Sofia 05/2019

21.05.2019
Levski Sofia – CSKA Sofia 0:2
A Futbolna Grupa (I)
Nazionalen Stadion „Vasil Levski“ (Att: 11.200)

Da ich mich bei der Balkantour zum Saisonende nicht mit zwei fußballfreien Tagen hintereinander abfinden wollte, ging es am 21.Mai nach Sofia, zum Derby Levski versus CSKA. Ole und der anonyme Balkantourist hatten gute Argumente gegen die Reise (kein neuer LP, kein neuer Ground, relativ hoher Reiseaufwand) und außerdem musste irgendwer Dienstag auch den Nachzügler Fat Lo in Belgrad in Empfang nehmen. Ich konnte dagegen nicht widerstehen und buchte mir einen Bus von Belgrad nach Sofia für 21,50€ und startete Dienstagmorgen um 4:30 Uhr die Anreise zum Sofioter Derby. Zum Glück war meine Unterkunft in Belgrad strategisch gut gewählt, so dass ich bis 4 Uhr schlafen konnte (Entfernung Schlafzimmer-Busbahnhof: 400 Meter).

Moderner Reisebus

Der Anbieter „Florentia Bus“ reißt die Route Florenz-Sofia täglich mit modernen und komfortablen Reisenbussen ab und stoppt dabei in den Metropolen am Wegesrand. Ich stieg in Belgrad als Einziger zu und im Bus war nahezu jeder Fahrgast am Schlafen. Ich nickte auch recht flott ein und wachte erst bei der Pause in Niš auf. Von dort war es nicht mehr weit zur serbisch-bulgarischen Grenze und da Sofia auch eine grenznahe Stadt ist, dauerte die Fahrt nicht mehr lange. Ich genoss die bergige Landschaft und konnte nach 5,5 stündiger Busreise um 11 Uhr (10 Uhr serbische Zeit) Sofioter Boden betreten.

Welcome to Bulgaria

Nachdem ich mir eine Rückfahrt für den morgigen Tag organisiert hatte (Sofia nach Belgrad, mit Umstieg in Niš, für 22€ mit den Kooperationspartnern „Matpu“ und „Niš Ekspres“), ging es zur 500 Meter vom Busbahnhof entfernten Unterkunft. Erfreulicherweise war mein Zimmer um 11:30 Uhr schon bezugsbereit, so dass ich nicht nur mein Gepäck los wurde, sondern mich auch noch kurz frisch machen konnte.

Unterkunft Nr.2 der Balkantour

Da es am Spieltag aus Sicherheitsgründen keinen Kartenverkauf für das Derby gab und ich mich erst nach dem Ende der Akkreditierungsfrist für den Kurztrip nach Sofia entschieden hatte, sollte als nächste Amtshandlung die Ticketfrage geklärt werden. Wobei, geklärt war sie eigentlich schon. Ich hatte am Vorabend noch schnell ein Ticket über Eventim gebucht, welches im Sofioter Büro dieser Agentur abgeholt werden musste. Das wollte ich zeitnah in Angriff nehmen und auf dem Weg dorthin die ersten architektonischen Highlights der Metropole mitnehmen.

Die Löwenbrücke

Als erstes kreuzte ich die Löwenbrücke. Sie überspannt seit 1892 den Fluss Vladaja im Stadtzentrum und wird heute nur noch von der Straßenbahn überfahren und außerdem als Fußgängerbrücke genutzt. Erbaut wurde sie vom tschechischen Ingenieursbruderpaar Jiri und Theodor Prošek, die ich eigentlich nur erwähne, weil sie fast zeitgleich auch Bulgariens erste Großbrauerei errichteten und betrieben. Der Name der Brücke rührt von den vier Bronzelöwen, die das Bauwerk zieren. Zur Eröffnung markierte diese Brücke noch die nördliche Stadtgrenze Sofias. Wenige Jahrzehnte später lag sie mitten in der Stadt und wurde Teil der Hauptverkehrsachse zwischen Stadtzentrum und Hauptbahnhof.

Banja-Baschi-Moschee

Auf dieser Achse schritt ich nun weiter nach Süden. Alsbald war ein Minarett zu erspähen. Es gehörte der Banja-Baschi-Moschee von 1576. Im Jahre 1385 fiel Sofia an die Osmanen und diese Moschee ist als einzige in ihrer ursprünglichen Funktion erhalten geblieben. Ansonsten sahen die Bulgaren nach ihrer Unabhängigkeit anno 1878 zu, dass das osmanische Erbe weitgehend aus dem Stadtbild verschwindet. Ebenso sollten die Osmanen bzw. Türken verschwinden und durchlitten daher im späten 19.Jahrhundert Pogrome.

