Berlin 09/2020

13.09.2020
Berliner SV 1892 – SV Buchholz 3:1
Berliner Landespokal (Regional Cup)
Stadion Wilmersdorf (Att: 75)

Die sehr unter der gegenwärtigen Pandemie leidende Deutsche Bahn nervte mich den ganzen Sommer über mit Schnäppchenpreisen und Reisevorschlägen via Newsletter. Na gut, dachte ich mir. Wird halt mal wieder Berlin und retour für 29€ gebucht. Wenn am Sonntag den 13.September auch noch Hauptkampftag der ersten Hauptrunde des Berliner Landespokals ist, kann man damit eigentlich nichts verkehrt machen. Zumal um 12 Uhr mittags das sehr selten bespielte Stadion Wilmersdorf einer der Austragungsorte war. Im Anschluss wäre dann noch locker ein weiteres Spiel möglich und theoretisch hätte ich drei sogar Sonntagsspiele besuchen können. Aber frühmorgens aufstehen für SC Minerva gegen Kickers Hirschgarten auf einem tristen Kunstrasenplatz (Anstoßzeit: 9 Uhr)? Nee, liebe Groundhopper, da bleibt ihr schön unter euch!

Nachkriegsarchitektur in der Berliner Dahlmannstraße

Stattdessen startete die Tour erst um 7:55 Uhr am Hildesheimer Hauptbahnhof und über Wolfsburg erreichte ich in die Hauptstadt der Bundesrepublik Deutschland gegen 10:00 Uhr. Im Nahverkehr ging es nun noch weiter zum Bahnhof Charlottenburg. Ich wollte vor Spiel Nr. 1 des Tages gerne noch ein Stündchen durch den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf spazieren und insbesondere am westlichen Kurfürstendamm interessante Vorkriegs- und Nachkriegsarchitektur des 20.Jahrhunderts begutachten.

Ein Kopfbau des WOGA-Komplexes am Lehniner Platz

Die wichtigste Landmarke war dabei der WOGA-Komplex am Lehniner Platz. Dieses Bauensemble wurde zwischen 1925 und 1931 nach einem Entwurf des Stararchitekten Erich Mendelsohn errichtet – sie kennen ihn vielleicht durch Bauwerke wie den Einsteinturm in Potsdam oder das Mossehaus in Berlin-Mitte (weltweit erstes Bauwerk der Stromlinien-Moderne!) – und ist ein herausragendes architektonisches Beispiel der Neuen Sachlichkeit bzw. der Stromlinien-Moderne. Wohnen, Gastronomie, Ladengeschäfte und Freizeitvergnügen (Kino, Theater und Tennisplätze) kamen hier unter ein Dach. Ach, noch etwas unnützes Wissen: WOGA steht für Wohnungs-Grundstücks-Verwertungs-Aktiengesellschaft.

Nicht viel los im Thaipark

Als nächstes trieb mich die Neugier zum Wilmersdorfer Preußenpark. Der Park ist auch als „Thaipark“ oder „Thaiwiese“ bekannt, weil dort seit den 1990er Jahren diverse Ostasiaten an Wochenenden Picknicks veranstalten. Wahrscheinlich war es am Anfang wirklich ein unkommerzielles Familienvergnügen, doch daraus entwickelte sich großer Streetfood-Markt, der nie legalisiert, aber bisher geduldet wurde. Wahrscheinlich greift das Ordnungsamt dieses Jahr jedoch pandemiebedingt durch, denn heute waren nur wenig Picknickdecken auszumachen (früher war die ganze Liegewiese voll) und drei Typen mittleren Alters, in Funktionswesten gewandet, beäugten die Ostasiaten kritisch vom Parkweg aus. Wenn das keine Zivis waren, weiß ich auch nicht.

