Górny Śląsk (Oberschlesien) 06/2018

03.06.2018
Zagłębie Sosnowiec – GKS Tychy 0:2
I Liga (II)
Stadion Ludowy (Att: 4.950)

Um meine beträchtlichen polnischen Devisen vor Wertverlust zu schützen, tourte ich am ersten Juni-Wochenende erneut ins östlichste unserer neun Nachbarländer. Diesmal musste es mangels Auto, bzw. der Unwirtschaftlichkeit eines Mietwagens in Sachen Transfer, zunächst am Freitagmittag mit dem ICE nach Hamburg gehen (14,90€). Dann gab es den zur Routine gewordenen Flug um 18:45 Uhr nach Kattowitz (23€) und dort den Bustransfer ins Stadtzentrum (5€ one-way). Da ich alleine keinen Alkohol trinke, fielen natürlich die üblichen Runden Bier aus und so exotische Getränke wie Paloma Pink Watermelon liefen die Kehle runter.

Hamburg war heute wieder mein Tor zur Welt

An diesem Abend gab es wieder keine Pünktlichkeitsfanfare von Ryanair bei der Landung zu hören und um 21 Uhr rollte der Transferbus gen Katowice. Dort sprang ich kurz vor 22 Uhr am Rynek aus dem Bus und steuerte die Kneipenstrasse Mariacka an. Nüchtern bin ich natürlich endlich mal in der Lage gewesen ein seriöses Zapiekanka zu bestellen. Mit Pilzen, Zwiebeln, Schinken, Käse und Knoblauchsauce (10 Zloty), ganz ohne scharfe Pepperoni und Scovillerekordbrechersaucen. Nach ein bisschen Flanierei und Musik lauschen (diesmal spielte ’ne fetzige Blechbläsercombo live auf der Straße), orientierte ich mich zu meiner Unterkunft.

Kingsizebett für den Don

In Sachen Hotel hatte die Accor-Gruppe ein Frühbucher-Online-Schnäppchen für mich parat (DZ zur Einzelnutzung für 15€ pro Nacht im Ibis Budget). Da ließ ich mich kurz vor Mitternacht nieder und konnte, ganz ungewohnt für meine Touren, mal richtig ausschlafen. Jedenfalls stellte ich mir keinen Wecker und die Augen blieben bis kurz nach 8 Uhr geschlossen.

Familoki in Katowice

Für den nun anbrechenden Samstag hatte ich zwei verschiedene Konzepte erarbeitet. Zum einen wären da drei unterklassige Spiele in den Städten Ruda Śląsk und Bytom möglich gewesen. Das erste um 11 Uhr (Grunwald Ruda Śląska – Unia Kosztowy), das zweite um 14 Uhr (Pogoń Nowy Bytom – Iskra Pszczyna) und das letzte um 17 Uhr (Szombierki Bytom – Polonia Poraj). Alle Stadien so gelegen, dass man zu Fuß binnen einer Stunde von „Ground zu Ground hoppen“ könnte und dabei reichlich Impressionen von oberschlesischen Arbeitervierteln (oder teilweise vielleicht eher Arbeitslosenvierteln) gewinnen würde. Plan B war zum letzten Heimspiel von GKS Jastrzębie in den Süden zu fahren. Das wäre immerhin 3.Liga und vor allem auch ’ne interessante Fanszene und ’ne garantierte Aufstiegsparty.

GieKSa-Graffiti

Hatte beides seinen Reiz, doch spätestens als dann diese Meldung kam, waren die Würfel gefallen:
„BS Polonia Bytom Sp. z o.o.: Ich möchte Sie darüber informieren, dass sich der Veranstaltungsort für das 29.Treffen der Haiz IV von MKS Lędziny – BS Polonia Bytom geändert hat. Ursprünglich sollte das Spiel in Lędziny stattfinden, aber auf Wunsch von MKS findet das Treffen am Sonntag, 3. Juni, 18.00 Uhr im Stadion Edward Szymkowiak in der Ul. Olimpijska 2 in Bytom statt. Der offizielle Gastgeber des Treffens wird MKS Lędziny sein.“

Straßenzug in Katowice

Da ich mir eine Ochsentour von Sosnowiec nach Lędziny am nächsten Tag nicht antun wollte, dachte ich eigentlich, dass Sonntag nur ein (interessantes) Spiel drin wäre. Doch von Sosnowiec käme ich am Nachmittag komfortabel nach Bytom. Dann lieber nur einmal dieses Wochenende ins Bytomer Verbrecherland fahren und heute auf Qualität setzen. Ausserdem; coole Familoki (die charakteristischen Bergarbeiterhäuser der Region) kann ich natürlich auch in Katowice sehen. Dementsprechend wurde in diese Richtung gleich mal ein morgendlicher Streifzug durch die Gemeinde gestartet.