Die Große Synagoge

Ersetzt wurden die Moscheen, Medressen und Tekken, sofern nicht umgewidmet, durch repräsentative neoklassizistische Bauwerke. Allgemein setzte nach der Unabhängigkeit eine rege Bautätigkeit ein. Schon 1879 wurde Sofia zur Hauptstadt des Landes und bekam dadurch große Museen, Lehranstalten, Paläste und natürlich auch ein Parlament und etliche Regierungsgebäude. Ebenso wurde die bis dato noch mittelalterlich wirkende Kleinstadt – man könnte sie durchaus weniger freundlich als zurückgeblieben bezeichnen – rasch industrialisiert und zahlreiche neue und moderne Wohnquartiere entstanden.

Gründerzeitbebaung aus dem dem späten 19.Jahrhundert

Auch bekam die Stadt endlich ein Frischwasser-, sowie ein Abwasserleitungssytem und Elektrizität. Zur Jahrhundertwende folgten schließlich auch elektrische Straßenbeleuchtung und eine elektrische Straßenbahn. In den Balkankriegen dieser Zeit und nach dem 1.Weltkrieg wuchs die Stadt durch tausende bulgarische Kriegsflüchtlinge aus den an Serbien, Rumänien oder Griechenland verlorenen Gebieten weiter an.

Straßenbahn in Sofias Stadtzentrum

Einen weiteren Einschnitt im Stadtbild brachte der 2.Weltkrieg mit sich. Die Bulgaren gehörten zu den Achsenmächten und Sofia war vielen alliierten Bomberangriffen ausgesetzt. Nachdem die Rote Armee im Osten des Kontinent siegreich aus dem Krieg hervorging, fiel Bulgarien unter sowjetischen Einfluss.

Parteizentrale & Co

Die neuen Machthaber gingen den Wiederaufbau der Stadt natürlich nach sowjetischem Vorbild an. Die interessantesten Bauwerke des sozialistischen Klassizismus trifft man ebenfalls im Stadtzentrum an. Es handelt sich um die ehemalige Parteizentrale der Kommunistischen Partei Bulgariens und die Nebengebäude. Dort findet man auch das Luxushotel „Sofia Hotel Balkan“. In dessen Innenhof befindet sich mit der „Rotunda Sveti Georgi“ (deutsch: Rotunde des Heiligen Georg) die älteste Kirche der Stadt. Sie stammt aus dem 4.Jahrhundert und im Inneren durfte ich mittelalterliche Fresken von christlichen Propheten bewundern (im 12. bis 14.Jahrhundert gemalt).

Rotunde des Heiligen Georg

Das Areal der Kirche liegt ein paar Meter unter dem heutigen Straßenniveau und wenn man im Zentrum etwas gräbt, findet man überall Spuren der antiken Stadt Serdika. So auch gleich nebenan, an der zentralen U-Bahn-Station „Serdika“. Durch den Bau der bereits in sozialistischer Zeit geplanter, aber erst 1998 fertiggestellten Sofioter U-Bahn, wurden zahlreiche Gebäudereste und Artefakte Serdikas freigelegt. Die Gegend hier ist seit mindestens 5.000 Jahren besiedelt und im 7.Jahrhundert vor Christi Geburt entstand eine städtische Siedlung des thrakischen Stammes der Serden. Ihr Serdika fiel 339 v. Chr. an die Makedonier und 29 v. Chr. an die Römer. Als „Ulpia Serdica“ wurde das heutige Sofia römische Provinzhauptstadt und kam ab dem 1.Jahrhundert n. Chr. zu großem Wohlstand (da sie an der wichtigen Fernstraße „Via Militaris“ nach Konstantinopel lag).

Ausgrabungen von Serdika

Die Spuren dieser antiken Blütezeit, die bis zum Beginn der Hunneneinfälle und der folgenden Völkerwanderungszeit andauerte (spätes 4.Jahrhundert), schaute ich mir nicht nur im Freien an, sondern nun auch im Nationalen Archäologischen Museum. Es ist gleich neben dem „Sofia Hotel Balkan“ zu finden und in der ehemaligen Großen Moschee von Sofia untergebracht (Stichwort: Umwidmung osmanischer Gebäude ab 1878). Der Eintritt kostete 10 Leva (also 5€) für Vollzahler bzw. 2 Leva für Studenten. Neben der aktuellen Sonderausstellung zu römischen Mosaiken, gab es für mich in den Daueraustellungen Artefakte aus ganz Bulgarien, von der Steinzeit bis ins Mittelalter, zu sehen.

