Beograd (Belgrad) 03/2020

01.03.2020
FK Crvena zvezda – FK Partizan 0:0
Super Liga (I)
Stadion „Rajko Mitic“ (Att: 38.800)

Am 29.Februar suchte ich nach dem Frühstück um 9:30 Uhr das 700 Meter entfernte Hotel von Ole und Kim auf. Wir hatten bei einem seriösen serbischen Transferdienstleister („Gea Tours“) einen Shuttle-Service von Budapest nach Belgrad gebucht und das läuft natürlich nicht so förmlich und verbindlich wie in der Bundesrepublik Deutschland oder ähnlichen Snob-Staaten ab, sondern per ungezwungenem WhatsApp-Chat. Auf die Anfrage eines Transfers um 9 Uhr nach Belgrad kam wenige Tage zuvor einfach nur folgendes zurück: „Wir haben Samstag mehrere Abfahrtszeiten. Ein Repräsentant ruft Samstagmorgen bei dir an, um die Abfahrtszeit zu bestätigen“.

Auf geht’s; mit Kiwi-Erdbeer-Fanta und Gea Tours

Der Repräsentant a.k.a. Fahrer des Kleinbusses meldete sich Samstagmorgen tatsächlich bei Ole und kündigte eine Abholung zwischen 9:30 Uhr und 10:00 Uhr ab. Richtig, das bedeutete von Serbisch auf Deutsch übersetzt ab 10 Uhr. Gegen 10:15 Uhr sattelten wir auf und es ging noch vier weitere Gäste in der Stadt und am Flughafen einsammeln. Kurz nach 11 Uhr waren wir dann auf der Autobahn und kamen flott zur ungarisch-serbischen Grenze durch, wo auch kein Stau wartete. Lediglich die kommenden Stopps in Subotica und Novi Sad kosteten ein bisschen Zeit, so dass wir am Ende vom Flughafen Budapest bis in die Belgrader Innenstadt 4,75 Stunden benötigten.

Wegbier nach Serbien

Ich ließ mich am gebuchten und bestens bekannten „Hotel Rex“ (***) rauswerfen und checkte fix ein (88,68€ für drei Nächte im EZ inklusive Frühstück), während Kim und Ole noch weiter zum „Trg Slavija“ (Slavia-Platz) mussten. Nachdem ich Serbische Dinar aus dem nächstbesten Bankautomaten gezogen hatte, konnte es auch schon zur Festung „Kalemegdan“ gehen. Dort warteten bereits Olbert, Gulle und der Abt, die am heutigen Mittag in Belgrad gelandet waren und nach einer Festungsbesichtigung (Gulle war tatsächlich ein „Belgrade Newbie“) in die Gastwirtschaft „Mali Kalemegdan“ eingekehrt sind.

Back in Belgrade

Die Stimmung war schon sehr ausgelassen und mit meinen gegenwärtig 0,0 Promille passte ich noch gar nicht so recht in die Runde, die mich trotzdem sehr freudig empfing. Es war mittlerweile 17:45 Uhr und die Laune wurde noch besser, als just die letzte Partie von Gulles Wettschein (Fulham vs. PNE) mit einem ihm genehmen Ergebnis abgepfiffen wurde. Hatte der juvenil gebliebene Mittdreißiger durch seine umfangreiche Fachkenntnis doch tatsächlich aus 1.000 RSD Einsatz stolze 7.500 RSD gemacht (umgerechnet 64€ wurden ihm also alsbald bei „Balkan Bet“ ausgezahlt).

Chinese New Year’s Fair at Kalemegdan

Zwei Runden Pivo & Rakija liefen nach meiner Ankunft noch die Kehlen hinunter, ehe es um kurz nach 19 Uhr zum Restaurant „Polet“ gehen sollte. Dort hatten wir ab 19:30 Uhr einen Tisch für’s Abendessen reserviert und würden außerdem die Belgrad-Reisegruppe erstmals komplett vereinen. Die gegen 17:30 Uhr aus Hannover in Belgrad gelandeten Spießgesellen InterCityBerger und Johnny Power sollten hinzustoßen und Kim und Ole waren natürlich ebenso eingeplant. Leider hatte sich eine Person aus meiner Entourage so glatt gemacht, dass er kurz vor’m Ziel unglücklich bei einer Straßenüberquerung stürzte. Die Folge war eine sehr heftige Platzwunde am Kopf, weshalb ein RTW gerufen werden musste.

