Bayreuth 04/2022

  • 18.04.2022
  • SpVgg Bayreuth – FC Bayern München II 4:0
  • Regionalliga Bayern (IV)
  • Hans-Walter-Wild-Stadion (Att: 10.016)

Ostermontag ging es zwangsläufig zurück in die Heimat. Ausschlafen, Frühstücken und einfach nur nach Hause fahren, wäre natürlich langweilig gewesen. Da musste noch ein Fußballspiel her, welches halbwegs auf dem Heimweg lag. Um 8 Uhr klingelte der Wecker und 30 Minuten später war das bahnhofsnahe Hotel verlassen. 8:39 Uhr fuhr ich dann als gefühlt einziger Passagier im ICE 1706 aus dem Münchner Hauptbahnhof. Es war zwar nahezu jeder Platz in der 2.Klasse reserviert, jedoch fast alle erst ab Augsburg oder Nürnberg.

Für mich maßgeschneiderte Lektüre lag im ICE aus

Aber gut, ICE 1706 startet nur aus logistischen Gründen in München und ist für Verbindungen von München nach Nürnberg (oder weiter) eigentlich nicht gedacht (wird einem für die Relation in der DB App auch gar nicht angezeigt). Schließlich verkehren alle 15 bis 30 Minuten direkte ICE (Fahrzeit 1:07 h) zwischen München und Nürnberg. Aber wenn man die Zeit hat (und das Kursbuch der DB ein bisschen kennt), kann man in diesem Reisesegment mit einem Routing von München via Augsburg nach Nürnberg natürlich den Preis drücken. Denn wir wissen ja, bei hoher Auslastung wird es teuer, doch bei niedriger Auslastung gibt es Schnäppchenpreise. Insgesamt sollte mich Graz – München – Bayreuth – Hildesheim nur rund 50 € kosten (während die Hinreise Hildesheim – München – Graz 30 € kostete).

Die heutige Maximillianstraße war dereinst die mittelalterliche Marktstraße Bayreuths

Doch genug vom Eisenbahnerstammtisch, Bayreuth wurde nach Umstieg in Nürnberg um 11:45 Uhr erreicht und somit blieben noch gute zwei Stunden bis zum Anpfiff der Fußballpartie. Nachdem das Gepäck in einem Schließfach am Bahnhof platziert war, spazierte ich in die Altstadt. Wobei, das ist jetzt irreführend. Denn Altstadt heisst in Bayreuth ein wenig historisch anmutender Stadtteil in der Peripherie, aus welchem übrigens auch die SpVgg Bayreuth stammt (der Stadtteil war mal ein selbstständiger Ort names Altenstadt und nach der Eingemeindung hat sich die Bezeichnung Altstadt eingebürgert).

Stadtkirche Heilig Dreifaltigkeit (ihre Weihe 1194 ist zugleich Bayreuths erste urkundliche Erwähnung)

Um Verwechslungen zu vermeiden, spricht man in Bayreuth von der Historischen Innenstadt, wenn man den historischen Stadtkern meint. Das genaue Gründungsdatum der Stadt Bayreuth ist zwar unbekannt, aber als Stadtgründer gelten die Grafen von Andechs und die erste urkundliche Erwähnung datiert aus dem Jahr 1194. Die Struktur des mittelalterlichen Bayreuths ist heute noch gut erkennbar. Von einer sehr breiten Durchgangsstraße, die zugleich als Markt diente, zweigten enge Gassen ab. Im Jahre 1231 wird urkundlich erstmals von einer Stadt Bayreuth gesprochen und 1260 fiel jene an die Markgrafen von Brandenburg-Culmbach. Diese verlegten 1603 ihre Residenz von Kulmbach nach Bayreuth, was der Stadtentwicklung natürlich höchst zuträglich war.

Altes Schloss

Höfisches Leben zog in Bayreuth ein und die alte Burg der Andechser wurde durch ein herrschaftliches Renaissanceschloss ersetzt. So richtig wachgeküsst wurde Bayreuth allerdings erst im 18.Jahrhundert. Markgraf Friedrich III. von Brandenburg-Bayreuth hatte am 20.November 1731 Wilhelmine von Preußen, erstgeborene Tochter von König Friedrich Wilhelm I. von Preußen (der Soldatenkönig) und somit ältere Schwester von Friedrich II. (Friedrich der Große), geheiratet. Das aufgeklärte Herrscherpaar förderte Kunst und Wissenschaft in seiner Markgrafschaft und durch zahlreiche Bauprojekte entstand ein nahezu geschlossenes barockes Stadtbild.

