Szczecin (Stettin) & Poznań (Posen) 12/2017

16.12.2017
MKS Pogoń Szczecin – Arka Gdynia 1:0
Ekstraklasa (I)
Stadion Floriana Krygiera (Att: 3.587)

Nachdem die letztjährige Weihnachtstour nach Polen so ein Erfolg war, machte das Land als Destination für diese traditionelle Jahresabschlussveranstaltung meines Tourismus-Kollektivs wieder das Rennen. Zu acht (InterCityBerger, Johnny Power, Fat Lo, El Glatto, Kleiner Dammtor, Olbert, Ole und ich) ging es Freitagmittag nach Feierabend mit einem Kleinbus ins östliche Mitteleuropa. Mit im Gepäck die schönsten Weihnachtslieder der Pogues, Bad Manners, Ramones, Run DMC, The Business u.v.m., sowie sieben Paletten pfandfreies belgisches Dosenbier. Im Laufe der Fahrt kam es dann zu massivem Schneefall, so dass die Weihnachtstourstimmung noch weiter stieg.

Das Motto an der Busscheibe

Erstes Tourziel war Szczecin bzw. Stettin, wie die meisten Deutschen aus historischen Gründen sagen. Ich hatte uns dort für je 35€ vier Zwei-Bett-Zimmer in einem mittelklassigen Kettenhotel gebucht (Campanile). Leider wurde die Option der zwei Einzelbetten nur in einem (meinem) der vier Zimmer vom Hotel realisiert, aber die Entschädigung in Form von Gratis-Parkgaragenplatz und Gratis-Frühstück war absolut zufriedenstellend. Wir selbst hätten uns ja nicht mal beschwert.

Jakobikathedrale im Dunkeln

Das Campanile war direkt an der Kathedrale der Stadt (Jakobikathedrale), so dass niemand bei mir, dem Kathedralen-Don, an andere Buchungsgründe glauben wollte (zumal wir auch Zimmer mit Kathedralenblick hatten). Wie dem auch sei, Pommerns größter Sakralbau machte bereits in der Dunkelheit eine gute Figur und war natürlich wenig überraschend sehr zentral, weshalb wir auch blitzeisschnell am historischen Markt waren, wo wir zurecht Gastronomie vermuteten.

Nachtspaziergang am Stettiner Schloss

Um irgendwo einzukehren, brauchten wir nur zuvor ein paar Sluttys (oder wie diese polnische Währung doch gleich heißt) und die zunächst erfolglose Suche nach einer Bank brachte uns wieder weit vom Markt weg. Da von den Bars und Restaurants am Marktplatz jedoch eh nichts auf den ersten Blick überzeugt hatte, konnten wir auch gleich umdisponieren und das dem gefundenen Bankomaten nahe Brauhaus aufsuchen. Nur leider war die “Nowy Browar” schon hoffnungslos überfüllt und es ging notgedrungen in den benachbarten “Rocker Club”. Sah auf den ersten Blick leer aus, aber jeder Tisch war reserviert. Egal, erstmal an die Theke gelungert und ein paar Bier und ‘nen Lütten geordert (die zieh ich mir gerne rein).

Kleines Gelage

Als es dann gegen 22 Uhr langsam voll im Laden wurde und die ersten Katzen sich auf der Tanzfläche präsentierten, wollten komischerweise ein paar von uns weiterziehen (bzw. gucken ob das Brauhaus jetzt schon leerer war) und dank Eigendynamik standen wir alle wieder auf der Straße und wussten gar nicht so recht warum. Hätte ja gereicht, wenn einer mal kurz rüber geht zum Brauhaus. Leerer war es jedenfalls kein Stück geworden und nochmal in den Club zurückwechseln wollte jetzt auch keiner (hätte ja auch wieder 2 Sluttys Garderobe gekostet…). Also wurde noch ein alternatives Brauhaus gegoogelt und jenes war erfreulicherweise nur wenige hundert Meter entfernt.

Brauhaus Stara Komenda

Im „Stara Komenda“ war auch gut was los, aber wenigtens noch ein großer Tisch für uns frei. Das hausgebraute Bier schmeckte hier vorzüglich, jedoch war die Küche bereits geschlossen. Denn weil das Mittagessen bei allen nun schon über 10 Stunden her war, knurrte bei den weniger gut gepolsterten Mitstreitern wieder der Magen und sie entwickelten die Taktik sich zu einsamen Damengruppen an den Tisch zu setzen, diese in Gespräche zu verwickeln und beiläufig deren noch vom Essen auf dem Tisch stehende Brotkörbe zu plündern. Trockenbrot mit Salz und Pfeffer; ein echtes Gala-Dinner!