Spodek und unsere Platte vom vorigen WE

Gegen 11 Uhr übermannte mich schließlich ein Gefühl namens Hunger und ich beschloss auf Altbewährtes zu setzen. Im „Wiejscie Chatka“ gibt es auch ’ne Frühstückskarte und ich entschied mich gegen halbe Sachen und für eine Platte mit Brot, Schmalz, Kielbasa, Bacon, gegrillten Zwiebeln, Rührei, Käse, Tomate und Gurke. Kostete inklusive Getränk gerade mal umgerechnet 4,50€. Geile Nummer und am Ende der Völlerei hätte auch kein Happen mehr reingepasst.

Deftiges polnisches Frühstück

Die bunte Frühstücksplatte wurde erstmal auf der sonnigen Terrasse sacken gelassen. Das nahm so langsam Züge von Urlaub an. Um dem entgegenzuwirken, setzte ich lieber meine Tour durch Katowice fort. Hier und da gab es Graffiti von der Szene des fußballerischen Platzhirsches GKS Katowice zu sehen, oft allerdings gecrosst. Ich nehme mal an hauptsächlich von Ruch, auch wenn nicht immer ihre Insignien zu finden waren.

Nicht schön, aber deutlich

Die haben in Katowice ’ne starke Sektion, da GKS 44 Jahre nach Ruch gegründet wurde (anno 1964) und erst in den 80er Jahren zum sportlichen Höhenflug ansetzte. Nun bildete sich in der Stadt eine Szene für den eigenen Verein, doch viele blieben auch Ruch treu bzw. fuhren zunächst zweigleisig und gaben das an die nächste Generation weiter. Laut Mirko Ottos polnischer Fußballfibel war 1993 der Bruch zwischen beiden Szenen, aber warum das gutnachbarschaftliche Verhältnis zwischen Ruch und GKS beendet wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Mittlerweile ist es auf jeden Fall purer Hass und GKS hat sich mit Górnik Zabrze (Ruchs Feind Nr.1) verbrüdert, um nicht irgendwann abzusaufen.

Sternförmige Plattenbauten

02.06.2018
GKS Jastrzębie – Gwardia Koszalin 4:2
II Liga (III)
Stadion Miejski w Jastrzębiu-Zdróju (Att: 1.123)

Nach Teil 2 der Plattenbau & Familoki Tour durch Katowice, wurde es langsam Zeit nach Jastrzębie-Zdrój aufzubrechen. So ein Minibusunternehmen namens Drabas bedient die Strecke und nahm 12 Zloty für die einfache Fahrt. Offizielle Abfahrtszeit der nächsten Tour war 14:30 Uhr, aber à la Sherut / Marschrutka schien der Fahrer noch ein paar Minuten zu warten, bis die Karre wirklich voll war. Doch „nie ma problemu“, ich hatte ja keinen Zeitdruck. Problematisch war anschließend nur jedes Schlagloch auf der Fahrt, aber auch das habe ich überlebt.

Willkommen in Jastrzębie-Zdrój

In Jastrzębie-Zdrój (Bad Königsdorff-Jastrzemb) gab es dann Platte zu sehen, soweit das Auge reichte. So, das soll also ein Kurort sein? Wirkte alles andere als mondän. Mittels Kartenmaterial versuchte ich einen historischen Stadtkern der immerhin seit 1467 verbrieften Gemeinde auszumachen. Doch Fehlanzeige. Vermutlich wird irgend ein Dorf vor den Toren der Stadt die Keimzelle des Kurortes gewesen sein. Doch nachdem man Kohlevorkommen entdeckt hatte, wurde nebenan diese Planstadt für die unzähligen Arbeiter hochgezogen. 90.000 Menschen sollen hier leben, wahrscheinlich waren es in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch ein paar mehr.

Osiedle Morcinka

Der Fußballclub GKS Jastrzębie hat natürlich entsprechend der jüngeren Stadtgeschichte auch einen montanen Hintergrund. GKS steht in Polen für Górniczy Klub Sportowy (Bergarbeiter-Sportclub), vgl. GKS Katowice oder GKS Tychy. Sportlich war man nie eine ganz große Nummer (nur ein Jahr erstklassig in der Saison 1988/89), doch die Stadt scheint sich außerordentlich mit dem Club zu identifizieren. Jedenfalls fiel mir schon in der Peripherie viel GKS-Graffiti auf und im Zentrum war das nicht anders. Sogar mehrere gesprühte Aufrufe für das vergangene Heimspiel gegen Siarka Tarnobrzeg waren auszumachen. Muss an der Dose eine umtriebige Szene zu sein.

