Beograd (Belgrad) 11/2019

06.11.2019
FK Crvena zvezda – Tottenham Hotspur FC 0:4
UEFA Champions League (Group Stage)
Stadion „Rajko Mitic“ (Att: 42.381)

Der Rote Stern aus Belgrad schaffte im Sommer 2019 zum zweiten Mal in Folge die Qualifikation für die UEFA Champions League. In der entsprechenden Qualifikationsrunde setzte man sich gegen den FK Südova, HJK Helsinki (ich wohnte bekanntlich seinerzeit dem Hinspiel bei), den FC Kopenhagen und die Young Boys aus Bern durch. Da die Summe meiner Resturlaubstage überschaubar war, langte es in der Gruppenphase nur für einen Spielbesuch. Am besten passte das Heimspiel gegen die Spurs am 6.November. Das Duell Zvezda versus Olympiacos ging leider terminlich nicht und das gegen den FC Bayern, welches mich auch zugegebenermaßen nicht sonderlich reizte, fiel in eine allgemeine Urlaubssperre.

I got two tickets to paradise

Tickets waren zum Glück kein Problem, da einige meiner Freunde CL-Dauerkarten für Zvezda besitzen, aber tatsächlich keiner von ihnen Zeit für das zweite Heimspiel der Gruppenphase hatte. Außerdem wurde ein Hinflug mit WizzAir von Hannover nach Belgrad gebucht (15€) und ein Rückflug nach Tegel mit Easyjet (47€). Für den Transfer von Tegel nach Hause setzte ich DB-Verspätungsgutscheine ein, so dass ich dafür wieder mal keinen Cent aufwenden musste. Bei der Suche nach einer Unterkunft bekam ich dann den Verdacht, dass doch einige Anhänger der Spurs ihr Team begleiten dürften oder die Hoteliers zumindest darauf speukulierten. Denn die Preise lagen ein Stück über dem Niveau der vergangenen Trips nach Belgrad. Na ja, beim „Hotel Rex“ sanken die Preise nochmal von zunächst 90€ Anfang September auf 58€ in den Iden des Oktobers. Da schlug ich schließlich zu, denn das war in Ordnung für zwei Nächte inklusive Frühstück.

Ein Hoch auf unser’n Airbusfahrer

Am 5.November ging es nach dem Mittagessen zum hannöverschen Flughafen nach Langenhagen. Dort war an einem Dienstagmittag bzw. -nachmittag nicht viel los und als gegen 15 Uhr für die beiden Maschinen nach Serbien das Boarding begann (neben WizzAir nach Belgrad außerdem Air Serbia nach Niš), gingen die Rollläden des Duty-Free-Shops an den Gates B7-B9 runter. Hier würde wohl erstmal kein weiterer Vogel nach uns (15:20 Uhr) abheben. Mit an Bord meiner Maschine war übrigens auch Marc, ein treuer Leser von „Schneppe Tours“ aus der Wedemark. Um das bei vielen anderen Medien bereits beliebte Modell einer Leserreise mal zu testen, musste der arme Marc nun zwei Tage meine Gesellschaft ertragen.

Inspirierendes im WizzAir-Magazin

Der A320-200 des ungarischen Low-Cost-Carriers landete pünktlich um 17:15 Uhr in Belgrad und nachdem wir uns mit Serbischen Dinar versorgt hatten, nahmen wir den erstbesten Bus ins Stadtzentrum. Marc hatte ’ne Bude im Savamala-Distrikt und ich, wie erwähnt, das „Hotel Rex“. Beides nicht so weit auseinander. Nach den Check-Ins musste natürlich ein Abendessen her und wir gingen ins Restaurant „Polet“, wo uns heute eine betagte, aber fähige Band erwartete. Sie spielten Hits wie „All I Have to Do Is Dream“, „Johnny B. Goode“ und „She Loves You“, womit die Musiker üppigen Applaus im ebenfalls ziemlich spätadulten Publikum provozierten.