St.Johannes-Kirche

Gegen Mitternacht brachen wir wieder auf und Differenzen bei den Verhaltensregeln im polnischen Kulturraum und der weiteren Abendgestaltung konnten von mir hervorragend als Vorwand genutzt werden, um meinen müden Körper ins Hotel zu schaffen. Die anderen gingen wieder in den „Rocker Club“ und während Ole und Johnny dort noch richtig lange gefeiert haben, zog der Rest vorzeitig von dannen und wurde auf dem Weg zum Hotel noch angelungert. Ich will Szczecin (oder Polen allgemein) jetzt nicht künstlich gefährlich reden, aber als Gruppe von jungen wehrfähigen deutschen Männern, sollte man in der Nähe von Gruppen polnischer wehrfähiger Männer ruhig mal seine Klappe halten. Wenn man Pech hat, mögen die halt mindestens im angetrunkenen Zustand keine Deutschen.

Frühstückszeit im Campanile

Am nächsten Morgen genoss ich erstmal diverse nächtliche Sprachnachrichten von Olbert (wo ist nur seine Brille?) und um 9 Uhr trafen wir uns alle am Frühstückstisch. Der ein oder andere tat sich noch schwer mit fester Nahrung, aber für die meisten war Rührei und Würstchen genau das Richtige. Und Berger überraschte mit einem Frühstück ausschließlich bestehend aus Ananas und Salatgurke. „Ist beides besonders wässrig und daher gut gegen den Kater“, sprach der Profi. Dann checkten wir aus und ballerten das Gepäck in den Bus. Es war erst 10:30 Uhr und daher noch genug Zeit Szczecin nochmal ausgiebig bei Tageslicht zu erkunden.

Kunstvoller Gruß an alle Jagdfreunde

Dabei nervte am historischen Marktplatz (von dem immerhin eine Seite und das alte Rathaus restauriert wurden) gleich wieder so ein lokaler Lungerer, der uns fleißig durchbeleidigte. Ignorieren und weitergehen half aber und alle folgten mir nun wie die Lemminge durch die Altstadt. Nach 10 Minuten sorgte ich für klare Verhältnisse: “Ähm, damit wir uns nicht missverstehen, ich suche gerade keine Kneipe, ich mache hier Sightseeing.” War fair von mir, denn ab jetzt folgten mir nur noch Ole und Glatto und der Rest googelte seine Zech-Optionen im Umkreis.

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Stettiner Marktplatz

Nun war es an der Zeit tiefer in die Vergangenheit und Gegenwart der pommerschen Metropole einzutauchen, deren Geschichte Deutsche und Polen geprägt haben. Waren es in der Antike noch germanische Stämme (z.B. die Goten und Rugier), die sich in Pommern niederließen, wurden jene während der Völkerwanderung von slawischen Stämmen beerbt. Der Name Pommern leitet sich daher auch vom slawischen „po more“ (zu deutsch: am Meer) ab. Die Slawen können auch die Gründung Stettins für sich reklamieren, denn im 9.Jahrhundert befestigten sie auf dem Boden der heutigen Stadt eine Siedlung an der Odermündung mit Palisaden. Der erste nachgewiesene polnische Herzog Mieszko I. machte Stettin und das pommersche Umland 967 zu seinem Lehen und 1091 wurde alles Teil des ersten polnischen Königreichs.

Die Jakobikathedrale am Morgen

Fortan, also schon unter polnischer Herrschaft, ließen sich auch zahlreiche deutsche Siedler in der wachsenden mittelalterlichen Stadt nieder und begannen damit ab 1180 die Jakobikirche zu bauen. Derweil wechselten Polen, Dänen und Deutsche sich als Lehnsherren der Region ab, bis Pommern ab 1227 dauerhaft Teil des Deutschen Reiches wurde und das auch prinzipiell über 700 Jahre blieb. Mit Stettin als Machtzentrum wurde es alsbald ein Herzogtum und vom slawischen Geschlecht der Greifen regiert. In dieser Epoche entstand ab 1346 auch das Stettiner Schloss, welches die Polen nach schweren Zerstörungen im 2.Weltkrieg mittlerweile aufwendig restauriert haben. Die Polen weisen natürlich gern daraufhin, dass die Gebiete hier schon früher polnisch waren bzw. reklamieren die Greifenherzöge für ihr Volk. Dennoch waren es gerade die Greifen, die die Germanisierung im späten Mittelalter vorantrieben.

