Rijeka (Sankt Veit am Flaum) 10/2019

12.10.2019
HNK Rijeka – HŠK Zrinjski Mostar 1:1
Friendly (I/I)
Stadion Kantrida (Att: 7.500)

Herr, ich habe gesündigt. Ich hatte einen schlimmen Rückfall. Ich bin entgegen meiner Vorsätze doch mal wieder mit Ryanair geflogen. Der Antichrist unter den Airlines hat mich mit einem 9,99€-Flug verführt, während seine minimal weniger teuflischen Wettbewerber mindestens das Zehnfache zu meinem Zielort Rijeka aufriefen. Der Umstand, dass der Luzifer der Lüfte auch noch ab Frankfurt am Main und nicht ab Hahn oder Weeze flog (außerdem zu einer angenehmen Abflugzeit von 11 Uhr vormittags), machte die Sache noch verlockender. Zum Glück kam der Beelzebub unter den Beförderern nicht für den Rückflug in Frage. Da ging es mit Eurowings von Rijeka nach Düsseldorf und zwar für 12,25€ Restgebühr (ich hatte mal wieder 10.000 Meilen für einen Freiflug eingelöst). Die beiden innerdeutschen ICE-Transfers wurden derweil durch den Einsatz von Verspätungsgutscheinen auf 4,40€ und 1,90€ gedrückt, so dass es für insgesamt 28,58€ von meiner Haustür nach Rijeka und wieder zurück ging.

Frankfurt am Main Hauptbahnhof

Aber was will der Mann da eigentlich?
Es war Länderspielpause und die nutzte der kroatische Erstligist HNK Rijeka für ein besonderes Freundschaftsspiel. Man empfing den bosnisch-kroatischen Club HŠK Zrinjski Mostar und die Partie fand nicht im 2015 eröffneten Stadion Rujevica statt, sondern in der alten Heimat, dem Stadion Kantrida. Eine dieser Spielstätten, die man als Stadionenthusiast mal gesehen und betreten haben muss. Da steige ich gerne am Samstagmorgen um 4:59 Uhr in einen ICE nach Frankfurt am Main. Außerdem wurde vorab eine solide Unterkunft im Stadtzentrum von Rijeka gebucht (27€) und ein Matchticket der teuersten Kategorie (umgerechnet 12€) wurde besser auch schon im Vorverkauf erworben.

Cash Rules Everything Around Me

Da ich pünktlich in Frankfurt ankam (7:44 Uhr), benötigte ich meinen rund 96minütigen Zeitpuffer nicht und spazierte vom Hauptbahnhof zum Römer. Die viel beachtete „Neue Altstadt“ wollte ich mir mal live anschauen. Sie wurde letztes Jahr nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet und kostete rund 200 Millionen Euro. 35 historische Gebäude wurden zwischen Römer und Dom rekonstruiert, um ein Stück des alten Frankfurts wiederauferstehen zu lassen. Immerhin bis zum Zweiten Weltkrieg eine der größten und schönsten Altstädte Deutschlands. Die Neubauten, für das brutalistische Technische Rathaus der Stadt Frankfurt weichen musste, machen einen netten Eindruck. Allerdings fehlt es ihnen an Patina, so dass man sich (noch) in einer Art Filmkulisse wähnt.

Bei meinem Stadtrundgang habe ich logischerweise das Goethehaus, die Paulskirche, den Römer und den Dom auch gleich „mitgenommen“, ehe gegen 9 Uhr die ersten ostasiatischen Tourimobs aufmarschierten. Das war für mich das Signal die nächstbeste S-Bahn von der zentralen Station Hauptwache zum Flughafen zu nehmen. Ryanair boardete natürlich am hinterletzten Gate (D52) und mit dem Bus wurden auf dem Rollfeld auch noch einige Meter Richtung Darmstadt gemacht. Aber was soll ich mich bei 9,99€ Flugpreis beschweren? Stattdessen freute ich mich über eine Pünktlichkeitsfanfare beim hoffentlich allerletzten Ryanair-Flug meines Lebens und hatte den ganzen Flug über Kopfkino bezüglich eines „Celebrity Deathmatchs“ zwischen Greta Thunberg und Michael O’Leary. Ich hab für’s Gewissen natürlich noch 5€ CO2-Kompensation bei Atmosfair gezahlt. Man will der heranwachsenden Generation schließlich nicht die Zukunft und die Träume stehlen (How dare I!).