Schleichwerbung für Balkan Bet

Da ich ja quasi noch nüchtern war, setzte ich mich im Casting als Begleiter in die Notaufnahme durch (zur moralischen Unterstützung und natürlich zum Übersetzen) und gegen 19:45 Uhr erreichten wir mit Tatütata die Notaufnahme des „Klinički centar Srbije“ (neuer Ground!). Schöne Urlaubsstunden folgten selbstredend nicht. Ich war (Gott sei Dank!) schon ewig in keiner Notaufnahme mehr (egal ob in Deutschland oder sonstwo auf der Welt). Daher weiß ich nicht, ob sich das nun Erlebte wirklich negativ von beispielsweise deutschen Notaufnahmen abhebt. Wahrscheinlich gar nicht so unbedingt. Jedenfalls war der Flur zum Bersten gefüllt und viele Patienten mussten stehend warten. Es dauerte erstmal ’ne Stunde bis überhaupt was mit meinem auf den Kopf gefallenen Begleiter passierte. Für jemanden ohne Referenzwerte, wirkte das schon sehr überlastet. Zumal die Schwerverletzten allesamt von Angehörigen auf ihren Liegen von A nach B geschoben wurden (in Deutschland machen das immerhin noch Pfleger oder?).

Einlieferungsdokument

Ich möchte nicht ins Detail gehen, was hier an Verletzungen und Leiden zu sehen war, aber mein Kumpel gehörte sicher zu den „Kunden“ mit den geringsten Sorgen. Vielleicht hat es seinen Grund, dass der serbische Präsident jüngst das so genannte Triple-Win-Abkommen zur Entsendung von serbischen medizinischen Fachkräften nach Deutschland einseitig aufkündigte. Einer der Rettungssanitäter und der Röntgenmann erzählten mir übrigens auch, dass sie versuchen wollen als medizinische Gastarbeiter nach Deutschland zu kommen. Aufgekündigte Abkommen hin oder her, ein Arbeitsvisum in Deutschland scheint gerade für das jüngere Personal immer noch ein Thema und eine Wunschperspektive zu sein.

Die 8 hatten wir auch auf dem Laufzettel

Na ja, ich will jetzt den Krankenhausaufenthalt nicht episch ausbreiten. Nach viel Warten und vielen Stationen (Nähen, Röntgen, CT…) war irgendwann ein Ende in Sicht und Ole bot sich telefonisch an „unseren“ Patienten zu übernehmen, da seine Unterkunft, im Gegensatz zu meiner, ganz in der Nähe vom Hotel des frisch gebackenen Turbanträgers war. Mit fast perfektem Timing erschien Ole um 2 Uhr in der Notaufnahme und erzählte, dass es im „Polet“ wie immer gut war (Essen wie auch Musikprogramm), aber natürlich in der Reisegruppe nicht die Megapartystimmung aufkam. Den ab 23 Uhr reservierten Tisch in der „Gradska Kafana“, wo heute Katarina Didanović auftreten sollte, hatten sie auch nicht wahrgenommen. Wir hatten uns das eben alle anders ausgemalt. Lecker zusammen Fleischplatten speisen, die Gläser klingen lassen und anschließend noch die Nacht in landestypischer Art in einer Kafana durchzufeiern, war ein vielversprechender Plan. 6,5 Stunden Notaufnahme hieß dagegen die Realität von Mr. X und mir. Denn gegen 2:15 Uhr wurde der „Terry Butcher“ des Tages endlich entlassen.

Unterdessen im Stadtzentrum: Wer von beiden ist eigentlich Johnny Power?

Da der neue Kunde von „Turban Outfitters“ jetzt ins Oles Obhut war, konnte ich schnurstracks mein zum Glück nur 400 Meter entferntes Hotel ansteuern und lag gegen 2:30 Uhr endlich im Bett. Gut, ohne den Unfall wäre ich zu dieser Zeit wahrscheinlich immer noch (im Optimalfall) mit Balkanschönheiten in der „Gradska Kafana“ am Tanzen gewesen und hätte erst im Morgengrauen ans Schlafen gedacht. Aber die letzten Stunden hatten auch passiv sehr geschlaucht, so dass ich hundemüde war.