Auf dem Schlosshof in Stettin

Ihr Machtsymbol, das Stettiner Schloss, sahen wir uns nun mal genauer an. Die Polen entschieden sich es im Wesentlichen in seiner Renaissance-Gestalt zu rekonstruieren. Leider auch mit etwas Pfusch am Bau, wovon im Sommer dieses Jahres eingestürzte Teile des Nordflügels zeugen. Der erneute Wiederaufbau scheint allerdings beinahe wieder abgeschlossen und weite Teile des Schlosses sind für Besucher zugänglich. Neben einer darin untergebrachten Behörde, wird der Bau hauptsächlich kulturell für klassische Konzerte und Kunstausstellungen genutzt.

Die Hakenterrasse von unten

Nach dem Schloss stand nun der Auflug ins preußische Erbe Stettins an. Denn nach dem Tod des letzten Greifenherzogs (1637) fiel Stettin zunächst im Rahmen des Dreißigjährigen Kriegs an Schweden und 1720 im Großen Nordischen Krieg an Preußen. Die preußische Provinz Pommern wurde 1871 natürlich auch Teil des neuen Deutschen Kaiserreichs unter der Hohenzollern-Krone und ein herausragendes Bauwerk aus dieser Epoche durfte beim Stadtrundgang nicht fehlen. Die Hakenterrasse (benannt nach dem damaligen OB Hermann Haken) wurde 1907 fertiggestellt und kommt preußisch-monumental daher.

Auf der Hakenterrasse

Die 500 Meter lange Terrasse bietet mit seiner erhöhten Lage bei gutem Wetter auf jeden Fall eine tollen Ausblick auf den Hafen und das Stettiner Haff. Im Prachtbau oberhalb der Terrasse (1913 dertiggestellt) befand sich zunächst das Städtische Museum Stettin. Die Polen haben daraus ein Museum zur Geschichte Pommerns gemacht (Muzeum Narodowe w Szczecinie). Rechts daneben ist außerdem das ehemalige der Gebäude der pommerschen Provinzialregierung (ebenfalls sehr repräsentativ), in welchem nun Behörden der Woiwodschaft Westpommern untergebracht sind, und ein paar kleine Gebäude mit Gastronomie gibt es hier natürlich auch. Wir kehrten daher zum Aufwärmen ins sehr schöne Restaurant „Columbus“ ein (komplett aus Holz!). Glatto holte in Form von Schweinefilet in Käsesauce sein Frühstück nach und heißer Tee mit Zitrone wärmte seine noch vom Hotelbuffet gesättigten Begleiter auf.

Aufwärmen in der Columbusbar

Nach der Hakenterrasse stand nicht mehr wirklich was im vorher ausgearbeiteten Touri-Programm und wir beschlossen einfach ein wenig durch die Innenstadt zu flanieren und uns grob Richtung Stadion zu orientieren. Zunächst sahen wir dabei viel unspektakuläre Nachkriegsarchitektur, aber auch mal die oder andere interessante sozialistische Skulptur. Stettin fiel ja bekanntlich 1945 an Polen, obwohl sich die Stadt im Wesentlichen westlich der so genannten Oder-Neiße-Linie befindet. Aber diesen wichtigen Hafen nebst wichtiger Industrieanlagen wollte Stalin seiner deutschen Besatzungszone nicht zugestehen und schlug die Stadt Polen zu (wobei der Hafen bis zu Stalins Tod 1955 unter sowjetischer Verwaltung blieb). Da die Sowjetunion den Polen im Osten Land im großen Stil raubte (die Gebiete welche Stalin sich 1939 beim mit Hitler einträchtigen Überfall auf Polen schon unter den Nagel gerissen hatte), machten sie ihnen im Westen bei der Kompensation zu Lasten Deutschlands weitreichende Zugeständnisse.