Das Treppenhaus meiner Unterkunft

Für den Flughafentransfer hatte ich mir vorab ein Busticket gesichert (kostete umgerechnet 13,12€ return) und das Shuttle kam 13:30 Uhr im Stadtzentrum an (der Flughafen ist auf der Adriainsel Krk und ca. 23km von Rijekas Stadtmitte entfernt). Meine Bude war strategisch zur Bushaltestelle gewählt und somit war ich schnell eingecheckt. Die gebuchten „Korzo Rooms“ befinden sich im Obergeschoss eines schönen Altbaus von 1885 in der Haupteinkaufsstraße „Korzo“ und ich freute mich schon beim ersten Betreten des Gebäudes, dass ich die ganzen Treppen nur zweimal würde hochlaufen müssen.

Nee, lieber doch nicht

Gegen 14 Uhr konnte ich schließlich mein touristisches Programm beginnen und löste ein Busticket für umgerechnet 1,35€ (Einfache Fahrt) vom Stadtzentrum auf den Hügel Trsat. Denn auf dem Trsat befinden sich u. a. eine Burg und ein Franziskanerkloster (zugleich eine Marien-Wallfahrtstätte) und auf jenem Hügel nahm die Stadtgeschichte von Rijeka ihren Anfang. Ich überlegte auch kurz die 1,5km (und ca. 150 Höhenmeter) auf den ab dem 16.Jahrhundert angelegten Treppen des Pilgerweges zum Kloster per pedes abzuleisten, aber natürlich ausschließlich aus Zeitgründen verzichtete ich auf diese nachmittägliche Ertüchtigung. Stattdessen erreichte ich die Anhöhe mit Ruhepuls und war somit vollends aufnahmefähig für das Kulturprogramm. Meine gewonnenen Erkenntnisse möchte ich euch natürlich nicht vorenthalten.

Reste eines Brunnens aus der Antike

Bereits in der Antike hatten sich zunächst Kelten und dann Illyrer an der Flussmündung des Riječinas (deutsch: Flaum) in die Adria (Kvarner Bucht) niedergelassen. Aus der Illyrerzeit ist mit Liburna ein erste Stadtname überliefert. Aus jenem Liburna liefen viele Schiffe der seeräuberischen Illyrer aus und machten seinerzeit die Adria unsicher. Das schaute sich der damals mächtigste Anrainer der Adria, der zugleich häufig Opfer der illyrischen Piraten wurde, allerdings nur bis 180 v. Chr. an. Damals eroberte die Römische Republik die Stadt und die Römer legten alsbald direkt am Meer noch eine weitere Siedlung namens Tarsatica Romana an (die heutige Altstadt von Rijeka), während die Burgstadt auf dem Hügel fortan Tarsata Liburna hieß.

Das einstige römische Forum in der heutigen Altstadt

Die Römer blieben bis in die Spätantike die Herren an der Kvarner Bucht und nach der Christianisierung des Römischen Reiches wurde Tarsatica dem Heiligen Vitus gewidmet und hieß fortan Terra Fluminis sancti Viti (dessen deutsche Entsprechung Sankt Veit am Flaum ist). Nach der Römischen Reichsteilung (395 n. Chr.) kam das Gebiet zunächst zum Oströmischen Reich (Byzantinisches Reich). Zu Zeiten der Völkerwanderungen wurden die Byzantiner schließlich im 5.Jahrhundert temporär von den Ostgoten verdrängt, doch 539 konnten die Byzantiner das heutige Rijeka noch einmal in ihr Reich eingliedern. Dieser zweiten Herrschaft war ebenfalls keine lange Dauer beschieden und um 600 mussten die Byzantiner den einwandernden Stämmen der Awaren und Slawen weichen. Aus diesen Awaren und Slawen bildete sich höchstwahrscheinlich das Volk der Kroaten heraus (die Ethnogenese der Kroaten ist wissenschaftlich weiterhin nicht einwandfrei geklärt). Doch noch bevor sich das mittelalterliche Königreich Kroatien konstituierte (925), zerstörte ein fränkisches Herr unter Karl dem Großen um das Jahr 800 die Stadt am und die Burg auf dem Trsat.

Burgturm auf dem Trsat

Wann und in wie weit die Stadt wieder aufgebaut wurde, ist aufgrund der dürftigen Quellenlage im Frühmittelalter nicht zweifelsfrei zu sagen, aber von einer relativ kontinuierlichen Besiedlung bis zur nächsten urkundlichen Erwähnung ist auszugehen. Jene finden wir 1230 durch venezianische Kaufleute. Die Adriaküste an der Kvarner Bucht gehörte seit dem 10.Jahrhundert zum Königreich Kroatien, welches sich wiederum seit 1102 im Staatsverband mit dem Königreich Ungarn befand (die „Pacta conventa“, die prinzipiell bis 1918 bestand hatte). Das kroatische Adelsgeschlecht der Frankopani hatte Trsat / Rijeka im 13.Jahrhundert in seine Grafschaft Vinodol eingegliedert und verhalf der Stadt zu neuer Blüte. Ebefalls bauten die Frankopani die Burg auf Trsat wieder auf und gaben ihr das Antlitz einer hochmittelalterlichen Höhenburg.