Nationales Archäologisches Museum

Nach meinem musealen Abstecher reizte zunächst wieder ein religiöses Bauwerk. Mitten im Zentrum findet man nämlich mit der Kathedrale „Sveta Nedelya“ auch die Bischofskirche des bulgarisch-orthodoxen Erzbistums Sofia. Die Kirche war übrigens lange ein Wallfahrtsort für Serben, da hier von 1460 bis 2007 die Gebeine des serbischen Königs Stefan Uroš II. Milutin aufbewahrt wurden. Dieser herrschte von 1282 bis 1321 über das Königreich Serbien und ist aufgrund seiner militärischen Erfolge, der Förderung der Künste und zahlreicher Kirchenstiftungen einer der verehrtesten mittelalterlichen Könige bei den Serben. Als Zeichen der orthodoxen Brüderlichkeit überließ die bulgarisch-orthodoxe Kirche der serbisch-orthodoxen Kirche 2007 den Leichnam und er wurde in das Kloster Banjska im Kosovo überführt (eine der vielen Klosterstiftungen von Stefan Uroš II.). Der Reliquenschrein ist dem prächtigen Inneren von „Sveta Nedelya“ jedoch erhalten geblieben, so dass es weiterhin serbische, wie auch bulgarische Pilger hier hinzieht (in der bulgarisch-orthodoxen Kirche wird Stefan Uroš II. ebenfalls verehrt).

Sveta Nedelya

Durch das nette Viertel rund um den 2,7km langen „Bulevard Vitosha“, ging es anschließend zum Ticketdealer. Der Boulevard selbst ist die Haupteinkaufsstraße der Hauptstadt und die namhaften Designer und Modelabel dieser Welt haben dort fast alle eine Niederlassung. Hier wirkt Sofia alles andere als arm und die Oberschicht gönnt sich ihren Luxus. In den mit Kopfstein gepflasterten Nebenstraßen, die zum Stadtbezirk Sredets gehören, geht es dagegen etwas gemütlicher zu. Viele Bäume, Streetart und Altbauten mit bröckelndem Putz hatten ihren Charme. Dazu gab es ein paar Plätze mit Cafés, die zum Verweilen einluden. Blöd, dass mein Zeitplan eng getaktet war und schon in drei Stunden der Ball rollen sollte.

Grünes Viertel

Also ging es ohne Rast weiter zum Büro von Eventim und nachdem mein Derbyticket nun auch physisch vorhanden war, begann Teil 2 der Sightseeingtour. Hauptziel war die Kathedrale „Sveti Aleksandar Nevski“ (Alexander-Nevski-Kathedrale). Doch zunächst lockte mit der orthodoxen Kirche „Sveti Sedmochislenitsi“ ein Beispiel für die Transformation von einer Moschee zu einer Kirche. Ursprünglich war dies die so genannte Schwarze Moschee von 1528. Doch nach der Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich wurde sie umgebaut und 1901 als Kirche geweiht. Das hippe Viertel rund um die Kirche war übrigens schon fest in der Hand von Levski-Fans. Die Gegend gehört auch zum Bezirk Sredets und lockt mit Szenebars, kleinen Boutiquen, Burgerbratern, Buchläden u.v.m.. Quasi das Hipsterviertel von Sofia und die bulligen Ultras und Hooligans von Levski passten irgendwie nicht so recht ins Bild. Aber das Stadion war halt nah und irgendwo müssen die ja vor dem Spiel kacheln.

Sveti Sedmochislenitsi

Ebenfalls nah war mein Zwischenziel „Sveti Aleksandar Nevski“ (siehe auch Titelbild). Die glänzenden Goldkuppeln der Kathedrale des Patriarchen der bulgarisch-orthodoxen Kirche waren schon von weitem zu erspähen und einem erhabenen äußeren Antlitz folgte ein wunderschönes Inneres. Die Fresken waren wirklich ein Augenschmaus sondergleichen. 270 Gemälde und 80 Ikonen erwarten den Besuchen an den Wänden und im verwinkelten Deckengewölbe. Außerdem gibt es in der Krypta eine Sammlung mittelalterlicher Ikonen aus ganz Bulgarien. Ich bleibe dabei; niemand baut schönere Gotteshäuser als die orthodoxe Christenheit.