Deutschlands älteste Moschee steht in Wilmersdorf

Na ja, ich hatte mir schon gedacht, dass der „Geheimtipp Thaiwiese“ aufgrund der gegenwärtigen SARS-CoV-2-Pandemie obsolet sein wird. Musste ich im Laufe des Tages eben anderweitig an Nahrung kommen. Erster Versuch war nun das Stadion Wilmersdorf, wo um 12 Uhr der Kick BSV 1892 vs. SV Buchholz angepfiffen wurde. Auf dem Weg dorthin passierte ich noch Deutschlands älteste bestehende Moschee (1928 eröffnet) und die russisch-orthodoxe Christi-Auferstehungs-Kathedrale (1938 geweiht). Nochmal etwas Nerdwissen: Deutschlands allererste Moschee wurde 1915 in einem Kriegsgefangenenlager bei Berlin errichtet und fasste bis zu 400 Gläubige. In jenem Lager, dem so genannten Wünsdorfer Halbmondlager, waren Kriegsgefangene muslimischen Glaubens während des Ersten Weltkriegs interniert. Deutschlands Kriegsgegner Frankreich und Großbritannien hatten diverse Soldaten muslimischen Glaubens aus ihren Kolonien an die Front geschickt. Ebenso gab es im Heer des Russischen Zarenreiches Mohammedaner (z. B. Tataren oder Tschetschenen). Gerieten diese „Muselmänner“ in deutsche Kriegsgefangenschaft, kamen sie nach Wünsdorf und wurden relativ bevorzugt behandelt. Ziel war die Soldaten für religiös motivierte Erhebungen gegen ihre Kolonialherren zu motivieren bzw. auf Seiten des Osmanischen Reiches (Kriegsverbündeter des Deutschen Reiches) gegen die Briten, Franzosen und Russen in den Dschihad zu ziehen, was zum Teil fruchtete.

Die russisch-orthodoxe Christi-Auferstehungs-Kathedrale

Nachdem der essentielle Tagesordnungspunkt sakrales Sightseeing nun auch abgehakt war, musste ich nur noch die Bundesautobahn 100 überqueren und legte schließlich um 11:51 Uhr 3,50€ auf einen Tisch, um das Wilmersdorfer Stadiontor durchschreiten zu dürfen. Bei der heutigen Ansetzung duellierten sich zwei Bezirksligisten (8.Liga) um den Einzug in die 2.Hauptrunde des Berliner Landespokals (der Pokalsieger ist dann nächste Saison für den DFB-Pokal qualifiziert). Dass ich nicht aus sportlichen oder fantechnischen Gesichtspunkten angereist war, dürfte man sicher schon erahnen. Der Star war heute die Spielstätte, auf die mich der Groundhoppingpodcast „Der Weg ist das Spiel“ jüngst aufmerksam gemacht hatte.

Die A100

Das Stadion Wilmersdorf ist nämlich eine richtige Perle mit langer Historie. Auf dem Areal wird bereits seit 1909 gekickt. Der Berliner Thor- und Fussball-Club Britannia 1892 war hier seinerzeit sesshaft geworden, nachdem man die ersten 16 Jahre der Vereinsgeschichte u. a. auf dem Tempelhofer Feld und im Innenraum der Radrennbahn Steglitz seinen Sportarten nachging. Das war neben Fussball auch Thorball. So nannte man Cricket vor lauter Deutschtümmelei um 1900 zwischen Maas und Memel. Weil das Deutsche Reich zwischen 1914 und 1918 außerdem in den bereits erwähnten Ersten Weltkrieg verwickelt war, mit u. a. Großbritannien als Kriegsgegner, legte man damals patriotisch motiviert den Namen Britannia ab (quasi Deutschlands Antwort darauf, dass sich das britische Königshaus aus ähnlichen Motiven von Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor umbenannte ;-)). Fortan firmierte der Berliner Thor- und Fussball-Club Britannia 1892 als Berliner SV 1892.

Gedenkstein für im Krieg gefallene Sportkameraden

Britannia bzw. der BSV konnte zwischen 1897 und 1954 insgesamt zehn Berliner Fussballmeisterschaften gewinnen. Man war im Jahre 1900 außerdem einer der 86 Gründungsvereine des Deutschen Fussballbundes (DFB) und qualifizierte sich 1904 sogar für das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Im Viertelfinale hatte man in Berlin zunächst den Karlsruher FV ausgeschaltet, ehe man in Hamburg im Halbfinale auch den SC Germania 87 bezwang (Vorgängerverein des Hamburger SV). Das für den 22.Mai 1904 in Kassel angesetzte zweite Endspiel um die Deutsche Fußballmeisterschaft gegen den allerersten und damit amtierenden Meister VfB Leipzig wurde allerdings nie angepfiffen.

