Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) 04/2022

  • 23.04.2022
  • Fehérvár FC – Puskás Akadémia FC 2:2
  • Nemzeti Bajnokság I (I)
  • Aréna Sóstó (Att: 3.103)

In meine Jahresurlaubsplanung 2022 hatte es auch der 25.April geschafft. Und zwar weil Zawisza Bydgoszcz voraussichtlich am 24.April nach etlichen Jahren mal wieder den Erzrivalen Elana Toruń in Bydgoszcz (Bromberg) empfangen hätte. Allerdings musste Elana seine 1.Mannschaft in der laufenden Saison aufgrund einer finanziellen Schieflage abmelden. Nun hätte ich den Urlaubsantrag natürlich zurückziehen können, jedoch fiel mir am besagten Wochenende auch das Derby von Ferencváros gegen Újpest ins Auge. Gab am Morgen des 23.Aprils einen Flug von Berlin nach Budapest mit WizzAir für 9 € (plus 6 € für einen “CO₂-Ablassbrief” bei atmosfair) und zurück konnte ich dann am Montag mit der Bahn für 38,70 € (inklusive Sitzplatzreservierung) von Budapest bis Hildesheim fahren.

Meine Beine sind zu kurz für meinen Platz

Da das Ferencváros–Újpest-derbi erwartungsgemäß auf Sonntag den 24.April gelegt wurde, gefiel mir mein samstäglicher Reisestart um 2:40 Uhr nicht mehr ganz so gut. Aber na ja, es gab ein Restrisiko, dass Samstag gespielt wird und nun war eben noch ein Abstecher nach Székesfehérvár (Stuhlweißenburg) am Vorabend des Derbys drin. Den Berliner Flughafen erreichte ich um 6:19 Uhr per ICE und RegionalExpress (26,15 €) und zwei Stunden später war Abflug. Durch Trick 17 habe ich wieder mal ohne Aufpreis einen Sitz am Notausgang zugewiesen bekommen (der sonst das Dreifache des Flugpreises gekostet hätte) und entsprechend wurde im A321neo ACF mit ausgesteckten Beinen nochmal ein Stündchen geruht.

Die Astoria-Kreuzung im Herzen von Pest

Vom Flughafen ging es per Bus (2,50 €) in die Stadt und ich suchte sogleich das gebuchte Ibis Styles (***) auf. Klar, um 11 Uhr konnte ich mein Zimmer natürlich noch nicht beziehen (zwei Nächte inklusive Frühstück für 120 €), aber ich wurde schon mal mein Gepäckstück los. Danach sollte ein Frühstück oder Mittagessen her, aber alles in Hotelumfeld war gerammelt voll und meist sogar mit Warteschlange vor der Tür. Beim Bistro Béchamel gaben mir schließlich zwei junge Damen die Klinke in die Hand und siehe da, niemand wartete im Lokal auf den just frei gewordenen Tisch. Der Service wischte noch schnell mit einem feuchten Tuch über das Furnier und ich hatte endlich die Nahrungsaufnahme gesichert.

Croque Madame

Ich bestellte mir eine Melange und Croque Madame. Bei der Bestellaufgabe gleich die Warnung, dass es rund 30 Minuten dauern könnte. Tja, kein Problem, ich konnte eh erst ab 14 Uhr für den angepeilten Mittagsschlaf ins Hotel. Am Ende waren es 42 Minuten Wartezeit auf die Käse-Schinken-Sandwiches französischer Art. Aber wie gesagt, wäre Zeit eine Währung, hätte ich mir heute vielleicht sogar Twitter kaufen können. Außerdem war es lecker und als inklusive Trinkgeld 4.000 HUF (ca. 10 €) auf dem Tisch lagen, hatte ich die nötige Kraft für einen neunzigminütigen Spaziergang durch Pest bzw. den V., VI. und VII. Budapester Bezirk (es war erst 12:30 Uhr durch).