Ćevapčići

Nachdem wir unsere hervorragenden Ćevapčići auf Kajmak kredenzt hatten, musste natürlich noch ein Rakija Dunja für die Verdauung her. Marc gab wenig später den Hinweis, dass ich so komisch humpele. Im zweiten Anlauf kapierte ich dann, dass das ein verklausuliertes „Auf einem Bein kann man nicht stehen“ war. Mit Rakija Medena wurde das Problem ad hoc gelöst. Ansonsten liefen noch einige Jelen Pivo die Kehlen hinunter, so dass wir letztlich von ungefähr 19:30 Uhr bis 22:30 Uhr im „Polet“ verblieben. Als wir jeder 2.000 Dinar (ca. 17€) und somit 111% der Rechnungssumme auf den Tisch gelegt hatten, spielte die Band übrigens immer noch ihre tanzbaren Oldies und Menschen, die noch älter als die Songs waren, schwoften beseelt um die Tische.

Pivo i Rakija

In den folgenden Stunden sollten wir uns an der Ausdauer der betagten Musiker ein Beispiel nehmen und steuerten nun den „Gradska Priča Pub“ an. Jedoch nicht ohne noch ein paar Sehenswürdigkeiten bei Nacht abzuklappern. Hotel Moskva und der Platz der Republik lagen schließlich auf dem Weg und waren auch zur Nachtzeit höchst fotogen. Da der preiswerte Pub (0,5l Pivo nur ca. 1,10€) dann bereits um Mitternacht schloss, war es leider nur ein kurzes Gastspiel. Aber egal, der „Klub Morn“, ein Outlet der „Black Turtle Brewery“, war auch nicht weit und von dem Schuppen wusste ich, dass er auch werktags bis 4 Uhr geöffnet hat.

Platz der Republik bei Nacht

In der gut besuchten Kellerkneipe, in welcher wir das hauseigene Lager literweise den durstigen Kehlen zuführten (ca. 2,20€ pro Pint), ließen sich ab 2 Uhr auch einige Tottenham Lads nieder. Die ersten Casuals, die wir heute außerhalb des Flughafens sahen. Insgesamt schien ein großer Respekt vor Belgrad zu herrschen, so dass man sich nicht wie anderswo in der Innenstadt breit machte und die Kneipen füllte. Stattdessen wurden wahrscheinlich die Hotelbars der gebuchten Unterkünfte zum Umtrunk vorgezogen oder zu später Stunde Pubs wie eben diese nicht von außen einsehbare Kellerbar aufsuchten. Gut so für sie, denn im Gegensatz zu englischen Schlachtenbummlern, machte ich den Abend über einige Späher von Zvezda in der Innenstadt aus.

Anderes Glas, gleicher Inhalt

Das britische Dutzend hatte sich außerdem nicht nur wegen der Untergrundlage den „richtigen“ Laden ausgesucht. Denn hier zog ein Großteil des serbischen Publikums mutmaßlich Metal und Magic Cards dem Fußball und seinen Begleiterscheinungen vor. Dafür gab es gute Musik von u. a. „Motörhead“, „Sham ’69“, „Iggy Pop“ oder auch den „Sex Pistols“. Gefiel langhaarigen Serben, kurzhaarigen Briten und einem deutschen Duo gleichermaßen. Ergo blieben wir bis um 4 Uhr das Licht anging und zugleich keine Bestellungen mehr vom Servicepersonal bearbeitet wurden. Die Zahl der halben Liter war auf alle drei heutigen Gastwirtschaften verteilt deutlich zweistellig, während die Anzahl der Rakija im höheren einstelligen Rahmen blieb (im „Morn“ mussten wir natürlich auch nochmal einen Großteil der Schnapskarte testen). Von Humpeln konnte also keine Rede mehr sein!

