Brno (Brünn) 03/2020

Aus dem slowakischen Nitra (Neutra) ging es am fünften Märzmorgen per Bahn via Nové Zámky (Neuhäusl) ins tschechische Brno (Brünn). Das Ticket hatte ich, wie fast alle auf der Tour, bei der České dráhy (Tschechische Staatsbahn) online im Voraus gekauft. Kostete im Vorverkauf umgerechnet 13,12€ und um 10:03 Uhr sollte am Nitraer Bahnhof Abfahrt sein. Leider startete der Regionalzug im ersten Reisesegment mit 30 Minuten Verspätung und holte bis Nové Zámky auch nichts mehr auf (Ankunft nun 11:16 Uhr statt 10:46 Uhr). So halfen mir selbst großzügige 25 Minuten Umstiegszeit nicht mehr und weil der nächste EuroCity nach Brno erst 13:11 Uhr fahren sollte, durfte ich nun rund 115 Minuten in Nové Zámky verbringen.

Welcome to Slovakia

Nach dem Verlassen des Bahnhofs wurde schnell klar, dass das kein Geschenk des Schicksals war. Obwohl der Grundriss der alten sternförmigen Festungsstadt noch klar auf dem Stadtplan erkennbar war und dieser sogar das Stadtwappen ziert, hielten sich die Spuren der Stadtgeschichte von vor 1945 in ganz engen Grenzen. Dabei existiert Nové Zámky schon seit 1545 und wurde als Festungsstadt zum Schutze gegen die Osmanen (Türken) gegründet. Die sechszackige Festung konnte zunächst im 16. und 17.Jahrhundert stolze sechs Türkenangriffe abwehren, ehe die Stadt 1663 doch noch für rund zwei Jahrzehnte an das Osmanische Reich fiel.

Der Bahnhof von Nové Zámky

Nach der Wiedereroberung durch kaiserliche Truppen im Jahre 1685 gehörte die Stadt wieder bis 1918 zum Habsburgerreich (ungarische Reichshälfte). Nachdem im ausgehenden 17.Jahrhundert die türkischen Expansionsbestrebungen in Mitteleuropa endgültig abgewehrt waren, gab es gegenwärtig keine externe Gefahr für die Habsburger an ihrer Südflanke. Dafür allerdings im späten 17. und frühen 18.Jahrhundert eine interne Bedrohung durch die Kuruzen (ungarische Aufständische aus dem niederem Adel und der Landbevölkerung; vgl. Reisebericht aus Nitra). Nové Zámky war eine Hochburg der Kuruzen und deshalb wurde die Festung nach der Befriedung durch die Habsburger ab 1724 geschliffen.

Kirche der Erhöhung des Heiligen Kreuzes

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) wurde Nové Zámky trotz ungarischer Bevölkerungsmehrheit Teil des neugebildeten Staates Tschechoslowakei. Im Rahmen der aggressiven Außenpolitik des seit 1933 nationalsozialistischen Deutschen Reiches, kam die Südslowakei mitsamt Nové Zámky 1938 jedoch erneut zu Ungarn. Der deutsche Diktator Adolf Hitler forcierte damals eine schrittweise Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates und Ungarn war dabei neben Polen einer der Juniorpartner, die sich ebenfalls tschechoslowakische Territorien einverleiben konnten.

Restaurant Panorama in Nové Zámky

Nachdem das Deutsche Reich und seine Verbündeten allerdings als Verlierer aus dem Zweiten Weltkrieg  (1939 – 1945) hervorgingen, wurde die Tschechoslowakei wieder restauriert und bekam die an Deutschland, Polen und Ungarn verlorenen Gebiete zurück. Die Sowjetunion installierte alsbald eine sozialistische Marionettenregierung, bis es 1989 zur politischen Wende in Osteuropa kam und die Tschechoslowakei zunächst demokratisch nach westlicher Lesart wurde und dann ihren Staatenbund aus Tschechei und Slowakei einvernehmlich löste. Noch heute ist Nové Zámky, welches nun seit 1993 Teil der Slowakei ist, aufgrund der großen ungarischen Minderheit zweisprachig.

