Olomouc (Olmütz) 03/2020

07.03.2020
SK Sigma Olomouc – FK Jablonec 1:1
1. česká fotbalová liga (I)
Andruv Stadion (Att: 3.155)

Am 7.März ging es um 8:45 Uhr von  Jihlava (Iglau) via Brno (Brünn) nach Olomouc (Olmütz). 133 CZK (ca. 5,25€) kostete der Spaß. Bei der Buchung war ich ungewohnt sorglos und störte mich nicht an lediglich 9 Minuten Umstiegszeit in Brno (Ankunft 11:09, Weiterfahrt 11:18 Uhr). Blöd, dass mein Nahverkehrszug etwas bummelte und am Zwischenziel die Zeiger der Bahnhofsuhr schon fünf Minuten weiter als geplant fortgeschritten waren. Okay, nun also nur vier Minuten Umstiegszeit in Brno. Fährt der Zug zufällig am Nachbargleis? Natürlich nicht. Also zur nächstbesten digitalen Anzeigetafel gewetzt. Anstatt ein Gleis, war für meinen Zug „BUS“ notiert. Scheiße, wohl Schienenersatzverkehr?

Mein Mobility Partner

Vor’m Bahnhof sah ich allerdings nur Straßenbahnen. Bißchen planlos rumgelaufen und dann erspähte ich den Busbahnhof in ca. 250 Metern Entfernung. Dort nochmal hingespurtet, aber außer Gefährte von „Flixbus“ und „Regiojet“ stand da auch nichts mehr. Gut, war jetzt eh schon 11:22 Uhr. Der nächste Zug nach Olomouc, so denn er gefahren wäre, sollte erst nach Anpfiff meiner anvisierten Fußballpartie am Ziel ankommen. Also wurden gleich mal die Busoptionen gecheckt und „Regiojet“ bot ’ne Verbindung um 12:30 Uhr an. Nur eine Stunde Fahrzeit, damit ca. eine Stunde vor Anpfiff am Zielort und selbst für Spontanbucher mit 95 CZK (ca. 3,75€) noch erschwinglich.

Die Bahnhofsunterführung in Brno

Nachdem die Busfahrkarte in der Balkantasche steckte, blieben noch 55 Minuten bis zur Abfahrt. Nichts war jetzt sinnvoller, als zu Mittag zu essen. Schnell noch 1.000 CZK für die zu erwartenden Restkosten der kommenden zwei Tage abgehoben und dann nach Speiselokalen Ausschau gehalten. Das Erstbeste war eine Sportsbar mit zwielichtigen Gestalten davor, das Zweitbeste hieß „Vegan Sweet Café“ und das Drittbeste war eine Niederlassung von „Mc Donald’s. Die Panik auf die Schnelle nichts Besseres mehr zu finden und am Ende noch den Bus zu verpassen, weil in einem irgendwann entdeckten genehmen Restaurant nicht schnell genug serviert wird, trieb mich in den Fast-Food-Tempel. Leider gab es keinen exotischen Aktionsburger, aber ein doppelter Hamburger Royal klang den Umständen entsprechend auch akzeptabel. Menü für 119 CZK. „Wollen sie noch Camembert-Minis für 39 CZK dazu?“ „Ach, warum nicht?“ Dass ich hier ein tschechisches McD-Menü fotografisch würdige, ist wahrscheinlich der bisherige Tiefpunkt der kulinarischen Facette von „Schneppe Tours“.

Immerhin richten die tschechischen Systemgastronomen den Fraß nett an

Egal, ich war wenige Minuten später temporär satt und außerdem schon 12:20 Uhr am gebuchten Bus. Brav wurde sich hinter den bereits Schlange stehenden Jans und Terezas eingereiht und 12:26 Uhr rollte der Bus auch schon los. Na ja, gab bestimmt ’ne digitale Gästeliste, so dass der Fahrer wusste, dass alle Ticketinhaber mit an Bord waren. Der Bus wäre doch bestimmt noch nicht weg gewesen, wenn ich erst 12:30 Uhr aufgetaucht wäre… „Regiojet“ operiert übrigens mit modernen Reisebussen, bei denen jeder Platz einen eigenen Bildschirm und Stromversorgung hat. „Free Wi-Fi“ ist natürlich auch immer mit an Bord. Jetzt verstehe ich, dass die Züge in CZ trotz attraktiver Preise doch relativ unausgelastet sind.