Sveti Aleksandar Nevski

Gebaut wurde die Kathedrale ab 1882 im neobyzantischen Stil. 1912 war sie vollendet und stellte ein starkes Symbol der Bulgarischen Wiedergeburt dar. Aus Dank an die russischen Befreier wurde sie dem russischen Nationalheiligen Alexander Nevski geweiht. Ich habe es ja noch gar nicht direkt erwähnt; seine Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich erhielt Bulgarien im Rahmen des Russisch-Osmanischen Krieges, der in den Jahren 1877 und 1878 auf dem Balkan tobte. Die Russen, die sich als Schutzmacht ihrer slawischen Brüder auf dem Balkan begriffen (und auch schon Serbien zur Unabhängigkeit von den Osmanen verholfen hatten), unterstützten dabei die bulgarischen Aufständischen. Eine orthodoxe Allianz aus Russen, Bulgaren, Serben, Montenegrinern und Rumänen führte einen siegreichen Feldzug, der ihre Armee bis vor die Tore Konstantinopels (Istanbuls) brachte. Mit dem Frieden von San Stefano und dem Berliner Kongress wurde Südosteuropa 1878 völlig neu geordnet. Im Zuge dessen fiel übrigens auch Bosnien-Herzegowina an Österreich-Ungarn (vgl. Sarajevo-Bericht) und weitere Konflikte, die nicht lange auf sich warten ließen, waren vorprogrammiert (so führten u.a. alsbald Serbien und Bulgarien Krieg, um das Territorium ihrer junger Staaten auszudehnen). Nachdem das siechende Osmanische Reich endgültig die Kontrolle über den Balkan verloren hatte, rangen Österreich-Ungarn und Russland um die Vormachtstellung in Südosteuropa. Zusammen mit den Interessen der regionalen Mächte enstand eine gefährliche Gemengelage, die 1914 bekanntermaßen den 1.Weltkrieg auslöste.

Mächtig prächtig

Nach dem architektonischen Höhepunkt der Stadt wurde es endlich mal Zeit das ausgefallene Frühstück und Mittagessen nachzuholen. Dazu ging es wieder zum Platz „Sveta Nedelya“. Die dortige Niederlassung der Kette „Happy“ sollte mich versorgen. Erschreckenderweise ist das (mittlerweile) kein normaler „Happy Grill“ mehr, sondern ein Mottorestaurant „Happy en France“. Aber nach dem Studium der Karte wich der Schock. Zum einem gab es weiterhin die Klassiker auf der Karte, zum anderen hatte ich mal Lust den Fleischplattenrhythmus zu durchbrechen. Nun gab es frittierte Spinat-Feta-Bällchen von der Standardkarte als Vorspeise und anschließend Poutine mit Pulled Pork (eher kanadisch, denn französisch) und einen Burger mit Ziegenkäse und Cranberrysauce von der Franzosenkarte. Dazu ein großes Bier. War alles ganz lecker und da eine Armada von charmanten jungen Damen den hiesigen Service wuppt, fühlt man(n) sich unweigerlich wohl.

Franko-bulgarische Mahlzeit

Nachdem rund 15€ für Speisen und Getränke entrichtet waren, rief so langsam das Stadion. Ich musste nur noch einen Umweg über das Apartment machen, da ich meine Power Bank vergessen hatte und dringend Energie für meinen treuen technischen Begleiter brauchte. So wurde die letzte Stunde bis zum Anpfiff mit Latschen verbracht. Gut für die Tagesbilanz!

Ehrenmal der Roten Armee in Stadionnähe

Auf dem Weg zum Stadion erspähte ich weiterhin vorwiegend nur Fans von Levski. Ihre Begrüßungen erinnerten an faschistische Gesten und ihre Shirts hatten teilweise rechtsextreme Symbole oder Botschaften. Die CSKA-Fans, die politisch auf der gleichen Wellenlänge liegen (kaum eines ihrer Graffiti kam ohne Hakenkreuz aus), hatten wohl separate Treffpunkte und Routen. Oder es gab es sie kaum noch? Immerhin ging der Club 2015 Pleite und zwei Nachfolgeclubs buhlen um das Erbe. Ich hatte mich vorab bewusst nicht in gebotener Tiefe über die aktuelle Situation schlaugemacht, um mich vor Ort mal überraschen zu lassen.

