Praha (Prag) 03/2020

08.03.2020
SK Slavia Praha – AC Sparta Praha 1:1
1. česká fotbalová liga (I)
Eden Aréna (Att: 19.370)

Am 8.März bestieg ich morgens um 7:14 Uhr einen InterCity von Olomouc (Olmütz) nach Praha (Prag). Kostete 129 CZK (inklusive Sitzplatzreservierung), also ziemlich genau 5€. Fairer Preis, um circa 250km Wegstrecke in einem Schnellzug zurückzulegen. Um von Hildesheim ins 30km entfernte Hannover per S-Bahn zu gelangen, zahlt man übrigens aktuell 9,30€ (Hin- und Rückfahrt also 18,60€). Damit ich nicht Äpfel mit Birnen vergleiche, habe ich kurz vor Abfahrt in Olomouc auch nochmal nach dem regulären Ticketpreis für meine Verbindung geschaut. Kostete für Spontanbucher 199 CZK, also circa 7,80€. Fick dich DB! Ich werde wohl daheim einen Doppelhalter mit dem DB-Logo im Fadenkreuz malen und zukünftig bei meinen zahlreichen innerdeutschen Bahnfahrten mitführen. So geht es nicht weiter!

Schon wieder ein Abteil nur für mich

08.03.2020
AC Sparta Praha B – TJ Jiskra Domažlice 3:1
ČFL A (III)
Velky Strahovsky Stadion (Att: 398)

Prag erreichte ich planmäßig um 9:19 Uhr und nichtmal eine Stunde später sollte schon wieder der Ball rollen. Als Appetitanreger für’s abendliche Stadtderby hatte ich mir das heutige Heimspiel von Spartas Zweitvertretung gegen TJ Jiskra Domažlice herausgesucht (3.Liga). Sparta B spielt nämlich im Strahov-Stadion, seines Zeichens in seinen Glanztagen mit über 200.000 Zuschauerplätzen das größte Stadion der Welt. Manche Quellen geben gar 250.000 Plätze an. Geplant wurde das 1926 eröffnete Stadion natürlich nicht für Fußballspiele, sondern für Turnfeste und andere Massenveranstaltungen. Nach 1945 war das Areal dann u. a. Austragungsort der tschechoslowakischen Spartakiaden (landesweite Jugendsportfeste während der realsozialistischen Diktatur) und in der jüngeren Vergangenheit (ab 1990) sah es außerdem einige Konzerte von internationalen Rock- und Popgiganten (z. B. die Rolling Stones oder Pink Floyd vor deutlich über 100.000 Besuchern).

Groß, größer, Strahov

Den Weg zum Stadion kannte ich bereits aus dem Vorjahr – damals war ich gleich nebenan im auch nicht gerade kleinen Stadion „Evžena Rošického“ bei FK Slavoj Vyšehrad vs. FK Dukla Praha (2.Liga) – und da es per pedes zu knapp geworden wäre, löhnte ich 110 CZK (ca. 4,30€) für ein 24h-Ticket der Prager Verkehrsbetriebe (in Anbetracht der Planung für die nächsten 24 Stunden, hatte der Kauf so oder so Sinn). Per Tram und Bus ging es hoch auf den Strahov-Hügel und 10:10 Uhr erreichte ich das gigantische Stadion. Mittlerweile ist jenes Heimat des Trainingsgeländes und der Geschäftsstelle des AC Sparta. Es passen immerhin stolze neun Fußballfelder zwischen die altehrwürdigen Tribünen (ca. 70.000m² Nutzfläche). Da bietet sich so etwas an.

Blick von der Feldmitte in die Stadionecke, wo Sparta B spielt

In einer Stadionecke trägt die B-Mannschaft von Sparta ihre Pflichtspiele aus und 50 CZK (ca. 1,95€) mussten am Einlass abgedrückt werden. Auf den Traversen am Spielfeldrand sprach dann eine nicht kleine Minderheit deutsch. Hopperfasching in Prag! In der Groundhopper-App gaben sich rund 30 bundesrepublikanische Ballfreunde zu erkennen. Darunter auch fünf Typen mit einem 96-Logo im Profil. Das ganze Jungvolk aus Hannover kenne ich natürlich nicht persönlich (aufgrund meiner seit 2014 währenden 96%igen Abstinenz im Niedersachsenstadion), so dass wir uns selbst bei Wohlwollen nicht hätten landsmannschaftlich organisieren können. Allerdings war doch noch ein mir bekanntes Gesicht aus Hannover anwesend. Lebenskünstler und Länderpunktkönig Helge W. gab sich allerdings erst nach Spielschluss per Kurznachricht zu erkennen. Der Ex-Azubi von Markus L. aus P. schien mich also erspäht und beobachtet zu haben, traute sich aber offenbar nicht nach einem Autogramm zu fragen.

