Quedlinburg 10/2020

17.10.2020
Quedlinburger SV – SV Darlingerode/Drübeck 3:3
Landesklasse Sachsen-Anhalt Staffel 3 (VIII)
Guts-Muths-Stadion (Att: 71)

Mitte Oktober 2020; die Bundesrepublik Deutschland befindet sich immer noch im Würgegriff einer Pandemie. Vielerorts steigen die Zahlen der Infizierten wieder deutlich. Verschärfungen statt Lockerungen scheinen das politische Gebot der Stunde. Die Krisenkanzlerin und die Landesfürsten und -fürstinnen ringen um eine gemeinsame Linie. Zwischenzeitlich zurückerlangte Freiheiten, wie sich in den Nachtstunden öffentlich zu betrinken oder einer Sportveranstaltung als Zuschauer beizuwohnen, stehen abermals auf der Kippe. Zumindest wenn gewisse Grenzwerte überschritten werden.

Warum nicht immer so?

Werte, von denen mein Nachbarbundesland Sachsen-Anhalt derzeit noch weit entfernt ist. Bleibt das so, werde ich noch richtiger Fan dieses von mir bisher so verschmähten teilsouveränen Gliedstaates der Bundesrepublik. Eine der absoluten Perlen im Landstrich zwischen Niedersachsen und Brandenburg ist definitiv Quedlinburg. Ich war zwar schon zweimal dort (einmal privat, einmal mit der Uni), aber das ist schon lange her und außerdem ging das seinerzeit wenig überraschend ohne Fußballbesuch über die Bühne. Auch gab es damals noch nicht die Stempeljagd um die „Harzer Wandernadel”. Deshalb beschloss ich zunächst nach Thale zu fahren und mich von dort über drei Stempelstellen zu Fuß nach Quedlinburg zu begeben.

Willkommen in Blankenburg

Hildesheim – Thale hätte mich auf dem schnellsten Schienenwege (nur Nahverkehr via Goslar und Halberstadt) 23,10€ gekostet. Also beschloss ich in den sauren Apfel zu beißen und über Braunschweig und Magdeburg zu reisen (dank IC-Teilstück exakt 10€ günstiger). Durch kurzfristige Streckensperrungen kam aber doch alles anders und ich fuhr mit Umstiegen in Goslar, Wernigerode und Blankenburg per Bahn und Bus nach Thale. In Blankenburg hatte ich außerdem eine gute Stunde Aufenthalt.

Morgenspaziergang an der Teufelsmauer

Tja, man hätte vielleicht etwas frühstücken können. Oder man guckt fix welche Stempelstelle sich in der Nähe aufdrängt. Denn Blankenburg hat nicht wenige davon (sieben Stück habe ich rund um den Ort auf der Karte erspäht). Den Zuschlag bekam der Großvaterfelsen am westlichen Ende der Teufelsmauer. Wenn in absehbarer Zeit die schon lange geplante “Schneppe Tour” nach Blankenburg ansteht (soll natürlich mit einem schönen Heimspiel des Blankenburger FV einhergehen), kann ich diese Stempelstelle also schon mal ignorieren.

Den Großvater hab ich nicht bestiegen

Der Großvaterfelsen (317m ü. NN) ist vom Stadtzentrum aus relativ schnell erreicht und bildet zusammen mit dem Nachbarfelsen „Großmutter“ den westlichen Abschluss der Teufelsmauer. Er ist eines der Wahrzeichen Blankenburgs und kann über Felsstufen und Eisentreppen bestiegen werden. Auf dem Gipfel hat man wahrscheinlich eine wunderschöne Aussicht auf Blankenburg. Allerdings fehlte mir auf den heute sehr glitschigen Felsen die nötige Trittsicherheit, so dass ich meinen Besteigungsversuch wieder abbrach. Der Stempelkasten befindet sich zum Glück schon am Fuße des Felsens, so dass der “Ground” trotzdem zählt (definitiv kein Fall für das Harzer Wandertribunal).

