Hasselfelde und die Gemeinde Harztor 08/2021

  • 07.08.2021
  • SV Grün-Weiß Hasselfelde – SV Schwarz-Gelb Stolberg 1:0
  • Friendly (IX / X)
  • Sportplatz Hasselfelde (Att: 55)

Am siebten Tag des achten Monats packte mich mal wieder die Wanderlust. Ich sah, dass der SV Grün-Weiß Hasselfelde um 15 Uhr den SV Schwarz-Gelb Stolberg zum sportlichen Vergleich empfangen wollte. Hm, das ließe sich doch prima mit einer Wandertour an der Rappbodetalsperre kombinieren. Schön ein paar Stempelstellen der „Harzer Wandernadel“ besuchen und anschließend noch 90 Minuten Fußballsport. Herz, was willst du mehr? Also ein frisch gebügeltes Funktionshemd übergestreift und den Trekkingrucksack mit Teegetränken und Trockenfleisch befüllt.

Kurzer Zwischenstopp in Wernigerode, der zur Besorgung von Barmitteln genutzt wurde

Um 8:14 Uhr war Abfahrt im sonnigen Hildesheim. Es ging via Goslar und Wernigerode mit dem ÖPNV zur Köhlerei Stemberghaus (16,85€ „one way“). Dort schlug ich gegen 10:50 Uhr auf. Besagte Köhlerei ist übrigens auch eine Stempelstelle, doch die hatte ich bereits im Vorjahr zusammen mit meinem Wanderbruder InterCityBerger und seiner familiären Entourage abgehakt. Damals hatten wir eine schöne Rundwanderung von Wendefurth aus gestartet und neben der Köhlerei noch die Stempelstellen Talsperre Wendefurth, Schöneburg, Böser Kleef und Gasthaus Todtenrode gekreuzt. Meine heutige Wanderung knüpfte nun ideal an die damalige Tour an. Nur leider ohne die gegenwärtig in Norditalien weilende und wandernde Familie Berger.

Aussichtspunkt Rotestein

Mein erstes Etappenziel war der Aussichtspunkt Rotestein, der auf 505 Metern ü. NN erhaben über der Rappbodetalsperre thront. Der war von der Bushaltestelle an der Köhlerei Stemberghaus nur 1,5 km entfernt und daher schnell erreicht. Der Ausblick war wirklich toll. Zwar sieht man nur einen Ausschnitt der größten Talsperre des Harzes (860.000 m³ Volumen), aber das ist schon ausreichend für einen kurzen Moment des Endorphinausstoßes. Abgesehen vom Kahlschlag der letzten Jahre, wirklich ein schönes Panorama, bei welchem der Wurmberg und der Brocken aus der Ferne grüßen.

Am Horizont sind der Wurmberg und der Brocken zu sehen

All zu lange konnte bzw. wollte ich mich allerdings nicht am ersten Höhepunkt der Tour aufhalten. Da mir die erstmögliche Verbindung des Tages um 6:14 Uhr zu früh war (am Wochenende will man auch mal ausschlafen…), war mit der gewählten zweiten Verbindung das Zeitfenster bis zum Anstoß der Fußballpartie nicht so riesig. 18,96 km in 4 Stunden und 10 Minuten waren natürlich machbar, erlaubten allerdings keine großen Trödeleien. Ich plante entsprechend ein Tempo von ca. 5 km/h ein und hätte dann knapp 20 Minuten Steh- oder Sitzzeit auf der Tour. Klingt vielleicht unnötig stressig, aber wenn ich alleine unterwegs bin, wandere ich schon gerne ein bisschen gegen die Uhr. Das ist wohl der gleiche Impuls, der mich selten eine Minute zu früh am Bahnhof auftauchen lässt.