Rund 400 Zuschauer (darunter wahrscheinlich 100 Hopper) waren erschienen

Das Spiel sollte ich also ganz in Ruhe verfolgen können. Dennoch hatte ich schon vor Anpfiff schlechte Laune. Denn es existierte leider kein zutiefst ersehnter Würstchengrill. Frühstück war bereits aufgrund der frühen Abfahrtszeit in Olomouc ausgeblieben und nun fiel auch noch der Klobasa-Sonntagsbrunch ins Wasser. Aber ich hatte es bereits befürchtet. Dass Sparta bei der zweiten Mannschaft Catering auffährt, war leider so realistisch wie, dass Dietmar Hopp für seine medienwirksamen Wohltätigkeiten tatsächlich spürbar sein Vermögen aufwendet. Kleine Milchmädchenrechnung: Die Summe, die er spendet, ist relativ gesehen, als wenn so ein Durchschnittstyp wie ich im Jahr einen Hunderter für einen wohltätigen Zweck locker macht. Dummerweise bin ich kein Milliardär, daher sehe ich in absoluten Zahlen etwas bescheiden gegenüber Schallkanonen-Didi aus.

Der Ball rollt

Da der Hoffenheimer Philantroph uns jedoch bald über seine Firma „CureVac“ – klingt irgendwie, als wäre es ein osteuropäischer Kraftausdruck, oder? – den weltweit ersten Impfstoff gegen SARS-CoV-2 „schenken“ wird, will ich mal lieber ruhig sein. Ich kann es mir schon bildlich vorstellen, wie der Boulevard titelt: „Ultras – Hopp rettete auch ihre Leben, doch die Hetze geht weiter“. Einen Vorgeschmack gab es bereits im halbwegs seriösen Hamburger Abendblatt, wo sich der stellvertretende Chefredakteur Matthias Iken entblödete einen Kommentar unter der Überschrift „Von der Hassfigur der Ultras zum Hoffnungsträger bei Corona“ mit der Formel „Deutschland braucht weniger Ultras und mehr Dietmar Hopps“ zu beschliessen. Herr Iken sollte lieber mal prüfen, wer die Falschmeldung in die Welt gesetzt hat, dass sich die USA  „Hopps Impfstoff“ exklusiv sichern wollten, aber der Sohn einer herzensguten Frau das natürlich eigenhändig unterbunden hat. Profitieren von Schlagzeilen wie „Streit um Corona-Impfstoff: Hopp erteilt Trump-Plan klare Absage“ tut jedenfalls in erster Linie ein gewisser Dietmar Hopp. Vielleicht könnte man da mit der Recherche anfangen…

Ein echter Fan von Sparta

Doch zurück ins schöne Prag. Bei ein paar zarten Strahlen der Frühlingssonne, ging Spartas Reserve in der 10.Minute in Führung. Torschütze war der erst 16jährige Spielgestalter Adam Karabec. Da Karabec im B-Jugend-Alter bereits zu den Leistungsträgern der 2.Herren gehört und sogar schon einmal bei den ganz Großen in der 1.Liga auflaufen durfte, muss ich mir den Namen vielleicht mal merken. Der Bengel macht jedenfalls unheimlich viele Meter und ist nahezu permanent anspielbar. Die Bälle verteilt er mit Übersicht und sicheren Pässen im Mittelfeld. Dazu die bewiesene Torgefahr. Könnte ’ne große Karriere werden.

Kleiner Fußball, großes Stadion

Obwohl Sparta eigentlich klar besser war und das Spiel dominierte, wurden ihnen die Gäste Ende der 1.Halbzeit nochmal gefährlich. Petr Mužík, der mit seinen 33 Lenzen der Vater von Karabec sein könnte, glich in der 38.Minute für Jiskra Domažlice aus. Außerdem wurde nur drei Minuten später die vermeintliche Gästeführung wegen eines Stürmerfouls abgepfiffen. Somit ging es mit 1:1 in die Pause, in der ein 60er-Jahre-Hitmedley aus den Boxen dröhnte. Wieder schmerzte, dass es keine Klobasa gab.