Berliner SV von 1892

Der Karlsruher FV hatte Protest eingelegt, weil der DFB entgegen der vorher postulierten Wettbewerbsregularien doch nicht alle Endrundenspiele an neutralen Orten austragen ließ. So mussten die Karlsruher im Viertelfinale die (damals in der Tat) strapaziöse Reise nach Berlin antreten und auf einige Leistungsträger verzichten, die von ihren Arbeitgebern keinen Urlaub genehmigt bekamen (von Profifussball war man 1904 noch weit entfernt), während die Berliner auf heimischem Geläuf natürlich mit voller Kapelle aufliefen. Nebenbei echauffierte die Karlsruher noch, dass der DFB nur bereit war Zugtickets für die 3.Klasse zu erstatten, während man es aus Baden vorgezogen hatte in der 2.Klasse an- und abzureisen. Am Vormittag des Endspiels war Jahreshauptversammlung (Bundestag) des DFB in Kassel und das Präsidium beschloss die Meisterschaft einfach zu annullieren und das nachmittägliche Endspiel kurzerhand abzusagen. Deshalb gab es 1904 keinen Deutschen Meister und die beiden Finalisten mussten unverrichteter Dinge wieder nach Leipzig und Berlin abreisen. Außer Spesen, nichts gewesen… (welche Bahnklasse diesmal erstattet wurde, ist allerdings nicht überliefert).

Seitenwahl in Wilmersdorf

Während des Zweiten Weltkriegs (1939 – 1945) wurde das Stadion stark zerstört. Ab 1947 verbrachte man dann Trümmerschutt, wovon Berlin bekanntlich reichlich hatte, auf das Areal und schüttete große Wälle auf. Außerdem wurde noch eine kleine Tribüne errichtet und fertig war die neue Kampfbahn an alter Stelle. Diese Baugeschichte kennt der Stadionfreund u. a. auch aus Hannover (Niedersachsenstadion) oder Ludwigshafen (Südweststadion). Das Kriegsschuttstadion Wilmersdorf fasste nun bis zu 50.000 Zuschauer, war damit allerdings für den BSV etwas überdimensioniert. Der Zuschauerrekord liegt lediglich bei 19.500 Besuchern und wurde bereits am 10.März 1951 beim Heimspiel des BSV gegen Tennis Borussia Berlin erreicht.

Blick ins Rund

Da der Club nicht wieder an seine Erfolge aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts anknüpfen konnte, kamen ansonsten in den 1950er und 1960er Jahren eher nur um die 5.000 Zuschauer im Saisonschnitt. 1954 wurde man letztmalig Berliner Fußballmeister war somit auch zum letzten Mal für die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft qualifiziert. Hierbei mussten sich die Wilmersdorfer übrigens im ersten Spiel dem späteren Meister Hannover 96 geschlagen geben (1:2 am 2.Mai 1954). Von einer Qualifikation für die 1963 eingeführte Bundesliga war man sportlich bereits weit entfernt und war fortan bis 1979 nur noch zweit- und drittklassig unterwegs. Seit den 1980er Jahren spielt nur noch unterklassig in Berlin, mit dem zwischenzeitlichen Tiefpunkt Kreisliga A (9.Liga).

Ein Weinberg im Stadion

Entsprechend verirrten sich lediglich ein paar hundert Seelen ins Wilmersdorfer Rund und bereits 1984 wurde auf dem Tribünenwall der Nordkurve ein Weinberg angelegt, auf dem die Wilmersdorfer Rheingauperle eigentlich just wieder erntereif geworden sein dürfte. Das könnte wahrscheinlich einmalig in Deutschland sein; ein Stadion mit integriertem Weinberg. 1991 wurden schließlich die Leichathletikanlagen erneuert und das Stadion bekam seine markante neue Haupttribüne, die teilweise vom herauskragenden Dach der damals ebenfalls nebenan neu errichteten Sporthalle überdacht wird. Zuletzt rückten 2005 Bauarbeiter im Stadion Wilmersdorf an, um den Mittelteil der Gegengerade zu sanieren und den Rest der Zuschauerwälle zu renaturieren. Entsprechend dürften heute „nur“ noch maximal 5.000 Zuschauer ins Stadion passen.