Die wehrhafte Burg der Frankopani

1399 erbte das schwäbische Ministeraliengeschlecht von Walsee, welches eng mit dem Haus Habsburg verbunden war, die Gegend an der Kvarner Bucht. Als Wolfgang V. 1465 ohne Nachkommen verstarb und somit der letzte Walseer war, vermachte er dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich III. (aus dem Hause Habsburg) seine Ländereien. Damit gehörte das heutige Rijeka fortan zu den Habsburger Besitzungen und wurde von den neuen Herren eingedeutscht Sankt Veit am Flaum bezeichnet. In den ersten Jahrhunderten mussten die Habsburger sich allerdings mehrfach den Begehren der Republik Venedig und des Osmanischen Reiches erwehren, doch dauerhaft konnte keiner der Rivalen Sankt Veit an sich reißen.

Kathedrale des heiligen Vitus (Katedrala Svetog Vida)

Als die Habsburger 1526 auch den ungarischen Thron bestiegen, wurde das heutige Rijeka wieder Teil der Länder der Stephanskrone (ungarische Reichshälfte des Habsburgerreiches) und die Ungarn verwendeten fortan bevorzugt die zugleich italienische Stadtbezeichnung Fiume (bzw. ungarisiert Fuimeváros). Im 17.Jahrhundert ließen sich die Jesuiten in Fiume nieder und gründeten 1627 sowohl das Jesuitenkolleg (als Vorläufer der hiesigen Universität), als auch 1629 das erste Theater der Stadt. 1638 wurde außerdem mit dem Bau der Kathedrale von Rijeka begonnen. Ein schöner barocker Rundbau auf einem Hügel der Altstadt, der dem Stadtheiligen Vitus aka Sankt Veit geweiht ist. Auch das bereits erwähnte und seit dem 15.Jahrhundert bestehende Franziskanerkloster auf dem Trsat, mit seinem Marienheiligtum, wurde nach einem Brand anno 1629 in den folgenden Jahrzehnten im Stile des Barocks wieder aufgebaut.

Barockkirche des Franziskanerklosters

1719 ordnete Kaiser Karl VI. an, dass Fiume fortan ein Freihafen sein soll. Das erzeugte weiteren Wohlstand und ließ den Hafen zum Größten des Habsburgerreiches nach Triest wachsen. 1779 verfügte Karls Tochter Maria Theresia, die erste Frau auf dem Habsburgerthron, dass Fiume nicht mehr zum Königreich Ungarn gehören soll, sondern als autonome Körperschaft  („Corpus separatum“) direkt der Krone in Wien untersteht. In den Napoleonischen Kriegen verloren die Habsburger Fiume 1805 und es gehörte bis 1814 zum von Napoleon Bonaparte errichteten Königreich Italien. Bonaparte hatte als Kaiser der Franzosen und König der Italiener in Personalunion, sowie mit vielen abhängigen Staaten wie dem Königreich Westphalen und dem Königreich Spanien, zeitweilig halb Europa beherrscht. Doch sein Riesenreich zerbrach 1814 und die Habsburger bekamen nach dem Wiener Kongress (1814 – 1815), in dem Europas Mächte den Kontinent diplomatisch neu ordneten, ihre Territorien zurück.

Die Kirche Mariä Himmelfahrt mit ihrem schiefen Turm besteht seit dem Mittelalter, bekam ihr gegenwärtiges Äußeres jedoch erst im 19.Jahrhundert

Nach dem Österreich-Ungarischen Ausgleich von 1867 (auf den ich u. a. im Zagreb-Bericht schon eingegangen bin) gehörte Fiume wieder zur ungarischen Reichshälfte der Habsburger. Für die Ungarn wurde Fiume zum ersten und einzigen Überseehafen, während die Österreicher mit Triest noch den größten Adriahandelshafen überhaupt besaßen und außerdem bereits zwei Jahrzehnte zuvor beschlossen hatten, dass das nahe Pula in Istrien zum Haupthafen der kaiserlich und königlichen Kriegsmarine ausgebaut wird. Die Ungarn verbanden die Stadt nun über Zagreb (Agram) auf dem Schienenweg mit Budapest. Darüberhinaus war die Stadt via Ljubljana (Laibach) über die österreichischen Südbahnen mit Wien verbunden.