Flache Traversen, denen ein Würstchengrill gut zu Gesicht gestanden hätte

In den zweiten 45 Minuten sollte der Ballsport vor fast leeren Rängen erneut vom leeren Magen ablenken. Wobei ich rund 400 Zuschauer ganz ordentlich finde für eine 2.Mannschaft in der 3.Liga, gegen einen unspektakulären Gegner aus dem böhmisch-bayrischen Grenzgebiet. Aber in dem Stadion wirkt das natürlich trotzdem verloren. Spartas ivorischer Stürmer Dao Youssouf besorgte dann in der 62.Minute die abermalige Führung für die Dunkelroten. Das fand ich gar nicht so gut, da Sparta immer mehr durch Schauspieleinlagen nach verlorenen Zweikämpfen auffiel. Aber gut, Theatralik ist einer der wichtigsten Ausbildungsinhalte auf dem Weg zum Fußballprofi. Solange Publikum und Medien so etwas tolerieren oder gar als clever euphemisieren, anstatt es als unsportlich zu geißeln, wird sich das auch nie ändern.

Der Strafstoßtreffer zum 3:1

Nach dem 2:1 hatten die Prager Jungschen wieder alles im Griff und die Fallsucht wurde in der 72.Minute noch mit einem Strafstoß belohnt. Wobei ich fairerweise anmerken muss, dass ich das vermeintliche Foulspiel nicht beobachtet habe. Aber allein dieser Schrei des fallenden Sparta-Angreifers, der wahrscheinlich noch bis Usti nad Labem zu hören war, reichte mir schon zur Vorverurteilung. Wie auch immer, aus 11 Metern traf Václav Drchal sicher zum 3:1 und dabei sollte es auch bleiben.

Blick in Spartas Fuhrpark

Nach dem Spiel nahm ich den ersten Bus in Richtung nächstbeste Tram-Station. Es war jetzt 12:15 Uhr und ich beschloss schon mal zur Unterkunft zu fahren. Im Umfeld dieser wollte ich nach einem Lokal zum verspäteten Frühstück bzw. Mittagessen Ausschau halten, um die Zeit bis zum Check-In (ab 14 Uhr) sinnvoll zu überbrücken. In der Bahn fielen mir nun unheimlich viele Menschen mit Blumensträußen ins Auge. Es ratterte kurz in meinem Oberstübchen und dann fiel mir ein, dass der 8.März jährlich der internationale Frauentag ist. In den ehemals realsozialistischen Ländern hat sich bis in unsere Tage die Tradition gehalten, dass man den Frauen an diesem Tag schöne Blumen schenkt.

Unterwegs in Prag

Im Sozialismus, der offiziell Mann und Frau gleich (schlecht) behandelte und entlohnte, war das noch ein politischer Kampftag und die Blumen nur schmückendes Beiwerk. Im kapitalistischen System scheint es mehr ein Konjunkturprogramm für die Floristikbranche und den Süßwarenmarkt zu sein. Vielleicht trösten die Blumen oder Pralinen die Frauen darüber hinweg, dass sie durch das „Gender Pay Gap“ bis Mitte März mehr oder weniger unentgeltlich arbeiten. Denn die Differenz beim Durchschnittslohn beträgt beispielsweise in Deutschland zwischen Männlein und Weiblein ca. 20%, so dass die Lohnungleichheit gerne mit rund 75 Tagen unbezahlter Arbeit pro Kalenderjahr veranschaulicht wird.

Das mir bestens bekannte Barrio Žižkov unterhalb des Nationaldenkmals

Gegen 12:45 Uhr stieg ich schließlich nahe des Hotels „Theatrino“ (****) aus meinem duftenden Blumenexpress. Übrigens die selbe Station wie im August 2019, als ich im Hotel „Golden City“ (***) untergebracht war. In die Bude wollte ich mich eigentlich erneut einmieten, doch dann sah ich, dass das Vier-Sterne-Hotel um die Ecke nur 22,95€ inklusive Frühstück kosten sollte, während das „Golden City“ bei rund 30€ inklusive Frühstück lag. Da musste ich natürlich nicht lange überlegen und gönnte mir zum Ende der Tour noch mal etwas Gutes.

Hähnchensnack zur Mittagszeit

Entsprechend war ich wieder im Stadtteil Žižkov (Zischkerberg) untergebracht und ergo kannte ich mich bereits im Barrio aus. Hier gab es weiterhin zuvorderst Küche aus aller Welt (Türkisch, Chinesisch, Mexikanisch, Pakistanisch u.v.m.), anstatt böhmische Spezialitäten, doch genau gegenüber meines Hotels war ein Lokal, welches draußen auf der Schiefertafel mit einheimischer Küche warb. Im „Osudová Přitažlivost“ (zu deutsch: Verhängnisvolle Affäre) war allerdings sonst kein Gast anwesend und die Hälfte der eh schon schmalen Speisekarte nicht verfügbar. Egal, wurde halt das angepriesene „Roasted Chicken with Roasted Potatoes“ bestellt. War nichts Dolles und mit 200 CZK (ca. 7,80€) auch nicht gerade preiswert (so nach hiesigen Maßstäben), aber man konnte es essen. Der Laden war wohl auch mehr Kneipe mit Snacks, denn Restaurant.