Die Sissi hat das Patronat von Erzsébetváros (Elisabethstadt) inne

Das Béchamel und das Ibis Styles befinden sich im VII. Bezirk, auch Erzsébetváros (Elisabethstadt) genannt. Dieser Bezirk war zumindest bis zum Zweiten Weltkrieg stark jüdisch geprägt, woran heute noch die Synagogen und vieles mehr erinnern. Eine jüdische Gemeinde gibt es zwar immer noch bzw. wieder, jedoch ist Erzsébetváros heute in erster Linie ein quirliges Ausgehviertel für vorwiegend junges Publikum. Neben angesagten Bars und Bistros in teils bröckelnder und teils sanierter Bausubstanz aus der Gründerzeit, gibt es viel Streetart zu entdecken und außerdem hat der Bezirk die höchste Dichte an Hotels und Hostels in Budapest.

Dohány utcai Zsinagóga (eine der Synagogen in Erzsébetváros)

Der angrenzende VI. Bezirk a. k. a. Terézváros (Theresienstadt) ist dagegen von der 2,3 km langen Nobelmeile Andrássy út mit ihren tollen Prachtbauwerken aus dem späten 19.Jahrhundert geprägt. Unterhalb der Andrássy út verläuft die älteste Ubahn Kontinentaleuropas (1896 eröffnet) und oben reihen sich die Schaufenster zahlreicher Designer und Nobelmarken aneinander. Zwischen etlichen imposanten Stadtpalais ist außerdem die 1884 eröffnete Staatsoper zu finden. Nebenbei zählt der Straßenzug zusammen mit seiner Ubahn seit 1987 zum UNESCO Welterbe.

Der Pester Prachtboulevard Andrássy út

Am westlichen Ende der Andrássy út beginnt schließlich der V. Bezirk namens Belváros-Lipótváros (Innenstadt-Leopoldstadt). Hier gibt es ein paar der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Budapests zu bewundern. Ich schaute aber nur kurz bei der bereits 2020 ausgiebig von mir gewürdigten Szent István-bazilika (St.-Stephans-Basilika) vorbei und orientierte mich dann wieder zum Hotel. Ich will jetzt auch gar nicht all zu viel zu Budapest schreiben, dafür gibt es im folgenden Reisebericht noch genug Raum.

Die Szent István-bazilika (St.-Stephans-Basilika) in Pest

Ich checkte nun um 14 Uhr ein und holte die ersehnte Dosis Schlaf nach. 90 Minuten später schlüpfte ich wieder in meine Schuhe und für umgerechnet 0,95 € ging es vom Hotel mit der Metro zum Bahnhof Budapest-Déli. Von dort waren weitere 3,15 € für einen InterCity-Fahrschein ins 60 km entfernte Székesfehérvár zu investieren. Ja, das ist fast der identische Ticketpreis wie für eine Einzelfahrt (natürlich nur eine Zone) im Großraum-Verkehr Hannover (GVH). Für eine spontane Fahrt mit dem InterCity in eine 60 km entfernte Stadt müsste ich dagegen 16,40 € zahlen. „Deutschland, du dummes Stück Scheisse“, mach‘ endlich Verkehrswende!

Mein Zimmer für zwei Nächte

Aber ernsthaft; das versprochenen 9 € Ticket ist endlich mal ein Lichtblick und mittel- bis langfristig kommen hoffentlich in allen Verkehrsverbünden Jahreskarten für 365 € in die Tarifstruktur. Wobei es natürlich top wäre, wenn diese dann wie die 9 € Tickets bundesweit im Nahverkehr gelten. Oder man stuft ab, 365 € für einen Verbund und 700 € für den bundesweiten Nahverkehr. Ich könnte mir vieles vorstellen, auch einen dauerhaften ticketlosen und somit ausschließlich über Steuern oder eine pauschale Mobilitätsabgabe finanzierten Nahverkehr in ganz Deutschland. Zugleich muss man das Netz großflächig ausbauen. Und ja, selbstverständlich ist das alles finanzierbar. Der historische Fehler einer auf fossilen Brennstoffen basierenden flächendeckenden Individualmobilität gehört eigentlich schon gestern korrigiert. Aber wir schweifen ab…

