Potsdam-Babelsberg 10/2021

  • 22.10.2021
  • SV Babelsberg 03 – FC Lokomotive Leipzig 1:1
  • Regionalliga Nordost (IV)
  • Karl-Liebknecht-Stadion (Att: 3.030)

Vom 22. bis 24.Oktober herrschte gähnende Leere in meinem Terminkalender. Da kam mir ein Fußballwochenende in Berlin und Umgebung in den Sinn. Auch wenn sich der Spitzenfußball in Deutschlands Kapitale nicht so konzentriert wie beispielsweise in London, Moskau oder Istanbul, gibt es trotzdem jedes Wochenende jede Menge Balltreterei. Mit einer großen Auswahl an interessanten Stadien und Traditionsclubs. Da wir über die Berliner Vielfalt an Kultur und Kulinarik auch nicht diskutieren müssen, sprach also nichts gegen einen Kurztrip in die Hauptstadt der Bundesrepublik.

Was man nicht in der DB App lesen will…

Obendrein ist Berlin fast immer günstig aus Richtung Hannover zu erreichen. Auch dieses Mal gab es mit 10 Tagen Vorlauf noch Tickets für zusammen 41,80€. Es sollte Freitagmittag gleich nach Feierabend losgehen, nur leider war der gebuchte Fernverkehrszug (ICE 849/859 um 14:31 Uhr) am hannoverschen Hauptbahnhof mit einer Stunde Verspätung angezeigt. Dazu in der DB App die Hinweise „Reparatur am Zug“ (am Ende fällt er noch ganz aus) und „Außergewöhnlich hohe Auslastung“ (ich war natürlich zu geizig für eine kostenpflichtige Platzreservierung). Da nun die Zugbindung meines Tickets aufgehoben war, fuhr ich lieber mit einem minimal früheren ICE in Richtung Leipzig und wollte in BS nach Berlin umsteigen. Mein Folgezug sollte an diesem unfassbar hässlichen ostniedersächsischen Bahnhof um 15:01 Uhr abfahren, hatte aber mittlerweile auch 50 Minuten Verspätung aufgrund einer Signalstörung.

Am Berliner U-Bahnhof Siemensdamm gibt es Szenen aus der Firmengeschichte

Letztlich war ich 17:07 Uhr in Spandau und 20 Minuten später checkte ich im “Mercure Hotel Berlin City West” (****) in der Siemensstadt ein (direkt an der U-Bahn-Station Siemensdamm). 99€ für zwei Nächte offerierte die Accor-Gruppe den Mitgliedern ihres Treueprogramms. Das entsprach einem Nachlass von 40€ gegenüber des Normalpreises im Buchungszeitraum und weil auf den üblichen Hotelportalen halbwegs zentrale Mittelklassehotels auch mindestens 50€ pro Nacht verlangten, schlug ich zu. Lediglich die im Hotel noch fällige fünfprozentige Tourismusabgabe hatte ich überlesen, so dass ich letzten Endes mit knapp 104€ für die beiden Übernachtungen belastet wurde.

Mein Zimmer für zwei Nächte

Nachdem dem Check-In ging es gleich weiter nach Potsdam-Babelsberg. Denn der erste Leckerbissen meines fußballerischen Fünf-Gänge-Menüs an diesem Wochenende hieß SV Babelsberg 03 vs. 1.FC Lokomotive Leipzig. Dieses Hors-d’œuvre hatte durch divergierende Weltanschauungen in den Fanlagern – ohne jetzt beiden Szenen jegliche Heterogenität absprechen zu wollen – eine gewisse politische Würze. Also wurde sich im Vorfeld um ein Ticket bemüht (12€ für’n Sitzplatz auf der Haupttribüne) und um 18:20 Uhr erreichte ich den Potsdamer Stadtteil Babelsberg. Es ging nun im strömenden Regen zu Fuß die 900 Meter zum Karl-Liebknecht-Stadion. Dabei waren alle Querstraßen, die Richtung Gästebereich von der Karl-Liebknecht-Straße abzweigten, hermetisch von der Polizei abgeriegelt.