So Lütte, die zieh‘ ich mir gerne rein

Stattdessen ging es wankend in die entsprechenden Unterkünfte und ich hatte mir tatsächlich noch einen Wecker auf 9 Uhr gestellt. Das sorgte für ein abruptes Ende der Nachtruhe nach ungefähr 4,5 Stunden und ich kann mir nur erklären, dass ich am Ende der Zechtour den Plan hatte unbedingt das Hotelfrühstück, welches bis 10 Uhr serviert wird, auszunutzen. Ja gut, wenn der Schneppe der letzten Nacht das so wollte, erfüllen wir ihm halt den Wunsch. Allerdings wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Bengel auch irgendwas mit meinem heutigen Unwohlsein zu tun gehabt haben könnte.

Revitalisierendes Frühstück im Rex

Na ja, nach dem Frühstück sah die Welt schon wieder etwas besser aus und zugleich hatte sich der alte Bekannte D. von der Gruppe „Riff Raff“ aus Belgrad gemeldet. Ich hatte einen Umschlag mit zwei Matchtickets für ihn aus Deutschland dabei und die Übergabe sollte um 11 Uhr im Vračar-Distrikt steigen. Er bot zwar an zum „Hotel Rex“ zu kommen, aber die Alternative das Ganze im „Haus der serbischen Biere“ abzuwickeln, gefiel mir deutlich besser. Zumal Marc wie auf Knopfdruck um 10:04 Uhr ein Lebenszeichen via Whatsapp sendete. Kulant wie immer, räumte ich ihm noch Zeit zum Frischmachen und Klarkommen ein, aber um 10:45 Uhr sollte er spätestens am vereinbarten Treffpunkt auf halber Strecke zwischen den Hotels erscheinen. Deutsche Pünktlichkeit suchte Belgrad heim und nachdem wir sogleich ein Taxi enterten, waren wir tatsächlich um 11 Uhr im „Srpska Kuća Piva“.

Pivo aus Valjevo

D. tauchte auch nicht wesentlich später auf und die Ticketübergabe dehnte sich auf vier Stunden aus. Draußen regnete es nämlich in Strömen und ein serbisch-deutscher Austausch über Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges war natürlich viel sinnvoller, als sich beim gequälten Sightseeing den Tod zu holen. Zwischendurch bekamen wir außerdem noch Zuwachs von zwei weiteren Zvezda-Anhängern (jene von der „Brigate“). Neben einem Mix aus ernsten und heiteren Themen, floss auch schon wieder reichlich Bier. Das Brauerzeugnis der „Valjevska Pivara“ (kleine Brauerei aus der westserbischen Kleinstadt Valjevo) war eben einfach zu lecker.

Es muss ja nicht immer ’ne Fleischplatte sein

Gegen 15 Uhr trennten sich dann wieder die Wege. Die Serben hatten am Spieltag schließlich noch andere Verabredungen und Verpflichtungen. Marc und ich waren jetzt so vernünftig nicht weiter zu zechen, sondern erstmal feste Nahrung auf die Agenda zu setzen. Dazu ging es mit dem Taxi wieder ins 3,5km entfernte Stadtzentrum. Wir nahmen einfach ein mir bisher unbekanntes, aber recht stilvolles Restaurant in der Straße „Obilićev venac“. Im „Restoran Mihailo“ gönnte sich Marc Geflügelrouladen mit Weichkäse-Gemüse-Füllung und ich wählte Hackbällchen in Tomatencremesauce mit Kartoffelpüree und grüner Salatbeilage. Dazu wurde tatsächlich Mineralwasser bestellt. Okay, nach dem Essen musste doch noch ein vollmundiger Rakija Dunja her, aber ansonsten legten wir zwischen 15 Uhr und 19:45 Uhr wirklich ein Alkoholmoratorium ein.

Kerze vs. Rakija – Wer brennt mehr?

Nach dem Essen, auf welches Marc mich freundlicherweise eingeladen hatte (Hvala!), ging es als nächstes zu einer Ticketagentur am „Trg republike“ (Platz der Republik). D. hatte Marc den Tipp gegeben, dass er dort noch ein Ticket für den morgigen Basketballstraßenfeger KK Crvena zvezda versus Real Madrid Baloncesto (EuroLeague) erstehen könnte und ein paar Restkarten gab es tatsächlich noch. Ich war neidisch! Hätte ich doch nur noch einen Tag mehr auf dem Urlaubskonto gehabt.