Reiterstandbild von Stephan I. in Székesfehérvár

Székesfehérvár war um 16:45 Uhr erreicht und somit blieben gute drei Stunden bis zum Anpfiff. Die konnten in so einer geschichtsträchtigen Stadt natürlich sinnvoll genutzt werden. Ende des 9.Jahrhunderts kamen die magyarischen Stämme in die sumpfige Gegend zwischen Plattensee und Velencer See. Nach der Landnahme seines Reitervolks ließ Fürst Géza hier um 970 Ungarns erste Hauptstadt errichten. Damit sind wir auch sogleich bei der Etymologie von Székesfehérvár. Szék heißt Stuhl und bezeichnet in diesem Fall den Herrscherthron, Fehérvár heißt Weiße Burg. Damit ist Székesfehérvár Namensvetter von u. a. Belgrad. Zumal Belgrad auf Ungarisch auch Fehérvár heißt und die Vorsilbe Székes im Laufe der Zeit bewusst zur Abgrenzung angefügt wurde. Schließlich gehörten beide Städte lange zum gleichen Reich.

Der archäologische Ruinengarten

Der gute Géza ließ sich 985 von Adalbert von Prag christlich taufen und in den Mauern seiner Hauptstadt neben dem Fürstenpalast auch eine erste Kirche errichten. Sein Sohn Vajk, der auf den Namen Stephan (ungarisch: István) gleich mitgetauft wurde, wurde im Jahr 1000 zum ersten ungarischen König gekrönt. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRR) und der Papst machten es wie kurz zuvor in Polen: Missionieren, Königswürde andienen und den neuen christlichen Herrscher eine Adelstochter aus dem HRR ehelichen lassen (Stephan I. heiratete Gisela von Bayern).

Gotisches Haus (15.Jahrhundert)

Die Magyaren, die das HRR im 10.Jahrhundert massiv bedroht hatten, waren nun ins christliche Europa des Hochmittelalters integriert und außerdem sorgte Stephan für die Missionierung seines Volkes. Zum Dank wurde der 1038 aus dem Leben geschiedene erste König bereits 1083 heiliggesprochen und ist bis heute der Nationalheilige Ungarns. Seine Stephanskrone ist darüberhinaus nationales Symbol und krönt das Staatswappen Ungarns. Und richtig, die mittags in Budapest von mir besuchte St.-Stephans-Basilika ist natürlich ihm geweiht und seine rechte Hand (die Heilige Rechte) wird dort als Relique aufbewahrt und verehrt.

Denkmal für Ferenc Wathay, einem berühmten Freiheitskämpfer gegen das türkische Joch

Ab 1018 ließ Stephan in Székesfehérvár eine mächtige romanische Kirche errichten, die fortan Krönungsbasilika der ungarischen Könige war. Székesfehérvár wird deshalb auch Stadt der Könige genannt. Bis zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurden hier 37 ungarische Könige gekrönt und auch 15 Herrscher, darunter Stephan I., bestattet. Die Grundmauern der ehemaligen Basilika und der Königspfalz konnte ich heute im so genannten Ruinengarten besichtigten. Denn von der mittelalterlichen Königsstadt hat nicht viel die Zeiten überdauert. An der Schwelle zur Neuzeit drangen die Türken nach Ungarn vor und in der Schlacht von Mohács fügten sie den Magyaren 1526 eine vernichtende Niederlage zu.

Szent József-templom (Karmeliterkircher aus dem frühen 18.Jahrhudnert)

Nachdem König Philipp II. und die Blüte des ungarischen Adels in Mohács ihr Leben ließen, war die Unterwerfung des Königreichs Ungarn nur noch eine Frage der Zeit. 1543 eroberten die Türken schließlich auch Székesfehérvár. Für die Hohe Pforte hatte die Stadt nur noch eine militärische Funktion als Garnisonsstadt nahe der Grenze zum HRR, administrative Hauptstadt des “osmanischen” Ungarns wurde dagegen Buda (das heutige Budapest). In der Folgezeit entvölkerte sich Székesfehérvár und die zivile und klerikale Bausubstanz zerfiel zunehmend. Die Königsbasilika wurde zum Beispiel als Pulverlager missbraucht und 1601 bei einer Explosion des gelagerten Schießpulvers zerstört.