Gebirgswiesenflora

Mein nächstes Ziel war nun die Hassel-Vorsperre, welche sich in sieben Kilometer Distanz vom Rotestein befindet. Der Weg führte mich teilweise an der Talsperre entlang, die Bäume ließen allerdings selten schöne Sichtachsen zu. Man ist größtenteils auf breiten Wirtschaftswegen unterwegs und die Strecke ist definitiv keine Perle im Harzer Wandernetz. Umso einfacher fiel es mir ein flottes Tempo auf den Schotter zu legen. Ich war gar so in Eile, dass ich einen Abzweig verpasste und zehn wichtige Minuten verlor. Kurwa!

Die Hassel-Vorsperre

Nichtsdestotrotz erreichte ich die Hassel-Vorsperre gegen 12:40 Uhr und 8,5 km binnen 110 Minuten war eine akzeptable Zwischenbilanz. Fünf Minuten opferte ich nun für’s Stempel, einen Schluck Wasser und Smalltalk mit anderen Wanderern. Dann wurden wieder Meter gemacht und 45 Minuten später war ich an der Stempelstelle Nr. 3 namens Rappbodeblick Trautenstein. Sie befindet sich an der Rappbode-Vorsperre. Die beiden Vorsperren reinigen das Wasser der Flüsse Hassel und Rappbode von Geröll und Trübstoffen, ehe es dann durch die Überläufe in die Hauptsperre fließt. Außerdem sollen sie helfen den Pegel der Zuflüsse besser zu regulieren.

Ausblick von der Staumauer der Hassel-Vorsperre

Am Rappbodeblick machte ich nun 15 Minuten Pause, um dem Körper neue Flüssigkeit und Energie in Form von Tee, Trockenfleisch und Trauben zuzuführen. Als ich den Rucksack erneut auf dem Rücken fixierte, hatte ich noch 75 Minuten für ca. 7,5 km. Okay, da auch noch ein paar Höhenmeter einzukalkulieren waren und das Tempo auf so einer langen Tour immer schleichend etwas nachlässt, war die Punktlandung noch machbar, aber höchst unrealistisch. Außer ich laufe mal ein Teilstück…

Der Rappbodeblick vom Trautenstein

Aber wozu? Um pünktlich bei einem Freundschaftsspiel von zwei Kreisligisten aufzutauchen? Ging ja nicht darum den letzten Bus gen Heimat zu bekommen und Trophäen gab es auch keine zu gewinnen. Also beschloss ich im letzten Drittel nicht mehr so auf die Uhr zu schauen und einfach die Meter routiniert abzuspulen.

Hier soll die Trageburg im Mittelalter gestanden haben

Es ging nun ein Teilstück auf dem Harzer Hexenstieg entlang und das war wenigstens mal für wenige hundert Meter ein schöner Trail, wie ich sie zum Wandern bevorzuge. Entsprechend ist die nächste Stempelstelle nicht nur für die Harzer Wandelnadel relevant, sondern auch für das Sonderabzeichen des Harzer Hexenstieges. Es handelt sich um die Ruine der Trageburg. Wobei es schon viel Fantasie oder eines geschulten Auges bedarf, um diesen Ort als ehemalige Burganlage zu identifizieren. Dafür hat man von dem Felsen (499 Meter ü. NN), auf dem dereinst die Burg über der Rappbode wachte, einen sehr schönen Ausblick.

Blick auf die Rappbode-Vorsperre von der Trageburg

Die Uhr zeigte mittlerweile 14:15 Uhr an und noch fünf Kilometer trennten mich von Hasselfelde. Da die Beine wie prognostiziert etwas schwerer geworden waren, packte mich der Ehrgeiz nicht mehr. Stattdessen machte ich noch eine kurze Trinkpause und erreichte den Sportplatz der Grün-Weißen erst um 15:11 Uhr. Nichtsdestotrotz war es eine solide Performance (19,4 km mit 290 Hm in, nach Abzug der Pause, 4:05 h reiner Wanderzeit). Zufrieden sank ich in eine der 200 grauen Sitzschalen am Spielfeldrand und snackte erstmal meine mitgebrachten Maiswaffeln mit Tomatenfrischkäsedip. Der Eintritt war übrigens gratis und es stand noch 0:0.