Ein paar Graffiti der GKS-Fans

Mangels Sehenswürdigkeiten machte ich spontan eine einstündige Graffiti-Tour durch die Stadt und bekam wirklich viel vor die Linse. Die Plattenbausiedlungen schienen alle ihre eigenen GKS-Banden zu haben. An manchen Pinten in den Konsumzeilen der Siedlungen hingen Laken oder Plakate mit Aufrufen für das heutige Spiel. In der Osiedle Morcinka zum Beispiel, dass sich die „Bastion Morcinka“ hier heute ab 14:45 Uhr einzufinden hat. Nur soviel, dem Aufruf wurde zahlreich Folge geleistet.

Corteo zum Stadion

Eine halbe Stunde vor Anpfiff ging ich dann mal zum Stadion. Zeitglich mit einem fackelnden Mob, den ich aus der Distanz wahrnahm. Das Stadion liegt meinem geographischen Empfinden nach im Mittelpunkt der Stadt und ist komplett umrahmt von Plattenbauten. War mal eine richtig große Schüssel mit geschätzt 30.000 Plätzen, heute wird jedoch nur noch die Haupttribüne plus Nebenblöcke genutzt (offiziell 6.000 Plätze). Der Großteil der Kurven und die Gegengerade haben sich in ein inoffizielles Biosphärenreservat verwandelt.

Auch am Stadion gab es reichlich Graffiti

Vor und im Stadion war natürlich einiges an Anlungerpotential, aber ich sah mal ausnahmsweise nicht wie ein schmieriger Tommy aus, sondern wie eine polnische Version der Gopniki. Da schrie nichts an mir ‚Seht her, ich gehör hier nicht hin‘! Ein Ticket gab es nun für 5 anstatt der üblichen 15 Zloty. Wegen des feststehenden Aufstiegs, als Dank an die Fans. Es bleibt echt schwierig an diesem Wochenende mehr als meine mitgebrachten 150 Zloty, also 35€, auszugeben.

Das städtische Stadion

Das Stadion war ordentlich gefüllt (1.123 Zuschauer) und 20 Gästefans hatten auch den weiten Weg aus Koszalin (700km einfache Fahrt) auf sich genommen. Kurz vor Anpfiff setzte ein starker Schauer ein und viele Zuschauer rannten unter’s Dach im oberen Bereich der Tribüne. Doch der Fanblock entblößte sich und begann seinen Support. Ich blieb auch, legte allerdings an, anstatt ab. Hatte ich mir zur Sicherheit doch tatsächlich ’ne wetterfeste Sommerjacke mitgenommen. Der Fuchs am Ärmel selbiger charakterisiert mich schon ganz gut.

It’s getting wet

Auf dem Platz zeigten die pommerschen Gäste gleich, dass sie nicht zum Mitfeiern gekommen waren. In der 5.Minute schoss Krystian Przyborowski erstmals aus 16 Metern auf den GKS-Kasten. Doch Tormann Bartosz Szelong war stark abgetaucht. Drei Minuten später dribbelte sich Przyborowski wieder in den Strafraum und holte ’ne Ecke raus, die zu einem weiteren Torschuss, knapp über die Torlatte, führte.

Schöne Kulisse

In der 12.Minute meldete sich der Gastgeber mal zu Wort und Gwardias Schlussmann wurde erstmals durch Dominik Szczęch geprüft. Das war der Auftakt von etlichen Abschlüssen und Eckstößen für GKS. Folgerichtig kulminierte dieses Druckphase im 1:0 durch Daniel Szczepan in der 27.Minute. Im Eins gegen Eins schön den Torwart überspielt. Der dank Plattenbaupanorama wunderbar hallende Torjubel war gerade beendet, da glich Gwardias Przyborowski direkt nach Wiederanstoß aus. Koszalin blieb jetzt gefährlich und Adrian Kwiatkowski traf in der 34.Minute die Latte des GKS-Kastens.