Realsozialistisches Erbe

Steinerne Zeugen der wechselhaften Geschichte fand ich allerdings fast ausschließlich aus der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Denn ein Großteil der Stadt wurde im Zweiten Weltkrieg durch Bombenangriffe zerstört. Lediglich die römisch-katholische Marktkirche Erhöhung des Heiligen Kreuzes (17.Jahrhundert), das Franziskanerkloster (ebenfalls 17.Jahrhundert) und die Synagoge (19.Jahrhundert) überstanden die Zerstörung und anschließende Neugestaltung der Stadt.

Socialistic Bromance

96 Minuten waren wirklich genug, um sich ein Bild dieser für jedwede Form von Tourismus unverdächtigen Stadt zu machen. Zum Glück ging es 13:11 Uhr pünktlich weiter und 15:37 Uhr war ich endlich in Brno (Brünn). Dass mir durch die Verspätung am Vormittag zwei fest eingeplante Stunden fehlten, passte mir natürlich gar nicht in den Kram. Die Sightseeing-Zeit bei Tageslicht hatte sich heute somit halbiert und ich beschloss erstmal mit Gepäck die Altstadt zu erkunden. Aufgrund einer sehr speziellen Unterkunft, wollte ich den mutmaßlich zeitaufwendigen Check-In lieber erst nach Einbruch der Dunkelheit machen.

Der Hauptbahnhof von Brno

Mit dem Rest des heutigen Tages und den Morgenstunden des kommenden Tages, kam ich jedoch insgesamt auf genügend Zeit, um mir einen ersten Eindruck vom Stadtbild und der Stadtgeschichte zu machen. Da sich das Programm auf den sonnigen Restnachmittag, die dunklen Abendstunden und einen sehr verregneten Morgen verteilte, sind die Fotos jetzt bunt gemischt angeordnet. Denn mich nun den Sehenswürdigkeiten in historischer Chronologie anzunähern, finde ich sinnvoller, als die zeitliche Abfolge meines Besuches zu wählen.

Der 63 Meter hohe Rathausturm (13.Jahrhundert)

Im Jahre 1243 wurde Brno bzw. Brünn vom böhmischen König Wenzel I. (aus der Dynastie der Přemysliden) gegründet. Wahrscheinlich veranlasste er auch den Bau der Burg Spielberg (Špilberk), die 1277 erstmals urkundlich erwähnt wird. Allerdings deuten archäologische Spuren darauf hin, dass es eine Vorgängerburg aus dem 11.Jahrhundert gab und zu deren Füßen auch schon eine städtische Siedlung existierte. Der Bau aus dem 13.Jahrhundert diente dann den Markgrafen von Mähren als Sitz, ehe die Burg im 17.Jahrhundert zu einer zeitgemäßen Festung im Stile des Barocks umgebaut wurde.

Festung Spielberg

Die von Beginn an zugedachte Rolle als Primatstadt Mährens, füllte Brünn schon ab dem späten 13.Jahrhundert mit einer Reihe von großen Sakralbauwerken und großzügigen Marktplätzen wie dem Kohlmarkt oder dem Unteren Markt (heute Freiheitsplatz) aus. Im 14.Jahrhundert wurde beispielsweise aus der romanischen Petruskirche eine dreischiffige gotische Basilika, die seit 1777 als Kathedrale St. Peter und Paul die Bischofskirche des Bistums Mähren ist. Aus diesem Anlass bekam die Basilika im späten 18.Jahrhundert eine barocke Umgestaltung im Inneren, während das Exterieur gotisch blieb bzw. noch später neogotisch erweitert wurde. Durch ihre exponierte Lage auf dem Petrov-Hügel, dominiert sie zusammen mit der Festung bis heute die Altstadt-Silhouette von Brno.

Kathedrale St. Peter und Paul (14.Jahrhundert)

Die Mährischen Markgrafen, die zum Adelsgeschlecht der Luxemburger gehörten, hatten im Spätmittelalter eine große Machtfülle. 1410 wurde mit Jobst von Mähren sogar einer der ihren zum König des Deutschen Reiches gewählt. Allerdings starb er bereits wenige Wochen später und konnte seinen Thron faktisch nicht mehr besteigen. Sein Vetter Sigismund – auch ein Luxemburger und Sohn des berühmten Kaisers Karl IV. (HRR) – wurde stattdessen König der Deutschen und erhielt später auch noch die Kaiserwürde des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRR). Sigismund hatte schon bei der Königswahl von Jobst Ansprüche angemeldet und möglicherweise könnte er etwas mit dem plötzlichen Ableben des mährischen Rivalen zu tun gehabt haben. Man kann nur spekulieren…