Mein Zimmer: Spartanisch, Praktisch, Gut

Um 13:26 Uhr öffneten sich die Bustüren am Olomoucer Hauptbahnhof und ich musste nun rund 3km quer durch die Altstadt zum gebuchten Hotel. So bekam ich schon mal einen ersten Eindruck von dieser Perle Mährens, ehe ich um 14 Uhr im „BEST Hotel Garni“ (**) eincheckte (22,50€ ohne Frühstück). Untere Mittelklasse in einem Plattenbau, aber direkt am Stadion. Das war mir wichtig, weil ich vor Anpfiff (14:30 Uhr) des Fußballkrachers SK Sigma Olomouc versus FK Jablonec unbedingt noch mein Gepäck loswerden wollte. Mit Rucksack ins Stadion ist schließlich die traditionelle Groundhoppertracht und wenn kein Fasching ist, braucht man sich auch nicht verkleiden.

Ausblick von meinem Hotelfenster

Für realpreisige 200 CZK (umgerechnet 7,77€) ging es dann kurz vor Anpfiff auf die Haupttribüne. Damit saß ich dem Heimfanblock, wie auch dem Gästeblock gegenüber (beide auf der Gegenrade zu finden). Was Besonderes zu sehen gab es dort jedoch nicht. Der FK Jablonec war mit rund 15 Anhängern angereist und der harte Kern der Heimfans, welcher sich hinter dem Banner „Ultras Sigma“ versammelt hatte, war quantitativ ebenfalls enttäuschend. Ach so, qualitativ ebenso. Allein schon das Banner mit schwer lesbarem Schriftzug (weiße Buchstaben mit hellblauen Outlines auf weißem Grund) und Asterix & Obelix darauf. Das war verdammt retro. Ich fühlte mich zurückversetzt in das Jahr 1999, als die Pioniere der deutschen Ultraszene auch inflationär ihre Lieblingscomicfiguren auf die Zaunfahnen und Doppelhalter pinselten. Zwischen der Szene von Sigma und den Szenen von Slavia und Sparta Praha oder auch Banik Ostrava scheinen Welten zu liegen.

Der Heimfanblock

Gut, von Jablonec habe ich nichts erwartet. Lassen wir die Gäste also außen vor. Aber ich dachte, dass sich in der sechstgrößten Stadt des Landes, bei einem Club mit relativ erfolgreicher Vergangenheit, schon eine ernstzunehmende Fanszene entwickelt hat. CZ-Kenner werden jetzt aufmerken und sich denken, hat der überhaupt keine Ahnung von der tschechischen Szene? Mein Interesse an der Fankultur in Böhmen und Mähren ist wirklich nicht besonders ausgeprägt. Die „Big Five“ habe ich schon im Blick, aber dass das Gefälle von beispielsweise Banik Ostrava zu Sigma Olomouc so riesig ist, hat mich doch überrascht. Der SK Sigma ist immerhin seit 1984 fast ununterbrochen erstklassig, war 2012 tschechischer Pokalsieger (sowie Supercupsieger) und hat sich durch gute Ligaplatzierungen regelmäßig für den Europapokal qualifiziert. Ich kann mich sogar noch daran erinnern, dass der Club 1991 den Hamburger SV aus dem UEFA-Cup gekegelt hat. In einer aus HSV-Sicht sensationellen UI-Cup-Austragung anno 2005, gelang den Hamburgern allerdings die Revanche.

Geile Cancha!

Nun denn, kommen wir zum heutigen Spiel, bevor ich noch zu HSV vs. Pobeda Prilep im 2005er UI-Cup abschweife. Die Teams waren gerade erst letzten Mittwoch im nationalen Fußballpokal aufeinander getroffen. Ebenfalls in diesem Stadion. Unter der Woche hatte der SK Sigma (in der Liga nur Zehnter) relativ deutlich mit 3:1 gegen favorisierte Gäste gewonnen, doch heute machten ihnen die Jablonecer (gegenwärtig 3.Tabellenplatz) das Leben wesentlich schwerer. Oder vielmehr die Jablonecer in Zusammenarbeit mit dem VAR. Denn per Videobeweis wurde zunächst die vermeintliche Führung in der 13.Minute aberkannt und in der 38.Minute bekam Sigmas Pablo González nach dem nachträglichen Studium von bewegten Bildern einen Platzverweis. Zwischenzeitlich (25.Minute) hatte Lukáš Juliš die Hausherren immerhin regulär in Führung gebracht.