S-Bahnhof Babelsberg

Ich erreichte ich eine halbe Stunde vor Anstoß die Spielstätte und reihte mich in eine lange Schlange ein. Am Eingang wurde neben meiner Eintrittskarte auch der Impfnachweis überprüft. Die obligatorische Erfassung meiner persönlichen Daten war sowohl mit dem sinnlosen Millionengrab namens Luca App, als auch mit der sinnvollen Corona-Warn-App möglich. Ich registrierte mich also per CWA und nahm 10 Minuten vor Spielbeginn meinen Platz ein. Dieser befand sich am Rande der Haupttribüne und bot beste Sicht auf die Fanblöcke.

Willkommen im Karl-Liebknecht-Stadion

Etwa 300 bis 350 Fans des 1.FC Lok bevölkerten den Gästeblock, während die ungefähr 2.700 Fans auf den anderen drei Tribünen natürlich fast ausnahmslos dem SV Babelsburg 03 die Daumen drückten. Mit 3.030 zahlenden Zuschauern war das Spiel auf jeden Fall offiziell ausverkauft. Normalerweise passen über 10.000 Menschen auf die Ränge des Karl-Liebknecht-Stadions, aber die gegenwärtige Pandemie zwang den Veranstalter nicht nur zur Anwendung der 3G-Regel (nur Geimpfte, Genesene oder frisch Getestete durften hinein), sondern auch zu einer erheblichen Reduzierung der Kapazität.

Lokisten wollen auf den Rasen

Nichtsdestotrotz „drohte“ ein stimmungs- und ereignisreicher Fußballabend. Während die Lokisten kurz vor Spielbeginn mit ein paar Nasen zwecks Zaunbeflaggung in den Innenraum durften, sah eine Schar gewaltbereiter Leipziger im kurzzeitig geöffneten Tor ’ne günstige Gelegenheit. Sie probierten auf den Platz zu gelangen und von dort sollte es natürlich weiter zum Fanblock von „Filmstadt Inferno“ & Co auf der Gegengerade gehen. Auch kletterten schon ein paar vermummte Babelsberger über ihren Zaun, während unterdessen andere Heimfans die Beflaggung sicherheitshalber einholten. Erinnerte an die Szenen eines vorherigen Aufeinandertreffens im August 2013, als die Leipziger erfolgreich den Pufferblock stürmten und sich am Trennzaun einen Schlagabtausch mit den Babelsbergern lieferten (die entsprechenden Videoaufnahmen schwirren natürlich weiterhin im Netz rum). Obwohl die Ordner große Mühe hatten die Hooligans zurückzudrängen, kam es dieses Mal jedoch nicht zum direkten Kontakt. Irgendwann war das Fluchttor wieder erfolgreich verschlossen.

Auch auf der Gegenrade wird es unruhig

Dann rollte der Ball und das Spiel war keine fünf Minuten alt, als die Gästefans eine kleine Blockfahne mit ihrem Vereinslogo über den Köpfen entrollten. Darunter wurden ein paar Jäckchen getauscht (oder gesinnungsuntypisch auf „links“ gedreht) und Sturmhauben aufgesetzt. Als die Fahne wieder eingerollt war, dürfte jedem klar gewesen sein, was der nächste Akt werden sollte. Die Fanszene von Lok fackelte nun ordentlich rum und der Stadionsprecher schimpfte pflichtschuldig im brandenburgischen Idiom. Aufgrund der Rauchentwicklung war das Spiel kurzzeitig unterbrochen, aber anschließend bekam der Ballsport tatsächlich etwas Raum zum Entfalten.

Hm, was passiert wohl unter der kleinen Blockfahne?

Während die Fanlager verbal Nettigkeiten austauschten, gehörte die Anfangsphase auf dem Rasen den Babelsberger Kickern. Ihre Feldvorteile führten in der 23.Minute schließlich zu einem Foulelfmeter. Der Leipziger Mehmedovic hatte den Babelsberger Müller zu Fall gebracht. Daniel Frahn verwandelte den fälligen Strafstoß im Stile eines Antonín Panenka (oder Jan Schlaudraff) per Lupfer in die Tormitte. Ausgerechnet Frahn! Es geht bei diesem Spiel wohl einfach nicht unpolitisch. Denn Frahn wurde während seines Engagements beim Chemnitzer FC (2016 bis 2019) eine Nähe zu rechtsextremen Fans nachgesagt. Nachdem mit Tommy Haller ein führender Kopf der Hooligangruppe „HooNaRa“ (Akronym für Hooligans, Nazis und Rassisten) im März 2019 verstarb, schoß Frahn im kommenden Heimspiel ein Tor und präsentierte beim anschließenden Jubel ein Shirt mit der Aufschrift „Support Your Local Hools“. Das ganze Spiel hatte damals den Rahmen einer inoffiziellen Stadiontrauerfeier für Haller und sorgte für bundesweite Schlagzeilen.