Der Uhrturm, zuletzt 1876 umgestaltet, erinnert an die Habsburgerzeit

Neben den Funktionen als Handelshafen und Marinebasis, war Fuime auch Heimat von Werften, Reedereien und Fabriken. Zu nennen wäre da vor allem die Torpedofabrik. In den 1860er Jahren wurde der Torpedo vom englischen Ingenieur Robert Whitehead, basierend auf den Ideen des Italieners Giovanni Luppis, in der technischen Anstalt von Fiume erfunden. So entstand hier 1875 die erste Torpedofabrik der Welt („R. Whitehead & Co“). Ferner wurden 1882 die Reederei „Adria“ und 1899 die Schifffahrtsgesellschaft „Ungaro-Croata“ am hiesigen Hafen gegründet. Durch die skizzierten Entwicklungen wuchs die Stadt zwischen 1867 und 1914 beträchtlich (von unter 20.000 auf ca. 50.000 Einwohner). Dazu war Fiume am Vorabend des Ersten Weltkriegs multiethnisch geprägt. Der Zensus von 1911 ermittelte als Muttersprachen u. a. Italienisch (23.283 Einwohner), Kroatisch (15.731), Slowenisch (3.937), Ungarisch (3.619) und Deutsch (2.476).

Malerisches Rijeka

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) wurde das Reich der Habsburger von den Siegermächten zerschlagen und Fiume sollte eigentlich dem neu entstandenen Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS-Königreich) zugeschlagen werden. Doch während der Verhandlungen bei der Pariser Friedenskonferenz 1919 stellten italienische Freischärler die Alliierten vor neue Fakten. Am 12. September 1919 war Gabriele D’Annunzio, ein italienischer Kriegsheld und berühmter Schriftsteller, mit rund 2.000 Freiwilligen in die Stadt an der Kvarner Bucht einmarschiert. D’Annunzios Freicorps (die „Arditi“, z. dt. die Tapferen) bekam einen warmen Empfang tausender italienischstämmiger Bürger, welche die Straßen säumten und grün-weiß-rote Fähnchen schwenkten. Der Eroberer residierte nun im Gouverneurspalast, rollte von dessen Balkon eine italienische Tricolore in Übergröße aus und verkündete feierlich die Einkehr Fiumes ins italienische Königreich.

Der Gouverneurspalast von 1892, heute Seefahrt- und Geschichtsmuseum

15 Monate dauerte die Regentschaft von D’Annunzio und sie wurde dabei zum Experimentierfeld einer politischen Bewegung, die es eigentlich noch gar nicht gab. Der „Duce von Fiume“ nahm einiges vorweg, was man wenige Jahre später bei seinem Weggefährten Benito Mussolini Faschismus nennen wird. Es gab einen Führerkult (und den Römischen Gruß als Geste dessen), Fackelmärsche und Massenkundgebungen (bei denen Führer D’Annunzio mit seinen Reden einen Massenrausch zu erzeugen vermochte). Auch Fahnen, Uniformen und überbordender Nationalismus, kennzeichneten den Protofaschismus von Fiume. Gleichwohl förderte D’Annunzio entsprechend seiner Fasson das Kulturleben der Stadt und entwarf eine für damalige Verhältnisse fortschrittliche Verfassung mit Gleichberechtigung, Pressefreiheit und sozialen Reformen. Als sich die italienische Regierung im November 1920 auf einen Grenzvertrag mit dem SHS-Königreich einigen konnte und Fiume dabei den Status eines unabhängigen Freistaates bekam, weigerten sich die Besatzer den Vertrag anzuerkennen. Die italienische Regierung entsendete daraufhin ein Schlachtschiff namens Andrea Doria, welches am 24.Dezember 1920 aus der Kvarner Bucht auf den Gouverneurspalast feuerte und ein Corps Marinesoldaten anlanden ließ. D’Annunzio ergriff nach mehrtätigen Kämpfen, die als blutige Weihnacht in die italienische Geschichte eingingen, am 31.Dezember die Flucht.

Das italienische Gymnasium (1888 gegründet, bis heute weiterführende Schule der italienischen Volksgruppe)

Im April 1921 wurde der vereinbarte Freistaat Fiume offiziell und der Hafen dabei unter gemeinsame Verwaltung von Italien und dem SHS-Königreich gestellt. Was eigentlich zur Dauerlösung werden sollte, machte die faschistische Machtergreifung von Benito Mussolini in Italien im März 1922 obsolet. Auch in Fiume übernahm ein faschistischer Statthalter Mussolinis die Kontrolle und der demokratische und unabhängige Freistaat Fiume hörte de facto schon nach einem Jahr auf zu existieren. Im Januar 1924 einigte sich Mussolini schließlich mit dem Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen im Vertrag von Rom auf die Annexion der Stadt durch Italien. Als Ausgleich bekam das SHS-Königreich das bisher zum Freistaat gehörende Hinterland Fiumes, wie auch den südöstlichen freistaatlichen Küstenstreifen mit der kleinen Hafenstadt Sušak.