Die Fans sind verzückt vom 1:0

In der 40.Minute beschloss ich schließlich, dass eine Klobasa dem Gaumen gut tun würde. Denn das ist ja das „Gute“ an dem McD-Fraß, nach drei Stunden hat man schon wieder Hunger. Also vor dem großen Run in der Halbzeitpause für 60 CZK (ca. 2,40€) am Grill zugeschlagen und ’ne ehrliche Fettwurst mit begleitendem Kümmelbrot verzehrt. Ich biß gerade wieder herzhaft zu, als der SK Sigma in der Nachspielzeit der ersten 45 Minuten noch die Riesenchance zum 2:0 hatte. Zwei Angreifer liefen allein auf den Jablonecer Schlussmann zu, doch beim Versuch eines tödlichen Passes bekommt dieser behandschuhte Teufelskerl irgendwie ein Bein an den Ball und rettet somit in höchster Not.

Ein ehrlicher Tschechenknacker

Es ging also mit 1:0 in die Pause und im zweiten Durchgang kamen die Jablonecer dank Überzahl besser ins Spiel. Noch bevor sie in der 75.Minute verdient ausgleichen konnten (durch den Finnen Kasper Hämäläinen), erfreute mich allerdings mein neuer Sitznachbar. Ich vermute zur zweiten Halbzeit durfte man gratis ins Stadion und das Mitführen einer Weinflasche vom Supermarkt um die Ecke war auch kein Problem mehr. So zechte sich der Neuzugang in meiner Sitzreihe schön mit Rotwein zu. Wenn er vom edlen Tropfen im 0,7l-Glasgebinde abließ, brüllte er ein paar schwer verständliche Sachen in Richtung Spielfeld. Guter Mann, der zumindest bei mir für mehr Stimmung als der etatmäßige Fanblock sorgte.

Mein kultivierter Quasi-Sitznachbar im zweiten Durchgang

Wesentlich geiler als das Spiel und die Stimmung fand ich allerdings das Stadion. Das Andruv-Stadion ist wirklich ’ne Perle. Die Tribünen unterscheiden sich alle und die Flutlichter sind besonders unique. Die Strahler soll übrigens der Verkauf von Pavel Hapal an Bayer Leverkusen (1992) finanziert haben. Hapal gehörte zu der goldenen Generation, die 1991 den erwähnten Triumph über den HSV feierte und danach erst an Real Madrid im Viertelfinale des UEFA-Cups scheiterte (äußerst knapp mit 1:2 nach Hin- und Rückspiel). Mit dabei war damals auch die spätere Schalke-Legende Radek Látal (von 1994 bis 2001 ein Königsblauer) und ratet mal wer heute den SK Sigma trainiert… Genau! Und um es noch besser zu machen; in der Startelf der Platzhirsche stand heute sein Sohn Radek Látal junior. Eine optische Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Hat Jiří Němec eigentlich auch einen Sohn?

Nach dem 1:1 war es den meisten mitgereisten Fans aus Jablonec zu heiß geworden

Am Ende musste sich Familie Látal und der Rest der Sigma-Squad mit einer Punkteteilung zufrieden geben. Die Gäste waren damit wahrscheinlich glücklicher, aber (Floskelalarm!) so ist eben Fußball. Dezimierste dich selbst und lässte außerdem die 100%ige Chance zum 2:0 liegen, musste dich nicht wundern, wenn der Bums 1:1 endet. Ich war dann auch so mittelzufrieden vom heutigen Fußballerlebnis. Auf jeden Fall schon mal wieder ’ne Ecke besser als die Kicks in Nitra und Jihlava in den letzten Tagen. Besonders das Stadion fand ich wirklich schick (ja, ich wiederhole mich) und würde gerne einmal eine ernstzunehmende Fanszene in Olomouc erleben, welche die steile Hintertortribüne im Norden vollmacht. Ein-Satz-Fazit zum SK Sigma lautet also: Geile Cancha, aber ’ne scheiß Barra!