Frühstück deftig, Laune prächtig

Der Sonntag wurde natürlich mit einem üppigen Frühstück gestartet (erste Mahlzeit seit 24 Stunden). Das „Hotel Rex“ bietet da für seine drei Sterne einen angemessenen Standard. Mit warmen Würstchen und Eierspeisen, Brot, Brötchen, Aufschnitt, süßen Frühstücksoptionen und ein paar landestypischen Spezialitäten im Programm, sollte jeder Gaumen fündig werden. Ich ging es gewohnt deftig an und versuchte anschließend Kontakt zur weiteren Reisegruppe aufzubauen. Berger und Johnny waren in einem Apartment in meiner Straße untergekommen, aber anscheinend noch im Tiefschlaf. Ole und Kim waren in einem Apartment nahe des Slavija und Abto, Olbert und Gulle im „Hotel Slavija“ am selbigen Platz, da das „Rex“ zu ihrem Buchungszeitpunkt bereits ausgebucht war. Letzteres Trio interagierte als erstes mit mir und so traf ich mich alsbald vor ihrem Hotel mit ihnen (Herrn Turbanovic ging es übrigens den Umständen entsprechend gut). Sogleich ging es in den nächstbesten „Balkan Bet“. Quoten prüfen, Scheine machen und am Roulettetisch zocken waren für alle (außer mich) das Gebot der Stunde.

Kaffeepause bei Balkan Bet

Aber auch ich als Glücksspielgegner schätze serbische Wettbuden als Ort der Begegnung, anstatt sie als Lasterhöhle zu verdammen und versuchte mit guten Ratschlägen beim Mehren der Vermögen meiner Freunde zu helfen. Außerdem sind die Getränke im „Balkan Bet“ immer sehr preiswert und ich gönnte mir einen Cappucino und ’ne Limonade (zusammen ungefähr 1,70€). Dann übermannte das Zocker-Trio der Hunger (anscheinend war Frühstück bei ihnen ausgefallen) und wir suchten uns einen Imbiss für eine Ćevapčići-Mahlzeit im Dunstkreis des „Trg Slavija“. Bei der Gastwirtschaft „Ćevabdžinica Jevtić“ setzten wir uns draußen in die Mittagsonne und genossen je zehn würzige Fleischfinger mit Zwiebeln und Kajmak im Fladenbrot. Kostete 700 RSD (knapp 6€) und mundete hervorragend.

Der Abt zeigte unterwegs wieder einmal sein Herz für Balkankatzen

Nach dem Mittagessen hatten wir uns mit Kim, Ole, Berger und Johnny am Slavija-Platz verabredet. Genauer gesagt vor dem weltweit ersten „Mc Donald’s“-Lokal, welches in einem sozialistischen Land eröffnet wurde. Seit 1988 gibt es diesen McD in Belgrad und besonders die Geschichten aus der Anfangszeit, als es noch die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien gab, sind interessant. Die Profite in Dinar konnten bzw. durften nämlich nicht in US-Dollar konvertiert werden, so dass die Erträge in Form von jugoslawischen Lebensmitteln (z. B. Fleisch und Gemüse) ins Ausland transferiert wurden. Diese Naturalien konnte McD dann im westeuropäischen Ausland zu seinen Produkten verarbeiten. Außerdem war die hiesige Bevölkerung zunächst denkbar ungeeignet für das Modell „Fast Food“. Zwar gab es große Neugier an den Burgern und Fritten, allerdings neigten die Einheimischen dazu nach dem Essen noch stundenlang bei Zigaretten und Kaffee am Tisch zu klönen, anstatt zeitnah Platz für die nächste zahlende Kundschaft zu machen. Nichtsdestotrotz schrieb der US-Konzern nach Anlaufschwierigkeiten auch auf dem Balkan eine Erfolgsgeschichte.