Mein Bettchen im Theatrino

Nach dem Essen war es zwar erst 13:30 Uhr, doch mein Hotelzimmer würde bestimmt schon bezugsfertig sein. So war es dann auch und gegen 13:45 Uhr war ich ohne lästiges Gepäck zurück auf dem Prager Straßenpflaster (ich war doch tatsächlich, notgedrungen, mal mit Rucksack im Stadion und fühlte mich die ganze Zeit von den Groundhoppern mit „Ah, noch einer von uns“-Blicken gewürdigt). Da ich bereits in 2,5 Stunden am Stadion von Slavia sein wollte, brauchte ich allerdings keine große touristischen Projekte mehr starten. Ich beschloss lediglich ein wenig durch Žižkov zu flanieren und außerdem den Hügel des tschechischen Nationalmonumentes zu erklimmen.

Ausblick vom Vitkov auf Žižkov mit dem markanten Fernsehturm

Auf dem 274 Meter hohen Vitkov (Veitsberg) steht das Reiterstandbild von Hussitenheerführer Jan Žižka und dahinter findet man eine große Marmorhalle. Ausflüge in die Prager (und tschechische) Geschichte erspare ich dem Leser an dieser Stelle allerdings, da ich diesbezüglich im August 2019 bereits meine Schuldigkeit getan habe. Stattdessen möchte vom schönen Ausblick berichten und anmerken, dass sich der Vitkov auch ideal zum Trainspotten eignet. Trainspotting ist vielleicht auch ein erfüllendes Ersatzhobby für die ganzen Groundhopper in der coronabedingten Zwangspause? Irgendwann ist die Eintrittskartensammlung ja mal zu Ende sortiert und Züge rollen im Gegensatz zum runden Leder auch in den kommenden Monaten. Aber bitte fein säuberlich Buch führen über jeden erspähten Zug!

Trainspotting in Tschechien

08.03.2020
SK Slavia Praha – AC Sparta Praha 1:1
1. česká fotbalová liga (I)
Eden Aréna (Att: 19.370)

Gegen 15:30 Uhr stieg ich wieder hinab vom Vitkov und wollte mit einer Kombination aus zwei Buslinien zum Stadion gelangen. Der Knackpunkt war allerdings Bus Nr.2. Das war die gleiche Linie, die schon beim vorherigen Spielbesuch bei Slavia mit überfüllten Bussen aufwarten konnte. Wieder nichts gelernt, Herr Snepanovic! Aber von der Station Flora war es zu Fuß auch nicht mehr weit zum Stadion und ca. 16:15 Uhr erreichte ich die moderne Spielstätte. Das Ticket für das ausverkaufte Fußballfest hatte ich mir bekanntlich zwei Tage zuvor gesichert. Während ich beim Zweitligaspiel FC Vysočina Jihlava vs. FK Fotbal Třinec saß, waren glücklicherweise noch ein paar Restkarten oder Rückläufer in den Onlineverkauf gegangen. Für umgerechnet 35€ war ich so an ein begehrtes Billet für die Haupttribüne gekommen.

Für Sicherheit war gesorgt

Nachdem ich das Drehkreuz überwunden hatte, gönnte ich mir zu allererst ’ne pikante Klobasa. Da war schließlich noch Nachholbedarf (erst die zweite Stadionwurst auf dieser Reise). 70 CZK (ca. 2,75€) musste ich investieren. Die Zeiten, wo es in CZ alles beinahe umsonst gibt, sind eben auch vorbei. Als ich die Wurst auf meinem gebuchten Platz, angrenzend zur Fanhintertortribüne von Slavia, verzehrte, realisierte ich, dass der Standort für meine Zwecke gar nicht so geil war. War ein schlechter Winkel für Fanaktionen im Heimsektor. Also wechselte ich fünf Minuten vor Anpfiff noch ans andere Ende der Haupttribüne. Hier hatte ich eine gute Sicht auf beide Fanblöcke und trotz offiziell ausverkauftem Haus,  war es kein Problem noch eine freie Sitzschale zu okkupieren.

Heute geht es um die Wurst

Vom neuen Standort hatte ich die Choreographie von Slavia gleich viel besser vor der Linse. Die „Tribuna Sehver“ hatte eine große Blockfahne mit drei liebevoll gemalten ABC-Schutzanzugträgern gepinselt und auf dem Banner vor der Tribüne war übersetzt „Pyrotechnik-Kommando Slavia Prag“ zu lesen. Als die Teams den Rasen betraten, war dies wiederum das Signal für das Kommando, um die Blockfahne mit Bengalischen Lichtern zu umrahmen. Witzigerweise hatten einige der Pyrotechniker selbst ABC-Schutzanzüge an. Ein schönes Bild zum Einstieg ins 295.Derby (siehe Titelbild).