Die Fassade des Nationalstadions

Der aktuelle Zweitligist CSKA 1948 scheint eine ehrliche Neugründung zu sein, während der aktuelle Erstligist CSKA Sofia (offizieller Eintrag im Verbandsregister lautet „PFC CSKA-1948 AD“) das Produkt einer von der Clublegende Hristo Stoichkov und dem zwielichtigen Oligarchen Grisha Ganchev eingefädelten Fusion bzw. Umfirmierung der wirtschaftlichen Unternehmungen der Fußballclubs Litex Lovech und Chavdar Etropole ist (die beide Ganchev gehörten).

Meine Eintrittskarte

In epischer Breite will ich die Konstrukte nicht aufdröseln, aber in Levski-Kreisen verspottet man den vermeintlichen Stadtrivalen als Litex Lovech in CSKA-Verkleidung bzw. als „Bindestrich-Club“, da der Club aus rechtlichen Gründen als CSKA-Sofia firmieren muss (die Markenrechte an „CSKA Sofia“ scheinen noch in der Insolvenzmasse des alten CSKA zu stecken). Litex Lovech, selbst dank der Ganchev-Millionen in den letzten 20 Jahren eine Topadresse im bulgarischen Fußball gewesen und regelmäßig im Europapokal vertreten, kickt nun unter neuer Firmierung zweitklassig. Das neue CSKA von Ganchev und Stoichkov bekam dagegen 2016 vom Verband einen Startplatz in der höchsten Liga, aus der Litex gerade zwangsabgestiegen war, und von der Regierung die Nutzungsrechte für das alte Stadion von CSKA (das Stadion „Balgarska Armia“). Tja, der bulgarische Fußball hat sicher nicht die höchsten Ansprüche in Sachen „Compliance“.

CSKA

Die Geschichte klingt ähnlich wie die von Steaua aus Bukarest oder von Poli aus Timișoara, wo nun auch zwei Clubs das Erbe des Traditionsvereins reklamieren. Doch während in Bukarest der vermeintlich künstliche Erstligist von den organisierten Fangruppen gemieden wird, hatte ich spätestens nach dem heutigen Betreten des Nationalstadions die Gewissheit, dass der Fall in Sofia etwas anders gelagert ist. Renommierte Ultragruppen wie die „Animals“ und die „Offenders“ waren aktiv. Zur Alternative CSKA 1948 sollen allerdings ebenso Ultras gehen, beispielsweise die Gruppe „Ofanziva“, so dass sich die Szene an der Frage des legitimen CSKA-Nachfolgers anscheinend gespalten hat.

Levski

Auch in der Levski-Szene herrscht übrigens keine traute Eintracht. Die „Ultras Levski“ hatten sich aus der Kurve gelöst und standen bei mir auf der Haupttribüne. Die Jungs von „Sektor B“ bzw. die entsprechenden Gruppen stehen dagegen weiterhin in der Kurve. Die genauen Hintergründe, der auch schon handfest ausgetragenen Differenzen, sind mir unbekannt. Aber politische Gesinnungsunterschiede werden es wohl eher nicht sein. Ihr Club hat übrigens, wie auch das heute aus Sicherheitsgründen bespielte Nationalstadion (Levskis eigentliches Heimstadion ist das „Georgi Asparuhov“), den bulgarischen Freiheitskämpfer Vasil Levski als Namenspatron (1873 von den Osmanen hingerichtet). Während das 1948 gegründete CSKA ein klassischer protegierter Ostblock-Armeesportclub war, galt das schon 1914 gegründete Levski als bürgerliche Alternative. Nachdem Levski die späten 1940er Jahren sportlich noch dominierte, gehörten CSKA die 1950er Jahre. Fortan lieferten sich die beiden Clubs einen jahrzehntelangen Wettkampf um die Vorherrschaft im bulgarischen Fußball. Das alte CSKA hat 31 Meistertitel errungen und Levski feierte bisher 26 Meisterschaften.

Haupttribüne

Diese Saison hat Levski als Dritter keine Chance mehr auf den Titel, doch CSKA kann als Zweiter mit einem Sieg heute seine Titelchance wahren. Darüber, ob dies der 32.CSKA-Meistertitel wäre oder der fünfte Meistertitel für Litex Lovech oder der erste Meistertitel für das neue CSKA, ließe sich dann trefflich streiten. Ca. 5.000 Rote unter den offiziell 11.200 Zuschauern, sprachen allerdings dafür, dass das CSKA-Litex-Etropole-Konstrukt von den Fans angenommen wird. Ihnen gehörte die Ostkurve, sowie die Gegengerade, und akustisch machten sie 90 Minuten ordentlich Alarm. War diesbezüglich ein guter Auftritt.