Belgrade by night

Anschließend betrieben wir doch noch etwas Sightseeing. Obwohl es schon dunkel war und weiterhin regnete. Auf mein mittlerweile etabliertes Format einer kurzen Reise in die Stadtgeschichte verzichte ich aber an dieser Stelle (mit dem Juli-Bericht 2019 habe ich diesbezüglich meine Schuldigkeit getan). Dafür durfte Marc meinen verbalen Ausführungen lauschen, während wir vom „Trg republike“ über die „Knez Mihailova“ zur Festung spazierten. „Belgrade by night“ ist natürlich auch schön und Kollege Marc würde Donnerstag und Freitag noch Gelegenheit haben, um die Stadt bei Tageslicht und wohl ebenso bei besserem Wetter zu bewundern.

Noch ein Nikšićko zum warm werden

Von der Festung ging es via Savamala, Slavija und dem Dom des Heiligen Sava zum Rajko-Mitic-Stadion a.k.a. „Marakana“. Da wir dort bereits gegen 19:45 Uhr aufschlugen, war noch Zeit für ein obligatorisches Fußballbierchen. Kurz nach 20 Uhr orientierten wir uns allerdings zu den Eingängen der Nordkurve und mussten ein zähflüssiges Gedränge ertragen. Na ja, so ca. 20:30 Uhr lag auch die vorletzte Hürde des Abends hinter uns. Der Endgegner war nun noch von der Nord- auf die Osttribüne (Gegengerade) zu gelangen. Die „Sever“ (Nordkurve) wäre zwar ein spannender und stimmungsvoller Ort zum Beiwohnen des Spiels gewesen, aber als Tourist fühlt man sich da doch deplatziert.

Auf zum Ground

Na ja, wir schauten mal wie die Serben den verbotenen Tribünenwechsel trotz Zaun und verschlossener Tore so absolvierten (Wechsler gab es in beide Richtungen einige) und wie die Ordner dabei i. d. R. wegschauten. Am Ende schaffte ich es mit der Wieselmethode und Marc mit der Eichhörnchenmethode. So waren wir ungefähr 10 Minuten vor Anpfiff auf für unsere Zwecke guten Plätzen auf der Gegengerade und konnten uns von dort an wunderbaren „Fuck You“-„Tottenham“-Wechselgesängen zwischen der Nord und der Ost beteiligen. Die paar hundert britischen Gäste pöbelten nur zaghaft zurück.

Erster Standort: Nordkurve

Pünktlich zum Einlauf der Teams wurde schließlich eine Choreographie in der Nordkurve präsentiert. Zwei klatschbereite Hände umrahmten einen weißen Schriftzug „Zvezda le“ (dt.: „Nur Zvezda“) auf rotem Grund. „Zvezda le“ ist außerdem der Refrain des beliebten Fanliedes „Zvezda mi je sve“ („Zvezda ist alles für mich“). Es war also angerichtet und getragen von einer fabelhaften Stimmung – nur auf der Haupttribüne wurde vorwiegend gesessen, der Rest des Stadion stand 90 Minuten – versuchte der FK Crvena zvezda das Wunder aus der Vorsaison zu reproduzieren, als man den späteren Champions-League-Sieger Liverpool im „Marakana“ mit 2:0 zurück auf die Insel schickte. Das war auf den Tag genau vor einem Jahr und nun war mit dem Vorjahresfinalisten Tottenham Hotspur ein ähnliches Schwergewicht zu Gast. So wie man letzte Saison zunächst auswärts chancenlos war (0:4 in Liverpool), gab es auch dieses Mal eine hohe Niederlage in der Fremde (0:5 in London). Mit dem nötigen Optimismus konnte man also sogar ein kürzliches Debakel als gutes Omen werten.