Ausblick von meinem regulären Sitzplatz

Der Gästeblock hielt sich dagegen zunächst noch optisch zurück, als um 17 Uhr angepfiffen wurde. Erst nach sechs oder sieben Spielminuten präsentierten sie einen großen Sparta-Schriftzug im Zentrum ihres Blockes und ergänzten ihn mit Folientafeln in den Vereinsfarben rot, gelb und blau. Das war mehr so 08/15, aber bei Gästefans kann man natürlich nicht die gleichen Maßstäbe wie bei der Heimszene anlegen.

Etwas spartanischere Choreo im Gästeblock

Sportlich sahen die Voraussetzungen ebenfalls besser für Slavia aus. Der amtierende Doublesieger der Tschechischen Republik zieht auch diese Saison einsam an der Tabellenspitze seine Kreise. 57 Punkte aus 23 Spielen sind ’ne Ansage und der Zweitplatzierte Viktoria Plzeň hat zehn weniger auf dem Konto. Die chinesischen Investorenmillionen, die seit Ende 2015 fließen, machen es möglich (99% der Clubanteile sind in chinesischer Hand). Sparta, in der Vorsaison immerhin Dritter, erlebt dagegen eine bisher katastrophale Spielzeit. Man ist gegenwärtig Siebter mit 34 Punkten. Ziemlich enttäuschend für einen Club, der tschechischer Rekordmeister ist und das letzte Vierteljahrhundert nie schlechter als Platz 5 abgeschlossen hat.

Virologen, schaut auf diese Kurve

Aber so’n Derby hat bekanntlich seine eigenen Gesetze und Sparta hielt ganz gut mit. Sie konnten nach der Abtastphase in der 14.Minute auch den ersten Torschuss des Tages verbuchen. Allerdings war Slavias Schlussmann Kolář auf dem Posten. Insgesamt war die 1.Halbzeit von wenigen Chancen und vielen kleinen Unterbrechungen geprägt (auch bereits vier Gelbe Karten wurden gerecht auf beide Teams verteilt). Umso besser, dass auf den Rängen akustisch von beiden Lagern beste Unterhaltung geboten wurde. Außerdem wollten Slavias Ultras offenbar nicht erst bis zum Wiederanpfiff mit ihrer zweiten Choreo warten.

Der Pyrovirus zeigt seine Symptome

Kurz vor’m Ende des ersten Durchgang war auf der Nordtribüne mittels Papptafeln von einem „Pyrovirus“ zu lesen. Das Banner vor der Tribüne gab preis, dass die „Tribuna Sehver“ positiv auf diesen „Pyrovirus“ getestet wurde. Die Symptome schienen leuchtende Fackeln und bunter Rauch zu sein. Da dieser Virus schon seit Jahrzehnten in den Fankurven dieser Welt verbreitet ist, werden wir den Patienten Null leider nicht mehr finden. Dass die meiste Pyrotechnik aus China kommt, sollte da nicht zu falschen Schlüssen verleiten. Außerdem scheinen bestimmte Länder stärker betroffen als andere und die Eindämmungsstrategien sind auch von Staat zu Staat unterschiedlich.

Der Pyrovirus breitet sich partikelweise aus

In Deutschland probiert man es seit Jahren mit „Hammer and Dance“. Wenn das Virus massiv ausbricht, gibt es immer wieder temporäre „Shutdowns“ von ganzen Fankurven oder Gästeblöcken. Doch selbst der Ausschluss der Risikogruppe vom Fußball – jung, meist männlich, Turnschuhe und Windbreaker tragend – hat langfristig nicht die gewünschten Effekte erzielt. Die Institute DFB und DFL glaubten lange, dass man den „Pyrovirus“ durch Isolation der Riskogruppe ausrotten kann oder die Transformation der Stadien in sterile Arenen das Virus tötet. Auch die Theorie, dass die gezielte Ansiedlung von pyroimmunisierten Klatschpappenfans langfristig zu einer Herdenimmunität im Publikum führt, ist bisher an der Praxis gescheitert. Fakt ist, dass es gegen den „Pyrovirus“ immer noch keinen Impfstoff gibt (auch wenn Dietmar Hopps Firma „CureVac“ bestimmt daran forscht) und ebenfalls weiterhin keine wirksame Medizin gegen das erzeugte Krankheitsbild „Pyromanie“ existiert.