Neues Schloss

Damals wurden u. a. die Markgräfliche Oper (1748), die Eremitage (1753) und das Neue Schloss (1754) gebaut bzw. erweitert. Markgraf Friedrich gründete 1742 eine Universität in Bayreuth (heute die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg) und 1756 eine Kunstakademie. Wilhelmine unterhielt unterdessen ein Opernensemble, eine Ballett- und eine Schauspieltruppe. Diese Künstler konnten in einem der schönsten Barocktheater Europas auftreten (heute UNESCO Welterbe) und allgemein hatte der Bayreuther Hof ein excellenten Ruf in der Kulturwelt des 18.Jahrhunderts.

Das Markgräfliche Opernhaus

Leider blieb die Ehe von Friedrich und Wilhelmine ohne Thronfolger und die Markgrafschaft fiel gemäß Erbvertrag an die Ansbacher Linie der Hohenzollern. Die wiederum trat Bayreuth 1791 an Preußen und somit die Hauptlinie der Hohenzollern ab. Nach einem franzözischen Intermezzo von 1806 bis 1810 kam die Markgrafschaft jedoch zum Königreich Bayern. Im neuen Königreich rückte die Stadt in die Peripherie und ihre Bedeutung sank rapide. Erst der Komponist Richard Wagner sollte der Stadt wieder zu neuem Glanz verhelfen. Als dieser sich 1872 im beschaulichen Bayreuth niederließ, hatte er bereits Engegaments in London, Dresden, Paris und Zürich hinter sich. Abseits der Metropolen glaubte Wagner seine Vorstellungen eines schrankenlosen Musiktheaters für alle Schichten der Gesellschaft umsetzen zu können.

Wilhelmine mit eher nachdenklicher Miene

1872 erfolgte die Grundsteinlegung des Festspielhauses auf dem Grünen Hügel, welches 1876 mit einer Aufführung des Ring des Nibelungen feierlich eröffnet wurde. Bis zu seinem Tod im Jahre 1883 lebte Richard Wagner in seiner Bayreuther Villa Haus Wahnfried und auch nach seinem Ableben wurden die Festspiele fortgeführt. Sie entwickelten sich zu einem gesellschaftlichen Ereignis ersten Ranges und somit zur Pflichtveranstaltung für die Größen aus Adel, Wirtschaft und Politik. In den 1930er Jahren wurde schließlich auch Adolf Hitler regelmäßiger Festspielgast. Der nationalsozialistische Diktator pflegte freundschaftliche Kontakte zur Familie Wagner und war künstlerisch, wie auch ideologisch vernarrt in die Werke Richard Wagners.

Der in Bayreuth allgegenwärtige Wagner

Hitler wollte Bayreuth grundlegend zur nationalsozialistischen Kulturhauptstadt umgestalten. Doch der Zweite Weltkrieg (1939 – 1945) unterbrach oder verhinderte die meisten geplanten Bauvorhaben, welchen weite Teile der historischen Bausubstanz zum Opfer gefallen wären. Stattdessen übernahmen alliierte Bomberverbände den Job und warfen im April 1945 über 350 Tonnen Spreng- und Brandbomben über Bayreuth ab. Ca. 35 % der Gebäude der Wagnerstadt wurden zerstört und schätzungsweise 1.000 Menschen starben im Bombenhagel. Städtebauliche Maßnahmen der Nachkriegszeit ließen auch nochmal das ein oder andere Einzelbauwerk oder Wohnquartier verschwinden, aber der historische Stadtkern wurde dann doch weitgehend erhalten.

Eine sättigende Schnitzeltasche

Dadurch ist Bayreuth auch heute noch ein nettes Barockstädtchen (ca. 75.000 Einwohner) und ich freue mich voraussichtlich im kommenden August nochmal mit Freunden hier aufzuschlagen. Einen Vorgeschmack auf dieses sicher bier- und schnitzellastige Buddy Weekend sollte mir heute schon mal der Brau-Gasthof Schindler bieten, der nur 10 Fußminuten vom Hans-Walter-Wild-Stadion entfernt ist. Ich malte mir bei der Einkehr um 12:45 Uhr aus, dass die mir mal fix ein Schnitzel braten und ich dann so ungefähr 13:30 Uhr am Stadion bin. Allerdings schien das zu ca. 20 % ausgelastete Lokal die Küche an ihre Leistungsgrenze zu bringen. Erst 13:27 Uhr stand eine mit Kraut, Möhre, Zwiebel und Rahm gefüllte Schnitzeltasche plus Pommes frites und Beilagensalat auf dem Tisch (14,90 €). Sehr lecker, aber ich musste nun eher schlingen denn genießen. In 13 Minuten und 12 Sekunden war bis auf ein paar Fritten alles verputzt und mit Stöckel Bräu Hell nachgespült (0,5 l für 3,40 €). Letztlich war ich 10 Minuten vor Anpfiff am Stadion.