Ein Willkommensgruß am Eingangstor

Das änderte sich in der 20.Minute, als Christoph Schulz die Hausherren mit 1:0 in Führung brachte. Das sollte in einer fairen und recht ausgeglichenen Partie eines Kreisoberligisten gegen einen Kreisligisten leider das einzige Tor des Tages bleiben. Lediglich die Fallsucht des Stolberger 10ers sorgte hin und wieder für Unmut bei Gegenspielern und Publikum. Bezeichnenderweise hatte jener Stolberger Akteur kurz vor Schluss noch den Ausgleich auf dem Fuß, scheiterte jedoch denkbar knapp. Mehr gibt es zum Spiel auch nicht zu schreiben, widmen wir daher dem historischen Hintergrund des Heimvereins noch ein paar Worte.

Fußballinteressierte Hasselfelder

Der SV Grün-Weiß Hasselfelde wurde 1948 gegründet und nahm in den 1950er Jahren als Sportvereinigung Aufbau Hasselfelde-Rappbodetalsperre am Spielbetrieb teil. 1959 wechselte man schließlich aus der Trägerschaft des Bauwesens (wofür im DDR-Sport der Name Aufbau stand) in jene der Land- und Forstwirtschaft und firmierte fortan als BSG Traktor Hasselfelde. Wahrscheinlich weil der Bau der Rappbodetalsperre abgeschlossen war und das entsprechende Baukombinat aufgelöst wurde. Man konnte in den kommenden drei Jahrzehnten einige Kreismeisterschaften und Kreispokale gewinnen, vermochte es jedoch nicht den Hasselfelder Traktor auf Bezirksebene zu etablieren.

Stolberger Schlußoffensive

Nach der Wende legte man zwar seinen DDR-Namen ab und wurde zum SV Grün-Weiß, aber sportlich blieb das Niveau ziemlich ähnlich. Was gar nicht unbedingt gegen den Verein spricht. Lieber als Club einer 3.000-Seelen-Gemeinde kontinuierlich oben im Kreis mitspielen und gelegentlich Ausflüge in den Bezirk machen, als irgendwelche finanziellen Abenteuer wagen, deren langfristiger Erfolg mehr als fraglich ist.

Kilokalorien-Reload

Für logischerweise noch einmal 16,85€ ging es schließlich um 17:05 Uhr zurück nach Hause. Praktischerweise war die Bushaltestelle direkt am Sportplatz und 25 Minuten Aufenthalt in Wernigerode kamen mir ebenfalls entgegen. Erspähte ich dort doch bei meinem jüngsten Besuch den „Balkan Imbiss“ in Bahnhofsnähe. Seinerzeit war leider keine Zeit für einen Test, doch das sollte nun nachgeholt werden. Zu blöd, dass die südosteuropäischen Imbissbrutzler seit dem 4.August im Betriebsurlaub sind. Kurwa! Mit knurrendem Magen musste es also via Goslar zurück nach Hildesheim gehen. Dort angekommen, bestellte ich sogleich telefonisch eine Pizza Speciale beim „Oststadt Grill“ vor, die ich 10 Minuten später dampfend in den Händen hielt. Genau das richtige Mahl nach den Anstrengungen des Tages.

  • 08.08.2021
  • SpG Harztor – Blankenburger FV II 1:3
  • Friendly (VIII / IX)
  • Sportplatz Niedersachwerfen (Att: 41)

Am Sonntag stand sogleich die nächste Wandertour an. Diesmal allerdings mit familiärer Begleitung. Zwar konnten die beiden aufgrund der Eigentümerversammlung an ihrem Harzer Zweitwohnsitz erst ab mittags, aber das kam mir nicht mal ungelegen. Ich konnte dadurch nun ausschlafen oder am Sonntagvormittag etwas Sinnstiftendes unternehmen. Da um 11 Uhr die Spielgemeinschaft Harztor ein Saisonvorbereitungsspiel gegen die 2.Herren des Blankenburger FV bestreiten wollte, war klar, dass ich nicht ausschlafen werde. Stattdessen würde ich schon mal auf eigene Faust in den Südharz vorpreschen. Denn wandern wollten wir eh in der Ecke (bei Neustadt / Harz sollten diverse Stempelstellen angegrast werden).