Damit konnte keiner rechnen

Doch nach Frahns obligatorischer Distanzierung von der rechtsextremen Szene und deren menschenverachtender Ideologie, pflegte er weiterhin ziemlich sorglosen Umgang mit Personen und Gruppen, die in Chemnitz als Schnittstelle zwischen Fanszene und Neonazi-Strukturen gelten. Er trug u. a. öffentlich ein Shirt der als rechtsextrem geltenden Fangruppe „Kaotic“ und fuhr im August 2019 als verletzter Spieler mit Mitgliedern der Gruppe zu einem CFC-Auswärtsspiel in Halle. Der Chemnitzer FC kündigte Frahn anschließend fristlos wegen dessen Nähe zu im Vereinsumfeld unerwünschten Gruppen / Personen, unterlag jedoch wenig überraschend vor’m Arbeitsgericht. Am Ende löste man einvernehmlich den Vertrag auf und der finanziell abgefundene Frahn heuerte im Februar 2020 ausgerechnet beim SV Babelsberg 03 an.

Zaungäste

Zum einen war der gebürtige Potsdamer Frahn bereits zwischen 2007 und 2010 der Toptorjäger bei Nulldrei (45 Tore in 87 Spielen), zum anderen spielt er nun wieder für einen Club mit dezidiert antifaschistischer Fanszene. Entsprechend geteilt war das Echo der Fans auf die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Irgendwo zwischen „Geht gar nicht“ und „Jeder hat eine zweite Chance verdient“. Bevor die Corona-Zwangspause sicher ihren Teil dazu beitrug die Kontroverse erstmal auf Eis zu legen, stellte sich Frahn natürlich auch der Diskussion. Im Fan- und Mediendialog präsentierte er sich als naiver, politisch unbedarfter Fußballer, der sich jetzt aber ganz entschieden von Rechtsextremismus distanzieren möchte und gelobt in Zukunft wachsamer beim Ausleben seiner Fannähe zu sein. Na ja, zumindest in Babelsberg wird er sich wohl nicht mehr aus Versehen mit Nazis aus der Fankurve solidarisieren oder anfreunden können.

Die Gegengerade im „Karli“ a.k.a. Nordkurve (gab dort heute auf Tapete u. a. „Free All Antifas“, Geburtstagsgrüße ans Babelsberger Fanprojekt und ideelle Unterstützung für St. Pauli)

Übrigens passen die verschiedenen Strömungen des linken Spektrums historisch gesehen ganz gut in die Babelsberger Fankurve. Nicht nur, weil das Stadion passenderweise nach Karl Liebknecht benannt ist (1919 ermorderter deutscher Sozialist, Revolutionär und KPD-Mitgründer). Babelsberg war schon immer eher politisch links geprägt. Als „Rotes Nowawes“ war es im frühen 20.Jahrhundert verschrien. Nowawes? So hieß das heutige Babelsberg fast 200 Jahre. Das geht zurück auf den tschechischen Begriff „Nová Ves“ (Neues Dorf) und daraus wurde etwas eingedeutscht Nowawes. Denn 1751 ließ König Friedrich II. von Preußen (Friedrich der Große) protestantische Weberfamilien (Glaubensflüchtlinge) aus Böhmen vor den Toren Potsdams ansiedeln. „Refugees Welcome“ ist also regelrecht der Gründungsmythos der einst selbstständigen Stadt Babelsberg.