Die Fans freuen sich über die neuerliche Führung

Danach war mal 10 Minuten Geplänkel, bis der 10er Farid Ali mit einem guten Lauf und einem klugen Pass das 2:1 vorbereite. Szczęch schoss vom Rand des Strafraums und ein Verteidiger fälschte den Ball ins Tor ab. Zwei Minuten später war Halbzeitpause und alle Akteure durften mal durchschnaufen, ehe die Partie flott weiterlief. Bereits in der 52.Minute gab es einen schönen Sololauf Alis von der Mittellinie in den gegnerischen Strafraum zu bewundern. Mangels Anspielstationen schloss er auch selbst ab, doch der Schuss landete einen halben Meter neben dem Tor. In der 61.Minute lupfte dann Szczepan den Ball über Torwart Hartleb, allerdings konnte ein Verteidiger von Gwardia noch auf der Linie klären. Da bei dieser Großchance alle Zuschauer aufgesprungen waren, packten die Vorsänger die Gelegenheit beim Schopfe und forderten alle Zuschauer auf stehenzubleiben bzw. wieder aufzustehen. Es wurde nun rhythmisch eingeklatscht und dann G-K-S gebrüllt. Mit mehreren Wiederholungen.

Der Ball rollt

Kurz danach wurde plötzlich es außerhalb des Stadions interessant. Es flog eine Leuchtrakete über die Sportstätte. Der Blick ging natürlich in die Abschussrichtung und man sah Fans mit einem halben dutzend Bengalos aus dem 10.Stock eines Wohnblocks grüßen. Diese Feinde des Fußballs (und des sozialistischen Wohnungsbaus) bekamen dann auch noch Applaus vom ganzen Stadion. Der Zentralrat der deutschen Sportreporter ist empört!

Flammendes Inferno im 10.Stock

Das Stadion fühlte sich jetzt nochmal zusätzlich angestachelt Gas zu geben und es blieb hier bis Spielende eine stimmungsvolle Angelegenheit im städtischen Stadion von Jastrzębie. Obwohl sich Gwardia weiter das Prädikat „Partycrasher“ anheften wollte und erneut ausglich. In der 77.Minute gab es einen Freistoß von Linksaußen an den zweiten Pfosten und Przyborowski rutschte erfolgreich an jener Stelle in den Ball. 2:2!

Auf zum Zaun

Die Truppe von GKS wirkte durch das Gegentor allerdings nochmal richtig geprickt und machte die letzten 10 Minuten Powerplay. Die wollten die überragende Saison anscheinend unbedingt mit einem Sieg beenden und somit vielleicht sogar als Meister aufsteigen. Diese ehrenwerte Einstellung wurde fairerweise alsbald belohnt. In der 84.Minute war Ali kurz vorm Strafraum nur mit Foulspiel zu stoppen. Wie vom Publikum gefordert (die scheinen seine Fähigkeiten zu kennen) führte er den fälligen Freistoß selbst aus und zirkelte den Ball butterweich auf den 5er, wo Bartosz Jaroszek zielsicher einköpfte. Jubel und Heiterkeit auf der Tribüne waren die Folge, wo nun langsam die Völkerwanderung zum Zaun einsetzte.

Ab auf den Platz

In der Nachspielzeit fiel sogar noch das 4:2 durch Wojciech Caniboł. Das war tatsächlich ein wichtiges Tor, denn nun hatte GKS genau wie LKS Łódź 65 Punkte und +24 Tore, war allerdings durch die mehr erzielten Tore auf Platz 1 vorgerückt und somit als Drittligameister aufgestiegen. Nach Abpfiff konnten die Zäune die Fans natürlich nicht aufhalten und eine Riesenparty startete auf dem Platz. Champus, Bier, Pyrotechnik… was halt so dazugehört. Als engagierter Berichterstatter, hab ich mich dort natürlich auch unter das Volk gemischt und die Emotionen eingefangen. Brauche ich nicht in Worte fassen, jeder Leser dürfte ja mal einen Aufstieg oder Titelgewinn erlebt haben. Zum Schluss möchte ich gerne Stephan Weidner von der talentierten und lyrisch hochwertigen Band „Böhse Onkelz“ zitieren: Danke Leute, das war fett!

Feierei von Spielern und Fans

Eine halbe Stunde nach Abpfiff machte ich mich dann auf zu der Bushaltestelle, die busradar.pl als Abfahrtsort nach Katowice angegeben hatte. Doch irgendwie hatte ich da ein ganz mieses Gefühl und schaute lieber nochmal auf der Seite von Drabas nach. Siehe da, Abfahrtsort war quasi der ZOB der Stadt. 1.100 Meter entfernt, noch 10 Minuten Zeit. Machbar, aber ein Bus mit dem Ziel fuhr auch gerade vor. Also lieber bequem sein.