Haus der Herren von Leipa (vierstöckiges Renaissance-Palais aus dem späten 16.Jahrhundert)

Dank der Festung konnte Brünn im Dreißigjährigen Krieg (1618 – 1648) nicht von feindlichen protestantischen Heeren eingenommen werden. Übrigens gibt es das kirchliche Mittagsgeläut der Kathedrale St. Peter und Paul nicht wie üblich um 12 Uhr, sondern schon eine Stunde früher. Denn der Legende nach sicherten schwedische Truppen am 14.August 1645 den Parlamentären der Stadt zu, dass sie ihre Belagerung abbrechen, sollten sie Brünn bis zum folgenden Mittag immer noch nicht erobert haben. Als List soll der Bischof dann schon um 11 Uhr die Glocken zum Mittag geläutet haben und die Schweden brachen ihren vielversprechenden letzten Angriff ab. Wird wohl eher nicht so gewesen sein, aber ’ne nette Geschichte ist es natürlich.

St.-Michael-Kirche (Kostel sv. Michala), welche nach dem Dreißigjährigen Krieg barockisiert wurde

Erst im frühen 19.Jahrhundert verloren Brünn und der Spielberg ihren Nimbus als uneinnehmbare Festung. Am 2.Dezember 1805 hatte der französische Kaiser Napoleon bei Austerlitz (ca. 20km von Brünn entfernt) ein alliiertes Heer der Russen und Habsburger geschlagen und kurz darauf zog der Feldherr kampflos in Brünn ein. Die französischen Besatzer ließen wenig später weite Teile der Stadtbefestigung zurückbauen. Als Napoleon 1815 endgültig geschlagen war (Schlacht bei Waterloo), wurde in Brünn unterhalb der Kathedrale eine schöne Parkterrasse angelegt, auf welcher eine Kolonnade, ein Brunnen und ein Obelisk an den Krieg und den Sieg über die Franzosen erinnern.

Kolonnade und Brunnen zum Gedenken an den Sieg über Napoleon

Die Habsburger sahen in den folgenden Jahrzehnten wenig Sinn darin Brünn erneut stark zu befestigen. Bereits im 18.Jahrhundert wurde der Spielberg mehr als Gefängnis, denn als militärische Festung genutzt. Neben Schwerverbrechern, wurden dort auch viele politische Gefangene interniert, welche im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn für ihre Nation aufbegehrten. Vor allem italienische Nationalisten (weite Teile Norditaliens gehörten damals zum Habsburgerreich), kamen auf dem Spielberg in Kerkerhaft. Der berühmteste dieser „Carbonari“ (Carboneria war der Name eines Geheimbundes von italienischen Revolutionären) war wahrscheinlich der Dichter Silvio Pellico, der einen italienischen Nationalstaat propagierte und von 1824 bis 1830 als Staatsfeind hier einsaß. Auch polnische Rädelsführer kamen nach einem gescheiterten Aufstand im polnischen Teil des Habsburgerreiches (1846) in Brünner Festungshaft. Nationalisten aus Böhmen, Mähren, Ungarn, Kroatien, der Slowakei usw. landeten ebenso vereinzelt im Brünner Vollzug, weshalb der Spielberg im 19.Jahrhundert den Beinamen „Kerker der Völker“ bekam. Ab 1855 war die Festung offiziell nur noch Militärgefängnis, aber im Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) wurden hier erneut zivile Gegner der österreichischen Monarchie interniert.

Jugendstil in der Altstadt von Brno

Natürlich gab es im 19.Jahrhundert auch ein reges ziviles Leben in Brünn. Die Stadt galt damals dank ihrer Industrie als „Manchester Mährens“. In den Fabriken arbeiteten vor allem tschechischsprachige Slawen, während die Brünner Ober- und Mittelschicht vorwiegend deutschsprachig war und sich auch als deutsche Bürger definierte. So gab es noch im Jahre 1900 eine deutschsprachige Bevölkerungsmehrheit (63%), während die Vororte überwiegend tschechischsprachig waren. Außerdem wurde die Stadt im ausgehenden 19. und frühen 20.Jahrhundert mächtig im Jugendstil herausgeputzt. Das deutsche Bürgertum zeigte seinen Wohlstand gern, während die Arbeiterklasse in bescheidenen Mietskasernen am Stadtrand lebte.

