Beograd (Belgrad) & Vršac (Werschetz) 05/2019

19.05.2019
FK Crvena zvezda – FK Napredak 3:0
Super Liga (I)
Stadion Rajko Mitic (Att: 35.000)

Für das Saisonfinale 2018/19 war abermals eine schöne Balkantour angesagt. Letzte Spieltage mit inkludierten Meisterfeierlichkeiten in Serbien (19.Mai) und Kroatien (26.Mai) lockten, so wie auch das Derby in Bulgariens Hauptstadt Sofia (21.Mai), die serbische Relegation zwischen 1. und 2.Liga (22.Mai) und das serbische Pokalfinale (23.Mai). Nachdem am 18.Mai noch Fortuna Düsseldorf versus Hannover 96 für mich angesagt war, ging es anschließend nach Holzwickede. Denn ich flog Sonntag von Dortmund nach Belgrad und für die Übernachtung von Samstag auf Sonntag hatte ich mir ein Zimmer im Ibis am Dortmunder Flughafen gebucht. Hier sollte ich meine Nachtruhe verbringen, bis am nächsten Morgen um 9:05 Uhr ein Airbus in WizzAir-Lackierung mit mir an Bord gen Serbien abhob.

Ab nach Belgrad

Die Nachtruhe war angenehm und ausreichend. Um 7 Uhr sattelte ich wieder mein Gepäck auf und spazierte die fünf Minuten vom Hotel zum Dortmunder Flughafen, der immer noch fest in der Hand von WizzAir ist (für 96% der heutigen Starts war diese Airline verantwortlich). Die Jungs und Mädels des ungarischen „Billigfliegers“ enttäuschten heute mal nicht in Sachen Pünktlichkeit und um Punkt 11 Uhr betrat ich Belgrader Boden. Gute Arbeit von Captain Tadic und seiner Crew!

Kaffeepause

In Belgrad sicherte ich mir für 300 RSD (ca. 2,50€) einen Platz im öffentlichen Bus A1 und war letztlich gegen 12:15 Uhr im Stadtzentrum. Ich hatte mich in einem Apartment im stehengebliebenen Rest des zentralen Viertels Savamala einquartiert (Schneppe Tours berichtete dieses Jahr bereits über den hiesigen Gentrifizierungsprozess). Da ich die Bude erst ab 13 Uhr beziehen konnte (faire 24€ pro Nacht für ein modernes 2-Bett-Apartment in einem schönen Altbau wurden fällig), musste ich noch eine Dreiviertelstunde in einer der hippen Cafébars des Viertels rumkriegen.

Mein Schlafzimmer für zwei Nächte

Bei einem Cappucino freddo erfuhr ich via Wi-Fi-Zugang, dass Ole und der anonyme Balkantourist bereits in Stadionnähe auf mich warteten und mir ein Ticket mitbesorgt hatten. Nach dem Check-In und einem netten Gespräch mit der noch netteren Vermieterin Vanja – das Apartment ist eine 9 und sie eine 10, deshalb wohl auch die aktuelle Durchschnittsbewertung von 9,5 bei einer großen Plattform für Hotelbuchungen – ging es deshalb schnurstracks zum Kreisel am Bulevar oslobođenja, unweit des Stadions „Rajko Mitic“.

Ausblick aus dem Apartment

Weil das Wetter schön war und ich heute bisher so viel rumgesessen hatte, wurde die rund 5km lange Distanz zu Fuß absolviert. Da ich erst Anfang März das letzte Mal in Belgrad war, hatte sich ausnahmsweise nicht so viel am Stadtbild geändert. Aber grundsätzlich ist Belgrad seit einigen Jahren und auch noch in Zukunft eine Metropole im Wandel. Ähnlich wie in Berlin in den 1990er und 2000er Jahren, gibt es bei jedem Besuch etwas Neues zu entdecken. Manche Großbaustellen sind dann fertiggestellt, so wie jüngst die Umgestaltung des „Trg Slavija“ (Slavija-Platzes) abgeschlossen wurde, und anderswo sind neuerdings Baumaschinen angerollt. Das Belgrad riesiges Potential als Handels- und Verkehrsknoten hat, haben schon einige ausländische Investoren erkannt und sorgen deshalb zusammen mit den Serben für einen großen Bauboom.