Der Saša mag Ćevapčići…

Mir allerdings ein Rätsel, wenn man bedenkt, dass in der Nähe eines jeden „Goldenen M“ auf dem Balkan auch mindestens eine landestypische Grillbude zu finden ist und Pljeskavica 96mal geiler als ein „Big Mac“ schmeckt. Aber gut, dass ist Marke bzw. Marketing und die gewisse Faszination für das Fremde. Außerdem hat „Mc Donald’s“ 1988 der Legende nach den Ketchup auf den Balkan gebracht und den konsumiert der Serbe mittlerweile exzessiv, z. B. auch auf jeder Pizza. Vielleicht fühlt man sich McD dafür immer noch zu Dank verpflichtet?

Einer der vielen Gewinnerscheine an diesem Wochenende

Zu acht ging es nun wieder zu „Balkan Bet“, da beim späteren Fußballspiel natürlich niemand ohne Wettschein sein sollte. Selbst Oles Freundin stieg ins „Bet Business“ ein. Nur ich verweigerte mich weiterhin, ermunterte aber jeden beim Belgrader Derby auf X und unter 2,5 Tore zu setzen. Todischeres Ding! Wären die aber auch ohne mich drauf gekommen, möchte ich der Vollständigkeit halber anmerken. Ich konnte ihr Bauchgefühl höchstens nochmal verstärken. Außerdem konnte ich zumindest mit Berger und Johnny schon mal die ersten Biere des Tages picheln (zwei Lav Pivo kosteten bei „Balkan Bet“ als Doppelpack läppische 300 RSD, also ca. 2,50€). Mit meinen beiden Trinkgenossen blieb ich dann noch etwas länger, während der Rest schon mal gegen 16 Uhr zum Verkehrskreisel des Bulevar Oslobođenja am Stadion aufbrach.

Really LAVly

Gegen 17:15 Uhr sollten wir uns dann wieder als Mob auf der Haupttribüne des Belgrader „Marakana“ vereinigen. Es machte bereits die Runde, dass es vor’m Spiel zwischen gewaltgeneigten Fans von Roter Stern und einer Partizan-Fraktion geknallt hatte. Partizans Gruppierung „Zabranjeni“ hatte dabei gut kassiert und im Anschluß wohl einige Festnahmen zu beklagen. Generell wurde ihr Mob erstmal festgehalten, so dass ihr Block im Stadion kurz vor Spielbeginn nur ganz schwach bevölkert war. Dazu blieb der für die Gruppe „Partizannovci“ vorgesehene Gästeblock komplett leer. Die Fraktion boykottierte dieses Derby aufgrund der immer noch schwerwiegenden Probleme innerhalb der Partizanfanszene. Lediglich die „Grobari“ im Zentrum der Gästekurve waren relativ zahlreich erschienen.

Die Grobari wollen die Zabranjeni vertrimmen

Interessierte Leser wissen sicherlich, dass diese drei Fraktionen der Partizanszene sich seit längerem spinnefeind sind (ansonsten nochmal in diesem Spielbericht nachlesen) und die „Grobari“ griffen kurz vor Spielbeginn auch gleich mal die „Zabranjeni“ an. Dabei deckten sie ihre schwarz-weißen „Brüder“ mit ordentlich Sitzschalen ein, während die Polizei sich einen Cordon zwischen den Blöcken erknüppelte. Die ersatzgeschwächten „Zabranjeni“ hätten natürlich sonst auch ein großes Problem gehabt. Zumal ich tippen würde, dass deren schlagkräftigeres Klientel eben immer noch draußen gekesselt war und eher die Pazifisten schon im Block standen. Die Frage wann und vor allem wie dieser Konflikt mal enden soll, kann wohl niemand seriös beantworten.

Die Choreographie der Nordkurve

Während es also in der Gästekurve untereinander schepperte, bereite die Heimfanszene ihre heutige Choreographie vor. Vom Stadiondach wurde ein riesiges Banner mit der Aufschrift „Tu smo se rodili mi, tu i zavoleli“ (zu deutsch in etwa: Hier wurden wir geboren, hier lieben wir es) herabgelassen und dazu wurden tausende Luftballons in rot und weiß im Block präsentiert. Auch Bengalische Fackeln fehlten natürlich nicht und als Höhepunkt wurden außerdem noch einige Feuerwerksraketen in den Abendhimmel geschossen. Der Spruch auf dem Banner ist übrigens eine Zeile aus dem Schlager „Slike u oku“ des Interpreten Louis. Ein Song, der bereits seit Jahren in abgewandelter Form zum Liedgut der Nordkurve gehört und natürlich auch jetzt angestimmt wurde.