Bahnhof Salzderhelden

7:37 Uhr war Abfahrt und mein vorläufiges Ziel hieß Niedersachswerfen in Nordthüringen. Das Zugticket sollte von Hildesheim trotz BC25 mit 22,55€ zu Buche schlagen. Also musste wieder getrickst werden. Bis Elze galt eh noch meine GVH-Monatskarte und von dort löste ich für 6€ ein Ticket nach Einbeck-Salzderhelden. Von Einbeck wiederum gab es ein Verbundticket bis Walkenried für 5€. Fehlte nur noch ein Billet von Walkenried nach Niedersachswerfen, für welches die DB 3,60€ verlangte. Tja, 7,95€ haben oder nicht haben?

Beim SV Hannovera wird einem ganz warm um’s niedersächsische Herz

10:07 Uhr erreichte ich Niedersachswerfen und suchte mir zunächst einmal ein nettes Plätzchen für den Verzehr des mitgebrachten Frühstücks. Eine Banane und zwei belegte Brötchen würden später sicher eine gute Grundlage für die Wanderung darstellen. Doch zuvor war da natürlich noch besagtes Fußballspiel um 11 Uhr. Es fand auf der Anlage des SV Hannovera Niedersachswerfen statt, der jüngst mit dem Nachbarverein SV Ilfeld eine Spielgemeinschaft gebildet hat. Hauptspielstätte der SpG Harztor wird wohl die Anlage in Ilfeld werden, welche sicher in absehbarer Zeit ebenfalls mal in Kombination mit einer Wandertour besucht wird.

Die Spieler machen sich warm

Erfreulicherweise war kurz vor 11 Uhr Betrieb am Niedersachswerfener Sportplatz und der „Worst Case“ einer kurzfristigen Spielabsage trat nicht ein. Bis dahin wurde ich die dunkle Vorahnung nicht los, dass ich hier umsonst anreisen würde und dann bis ca. 13 Uhr einsam die Zeit totschlagen muss. Auf Kreisniveau muss man einfach damit rechnen, dass eine Mannschaft vielleicht doch nicht genug Spieler zusammenkratzen kann und dann kurzfristig absagt.

Die Niedersachswerfener Sportanlage mit dem Kohnstein im Hintergrund

Aber nein, die Blankenburger waren mit voller Kapelle angereist und zeigten sich außerdem den Hausherren überlegen. Zwar konnten sie ihre bessere Spielanlage in den ersten 45 Minuten noch nicht in Tore ummünzen, doch ich gewann den Eindruck, dass ein sachsen-anhaltischer Kreisoberligist eine Klasse besser als ein thüringischer Kreisoberligist ist. Obwohl die Kreisoberliga in Thüringen Stufe 9 der Ligapyramide ist und in Sachsen-Anhalt nur Stufe 10. Fast so verwirrend wie ein Thüringer Ort, der Niedersachswerfen heisst und dessen Sportverein Hannovera getauft wurde. Aber das ließ sich zum Glück aufklären. Der Ortsname geht zurück auf die Eroberung dieses Landstriches durch die Sachsen im 6.Jahrhundert und da Niedersachswerfen ab 1815 erst zum Königreich Hannover und schließlich ab 1866 zur preußischen Provinz Hannover gehörte, nannten die Gründerväter ihren 1911 eingetragenen Verein SV Hannovera und ersannen sich ein Roß als Wappentier.