Sankt-Petri-Kirche von 1908 in Thale

9:30 Uhr verließ ich Blankenburg mit einem Regionalbus und knapp 30 Minuten später erreichte ich endlich Thale. Dort steuerte ich schnurstracks die bewaldeten Berghänge des Harzes an, um meinen Zeitplan nicht noch weiter zu gefährden. Das erste Ziel war Stempelstelle Nr. 73, der so genannte Glockenstein. Dabei wurde ich ordentlich durchnässt. Das heute konstant regnerische Wetter war natürlich nicht bestellt, aber der Wald und die besuchten Orte hatten an einem diesigen Herbsttag auch ihren Charme. Außerdem braucht der Harz unbedingt Niederschläge. Unter’m Strich überwog allerdings der Unmut über den Regen und so machte ich mies gelaunt gut Tempo (Hass ist mein Antrieb!). Ergo war ich bereits nach 35 Minuten am Glockenstein.

Ein niederschlagsreicher Tag im Harz

Der Glockenstein (506m ü. NN) ist ein Granitblock in Form einer Glocke und befindet sich oberhalb des Wurmbachtals. In vorchristlicher Zeit war hier vermutlich eine heidnische Kultstätte der Germanen. Auch in der Sagenwelt des Harzes hat der Glockenstein seinen Platz. Er soll in der Walpurgisnacht wie eine Glocke läuten und weist so den Hexen den Weg zum Brocken.

Der Glockenstein

Nächstes Etappenziel war dann die Ruine der Lauenburg. Vom Glockenstein ging es nun über den steinigen “Bergmannsstieg” recht steil hinab ins Wurmbachtal. Jenes Tal, in dem der Wurmbach über Kaskaden gen Stecklenberg fließt, gefiel mir sehr gut. Der Wurmbach wird von hohen Felswänden wie den Sommer- und den Winterklippen oder dem so genannten Femegericht begrenzt und durch die üppigen Niederschläge der letzten Stunden, rauschte das Gewässer ordentlich. Wildromantisch sagt man dann immer gerne.

Der rauschende Wurmbach

Irgendwann musste ich den Wurmbach queren und nun ging es wieder bergauf auf einem breiten, aber heute sehr matschigen und entsprechenden rutschigen Wanderweg. Nichtsdestotrotz erreichte ich kurz nach 11 Uhr die Überreste der Lauenburg und sackte dort den nächsten Stempel ein. Die Lauenburg teilt sich in eine Vorburg (Kleine Lauenburg) und eine Hauptburg (Große Lauenburg) und wurde vermutlich schon im 11.Jahrhundert errichtet (erste urkundliche Erwähnung jedoch erst 1164). Die Gestalt und Größe der Anlage lässt sich noch gut erahnen. Die Burg war dereinst über 350 Meter lang und diente zum Schutz des nahen Stiftes Quedlinburg und der Wege dorthin. Ab 1479 war dann auch das Stift der Eigentümer der bis dahin sehr umkämpften Burg. Insgesamt hatte die Lauenburg zahlreiche Lehnsherren in ihrer wechselhaften Geschichte, ehe sie 1740 an das Königreich Preußen fiel und der geplante Abbruch begann.

Nochmal der Wurmbach

Gegenwärtig ist die Anlage in öffentlicher Hand und in die Turmruine der Vorburg wurden in jüngerer Vergangenheit Stahltreppen gebaut, so dass man von dort bei entsprechenden Sichtverhältnissen einen tollen Aublick auf die Teufelsmauer und das Harzvorland bei Quedlinburg haben muss. Heute also leider nicht. Auch war die ersehnte Schutzhütte von einer Familie belegt, die nicht den Eindruck machte bald wieder aufbrechen zu wollen. Damit war meine hier geplante Pause ebenfalls obsolet geworden. Na ja, ging es eben zügig weiter. Es war schließlich noch einiges auf meiner heutigen Liste.

Turmreste der einstigen Vorburg der Lauenburg

Unweit der Lauenburg (ca. 500 Meter entfernt) findet man beispielsweise die Ruinenreste der Stecklenburg. Auch diese Burg stammt aus dem 11.Jahrhundert und erhalten geblieben sind einige Mauern von Wohngebäuden, sowie die Reste des Bergfrieds. Warum hier zwei Burgen in etwa zeitgleich nebeneinander entstanden, weckte mein Interesse, ist für mich aber ad hoc nicht zu rekonstruieren gewesen. Auf jeden Fall hatte die Stecklenburg in der Regel andere Lehnsherren als die Lauenburg. Besitzer waren im Hochmittelalter die Ritter von Stecklenberg, ehe die Burg 1281 an das Stift Halberstadt fiel. Bis ins 18.Jahrhundert war die Stecklenburg bewohnt, doch dann verfiel sie zusehends und wurde wie die Lauenburg als Steinbruch genutzt.