Der Virus bricht auch im Gästesektor aus

Weil sich der Virus offenbar über Rauchwolken ausbreitet (so genannte Partikelinfektion), gab es in der 2.Halbzeit natürlich auch einen Ausbruch im Gästesektor. Obwohl sich die Ultras von Sparta extra Schutzanzüge angezogen hatten und Schutzmasken trugen, war eine Ausbreitung des Virus im ganzen Block nicht mehr zu verhindern. Überall leuchtete und loderte es in Südostecke des Stadions. Nach wenigen Minuten klangen die Symptome aber wieder ab. Mein Fazit nach langjähriger Feldforschung: Der „Pyrovirus“ ist zwar unter Umständen gesundheitsgefährdend, aber in der Regel verläuft alles schadlos und die Symptome klingen meistens schneller ab, als sie aufgetaucht sind. Deutlich mehr „Dance“ als „Hammer“ ist meine Empfehlung.

Der Höhepunkt der Infektionen scheint im Gästesektor erreicht

Außerdem fielen die angereisten Fans aus Praha-Letna noch mit einem Spruchband auf serbisch auf. „Ne damo svetinje“ (zu deutsch: Wir geben unsere Heiligtümer nicht her) war in kyrillischen Lettern zu lesen und dazu wurde ebenfalls eine bengalische Fackel entzündet. Damit sollte Unterstützung für die Serben, respektive die serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro ausgedrückt werden. Der Montenegro seit 30 Jahren in verschiedenen Funktionen beherrschende Kleptokrat Milo Djukanovic hatte Ende letzten Jahres ein umstrittenes Religionsgesetz durchgeboxt, welches ermöglicht die serbisch-orthodoxe Kirche (der ca. 70% der Einwohner des Landes angehören) weitgehend zu enteignen. Dagegen gehen seit Monaten zweimal wöchentlich zehntausende Montenegriner dezentral auf die Straße, was bei nur 600.000 Einwohner im gesamten Staat eine bemerkenswerte Zahl ist. Solidarität gibt es natürlich aus Serbien und aus Staaten oder von Gruppen, die sich dem serbischen Volk verbunden fühlen (anscheinend auch tschechische Fußballfans von AC Sparta Praha). Denn wir reden hier vom Balkan, selbstverständlich steckt da viel mehr dahinter, als nur ein innenpolitischer Streit zwischen Staat und Kirche in einem kleinen Bergland an der Adriaküste.

Solidarische Grüße gen Serbien und Montenegro

Fußball wurde im zweiten Durchgang natürlich auch noch gespielt. Sogar wesentlich mitreißender, verglichen mit der 1.Halbzeit. Das erste Mal machte ich in der 50.Minute einen langen Hals, als Slavias Petr Ševčík eine Rakete per Volleyschuss auf den Sparta-Kasten abfeuerte. Doch Milan Heča verhinderte den Rückstand mit einer Glanzparade. Nur zwei Minuten später standen Ševčík und Heča wieder im Rampenlicht. Der Tormann verkackte einen liberomäßigen Befreiungsschlag weit vor’m eigenen Tor, doch Ševčík, dem der Ball vor die Füße fiel, verfehlte das leere Tor aus ca. 30 Metern.

Freude über das vermeintliche 0:1

In der 58.Minute zappelte der Ball dann auf der anderen Seite des Spielfelds im Netz. Großer Jubel bei den „Letenšti“, doch Obacht, der VAR wurde vom Unparteiischen zu Rate gezogen. Beim Videostudium sah der Referee ein Stürmerfoul von Spartas Benjamin Tetteh und annulierte somit den Treffer. Das sorgte natürlich für einen drastischen Stimmungsumschwung im Gästebereich und einige Wutsitzschalen flogen auf den Platz. Zum Glück konnte Tetteh sein Ungeschick in der 80.Minute ausbügeln. Kurz hinter der Mittellinie nahm der ghanaische Angreifer einen Steilpass von Bořek Dočkal auf und startete einen Sololauf bis in den gegnerischen Strafraum. Als er dann abstoppte, anstatt sofort aus dem Lauf abzuschließen, dachte ich zunächst, er vertändelt den Ball sinnloserweise. Doch mitnichten, aus zwölf Metern knallte Tetteh das Leder eiskalt unter die Latte, obwohl mittlerweile einige Verteidiger ihrem Torwart zur Hilfe geeilt waren.