Auf der anderen Seite grüßt der Mühlberg

Im zweiten Durchgang fielen dann endlich Tore. Ali Rashid brachte die Blankenburger in der 54.Minute in Führung und nur 10 Minuten später erhöhte Sebastian Fabich auf 0:2. Auch der Hartorer Anschlusstreffer durch Stefan Goldhammer in der 70.Minute vermochte keine Wende einzuleiten. Stattdessen erhöhte Blankenburgs Kapitän Tobias Rudolf in der 74.Minute noch auf 1:3. War ordentliches Kreisniveau und insgesamt besserer Fußball als am Vortag in Hasselfelde. Noch besser als das Spiel war allerdings das Panorama. Die Anlage des SV Hannovera verfügt zwar kaum über Ausbau für Zuschauer, aber dafür grüßt an der Südseite der vom Anhydritabbau gezeichnete Kohnstein und von Norden der bewaldete Mühlberg.

Optimal ausgestattet für’s Freistoßtraining

Nach Abpfiff hatte mein Vater leider immer noch nicht angerufen. Der wollte sich eigentlich nach der Eigentümerversammlung melden und ging von einem Ende zwischen 12 Uhr und 12:30 Uhr aus, was zugleich Abfahrtszeit in Lautenthal gewesen wäre. Logischerweise blieb ich nun nicht in Niedersachswerfen hocken, sondern ging schon mal in Richtung Ilfeld. Bei einer guten Stunde Fahrzeit, würde es also eh nichts mehr vor 14 Uhr werden und Ilfeld lag direkt auf dem Weg nach Neustadt / Harz aus Richtung Lautenthal. Gegen 13:30 Uhr klingelte schließlich mein Mobiltelefon. Weil sich ein Wohnungseigentümer deutlich verspätete und obendrein mehr als in den Vorjahren zu besprechen war, dauerte der „Spaß“ dieses Jahr gute zweieinhalb Stunden, anstatt 60 bis 90 Minuten wie in den Vorjahren.

Am nordthüringischen Tor zum Harz ist man dem FSV Wacker Nordhausen gewogen

Die älteren Familienmitglieder waren nun nicht mehr so motiviert erst gegen 15 Uhr eine Wanderung zu starten und meine Motivation noch über eine Stunde in Ilfeld zu warten, war natürlich ebenfalls nicht sonderlich ausgeprägt. Wir vertagten also die reizvolle Tour rund um Neustadt und ich bastelte mir schnell eine neue Wanderung im Umfeld Ilfelds. Da meine Rückreise ohne PKW-Mitfahrgelegenheit eine Ecke mehr Zeit in Anspruch nehmen würde, sollte der Umfang allerdings moderat ausfallen.

Mein Tourstartpunkt am Ilfelder Bahnhof

Ergänzend zu den 4,5 Kilometern von Niedersachswerfen nach Ilfeld, sollten vom Startpunkt Bahnhof Ilfeld noch ca. 10 km dazu kommen. Exakt 14 Uhr schaltete ich meine Begleitapplikation ein und begann die Wanderung digital aufzuzeichen. Durch rund 500 zu überwindende Höhenmeter, war es trotz der moderaten Gesamtlänge auch alles andere als ein Spaziergang. Vom Bahnhof konnte ich bereits das Etappenziel Ilfelder Wetterfahne erspähen und der Höhenunterschied verhieß körperlicher Anstrengung.

Der Trail hinauf zum Gänseschnabel

Zunächst einmal ging es über einen schönen Trail hoch zu einem Felsvorsprung namens Gänseschnabel. Zwar keine Stempelstelle, aber trotzdem ein Topspot im Südharz. Von diesem markanten Felsen gibt es einen tollen Ausblick ins Beretal und auf die umliegenden Berghänge (siehe Titelbild). Der Sage nach handelt es beim Gänseschnabel um eine einstige Gänsemagd, die sich in einen Mönch des Klosters Ilfeld verliebt hatte. Aus nicht überlieferten Gründen hatte eine Hexe ein Problem mit der Liebelei und als der Mönch und die Magd sich eines Tages über das Beretal hinweg zuwinkten, verwandelte die olle Hex‘ beide in Felsen (einen Felsen namens Mönch gibt bei Ilfeld also ebenso).