Die Ruine der Stecklenburg

Von der Stecklenburg ging es anschließend ein schmaler Pfad relativ steil hinab in den Thaler Ortsteil Stecklenberg. Er endet bei der Dorfkirche und neben jener Kirche findet man außerdem eine Miniatur der Lauenburg im Ursprungszustand (Maßstab 1:20). Von Stecklenberg marschierte ich weiter nach Neinstedt (auch ein Ortsteil von Thale), wo ich den Kirchberg mit der sehenswerten Dorfkirche Sankt Katharinen (erste urkundliche Erwähnung im 12.Jahrhundert) überschritt und dann auf relativ flachem Gelände die Teufelsmauer ansteuerte. Zwischen Neinstedt und Weddersleben ist ein besonders schönes Teilstück der ca. 20km langen Felsformation. Königstein nennt man diesen 500 Meter langen Abschnitt mit besonders hohen und schroffen Felsen. Auch befindet sich hier eine weitere Stempelstelle der „Harzer Wandernadel“ (Nr. 188).

Die Teufelsmauer bei Weddersleben

Jetzt hätte ich eigentlich geplant gehabt von der Teufelsmauer die Bode entlang nach Quedlinburg zu wandern, doch es war schon 13:15 Uhr durch und ich entschied mich lieber um 13:22 Uhr einen Zug in Neinstedt zu besteigen und war fünf Minuten später in Quedlinburg. Dadurch hatte ich immerhin noch 90 Minuten für Quedlinburgs Sehenswürdigkeiten, ehe um 15 Uhr der Ball in der 20.000-Einwohner-Stadt rollen sollte. Erst gegen 15 Uhr per pedes in Quedlinburg eintreffen und nur Fußball gucken am eigentlichen Hauptziel des heutigen Tages wäre irgendwie unbefriedigend gewesen.

Der Quedlinburger Schlossberg

Stattdessen machte ich einen schönen Bummel durch die Altstadt mit ihren über 1.300 Fachwerkhäusern und bedeutenden Sakralbauwerken. Wenn diese Gebäude erzählen könnten…  Quedlinburg darf nämlich auf über 1.000 Jahre Stadtgeschichte zurückblicken. Im Jahre 922 wurde die hiesige Königspfalz erstmals in einer Urkunde des ostfränkischen Königs Heinrich I. erwähnt. Der Herrscher verbrachte damals mit seinem Hofstaat das Osterfest in Quedlinburg. Es scheint Heinrichs Lieblingspfalz gewesen zu sein, denn er ließ sich hier nach seinem Tod im Jahr 936 begraben. Zur Pflege seines Andenkens gründete seine Witwe Mathilde außerdem noch im selben Jahr ein Damenstift in Quedlinburg.

Marktkirche St. Benedikti (1173 geweiht)

Nachdem das Stift zunächst die Pfalzkapelle (in deren Krypta Heinrichs Gebeine lagen) und später eine erste Basilika genutzt hatte, wurde ab 1070 die dreischiffige Basilika Sankt Servatius auf dem Quedlinburger Schlossberg errichtet. Dieses Meisterwerk der Hochromanik wurde im Wesentlichen im Jahre 1129 fertiggestellt und damals im Beisein des römischen-deutschen Kaisers Lothar III. geweiht. Unter dem Chor der Stiftskirche befindet sich noch heute die Krypta mit den Grabstätten von Heinrich und Mathilde (die am 14.März 968 gestorben war).

Der Ständerbau von ca. 1350 (heute Fachwerkmuseum)

Heinrichs Sohn Otto (Otto der Große, seit 962 römisch-deutscher Kaiser) hielt sich auch oft in Quedlinburg auf und während des Osterfestes im Jahre 973 fand hier ein denkwürdiger Hoftag statt. Otto war auf dem Höhepunkt seiner Macht und empfing Gesandte aus u. a. Skandinavien, Ungarn, Böhmen, Polen, Rom und Byzanz in Quedlinburg. Otto hatte damals das Bistum Prag gegründet (Vgl. Praha 08/2019) und ebenfalls großen Einfluss auf die Christianisierung der Polen (Vgl. Poznań 10/2019). Kurz darauf starb Otto am 7.Mai 973 in der Pfalz Memleben und er hatte nicht Quedlinburg, sondern das nahe Magdeburg zu seiner Grablege bestimmt. Seinen Sarkophag im Magdeburger Dom hatte ich gerade erst im Frühjahr besucht (Vgl. Magdeburg 02/2020).