Die Haupttribüne in Wilmersdorf

Immer noch mächtig überdimensioniert für einen Bezirksligisten, so dass die „Störche“ (wie man die schwarz-weißen Kicker in Berlin nennt) eigentlich immer auf einem Nebenplatz ohne Ausbau spielen. Aber ein neuartiger Coronavirus macht es ja gerade sinnvoll in größere Sportstätten auszuweichen. Dementsprechend können Groundhopper nun vorerst bei BSV-Pflichtspielen das reizvolle Stadion Wilmersdorf kreuzen. In den letzten Jahren wurde übrigens ein-, zweimal angekündigt im großen Stadion zu spielen, doch der dadurch generierte „Hopperfasching“ wurde jedes Mal jäh enttäuscht, da man spontan doch auf einen Nebenplatz auswich oder das einfach eine falsche Angabe bei fussball.de war.

Blick zur Gegengerade

Doch verlieren wir noch ein, zwei Worte zum heutigen Kick. Die beiden Bezirksligisten, die allerdings in unterschiedlichen Staffel spielen, lieferten sich weitgehend ein Duell auf Augenhöhe. Die Gastgeber waren dabei etwas im Chancenplus und ihre 1:0 Pausenführung durch ein Buchholzer Eigentor in der 15.Minute war somit verdient. Neun Minuten nach Wiederanpfiff konnten die Störche durch Sebastian Sobczyk auf 2:0 erhöhen, machten es aber nur drei Minuten später wieder unnötig spannend. Die Buchholzer bekamen einen Handelfmeter zugesprochen und Maximilian Fildebrandt traf für die Gäste aus dem Norden Pankows vom Punkt. Ich hatte schon etwas Angst vor einer den heutigen Zeitplan durcheinander bringenden Verlängerung, aber Tim Paschke sorgte in der 81.Minute mit dem 3:1 für die Vorentscheidung.

Strafstoß für die Buchholzer

In Sachen Catering gab es übrigens nur einen informellen Bierverkauf aus einer Kiste heraus, so dass mein Frühstück weiter nach hinter verschoben werden musste. Dafür wurde ich während der 2.Halbzeit von einem hannoverschen Groundhopper erspäht. „Guten Tag Herr Snepanovic […] heute aber mal über die volle Spielzeit bleiben und nicht wieder früher abhauen!“ drang plötzlich in meine Ohren. Das war doch tatsächlich Helge, seines Zeichens Hauptkommissar bei der Hopperpolizei, mit dem sich meine Weg auch schon auf meiner mitteleuropäischen Frühjahrestour in Prag kreuzten. Oder u. a. auch in Manchester am Silvesterabend 2017. Gut, der Mann guckt wahrscheinlich an 363 Tagen im Jahr irgendwo Fussball. Da kann es schon mal passieren, dass man sich alle paar Monate zufällig in einem Stadion oder an einem Spielort über den Weg läuft. Immerhin konnte ich ihn gleich mit meinem Wissen über das Stadion Wilmersdorf, den BSV und die Deutsche Meisterschaft von 1904 nerven. Trotz zweier gesunder Beine, lief er nicht weg. Aber okay, um den Ground zu zählen, musste er natürlich noch bis zum Schlusspfiff ausharren.

S-Bahnhof Hohenzollerndamm (1910 eröffnet)

Mit besagtem Schlusspfiff verließ ich dann mit Helge und noch einem Lippstädter Hopper, der wie Helge nun nach Rudow wollte, das Stadion. Schnellen Schrittes ging es zur S-Bahn-Station Hohenzollerndamm. Bis Tempelhof hatten wir die gleiche Strecke, doch dort trennten sich unsere Wege. Aus fußballhistorischen Gründen wollte ich lieber zum Sportplatz an der Rathausstraße, als raus nach Rudow (obwohl der TSV Rudow ’ne nette Anlage hat). Helge war schon mal an der Rathausstraße gewesen und gab mir noch den guten Tipp, dass im dortigen Clubhaus der Spielerpass von Ex-96-Trainer Stanislav Levý an die Wand gepinnt ist (über 125mal lief der Tscheche zwischen 1988 und 1992 für Blau-Weiß 90 auf).