Der Gänseschnabel

Weiter ging es nun auf regelrecht alpinem Terrain zur Ilfelder Wetterfahne. Die befindet sich auf dem 477 Meter hohen Herzberg. Es eröffnet sich von dort ein schöner Ausblick auf Ilfeld und das nordthüringische Harzvorland. Obendrein gibt es einen Stempelkasten der Harzer Wandernadel und ein Gipfelbuch. Mich interessierte natürlich nur erstgenannte Installation.

Ausblick von der ilfelder Wetterfahne auf dem Herzberg

Von der Wetterfahne wanderte ich weiter zum großen Bielstein. Dieser kanzelartige Felsvorsprung soll dereinst Kultstätte für den lokal verehrten germanischen bzw. eher sächsischen Waldgott Biel gewesen sein. Der Legende nach soll der christliche Missionar Bonifatius hier Mitte des 8.Jahrhunderts eine heilige Bielstatue zerstört haben. Hat dieser angelsächsische Krawallbruder also nicht nur die Donareiche, sondern auch die Bielstatue auf dem Gewissen. Aber beide Sachbeschädigungen erfüllten ihren Zweck. Die heidnischen Germanen – damals bereits auf dem geistigen Entwicklungsstand eines Teils ihrer heutigen Nachfahren namens Querdenker – waren tief davon beeindruckt, dass ihre Gottheiten den Frevel des Bonifatius nicht rächten. Nun erkannten sie, dass der Gott der Christen wohl mächtiger als ihre alten Götter sein muss.

Die so genannte Kanzel am Großen Bielstein

Da fällt mir auf, dass die alten Germanen den Querdenkern doch schon intellektuell ein Stückchen voraus waren. Auch wenn sie sich sofort dem nächsten nicht belegbaren höheren Wesen und dessen vermeintlichen Geboten unterwarfen, hatte ihre Reaktion doch schon Züge von empirischem Denken. Germanische Querdenker hätten dagegen sicher behauptet, dass das Weihwasser des Missionars vergiftet ist und jeder Täufling schwer geschädigt wird (geheimer Plan, um die germanische Bevölkerung gegen Migranten aus der Heimat von diesem Jesus auszutauschen). Und dass es zu Donars und Biels göttlichen Plan gehört, sich nicht sofort zu rächen, aber Bonifatius schon irgendwann seine große Strafe bekommen wird und alle, die jetzt konvertieren, dann auch fällig sind. So wie COVID19-Geimpfte doch nicht sofort das Zeitliche segnen, wie zunächst in Querdenkerkreisen propagiert, aber je nach Schwurbelquelle in zwei, drei oder zehn Jahren an ihrer Impfung sterben werden. Wenn Donald Trump vorher nicht doch noch den „Deep State“ zerschlägt oder Waldimir Putin uns alle rettet.

Ici c’est Paris

Aber zurück zu erbaulicheren Dingen, zurück zum Wandersport. Bei dieser edelsten Form der menschlichen Ertüchtigung war der Poppenberg, auf Streckenkilometer 5,8 und auf einer Höhe von 601 ü. NN, das nächste Etappenziel. Dort kam ich nach knapp zwei Stunden an, verzichtete jedoch auf das Erklimmen des 1897 errichteten Aussichtsturms, den der Volksmund aus Gründen auch liebevoll Ilfelder Eiffelturm nennt. Mir entging gewiss eine nette Aussicht, aber nach einer kurzen Trinkpause und dem zweiten und letzten Wanderstempel des Tages, wollte ich doch lieber die letzten 4,2 Kilometer in Angriff nehmen, um vor 17 Uhr wieder am Ilfelder Bahnhof anzukommen. Sollte in 60 Minuten zu schaffen sein.

Ausblick vom Falkenstein

Ungefähr einen Kilometer nach dem Poppenberg existierte mit dem Falkenstein noch ein weiterer guter Spot auf meiner Route. Hier gab es für mich abermals eine schöne Felsformationen und eine tolle Aussicht zu bewundern. Die Sitzgruppe an der Hauptklippe ist übrigens ein genialer Platz für eine Pause mit Panorama. Aber Pause wäre für mich jetzt gleichbedeutend mit einer Stunde später zu Hause ankommen gewesen.