Schon mal in die Gästekurve gelinst

Dort erwartete mich eine gigantische Warteschlange und ich sah mich genötigt mal ausnahmsweise die hässliche Fratze des Groundhoppings zu präsentieren. Also ungefähr 500 Wartende rechts überholt und kurz vor’m Stadiontor ins Getümmel geworfen. Dort folgenden Satz aufgeschnappt: “Na ja, die 13 € muss er mir natürlich trotzdem zahlen.” Meine Vorderleute hatten doch tatsächlich ein Ticket zu viel und für 10 € war das wenige Sekunden später meins. Mit diesem spazierte ich um 13:58 Uhr durch die Kontrolle. Jedoch sagte der Stadionsprecher zeitgleich durch, dass wegen des Andrangs erst um 14:10 Uhr angepfiffen wird. Gut, dass wäre trotzdem nichts geworden, hätte ich mich als ehrlicher Sportsmann am Ende der Schlange eingereiht. Also alles richtig gemacht.

Voll ist’s geworden am Ostermontag

Allerdings war es nicht einfach in der gut gefüllten Kurve einen brauchbaren Stehplatz zu finden. Egal wo man stand, mindestens einer der zwei vor der Kurve installierten Basketballkörbe war im Sichtfeld. Bei gut besuchten Topspielen sollte man die vielleicht in Zukunft deinstallieren. Geht ja nur nicht darum, dass irgendwelche Hopperheinze die Fanblöcke nicht vernünftig sehen können, sondern den auf’s sportliche Geschehen zentrierten Stadionbesucher stören die Teile gleichermaßen beim Blick auf’s Spielfeld und meine Nebenmänner waren entsprechend am Murren.

Kleine Choreographie der mitgereisten Münchner

Beim Einheizen auf das Spiel hatte nicht nur der Stadionsprecher ähnlich viel Pathos wie das Opus von Richard Wagner, nein sogar der Ritt der Walküren dröhnte aus den Boxen. „Mit dem Geruch von Napalm am Morgen“, wurde nun zwar nicht gedient, aber ich liebe jenen von Rauchpulver eh viel mehr. Diesbezüglich schaffte der Gästeblock Abhilfe. Die Fans und Freunde der FC Bayern Amateure hatten nicht nur rote und weiße Folienbahnen zu Spielbeginn hochgezogen, sondern auch Rauchpulver in diesen Farben entzündet. Um die 1.000 Schlachtenbummler standen in der Gästekurve und ihr Auftritt war aller Ehren wert.

Rauchzeichen in rot und weiß

Auch die Fanszene der SpVgg hatte für das große Spiel etwas vorbereitet. Unter dem Motto „100 Jahre Bayreuther Fußballkult“ (die SpVgg Bayreuth wurde am 23.Juli 1921 als Turn- und Sportverein Altstadt gegründet) zogen sie eine Blockfahne im Fanblock hoch, die von Fähnen in den Vereinsfarben flankiert wurde. Seit 1945 firmieren die Altstädter als SpVgg Bayreuth, aber der Name Altstadt (bzw. Oldschdod im lokalen Idiom) für den Club hat sich erhalten. Er prangt auf vielen Zaunfahnen und Fanartikeln und man geht umgangssprachlich nicht zur Spielvereinigung, sondern zur Oldschdod.

Intro auf dem Biest

In den 1970er und 1980er Jahren spielten die Altstädter viele Jahre in der 2.Liga. Beste Platzierung war seinerzeit ein 2.Platz in der 2.Bundesliga Süd 1979. In den Aufstiegsspielen zur 1.Bundesliga musste man sich allerdings dem FC Bayer 05 Uerdingen geschlagen geben. Außerdem konnte man 1980 die Erstvertretung des heutigen Gegners aus dem DFB-Pokal werfen. 1990 stieg man jedoch aus der 2.Bundesliga ab und es folgten drei wechselhafte Jahrzehnte zwischen Dritt- und Sechstklassigkeit. Doch nun schickt sich die Altstadt an zurück in den bezahlten Fußball zu kehren. Letztes Jahr kratzte man bereits an der 3.Liga und diese Saison zieht man einsam an der Tabellenspitze seine Kreise. Heute kam mit der Zweitvertretung des FC Bayern immerhin der ärgste Verfolger ins Hans-Walter-Wild-Stadion. Doch auch die Truppe von Ex-Profi Martín Demichelis weist bereits acht Punkte Rückstand auf die Oberfranken aus und die SpVgg Bayreuth war vor einer Rekordkulisse bis in die Haarspitzen motiviert, um letzte Zweifel am Aufstieg auszuräumen.