Er ist christlicher Seefahrer

Teile der Innenstadt sind zum Glück noch in Vorkriegsbebauung erhalten und wir spazierten als nächstes ein bißchen durch das zentrale Gründerzeitviertel mitsamt seiner Fußgängerzone und kehrten dann zum Mittagessen in ein kleines Pierogi-Lokal ein („Pierogarnia na deptaku“). Wir bestellten uns eine bunte Mischung der gefüllten Teigtaschen zum Probieren (mit Hüttenkäse, mit Fleisch und mit Sauerkraut & Pilzen) und blieben dann bei denen mit Fleischfüllung geschmacklich hängen (waren aber alle gut!). Da eine Pierogi nur umgerechnet 0,30€ kostete, war das ’ne günstige Angelegenheit den Magen zu füllen.

Pierogi-power

Nach dem Essen war Fußball angesagt und wir spazierten auch die letzten Kilometer zum Stadion zu Fuß. Den „Ground“ hatte ich bereits 2006 schon mal bei Pogoń vs. Wisla Krakow „weggescheppert“ (wie man in der Hoppersprache sagt), daher war das heute nur ein „Revisit“ (nochmal Hoppersprache). Nichtsdestotrotz freute ich mich dieses wunderschöne Stadion nochmal zu betreten. Dazu war erstmal die Fankarte „Karta Kibica“ von Nöten, die 10 Sluttys kostete und nun alle meine persönlichen Daten gespeichert hat. Für 30 weitere Sluttys ließ ich mir gleich einen Sitzplatz neben dem überdachten Teil der Haupttribüne draufbuchen (also Gesamtpreis heute umgerechnet 9,60€). An der Kasse trafen Glatto, Ole und ich im übrigen auch wieder auf Lo, Berger und Johnny. Olbert und Dammtor sind dagegen in der Kneipe versackt, aber da hättest du eh keinen gefunden, der auch nur einen Slutty auf einen Stadionbesuch der beiden Feinde des Fußballs gesetzt hätte.

Willkomen bei Pogoń Szczecin

Mit uns im Stadion waren noch geschätzte 3.000 weitere Besucher im Heimbereich und circa 500 Gästefans aus Gdynia waren ebenfalls angereist. Leider standen von den Pogoń-Fans kaum welche in der eigentlichen Kurve. Wir befürchteten einen großen Stimmungsboykott aufgrund der sportlichen Misere (Pogoń ist Tabellenletzter) oder aus noch tiefgreifenderen Gründen (vielleicht hat ein polnischer Hörgeräteakustiker den Verein und die Markenrechte für ungefähr Dreifuffzich gekauft?). Aber pünktlich zum Anpfiff bildete sich doch noch ein kleiner Stimmungshaufen in der genialen zweirangigen Kurve und beflaggte diese auch ordentlich.

Stadion Floriana Krygiera

Nichtsdestotrotz hat die Pogoń-Szene gerade eine ganz schwache Phase. Das Vakuum welches die Auflösung der Ultragruppe „Mlode Wilki ’03“ hinterließ („Junge Wölfe“, benannt nach einem in Szczecin spielenden polnischen Kultfilm), scheint noch lange nicht gefüllt zu sein. Da ist selbst gegen einen der großen Feinde die Kurve gähnend leer. Denn durch die Nähe (so 333km Entfernung, was bei Szczecins Randlage in Polen nicht viel ist) und den Umstand, dass Arka mit zwei weiteren Pogoń-Feinden die Achse Arka-Lech-Cracovia (kurz ALC) bildet, war in den Aufeinandertreffen der beiden Teams auf den Rängen immer gut Feuer drin. Heute wurde wenigstens auch fleißig gepöbelt und klar gemacht, dass Arka gerne unsittlich mit Cracovia verkehrt. Die Kaschuben aus Gdynia ließen ebenso kein gutes Haar an ihrem heutigen Gastgeber und stimmungsmäßig war es somit auch ohne optische Akzente beider Lager und kleine Mobs ganz okay.