Choreographie zu Spielbeginn

Heute würden die Karten neu gemischt werden und mit dem frenetischen Publikum im Rücken würde man sich forscher als an der White Hart Lane präsentieren. Soviel war gewiss. Zwar hatte Tottenham von Anfang an mehr Ballbesitz und mehr Angriffe zu verzeichnen, doch mit hohem Pressing machte ihnen der Rote Stern das Leben schwer. In der 23.Minute war es dann Milan Pavkov, der Doppeltorschütze vor 12 Monaten gegen Liverpool, der das 1:0 auf dem Fuß hatte. Doch Spurs-Schlussmann Paulo Gazzaniga konnte mit einer tollen Parade den Torschuss aus kurzer Distanz abwehren. Wenn der drin gewesen wäre, hätten wir ein anderes Spiel gesehen… Stattdessen hatten die Spurs 10 Minuten später den Dusel bei einem Konter gepachtet. Zunächst traf Kane den Pfosten, dann wurde der Nachschuss von Son auf der Linie geblockt und der Ball blieb gefährlich in der Luft. Kane konnte ihn volley erwischen und sein Querschläger landete bei Son, der nun mit seinem Abschluss an die Latte traf. Doch diesmal prallte die Kugel vom Gehäuse auf den Fuß des Argentiniers Giovani Lo Celso. Der traf den Ball perfekt und es stand 0:1. Dieses Glück fehlte kurz vor der Pause auf der anderen Seite, als Rajiv Van La Parras Torschuss in der 44.Minute nur den Innenpfosten traf. Zumal der Ball nun von Innenverteidiger Davinson Sanchez nochmal an die Latte gelenkt wurde. Danach konnte Tottenham den Ball klären und die Führung in die Pause retten.

Südkurve nebst Gästebereich

Das Stadion war übrigens nicht ganz voll, was nicht nur an Pufferzonen zu den Gästefans lag. Die Preise sind einfach für hiesige Verhältnisse happig gestaltet. So kostete die günstigste Dauerkarte für die drei Gruppenspiele umgerechnet über 100€ und Tageskarten für entsprechende Sektoren in der Süd und Nord ca. 50€. Gegengerade und Haupttribüne lagen dagegen bei 80€ bzw. 100€. Viel Geld bei ca. 500€ Durchschnittslohn. So wies besonders die Haupttribüne noch einige freie Reihen auf, während der VIP- und Hospitality-Bereich wiederum gut ausgelastet waren. Aber auch das ist Belgrad; hier gibt es genug Menschen, die ein luxuriöses Leben führen können.

Blick zur Haupttribüne

Im zweiten Durchgang versuchten sich die Hausherren an einem offenen Schlagabtausch, was Son Heung-min bei zwei eiskalten Kontern mit einem Doppelpack bestrafte (57. und 61.Minute). Nach seinem ersten Treffer entschuldigte sich Son übrigens vor den Heimfans, bevor er eine kurze Jubelgeste in Richtung Gästeblock zeigte. Wer so respektvoll und höflich ist, den kann man natürlich schwer hassen (Anm. d. Red.: Im Nachhinein stellte sich heraus, dass Son die Geste an Andre Gomes vom Everton F.C. gerichtet hatte, der sich wenige Tage zuvor in der Premier League beim Zweikampf mit dem Südkoreaner ein Bein brach). Dafür wurde nochmal in Richtung der plötzlich aufgewachten Fans der Spurs gepöbelt. Die ließen jetzt ihrer „You only sing when you’re winning“-Mentalität freien Lauf, wurden aber von den Serben schnell wieder dauerhaft übertönt. Außerdem wurde circa zur 75.Minute die Choreographie nochmal „recycelt“ und zu 96% war das Bild genauso geschlossen wie zu Spielbeginn.