Ullsteinhaus von 1927 (30 Jahre lang das höchste Hochhaus Deutschlands)

Von Tempelhof musste ich noch per U-Bahn weiter nach Mariendorf und verließ den Untergrund auf Höhe des Teltowkanals (Station Ullsteinstraße) am nett restaurierten Tempelhofer Hafen (siehe Titelbild) und dem benachbarten Ullsteinhaus. Das Ullsteinhaus von 1927, welches dem Backsteinexpressionismus zugerechnet wird, schaffte es nun übrigens schon das zweite Mal fotografisch bei „Schneppe Tours“ aufzutauchen (vgl. Berlin 05/2017). Doch näher beschäftigen konnte ich mich mit diesem interessanten Hochhaus abermals nicht. Es fehlte an Zeit, da in fünf Minuten auf dem 600 Meter entfernten Sportplatz an der Rathausstraße Spiel Nr. 2 angepfiffen werden sollte.

13.09.2020
1.Traber FC Mariendorf – VfB Concordia Britz 2:5
Berliner Landespokal (Regional Cup)
Sportplatz an der Rathausstraße (Att: 49)

14:31 Uhr passierte ich das weit offen stehende Eingangstor der Sportanlage. Eintritt wurde nicht erhoben, Daten wurden ergo ebenfalls nicht erfasst. Nach der unerwarteten Ersparnis ließ ich um so lieber vier Taler am Imbissstand, welcher heute vom Vereinsvorstand des 1.Traber FC bewirtet wurde („Hier grillt der Präsident noch persönlich“). Für mein Geld wurde mir leckere gegrillte Sucuk im Fladenbrot und ein großer Becher Cola gereicht (je 2€). Auch die Bratwurst (ebenso 2€) sah appetitlich aus und wurde zur 2.Halbzeit noch nachträglich getestet. Der Geschmack konnte mit der Optik erfreulicherweise Schritt halten.

Sucuken beim Zugucken

Aber ich war natürlich nicht zuvorderst zum Essen hier. Wie schon angedeutet, hatte ich auch diese Spielstätte aus historischen Motiven gewählt. Denn der Sportplatz an der Rathausstraße wurde bereits am 4.Oktober 1908 eröffnet und diente damals dem Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892 als Heimat. Dieser Club darf nicht mit dem zuvor behandelten Berliner Thor- und Fussball-Club Britannia 1892 verwechselt werden. Wobei beide 1892 gegründet wurden und zunächst auf dem Tempelhofer Feld gekickt haben. Beide waren außerdem vor dem Ersten Weltkrieg besonders erfolgreich. Während der Berliner TuFC Britannia, wie erwähnt, 1904 um sein Finale um die Deutsche Meisterschaft gebracht wurde, erging es dem Berliner TuFC Union ein Jahr später besser. Ausgerechnet gegen den klagefreudigen Karlsruher FV stand man am 11.Juni 1905 im Weidenpescher Park zu Köln im Endspiel (vor 3.500 Zuschauern), nachdem man im Viertelfinale Eintracht Braunschweig (in Magdeburg) und im Halbfinale den Dresdner SC (in Leipzig) ausgeschaltet hatte.

Noch mehr Kilokalorien

In dieser Saison wollte der DFB seinen formalen Fehler aus dem Vorjahr nicht wiederholen und alle Endrundenspiele fanden auf neutralem Geläuf statt. Trotzdem scheuten mit dem VfB Leipzig (immer noch amtierender erster Fussballmeister von 1903) und dem SC Schlesien Breslau zwei Vereine die Reisekosten und traten nicht an. Deshalb musste der Karlsruher FV auch nur den Duisburger SpV (heute Eintracht Duisburg) im neutralen Hanau bezwingen, ehe im Halbfinale ein Freilos auf die Badener wartete. Im Endspiel war man dem Berliner TuFC Union allerdings klar unterlegen und verlor 0:2, so dass später in die Meisterschale für das Jahr 1905 „Union Berlin“ eingraviert wurde (1905 wurde allerdings noch die ursprüngliche Meistertrophäe Viktoria überreicht, die von 1945 bis 1990 verschollen war, weshalb 1949 die Meisterschale eingeführt wurde).

