Vechta 08/2021

  • 25.08.2021
  • SF Niedersachsen Vechta – VfL Wittekind Wildeshausen 1:1, 3:4 n. E.
  • Bezirkspokal Weser-Ems (2.Runde)
  • Reiterwaldstadion (Att: 320)

Zu meinem Geburtstag meinte es der Fußballgott mal wieder gut mit mir. Zwar war er nicht so großzügig wie vor exakt 10 Jahren („Sevilla was magic“), aber wie soll das auch je getoppt werden? Das schafften schließlich nicht einmal die legendären Geburtstagssausen in Cardiff (2016) oder Belgrad (2017). Dafür, dass immer noch Pandemie ist und ich außerdem erstmals seit Jahren an meinem Ehrentag arbeiten durfte, hatte der Allmächtige des runden Leders sich trotzdem etwas Nettes überlegt. Die Sportfreunde aus Vechta trugen ihr Bezirkspokalspiel gegen den VfL Wittekind Wildeshausen um 19:30 Uhr im selten bespielten Reiterwaldstadion aus. Das verfügt offiziell über 15.000 Zuschauerplätze und ist damit das zehntgrößte Stadion Niedersachsens. Zugleich strotzt es vor Patina und ist eigentlich zuvorderst für Speedway, weitere Motorsportwettkämpfe und Reitsport vorgesehen. Kurzum; stand schon lange auf meiner Liste und musste unbedingt gemacht werden.

Hopper Birthday to me… (die zweite Zahl neben der 3 ist leider kurz vor’m Foto runtergefallen)

Eine Anreise mit ÖPNV kam nicht infrage, aber ich konnte Paul und Meiniche für dieses Schmankerl der Stadionarchitektur begeistern und hatte somit eine Mitfahrgelegenheit in Pauls PKW. Derweil war der Vechtaer Lokalpresse (Oldenburgische Volkszeitung) zu entnehmen, dass der gastgebende Verein bereits 70 Anfragen von so genannten Groundhoppern erhalten hatte. Dieser Schlag Mensch lässt sich bekanntermaßen gerne einen „Ground confirmen“, damit sie nicht umsonst von Vilshofen nach Vechta fahren, weil der gastgebende Kleinstadtklub dann doch kurzfristig auf einen Kunstrasen ohne Ausbau ausweicht. Um den Ehrenamtlichen bei den Sportfreunden Niedersachsen nicht unnötig Arbeit zu machen, habe ich mich jedoch auf die öffentlichen Auskünfte in den sozialen Medien verlassen, wo der SFN den Spielort mehrfach bestätigt hatte. Andererseits wahrscheinlich gar nicht schlecht, wenn der gastgebende Verein bereits im Vorfeld weiß, dass neben den üblichen Verdächtigen auch noch mindestens 70 „Bekloppte“ auftauchen. Dann kauft der Imbisswart vielleicht ein Paket Bratwürste mehr ein.

Gegengerade im Reiterwald

Nach Feierabend bestieg ich die nächstmögliche Bahn zur Clausewitzstraße, wo die Mitstreiter mich gegen 17:15 Uhr einsammeln wollten. Aufgrund des zu erwartenden Hopperauflaufs war die Vorfreude etwas gedämpft. Da half auch nicht, dass eine Runde Frischei-Waffeln auf meinen Nacken ging. Obwohl ich sogar die guten aus Biodinkelmehl und Eiern von glücklichen Freilandhühnern erworben hatte. Auch der mit 2.000 Millilitern Eistee befüllte Tetrapak, der so genannte Hopperkanister, blieb unberührt, da Meiniche ein paar Kannen Bier dabei hatte. Beim Konsum selbiger wurde ein bisschen über 96 gefachsimpelt und aufgrund des Sevilla-Jahrestages in Erinnerungen geschwelgt. Außerdem wurde sich über die jüngsten absolvierten und die kommenden geplanten Touren ausgetauscht. Mein Programm wird demnächst auch wieder internationaler, aber mit einer Reise zu einer Hochzeit nach Mexiko (nebst zwei, drei Wochen Fußball- und Kultururlaub im Land der Kakteen) wird es nicht mithalten können.