Die Haupttribüne

Der Lümmel von Busfahrer wollte jetzt tatsächlich 4,20 Zloty für 1,1km Busfahrt haben, während die anschließende 65km Busfahrt nach Katowice 12 Zloty kostete. Und das war ein Privatunternehmen und nicht staatlich subventioniert. Egal, dafür bekam ich meinen Anschluss problemlos. Bei Ausfahrt aus Jastrzębie-Zdrój hielt ich dann nochmal Ausschau nach schönen Ecken und erspähte in einem dörflichen Stadtteil immerhin ’ne nette Barockkirche mit Zwiebelturm. Außerdem wurde dank anderer Route als auf der Hinfahrt entdeckt, dass die Nachbarstadt Zory (Sohrau) einen netten kleinen Stadtkern hat. Den Rest der Fahrt wurde dem US-Oldie-Sender des Fahrers mit Hits wie „Oh Carol“ von Smokie gelauscht und über den angeblichen Kurort Jastrzębie recherchiert. „Bad“ ist schon lange nicht mehr. Durch den intensiven Bergbau in den 1960er Jahren versiegten die Heilquellen.

Zapiekanka

In Katowice war der Minibus um 21 Uhr und es gab nur noch schnell ein Zapiekanka auf die Hand und dann ging es ab ins Bett. 20km per Pedes waren zwar nicht rekordverdächtig, aber doch ermüdend.

03.06.2018
Zagłębie Sosnowiec – GKS Tychy 0:2
I Liga (II)
Stadion Ludowy (Att: 4.950)

Am Sonntagmorgen war ich bereits kurz vor’m Wecker wach (der war zur Sicherheit auf 7:30 Uhr gestellt) und freute mich auf riesig auf das Programm des Tages. Im ersten Step bestieg ich einen Bus nach Będzin. Kostete übrigens für drei Städte bzw. maximal 90 Minuten Fahrt 4,80 Zloty (Fahrten innerhalb nur einer Stadt 2,80 Zloty). Faszinierend wie lange mich der Euro von gestern für 1km Busfahrt noch bewegt. Für dieses Groundhopperverhalten habe ich mich dann selbst geohrfeigt und „Kurwa!“ gerufen.

Bedzin, das alte Wunderland

Będzin hatte ich auf dem Schirm, weil man dort auf dem Weg zum Katowicer Flughafen von der Autobahn aus eine richtig starke mittelalterliche Burg sieht. Zielsicher stieg ich nach 30 Minuten Busfahrt am Stadion von Sarmacja Będzin aus. Starkes Teil, welches unbedingt mal zu einem Spiel besucht werden muss! Dann ist das Wetter vielleicht auch nicht so trüb wie heute.

Unterwegs in der Innenstadt von Bedzin

Nichtsdestotrotz startete ich topmotiviert meinen Streifzug durch die Gemeinde. Der Wohlstand lachte einen hier nicht unbedingt an jeder Ecke an. Dafür gab es flächendeckend gesprühte Bekenntnisse zu Zagłębie Sosnowiec und erkennbare Anhänger des Clubs waren auch schon auf den Beinen. Ebenfalls ins Auge fiel das „Café Jerozolima“ mit hebräischem Schild an der Fassade. Będzin hatte mal eine sehr große jüdische Gemeinde (vor dem 2.Weltkrieg über 60% der Bevölkerung). Warum das nicht mehr so ist, ist sicher alles andere als ein Taubenschiss in der Geschichte Deutschlands, Herr Gauland.

Die Dreifaltigkeitskirche

Schließlich erklomm ich einen Hügel, auf dem sich die Dreifaltigkeitskirche und die Burg befanden. 1358 wurde begonnen die Burg (siehe auch Titelbild) zu bauen. Sie sieht echt so aus wie man sich eine mittelalterliche  Burg idealtypisch vorstellt und thront über dem Fluß Przemsa. Der stellte seit dem Mittelalter die Grenze zwischen Schlesien und Polen dar, ergo in der Neuzeit ab 1815 zwischen dem deutschen Kaiserreich und dem russischen Zarenreich. Daher sind die Städte östlich der Przemsa nicht schlesisch, auch wenn sie heute zur Woiwodschaft Schlesien gehören (eine schöne lokale Animosität, die ich ja bereits in den vorherigen Berichten aus der Region behandelt habe).

Die Burg von Süden

Nach dem Burg-Rundgang war es an der Zeit zum Spielort weiterzureisen. Der Zug um 10:45 nach Sosnowiec (3,20 Zloty) war bereits gut gefüllt mit Kibice aus dem Norden der Region Zagłębie Dąbrowskie (Dombrowaer Kohlenbecken). Alle sangesfreudig und loyale Anhänger des fußballerischen Aushängeschildes der Region. Ob aus Będzin, Czeladź oder Dąbrowa Górnicza, alle Fußballfans der Gegend stehen hinter Zagłębie Sosnowiec.