Höhenfeuerwerk zu Spielbeginn

Dann rollte der Ball und das eigentliche Fußballspiel war an Langweiligkeit kaum zu überbieten. Man merkte, dass Zvezda zur Zeit nicht auf dem Formhöhepunkt ist (zuletzt nur 1:1 beim Aufsteiger und gegenwärtigen Abstiegskandidaten FK Inđija) und dass sie mit Marko Marin einen wichtigen Kreativspieler im Winter abgegeben hatten. Zwar führt man die Meisterschaftstabelle mit 11 Punkten Vorsprung vor Partizan an, aber am heutigen Abend war das trotzdem ein Duell auf (sehr niedriger) Augenhöhe. Wenigstens wurde die Partie gewohnt intensiv geführt und im ersten Durchgang gab es zumindest ein großes Handgemenge. Allerdings bekam lediglich Partizan-Spieler Seydouba Soumah, der mit seinem rüden Foul in der 22.Minute die Rangeleien auslöste, die Gelbe Karte gezeigt.

Permanent Pyrotechnik

Zwischendurch gingen natürlich immer mal Fackeln in der Nordkurve an (während es bei Partizan noch relativ wenig loderte im ersten Durchgang). Nach circa 35 Minuten gab darüberhinaus nochmal ein paar Raketen am Himmel zu bewundern. Fast zeitgleich hatte Zvezda in der 38.Minute dann noch eine Doppelchance durch Ben und Gavric zum 1:0. Doch beim ersten Torschuss stand ein Partizan-Verteidiger im Weg und der zweite segelte über das Gehäuse. Folglich ging es mit 0:0 in die Pause und die Wettbrüder mit „0 bis 2 Tore“ waren schon sehr optimistisch. Auch in Richtung Unentschieden als Endergebnis war man auf dem richtigen Weg.

Serbian Rockets

Die zweiten 45 Minuten begannen im Norden mit weiteren Fackeln, während der Süden sich immer noch in einer Art Pyro-Moratorium übte. Übrigens war auch nur der Block der „Grobari“ beflaggt. Der von den „Zabranjeni“ war zwar mittlerweile besser gefühlt, aber angeblich wurden den Jungs von der Ordnungsmacht alle Banner und Fahnen abgenommen. Die „Grobari“ waren mittlerweile allerdings „watt am planen dran“ und in der 50.Minute gingen in ihrem Sektor zig Fackeln an (siehe auch Titelbild). Dabei wurde das Spielfeld so eingenebelt, dass das Gekicke für ein paar Minuten unterbrochen werden musste.

Die Grobari lassen es lodern

Vielleicht taugt das als billige Ausrede, warum das Spiel fortan noch beschissener anzuschauen war. In der ersten Halbzeit gab es wenigstens noch ein paar gute Spielzüge und Torchancen, doch jetzt war es vollends ein lethargisches Ballgeschiebe. Immerhin ließ die Nordkurve das pyrotechnische Ausrufezeichen der „Grobari“ nicht unbeantwortet. In der 60.Minute wurde im Bereich der „Delije Sever“ wieder mächtig gefackelt. Zu den obligatorischen Bengalos gesellten sich Rauchwände in rot, weiß und grau und der Abendhimmel funkelte auch wieder lichterloh.