Ruine auf dem Trsat

Die von D’Annunzio begonnene Italianisierung der Stadt wurde von Mussolini intensiviert, so dass viele Kroaten und andere Minderheiten emigrierten. Zugleich litt die Stadt ökonomisch am Verlust ihres Hinterlandes. Denn auf Italien bezogen befand man sich in einer ungünstigen Randlage. Italien hatte genug andere Adriahäfen, weshalb die Römer Regierung die Wirtschaft Fiumes besonders unterstützen musste, anstatt aus der Annexion wirtschaftlich Kapital zu schlagen. Lediglich immatriell war die Annexion ein großer Propagandagewinn für den Faschismus. Allerdings endete die italienische Episode auch schon 1943, da das bisher mit dem Deutschen Reich verbündete Italien seinerzeit im seit 1939 tobenden Zweiten Weltkrieg kapitulierte und der bisherige Bündnispartner die adriatische Küste besetzte.

Blick ins Hinterland vom Trsat

Die deutsche Kapitulation an allen Kriegsfronten war zu diesem Zeitpunkt aber auch nur noch eine Frage der Zeit und alliierte Luftangriffe, wie auch Aktionen von jugoslawischen Partisanen, machten den Besatzern zu schaffen. Besonders die Hafenanlagen, Werften und die Torpedofabrik wurden häufig bombardiert. Am 3.Mai 1945 wurde die Stadt schließlich von jugoslawischen Partisanen eingenommen und anschließend Teil der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ), genauer gesagt der kroatischen Teilrepublik des Bundesstaates. Die neuen Machthaber wiesen ca. 300.000 Italiener aus, da nur bleiben durfte, wer die italienische gegen die jugoslawische Staatsbürgerschaft eintauschte. Stattdessen sollen viele ehemalige kroatische Bürger Fiumes wieder zurückgekehrt sein und mit dem ökonomischen Aufschwung der Nachkriegsjahre kamen auch viele jugoslawische Neubürger in die nun Rijeka genannte Stadt.

Streetart in einer Häuserruine

In der jugoslawische Epoche gedeihte Rijeka wieder zu einer wichtigen Hafen- und Handelsstadt. Außerdem profitierte es vom in der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts aufkommenden internationalen Adriatourismus. Als Kroatien sich 1991 einseitig für unabhängig von Jugoslawien erklärte, kam es zum Bürgerkrieg zwischen Kroaten und der serbischen Minderheit Kroatiens (unterstützt von Restjugoslawien). Da Rijeka jedoch nicht zu den Serbengebieten Kroatiens gehörte, blieb die Stadt vom Krieg verschont. Am Ende des Krieges (1995) hatte das vom Westen unterstützte Kroatien nicht nur seine Unabhängigkeit behauptet, sondern auch seine territoriale Integrität gewahrt. Die bekannte Folge war eine serbische Massenflucht aus jenem jungen Staat.

Heute ist Rijeka Teil Kroatiens und der EU

Rijeka hat seitdem zehntausende Arbeitsplätze und ebenso viele Einwohner verloren. 1991 lebten hier 167.964 Einwohner, heute sind es nur noch ca. 130.000 Menschen. Trotz allgemeinem kroatischen Aufschwung in den letzten Jahren, ist die Erwerbslosigkeit in Rijeka immer noch hoch. Besonders der (schiffs)industrielle Sektor befindet sich in einer Dauerkrise und erst vor wenigen Monaten schloss eine der letzten beiden Werften ihre Tore. Nichtsdestotrotz hat Rijeka als drittgrößte Stadt Kroatiens nach Zagreb (790.000) und Split (170.000) viel Potential. Außerdem ist Rijeka der wichtigste Hafen Kroatiens und auch weiterhin von wichtiger Bedeutung für die Binnenstaaten Österreich und Ungarn, die jeweils einen Freihafen in Rijeka unterhalten dürfen. Ferner sind noch Potentiale im Bereich Tourismus und Kultur auszumachen. Man freut sich daher sehr über den Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ im kommenden Jahr.