Die zentrale Straße Fö utca mit der spätbarocken Zisterzienser-Kirche (1745-51 im Stile des Spätbarocks errichtet)

1688 eroberten die Habsburger, die nach König Philipps Tod 1526 übrigens auch den Anspruch auf die ungarische Krone durchgesetzt hatten, Székesfehérvár für die Stephanskrone zurück. Ihren alten Rang konnte die Stadt zwar nicht erneuern, aber dennoch war ihr wieder eine Blüte beschieden. Im 18.Jahrhundert entstand eine schöne Barockstadt, die 1777 obendrein zum Bischofssitz erkoren wurde. Die bedeutenden Kirchen und Palais aus dieser Zeiten prägen bis heute das Stadtbild. Die Industrialisierung im 19.Jahrhundert verschlief man jedoch weitgehend.

Die zwischen 1758 und 1768 erbaute Kathedralbasilika St. Stephan der König

So lebten am Vorabend des Zweiten Weltkriegs (1933 – 1945) lediglich rund 35.000 Einwohner in Székesfehérvár. Nach 1945 holten die neuen kommunistischen Machthaber allerdings die Industrialisierung mit großen Schritten nach und zahlreiche große Produktionsstätten entstanden an diesem verkehrsgünstig gelegenen Ort auf halber Strecke zwischen Budapest und Balaton. Die Bevölkerung wuchs binnen kurzer Zeit auf über 100.000 an und für die Zeit typische Plattenbausiedlungen entstanden um den historischen Stadtkern herum.

Das Amtsgericht aus dem späten 19.Jahrhundert

Einer der großen Arbeitgeber ist seit 1955 der Elektrokonzern Videoton und damit können wir gleich nahtlos zum abendlichen Fußballspiel überleiten. Denn als ich gegen 19 Uhr ein Abendessen begehrte, hatte ich ähnliche Probleme wie mittags in Budapest und beschloss nun früher ins Stadion des Clubs zu spazieren, der als Videoton FC seine größten Erfolge feiern durfte. Meine Hoffnung auf eine ehrliche Debrecziner vom Grill wurde natürlich enttäuscht, aber eine riesige Käsebrezel für umgerechnet 2 € tat es erstmal auch. Dazu noch eine Pepsi für ca. 1,60 € (zzgl. 1 € Becherpfand), um der Teigware den Weg zur Magensäure etwas geschmeidiger zu machen.

Das um 1900 im Sezessionsstil erbaute Árpád-Bad

Ich saß übrigens auf der Gegengerade und hatte mir dafür unterwegs bereits ein Onlineticket organisiert. Sparte 1.000 HUF gegenüber der Tageskasse und schlug somit lediglich mit 2.300 HUF (ca. 6,20 €) zu Buche. Etwas über 3.000 Zuschauer hatten den Weg zum heutigen Kräftemessen mit dem Puskás Akadémia FC gefunden. Davon ca. 20 Schlachtenbummler aus dem 40 km entfernten Felcsút. Hm, das ist auf dem Papier quasi ein Lokalderby. Allerdings ist Felcsút ein Dorf und verdankt seinen veritabel erfolgreichen Profifußballclub eigentlich nur dem Umstand, dass ein guter Freund der Christlich-Sozialen Union dort aufgewachsen ist und immer noch Grund und Boden in Felcsút besitzt. Genau, der Orbán Viktor kommt aus Felcsút und vielleicht dachte er sich: Wer irgendwo was abbaut (z. B. Pressefreiheit und Rechtsstaat) muss anderswo auch was aufbauen (z. B. professionelle Fußballclubs und moderne Stadien).