Geht steil

Was sonst noch unbedingt geklärt werden musste:

  • Der SK Sigma wurde 1919 als FK Hejčín gegründet und trägt seit 1966 den Namen des hiesigen Pumpenherstellers Sigma.
  • Neben Pavel Hapal und Radek Látal haben noch weitere einst in Deutschland aktive Kicker eine Sigma-Vergangenheit. Beispielsweise Miroslav Baranek (ehemals 1.FC Köln), Martin Fabuš (KSC), David Rozehnal, Marek Heinz (beide HSV), Roman Hubnik (Hertha), Milan Kerbr (Fürth), Karel Rada (SGE) oder Radek Drulák (beim VfB Oldenburg eine Legende).
  • Die Ultra- bzw. eher die Hoolszene von Sigma pflegt ein Bündnis mit zwei weiteren „Giganten“. Auf den Acker geht es zusammen mit den Jungs vom 1.FC Slovácko aus Uherské Hradiště und denen des slowakischen Clubs MŠK Púchov. Außerdem gibt es Kontakte nach Polen zu GKS Jastrzębie (und damit auch zu deren Bündnispartner Piast Gliwice).
  • Der deutsche Name von Jablonec (nad Nisou) ist Gablonz an der Neiße. Die Stadt hat ca. 45.000 Einwohner und liegt im Norden des Landes (unweit der Grenzen zu Deutschland und Polen)
  • Der 1945 gegründete FK Jablonec wurde 1998 und 2013 tschechischer Pokalsieger.
  • Vereinslegende des FK Jablonec ist wahrscheinlich Milan Fukal (109 Bundesligaspiele für den Hamburger SV und Borussia Mönchengladbach). Fukal ist in Jablonec geboren, beim FK fußballerisch ausgebildet worden und spielte auch viele Jahre im Herrenbereich für seinen Heimatverein.
Streetart in Olomouc

Vom Stadion waren es nur wenige hundert Meter in die Altstadt und so konnte ich ab 16:30 Uhr noch etwas Sightseeing betreiben. Stadthistorisch gab es einige Parallelen zu den gestern und vorgestern besuchten mährischen Städten Jihlava (Iglau) und Brno (Brünn). Aber auch große Unterschiede. So geht Olomouc auf ein antikes römisches Heerlager aus dem 2.Jahrhundert zurück, während Brno und Jihlava wahrscheinlich ungefähr 1.000 Jahre jünger sind. Der Stadtname, tschechisch wie deutsch, hat sich aus dem alten römischen Namen Iuliomontium (zu deutsch: dem Julius ihm sein Berg) entwickelt. Wahrscheinlich verschluckte man erst ein paar Buchstaben zu Uliomont und dann wurde Olmütz daraus, bzw. für slawische Zungen Olomouc.

Romantische Altstadtgasse in Olomouc (und eingerüsteter Rathausturm im Hintergrund)

Die Slawen, deren Nachfahren spätestens seit 1945 hier wieder die Bevölkerungsstatistik domieren, kamen mutmaßlich im Rahmen der Völkerwanderung während des 6.Jahrhunderts nach Mähren und ließen sich auch auf dem Boden der heutigen Stadt Olomouc nieder. Im mittelalterlichen Mährischen Reich (9.Jahrhundert), welches ich im Nitra-Bericht bereits etwas beleuchtete, schien Olomouc so etwas wie die Hauptstadt gewesen zu sein. Zumindest die wichtigste Stadt im westlichen Teil des Reiches. Im Ostteil (heutige Slowakei) war es wohl eher Nitra.

Noch ’ne romantische Altstadtgasse

Ab dem frühen 11.Jahrhundert gehörte der Westteil des alten Mährerreiches, und somit auch Olomouc, zum Königreich Böhmen. Dass der böhmische Fürst Vratislav II. – ab 1085 als Vratislav I. erster König von Böhmen – anno 1063 das Bistum Olmütz gründete, dürfte auch für die bereits vorhandene Bedeutung der Stadt sprechen. Im Bischofspalast von Olomouc finden wir heute immer noch Spuren des romanischen Ursprungsbaus aus dem 12.Jahrhundert. Auch die Bischofskirche, der Wenzelsdom (Katedrála svatého Václava), stammt schon aus dem 12.Jahrhundert und war ursprünglich romanischer Gestalt. Diese erste Kathedrale fiel jedoch 1265 einem verheerenden Brand zum Opfer und wurde anschließlich im Stile der Gotik wiederaufgebaut. Als der Dom 1803 nochmal zu weiten Teilen einem Feuer zu Opfer fiel, bekam der Bau sein gegenwärtiges neogotisches Antlitz.