1905 wurde „Union Berlin“ Meister

Das führt gerne mal zu Irritationen, da es in unserem Tagen bekanntlich einen Bundesligisten namens 1.FC Union Berlin gibt. Eine direkte „Blutlinie“ zum Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892 hat der Ostberliner Bundesligist allerdings nicht. Es gibt jedoch historische Verknüpfungen. Der tatsächlich erste Vorgängerverein des 1.FC Union wurde zwar erst 1906 gegründet (als FC Olympia Oberschöneweide), hat allerdings eine ideelle Verbindung zu Union von 1892. Denn die Jungs aus Oberschöneweide kickten kurz nach ihrer Gründung erstmal für zwei Jahre als weitere Herrenmannschaft des Berliner Thor- und Fußball-Club Union. Sie waren sozusagen die Oberschöneweider Sparte der Unioner, da ihnen das die Teilnahme am Berliner Ligabetrieb eröffnete. Denn das Industriequartier Oberschöneweide gehörte damals noch nicht zu Berlin und es war seinerzeit nicht leicht als Neugründung von außerhalb der Stadtgrenzen Mitglied im Berliner Fussballverband zu werden.

Sportplatz an der Rathausstraße

Im Februar 1909 wollte man dann endlich vollends auf eigenen Beinen stehen und stellte eine Herrenmannschaft unter eigener Flagge. Aus Dankbarkeit und Verbundenheit zum TuFC Union 1892 benannte man den eigenen Club nun von FC Olympia Oberschöneweide in SC Union Oberschöneweide um und zu jenem SC Union hat der heutige 1.FC Union eine historische Kontinuität. Wenngleich sich Union nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Vereine spaltete. Denn 1950 siedelte ein Großteil der Mannschaft aus (sport)politischen Gründen nach Westberlin über und ging fortan als SC Union 06 Berlin auf Punkt- und Torejagd (neue Heimat war Moabit), während die in Oberschöneweide verbliebenen Kicker nach etlichen DDR-typischen Umbenennungen und wechselnden Trägerbetrieben ab dem 20.Januar 1966 als 1.FC Union Berlin firmierten.

Die Nachbarkieze Britz und Mariendorf im Pokalderby

Doch ich schweife ab, zurück zu Union 1892 und dem Sportplatz an der Rathausstraße. Der Deutsche Meister von 1905 konnte ab 1908 bis zu 10.000 Zuschauer auf seinem neuen und vereinseigenen Platz empfangen, was für die damalige Zeit enorm war. So ein zeitgenössisches Großstadion kam zumindest vor dem Ersten Weltkrieg, also vor dem Durchbruch des Fußballs als Volkssport, auch für Länderspiele infrage. So richtete der DFB am 14.April 1911 ein Länderspiel gegen England an der Rathausstraße aus. Das Spiel endete bei ausverkauftem Haus mit 2:2, was seinerzeit einer sportlichen Sensation glich (1909 war man in Oxford noch 0:9 gegen England untergegangen). Auch der Berliner Fußball-Club Viktoria 1889 (1908 und 1911 Deutscher Meister) wich für seine gut besuchten Endrundenspiele um die Deutsche Meisterschaft gerne hierhin aus und 1912 wurde das Finale des Kronprinzenpokals (als Verbandspokal eine Art Vorläufer des DFB-Pokals) an der Rathausstraße ausgetragen.

Davon wurden während der 90 Minuten diverse Tabletts an mir vorbei geschleppt

Der Berliner Thor- und Fußball-Club Union 1892 fusionierte schließlich 1927, zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit, mit dem Berliner Fußball-Club Vorwärts 1890 (ihres Zeichens Berliner Meister und Deutscher Vizemeister im Jahre 1921) zum SV Blau-Weiß 90 Berlin. Bis 1966 spielten die Blau-Weißen an der Rathausstraße, ehe die 1.Mannschaft nach Tempelhof auf die andere Seite des Teltowkanals wechselte und fortan hauptsächlich im Friedrich-Ebert-Stadion kickte. In den 1980er Jahren, als Blau-Weiß zwischenzeitlich Westberlins beste sportliche Adresse war, trug man seine Heimspiele sogar im Berliner Olympiastadion aus, während der eigene Platz an der Rathausstraße langsam zurückgebaut wurde. Höhepunkt war der Aufstieg in die 1.Bundesliga 1986, aus der man jedoch prompt wieder abstieg (der spätere Weltmeister Karlheinz Riedle schaffte damals allerdings seinen Durchbruch bei Blau-Weiß).