Adelshof der Grafen von Falkenstein mit Taubenturm (14.Jahrhundert)

Ottos Enkel Otto III. verlieh Quedlinburg schließlich im Jahre 994 die Stadtrechte. Das Stift konnte von nun an Märkte abhalten, Münzen prägen und Zölle erheben. Der Grundstein für den mittelalterlichen Wohlstand von Quedlinburg. Dazu kam es zwischen dem 10. und 12.Jahrhundert zu zahlreichen Schenkungen der deutschen Könige bzw. Kaiser für das Stift. Über 200 Orte fielen im Zeitalter der Ottonen und der Salier an Quedlinburg, so wie dem Damenstift auch ein bedeutender Kirchenschatz aus allen Reichsteilen geschenkt wurde. Dieser Quedlinburger Domschatz* wurde teilweise 1945 von einem us-amerikanischen Leutnant geraubt, doch 1993 konnte man fast alle Stücke zurückbekommen und seitdem ist der Domschatz wieder nahezu komplett in der Stiftskirche Sankt Servatius zu besichtigen (leider fehlte mir heute die Zeit für eine angemessene Würdigung dieses bedeutenden Kunstschatzes).

Der Marienaltar von 1480 in der Marktkirche St. Benedikti

Das Erbe der Ottonen war der Grundstein für mehrere Jahrhunderte der Prosperität. Erst das Spätmittelalter war dann geprägt von Konflikten zwischen dem Stift auf der einen Seite und den Bürgern der Altstadt und Neustadt (letztere wurde im 12.Jahrhundert als Ackerbürgerstadt gegründet) auf der anderen Seite. Das Bürgertum war selbstbewusst geworden und hatte sich mit den Städten Halberstadt und Aschersleben anno 1326 zum Halberstädter Dreistädtebund zusammengeschlossen. Auch traten diese drei Städte 100 Jahre später der Hanse bei. Bereits 1330 waren die Quedlinburger Altstadt und Neustadt übrigens zu einer Doppelgemeinde mit gemeinsamer Stadtmauer verschmolzen, die fortan mit einer Stimme sprach.

Die Altstadtbebauung am Finkenherd

1477 plante der Stadtrat schließlich gemeinsam mit dem Bischof von Halberstadt die gegenwärtige Äbtissin Hedwig von Sachsen aus Quedlinburg zu vertreiben und sich so aus der Hoheit des Damenstiftes zu lösen. Allerdings hatte die Äbtissin mit den Wettiner Herzögen Ernst (Stammvater der ernestinischen Linie der Wettiner) und Albrecht (Begründer der albertinischen Linie des gleichen Hauses) zwei mächtige Brüder, die ihr militärisch zur Hilfe eilten. Die Bürger mussten sich geschlagen geben und die Äbtissin konnte die Autonomiebestrebungen der Stadt vorerst unterbinden. Allerdings kam das Stift fortan unter kursächsische Vogteilichkeit. Nur aus reiner Geschwisterliebe haben die sächsischen Herzöge natürlich nicht ihren Beistand geleistet.

Kaufmannshaus in der Breiten Straße von 1560 (rechtes Gebäude)

Im Jahre 1539 wurde Quedlinburg von der Reformation erfasst und das Stift zu einem evangelischen, aber weltlichen Stift umgewandelt. Interessanterweise erlebte die Stadt Quedlinburg während und unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) einen neuerlichen wirtschaftlichen Aufschwung, im Zuge dessen zwischen 1620 und 1720 mehr Fachwerkhäuser als in jeder anderen vergleichbaren Stadt der Region gebaut wurden. Das Gros der über 1.300 Fachwerkhäuser – ich habe insgesamt 1.312 gezählt, kann aber auch vielleicht ein paar übersehen haben 😉 – stammt ergo aus dem 17. und 18.Jahrhundert. Quedlinburg hatte das große Glück im Dreißigjährigen Krieg kaum von Gefechten, Belagerungen oder gar Schlachten betroffen zu sein. Ganz anders als zum Beispiel das nahe Magdeburg (Vgl. Magdeburg 02/2020).