Der Dom des Heiligen Sava

Außer am „Trg Slavija“ kam ich auf meiner Route auch am „Hram svetog Save“ (Dom des Heiligen Sava) und dem „Karađorđev park“, sowie etlichen weiteren Sehenswürdigkeiten vorbei. Alles schon mehrfach gesehen, besucht und teilweise auch auf dieser Seite beschrieben, weshalb ich mich diesmal mit wortreichen Ausführungen zurückhalte (zum Dom des Heiligen Sava können bei Bedarf ein paar Zeilen im Reisebericht aus dem September 2017 nachgelesen werden). Man will sich schließlich nicht wiederholen und außerdem war das bißchen Sightseeing heute nur zwangsläufiges Beiwerk. Der Tag sollte ganz klar im Zeichen von König Fußball stehen.

Denkmal der Schlacht um Belgrad 1914/15 im 1.Weltkrieg

Deshalb freute ich mich auch riesig, dass ich meine Freunde, kurz nach dem Durchqueren des Karađorđev-Parks, auf der Außenbestuhlung der Bar „Pivnica Arilje“ zu erspähen. Mittlerweile war es 15 Uhr und schnell hielt auch ich ein kühles Bier in der Hand. Die Jungs hatten schon einige Infos aus der Kurve erhalten und erfuhren außerdem, dass die Meisterehrung bereits um 18 Uhr, also eine Stunde vor Anpfiff, stattfinden wird. Deshalb beschlossen wir zeitig zum Stadion aufzubrechen. Als gegen 16 Uhr die Polizei in der Pinte auftauchte und aus Sicherheitsgründen den Alkoholausschank verbot, hielt uns sowieso nichts mehr in bzw. vor der Gastwirtschaft.

Bier zur Einstimmung

Nach dem Austrinken gönnten wir uns beim Imbiß „Kod Nas“ am Kreisel noch Pljeskavica oder Ćevapi im Brot (schön mit Speck und Kajmak gefüllt). Immer wieder ein Genuß und dazu sehr preiswert (umgerechnet 2 bis 3€ werden je nach Größe und Ausstattung der Fleischspezialität fällig).

Cevapi

Gut gesättigt ging es nun zum Stadion, wo wir noch einen Bekannten aus der Kurve trafen. Der erzählte ein bißchen über die geplante Choreographie und weitere interessante Dinge. Dann schieden wir nach dem Smalltalk zur Südkurve. Denn für alle anderen Bereiche waren die Eintrittskarten bereits vergriffen gewesen. Der Verein verlangte heute zwar keinen Eintritt, doch aus Sicherheitsgründen mussten trotzdem auf die zugelassene Kapazität limitierte Freikarten gedruckt und ausgegeben werden. Dass Nord, West und Ost bereits „ausverkauft“ waren, war schon mal ein gutes Zeichen. Es würde also recht voll werden zur Feier des 30.Meistertitels und zum Höhepunkt der Feierlichkeiten des 30.Geburtstages der Hauptfangruppe „Delije“ (seit Jahresanfang gab es bereits einige Jubiläumsaktionen der 1989 gegründeten Dachgruppe, doch heute sollte alles nochmal getoppt werden).

Die Freikarte

Als wir das Stadion gegen 17:15 Uhr im Süden betraten, nervte sogleich eine überdachte große Bühne vor der Kurve. Leider setzte man nicht auf eine provisorisch aus Podesten errichtete Bühne (wie man es nach Endspielen kennt) und so mussten wir uns dort Sitzplätze suchen, wo die Konstruktion am wenigsten im Blickfeld war. Außerdem wollten wir gerne das Stadiondach über unseren Köpfen haben, da es sich doch ordentlich am Himmel zugezogen hatte.