Vergesst Čierny Balog, an der Rathausstraße fahren während des Spiels Autos durch’s Stadion

Aktuell tritt die 1.Mannschaft der Blau-Weißen in der NOFV-Oberliga Nord (5.Liga) im Volksparkstadion Mariendorf an. Die Rathausstraße beherbergt seit 1966 aber nach wie vor das Clubhaus von Blau-Weiß 90 (Casino „Zur Halbzeit“) und diverse Mannschaften des Vereins tragen hier weiterhin ihre Pflichtspiele aus (u. a. die 2.Herren). Das Areal teilt man sich mit dem 1.Traber FC Mariendorf von 1962, der heute mein Gastgeber war. Die Traber kommen ursprünglich von der Trabrennbahn Mariendorf, was Namen und Logo erklärt, und waren von 1979 bis 1990 konstant in der Oberliga Berlin unterwegs (damals 3.Liga im DFB-System). Beste Platzierung war 1985/86 ein zweiter Platz, womit man die Teilnahme an der Aufstiegsrunde zur 2.Bundesliga nur knapp verfehlte. Ab 1990 ging es jedoch sportlich bergab und seit 2014 ist man nur neuntklassig unterwegs (Kreisliga A). Da der heutige Gast Concordia Britz zur Zeit in der Landesliga (7.Liga) spielt, waren die Rollen klar verteilt.

Irgendwer mag hier den Untermieter nicht

Die Traber machten es den Concorden aus dem Nachbarkiez Britz allerdings nicht leicht. Erst durch einen Strafstoß in der 31.Minute konnte der Favorit in Führung gehen. Nach der Pause drehten die Britzer jedoch kurzzeitig auf und sorgten mit Toren in der 48., 50. und 51.Minute quasi für die Vorentscheidung. Da machte auch der Anschlusstreffer durch Roger Abdallah in der 53.Minute nicht viel Hoffnung. Obwohl „RA8“ in der 60.Minute sogar einen Doppelpack schnürte. Die Gäste konzentrierten sich die letzten 30 Minuten aber nochmal und mit dem 2:5 in der 83.Minute war die Messe endgültig gelesen.

Britzer Edelfan

Von Mariendorf musste ich nun nach Spandau kommen. Denn weil ich ursprünglich geplant hatte Spiel Nr. 2 des Tages in Haselhorst zu platzieren, hatte ich für die Rückfahrt einen InterCity um 18:51 Uhr ab Spandau gebucht. Na ja, kein Beinbruch. Via Untergrundbahn ging es von der Ullsteinstraße zur Station Zitadelle. Der Ursprungsplan; am Abend noch ein bisschen durch die Spandauer Altstadt zu spazieren, blieb von meiner kleinen Planänderung unberührt. Außerdem gibt es in Alt-Spandau einen guten Kroaten namens *Trommelwirbel* „Alt-Spandau“. Den wollte ich auch unbedingt noch zwecks Abendessen aufsuchen.

Der Juliusturm der Zitadelle Spandau

Doch zunächst schaute ich bei der Zitadelle Spandau vorbei. Die musealen Räumlichkeiten schlossen just um 17 Uhr ihre Pforten für Besucher, aber auf dem Innenhof der zwischen 1557 und 1594 errichtete Renaissancefestung konnte man noch in der Abendsonne flanieren. Danach ging es über die Havel in die historische Fischersiedlung Kolk. Das ist neben der Festung, auf deren Grund im Mittelalter bereits slawische Burg stand, Spandaus ältestes Siedlungsgebiet und dort sind außer alten Fachwerkhäusern in Kopfsteinpflastergassen auch Reste der historischen Stadtmauer zu finden. Der Kolk war im Mittelalter eine separate Siedlung, die von der Spandauer Altstadt durch einen mittlerweile trocken gelegten Havelarm getrennt wurde. Heute übernimmt eine vierspurige Hauptstraße die räumliche Abgrenzung vom Rest der Spandauer Altstadt.