Das Rathaus bekam seine Gestalt im Wesentlichen im frühen 17.Jahrhundert

1697 ging das Stift Quedlinburg von Kursachsen an Kurbrandenburg über und wurde somit wenig später Teil des Königreiches Preußen. Im Jahre 1802 wurde das „Kaiserlich freie weltliche Reichsstift Quedlinburg“ im Zuge der Säkularisation aufgelöst und dessen Liegenschaften gingen in den Besitz des preußischen Staates über. Das einst mächtige Stift war fortan ein rein weltliches Fürstentum in der preußischen Staatsgliederung. Quedlinburg wurde außerdem im 19.Jahrhundert Garnisonsstadt und war logischerweise ab 1871 Teil des Deutschen Kaiserreichs. Die Stadt durchlief somit die deutsche Geschichte des späten 19. und frühen 20.Jahrhunderts. Auf die Industrialisierung, den Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) und die Weimarer Republik gehen wir deshalb auch mal nicht näher ein. Waren natürlich ebenfalls in Quedlinburg bewegte Zeiten, aber mit einem größeren Fokus betrachtet, ist damals nichts „Spezielles“ in Quedlinburg geschehen.

Pittoreskes Fachwerk in der Altstadt

In der NS-Zeit (1933 – 1945) durfte sich Quedlinburgs mittelalterliches Erbe allerdings plötzlich der besonderen Aufmerksamkeit der Nazis „erfreuen“. Vor allem Heinrich Himmler, der Reichsführer der mächtigen paramilitärischen Schutzstaffel der Nazis (SS), hatte einen Narren an König Heinrich I. gefressen. Der erste sächsische und somit erste „echte“ deutsche König des Mittelalters wurde für die NS-Propaganda vereinnahmt und die eigene gewaltsame Expansionspolitik in Osteuropa sah man als Fortsetzung von Heinrichs Ostpolitik gegenüber den Ungarn und den slawischen Völkern. Man beging Heinrichs tausendsten Todestag im Jahre 1936 mit großem Pomp und fingierte 1937 die Wiederentdeckung von dessen verschollenen Gebeinen durch den SS-Geologen Rolf Höhne. Man überführte den falschen Knochenfund in einer weiteren großen Zeremonie in die Krypta von Sankt Servatius und setzte sie im leeren Sarkophag neben Mathildes Grab bei. 1938 ließ Heinrich Himmler die Stiftskirche außerdem ins Eigentum der SS übergehen. Sie wurde zu einer „Weihestätte der SS“ umfunktioniert, in welcher der dem Okkulten nicht abgeneigte Reichsführer der SS angeblich regelmäßig die Nähe zu seiner historischen Ikone Heinrich I. suchte.

Das Geburtshaus des Dichters Friedrich Gottlieb Klopstock (* 2.Juli 1724 in Quedlinburg; † 14.März 1803 in Hamburg)

Da Quedlinburg im bald von den Nazis entfesselten Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) kein Ziel alliierter Luftangriffe war und 1945 nahezu kampflos von us-amerikanischen Truppen eingenommen wurde, überstand das architektonische Erbe den Krieg weitgehend unversehrt. Die Stadt ging nach dem Krieg am 1.Juli 1945 in die sowjetische Besatzungszone über und war somit ab 1949 Teil der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Mit der historischen Bausubstanz konnten die Herrschenden in der DDR nicht besonders viel anfangen. Pläne die Altstadt in den 1960er Jahren zu weiten Teilen abzureißen und ein Stadtzentrum im Stile des sozialistischen Realismus neu zu errichten scheiterten zum Glück. Stattdessen begann man ab Mitte der 1970er Jahre mit Hilfe von erfahrenen polnischen Restauratoren aus Toruń (Thorn) sukzessive das bauliche Erbe zu erhalten. Auch setzte man im Innenstadtbereich bei Neubauten nicht auf große Plattenbaukomplexe wie am Ortsrand in Neubausiedlungen, sondern auf eine kleinere Plattenbauweise mit historisierenden Fassaden. Die so genannte Hallesche Monolithbauweise Typ Quedlinburg (HMBQ).