Ehrenmänner

Die Zeit bis zur Meisterehrung wurde nun verklönt und ab ca. 18:15 Uhr kamen zunächst nacheinander dutzende Veteranen aus dem Spielertunnel gelaufen, die sich auf dem Weg zur Bühne für vergangene Erfolge feiern ließen. Nach den Legenden folgte die aktuelle Meistermannschaft mit Partnerinnen und Kindern im Schlepptau. Marko Marin, frisch zum diesjährigen „MVP“ der Super Liga gekürt, Nenad Milijaš, der 36jährige Mannschaftskapitän, der eine bewegte Karriere beendet und außerdem eng mit der aktiven Fanszene verbandelt ist, und Milan Pavkov, der Held vom Triumph über den Liverpool FC in der Champions League, bekamen dabei gefühlt den meisten Applaus.

Feiertagschoreo

Aber gefeiert wurde jeder Akteur frenetisch, denn sie alle haben zum tollen Saisonergebnis beigetragen. Sie sind Meister mit großem Vorsprung geworden, stehen im Pokalfinale und haben sich erstmals für die Gruppenphase der UEFA Champions League qualifizieren können. Dort haben sie sich mit vier Punkten in der Hammergruppe mit Napoli, Liverpool und PSG achtbar geschlagen. Ich habe es aus Zeitgründen bekanntlich nur zum Auswärtsspiel nach Liverpool geschafft und somit die fantastische Stimmung bei den drei Heimspielen verpasst (wo schließlich auch das Unentschieden gegen Napoli und der Sieg über den Liverpool FC gelangen), aber das Vereinsziel für den Sommer lautet erneut in die Königsklasse einzuziehen und gelingt hoffentlich. Ich hab jedenfalls schon ein paar Urlaubstage dafür (oder alternativ die Gruppenphase der Europa League) aufgespart.

30 Jahre Delije

Gefeiert wurde heute, wie erwähnt, der 30.Meistertitel der Vereinsgeschichte. Wobei es bis vor kurzem nur die Nr. 29 gewesen wäre. Der 1945 gegründete Club gewann 19 Meistertitel in der  Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (erstmals 1951, letztmals 1992), 5 Meistertitel in der Nachfolgerepublik Jugoslawien bzw. in Serbien und Montenegro (erstmals 1995, letztmals 2006) und fünf rein serbische Meisterschaften (erstmals 2007). Macht nach Adam Riese 29 Meisterschaften in den jeweiligen Staatsgebilden, die der Club bisher durchlebt hat.

30 Meistertitel

Allerdings gab es in der Saison 1945/46 Meisterschaften in den sechs Teilrepubliken und zwei Sonderregionen des bei Kriegsende neu entstandenen sozialistischen Bundesstaates Jugoslawien. Dabei sollten die Teilnehmer der ersten Fußballmeisterschaft des Gesamtstaates Jugoslawiens, die 1946/47 stattfand, ermittelt werden. In der serbischen Qualifikationsrunde, die Aspiranten aus den Grenzen des heutigen Serbiens mit Ausnahme der Vojvodina enthielt (die Vojvodina hatte ihre eigene Liga), setzte sich am Ende der FK Crvena zvezda durch und zog somit als serbischer Regionalmeister in die neue jugoslawische 1.Liga ein (Partizan bekam als Armeesportklub übrigens eine „Wild Card“ für die 1.Liga und gewann prompt die erste Fußballmeisterschaft der noch jungen Republik).

Da feiert man die doppelte 30 gerne mit

Bis vor wenigen Wochen hatte der Verband diese Meisterschaft noch nicht anerkannt, doch Roter Stern beantragte eine Prüfung des Falles und der Verband kam zu dem Schluss, dass dieser damalige Wettbewerb als eine vollwertige serbische Landesmeisterschaft zu bewerten sei. Gerade die, die dem Rekordmeister nicht wohlgesonnen sind und den 3.Meisterstern gerne um mindestens ein Jahr verschoben hätten, reagierten natürlich mit Unverständnis. Nachvollziehbare Argumente haben beide Seiten, aber der Verband ist eben der Argumentation von Zvezda gefolgt (es handele sich um eine serbische Regionalmeisterschaft, die in Dauer und Teilnehmerumfang mit einer serbischen Landesmeisterschaft gleichzusetzen sei und da es in jener Saison keine übergeordnete jugoslawische Meisterschaft gab, auch als solche zu werten sei).