In der Haupteinkaufsstraße „Korzo“ wird per Banner für das heutige Fußballspiel geworben

Apropos Kultur… Perfektes Stichwort, um mich nach vier Stunden Stadtgeschichte endlich der lokalen Fußballkultur zu widmen. Da die Busse aus dem Zentrum in den rund 6km entfernten Stadtteil Kantrida erwartungsgemäß hoffnungslos überfüllt waren, organisierte ich mir einen Uber-Fahrer für umgerechnet 4,85€. Aldo sein Name und dieser verriet schon seine Zugehörigkeit zur italienischen Minderheit von Rijeka, die nur noch 2 bis 3% der Bevölkerung ausmachen soll. Allerdings betreibt die Minderheit rege Kulturpflege mit Zeitungen, Rundfunk und Schulen in italienischer Sprache, wie mir Aldo berichtete.

Stadion Kantrida

Ich ließ mich oberhalb der Spielstätte rauswerfen und überblickte zunächst das malerisch am Fuße der Klippen der Kvarner Bucht gelegene Stadion. Aber Bilder sagen bekanntlich mehr als 1000 Worte…

Fans auf dem Weg zum Stadion

Es war gut was los und die Fans sangen schon beim Anmarsch zum Stadion ihre Lieder. Rauchtöpfe auf den Zuwegen, wie auch Leuchtraketen am Abendhimmel waren bereits zu bewundern. Über Serpentinen schlängelte ich mich hinunter zur Adria, wo sich viele Fans anscheinend heute zunächst einen schönen Strandtag gemacht hatten. Außerdem war hinter der Haupttribüne eien Bühne aufgebaut und eine Band spielte Gassenhauer vor feiernden Fanscharen. Die Ultras der „Armada Rijeka“, die heute der offizielle Veranstalter waren, hatten sich einiges einfallen lassen.

Feuerwerk vor Spielbeginn

So gab es auch kurz vor Spielbeginn ein mehrminütiges professionelles Feuerwerk auf dem Rasen, welches vom Publikum begeistert aufgenommen wurde. Pünktlich um 19 Uhr rollte schließlich der Ball vor ca. 7.500 Besuchern im etwas über 10.000 Zuschauer fassenden Rund. Die Kurve füllte sich nach Spielbeginn übrigens immer noch. Allerdings trällerte man schon ein paar Lieder, während auf dem Rasen ebenfalls zunächst ihre Herzensangelegenheit das Heft des Handelns in Hand nahm. Folgerichtig konnte HNK Rijeka in der 15.Minute durch ein Tor von Innenverteidiger Dario Župarić in Führung gehen.

Gut aufgelegte Fans des HNK Rijeka kurz vor Spielbeginn

Mit dem HŠK Zrinjski hatte man sich heute eine kroatische Gastmannschaft aus Mostar eingeladen. Also Landsleute mit denen man spätestens seit dem Ende Jugoslawiens nicht mehr im Wettbewerb steht, da Mostar heute bekanntermaßen zum komplizierten Staatsgebilde Bosnien-Herzegowina, genauer gesagt zur Entität der kroatisch-bosnischen Föderation Bonsien-Herzegowina, gehört (im Sarajevo-Bericht hab ich seinerzeit eine Annäherung an die komplizierten dortigen Verhältnisse und Hintergründe gewagt). Circa 100 eher zurückhaltend auftretende Fans hatte der bosnisch-kroatische Club mitgebracht. Ich glaube eine offizielle Freundschaft existiert zwischen den Fanlagern nicht, aber es herrscht anscheinend gegenseitiger Respekt. Neben mir saßen auch ein paar Fans aus Mostar, die problemlos zwischen den Heimfans auf der Haupttribüne das Spiel verfolgen konnten.

Die Blockfahne

Den nächsten Höhepunkt des Abends stellte eine Choreographie nach ungefähr 30 Spielminuten dar. Die Fankurve hatte eine Blockfahne ausgerollt, auf jener das Stadion, wie auch das aktuelle Clubemblem und das Logo der „Armada“ abgebildet waren. Links und rechts der Blockfahne wurden alsbald hunderte Kassenrollen geworfen. Auf einem langen Banner am Zaun wurde darüberhinaus noch ausgedrückt, dass nur ein Ort auf der Welt Heimat heißen kann. In ihrem Fall ist dieser Ort natürlich das Stadion Kantrida.

Ein sehr schönes Gesamtbild

Nach der Choreo konnte der Gast aus dem 520km entfernten Mostar noch vor der Pause ausgleichen. Linksverteidiger Pero Stojkić war in der 40.Minute für Zrinjski erfolgreich und die Fans im Gäsetsektor machten sich endlich mal bemerkbar. Somit ging es mit 1:1 in die Kabinen und ich nutzte die Unterbrechung, um mir mangels Alternativen für umgerechnet 1,35€ eine Portion Popcorn zu holen.

Wie bekommen diese Ultras das nur immer ins Stadion?