Rauch und Raketen bei DS89

Das Spiel musste abermals unterbrochen werden und ihr ahnt sicherlich, dass auch diese Unterbrechung dem Spielfluss nicht förderlich war. Aber ich will euch nicht vorgaukeln, dass ich ein Fußballfest erwartet habe und wegen der sportlichen Qualität angereist bin. Es hatte schon seine Gründe warum ich auf ein torloses Unentschieden spekulierte. Auf dem Rasen passierte jedenfalls in der letzten halben Stunde gefühlt gar nichts mehr. Aber warum auch? Für Partizan war ein Punkt im Auswärtsderby wohl okay und für die Hausherren ebenso. Blieb so doch der komfortable 11-Punkte-Vorsprung unverändert. Nur ein Schuss ans Außennetz von Zvezdas Ivanic in der 90+4.Minute sorgte noch einmal kurz für Unruhe. Besonders bei den Spielsüchtigen um mich herum. Doch dann war Schluss und mit dem Endergegnis von 0:0 waren alle Wettscheine auf dieses Spiel bezogen aufgegangen.

Partizans Pyromanen zünden wieder Sitzschalen an

Nach dem Spiel war klar, dass sich alsbald ein Abendessen anschließen musste. Deshalb ging es ins fußläufig erreichbare und sehr gute Restaurant „Trešnjin hlad“. Immer eine gute Adresse nach Spielbesuchen bei Zvezda oder Partizan (beide Stadien sind nur wenige hundert Meter vom Restaurant entfernt). Ich hatte eine Fleischplatte für 1000 RSD (ca. 8,50€) und war sehr zufrieden. Dazu Pivo, um langsam auf dieser Tour auch mal alkoholisch zu glänzen. Der Turban-Typ durfte zwar nicht, seine beiden Begleiter wollten heute nicht (bestimmt aus Solidarität) und das mitreisende Pärchen hatte wahrscheinlich auch keine Lust auf einen größeren Umtrunk, doch auf Johnny und Berger konnte ich wenigstens zählen.

Fleischplatte im Trešnjin hlad

Während die meisten also nach dem Essen einen ruhigen Abend verlebten, ging ich mit Berger und Johnny erstmal wieder zu „Balkan Bet“. Die beiden hatten schließlich fette Gewinne abzuholen. Bei diversen Bieren schauten wir in der Wettbude noch Real vs. Barca, wo Johnny auch noch einen Schein am Laufen hatte. Leider enttäuschte Barca ihn, während der abwesende Ole durch den Heimsieg von Real noch zu einem großen Reibach kam (siehe Wettschein weiter oben). Tja, des einen Leid…

Faszination Glücksspiel

Am Roulettetisch wurden allerdings von unserem Trio noch ein paar Dinar erwirtschaftet (denn außer NBA gab es nachts nichts Gescheites mehr für weitere Live-Wetten), ehe wir gegen Mitternacht weiterzogen. Wir hatten bekanntlich alle drei in der selben Straße die Unterkünfte und gleich neben meinem Hotel ist eine gute Weinbar, die sieben Nächte pro Woche bis frühmorgens geöffnet hat. In der „Vinovaclara“ tranken wir zwar keinen Wein, aber das Lav Pivo mundete ebenfalls vorzüglich. Wenn auch mit 250 RSD (ca. 2,10€) pro Flasche sehr hochpreisig für Belgrader Verhältnisse. Dafür gab es traditionelle Live-Musik im Keller der Bar, in welchen wir uns kurzerhand verpflanzten. Während InterCityBerger zeitnah das Weite suchte (der ist mittlerweile leider auch kein Twen mehr), ließen Johnny und ich noch ein paar Runden die Gläser klingen.

LAV in der Weinbar

Am nächsten Morgen schlug ich wieder eifrig beim Frühstücksbuffet im Hotel zu, ehe mich Johnny und Berger einsammelten. Gemeinsam spazierten wir bei herrlicher Frühlingssonne wieder zum „Marakana“. Wir waren dort mit Abto, Olbert und Gulle nochmal zu einem Abschiedsfrühstück verabredet. Denn das Trio flog schon mittags zurück nach Deutschland. In der stadioneigenen „Zvezda Lounge Bar“ gab es nun Club Sandwiches, Fleischplatten und Omelettes für die Hungrigen, während der bereits gesättigte Don sich mit einem Fläschen Cockta zufrieden gab. Anschließend ging es noch Erinnerungsfotos knipsen und Souvenirs im Shop von „Delije“ kaufen. Das Übliche halt…