Die Choreo verblasst langsam

Demenstprechend gab es heute, wie ebenfalls schon erwähnt passend zum 30.Geburtstag der „Delije“, die 30.Meisterschaft und somit den dritten Meisterstern zu feiern. Die Fans zelebrierten diese Koinzidenz zum Anpfiff mit einer entsprechenden Choreographie über fast das gesamte Stadion. Neben einer fetten 30 wurde auch das beliebte rot-weiße Kardiogramm-Muster aus Papptafeln gebildet, welches seit einigen Jahren immer wieder bei Choreos, auf Fahnen oder auf Gruppenkleidung Verwendung findet. Außerdem tauchten noch die Logos von „Delije“ und vom Verein im Muster auf. In den ersten Spielminuten wurden die Pappen schließlich nach und nach eingerollt und gewedelt, was gewollt oder ungewollt den Effekt eines langsam verblassenden Motives hatte.

Es wurde heute schnell dunkel und nass

Da Champions bis zum Ende kämpfen, machte auch das Team sofort Gas und ging bereits in der 12.Minute gegen den Tabellensechsten in Führung. Der 19jährige Nachwuchsstürmer Dejan Joveljic, an dem angeblich zahlreiche Bundesligisten bereits Interesse bekundet haben, markierte sein 8.Saisontor im 17.Einsatz. Das Tor wurde selbstredend mit den ersten Leuchtfeuern des Abends auf den Rängen zelebriert. Unter anderem im VIP-Bereich.

Fackelfreudige VIPs

Während dann der Regen einsetzte, plätscherte auch das Spiel vorerst etwas vor sich hin. Zvezda behielt die Spielkontrolle, aber der Gast aus der zentralserbischen Stadt Kruševac verteidigte nun aufmerksamer und ließ weniger Torchancen als in der Anfangsviertelstunde zu. Nichtsdestotrotz wurde auf den Rängen munter weitergezündelt (es brannte heute eigentlich konstant 90+x Minuten im Belgrader „Marakana“).

Beim Regenguss rückten alle enger zusammen

Durch eine Rauch- und Regenwand war derweil aus unserer Entfernung auch kaum eine weitere Fanaktion in der Nordkurve zu erkennen. 30 Doppelhalter mit je einem Meisterpokal und der entsprechenden Jahreszahl darauf wurden in die Höhe gereckt. In der 41.Minute musste der Schiedsrichter schließlich sogar das Spiel unwetterbedingt für fünf Minuten unterbrechen. Die Fotografen flohen nun auf die überdachte Bühne und auf den Tribünen rückten alle etwas enger zusammen, da die Stadionränge bekanntlich nur teilüberdacht sind.

Die Blockfahne

Nach der Unterbrechung wurde noch weitere fünf Minuten gekickt und dann war Halbzeitpause angesagt. Rund eine Viertelstunde Zeit für die Fans, um auf den Tribünen die nächste große Aktion vorzubereiten. Dafür wurde zunächst eine bunte Blockfahne ausgerollt. Auf ihr war eine Burg mit „Delije“-Wappen in einer heiteren Landschaft mit Fliegenpilzen, Bäumen und kleinen Häuschen abgebildet.

Ordentlich Fackeln…

Auf dem Banner unterhalb der Blockfahne stand „Postoji jedno carstvo“ geschrieben. Der Spruch spielt auf das in Serbien bzw. ganz Ex-Jugoslawien berühmte Kinderlied „U svetu postoji jedno carstvo“ (deutsch: Es gibt ein Reich auf der Welt) an. In dem Lied geht es um ein Königreich, in dem alle Freunde sind, jeder machen kann, was ihm gefällt, alle Früchte wachsen und die Häuser aus Schokolade sind. Für die Ultras von Zvezda ist die Gruppe „Delije“ im übertragenen Sinne dieses perfekte Königreich.