Das neugotische Empfangsgebäude des Quedlinburger Bahnhofs von 1862

So richtig nahm die Restaurierung der Altstadt allerdings erst nach der Deutschen Wiedervereinigung (1990) an Fahrt auf. 1993 kehrte außerdem, wie bereits erwähnt, der 1945 geraubte Teil des Domschatzes aus den USA nach Quedlinburg zurück. Zur Tausendjahrfeier der Verleihung des Markt- und Münzrechtes (1994) nahm die UNESCO die Quedlinburger Altstadt mitsamt Schlossberg und Sankt Servatius in das Welterbe der Menschheit auf. Von mir erntet diese Entscheidung keinen Widerspruch. Es ist einfach eine wunderschöne und historisch wertvolle Stadt! Quedlinburg wird definitiv in absehbarer Zeit mit größerem Zeitfenster inspiziert. Dann kann ich mich in Ruhe noch dem Domschatz, dem Münzenberg und dem Wipertikloster widmen, sowie anderen Sehenswürdigkeiten, die heute zu kurz kamen.

Seitenwahl im Guts-Muths-Stadion

Der Schwerpunkt lag heute leider nur bei einem einstündigen Spaziergang durch die Gassen der Altstadt (quasi eine kleine Fotosafari) und einer knapp halbstündigen Besichtigung der Marktkirche Sankt Benedikti (in welcher übrigens interessante Schautafeln die Stadtgeschichte nacherzählen und mein Wissen über Quedlinburg nochmal auffrischten). Ab 15 Uhr hatte dann König Fußball zwei Stunden des Tages für sich beansprucht. Um 14:58 Uhr erreichte ich das Guts-Muths-Stadion und entrichtete 3,50€ für eine Zugangsberechtigung. Pünktlich zur Seitenwahl nahm ich auf den Rängen des ungefähr 5.000 Zuschauer fassenden Stadions Platz. HerrJohann Christoph Friedrich GutsMuths (die Schreibweise variiert zwischen Leerzeichen und Binnenmajuskel) war ein 1759 in Quedlinburg geborener Pädagoge und einer der Mitbegründer der deutschen Turnbewegung. Er war quasi der erste Sportpädagoge und entwickelte die erste systematische, pädagogisch begründete Leibeserziehung in Deutschland (deren Grundlagen er natürlich auch schriftlich festhielt).

Hier fällt gerade das 0:3

Aber nun zum heutigen Kick. Der Gastgeber war mit vier Punkten aus fünf Spielen durchwachsen in die Saison gestartet, während die Gäste mit null Punkten auf dem Konto nach Quedlinburg gereist waren. Nichtsdestotrotz nahm der SVDD sofort das Zepter in die Hand und erzielte nach wenigen Sekunden das 0:1. Auch in der 5.Minute schlief der Quedlinburger SV nochmal und es stand schnell 0:2. Dann brachten die Welterbestädter etwas Ruhe in die Partie, mussten jedoch in der 40.Minute noch ein direktes Freistoßtor kassieren. Entsprechend ging es mit 0:3 und gesenkten Häuptern in die Kabine.

0:3 stand es zur Pause

Ich nutzte die Pause für einen Becher Kaffee (1€) und eine winzige Wurst vom Grill (2€). Dachte erst, dass es sich um eine Nürnberger handelt und der Mann hinter der Theke im nächsten Moment noch zwei weitere Würste für den aufgerufen Preis nachlegt, aber weit gefehlt. Zum Glück hatte ich noch meine Wanderbrotzeit im Rucksack. Denn diese Bratwurst mit trostlosem Toastbrot war chancenlos, um das Hungergefühl aus meinem Magen zu vertreiben. Wenigstens war der Geschmack ganz okay. Schien Thüringer Art gewürzt zu sein.

In Quedlinburg zieht man den Kürzeren, wenn es um die Wurst geht

Übrigens kam der Coach der Quedlinburger schon nach wenigen Minuten wieder aus der Kabine. Wahrscheinlich ist der einmal komplett ausgerastet und hat die Jungs dann alleine seine Predigt verarbeiten lassen. Sah stinksauer aus, der Typ. Auf jeden Fall muss das, was er gesagt oder gemacht hatte, Wirkung gehabt haben. Die einstige BSG Motor Quedlinburg (die in der DDR fußballerisch nie eine überregionale Rolle spielte) ergriff nach Wiederanpfiff die Iniative und belohnte sich in der 57.Minute mit dem Anschlusstreffer. Ging da noch was? Es wurde auf jeden Fall hitziger und in der 58.Minute stellte der Schiedsrichter je einen Akteur pro Mannschaft vom Feld.