Das Mahen Theater (1882 als Deutsches Stadttheater eröffnet)

Der Erste Weltkrieg (1914 – 1918) änderte schließlich Europas Landkarte grundlegend. Die habsburgische Doppelmonarchie Österreich-Ungarn gehörte zu den Kriegsverlierern und das riesige Vielvölkerreich wurde auf sieben Staaten aufgeteilt. Dabei bekamen die Tschechen und Slowaken einen gemeinsamen Nationalstaat; die Tschechoslawakei (ČSR). Brünn hieß fortan offiziell Brno (die tschechische Entsprechung des Stadtnamens) und die Bevölkerungsverhältnisse kippten in den kommenden Jahren durch Migration und Eingemeindungen. 1930 lebten lediglich noch rund 50.000 Deutschsprachige in Brünn, während es ca. 200.000 tschechische Stadtbewohner gegeben haben soll.

Das funktionalistische Restaurant Pavillon von 1925

Zwischen den beiden Weltkriegen des 20.Jahrhunderts wurde Brno unterdessen ein interessantes Experimentierfeld der zeitgenössischen Architektur. Analog zu Konzepten wie Bauhaus oder Neues Bauen in Deutschland oder De Stijl in den Niederlanden, gab es auch in der Tschechoslowakei seinerzeit eine Schule des Funktionalismus. Durch den Schwerpunkt Brno spricht man bei der hiesigen Strömung auch gelegentlich von der Mährischen Moderne. Eine besondere Rolle kam dabei dem Architekten Bohuslav Fuchs zu, der in den 1920er Jahren für die hiesige Stadtverwaltung tätig war. Er designte beispielsweise mehrere Häuser der Werkbundsiedlung „Nový Dům“ (Neues Haus), die 1928 in Brno eröffnet wurde, sowie viele Neubauten im Stadtzentrum.

Das Mehrzweckgebäude Palác Jalta von 1929 am Domikanerplatz in der Altstadt

Über 100 Bauwerke in Brno werden dem Funktionalismus zugerechnet. Besonders bekannte Beispiele sind im Zentrum das Restaurant „Pavillon“ (1925), das Café „Savoy“ (1929),  der „Palác Jalta“ (1929) oder das Kaufhaus „Centrum“ (1931). Auch das zwischen 1926 und 1928 errichtete Messegelände ist ein Quell der Freude für Freunde des Funktionalismus (hier wirkte Bohuslav Fuchs ebenfalls maßgeblich bei der Gestaltung mit). Doch der leider (noch) nicht von mir besuchte architektonische Höhepunkt dieser Ära ist zweifelsohne die „Villa Tugendhat“, die nach einem Entwurf des Stararchitekten Mies van der Rohe 1930 gebaut wurde. Heute zählt sie zum UNESCO Welterbe.

Das Kaufhaus Zentrum von 1931

In den späten 1930er Jahren war dem prosperierenden Staat allerdings ein trauriges Ende beschieden. Das Deutsche Reich, seit 1933 eine nationalsozialistische Diktatur, wollte zum einen die vorwiegend deutschsprachigen Landesteile (Sudetenland) der Tschechoslowakei annektieren und zum anderen Kontrolle über die Ressourcen des Nachbarlandes gewinnen. Die Tschechoslowakei war hochindustrialisiert und sollte in den Plänen der Nazis als eine der Waffenschmieden für die deutschen Eroberungsfeldzüge dienen. Außerdem lag der Staat geostrategisch wichtig im Herzen Europas. 1939 hatte der deutsche Diktator Adolf Hitler diese Ziele auf diplomatischem Wege erreicht und war nun bereit die nächste Expansion (zu ungunsten Polens) mit einem Waffengang zu erzwingen.