Russisch-Orthodoxe Kirche von Sosnowiec

In der 200.000-Einwohner-Stadt Sosnowiec hatte ich auch nochmal eine Stunde für Sightseeing eingeplant. Gleich in Bahnhofsnähe gab es mit der russisch-orthodoxen Kirche ein schönes Relikt aus der Zeit, als Sosnowiec zum Zarenreich gehörte. Dann ging es nordwärts in einen großen und schönen Park (Park Sielecki), an dessen Ende ein altes Jagdschloss liegen sollte.

Park Sielecki

Als das Schloss gleich um die Ecke hätte auftauchen müssen, dachte ich zunächst, meine Karte wäre fehlerhaft. Denn ich war mitten in einem Wohngebiet. Doch zwischen Plattenbauten und der örtliche Eishalle, in der die Eishockeysektion von Zagłębie Sosnowiec dem Puck hinterherjagt, tauchte das herrschaftliche Haus doch auf. Den schönen Park hat es lediglich im Rücken und ist ansonsten eingebettet in die architektonischen Errungenschaften des realen Sozialismus.

Zamek Sielecki (Jagdschloss Sielecki)

Um jetzt nicht all zu spät am Stadion zu sein, schnappte ich mir unweit des Schlosses die nächste Straßenbahn in Richtung Hauptbahnhof. Da ich mich zwischen lauter Fans quetschen musste und keiner davon am Bahnhof austieg, war klar, dass ich mit der Bahn auch gleich durchfahren konnte. 45 Minuten vor Anpfiff war ich schließlich am Stadion Ludowy (dem „Volksstadion“ von Sosnowiec).

Park am Stadion

Da hier unter Woche wenig überraschend „Sold Out“ vermeldet wurde, ließ ich mich bereits im Vorfeld akkreditieren und spendete stattdessen 20 Zloty für die Jugendarbeit von Zagłębie. So ein Presseplatz mit Pult war jetzt auch nicht das Schlechteste. Ich wurde doch gezwungen mir einige Notizen zu machen, damit ich am Ende nicht Gefahr laufe etwas Nennenswertes zu unterschlagen. Daher erwähne ich auch gleich, dass es leider keine Gästefans gab. Denn GKS Tychy hat für die Ausschreitungen gegen Ruch (dieses Medium berichtete 😉) sieben Spiele Auswärtssperre aufgebrummt bekommen.

Haupttribüne des Stadion Ludowy

Kurz vor Spielbeginn gab es eine Schweigeminute für die letztes Wochenende beim Auswärtsspiel in Chorzów im Stadion verstorbene Mutter eines Ruch-Spielers. Wurde auch trotz aller Rivalität ohne Störgeräusche durchgeführt. Alles andere hätte mich aber auch gewundert bei der polnischen Mentalität. Eröffnet wurde die Partie anschließend mit einer Choreographie auf der Gegengerade, dem stimmungsmäßigen Schmelztiegel im Sosnowiecer Stadion. „Duma Braterstwo Zagłębie“ war zu lesen (Stolze Bruderschaft Zagłębie), wobei „Duma“ aus Papptafeln in den Blöcken gebildet wurde und der Rest auf einem riesigen Banner vor der Tribüne geschrieben stand.

Duma Braterstwo Zagłębie

Das ganze Stadion war heute in weiß gekleidet und das allein gab schon ein geiles Bild ab. Doch nicht nur die Optik war geschlossen, sondern auch die akustische Unterstützung. Trotz weitläufiger Anlage und fehlendem Dach waren die Jungs brachial laut. Besonders natürlich bei den Wechselgesängen zwischen Gegengerade und Haupttribüne. Doch auf meiner Tribüne wurde nicht nur nach Aufforderung von Gegenüber supportet, sondern auch oft selbst proaktiv gehandelt. Leidenschaft war im gesamten Publikum zu spüren.

Ganz in weiß

Das Fußballspiel war dagegen nicht so leidenschaftlich. Dabei begann es eigentlich ganz gut. In der 9.Minute prüfte Tychys Kamil Zapolnik den Sosnowiecer Torwart Dawid Kudła erstmals mit einem Kopfball. Danach hatte Zagłębie einige Angriffe zu verzeichnen. Beste Chance war der Distanzschuss von Tomasz Nowak in der 25.Minute knapp über das GKS-Tor. Zwei Minuten später war es erneut Zapolnik auf der anderen Seite, der Kudła herausforderte, doch der Keeper der Hausherren faustete den 18-Meter-Schuss über das Gehäuse. Es folgten zwei Eckstöße, ehe die Zagłębie-Abwehr endlich wieder für Entlastung sorgen konnte.