Freude über das tatsächliche 0:1

Jetzt gab es natürlich kein Halten mehr im Fanblock von Sparta. Nach 10 sieglosen Derbys in Serie, würde so ein Auswärtssieg beim Erzfeind wahrscheinlich eine verkorkste Saison retten. Zumindest aus der Fanperspektive. Zu blöd, dass Slavias kroatischer Joker namens Petar Musa etwas dagegen hatte. Es muss schon die dritte oder vierte Minute der Nachspielzeit gewesen sein, als Jan Boril einen Freistoß aus dem Halbfeld gefährlich in den Strafraum segeln ließ und sich Musa hochschraubte. Bei seinem platzierten Kopfball hatte Tormann Heča keine Chance. 1:1!

Wahre Freudenfeuer gab es am Ende jedoch nur im Heimsektor

Nun brodelte der Hexenkessel in Praha-Vršovice nochmal richtig. Pure Ekstase bei den „Sešivani“ (zu deutsch: „Die Zusammengenähten“, aufgrund der traditionell rot und weiß geteilten Trikots). Der späte Ausgleich fühlte sich wie ein Sieg an und entsprechend tickten die letzten Sekunden des Spiels im Fackelschein der Freudenfeuer herunter. Ein tolles Derby, jedenfalls für den neutralen Stadiontouristen und im Wesentlichen auch den Slavia-Anhang, endete also ähnlich stimmungsvoll, wie es begonnen hatte. Ich hatte schon so eine Ahnung, dass das auf lange Sicht mein letzter Stadionbesuch gewesen könnte (das heutige Derby stand gesundheitsbehördlich auch schon auf der Kippe) und verließ das Stadion mit einem lachenden und einem weinenden Auge.

Sankt Prokop in Žižkov bei Nacht

Dass ich anschließend in einem völlig überfüllten Linienbus nach Žižkov zurückfuhr, wirkt im Nachhinein wie ein Anekdötchen aus einer anderen Zeit. Aber trotz Zukunftspessimismus aufgrund der mittlerweile unabwendbar scheinenden Pandemie, wollte ich natürlich noch das Urlaubsende genießen. Zumal das vor dem Trip ausgemalte „Worst Case Scenario“ nur noch wenige Stunden hatte, um einzutreten. Albtraum war, dass ich in einem Hotel auf der Reise unter Quarantäne gesetzt werde, weil da zeitgleich ein COVID-19-Fall auftritt. Besonders bei den internationalen Touri-Hotspots Budapest und Prag hatte ich ein mulmiges Gefühl, befeuert durch Meldungen von abgeriegelten Hotels in beispielsweise Mailand oder auf Teneriffa.

Laute Speisekarte: Roasted beef served with red wine sauce on a potatoe pancake

Doch bis hierhin lief es ganz gut und meine letzten 300 CZK wollte ich jetzt noch in eine weitere Gastwirtschaft stecken. Nahe des Hotels fand ich das „Lavička“, wo ich mir ein großes Stück Rinderbraten auf Kartoffelstampf mit Rotweinsauce gönnte (perfekt für ’nen Sonntag). Dazu noch eine böhmische Bierspezialität vom Fass (Bernard 12° ungefiltert) und ich war mit Trinkgeld tatsächlich meine 300 CZK los (ca. 11,50€). Gegen 21 Uhr ging es zufrieden zu Bette und am nächsten Morgen war ich entsprechend auch ohne Wecker schon gegen 7 Uhr wach.

Gang 1: Deftige Delikatessen

Doch nach dem Duchen der Schock! Nein, das Hotel war weiterhin nicht unter Quarantäne gesetzt worden. Es war eher schlimmer. Denn bei einem meiner Badelatschen hatte sich der Riemen gelöst, was natürlich auch das Todesurteil für Latschen Nr. 2 war (ich bin mir sicher, dass er nicht alleine weiterleben wollte). Wehmut erfasste mich! Denn zu dritt hatten wir die letzten Jahre viele tolle Touren erlebt. Am Frühstücksbuffet gedachte ich noch ein wenig der Latschen. Wer in seiner kurzen Lebenszeit vier Kontinente gesehen hat und schon mal den Sand der Copacabana liebkoste, kann kein so schlechtes Leben gehabt haben. Und Prag als „Final Destination“ ist ja auch ganz okay.

Gang 2: Süße Versuchungen

Das Frühstück im „Hotel Theatrino“ war übrigens top. Die Auswahl ließ kaum Wünsche offen, so dass ich mehrfach Geschirr mit Leckereien ausstattete. Erst gab es Baked Beans, krossen Bacon und Rührei, sowie einen schönen gemischten Salat mit Fetawürfeln. Danach ging es mit Schokomüsli, buntem Obstsalat und mit Nussnougatcreme bestrichenen Bananenscheiben deutlich süßer weiter. Außerdem stimmte das Ambiente. Denn das Hotelrestaurant war in einem sehr schicken ehemaligen Theatersaal untergebracht. Der Hotelname kam ja nicht von ungefähr.