Unterwegs im Kolk

Nachdem jene Hauptverkehrsader überwunden war, spazierte ich noch etwas durch die Altstadt. Ich schaute mir das Gotische Haus aus dem 15.Jahrhundert an, welches 1987 zuletzt restauriert wurde und heute die Spandauer „Tourist Information“ beherbergt. Auch die dreischiffige backsteingotische Hallenkirche Sankt Nikolai aus dem 14. Jahrhundert, mit schicker barocker Turmhaube von 1744, ist einen Blick wert. Hier vollzog Kurfürst Joachim II. am 1. November 1539 übrigens seinen Übertritt zum evangelischen Bekenntnis, was im Kurfüstentum Brandenburg die Reformation durchsetzte und den Grundstein für die protestantische Prägung von Brandeburg und später Preußen legte.

Das Gotische Haus

Ein vertiefender Ausflug in die Spandauer oder gar Berliner Stadtgeschichte würde jetzt natürlich den Rahmen sprengen, aber wo ich schon Joachim II. erwähnt habe, möchte ich euch eines meiner Lieblingsereignisse aus der reichen Historie unserer Hauptstadt nicht vorenthalten. Im August 1567 kam es nämlich zum Knüppelkrieg zwischen Spandau und Berlin. Der brandenburgische Kurfürst Joachim II. hatte zur Eigen- und Volksbelustigung eine Art Manöver zwischen Spandau und Berlin-Cölln organisiert. Die Kämpfer lieferten sich zunächst auf Booten eine Schauschlacht auf dem Gewässer nördlich der Zitadelle Spandau. Danach ging es auf dem Land weiter, wobei die beiden Kampfgruppen nur mit Knüppeln bewaffnet waren und der Kurfürst vorher festgelegt hatte, dass Berlin-Cölln bei dem inszenierten mehrtägigen Gerangel zu siegen habe. Die Spandauer packte jedoch im Verlaufe der Schlacht der Ehrgeiz und sie lockten die Nachbarn in einen Hinterhalt, bei dem sie die Berliner und Cöllner mächtig verdroschen.

Das so genannte Wendenschloss

Der Kurfürst war „not amused“ und zur Strafe verurteilte er den Spandauer Bürgermeister, der wahrscheinlich gar nichts für die Eigendynamik in den Reihen seiner Bürger konnte, zu mehreren Monaten Festungshaft. Der Bürgermeister hörte übrigens auf den schönen Namen Bartholomäus Bier. Klingt kurios, ist aber alles historisch belegt und später auch u. a. von Theodor Fontane schriftstellerisch aufgegriffen worden. Doch nun genug von der historischen Vergangenheit Berlins und hinein in die kulinarische Gegenwart. Wie erwähnt, ging es zum Abschluss des Berlin-Tages noch kroatisch Essen im Lokal „Alt-Spandau“.

116 Meter langer Rest der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert

Dort orderte ich mir erstmal ein großes Alster zur Erfrischung und dann entschied ich mich für „Pola Pola“, da die Karte schon verriet, dass sie diesen Klassiker der Balkanküche etwas anders als die meisten ex-jugoslawischen Speisewirtschaften auf deutschem Boden interpretieren. Wenig später wurden mir supersaftiges Ražnjići und geil gewürzte Ćevapčići serviert. Dem Koch waren Knoblauch und Cayennepfeffer auf jeden Fall nicht unbekannt. Anstatt öde Fritten gab es neben Djuvecreis außerdem noch Bohneneintopf mit gegrilltem Speck als Beilage. Für weitere Würze sorgte ferner ein separates Töpfchen voller mit Chili marinierter Zwiebeln. Ach ja, einen kleinen gemischten Salat gab es auch noch vorweg (Chronistenpflicht). Nach dem Festmahl ging noch ein Šljivo auf’s Haus und ich zahlte gerne rund 111,8% der Rechnungssumme von 16,10€.

Pola Pola

11 Minuten vor Zugabfahrt räumte ich meinen Tisch wieder und konnte ganz ohne Zeitdruck zum ca. 500 Meter entfernten Bahnhof Spandau spazieren. Der InterCity 2242 rollte pünktlich ein und blieb bis Wolfsburg exakt im Plan (und hielt sogar in der Volkswagenwerksiedlung). Mein Anschluss nach Hildesheim war also kein Problem und gegen 21 Uhr fand mein Sonntagstrip sein Ende. Fazit: Auch in Berlin kann man zur Zeit relativ entspannt Amateurfußball im Stadion gucken. Ganz ohne Maskenpflicht, Sitzzwang oder eigenen Klappstuhl unter’m Arm.