Blick zur Haupttribüne

Nach knapp zwei Stunden Fahrzeit hatten wir das Reiterwaldstadion zu Vechta erreicht. Für einen Stadtbummel war heute logischerweise keine Zeit, aber irgendwann wird dieser in der heimlichen Hauptstadt der deutschen Viehwirtschaft natürlich noch nachgeholt. Im Landkreis Vechta „leben“ nämlich – mit hoher Fluktuation und nur kurzer Lebenserwartung – ca. 800.000 Schweine und 100.000 Rinder, weshalb man auch gerne von einem Güllegürtel rund um die Stadt spricht. Zum Glück war davon am heutigen Abend nichts zu riechen. Stattdessen roch der Stadionparkplatz mit ca. 50 ortsfremden Kennzeichen nach Hopperfasching. Aber wir waren bekanntlich bereits vorgewarnt.

Curva di Turista della Stadio

Der Andrang am Nadelöhr Stadiontor ließ nun gewisse Analogien zur lokalen Massentierhaltung und -tötung zu. Nur nach dem Herdentrieb durch den schmalen Korridor wartete zum Glück nicht das Bolzenschussgerät auf die Hopperschweine, sondern ein weitläufiges Stadion mit entsprechend viel Auslauf. Gesegnet mit großzügigen Rängen, alten Holzbänken, frisch gemähtem Graswall, viel Baumbestand zum darunter lungern und Catering zu fairen Preisen (u. a. Bratcurry 3€, Fritten 2€, Veltins 2€, Softdrinks 1,5€). Hier war definitiv artgerechte Hopperhaltung möglich. So stelle ich mir gewissermaßen den idealen Gnadenhof für todgeweihte Groundhopper vor.

Der schnieke Sprecherturm

Der Zutritt zu diesem Spiel war mit 4€ Gebühr übrigens auch fast geschenkt, so dass selbst der schäbigste Hopper gehadert haben dürfte, ob er wirklich seinen gefälschten Schiedsrichter- oder Presseausweis zücken soll. Eine Kompromisslösung für die Sparfüchse war nun möglicherweise der faksimilierte oder abgelaufene Studentenausweis, dessen Präsentation das Entgelt auf 2€ senkte. Außerdem wurde am Eingang noch um eine kleine Datenspende für die Luca-App gebeten, aber da blieb sogar ich knauserig. Dieses sicherheitsbedenkliche Sinnlosinstrument (was kann die eigentlich mehr oder besser als die Corona Warn-App?) wird von mir boykottiert. Die 13 dämlichsten Bundesländer der Republik haben für ihre Luca-Lizenzen über 20 Mio € Steuergelder aufgewendet, damit die angeschlossenen Gesundheitsämter bei rund 130.000 Neuinfektionen (seit Einführung der App) in stolzen 60 Fällen die Luca-App erfolgreich zur Kontaktverfolgung heranziehen konnten. Die App-Entwickler und ihr Testimonial Smudo kommen wahrscheinlich bis heute vor Lachen nicht in den Schlaf.

Doch vom pandemischen „Gamechanger“ zum temporären Publikumsmagneten SFN Vechta. Die Jungs in den camouflageartigen Dressen waren sicher über das erhöhte Zuschaueraufkommen erfreut und begannen die Partie angriffslustig. Der gastgebende Bezirksligist hatte gegen den Landesligisten VfL Wittekind im ersten Durchgang einige gute Gelegenheiten und eine davon konnte Leo Kamke in der 38.Minute per Flachschuss zum 1:0 nutzen. Allerdings egalisierten die Wildeshausener die Führung noch vor dem Pausenpfiff durch einen Treffer von Fyonn Rothe (44.Min). Die Pause nutzten wir natürlich für eine Stärkung. Jeder gönnte sich eine „Manta-Platte“ für 5,50€, wobei lediglich sauer aufstieß, dass wir ungefragt Mayo auf die Fritten geklatscht bekamen und diese obendrein mit 0,50€ berechnet wurde. Aber lecker war es trotzdem. Schöne grobe Wurst („on point“ gegrillt) und die Soße ging geschmacklich in Richtung, äh…, „Puszta Art“.