Žižkov in der Morgensonne

Ca. 9:30 Uhr checkte ich schließlich aus und fuhr mit der Tram zum Prager Hauptbahnhof (man muss sein 24h-Ticket natürlich optimal nutzen). Bei der Rückfahrt war die DB tatsächlich günstigster als die CD (Tschechische Bahn) und transportierte mich mit BC25-Rabatt für 37,60€ (inklusive Reservierung) von Prag nach Hannover. Blöd nur, dass Wagen 256, in dem mein Platz sein sollte, nicht existierte. Ich war kein Einzelfall und der deutsche Heinz und die deutsche Helga waren natürlich völlig überfordert damit, dass es „ihren“ Wagen nicht gab. Während in 255 allerdings diverse Plätze reserviert waren, waren im benachbarten Wagen 257 alle Plätze mit „Ggf. reserviert“ markiert. Ergo ließ ich mich dort in einem der 6er-Abteile nieder. Die „German Mature Travellers“ blieben jedoch, trotz gutem Zureden von meiner Seite („Ah, sie sprechen Deutsch?“ „Ja, ich spreche Deutsch […] das wird garantiert der Ersatzwagen für 256 sein.“), erstmal mit Sack und Pack auf dem Gang stehen. Die hatten noch Sorge, dass auf einem der nächsten Halte jemand zusteigt, der Anrecht auf die hiesigen Plätze haben könnte. Aber gut, das war eigentlich recht reflektiert von ihnen. Denn wenn der deutsche Spießbürger irgendwo zusteigt und erst jemanden auffordern muss von seinem rechtmäßig reservierten Platz aufzustehen, geht das oft mit großer Empörung einher, die den Heinz oder die Helga auch nach Durchsetzung des erworbenen Rechts noch minutenlang fesselt.

Erfolgreiches Social Distancing

Nach dem ersten Halt Praha-Holešovice kehrte dank des Zugbegleiters endlich Ruhe in Wagen 257 ein („Was hat der gesagt?“ „Der sagt, wir sollen einfach hier die Plätze 36 bis 42 einnehmen. Gibt wohl heute keinen Wagen 256.“) und ich durfte abermals die wunderschöne Bahnstrecke zwischen Prag und Dresden genießen. Dazu kam mit Dresden-Berlin ein mutmaßlich unbekannter Streckenabschnitt dazu. Kann mich jedenfalls nicht erinnern zwischen beiden Städten mal auf der Schiene gereist zu sein. Habe ich allerdings auch nichts verpasst (hatte wohl auch seinen Grund, dass es in der brandenburgischen Einöde keinen Zwischenhalt gab). Aus Berlin ging es schließlich mit einem ICE das letzte Teilstück in die Heimat. Als ich gegen 17:30 Uhr vor leeren Regalen im Supermarkt meines Vertrauens stand, merkte ich erstmals, dass sich auch vor der eigenen Haustür ganz schön was zusammenbraut. Krise ist ja sonst immer nur woanders.

Waiting for an ICE to Western Germany

Drei Tage später wurde dann schon der Zugverkehr zwischen CZ und D eingestellt und einige Länder machten mehr oder weniger ihre Grenzen dicht. Ebenso sollte in den meisten Ligen Europas vorerst kein Ball mehr rollen. Außerdem waren bald alle Kneipen und Restaurants dicht. Das Leben, das ich kannte und liebte, war plötzlich nicht mehr möglich. Als dann, völlig nachvollziehbar, der Reiseverkehr nahezu weltweit zum Erliegen kam, war klar, dass ich kurz- oder mittelfristig keine Touren planen brauche. Überraschenderweise hatte ich seit Jahren erstmals sowieso nichts konkret im Köcher. Klar, ich wollte auch 2020 meine rund 150 freien Tage vorwiegend reisend verbringen und viele Ideen schwirrten im Kopf herum, aber es war tatsächlich noch kein weiterer Flug, Zug oder Schlafplatz gebucht. Da darüberhinaus noch ausreichend Klopapier im Haus war und ich außerdem beruflich systemrelevant bin, trifft mich die Krise eh vergleichsweise mild. Die Freizeit hat halt für ungewisse Zeit deutlich an Qualität verloren, die geschätzten Sozialkontakte fehlen und man sorgt sich um die Mitmenschen, die von der Krise auch monetär betroffen sind (gesund sind bisher zum Glück alle geblieben). Ich erpare mir jetzt Floskeln, Kalendersprüche oder Zukunftsprognosen und lass mich einfach mal überraschen, wann „Schneppe Tours“ seinen mit diesem Beitrag eingeleiteten Ruhemodus verlassen kann. Bis dahin; Munter bleiben!