…und…

Das ganze wurde von epischer Musik aus dem Stadionlautsprecher untermalt und ferner gingen im gesamten Rund wieder etliche Leuchtfackeln an. Ein tolles Bild, welches mit einem großen Höhenfeuerwerk am Abendhimmel perfekt abgerundet wurde, während auf dem Platz schon längst die 2.Halbzeit lief. Die beste Fanaktion, die ich bisher in meiner bescheidenen Fankarriere in einem Stadion erleben durfte (VIDEOLINK, ab Minute 30:25).

…ein ordentliches Höhenfeuerwerk

Kurz nach dem Ende des Feuerwerks, fiel schließlich auch das 2:0 durch Milan Jevtovic in der 57.Minute. Sportlich schien also auch im letzten Spiel nichts anzubrennen, während auf den Rängen weiterhin fleißig gefackelt wurde. Damit sah es so aus, als würde der FK Crvena zvezda heute mühelos die 100 Punkte-Marke knacken (99 Punkte waren es in den bisherigen 36 Meisterschaftsspielen).

Es brannte eigentlich 90 Minuten lichterloh

Nach einer guten Stunde wurde als nächstes eine Trikotblockfahne mit der Rückennummer 10 in der Kurve präsentiert. Das Karriereende von Nenad Milijaš sollte damit entsprechend gewürdigt werden und der Kapitän ging letztlich in der 64.Minute unter stehenden Ovationen vom Feld. Vor der Kurve ließ er sich nun im Lichte der Begalischen Fackeln minutenlang feiern. Er kann auf eine Karriere mit zwei serbischen Pokalsiegen und fünf serbischen Meistertiteln (alle mit Zvezda) zurückblicken. Außerdem gönnte Milijaš sich drei mehrjährige Gastspiele im Ausland (u.a. bei den Wolverhampton Wanderers) und war 2010 mit der serbischen Nationalmannschaft WM-Teilnahmer (insgesamt 25 Länderspiele und 4 Länderspieltore). Respekt, wem Respekt gebührt!

Nenad Milijaš wird von der Kurve gefeiert

Am Firmament hatten sich unterdessen Gewitterwolken bereit gemacht. Blitz und Donner am Himmel und Pyro auf den Tribünen; das war eine optisch beeindruckende Synthese! Als allerdings auch noch Hagelkörner mit dem Durchmesser von 2€-Münzen auf den Plan traten, musste der Schiedsrichter abermals eine rund fünfminütige Spielunterbrechung anberaumen. Der guten Laune auf den Rängen tat das jedoch keinen Abbruch.

Ein paar Unentwegte

Nachdem wieder angepfiffen wurde, plätscherte die Schlußviertelstunde so vor sich hin – insgesamt war es über 90 Minuten nur ein besseres Trainingsspiel – und in der 88.Minute durfte der eingewechselte Niederländer Lorenzo Leroy Ebecilio mit dem 3:0 den Schlußpunkt setzen. Damit beendet der Meister die Spielzeit mit 102 Punkte und 97:20 Tore und kann der Saison der Superlative mit einem Pokalsieg am kommenden Donnerstag endgültig die Krone aufsetzen.

Noch eine Unterbrechung

Während Spieler und Fans nach Abpfiff zusammen feierten, erschraken wir Südkurvenbesucher zwischenzeitlich. Auf unseremDdach wurde nämlich nun das nächste Feuerwerk gezündet. Quasi nochmal eins für die Kurve, die ihr eigenes Höhenfeuerwerk zu Beginn der 2.Halbzeit ja nur bedingt sehen und genießen konnte. Nach und nach leerte sich anschließend das Rund und weil der Regenguss immer noch unnachgiebig wirkte, suchten wir sofort Zuflucht in der Pinte von vor dem Spiel. Leider immer noch ohne Alkoholausschank, aber gut, gab es halt erstmal eine koffeinhaltige Limonade zur Rehydrierung des Körpers.