Der Gästeblock

Doch nun zum Sportlichen: Bereits nach 11 Minuten sahen wir ein wunderschönes Fallrückziehertor von Lasha Dvali (georgischer Nationalspieler) zum vermeintlichen 1:0. Allerdings erprobt auch Polen gerade den Videobeweis und das Tor wurde aus mir nicht ersichtlichen Gründen nach einem Studium der TV-Bilder am Spielfeldrand vom Unparteiischen aberkannt. Pogoń blieb aber am Ball und machte das Spiel. Alle vier bis fünf Minuten hatten sie eine gute Torchance, wovon besonders der Seitfallzieher von Adam Frączczak in der 23.Minute in Erinnerung blieb. Vom amtierenden polnischen Pokalsieger und derzeitigen Fünften der Liga kam dagegen mal so gar nichts. Dennoch konnten die Gäste das 0:0 zumindest bis in die Pause retten.

Der Pogon-Fanblock

Auch die zweite Hälfte begann mit guten Chancen der Hausherren. Der Druck von Pogoń wuchs förmlich von Minute zu Minute. In der 49.Minute wird der Bulgare Spas Delev steil im Strafraum angespielt, schiebt den Ball aber knapp neben das Tor. Einen Freistoß aus 17 Metern setzte dann ebenfalls Delev in der 55.Minute knapp über das Gästetor. In der 60.Minute war es nun endlich soweit und der emsige Adam Frączczak belohnte sich aus kurzer Distanz, nachdem zuvor eine schöne Passkombination die komplette Arka-Verteidigung ausgehebelt hatte. Nach diesem hochverdienten Tor fing Arka zaghaft an nach vorne zu spielen und wechselte außerdem mit dem Spanier Ruben Jurado einen weiteren Stürmer ein. Dennoch blieben die Angriffsbemühungen vergebens. In der 90. Minute musste Pogońs Tormann Lukasz Zaluska letztmalig einen Torschuss entschärfen und dann durften Fans und Spieler gemeinsam feiern.

Floodlight Porn

Der neue Trainer Kosta Runjaic scheint das Team in marineblau und bordeauxrot so langsam zurück in die Erfolgsspur zu bringen. Das war immerhin der zweite Sieg in Folge (letzte Woche wurde 3:1 beim Tabellenzehnten Lechia Gdansk gewonnen) und seit der in Deutschland bestens bekannte Trainer (u.a. SV Darmstadt 98, 1.FC Kaiserslautern und TSV 1860) das Zepter schwingt, gibt es nun mit zwei Siegen, zwei Remis und zwei Niederlagen eine ausgeglichene, tabellenmittelfeldwürdige Bilanz. Man überwintert zwar auf dem letzten Platz, hat aber wieder Tuchfühlung zur habitablen Zone der Tabelle.

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Schon ’ne schicke Bude

Übrigens, um nochmal einen historischen Bogen zu Flucht und Vertreibung zu spannen, Pogoń hat seinen Namen und seine Vereinsfarben vom ostgalizischen Traditionsclub Pogoń Lwow übernommen. Der Verein aus Lwow (Lemberg) war zwischen den Weltkriegen viermal polnischer Meister und dreimal Vizemeister. Aus Lemberg von der annektierenden Sowjetunion vertriebene Polen wollten das Erbe des Clubs in ihrer neuen Heimat Szczecin fortleben lassen, bzw. zumindest an den Club erinnern (eine echte Kontinuität in Sachen Spielern oder Funktionären ist nicht gegeben). Wie bereits zuvor im historischen Abriss erwähnt; in Szczecin wurden die Deutschen ab 1945 von ebenfalls aus ihrer Heimat vertriebenen Polen vertrieben, weil Herr Dschugaschwili, better known as Stalin, nicht auf seine polnische Kriegsbeute verzichten wollte.

Stettiner Naturtrübes

Aber nun erstmal Schluss mit Fußball und Weltgeschichte. Vom Stadion machten wir uns jetzt mit Taxis auf, um uns in der “Nowy Browar” wieder mit den Zechern Olbert und Dammtor zu vereinigen. Im einstigen Gebäude der Freimaurerloge “Unter drei goldenen Ankern der Liebe und Treue” konnte einer der beiden eigentlich nichts mehr und der andere war davon so genervt, dass er tatsächlich bereute nicht mit ins Stadion gegangen zu sein. Das heißt bei Fußballfeind Dammtor schon was. Wir gönnten uns fast alle nochmal einen Halben des naturtrüben lokalen Gebräus für 7,5 Sluttys, während Ole schon mal den Wagen vorfuhr.