Michaeliskirche und das angeschlossene große Priesterseminar des Erzbistums

Dass die römisch-katholische Kirche hier mal richtig was zu melden hatte (1777 wurde das Bistum Olmütz vom Papst sogar zum Erzbistum erhoben), merkt man an den unzähligen Sakralbauten in der Altstadt. Normal will ich sie ja alle haben, erst recht wenn ich alleine unterwegs bin. Einem stolzen Spitznamen wie „Der Kathedralen-Don“, muss man schließlich kontinuierlich zur Ehre gereichen. Allerdings war es schon spät und ein Drittel der Kirchen war für Publikum geschlossen (z. B. die Barockkirche Maria Schnee). Ein weiteres Drittel wurde gerade renoviert (das Erzbistum scheint im Geld zu schwimmen oder die Fördertöpfe dieser Welt ließen sich all zu großzügig anzapfen). Das übrige Drittel gönnte ich mir natürlich noch (u. a. die spätgotische Kirche des Dominikanerklosters aus dem 15.Jahrhundert und die barocke Michaeliskirche aus dem 17.Jahrhundert). Doch bei nur noch zwei Stunden Tageslicht, musste eh zwangsläufig einiges Sehenswertes hinten runterfallen.

Die Dreifaltigkeitssäule

Nicht fehlen durfte heute natürlich der hiesige UNESCO-Welterbe-Ground. Dabei handelt es sich um die 1754 fertiggestellte barocke Dreifaltigkeitssäule (Pestsäule) auf dem Oberen Marktplatz. Es ist mit 35 Metern Höhe die größte Pestsäule der Welt und zugleich die größte Gruppierung von Barockstatuen im Rahmen einer Skulptur in Mitteleuropa. Besonders über den zweiten Fakt dachte ich noch lange nach. Wieso nur von Mitteleuropa? Wo wurden außerhalb Mitteleuropas massig Barockstatuen im Rahmen von Skulpturen gruppiert? Wer war der Barockstatuengruppierungsbabo? Sollte ich demnächst in Corona-Quarantäne kommen, werde ich die Zeit nutzen, um eine Liste der 96 weltweit größten Gruppierungen von Barockstatuen im Rahmen einer Skulptur zu erstellen. Dann wissen wir endlich, wo sich die Olmützer Dreifaltigkeitssäule in dieser Kategorie im globalen Vergleich einordnen kann.

Barockes Portal der Jesuitenirche Maria Schnee von 1722

Auf dem großzügig angelegten Oberen Marktplatz findet man außerdem das nicht minder großzügig dimensionierte Rathaus der Stadt. Es stammt aus dem 14.Jahrhundert und war wegen Renovierungsarbeiten komplett eingerüstet. Damit blieb mir auch die sehenswerte Astronomische Uhr an der Rathausfassade verborgen. Ist sie größer und schöner als das Prager Pendant? Diese essentielle Frage muss „Schneppe Tours“ auch ein andern Mal klären. Ansonsten besticht der Obere Marktplatz mit netten Bürgerhäusern und diversen Stadtpalais aus der Barockzeit.

Der Neptunbrunnen auf dem Unteren Marktplatz

Übrigens hat fast die gesamte Altstadt im 17.Jahrhundert und 18.Jahrhundert ein barockes „Facelifting“ bekommen. Neben der herausragenden Dreifaltigkeitssäule, findet man auf den städtischen Plätzen eine Vielzahl von barocken Brunnen. Ich glaube bei der Motivwahl wollten die Bildhauer den römischen Ursprung der Stadt würdigen. Jedenfalls gibt es u. a. einen Cäsarbrunnen, einen Neptunbrunnen, einen Merkurbrunnen und einen Jupiterbrunnen. Auch eine zweite, etwas bescheidenere Pestsäule (die Mariensäule) kann man in der Altstadt entdecken (auf dem Unteren Marktplatz, der ebenfalls stattliche Ausmaße hat). Da diese Säule älter als die Dreifaltigkeitssäule ist, vermute ich, dass Gott nicht zufrieden mit der Mariensäule war und deshalb noch mal den Pesterreger auf Olmütz losließ. Die klugen Gläubigen werden dadurch erkannt haben, dass es vielleicht doch auf die Größe ankommt und die Stadt mit der längsten Säule auch am höchsten in Gottes Gunst stehen dürfte.