Haupttribüne des „Karli“

Zwischen 1850 und 1900 entwickelte sich aus dem Weberdorf ein Industriestandort mit zahlreichen großen Textilfabriken. Um 1900 kam obendrein noch Schwerindustrie hinzu und seit 1912 existieren die berühmten Filmstudios (das älteste Großatelier-Filmstudio der Welt, welches sich zum größten Filmstudio Europas entwickelte). Durch den Zuzug der benötigten Arbeitskräfte wuchs Nowawes rasant. Als man 1924 das Stadtrecht erhielt, zählte man bereits rund 25.000 Einwohner. Aufgrund seiner sozialen Struktur war Nowawes eine Hochburg der Arbeiterbewegung und die SPD, sowie später auch die KPD, waren dort traditionell stark. Während der NS-Diktatur ab 1933 war den Nazis das „Rote Nowawes“ ein Dorn im Auge und 1938 wurde Nowawes mit der nahen Villenkolonie Neubabelsberg zur Stadt Babelsberg vereinigt (was auch den slawischen Ortsnamen tilgte). Zu dieser Zeit wurde der Sportverein Nowawes 03 in SV Babelsberg 03 umbenannt (deren Ursprungsverein ist der 1903 gegründete Sport-Club Jugendkraft, der wiederum 1919 mit dem Fußball-Club Fortuna 05 zum SV Nowawes 03 fusionierte), ehe man 1945 wie jeder deutsche Verein im Rahmen der Entnazifizierung vom alliierten Kontrollrat aufgelöst wurde.

Der zweite Fanblock der Babelsberger Szene (2018 gab es interne Streitereien, bei denen zunächst „FI99“ für mehrere Monate die Nordkurve verließ, letztlich aber die „Underdogs“ zum dauerhaften Blockwechsel bewegt wurden. Seit März 2019 steht „FI99“ wieder auf der Nord und die „Underdogs“ auf der Ost)

In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) übernahm ab 1949 die BSG Motor Babelsberg das Erbe der Nulldreier. Dieser Club pendelte lange zwischen drittklassiger Bezirksliga und zweitklassiger DDR-Liga. Erst ab 1981 etablierte sich die BSG Motor langfristig in der zweithöchsten Spielklasse. 1982 und 1984 verpasste man jeweils als Vizemeister nur knapp den Aufstieg in die DDR-Oberliga. Nach der Wende firmierten die Motor-Fußballer wieder als SV Babelsberg 03. Nachdem man im wiedervereinigten Deutschland zunächst auf Bezirksebene einsortiert wurde, glückten in kurzer Zeit mehrere Aufstiege. 1997 gelang der Sprung in die damals drittklassige Regionalliga Nordost und in der Saison 2001/02 gaben die Babelsberger sogar ein kurzes Gastspiel in der 2.Bundesliga.

Filming in the Rain

Einer der Babelsberger Aufstiegshelden war Lok Leipzigs aktueller Trainer Almedin Čiva, der nach der Spielerkarriere zunächst von 2013 bis 2019 Cheftrainer des SV Babelsberg 03 war und erst letztes Jahr den 1.FC Lok übernahm. Für den Coach der Gäste war das heute also ein ganz besonderes Spiel. Genau wie für die vier ehemaligen Nulldreier Mike Eglseder, Farid Abderrahmane, Bogdan Rangelov und Tom Nattermann, die Čiva nach Leipzig lotste. Ausgerechnet Eglseder gelang in der 45.Minute auch noch der Ausgleich gegen seinen Ex-Verein, wodurch es mit 1:1 in die Pause ging.

Das Karl-Liebknecht-Stadion wurde 1976 eröffnet und fasst heute offiziell 10.787 Zuschauer

Während der Halbzeitpause servierte der Stadion-DJ einen bunten Mix von „Toto“ („Africa“) bis zur „Moscow Death Brigade“ („Brother and Sisterhood“). Für mich als Kind des Italo Pops (und Freund italienischer Fankurvenklassiker) war allerdings „Sarà perché ti amo“ von „Ricchi e Poveri“ der musikalische Höhepunkt der planmäßigen Spielunterbrechung. Da ertappte ich mich doch glatt beim Mitsingen und bekam Lust auf die nächste Italienreise. Wird mal wieder Zeit den Stiefel zu bereisen…