Franziskanerkirche Posen

Uns standen nun 250km geschmeidige Fahrt auf der leeren Schnellstraße nach Poznań (deutsch: Posen) bevor und wir alle jubelten, als Singvogel Olbert kurz nach dem Passieren der Szczeciner Stadtgrenze einschlief. Mit der Musik der wahrscheinlich besten deutschsprachigen Band unserer Tage (Wanda) und Haselnußschnaps (Soplica) wurde die Fahrt für den Rest ein echter Hochgenuss und das Ibis in Poznań war nach knapp drei feuchtfröhlichen Stunden erreicht (übrigens auch umgerechnet 35€ für’s DZ). Nachdem wir Olbert den Check-In über noch im Auto schlafen ließen, weckten wir ihn natürlich beim Aufbruch zum Weihnachtsmarkt (wir sind ja keine Barbaren!), gaben ihm aber vorerst auch Auflagen wie ein Redeverbot.

Nepomukstatue

Poznań machte sofort einen grandiosen Eindruck. Gleich beim Hotel war die schöne barocke Franziskanerkirche und wenige hundert Meter später erreichten wir den historischen Marktplatz (Stary Rynek), mit dem Rathaus und den charakteristischen Kaufmannshäusern mit ihren Laubengängen. Aktuell war vor dieser wunderschönen Kulisse saisonbedingt ein großer Weihnachtsmarkt aufgebaut. Der Glühweinstand mit den beiden attraktivsten Verkäuferinnen wurde ausgemacht und so schnell nicht wieder verlassen. In der heiteren Stimmung hoben wir sogar Olberts Redeverbot wieder auf, damit er auch wieder akustisch mit seiner Umwelt interagieren konnte. Oh du gnadenvolle Weihnachtszeit…

Am historischen Markt

Auf dem Weihnachtsmarkt traf ich dann auch eine alte Schulfreundin, die zufällig ebenfalls gerade in Poznań war. Normal verabreden wir uns immer jedes Jahr in Hildesheim auf dem Weihnachtsmarkt auf eine handvoll Glühwein, aber gut, dann halt mal in Poznań, wenn man eh schon hier ist. Man muss auch mal neue Pfade einschlagen. Danach bekamen wieder meine Zecherfreunde meine ungeteilte Aufmerksamkeit und ich folgte nach in ein von ihnen besetztes Restaurant. Im „Piori Feniksa“ („Feder des Phoenix“) gab es für die Hungrigen nochmal lecker polnische Spezialitäten und ansonsten wurde sich an der Cocktailauswahl gelabt.

Weihnachtsmarkt Posen

Um 1:00 Uhr war Zapfenstreich in dem Lokal und dann machte sich mein Halbgas vom Vorabend und der späte Einstieg ins heutige Bier- und Schnapsgeschäft positiv bemerkbar. Fünf meiner Reisebegleiter wollten jetzt lieber ins Hotel, während ich alter Knochen mit den beiden jüngsten Mitreisenden (Ole & Glatto) und dem am wenigsten erwartbaren Begleiter (Olbert!) nochmal nach einer weiteren Bar suchte. Diese fanden wir auch um die Ecke mit der „Pijalnia Wodki i Piwa“ (der Wodka- und Bier-Trinkhalle). Der Laden war hell, laut und prall gefüllt und wir schnappten uns drei freie Hocker an der Theke (einer von uns hatte vorerst Stehplatz ermäßigt). Die Barkeeper durften nun noch mehr schuften für ihr Geld, denn wir tranken uns halt mal durch die Karte mit den Shots und zechten nebenbei genüßlich unsere Halben des polnischen Bieres Warka.

Die Pijalnia

Besonders lecker war definitiv der Shot „Monte“ (Haselnußlikör mit Milch). Bei dem blieben wir irgendwie hängen und unsere hohe Taktzahl erntete den Respekt von ein paar Einheimischen. Die waren Lech-Fans und luden uns für das eh anvisierte morgige Spiel gegen Termaliki Bruk-Bet Nieciecza ein, wiesen allerdings auch darauf hin, dass dieser Kick gegen das künstlich nach oben gepushte Dorfteam das unspektakulärste auf den Rängen in der ganzen Saison sein dürfte. Erstmals ein Grübeln bei uns, ob wir Lech, nach vielfacher Expertenmeinung eine der besten Szenen des Landes, ausgerechnet in diesem schlechten Rahmen kennenlernen wollen. Oder ist das gerade interessant und man kann gespannt sein, ob so eine Szene es auch schafft sich bei so einem Kick zu motivieren?