Die Mariensäule

Da seit der Fertigstellung der Dreifaltigkeitssäule keine Pestepidemie in Olmütz mehr überliefert ist, haben sie wohl alles richtig gemacht. Wie wäre es eigentlich mit einem Crowdfunding für eine Coronasäule? Die würde sich gut auf dem Marktplatz meiner Heimatstadt machen, wenn die aktuelle Pandemie durchgestanden ist. Allerdings sollten wir die Figuren – ich denke da an Donald Trump, Jair Bolsonaro, Boris Johnson, den Orbán Viktor, Karl-Heinz Rummenigge & Dietmar Hopp, ein paar namenlose Marktfrauen aus Wuhan u. v. m. – an der Säule mit mindestens 1,5 Meter Abstand zueinander gruppieren. Das hätte Symbolcharakter.

Barockbebauung soweit das Auge reicht

Die Barockisierung der städtischen Bausubstanz passierte natürlich nicht nur aus einer Melange von Langeweile und zu viel Zaster. Im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) hatten die protestantischen Schweden der Katholikenhochburg übel zugesetzt. Die Angriffswellen der surströmminggestählten Skandinavier waren 1640 von Erfolg gekrönt und stolze acht Jahre blieb Olmütz von ihnen besetzt. Nach der Rückeroberung durch die Habsburger – seit 1527 waren Böhmen und Mähren bereits habsburgisch – war nicht mehr viel von der mittelalterlichen Stadt übrig. Ich möchte natürlich nicht das Leid der Menschen vor rund 400 Jahren relativieren und für Leser, die im Dreißigjährigen Krieg Vorfahren verloren haben, mag das jetzt vielleicht zynisch klingen, aber schick ist die Stadt danach ja schon geworden…

Palais Hauenschild (hier nächtigte W. A. Mozart bei seinem Stadtbesuch 1767)

Im 18.Jahrhundert marschierten auch nochmal die Preußen im Rahmen des Ersten Schlesischen Krieges (1740 – 1742) in Olmütz ein. Das veranlasste Maria Theresia – seinerzeit Kaiserin des Habsburgerreiches und zugleich die erste Frau auf dem Thron (Prakmatische Sanktion, Österreichische Erbfolgekriege… wir erinnern uns) – die Stadt nach Kriegsende nochmal neu und zeitgemäß zu befestigen. Das war ein Erfolgsprojekt, denn als die Preußen 1758 nochmal vor den Toren der Stadt standen (im Rahmen des Siebenjährigen Krieges), bissen sich die Belagerer an den Verteidigern sieben Wochen lang die Zähne aus. Diesmal fiel Olmütz nicht. Ein Teil der Festungsanlagen steht noch heute und ist einen Blick wert.

Der beste Freund des Menschen (so von den maritimen Kandidaten jedenfalls)

Als 1848 die Revolution wie ein Flächenbrand im Habsburgerreich tobte, floh der kaiserliche Hof zeitweilig von Wien nach Olmütz (was auch nochmal für den Festungscharakter der Stadt spricht). Deshalb wurde der damals 18jährige Franz Joseph im Dezember 1848 auch nicht in Wien, sondern in Olmütz zum Nachfolger seines überforderten Onkels Kaiser Ferdinand I. ernannt. Kaiser Franz Joseph I. regierte den Vielvölkerstaat schließlich bis zu seinem Tode 1916 und führte das Reich damit auch in den alles verändernden Ersten Weltkrieg (1914 – 1918).

Blick zum neogotischen Wenzelsdom (19.Jahrhundert)

Das Habsburgerreich (Österreich-Ungarn) ging unter und Mähren mitsamt Olmütz kam 1918 zum neugebildeten Staat der Tschechen und Slowaken (Tschechoslowakei). Diese politische Zäsur beendete auch schrittweise die jahrhundertelange deutsche Dominanz in Olmütz (fortan offiziell Olomouc). So lebten im Jahr 1900 noch 13.982 Deutsche und „nur“ 6.798 Tschechen in der Stadt. Doch nach dem Ersten Weltkrieg verschob sich das Verhältnis durch deutsche Abwanderung und tschechischen Zuzug zugunsten letztgenannter Ethnie. Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945), ergo nach der Okkupation durch das Deutsche Reich, wurden schließlich die verbliebenen Deutschen fast vollständig von den Tschechen vertrieben. Ihr kennt die Hintergründe aus der Schule, aus TV-Dokumentationen mit hohem Anteil von Filmmaterial in schwarz-weiß oder aus vielen anderen Berichten von „Schneppe Tours“. Ich kann jetzt ja auch nicht in jedem Reisebericht aus der Tschechischen Republik das Gleiche schreiben.