Schalparade der Lokisten

Dann rollte der Ball wieder und die Fanlager übten sich etwas in Zurückhaltung. Vorerst keine neuerlichen Angriffsversuche und keine weiteren Pyro-Exzesse. Weil in den zweiten 45 Minuten auf dem Platz ebenfalls nicht mehr ganz so viel los war, wärmte ich mich gedanklich mit alten Lagerfeuergeschichten auf. So erinnerte ich mich an das erste Aufeinandertreffen von Hannover 96 und Babelsberg 03. Vor fast genau 20 Jahren wurde der Zweitliganeuling im Niedersachsenstadion mit 6:1 abgefiedelt. Die Torschützen für 96 hießen seinerzeit Jan Šimák (zweifach), Steven Cherundolo, Jiří Kaufman, Nebojsa Krupniković und Babacar N’Diaye. Den Babelsberger Ehrentreffer besorgte mit Vladan Milovanović nebenbei eine weitere Legende aus 96-Sicht. Almedin Čiva stand damals übrigens auch für Nulldrei auf dem Platz…

Mehr Dialog wagen

Ich hatte die Babelsberger aber sogar schon bei ihrem Zweitligaauftaktspiel in Bielefeld am 28.07.2001 erstmals live erlebt. Bin schön mit dem Schülerferienticket hin und gemäß damals weit verbreiteter Unsitte stand ich im Gästeblock. Seinerzeit wirkte die kleine Fanszene noch nicht so politisiert und ein paar Typen mit mutmaßlich rechter Gesinnung standen als Randfiguren mit im Block. Aber die waren vielleicht kurzfristig vom Erfolg angezogen worden und fassten nicht so recht Fuß. Denn spätestens ab Mitte der 2000er Jahre waren “Filmstadt Inferno” & Umfeld fest in szeneübergreifende antirassistische Strukturen eingebunden und in der Kurve gab es keine Toleranz mehr für Intoleranz. Nicht ohne Grund sprachen die Gegner bald spöttisch vom “Filzhaar Inferno”.

Wenigstens die Bomberjacken lassen sich auf links drehen

Den 1.FC Lokomotive, respektive den VfB Leipzig, habe ich natürlich auch schon ein paar Mal gesehen. Unvergessen dabei mein erstes Leipziger Derby im Jahre 2002. Es fand in Leutzsch statt und im Gästeblock wurden Spruchbänder wie „Rudolf Heß – bei LOK rechtsaußen“ oder „Wir sind Lokisten – Mörder und Faschisten“ entrollt. Seitdem hat die Szene bei mir natürlich den Faschostempel und im Prinzip 20 Jahre nichts dafür getan, um den wieder loszuwerden. Da sehe ich auch ehrlich gesagt gar kein Potential, dass sich die poltische Ausrichtung der Kurve nochmal ändert. Neben den gefestigten Strukturen, trägt dazu wahrscheinlich auch die spezifische Leipziger Fußballlandschaft bei. Für den erfolgsorientierten Mainstream gibt es RB und für alternative, antifaschistische Fußballfreunde die BSG Chemie (oder gar Roter Stern Leipzig).

Die Gästefans feiern ihren Punktgewinn und ihre Erfolgsserie

Aus meinem Schwelgen in Erinnerungen riß mich letztlich ein bekanntes Gesicht. Der thematisch noch sehr eingeengte hannoversche Lyriker Monti vom musikalischen Erfolgsduo „Fritz & Monti“ (bekannt aus YouTube, Spotify und der BILD) tippte mir auf die Schulter. Vielleicht rappt er demnächst mal über’s Groundhoppen anstatt Drogenkonsum und Prostition? Denn am Vortag war er sogar bei dem Sinnloskick FK Jablonec gegen Randers FC in Jablonec nad Nisou (Gablonz an der Neiße). Das klingt schon tief nach Hoppersumpf und preisreduzierten Frischeiwaffeln anstatt kolumbianischen Kokaspezialitäten. Er schob die Urheberschaft jedoch auf seine zwei jungen Begleiter namens Kurstadt-Hopper und Hans Dampf. Ihres Zeichens eigentlich Eishockeyfans der Scorpions, aber trotzdem Fußballgroundhopper mit eigenem Podcast (klingt wild, oder?).