Mein Abendessen

Diktaturen (oder Systeme, die auf dem Weg dahin sind) und der Sport gehen bekanntlich gerne eine Symbiose ein. Nach der Übernahme der Regierungsverantwortung (2010) dachte sich Orbán, dass die Staatskasse doch mal zwei Milliarden Euro in die Sportinfrastruktur Ungarns stecken könnte. Überall im Land entstanden neue moderne Arenen. So auch beim Puskás Akadémia FC, der ursprünglich Jugendakademie und Farmteam von Videoton war, aber in den 2010er Jahren massiv durch Orbán und seinen Oligarchenkumpel Lőrinc Mészáros gefördert wurde. Die ganze Finanzierung ist dabei ein sehr spezielles Thema. Es werden mit öffentlichen Geldern (gerne natürlich aus EU-Töpfen) der Regierung wohlgesonnene Unternehmer wie Mészáros beauftragt. Mit den Bauprojekten machen die Unternehmen satte Gewinne, aber anstatt jene zu versteuern, fließen die Gelder in gemeinnützige Stiftungen der Unternehmer und verlassen somit ihre Taschen nicht wirklich.

Abendhimmel über der Arena von Székesfehérvár

Die größeren und halbwegs mit Zuschauerzuspruch gesegneten Fußballclubs des Landes haben mittlerweile alle eine moderne Arena von Vater Staat finanziert bekommen, aber auch der Dorfclub-Irrsinn aus Felcsút blieb kein Einzelfall. Minister wie Miklós Seszták und András Tállai könnten vielleicht etwas damit zu tun haben, dass Clubs aus ihren Heimatorten Kisvárda (ca. 18.000 Einwohner) und Mezőkövesd (ca. 16.000 Einwohner) in jüngerer Vergangenheit in die 1.Liga vorgedrungen sind und von der öffentlichen Hand moderne Spielstätten hingestellt bekamen. In Székesfehérvár wurden zwischen 2016 und 2018 übrigens auch satte 43 Mio € in die Hand genommen, um aus dem alten Stadion die gegenwärtige Arena mit 14.201 Plätzen und allen Finessen zu zaubern.

Die Getränkebecher feiern das Jubiläum der hiesigen Ultras

Aber diese Arena wird wenigstens von einem Traditionsclub genutzt, der regelmäßig international spielt und bei besonderen Partien auch mal ausverkauft vermelden kann. Der 1941 gegründete Club kam 1968 unter die Fittiche des erwähnten Elektrokonzerns Videoton und konnte 1985 im UEFA Cup bis ins Finale vordringen. Dort vereitelte jedoch Real Madrid einen ungarischen Europapokaltriumph. 2011, 2015 und 2018 ging dann der ungarische Meistertitel nach Fehérvár, 2006 und 2019 setzte man sich im nationalen Fußballpokal durch. 2018 verschwand zwar Videoton aus dem Clubnamen, aber für die Fans wird der Fehérvár FC wohl immer Videoton bleiben. Außerdem braucht man sich weiterhin nicht um Geldgeber sorgen. Schließlich heißt der prominenteste Fan Viktor Orbán und auffälligerweise engagieren sich regierungsnahe Unternehmen wie der teilstaatliche Ölkonzern MOL oder die OTP Bank von Orbáns gutem Freund Sándor Csányi beim Fehérvár FC.

Das Maskottchen des Fehérvár FC ist möglicherweise noch mehr Fuchs als Orbán und Csányi