Cockta

Während Gulle, Olbert und der Abt nun zum Flughafen mussten, hatten Johnny, Berger und ich eigentlich den Plan bei bestem Wetter durch Zemun zu spazieren (schöner Stadtbezirk Belgrads, der lange eine selbstständige Stadt war) und um 14 Uhr FK Zemun vs. FK Novi Pazar zu schauen (2.Liga). Allerdings hatten die dortigen Ultras „Taurunum Boys“ kommuniziert, dass sie heute einen Boykott gegen Spieltagszerstückelung beginnen wollten. Zwar ist das Stadion in Zemun auch für sich einen Besuch wert, aber ohne Szene ist es höchstens halb so interessant. Zumal wir alle schon mal beim FK Zemun zu Gast waren und eh keinen Bock auf die ganzen zu erwartenden deutschen Hopperheinze hatten. War in der Innenstadt und im Stadion die letzten zwei Tage schon schlimm genug. Überall Zusammenrottungen von kartoffeligen Groundhoppern.

Die panslawischen Farben am Stadion

Wir beschlossen stattdessen ein bißchen durch Belgrad zu spazieren, hier und da ein Bier zu trinken und abends zum Sonnenuntergang in der Festung oberhalb von Donau und Save zu lungern (Ole und Kim machten sich unterdessen einen romantischen Tag in Zemun, natürlich ebenfalls ohne Spielbesuch. Because football without fans is nothing…). Unsere erste Runde Gerstensaft genossen wir im Außenbereich einer Bar am Verkehrskreisel des Bulevar Oslobođenja. Dann stießen wir am Dom des Heiligen Sava abermals an. Über den Dom hab ich ->hier<- bereits ein paar Zeilen geschrieben und über Belgrads Stadtgeschichte findet ihr ->hier<- meinen historischen Abriss. Deshalb spare ich an dieser Stelle Wiederholungen aus.

Pivo-Pause am Dom des Heiligen Sava

Am späten Nachmittag ging es dann erstmal wieder ins Lokal „Mali Kalemegdan“ an der Festung. Beim heutigen Wetter ließen wir uns natürlich im Biergarten nieder, anstatt drinnen zu hocken. Gleich am Nachbartisch saß übrigens ein Dutzend schlagkräftiger Anhänger des AC Sparta Praha (Freunde von Partizan). Das „Večiti derbi“ ist eben immer sehr international. Ich habe an diesem Wochenende in Summe sogar mehr Russen (Spartak und CSKA) als deutsche Hopper gesehen. Das heisst schon was.

Weiterer Biergenuss im Kalemegdan-Park

Sehr zum Ärger der Sonnenuntergangsromantiker, zog sich kurz vor selbigem der Himmel zu. Nichtsdestotrotz verlagerten wir unsere biergeschwängerten Bodies planmäßig noch auf die andere Seite der Festungsmauern. Nach Einbruch der Dunkelheit hat dieser nett illuminierte historische Ort immer einen gewissen Charme. Mit Dosenbier vom Kiosk konnte hier außerdem weiter der Appetit für das Abendessen angeregt werden. Jenes wurde schließlich gegen 19 Uhr im an den Kalemegdan-Park angrenzenden Stadtteil Dorcol zu sich genommen. Dazu ging es in das sehr gute Ćevapčići -Restaurant „Walter“. Neben ein paar fassfrischen Jelen Pivo, gab es natürlich auch Fleischplatten für die knurrenden Mägen. Alles sehr lecker, besonders die Ćevapčići nach Sarajevo-Art waren ein Gedicht.

Die Festung bei Einbruch der Dunkelheit

Übrigens geht der deutsch anmutende Restaurantname „Walter“ auch auf Sarajevo zurück. „Walter“ ist nämlich ein Synonym für Sarajevo. Das gründet auf dem Film „Valter brani Sarajevo“. Einer dieser alten Partisanenfilmklassiker aus dem ehemaligen Jugoslawien. Ich hab solche Filme als Kind oft mit Opa gucken dürfen und „Valter brani Sarajevo (Walter verteidigt Sarajewo)“ war damals auch dabei. Bekannter sind in Deutschland zwar sicher eher Partisanenfilme wie „Die Schlacht an der Neretva“ (mit internationalen Stars wie Yul Brunner, Orson Welles und Curd Jürgens) oder „Kesselschlacht an der Sutjeska“ (mit Richard Burton als Tito), aber „Walter verteidigt Sarajewo“ ist – Funfact – trotzdem der wohl weltweit meistgesehene Spielfilm aus dem alten Jugoslawien.