CSKA-Kurve

Leider boten weder CSKA, noch Levski etwas Choreographisches oder Pyrotechnisches. Neue Gesetze zur Eindämung der Fußballgewalt mögen der Grund sein, dass beide Kurven nicht die gewohnten Bilder boten. Fanmärsche sind nun verboten, Tickets werden nicht mehr am Spieltag verkauft, sondern nur personalisiert im Vorverkauf und jeder Stadionbesucher muss sich am Eingang ausweisen. Hooliganverhalten, zu dem der Gesetzgeber nun auch Pyrotechnik, Beleidigungen und Vermummung zählt, kann mittlerweile mit 5.000 Leva Strafe (2.500€), 220 Stunden Sozialarbeit oder 90 Tagen Haft sanktioniert werden. Tatsächliche Gewalttaten, die dann ein entsprechendes Strafverfahren (z.B. Körperverletzung, Landfriedensbruch o.ä.) nach sich ziehen, können natürlich darüberhinaus wesentlich härter bestraft werden.

Gegengerade

Sportlich gehörte die erste Hälfte meines Erachtens Levski und schlecht aufgelegt waren die beiden Stimmungskerne ihrer Fanszene auch nicht. Leider durfte keine der beiden Seiten in den ersten Minuten einen Treffer bejubeln und so ging es mit 0:0 in die Pause. Nach dem Seitenwechsel war wiederum CSKA mehr am Drücker und konnte schließlich in der 70.Minute durch ein herrliches Freistoßtor des Portugiesen Tiago Rodrigues aus rund 25 Metern in Führung gehen.

Levski-Kurve

Levski Bemühungen auf eine schnelle Antwort liefen im Anschluss ins Leere,  erst recht nachdem der Schiedsrichter ihr Team in der 84.Minute dezimiert hatte (Verteidiger Nunu Reis sah Gelb-Rot). Als der eingewechselte Brasilianer Evandro dann in der 86.Minute das 0:2 besorgte, war das Spiel endgültig entschieden. Während Levski nochmal aus Trotz richtig laut wurde, konnte CSKA in den Feiermodus wechseln. Jetzt erhob sich auch der Gästemob auf der Gegengerade und stieg geschlossen in die Fangesänge ein. Nach dem Abpfiff ließ sich die Mannschaft entsprechend in der Kurve feiern. Sie hatten ihre Chance auf den Titel gewahrt. Allerdings erlaubte sich der Tabellenführer und Serienmeister Ludogorets Razgrad – seit 2012 sieben Mal in Folge bulgarischer Fußballmeister geworden – keinen Ausrutscher und geht mit einem Punkt Vorsprung in den letzten Spieltag. Geld würde ich also nicht auf CSKA setzen.

Vasil Levski Stadion

Nach dem Spiel schaute ich mir das nahe sowjetische Ehrenmal an und genoss den Anblick der Alexander-Nevski-Kathedrale nochmal in der Abendsonne. Gegen 21 Uhr war ich schließlich wieder in meiner Unterkunft und ging zeitig zu Bette. Am nächsten Morgen stand schließlich schon die nächste lange Busfahrt an. Hätte ich vorher gewusst, dass ich in Sachen Tifo und Zuschauerzuspruch wohl dem schlechtesten Derby der letzten Jahre beiwohnen würde, hätte ich mir den Aufwand dieses Abstechers wohl gespart.

Die Kathedrale in der Abendsonne

Die Stadt Sofia hinterließ hingegen keinen schlechten Eindruck. Es muss sich in meinem regionalen Ranking zwar hinter einigen Metropolen Südosteuropas  einordnen, war aber einen Besuch wert. Zumindest ein schönes Wochenende kann man hier bedenkenlos verbringen. Denn hätte ich mehr als einen Tag Zeit in Sofia gehabt, hätte ich noch das Nachtleben und die Umgebung geprüft. Die Stadt ist nämlich von hohen Bergen umrahmt (der höchste ist der Cherni Vrah mit 2.290 Metern über Normalnull) und außerdem findet man am Stadtrand die Kirche von Bojana (UNESCO-Welterbe). Dinge, die beim nächsten Besuch nachgeholt werden können.