Die Nordkurve war ein gewohnter Stimmungsquell

Auf dem Rasen war natürlich nicht mehr viel zu erwarten. Die letzte halbe Stunde steckte Zvezda zwar nicht auf, doch der Favorit aus London spielte fortan locker seinen Stiefel runter. Erst recht als Pavkov um die 80.Minute rum verletzt vom Felde musste und die Belgrader aufgrund des bereits ausgeschöpften Wechselkontingents zu zehnt weitermachen mussten. In der 85.Minute erzielte Eriksen schließlich noch das 0:4 und das war auch der Endstand. Der FK Crvena zvezda verpasste durch die Niederlage das Klettern vom dritten auf den zweiten Tabellenrang. Den wiederum haben die Spurs nun gefestigt (mittlerweile vier Punkte Vorsprung). Zvezda hat allerdings noch gute Chancen den 3.Platz gegenüber Olympiacos zu behaupten, womit man im neuen Jahr in der K.O.-Phase der UEFA Europa League weitermachen dürfte. Die Chance auf Platz 2 und somit einen Überwintern in der Champions League ist dagegen nur noch theoretischer Natur.

Mein fünftes und letztes Spiel dieses Jahr im Marakana

Nach Abpfiff ging es zeitnah raus dem Belgrader „Marakana“ und rein ins Verkehrsgetümmel. Gegen 23:30 Uhr hatte ich mein Hotel erreicht und diesmal stellte ich den Wecker auf 8 Uhr. Ich würde gegen 12 Uhr zum Flughafen aufbrechen müssen und wollte noch ein bisschen von dem halben Tag in Belgrad haben. Ergo hieß es am nächsten Morgen Duschen, Frühstücken, Marc auflesen, Taxi schnappen und nochmal ab zum Rajko-Mitic-Stadion. Der schon jetzt berühmt berüchtigte Panzer vor der Nordkurve musste endlich mal geknipst werden. Dieser T-55 in Crvena-zvezda-Sonderlackierung wurde im August vor dem entscheidenden CL-Playoff-Spiel gegen die Young Boys aus Bern aufgestellt. Unbestätigten Gerüchte zufolge war der Kampfpanzer aus sowjetischer Produktion dereinst in der Schlacht um Vukovar im Einsatz (1991 im Kroatienkrieg), was in Kroatien ein empörtes Echo auslöste. Die UEFA kommentierte übrigens sehr lapidar: „Der Panzer vor dem Stadion ist kein Problem, solange nicht damit geschossen wird.“

Der T-55: Eine Installation mit der offiziell kein politisches Statement verknüpft ist

Außer Panzertourismus, stand ferner noch ein Frühstück in der stadioneigenen „Zvezda Lounge Bar“ an. Ich hatte im Gegensatz zu Marc zwar schon was im Magen, aber ein gesunder, wie auch schmackhafter Šopska-Salat geht immer. Nach ein bißchen Lungern in der Lounge und dem Bezahlen in der Stadiongastronomie, zählte ich nochmal meine Devisen und stellte fest, dass nach Abzug von 300 Dinar für den Flughafenbus immer noch genug Geld für ein Souvenir im „Delije Shop“ übrig ist. Der Shop der Dachgruppe der Nordkurve von Zvezda war auch gerade erst vom Stadion selbst (befand sich immer gleich neben dem offiziellen Fanshop im Bauch der Haupttribüne) in einen Neubau nebenan gezogen. Nun werden die Klamotten und Souvenirs von „Delije“ auf noch mehr Quadratmetern als bisher vertickt und die Auswahl war ebenfalls deutlich gewachsen. Ich entschied für ein besonders unverfängliches Shirt für 1.400 Dinar (ca. 12€) und stopfte es in meine Balkantasche.

Šopska als zweites Frühstück

Denn anschließend ging es nochmal kurz zum fünf Minuten entfernten Stadion von Partizan, wo Insignien des Erzrivalen für Irritationen sorgen könnten. Aber was willste machen, wenn man eh in der Ecke ist und der einzige Teilnehmer der ersten Schneppe-Tours-Leserreise das andere Stadion auch mal sehen will… Spaß beiseite, Partizan ist auch ein interessanter Verein mit einer respektablen, wenn auch zur Zeit sehr speziellen Fankultur (Schneppe Tours berichtete u. a. ->hier<- und ->hier<-). Sowie ein Verein mit interessanter Sprühkunst im Stadionumfeld. Wer nicht in die Rivalität hineingeboren wurde, sollte sie auch nicht künstlich ausleben.