Nach ein paar beherzten Gertenhieben von Annika Schleu, nahm ich auch die letzten Hindernisse mit Bravour

Also ging es sogleich auf einem anspruchsvollen Singletrail hinab ins so genannte Gottestal. Trittsicherheit war mehr als geboten, weil der Hang wirklich sehr steil war und zu allem Überfluss noch mehrere umgestürzte Bäume auf dem Weg lagen. Doch grazil wie eine Bergziege meisterte ich auch diese letzte alpine Herausforderung und war gegen 15:40 Uhr unten im Tal. Wenig später tauchten auch schon die ersten Häuser Ilfelds und der hiesige Sportplatz auf. 16:55 Uhr und somit üppige vier Minuten vor Abfahrt meiner Bahn war ich zurück am Bahnhof. Mit in Summe 15 Minuten Verschnaufpause und 2:40 h in Bewegung hatte ich meine bergigen 10,1 Kilometer gemeistert.

Der Ilfelder Ground ist garantiert auch irgendwann fällig

Jetzt ging es mit der Linie 10 der Nordhäuser Straßenbahn von Ilfeld nach Niedersachswerfen. Das besondere an dieser Tram ist, dass sie die Schienen der Harzer Schmalspurbahn mitnutzt. Da diese jedoch nicht wie das Nordhäuser Straßenbahnnetz elektrifiziert sind, handelt es sich um Elektro-Triebwagen mit einem zusätzlichen Dieselmotor. Als Nerd muss ich nun anmerken, dass ich im weltweit einzigen Schienennetz unterwegs war, auf dem in der Meterspur mit Dieselantrieb gefahren wird. Combino Duo heisst das Modell und Siemens hat bisher nur drei davon gebaut, die alle in Nordhausen auf der Linie 10 unterwegs sind.

Askese statt Völlerei

Mein Fahrspass war allerdings schon nach fünf Minuten wieder vorbei und ich verließ die Tram am Bahnhof Niedersachswerfen Ost. Jetzt hatte ich noch 40 Minuten bis zur Abfahrt der RB 80 nach Northeim. 10 Minuten würde ich brauchen, um vom Schmalspurbahnhof zum DB-Bahnhof zu gelangen und die anderen 30 Minuten wurden endlich für die verdiente Vesper genutzt. Es gab wie schon am Vortag Maiswaffeln mit Frischkäsedip.

Eine HSB-Dampflok auf Durchfahrt in Niedersachswerfen

In Northeim war dann noch richtig was los. Kaum war ich ausgestiegen, brausten zwei Streifenwagen auf mich zu. Instinktiv wollte ich schon losrennen, aber ich konnte diesen natürlichen Reflex gerade noch unterbinden. Konnte das Auftauchen der Polizei logischerweise gar nicht mir gelten. Stattdessen hatte ich offenbar just den Streit zweier Reisender verpasst. Der eine fühlte sich bedroht und wollte mit dem anderen nun nicht im gleichen Zug nach Uslar sitzen. Deshalb hat er die Polizei gerufen, welche sich nun die Versionen der beiden Streithähne separat anhörte.

Trubel bei der Northeimer Bahnhofsszene

Dann kam mein Anschlusszug und ich musste von einem der spektakulärsten Einsätze in der Geschichte der Northeimer Polizei Abstand nehmen. Stattdessen ging es ganz entspannt via Einbeck-Salzderhelden und Elze nach Hause (Gesamtpreis natürlich wieder 14,60€). Am Heimatbahnhof wurde nur noch schnell ein Belohnungsshawarma erworben und daheim ging es gegen 21 Uhr schon sehr zeitig zu Bette. War ein anstrengendes, aber vor allem sehr schönes Harzer Wanderwochenende.

Song of the Tour: Auch wenn ich Hasselfeldes berühmten Westernpark „Pullman City“ auf dieser Tour nicht besucht habe, darf es trotzdem ein wildwestromantischer Song sein.