Die Teams verabschieden sich zum Pausentee

In der 2.Halbzeit passierte leider nur noch wenig auf dem Rasen, der baulich bedingt übrigens nahezu quadratisch abgekreidet war. Wir stellten uns ab der 75.Minute langsam mental auf das Elfmeterschießen ein und wurden auch tatsächlich nach 90 Minuten noch nicht in die dunkle und nieselige Nacht entlassen. Es blieb beim leistungsgerechten 1:1 und 640 Augenpaare schauten gespannt in den Strafraum des „Showdowns“ (Verlängerung gibt es in niedersächsichen Pokalwettbewerben nicht mehr). Dabei versagten den ersten beiden Schützen sogleich die Nerven. Zunächst SFN-Kapitän Lars Scholz, dann VfL-Leistungsträger Steven Müller-Rautenberg (beide sind übrigens früher sowohl beim VfB Oldenburg, als auch beim SV Atlas Delmenhorst Teamkameraden gewesen).

Abgekreidet wurde baulich bedingt nahezu quadratisch

Anschließend zeigte Leo Kamke abermals seine Schussgenauigkeit und brachte die Grün-Weißen in Front. Danach sahen wir zwei weitere Treffer vom Punkt, ehe auch Wildeshausens Alexander Dreher zu fahrig agierte. Jetzt stand es 3:1 für die Sportfreunde Niedersachsen und kaum jemand im Publikum dürfte noch eine Mastsau auf die Gäste gesetzt haben. Doch der VfL Wittekind scheint der Olaf Scholz unter den Fußballmannschaften im Bezirk Weser-Ems zu sein, während die Sportfreunde zum „Team Laschet“ mutierten. Drei Wildeshausener (Stolle, Stubbmann, Kant) behielten die Nerven, zwei Vechtaer (Gerken, Djebou) verloren selbige. Mit 4:3 entschied der VfL das Elfmeterschießen also für sich und zieht damit in die nächste Pokalrunde ein. Die Gesichter der Sportfreunde waren nun so lang, wie jene der Pferde, die hier sonst gerne mal versteigert werden. Aber sie hatten sich teuer verkauft und für die Vereinskasse war es auch ein lukrativer Abend.

Showdown zu später Stunde

Unser Trio trat um 21:40 Uhr zufrieden die Heimreise an und 23:25 Uhr wurde ich am hannoverschen Hauptbahnhof abgesetzt. Sechs Minuten früher und ich wäre noch vor Mitternacht daheim gewesen. So nun halt eine gute halbe Stunde später. Dieses verdammte Elfmeterschießen! Als ich dann im Bett noch schnell etwas Geburtstagskorrespondenz online beantwortete, schlug mein Browser mir einen Artikel über den Dokumentarfilm „Gunda“ vor. Ein Werk über den Alltag eines Hausschweins, der nicht verhehlt in Sachen Tierhaltung und Fleischkonsum zum Nachdenken anregen zu wollen. Reiner Zufall? Ein Zeichen von oben? Oder späht mich dieses verdammte Smartphone einfach eiskalt aus? Doch trotz temporärem Verfolgungswahn kam ich gut in den Schlaf und träumte von vielen tollen Projekten im neuen Lebensjahr.

Song of the Tour: Eigentlich hätte ich für Paul und Meiniche nun gerne „Mexiko“ von den Onkelz verlinkt, aber Wigald Boning stammt aus Wildeshausen und der Songtext passt ganz gut zum Vechtaer Güllegürtel, denke ich.