Dieser Csányi Sándor gilt als vermögenster Ungar und seine Liebe zum Fußball geht noch weit über den Fehérvár FC hinaus. Die OTP Bank sponsort die 1.Liga und Csányi ist Präsident des ungarischen Fußballverbands MLSZ und zugleich UEFA-und FIFA-Vizepräsident. Ich bin immer tief berührt, wenn diese Philantrophen über ihr Engagement im Fußballsport der Gesellschaft etwas zurückgeben. Zumal sich Orbán und Csányi besonders in der schwersten Zeit der COVID19-Pandemie ausgezeichnet haben. Ganz unbürokratisch wurden Sonderregeln geschaffen, damit der UEFA Supercup und diverse Spiele der Europa und der Champions League in Ungarn stattfinden konnten (u. a. „Heimspiele“ von Borussia Mönchengladbach und RB Leipzig). Schon vor der Pandemie bekam Budapest außerdem den Zuschlag für die EM 2020 und das Endspiel der UEFA Europa League 2023. Darin sonnen sich die Regierungspartei Fidesz und ihr Führer Orbán nur zu gern. Doch ich schweife schon wieder ab…

Der Fanblock in Fehérvár

Zum heutigen Kick gibt es allerdings auch nicht viel zu schreiben. Videoton wird es wohl nicht mehr ins internationale Geschäft schaffen (derzeit Fünfter und sieben Punkte hinter dem Drittplatzierten) und Puskás Akadémia ist die Qualifikation für selbiges wohl nicht mehr zu nehmen (sie haben als Zweiter gegenwärtig neun Punkte Vorsprung auf Platz 4). Wenigstens braucht die Orbán-Bande auch nicht mehr nach oben schauen, da Ferencváros elf Punkte enteilt ist und morgen im Derby schon die Meisterschaft klarmachen könnte. Das ist ein Lichtblick, denn zur Zeit Dritter und ebenfalls so gut wie sicher international dabei ist die bereits erwähnte Dorftruppe aus Kisvárda. Puskás Akadémia oder Kisvárda FC… was für Traumlose!

Moderne, aber weitgehend leere Arena

War also kein besonders wichtiges Spiel heute, aber die 1992 gegründeten Red-Blue Devils hatten sich trotzdem schön ihr Carré auf der Hintertortribüne abgesteckt und machten von dort 90 Minuten sehr gefällig Stimmung. Außerdem war mit Tamás Kiliti einer der ihren just ungarischer Boxmeister im Leichtgewicht geworden. Der Champ ließ sich vom Mob feiern und war dabei lässig im Sweatshirt der polnischen Fanfreunde von Raków Częstochowa gekleidet. Außerdem sorgte der bonisch-spanische Stürmer Kenan Kodro (ehemals Mainz 05) bereits in der 3.Minute für gute Laune. Nur leider hielt die Führung lediglich 22 Minuten. Der Iraner Shahab Zahedi, der über Stationen auf Island und in der Ukraine in Ungarn gelandet ist, besorgte Mitte der 1.Halbzeit den Ausgleich.

Die Einheizer am Einheizen

Nach dem Seitenwechsel war Zahedi für den die ungarische Fußballlegende Ferenc Puskás ehrenden Club aus Felcsút abermals erfolgreich (Orbán Akadémia FC wäre eigentlich der bessere Name, aber der Führer der Fidesz ist bekanntlich bescheiden…). Die Fans und Freunde des Fehérvár FC glaubten jedoch weiterhin an ihr Team und der ausdauernde Support wurde noch belohnt. Den letzten Angriff der Partie konnte der kapverdische Innenverteidiger Ianique dos Santos Tavares in der 5.Minute der Nachspielzeit per Kopfball aus kurzer Distanz formvollenden.

Das Stadion bei Nacht

Nach Abpfiff hatte ich dann ziemlich genau eine Stunde, bis mein Zug nach Budapest abfahren sollte (wie auf der Hinfahrt 3,15 € spontane Nutzungsgebühr). Also bin ich noch ein wenig um’s Stadion geschlichen, damit ich nicht eine halbe Stunde am Bahnhof rumhängen muss. Kurz vor Mitternacht war ich schließlich wieder in Budapest und holte mir für den Transfer zum Hotel gleich eine Tageskarte (24 h ab Entwertung gültig). Für umgerechnet 4,50 € hatte ich somit die voraussichtlich fünf, sechs Metrofahrten am Folgetag mitabgedeckt.

Song of the Tour: Aktuell wünschen wir uns doch alle ein bißchen Frieden…