Relikt aus der Zeit, als Deutsch noch Amtssprache in Brno war

Die Stadt Brno war einer dieser vom NS-Regime begehrten Standorte der tschechoslowakischen Rüstungsindustrie. Dort wurde 1919 die „Československá státní zbrojovka“ (Tschechoslowakische staatliche Waffenfabrik) gegründet, welche in der Zwischenkriegszeit zum Weltmarktführer im Bereich Handfeuerwaffen aufstieg. Aber, ob nun Pistolen und Gewehre aus Brünn, Panzer aus Pilsen oder Flugzeuge aus Prag; trotz des Zugewinns der Rüstungsindustrie von Böhmen und Mähren, hieß der Endsieger im Zweiten Weltkrieg 1945 nicht Deutsches Reich. Dennoch waren mindestens für die nicht-deutschen Bürger sechs Jahre Nazi-Okkupation sechs Jahre zuviel. In den Fabriken mussten die Tschechen zu Hungerlöhnen für die deutsche Wehrmacht produzieren (aufgefüllt mit zahlreichen Zwangsarbeitern) und über das zivile Leben der Stadt legte sich der Schleier der NS-Terrorherrschaft. Vermeintliche und tatsächliche Gegner der Nazis wurden verfolgt und interniert (z. B. wieder auf dem Spielberg). Außerdem begann 1939 auch in Brno gemäß NS-Rassenideologie die Verfolgung der Juden. Bis 1945 wurden aus Brno über 9.000 jüdische Bürger in verschiedene Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert. Den systematischen Völkermord überlebten nur etwa 700 von ihnen.

Festung Špilberk

Mit Kriegsende wurde von den Siegermächten die Tschechoslowakei wieder hergestellt und zeitnah wurden alle deutschen Bürger enteignet und aus Brno vertrieben. Dies wurde selbstredend zu einer sehr leidvollen Erfahrung für die deutsche Bevölkerung. Als „Brünner Todesmarsch“ ging diese ethnische Säuberung in die Geschichte ein. Circa 27.000 Deutsche (vorwiegend Frauen, Senioren und Kinder, da die meisten wehrfähigen Männer in Kriegsgefangenschaft waren) wurden am 31.Mai 1945 mit großer Brutalität zur 55km entfernten österreichischen Grenze getrieben. Nach Schätzungen überlebten über 5.000 davon diese Vertreibung nicht.

Klement Gottwald

1948 konnte die von der Sowjetunion protegierte Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) die Macht im Land ergreifen und den Staat zu einer realsozialistischen Diktatur umbauen. An der Spitze stand fortan der Stalinist Klement Gottwald und es begann eine brutale Säuberungswelle (übrigens nutzten die Kommunisten den Spielberg auch wieder als Gefängnis für politische Gegner). Als Satellitenstaat der Sowjetunion war das Land nun Teil der multilateralen Organisationsstruktur des so genannten Ostblocks (u. a. Mitglied des Militärbündnisses Warschauer Pakt). Über die kommenden Jahrzehnte mit Tauwetterperiode, Prager Frühling und dessen Niederschlagung, sowie die Restauration einer moskautreuen Linie unter Gustáv Husák (von 1969 – 1987 mächtigster Mann im Staat) gehen wir jetzt mal großzügig hinweg (u. a. im Prag-Bericht von 2019 habe ich dazu bereits etwas ausführlicher Bericht erstattet).

Relikte aus dem Kalten Krieg

Stattdessen springen wir ins Jahr 1989: Die „Samtene Revolution“ erreichte ohne Blutvergießen den „Regime Change“ und 1990 gab es erstmals seit 1946 wieder freie Wahlen in der Tschechoslowakei. Doch im Laufe des Jahres 1992 trennten sich der tschechische und der slowakische Landesteil schiedlich-friedlich und gingen ab dem 1.Januar 1993 getrennte Wege. Die nun schon in vielen Berichten von mir aufgegriffenen Dismembration der Tscheschoslowakei wurde übrigens in Brno beurkundet. Genauer gesagt im 200 Quadratmeter großen Wohnzimmer der bereits erwähnten „Villa Tugendhat“. Heute ist Brno die größte Stadt Mährens (ca. 380.000 Einwohner) und die zweitgrößte der Tschechischen Republik. Als „Second City“ verfügt die Stadt dabei über einige Merkmale, mit denen sie sich vom weltbekannten und mittlerweile unter „Overtourism“ leidenden Prag abheben kann.

Brno by night

Brno ist keineswegs überlaufen, hat aber trotzdem ausreichende touristische Infrastruktur. Außerdem wirkt die Stadt bis heute architektonisch experimentierfreudiger, während Prag lieber sein historisches Erbe pflegt und höchstens mal in Randlage so etwas wie das „Tanzende Haus“ von Vlado Milunić und Frank Gehry wagt. Nicht ohne Grund steht mit dem 2013 eröffneten „AZ Tower“ auch das höchste Gebäude der Tschechischen Republik in Brno. Dazu ist die mährische Metropole tendenziell noch eine Ecke günstiger als die Hauptstadt und hat ein Nacht- und Amüsierleben, welches weniger auf Touristen, sondern mehr auf Einheimische (insbesondere Studenten) zugeschnitten zu sein scheint. Ich fand die Stadt jedenfalls auch in den Abendstunden erstaunlich lebendig. Gerade für einen Donnerstag im Winter, schien mir viel los zu sein.