Hauptbahnhof mit sozialistischem Sgraffito von 1960

Auch die vier realsozialistischen Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg und das große Comeback des Kapitalismus seit den frühen 1990er Jahren überspringen wir jetzt mal. Warum? Weil ich Hunger hatte! Deshalb ging es um 19 Uhr in das altstädtische Restaurant „U Mořice“. War gut besucht und die wenigen freien Tische hatten alle eine Reservierung vermerkt. Würde ich nur eine Stunde bleiben wollen, könnte ich aber einen der ab 20 Uhr reservierten Tische haben, wurde mir offeriert. Ein Angebot, dass ich nicht ablehnen konnte.

Knoblauchsuppe ❤

Nun saß ich gemütlich und beschloss wie an den beiden Vortagen eine mährische Dreifaltigkeit zu verzehren. Die besteht, das lege ich als Erfinder jetzt einfach mal so fest, aus einer deftigen Suppe, einem fleischigen Hauptgang mit Sättigungsbeilagen und einem Krug Bier. Es gab zunächst eine Knoblauchsuppe. Sehr aromatisch und schön mit Ei-Einlage und gerösteten Brotwürfeln anbei. Dazu einen Krug Schwarzbier vom Faß. Als Hauptgang gönnte ich mir anschließend „Moravsky vrabec“. Ließ sich als „Mährischer Spatz“ übersetzen, handelte sich aber nicht um Geflügel, sondern um zartes Schweinefleisch mit Spinat, Kartoffelknödelscheiben und gerösteten Zwiebeln. Ich gebe zu, von den Knödelscheiben blieb ein bisschen was übrig. Die waren einfach zu massiv.

Der „Mährische Spatz“

Am Ende ließ ich mit 300 CZK ca. 120% der Rechnungssumme im Restaurant liegen (die Kellnerin war halt einfach kompetent) und zog pappsatt wieder Richtung Hotel. Mein dortiges Bett war auch eher nichts für mehrere Nächte, aber natürlich deutlich bequemer als die Pritsche in der Nacht zuvor im Atomschutzbunker von Brno.

Am Sonntag klingelte der Wecker schon um 5:30 Uhr. Das soll Urlaub sein, werdet ihr euch vielleicht (wie schon so oft) fragen. Nein, soll es nicht sein! Denn ich brauche keinen Urlaub und mache auch keinen Urlaub. Vielleicht später als Rentner, aber solange mein Körper noch Spitzenleistungen bringen kann (ich bin der Michael Rummenigge des Reisens), brauche ich Ausschlafen oder Erholung nicht. Hier und da mal ein Tag Wellness und Relaxen nach besonders langen Nächten, okay, aber ansonsten Action, Action und nochmal Action. Wie sagte ein weiser Barkeeper 2016 in Istanbul doch gleich? „Life is too short!“

Guten Morgen, sie ruhige Stadt

Da um 7:16 Uhr mein Zug gen Prag rollen sollte, verließ ich gegen 6 Uhr den Plattenbau am Stadion in Richtung Hauptbahnhof. Zwar hätte ’ne halbe Stunde später los auch locker für die 3km Entfernung gereicht, aber ich liebe bekanntlich Städte im Morgengrauen. Daher wollte ich nochmal etwas ausgedehnter durch die nahezu völlig verwaiste Altstadt spazieren. Am Ende musste ich natürlich noch die Beine in die Hand nehmen, weil ich zu viel getrödelt hatte. Auch das gehört regelmäßig zum guten Ton bei „Schneppe Tours“, wie viele meiner bisherigen Reisebegleiter sicher bestätigen können. Trotzdem verpasse ich (fast) nie Züge oder Flüge und saß auch diesmal pünktlich im InterCity. Jetzt wartete mit dem Prager Derby noch der krönende Abschluss meiner mitteleuropäischen Schienenkreuzfahrt auf mich.