Restlos besetzte Haupttribüne

Bereits in der 6.Spielminute verwertete Ivan Knezevic eine Flanke aus kurzer Distanz per Kopf. Wieder Wagner aus den Boxen, sowie ein Stadionsprecher aus dem Häuschen. Danach ließen die Schwarz-Gelben nicht locker und in der 21.Minute traf Stefan Maderer zum 2:0 für seine Farben. Keine fünf Minuten später war Nicolas Andermatt, Sohn des Ex-96-Aufsichtsrats (KGaA) Martín Andermatt, ebenfalls treffsicher und das Biest, wie die als Fanblock fungierte Gegengerade genannt wird, war endgültig in Feierlaune. Auch die vom Eventcharakter der Partie angezogenen Erst- oder Gelegenheitsbesucher in meiner Nachbarschaft waren gut drauf und versuchten nach ein paar Bayreuther Hell die Laola zu initiieren. Leider vergebene Liebesmüh‘, aber die angeheiterten Best Ager hatten trotzdem ihren Spaß und die FCB-Handyschale ihres Wortführers symbolisiert anscheinend nur Zuneigung für Spiele der 1.Mannschaft der Münchner.

Nochmal das Biest

Es ging mit 3:0 und stehenden Ovationen der Haupttribüne in die Pause und falls Demichelis mit einem flammenden Halbzeitappell wieder Hoffnung bei seinen Schutzbefohlenen geweckt haben sollte, musste er wenig später zusehen, wie Markus Ziereis das zarte Pflänzchen zertrampelte. Bayreuths Torjäger vom Dienst markierte in der 57.Minute sein 19.Saisontor. Danach konnte wirklich nichts mehr anbrennen und ein fünfter großer Applaus brandete auf, als der Enthusiast am Mikrofon die frisch vom Kassenwart übermittelte Zuschauerzahl verkündete. Was alle gehofft und spekuliert hatten, war eingetreten: Es war tatsächlich fünfstellig geworden. Man konnte neben der Mannschaft also auch sich selbst beklatschen und hofft sicherlich auf den einen oder anderen Festtag in der 3.Liga kommende Saison. Also mindestens gegen 1860 ist Potential die heutige Kulisse nochmal deutlich zu übertreffen (wenn alle kuscheln, sollen übrigens 21.5000 Menschen auf die Ränge des Stadions passen).

Nochmal die Bayern

Nach Abpfiff sorgte noch ein fast nackter Flitzer für Erheiterung bei den Feierlichkeiten und dann ging es für mich entspannt zurück zum Bayreuther Hauptbahnhof. Um 16:30 Uhr begann die tatsächliche Heimreise in Form einer Ochsentour via Lichtenfels, Saalfeld, Neudietendorf und Göttingen. Immerhin weiß ich nun, dass Lichtenfels Deutschlands Korbmacherhauptstadt ist und dass in Thüringen eine Ortschaft Gabe Gottes heißt. Außerdem hatte ich mit „La Doce – Die wahre Geschichte der Barra Brava von Boca” gute Lektüre dabei. Witzigerweise bin ich dem Übersetzer dieses Werkes mal in Buenos Aires bzw. Banfield über den Weg gelaufen. Die Fußballwelt ist eben ein Dorf. Gegen 23 Uhr lag ich letztlich im heimischen Bett und hatte definitiv eine angenehmere Nachtruhe als drei Bayreuther Spieler.

Reiselektüre auf der Rückfahrt

Denn diese wurden in der Nacht von Montag auf Dienstag vor einem Tanzlokal von mehreren Personen attackiert. Laut einer ersten Meldung des Vereins vom Dienstag soll das Trio „am Rande eines Mannschaftsabends in der Innenstadt von mehreren Personen auf das Allerübelste zusammengeschlagen“ worden sein. Weiter führt die SpVgg aus: „Zwei Spieler mussten in die Intensivstation eingeliefert werden, ein Akteur liegt weiterhin aufgrund einer erlittenen schweren Kopfverletzung derzeit noch zur Beobachtung im Krankenhaus“ und „Noch am Boden liegend traten die Täter auf das bewusstlose erste Opfer ein“. Am Mittwochmorgen bestätigte die Polizei Bayreuth-Stadt den Vorfall und teilte mit, dass „mit Hochdruck“ ermittelt wird. Da denkt man sich als Leser irgendwie immer, dass nur bei größerer Öffentlichkeit eines Falles mit Hochdruck ermittelt wird, aber ansonsten natürlich Normaldruck oder auch druckloses Ermitteln, um nicht zu sagen im Sande verlaufen lassen, der Standard der Polizeiarbeit sind. Na ja, möge der Hochdruck zu hochgradig belastbaren Ergebnissen führen und mögen die Spieler schnell wieder auf der Höhe sein.

Song of the Tour: After a visit of Bayreuth I’m hooked on classics…