Freistoß von Zagłębie (heute in rot auflaufend)

Dann wurde es auf dem Platz merklich ruhiger und dafür auf der Gegengerade wieder interessant. Nach 30 Minuten wurde dort eine Blockfahne mit Stadtwappen und Vereinswappen ausgerollt. – Beim Wappen muss ich übrigens immer an das Wassereis Dolomiti denken. Also wenn ich Langnese (bzw. Algida) wäre, ich würde hier als Hauptsponsor einsteigen. – Erst nach über 10 Minuten ging die Blockfahne wieder runter. Na ja, ganz so viel haben die zahlreichen Fans darunter nicht verpasst, denn zwischen der 30.Minute und der Halbzeitpause fand das Spiel fast auschließlich zwischen den Strafräumen statt.

Zagłębie-Blockfahne

Zum Glück ging die Show auf der Tribüne noch bis zum Pausenpfiff weiter. Bei genauem Hinsehen konnte man jetzt lauter Gesellen in Maleranzügen erkennen. Dann zählte fast das ganze Stadion runter und es begann dieses wunderbare Stakkato, wenn nacheinander in schneller Abfolge die Signalfackeln entzündet werden. Die Gegengerade brannte lichterloh und Rauch in den Vereinsfarben stieg auf. Was ein geiles Bild!

No Pyro, no (Aufstiegs)Party

Auf dem satten Grün ging es dagegen auch im zweiten Durchgang weniger bunt zu. Eine gewisse Lethargie in den Sosnowiecer Reihen machte sich schließlich Dawid Abromowicz zunutze. Er kam in der 55.Minute bei einer Flanke am zweiten Pfosten frei zum Abschluss. 0:1! Nichtsdestotrotz waren die Fans schon wieder was am Planen dran. In der 60.Minute gingen abermals dutzende Fackeln an. Dazu diesmal am Zaun noch Fontänen. Vor dem Block stand ganz auf ganzer Breite geschrieben: „Bo w Sosnuwcu nad Brynica kazdej ligi znamy smak…“, was soviel heissen dürfte wie: „In Sosnowiec an der Brynica kennen wir den Geschmack jeder Liga…“

Die nächste Pyroshow

Der Spruch spielt sicher auf die harten Zeiten an, die der Verein in der Vergangenheit durchleben musste. 1993 wurde der vierfache polnische Pokalsieger (und vierfache Vizemeister) insolvent und musste im Amateurbereich (6.Liga) neustarten. 2007 hatte man sich in die Ekstraklasa zurückgekämpft, doch strich nach nur einer Spielzeit wieder die Segel. Aber jetzt ist man nach 10 Jahren in der Zweit- und Drittklassigkeit zurück in der Beletage des polnischen Fußballs.

Welcome to Ekstraklasa Zagłębie

Um die Rückkehr nochmal explizit zu würdigen, gab es um die 70.Minute rum die nächste Choreographie. Im Stile der berühmten „Welcome to Fabulous Las Vegas“-Leuchtreklame war auf einer Blockfahne „Welcome to Ekstraklasa Zagłębie“ zu lesen. Umrahmt von blauen Papptafeln. Leider blieb die Mannschaft auf dem Platz weiterhin einiges schuldig. Die Luft war vielleicht einfach raus. In der 77.Minute hämmerte Tomasz Nowak noch einen Freistoß für Zagłębie an die Latte, doch danach gehörte die Schlußphase den Gästen. Zunächst gab es einen gefährlichen Freistoß von Łukasz Grzeszczyk (88.Min), den Kudła mit einer Glanzparade vom Tor abwehrte. Danach fiel in der Nachspielzeit noch das 0:2 durch eben jenen Grzeszczyk nach Zuspiel von Abromowicz.

Zunächst feierte nur GKS

Zagłębies erste Niederlage nach sechs Siegen in Serie war nun besiegelt. Eine Minute später pfiff der Unparteiische ab und GKS Tychy wiederum hatte jetzt acht Siege in den letzten zehn Saisonspielen geholt. Auch ein bemerkenswerter Schlußspurt, der sie auf Platz 4 in der Abschlusstabelle landen lässt (3 Punkte hinter den Sosnowiecern). Die Niederlage verringerte vielleicht so ein bisschen die Euphorie beim Aufsteiger, jedenfalls war zunächst eine merkwürdige Stille eingekehrt im Rund. Zumal die GKS-Equipe nun erstmal im Mittelkreis ihren Derbysieg zelebrierte. Doch dann ging die Aufstiegself vor den Fanblock und klatsche mit den Anhängern ab. Jetzt liefen auch die ersten Fans über den Platz und herzten die Spieler.