Willkommen in der Bunkerwelt

Doch vor dieser Feststellung, musste erstmal am frühen Abend in mein „Hotel“ eingecheckt werden. Ich hatte mich für eine Nacht in das Hostel „10-Z Bunker“ eingebucht. Pfiffige Einheimische hatten nämlich vor ein paar Jahren die Idee einen alten Atomschutzbunker aus dem Kalten Krieg zu einem Hostel nebst Museum und Barbetrieb umzufunktionieren. Ich wollte für Brno eigentlich wieder irgend ein Mittelklassehotel buchen, stolperte dabei allerdings über diesen Bunker. 35€ für eine Nacht im Einzelzimmer auf einem Feldbett (Pritsche im Schlafsaal hätte übrigens ca. 20€ gekostet) waren zwar keineswegs dem gebotenen Komfort angemessen, aber das Erlebnis war es mir allemal wert.

Meine Suite

Dass ich an der Rezeption auch sogleich von einem Genossen in einer Militäruniform aus der kommunistischen Zeit in Empfang genommen wurde, rang mir schon das erste Lächeln ab. Der Herr führte mich nach der Bezahlung nun bestimmt 200 Meter tief in den Stollen, überreichte mir einen Lageplan und erklärte schon mal das Wichtigste. Am Ende schloss er mir meine „Suite“ auf und ich freute mich in wenigen Stunden hier schlafen zu dürfen. Unter den gütigen Augen vom an die kahle Wand gepinnten Gustáv Husák (Alexander Dubček gefällt das nicht).

Fotoausstellung im Bunker

Doch nun war erstmal eine Erkundung der Anlage auf eigene Faust angesagt. Das angeschlossene Museum war ganz interessant und man durfte sich frei fühlen alles anzugrabbeln oder sich die zahlreichen Uniformteile, Schutzausrüstung usw. überzustreifen. Mich interessierte sowohl die Technik (Dieselaggregat, Lüftungsanlage etc.), als auch die Geschichte des Bunkers. Stollen gab es im Spielberg schon lange, doch die Nazis bauten diese im Zweiten Weltkrieg zu einem Luftschutzbunker aus. Als wichtiger Industriestandort war Brno im Krieg selbstredend Ziel zahlreicher alliierter Luftangriffe und zumindest die Nazi-Kader sollten davor Schutz finden können.

Kommunikationszentrale

Als mit Kriegsende das Zeitalter der Atombombe begann und es zu einem nuklearen Wettrüsten zwischen Ost und West kam, wurden hüben wie drüben natürlich Atomschutzbunker en vogue. 1959 modernisierte die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) deshalb die bestehende Bunkeranlage im Spielberg. Der Atomschutzbunker sollte im Fall der Fälle auf 1.500m² bis zu 500 für die Stadt- und Kreisverwaltung wichtigen Personen Platz bieten. Erfreulicherweise kam es nie zum Ernstfall und heute können Interessierte wie meine Wenigkeit haptisch und multimedial (es gibt viele Erklärfilme im Museum) in die Welt des Kalten Krieges eintauchen.

Gedöns in der Bunkerwelt

Nach meinem Bunkerrundgang hatte ich ein aufgekommenes Hungergefühl zu stillen. Frühstück war mittlerweile auch schon über 12 Stunden her. Unweit des Bunkers fand ich das sehr belebte Restaurant „Stopkova Plzeňská Pivnice“, in dem nur noch wenige Plätze frei waren. Zum Glück gab es im Obergeschoss noch ein kleines Tischchen für einen hungrigen Mann. Der grenzenlos wirkende Appetit wurde erstmal mit einer Kulajda gestillt. Das ist eine süß-saure Suppe mit Dill, Kartoffeln, Schinkenspeck und einem pouchiertem Ei. Leckere Angelegenheit, die schon mal das Magenknurren beseitigte. Außerdem half der erste Krug Bier, dass sich der Magen nicht mehr so leer anfühlte.