Bier und Schnaps zur Feier des Tages

Als die Cola leer war und der Regen etwas nachließ, wagten wir den Aufbruch in die Stadt. Kaum zurück auf dem Gehsteig, sahen wir, dass im Nachbarlokal „Contra Pab“ schon wieder Alkohol ausgeschenkt wurde. Somit endete unser Marsch in die Innenstadt vorläufig nach vier Metern. Bei Rakija und Pivo ließen wir den Wahnsinn rund um das heutige Fußballspiel nochmal sacken. Als das Lokal zur Geisterstunde schloss, gab es schließlich noch Pizza Calzone bei der nahen Niederlassung von „Happy Pizza“ (umgerechnet 1,70€ pro Stück). Nach dem Mitternachtssnack ließen wir uns für 500 Dinar (ca. 4,25€) von einem Taxler zu unseren rund vier bis fünf Kilometer entfernten Unterkünften fahren.

Schinkencalzone mit Kajmak

Da wir alle gegen 1:30 Uhr die Nachtruhe eingeläutet hatten, war es kein Problem um 9:30 Uhr aufzustehen und 10:35 Uhr einen gemeinsamen Ausflug zu starten. Ole und der anonyme Balkantourist verzichteten auf die Mitreise zum Sofioter Derby Levski vs. CSKA am Dienstag und hatten sich für den Zeitraum von Montag bis Mittwoch ein paar lohnenswerte Ausflugsziele in Serbien rausgesucht. Heute sollte es nach Vršac (deutsch: Werschetz) in die Vojvodina gehen. Ein Ort, mit dessen Historie ich mich zufällig gerade erst näher beschäftigt hatte und umso erfreuter war, dass die beiden ganz unabhängig davon auch auf Vršac stießen (sie waren dort bereits vor Jahren mal zu einem Basketballspiel gewesen und fanden den Ort ganz nett, hatten damals aber nicht genug Zeit für eine nähere Erkundung).

Morgendlicher Ausblick aus meinem Apartment

Als wir uns morgens am Busbahnhof trafen, hatten sie erstmal eine lustige Anekdote parat. Der Rezeptionist vom „Hotel Rex“ fragte die Dauergäste, wann sie denn das nächste Mal nach Belgrad zu kommen gedenken. Vielleicht im August, wurde im entgegnet. Die folgende Frage des Mannes irritierte dann doch etwas: „Kannst du für mich in Deutschland ein Auto kaufen und nach Belgrad fahren? Ich überweise dir das Geld und du kaufst mir dann ein deutsches Auto.“ Just Balkan things…

Das Bischofspalais

Für ungefähr 12€ ging es dann nach Vršac (und auch wieder zurück). Gegen 12 Uhr erreichten wir das 35.000-Einwohner-Städtchen und ließen uns gleich am wunderschönen barocken Bischofspalais von 1759 rauswerfen. Hier residiert der serbisch-orthodoxe Bischof des Bistums Banat unter einem glänzenden grünen Dach und direkt gegenüber vom Palais ist die entsprechende Bischofskirche St.Nikolaus zu finden. Von jener Kathedrale erkundeten wir nun das prächtige Innere.

St.Nikolaus

Anschließend spazierten wir durch das sehenswerte Stadtzentrum der kleinen Metropole des serbischen Teils der historischen Region Banat. Hier, im einstigen Siedlungsgebiet der Donauschwaben bzw. Banater Schwaben, an der Grenze zu Rumänien, findet man Spuren einer reichen Stadtgeschichte vor. Im Mittelalter gehörte die Stadt zum Königreich Ungarn. Sie errichteten wahrscheinlich im frühen 15.Jahrhundert auch die Burg Vršac, welche noch im selben Jahrhundert der serbische Despot Đurađ Branković als Lehen bekam. Zur gleichen Zeit siedelten sich auch zahlreiche serbische Flüchtlinge hier an, deren Heimatregionen, u.a. Raszien und Kosovo-Metochien, just an die muslimischen Osmanen gefallen waren.