Die Hauptgerade im Quedlinburger Stadion

Der QSV brauchte für sein zweites Tor schließlich bis zur 82.Minute. Danach machte der Club, der sich seit 1990 wieder auf das Erbe der Quedlinburger Sportvereinigung von 1904 beruft, nochmal richtig Dampf und konnte in der 2.Minute der Nachspielzeit noch das 3:3 besorgen. Übrigens wurde ca. 10 Minuten nachgespielt, da sich der Gästetorwart im Laufe der 2.Halbzeit am Kopf verletzt hatte und schließlich mit Terry-Butcher-Gedächtnisverband weiterspielen konnte. In dieser ausgedehnten „Extra Time“ bekam der QSV sogar noch einen Strafstoß zugesprochen, den Doppeltorschütze Lucas Heise jedoch verschoss. Der weitere Quedlinburger Torschütze Steven Pflug flog nebenbei kurz nach seinem späten Ausgleich noch vom Feld.

Die Gegengerade

Als der Unparteiische um ca. 17:10 Uhr abpfiff, hatte er insgesamt neun Gelbe, eine Gelb-Rote und zwei Rote Karten gezückt. Ein ruhiger Nachmittag sieht anders aus. Aber im Abstiegskampf in der 8.Liga (Landesklasse 3, Sachsen-Anhalt) geht es eben manchmal etwas gröber zur Sache. Am Ende hatten beide Teams je eine Halbzeit dominiert und die Punkteteilung ging in Ordnung. Aber eine 3:0 Führung noch aus der Hand gegeben zu haben, dürfte die Darlingeröder und Drübecker auf der Heimfahrt vielleicht doch gewurmt haben. Ebenso hat sich der Quedlinburger Strafstoßschütze bestimmt noch ein wenig gegrämt, dass er den Matchball am Spielende verwirkt hatte.

Die alte Anzeigetafel im Rund

Ich marschierte nach Abpfiff, mit dem Gefühl ganz gut unterhalten worden zu sein, zum Bahnhof zurück, wo um 17:33 Uhr Abfahrt war. Es war wieder die fast gleiche Situation wie auf der Hinfahrt. Quedlinburg – Hildesheim via Halberstadt und Goslar (schnellste Verbindung) hätte 22,05€ gekostet und eine minimal längere Verbindung über Halberstadt, Vienenburg und Braunschweig belastete die Kreditkarte dank ICE-Teilstück zwischen BS und HI nur mit 13,10€. Diesmal war auch nichts gesperrt und so war ich fahrplangemäß um 20:18 Uhr wieder an meinem Heimatbahnhof. Da ich laut Smartphone insgesamt 48.333 Schritte (ca. 35km) gelaufen war und den ganzen Tag kaum etwas gegessen hatte, nutzte ich den sinnlosen Halt in BS, um mir schnell zwei Big Kings reinzustopfen (Fotos erspare ich der Leserschaft, ihr wisst ja wie unappetitlich die Dinger ausschauen). Dabei realisierte ich, dass dieser unfassbar hässliche Bahnhof zur Zeit festlich geschmückt ist. Die Deutsche Bahn feierte doch tatsächlich “60 Jahre Braunschweig Hauptbahnhof”. Na ja, da das Bauwerk unter Denkmalschutz steht (abschreckendes Beispiel der Nachkriegsarchitektur), wird diese Stadt noch lange den Hauptbahnhof behalten, den sie verdient. Da kann man schon mal drauf anstoßen.

Neuer persönlicher Jahresbestwert

*Obwohl Sankt Servatius nie Bischofskirche war und es nie ein Bistum Quedlinburg gab, wird die Kirche häufig als Quedlinburger Dom und der Kirchenschatz somit als Domschatz bezeichnet. Das ist darauf zurückzuführen, dass die Äbtissin des Damenstiftes vor der Reformation den kirchlichen Rang einer Metropolitana trug und somit wie ein Bischof mehreren Diozösen vorstand.