Kulajda

Natürlich war trotzdem noch genug Hungergefühl für einen Hauptgang vorhanden und ich ließ mir Rindergulasch mit Böhmischen Knödeln und Kartoffelpuffer servieren. Auch sehr lecker. Dazu noch einen zweiten Krug Pilsner Urquell vom Faß und ich war für den Moment wunschlos glücklich. Dessertanregungen des Kellners wiegelte ich ab und verlangte stattdessen nach der letzten Gabel Gulasch die Rechnung. Mit 248 CZK (ca. 13,75€) belastete dieses Abendessen meine Kreditkarte. Ich ließ noch 30 CZK bares Trinkgeld liegen, ehe ich den Platz für ein bereits wartendes Pärchen räumte. Ich empfehle meinen Nachahmern also selbst unter der Woche eine Reservierung. Erst recht in Gruppengröße.

Gulasch mit Knödeln und Kartoffelpuffer

Nach dem Essen spazierte ich noch ein wenig durch die nächtliche Stadt, die weiterhin einen zauberhaften Eindruck machte. Bei einem Späti gönnte ich mir zwei landestypische Limonaden (Kofola Stachelbeere und Kofola Melone) und dann prüfte ich gegen 22 Uhr meine Pritsche im Bunker. Scheisse, war die unbequem. Da die Lüftung auch nicht gerade leise war, fiel einschlafen schwer. Eine Nacht im Knast ist wahrscheinlich ähnlich angenehm, würde mir aber wenigstens vom Steuerzahler finanziert werden. Ich dagegen löhnte hier 35€, um mich selbst zu geißeln. What a stupid German tourist…

Ein Portal am Neuen Rathaus

 Kurz vor 7 Uhr beendete ich die Pein und nach dem Zähneputzen (das Duschen verschob ich auf die nächste Unterkunft am frühen Nachmittag) spazierte ich den Špilberk (Spielberg) zur gleichnamigen Festung hoch. Das Museum sollte zwar erst um 9 Uhr öffnen, aber die Außenanlagen waren bereits zugänglich. Bei der frühen Uhrzeit und dem Schietwetter heute, war das allerdings ’ne einsame Angelegenheit. Der Ausblick war entsprechend auch nicht berauschend, aber die Stadt-Silhouette an einem diesigen Morgen hatte auch einen gewissen Charme.

Ausblick von der Festung

Anschließend machte ich noch Station bei diversen architektonischen Vertretern der Mährischen Moderne im Altstadtbezirk. Für die „Villa Tugendhat“ reichte, wie erwähnt, die Zeit leider nicht, aber ich kam trotzdem auf meine Kosten. Außerdem pfiff ich mir noch beim Vizeweltmarktführer der Systemgastromie einen deftigen Bagel nebst Orangensaft rein. Auf das inkludierte Frühstück im Bunker wollte ich mich besser nicht verlassen.

Manchmal muss es auch mal Mäcces sein

Gegen 9:30 Uhr war ich wieder unter Tage und sattelte mein Gepäck auf. Nach dem Check-Out schaute ich natürlich nochmal in den Frühstückstrakt, aber da ließ mir nichts aus dem Angebot das Wasser im Munde zusammenlaufen. Hosteltypisches wie Toastbrot, Cornflakes oder Erdbeerjoghurt vom Discounter (garantiert mit 0% Erdbeeranteil) sind halt nicht so meins. Aber zwei kleine Happen Rührkuchen für den süßen Zahn und ’ne Tasse Tee mit Zitrone nahm ich aus Anstand noch zu mir. Denn es empfing mich eine für’s Frühstück zuständige Omi sehr freundlich. Sofort wieder Kehrtmachen wäre doch arg unhöflich gewesen.

Naschkram im Bunker

Da erst 11:41 Uhr Abfahrt zum nächsten Tourziel war, hatte ich nach dem Kuchen naschen nochmal gut 96 Minuten für die Innenstadt von Brno. Ich hakte also obendrein ein paar noch fehlende Altstadtkirchen, insbesondere deren Inneres, ab. Denn drinnen war es wenigstens trocken. Als ich schließlich im Zug gen Jihlava (Iglau) saß, hatte ich viel von Brno gesehen, aber noch nicht alles. Da ein Fußballspiel auch nicht möglich war, hat es schon Sinn in absehbarer Zeit nochmal wiederzukehren. Brno hat sich auf jeden Fall für einen Zweitbesuch qualifiziert.