Die rumänisch-orthodoxe Kathedrale

Im 16.Jahrhundert dehnten die Osmanen ihr Reich auch auf die Gebiete nördlich der Donau aus und somit wurde Vršac ebenfalls osmanisch. Allerdings kam es ab 1594 im Banat zu Aufständen unter Führung des Vršacer Bischofs Teodor Nestorović (heute der Schutzheilige der Stadt). Die Revolte breitete sich auf weite Teile des serbischen Siedlungsgebietes aus und konnte erst 1606 endgültig von den Türken (Osmanen) niedergeschlagen werden. In der serbischen Geschichte spielt dieser Aufstand eine prominente Rolle und wird in Volksliedern, ähnlich wie die Schlacht auf dem Amselfeld („Kosovo polje“) oder die Aufstände im 19.Jahrhundert, gern besungen und heroisiert.

Die historische Apotheke

Da die Serben unter dem Banner ihres Nationalheiligen Sava in den Krieg zogen und die Osmanen die grüne Flagge des Propheten Mohammed aus Damaskus kommen ließen, bekam die mehrjährige Auseinandersetzung regelrecht den Charakter eines Heiligen Krieges. Zumal die Osmanen in Belgrad den Leichnam von Sava exhuminierten und öffentlich verbrannten (bereits von mir bei meinem Exkurs in die serbische Geschichte im September 2017 aufgegriffen). Und als sie Bischof Teodor habhaft werden konnten, wurde dieser bei lebendigem Leib gehäutet, weshalb er mit seinem Tod zum Märtyrer wurde.

Das Rathaus von Vršac

1716 fiel das Banat misamt Vršac schließlich an das Habsburgerreich und deutsche Kolonisten kamen in großer Anzahl in die Region. Neben dem serbisch besiedelten Vršac entstand die deutsche Gemeinde Werschetz. 1795 wurden beide Orsteile vereint und Serben und Deutsche pflegten weitgehend gute nachbarschaftliche Beziehungen. Am Vorabend des 1.Weltkriegs lebten ungefähr 27.000 Menschen in der Stadt, davon ca. 13.500 Deutsche, ca. 8.500 Serben, ca. 4.000 Ungarn und rund 1.000 Rumänen. Erst 1918 begann wieder eine serbische bzw. jugoslawische Herrschaft über Vršac, da nach dem 1.Weltkrieg auch die Vojvodina mitsamt dem serbischen Teil des Banats an Serbien bzw. das neu entstandene Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen fiel.

Die römisch-katholische St.-Gerhard-Kirche

Vršac blieb zunächst multi-ethnisch, doch nach dem 2.Weltkrieg, in welchem die Banater Schwaben mit den Nazi-Okkupanten kollaborierten (teils freiwillig, teils unter Zwang), wurde die Region ethnisch gesäubert. Wer von den Deutschsprachigen sowohl den Krieg, als auch die Arbeitslager der Nachkriegszeit überlebt hatte, wurde ausgebürgert und flüchtete in einen der drei deutschsprachigen Staaten (BRD, DDR oder Österreich) oder begann ein neues Leben in Übersee. Als wir eines der eindrucksvollsten Zeugnisse deutscher Präsenz bei unserem Stadtrundgang erreichten, nämlich die St.-Gerhard-Kirche von 1863 (Serbiens größter römisch-katholischer Kirchenbau), setzte plötzlich starker Regen ein und die Kirche war leider abgeschlossen. Somit mussten wir woanders Zuflucht finden.

Zu Gast im Etno Restaurant Dinar

Wie gut, dass wir eh Hunger hatten und man in Vršac eines der besten Restaurants Serbiens finden kann. Im vielfach ausgezeichneten „Etno Restaurant Dinar“ gönnten wir uns jeder eine Fleischplatte für umgerechnet 7€ und das Essen war wirklich ein Gedicht. Auf dem Teller befanden sich würzige Cevapcici, ein Schweinefleischspieß (außen kross, innen saftig), eine pikante Grillwurst (erinnerte geschmacklich an Debrecziner) und ein Hähnchensteak, welches auch saftig daherkam. Dazu Kartoffeln nach Art des Hauses (in Knoblauchöl geröstet) und ein Brotkorb mit klassischem Hausbrot, sowie mariniertem Röstbrot. Ein bisschen Kajmak und Šopskasalat (der beste, den Ole jemals gegessen hat) wurde zur Sicherheit auch noch bestellt, aber die Fleischplatte nebst Beilagen war erwartungsgemäß ausreichend sättigend für jeden.

