ich die nächsten zwei Stunden in Liberec sinnvoll gestalten könnte. Jetzt ärgerte ich mich doch, dass ich nicht schon die Verbindung um 10:28 Uhr gebucht habe. Dann wäre ich bereits, dank optimalerer Anschlüsse, gegen 17:30 Uhr daheim gewesen. Immerhin galt die Zugbindung nur im Fernverkehr, so dass ich einfach schon um 11:08 Uhr nach Dresden aufbrach. Hatte ich dort eben gut 1,5 Stunden anstatt 47 Minuten Aufenthalt und konnte dies für ein Mittagessen nutzen. Also noch schnell die letzten 22 Kronen für eine Limonade am Kiosk investiert (Mirinda Mix-It mit Orange- und Blaubeergeschmack) und frei von Devisen ab nach Sachsen gebraust.

Pizza Funghi im Dresdner „Bonjorno“

Den Bahnhof Dresden-Neustadt erreichte ich um 13:51 Uhr. Nun ging es zur 15 Fußminuten entfernten Pizzeria “Bonjorno”, wo ich mir eine Pizza Funghi für’n schmalen Taler (5€) gegönnt habe. Den Laden hatten wir September 2019 bei einem Dresden-Wochenende entdeckt und dort wird weiterhin gute Steinofenpizza zu günstigen Preisen serviert. Anschließend holte ich mir noch eine Hipsterbrause für die Bahnfahrt und 15:21 Uhr sammelte mich der IC 2444 ein. Nochmal Lesestunde in meinem BPB-Buch und gegen 20 Uhr steckte ich den Schlüssel ins Schloss unserer Haustür. Das war also mehr oder weniger das Ende meines Urlaubsjahres 2021. Na ja, eine Handvoll Kurztrips über’s Wochenende ist vielleicht noch möglich, bevor das Christkind kommt. 2022 wird dann hoffentlich wieder ein durchgängiges und nahezu einschränkungsfreies Reisejahr. Liest du das, Christkind? Mehr wünsche ich mir eigentlich gar nicht.

Song of the Tour: Musikalische Auseinandersetzung mit dem Leben in Liberec und u. a. schöne Bilder vom Ještěd