Aber warum auch nicht? Schließlich war die baldige Pyroshow der Heimkurve ganz großes Kino! Zwischen der 55. und 65.Spielminute fackelte die 1987 gegründete „Armada Rijeka“ etliche Bengalos ab. Ging irgendwo eins aus, leuchte anderswo wieder eins auf. Wie gesagt, so circa 10 Minuten loderte die Kurve und natürlich gab es dazu brachial laute Gesänge.

Pyroinferno

Die Pyroshow war definitiv der Höhepunkt der zweiten Halbzeit, denn auf dem Rasen geschah nichts Weltbewegendes mehr. Aber gut, kein Mensch wird in erster Linie für das Testspiel hier gewesen sein. Für die Heimfans ging es darum nochmal einen tollen Abend in ihrer langjährigen Heimat zu erleben und die Gästefans, wie auch die zahlreichen Groundhopper, waren ebenfalls wegen des Stadions und der besonderen Stimmung angereist.

Der Gästeblock

Schade, dass das Kantrida bald Geschichte sein wird. An gleicher Stelle soll ein moderner Neubau mit ca. 15.000 Plätzen entstehen und seit 2015 spielt man bereits im Übergangsstadion Rujevica (8.279 Plätze), welches auf dem Trainingsgelände von HNK Rijeka enstanden ist. Da allerdings immer noch keine Bagger angerollt sind (Finanzierung des Projekts weiterhin unklar), kann zumindest hin und wieder ein Testspiel im Kantrida ausgetragen werden. Die „Armada“ hatte letztes Jahr bereits ein Freundschaftsspiel gegen den slowenischen Topclub NK Maribor organisiert und dieses Jahr eben den Kick gegen Zrinjski. Sollte nächstes Jahr immer noch kein Baubeginn sein, ist ein drittes Abschiedsspiel nicht ausgeschlossen.

Auch auf der Haupttribüne beteiligten sich Fans an der Stimmung

Das neue Stadion anstelle des Kantrida wird mit dem alten dann nur noch die Lage gemein haben. Doch allein schon durch die geschlossene Bauweise des Entwurfs und die geplante Integration eines Hotelkomplexes und eines Einkaufszentrums, ist ausgeschlossen, dass man das bisherige Flair erhalten kann. So ein modernes Stadion soll natürlich helfen den Verein an der nationalen Spitze zu halten. Rijeka hat dabei das Potential sich in den Top 3 Kroatiens festzusetzen, bzw. gar an der Primusstellung von Serienmeister Dinamo Zagreb zu kratzen. 2017 gelang bereits einmal der Gewinn der nationalen Fußballmeisterschaft (wie auch des Pokals), was eine Meisterserie Dinamo Zagrebs seit 2006 beendete. Darauf folgten 2018 und 2019 zwei Vizemeisterschaften und 2019 ein weiterer Pokalsieg (der insgesamt Fünfte nach 2005, 2006, 2014 und 2017).

Die Haupttribüne nach Schlusspfiff

Mit anderen Worten, der Club der zu jugoslawischen Zeiten immerhin zwei Pokalsiege verbuchen konnte (1978 und 1979), stellt in den letzten Jahren Hajduk Split als nationale Nr. 2 in Frage. Zu den Fans aus Split („Torcida“) pflegt die „Armada Rijeka“ übrigens auch ihre innigste Feindschaft, während Hauptstadtclub Dinamo minimal weniger verachtet wird und außerdem eine regionale Rivalität zu NK Istra Pula besteht. Wer also mal das Übergangsstadion Rujevica oder irgendwann das neue Kantrida kreuzen will, sollte gegen Hajduk, Dinamo oder, mit Abstrichen, gegen Istra vorbeischauen. Was das Fanpotential angeht, ist Rijeka übrigens auch die nationale Nr. 3. Nach den „Bad Blue Boys“ aus Zagreb und der „Torcida“ aus Split, muss man die „Armada“ nennen, die heute mal wieder ihr vierstelliges Mobilisierungspotential abrief (08/15-Ligaspiele können dagegen sehr unspektakulär ablaufen).

Graffito der Armada am Stadion

Nach 90 Minuten Fußball und vor allem nach 90 Minuten astreinem Tifo, stieg weiterhin die Fanparty hinter der Haupttribüne und am benachbarten Strandabschnitt. Mich zog es allerdings nach ein paar Abschiedsfotos zeitnah in die Stadt. Ich hatte sogar erst die Idee die 6km zu Fuß abzuleisten. Doch nach rund 1.500 Metern merkte ich, dass dabei kein Spaß aufkam. Ich hatte ferner mächtig Kohldampf und außerdem bereits 18,96km in den Knochen. Also wurde wieder zur Uber-App gegriffen und wenige Minuten später tauchte das gebuchte Mobil auf. Fahrer Alen trug eine Jacke der „Armada“ und war natürlich auch zuvor im Stadion gewesen. Praktischerweise konnte er mit mir auf dem Heimweg noch ’ne Mark machen und die Fahrt wurde durch seine Pyrovideos auf dem Smartphone und Plauderei über Fußball, Ultras, Kroatien, Deutschland usw. sehr kurzweilig. Der Spaß kostete übrigens nur circa 3,30€. Allerdings hatten meine Füße auch bereits 1,5km des Weges in die Innenstadt übernommen.