Der Monte Drink

Die Fragen ließen sich ja noch ein paar Stunden vertagen und wir konzentrierten uns wieder auf’s alkoholische Kerngeschäft der alljährlichen Weihnachtstour. Bis 4:00 Uhr hatte die Trinkhalle offen und das haben wir auch bis zum bitteren Ende ausgenutzt. Dann stolperten wir noch in einen Späti und erwarben Soplica Orzech laskowy (Haselnuss) to go. Ohne Milch schmeckt das Zeug ja auch ganz gut. Gegen 5:00 Uhr haben wir wohl endlich geschlafen, mit leeren Soplicaflaschen am Bett über uns wachend.

Das Jesuitenkolleg

Am nächsten Morgen war ich dann so ein bißchen angeschlagen (ich vertrag halt Milch nicht so gut), aber es nützt ja alles nichts! Es muss ja weitergehen! Ergo wurde geduscht, gepackt und dieses Poznań nochmal bei Tageslicht erkundet. Häßlicher war die Altstadt definitiv nicht geworden. Ich hatte sogar das Gefühl, dass sich die meisten schönen Gebäude über Nacht verdoppelt hatten. Dennoch fanden wir zielsicher den Glühweinstand vom Vorabend wieder und fuhren ganz im Sinne der modernen Trainingslehre eine Kontertaktik.

Posener Rathaus

Ich könnte jetzt auch nochmal einen langen Text über die reiche Geschichte dieser Stadt schreiben (erster polnischer Bischofssitz, Grablege der ersten polnischen Könige, Germanisierung, friedliches und unfriedliches deutsch-polnisches Nebeneinander über Jahrhunderte, Kriege und wechselnde Machtverhältnisse…), aber für diesen Bericht haben wir in Szczecin / Stettin ja schon genug Geschichte drin. Und hier in Poznań / Posen waren die Spuren der Geschichte nunmal auch nur Kulisse, hinter die ich aufgrund anderer Prioritäten nicht geblickt habe. Auf jeden Fall werde ich nochmal wiederkommen (ich, der Kathedralen-Don, habe ja nicht mal den Dom inspiziert) und dann wird auch das historische und architektonische Erbe nicht zu kurz kommen.

Entenschmaus

Nach Stadtspaziergang und Frühschoppen durfte natürlich auch ein Mittagessen nicht fehlen und dazu wurde die „Brovaria“ am Rynek (Marktplatz) aufgesucht. Hier gab es leckere Enten für hungrige Typen und man machte sich in Ruhe Gedanken über die weitere Tagesplanung. Da stand um 15 Uhr ja noch dieses Fußballspiel auf der Agenda, aber Begeisterung dafür konnte keiner mehr so recht aufbringen. Jeder seriöse Groundhopper würde wohl sagen: “Schlechter kann man den Ground nicht machen.” (Vgl.: Überlegungen in der Vornacht). Also haben wir es einfach gelassen und sind anstatt zum Stadion nach Hause gefahren (man muss ja auch mal an den Fahrer denken!). Wie gesagt, ich komme ja eh nochmal wieder und suche mir dafür auch gleich eine prominentere Gelegenheit für den Stadionbesuch aus. Jetzt war es irgendwie attraktiver früher nach Hause zu kommen und Montag (zumindest für die Arbeiter-Fraktion) dementsprechend fitter zu sein.

Einkaufsbummel

Nachdem das Auto aus der Tiefgarage des Ibis-Hotels geholt war, ging es noch in einen Supermarkt (Haselnußschnaps ohne Ende kaufen) und noch vor Einbruch der Dunkelheit auf die Bahn. Aus Poznań muss man ja nur westwärts immer geradeaus fahren und landet dann wieder in Hannover. Die polnische Polizei zog uns zwar bis zur Grenze noch zweimal raus, aber es gab nichts zu beanstanden. Fahrer Fat Lo hatte 0,0 Promille (zwar als einziger, aber egal) und an den Papieren und am Zustand des Fahrzeugs gab es auch nichts zu bemängeln. Da fühlt man sich auch selbst gleich viel sicherer und ab dem Grenzübertritt ging es mit Tempo bettwärts. Diesmal bin ich pünktlich zum Ende des Tatorts daheim gewesen. Keine Ahnung, ob ich ausnahmsweise etwas verpasst habe.