Der Fleischschmaus in Vršac

Geschmacklich war wirklich alles perfekt. Dazu ein tolles altserbisches Ambiente und guter Service. Zu zahlen hatten wir am Ende jeder ziemlich genau 1.312 Dinar (inklusive zwei Getränkerunden und 10% Trinkgeld), also umgerechnet rund 11€. Die Provinz ist eben einfach nochmal preiswerter als Belgrad (trotz kulinarischer Topadresse).

Das städtische Stadion

Draußen schien nach dem Essen wieder die Sonne und wir planten als nächstes die Burg von Vršac anzusteuern. Doch zunächst lockte noch das städtische Fußballstadion, welches eine Kampfbahn alten Stiles ist uns mindestens die letzten 70 Jahre ohne große bauliche Veränderungen ausgekam. Von dort schnappten wir uns ein Taxi und ließen uns auf den 399 Meter hohen Gipfel, auf dem die spätmittelaterliche Burg über Vršac thront, kutschieren. 300 Meter Höhenunterschied zum Stadtzentrum reizte mit vollen Mägen nicht so, aber es würde ja noch einen Rückweg zur Ertüchtigung geben.

Burg Vršac

Die Burg ist wie erwähnt mutmaßlich aus dem frühen 15.Jahrhundert (die Quellenlage ist leider dürftig) und wurde über die Jahrhunderte mehrfach zerstört. Erst in jüngerer Vergangenheit begann eine Teilrekonstruktion und neben den Resten der Burganlage, lockt einen ebenfalls der tolle Ausblick hier hoch. Von diesem Berg hat man eine tolle Aussicht über den angrenzenden Teil der Pannonischen Tiefebene. Bei klarer Sicht kann man bis zu 70km weit schauen. Heute war es etwas trüb am Himmel, aber trotzdem gab es einen weiten und wunderschönen Ausblick.

Blick über die Pannonische Tiefebene

Leider ist der Turm der Burg nur am Wochenende zugänglich, aber dieser Umstand schmälerte unser Vergnügen hier oben nur minimal. Nach einiger Zeit ging es schließlich wieder hinunter in die Stadt. Jedoch nicht, ohne noch die serbisch-orthodoxe Kirche am Berghang, die 2003 fertiggestellt wurde und dem Heiligen Teodor von Vršac geweiht ist, unter die Lupe zu nehmen. Auch an der römisch-katholischen Bergkapelle zum Heiligen Kreuz (von 1720) kamen wir noch vorbei und hatten somit alle Sehenswürdigkeiten von meiner Liste abgehakt.

Blick über Vršac und die Kirche des Heiligen Teodor

Zurück im Zentrum, gönnten wir uns, nach insgesamt 10km Fußmarsch in und um Vršac herum, noch eine Erfrischung in einem der zahlreichen Cafés der Stadt. Wir recherchierten den Busfahrplan und wollten eigentlich am Bischofspalais wieder zusteigen, auch wenn dort keine offizielle Haltestelle war (der Busbahnhof war am Stadtrand, rund drei Kilometer von unserem Standort entfernt). Gegen 18 Uhr kam tatsächlich wie kalkuliert ein Bus vorbei und wir versuchten ihn zum Halten zu bewegen. Doch der Fahrer winkte ab. Also gingen wir zur nächstbesten Bushaltestelle in Fahrtrichtung und verklönten die knappe Stunde bis zum nächsten Bus in einer dortigen Bar. Gegen 21:30 Uhr waren wir schließlich wieder in Belgrad und ich ging nach einem touristisch tollen Tag schnurstracks ins Bett. Denn mich zog es in den frühen Morgenstunden des Folgetages nach Sofia. Aber das ist dann schon wieder ein anderes Kapitel.