Ein letzter Blick hinunter zum Stadion

Da unter den ca. 111 deutschen Hoppern am heutigen Abend auch zwei Bekannte von mir weilten, war ich in der Stadtzentrum noch mit CTM und Schüßler zum Abendessen verabredet. Wählerisch war ich nicht und schaffte mit dem „Conca d’oro“ neben meiner Unterkunft Tatsachen bevor das Duo eintraf. Für mich gab es die kleine Grillplatte für 85kn, einen Šopska-Salat für 25kn und ein großes Bier für ebenfalls 25kn. Geschmacklich Durchschnitt („Not great, not terrible“, würde Anatoli Djatlov sagen) und etwas überpreist, doch den Umständen entsprechend befriedigend. Nach dem Essen zog meine temporäre Begleitung noch los, um die Kneipenszene zu prüfen. Doch während sie Sonntag erst um 17:30 Uhr los mussten (übrigens mit BlaBlaCar für 29€ p. P. von Rijeka nach München), klingelte mein Wecker bereits um 6:30 Uhr. Daher ging ich kurz vor Mitternacht nebenan zu Bette.

Kleine Fleischplatte und Šopska-Salat

Am Sonntagmorgen fuhr mein Shuttle zum Flughafen um 7 Uhr. Ich klopfte mir nochmals auf die Schulter, dass ich die 500 Meter vom Busstopp entfernte Bude gebucht hatte, anstatt eine andere angedachte für 7€ weniger in 2.500 Metern Distanz. Am Flughafen hatte ich dann 105 Minuten Puffer zum Start und lümmelte deshalb noch eine Dreiviertelstunde vor dem niedlich kleinen Terminal rum. 9:25 Uhr war Abflug und im Flieger gönnte ich mir mal ausnahmsweise einen kleinen Snack. Da das Frühstück ausgefallen war, musste etwas in den Magen und das waren nun schokolierte Mandeln mit Karamellgeschmack und Meersalz, sowie eine Flasche Almdudler (als Deal zusammen 4€).

Eine F84 (nicht zu verwechseln mit einer tiefgreifenden menschlichen Entwicklungsstörung nach ICD-Klassifizierung)

Gegen 11 Uhr landete der Airbus A319 von Eurowings in Düsseldorf und mein eingeplanter Puffer von rund 90 Minuten bis zur gebuchten Zugverbindung war obsolet geworden. Die „gewonnene“ Zeit verbrachte ich nun rund um den Duisburger Hauptbahnhof, weil dort um 13:10 Uhr mein ICE gen Hannover starten sollte. Vor zwei Jahren hatte ich mich ja mal davon überzeugt, dass Duisburg auch ein paar schöne Ecken hat. Die brauchte ich also nicht nochmal zu suchen und lungerte stattdessen nur in Bahnhofsnähe rum. Der Gegend mit der mutmaßlich höchsten Pfandleiherdichte Deutschlands.

Duisburg Hauptbahnhof

Kulinarisch fand ich leider nichts Reizvolles, so ich mal zu einem meiner seltenen McD-Besuche ansetzte. Immerhin gab es aktuell den McRib für 1,99€. Derer zwei sättigten mich zeitweilig und um 13 Uhr suchte ich meinen ICE auf. Gut, dass ich noch spontan für 4,50€ reserviert hatte. Es wurde nämlich erwartungsgemäß voll. Wohl baustellenbedingt wurde der Zug außerdem ab Hamm über Münster und Osnabrück (ohne Halt) anstatt über Bielefeld geleitet und war erst gegen 16:20 Uhr in Hannover. Na ja, ich hatte genug interessante Folgen von diversen Fußballpodcasts herausgesucht, so dass mir nicht langweilig wurde. Am Ende zog ich das Fazit, dass solche 24h-Trips natürlich nicht das Wahre sind und eine Ausnahme bleiben sollten, aber für das Stadion Kantrida war es den Aufwand definitiv wert. Stadionfreunde dieser Welt, fackelt nicht lange, sollte es dort vor dem Abriss zu einem weiteren Spiel kommen!