Fleischplatte bei Walter

Warum? Das kommunistische China hat während des Kalten Krieges wenig überraschend keine westlichen Filme importiert und nach dem Bruch mit Moskau in den 1960er Jahren ebenfalls keine mehr aus der Sowjetunion oder anderen Warschauer-Pakt-Staaten. Das sozialistische, aber blockfreie Jugoslawien durfte dagegen immer noch ausgewählte Filmperlen ins rote Reich der Mitte entsenden. Dabei wurde „Valter brani Sarajevo“ zum größten Kassenschlager und in China kennen tatsächlich mehrere hundert Millionen Bürger den Film. Sogar ein chinesisches Bier heißt Walter und hat das Abbild des Hauptdarstellers Bata Živojinović auf dem Etikett. Der Filmplot erklärt schließlich, warum Sarajevo als Stadt dieser Walter ist. Denn die SS-Schergen können den phantomhaften Partisanenführer mit dem Pseudonym Walter nicht packen. Immer wieder kann er in der bosnischen Metropole abtauchen oder bekommt Unterstützung seiner multiethnischen Mitbürger. Deshalb steht SS-Standartenführer von Dietrich am Filmende auf einem Hügel über der Stadt und erklärt dem hiesigen Gestapochef wer Walter ist. „Merkwürdig, seit ich in Sarajevo bin suche ich Walter und finde ihn nicht. Jetzt, wo ich gehen muss, weiß ich endlich, wer er ist.“ „Sie wissen wer Walter ist? Los, sagen Sie mir sofort seinen Namen!“ „Ich werd‘ ihn ihnen zeigen… Sehen sie diese Stadt? [Kamera schwenkt auf auf Sarajevos Silhouette] Das ist Walter!“ Episch, oder nicht?

Vielleicht heißt dieser Hirsch auch Walter?

Doch zurück zum heutigen Tagesgeschehen; 20:24 Uhr war die Rechnung beglichen und dann wurden die Beine in die Hand genommen. Denn 20:30 Uhr sollte Hannover 96 den KSV Holstein empfangen und wir mussten dringend noch zu „Balkan Bet“. Zum Glück sind die in Belgrad nie weit entfernt. Meine Freunde wollten unbedingt noch gegen 96 wetten. Ich glaubte natürlich an die Roten Riesen und sollte recht behalten. Blöd, dass ich Glücksspiel weiterhin aus religiösen Gründen ablehne. Aus diesem Urlaub wäre ich sonst bestimmt mit einem Plus rausgegangen.

Bluz I Pivo

Auf die Wettbude folgte wieder ’ne Kneipe. Diesmal ging es ins „Bluz I Pivo“. Wie der Name schon verrät eine Bluesbar, mit zugleich großer Bierauswahl. Hier ließen wir jeder ein paar hundert Dinar für die Live-Musiker und für diverse weitere Rutschen Pivo vom Faß. Auch Rakija als verspäteter Verdauungsschnaps durfte nicht fehlen. Gegen 1 Uhr ging es dann noch per Taxi erneut zum Abendausklang in die Weinbar „Vinovaclara“. Diesmal machte ich allerdings den vorzeitigen Abflug. Doch mit 8 Uhr Abreisezeit aus Belgrad am kommenden Morgen, hatte ich ein gutes Argument, um schon um 2 Uhr zu verschwinden, während Johnny und Berger erst am frühen Dienstagnachmittag nach Hannover fliegen sollten. Ole und Kim blieben dagegen noch ein paar Tage in Serbien (ab jetzt wieder richtiger Pärchenurlaub) und ich verfügte nun noch über sieben weitere Urlaubstage und sollte auf dem Landweg via Ungarn, Slowakei und Tschechien nach Deutschland zurückkehren. Mit allerhand weiteren Erlebnissen im Gepäck, wovon in den folgenden Berichten zu lesen ist.