Eines von unzähligen Graffiti am Marakana

Als der Programmpunkt Stadion Partizana (für mich wird es immer das Stadion JNA bleiben) auch abgehakt werden konnte, war bereits 11 Uhr durch. Da ich die Hinfahrt bezahlt hatte, fielen die Kosten für den Taxitransfer zurück in die Innenstadt bei meiner Budgetplanung nicht mehr ins Gewicht. Ich musste nur noch meine kleine Reisetasche aus dem Hotel holen und auschecken, bevor es zum Flughafen weitergehen konnte. Nach dem Check-Out merkte ich allerdings, dass ich ungefähr 140 Minuten vor Abflug noch nicht bei Easyjet eingecheckt hatte. Dabei hatte ich mir fest vorgenommen das im Hotel zu tun und diesen Plan zuletzt im Taxi nochmal vor meinem geistigen Auge bekräftigt. Na ja, man wird älter.

Beim Roten Stern steht Spartak Moskau hoch im Kurs…

Also suchte ich mir an der frischen Luft nochmal ein freies WLAN und durfte schließlich feststellen, dass für den „Nikola Tesla Airport“ kein mobiler Check-In möglich war. Man solle bitte auf der Homepage bis zwei Stunden vor Abflug einchecken und seine Bordkarte ausdrucken. Mist, ausgerechnet heute hatte ich keinen Drucker im Handgepäck… Dass auf der Seite von Easyjet nichts von der Möglichkeit eines Check-Ins am Flughafen stand, machte die Sache nicht besser. Ich rechnete schon mit horrenden Gebühren à la Ryanair (ich glaube die berechnen für diesen Service 50£) oder mit dem „Worst Case“. Egal, kurz noch von Marc verabschiedet, der am nächsten Tag nach Israel weiterreisen würde (also gab es nicht nur Neid auf das abendliche Basketballspiel von Zvezda gegen Real Madrid) und ca. 12 Uhr erwischte ich einen Bus zum Flughafen.

…und Partizan hält es mit CSKA Moskau

Entsprechend war ich 20 Minuten später an Belgrads Tor zur Welt angekommen. Der Check In konnte problemlos, wie auch kostenfrei am Schalter vollzogen werden (Easyjet will anscheinend nur nicht, dass der Kunde das weiß) und an den Kontrollen (Pass, sowie Gepäck) war außerdem so gut wie nichts los. Deshalb ging es entspannt zum Gate und pünktlich um 14:10 Uhr rollte Easyjets Airbus los. Der 100minütige Flug wurde für das Verfassen von rund 50% dieses Berichts genutzt und in Berlin benötigte ich tatsächlich mal meinen obligatorischen einstündigen Sicherheitspuffer. Denn der Bus von Tegel zum Hauptbahnhof brauchte im Berliner Feierabendverkehr 45 statt der 20 veranschlagten Minuten. Damit war der erstbeste ICE nach der Landung schon weg. Da der Zweitbeste überbucht war, verbrachte ich die Heimfahrt im Bordbistro und trank dort noch ein Reiseabendbierchen. Manchmal wird man eben zu seinem Glück gezwungen.

Ein schnelles Helles im ICE

Dafür habe ich erst beim Halt in Wolfsburg realisiert (der ICE stoppte dort wirklich, ich fang doch am Ende des Berichts nicht noch mit dem Lügen an!), dass der VfL wenig später ein Europapokalspiel bestreiten würde. Mensch, hätte ich das mal vorher erfahren. Aber wahrscheinlich gab es keine Chance mehr auf Karten für den Flutlichtkracher VfL Wolfsburg versus KAA Gent. Stattdessen war ich gegen 20 Uhr daheim und verfolgte die heutigen Europapokalspiele lediglich am Rechner nebenbei. Hauptsächlich wurden jedoch schon wieder Spielpläne und Flugverbindungen geprüft. Weil, es muss ja weitergehn!