Die Lokomotive dampft nach Spielende nochmal ordentlich

Nach 90 Minuten stand ein sportlich gerechtes 1:1 auf der Anzeigetafel und Lok bleibt damit im neunten Spiel in Folge ohne Niederlage. Unter dem großen „1.FC Lokomotive Leipzig“-Banner tauchte nun passenderweise der Schriftzug „Unschlagbar“ auf. Da auch die kleine Blockfahne mit dem Vereinswappen wieder ausgerollt wurde, dauerte es nicht lange bis erneut Sturmmaskenmenschen mit Leuchtstäben zu sehen waren. Die Leipziger setzen nochmal ordentlich gesundheitsschädliche Dämpfe frei und hatten anschließlich abermals Bock ihren Block auf unorthodoxe Weise zu verlassen. Aber der Ordnungsdienst stemmte sich mit Mann und Maus gegen das Fluchttor. Die Polizei stand erstmal nur am Rand, aber irgendwann fasste sich der Einsatzleiter ein Herz und ließ seine Hundertschaften aufmarschieren.

Die Polizei marschiert auf

Spätestens jetzt war ein Durchbruch zur Gegengerade aussichtslos und die Leipziger warfen aus ihrem „Käfig“ lediglich noch ein paar Gegenstände. Dann prüfte der Mob, ob man sich den Weg zur Haupttribüne freikämpfen kann. Aber dieses Unterfangen war ebenfalls nicht von Erfolg gekrönt. Nichtsdestotrotz können sich die Lokisten am Ende als Sieger in diesem Katz- und Maus-Spiel fühlen. Denn während Ordner und Polizei den Block umzingelt hatten, war der Imbissstand im Gästeblock ihnen schutzlos ausgeliefert. Um jeweils einen großen Senf- und Ketchupspender reicher, zogen die Bomberjackenträger langsam Richtung Fanbusse ab. Ob und was die Lokisten dann noch auf dem Parkplatz gemacht haben und ob der Babelsberger Mob außerhalb des Stadions versucht hat „Faschos zu boxen“, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis. Ich hörte bei meinem Abmarsch noch ein bißchen „Hektik“ und Böller, aber ich denke die Polizei hatte mit ihrer personellen Überzahl, physischen Absperrungen, Wasserwerfern und tierischer Unterstützung alles halbwegs im Griff.

Abbau der Absperrungen

Ich schlich ein wenig durch das nächtliche Babelsberg und hatte nun auch das Auge für die besondere Architektur des Ortes. Gerade zwischen Stadion und S-Bahnhof dominieren immer noch die eingeschossigen Kolonistenhäuser mit ihren bunten Holzfensterläden aus dem 18.Jahrhundert. In einem dieser Häuschen war auch das Traditionslokal „Otto Hiemke“ untergebracht. Leider waren alle Tische belegt, aber wenigtens lehrte mich eine Tafel an der Fassade, dass hier 1919 der KPD-Ortsverband Nowawes und 1924 der Ortsverband des RFB (Roter Frontkämpferbund) gegründet wurden. Da sind wir also wieder beim „Roten Nowawes“…

Pilzpfanne im Unicat

Mein ersehntes Abendessen bekam ich dann wenig später im Restaurant „Unicat“ in der Karl-Liebknecht-Straße serviert. Ich entschied mich für eine Pilzpfanne mit Schweinerückensteaks und Bratkartoffeln. Dazu das mir bisher unbekannte Bier „Bergisch Löwen“. Das Brauerzeugnis war jetzt nicht so der Knaller, aber das Gericht sehr lecker. Die Steaks waren superzart und die Bratkoffeln wunderbar kross. Nur die Sauce war ein bißchen zu ölig, aber das lag wohl an der Vermengung mit den Bratkartoffeln. Zufrieden stieg ich um 22:44 Uhr in eine S-Bahn gen Berlin und lag 45 Minuten später im Hotelbett. Gelungener Auftakt des Wochenendes und tatsächlich schon über 2.500 Wörter niedergeschrieben. Dann splitten wir den Babelsberg-Berlin-Bericht lieber mal in zwei Teile…

Song of the Tour: Die Steilvorlage konnte ich natürlich nicht liegen lassen…