Der grüne Rasen wurde zum weißen Meer

Auf der Haupttribüne wurde derweil alles für die finale Würdigung der Saison vorbereitet. Cheerleaderinnen standen Spalier und die Vereinsoffiziellen hatten einen Pokal im Ehrenbereich der Tribüne platziert. Der sah aus der Nähe ziemlich billig aus (dünnes Blech, Kunststoffsockel) und meines Wissens gibt auch keinen offiziellen Pokal für den Vizemeister der 2.Liga, aber irgendwas sollten die Spieler den Fans wohl präsentieren können. Jene Spieler bahnten sich den Weg durch die Massen und wurden nun einzeln auf die Tribüne gerufen, um sich von den Anhängern mit Applaus und Sprechchören feiern zu lassen.

Früher war weniger Lametta

Als Team und Stab komplett oben waren, begann natürlich die obligatorische Champagnerparty. Blieb nicht aus, dass die am Rand stehenden Angehörigen und Journalisten auch was abbekommen haben. Toll, jetzt rieche ich in Bytom nach Champagner. Niemand in Bytom trinkt Champagner, da merken die doch sofort, dass ich dort nicht hingehöre. Obwohl, die wissen ja gar nicht wie Champus riecht. Vielleicht denken die auch ‚Geiler versiffter Zecher, der muss einer von uns sein‘? Wir werden sehen. Eine halbe Stunde nach Abpfiff (so gegen 15:10 Uhr) durfte sich die Mannschaft den Siff abwaschen gehen, während Fans und Berichterstatter so langsam das Stadion verließen.

Da ist das Ding!

Auf dem Rückweg in die Stadt hat man dann immer wieder Böller krachen gehört. Ich glaube die Dolomiti-Gang hatte noch längst nicht den Gipfel der Feierlichkeiten erreicht. Da dürfte noch einiges in der Innenstadt los gewesen sein. Aber trotz drei Zagłębie-Spielen seit Ostern, es fehlt einfach der Bezug, um da noch ins Partybusiness einzusteigen. Stattdessen wartete das nächste fußballerische Schmankerl auf mich. Polonia Bytom bat zum letzten Auswärtsspiel, was nun wie eingangs dokumentiert zum vorletzten Heimspiel (der regulären Saison) werden sollte. Um keinen Zeitdruck zu bekommen, war die Koleje Śląskie (S-Bahn) um 15:59 Uhr Richtung Katowice angebracht. Dort wechselte ich in einen Bus nach Bytom und war 16:50 Uhr am Spielort.

Goodbye Sosnowiec

03.06.2018
Polonia Bytom – MKS Lędziny 4:1
IV Liga Grupa Śląska 2 (V)
Stadion Edwarda Szymkowiaka (Att: 655)

In Bytom sollten natürlich auch zunächst einmal Eindrücke der Stadt gewonnen werden und so stieg ich im Zentrum aus dem Bus und dachte mir, das ist echt hart. Die baufälligen Häuser stehen hier nicht nur in irgend einem verruchten Randbezirk, sondern in der wichtigsten Durchgangsstraße durch das Stadtzentrum. Ein paar Meter weiter war der Rynek (Marktplatz) zu finden. Eine von vier Ecken war tatsächlich etwas fotogen, der Rest der Bebauung variierte zwischen mäßiger Zustand bis unbewohnbar.

Willkommen im Herzen Bytoms

Ich war damals noch zu klein, aber so dürften weite Teile der DDR nach der Maueröffnung auch ausgesehen haben. Nur wenige Meter vom Rynek entfernt erwartet einen auch schon der Knast. Da hab ich ebenfalls nicht schlecht gestaunt, dass der mitten im Zentrum ist. Übrigens direkt neben der neumodernen Einkaufsgalerie. Kurze Wege für notorische Ladendiebe.

Rynek w Bytomiu

Verlässt man das Zentrum, wird es dann richtig interessant. Nicht alles ist total im Eimer, aber manche Ecken waren definitiv das Gegenteil von einladend. Bytom, du bist wahrlich nicht die Blume im oberschlesischen Revier. Ich muss unbedingt nochmal in einen Bytomer Plattenbauvorort oder in ein abgeschottetes Familoki-Viertel am Stadtrand. Da Grillen sie bestimmt Tauben im Hinterhof.

Bytomer Straßenzug

Was auf dem Weg vom Rynek zum Stadion definitiv vermisste, waren Polonia-Graffiti. Außer Schmierereien habe ich nur ein Vernünftiges entdeckt. Das wiederum sagte mit zwei Worten (und einem Bild) mehr als Tausend Worte: „Górnośląski Charakter“. Harte Arbeit in den Gruben formten die Mentalität der Menschen hier über mehrere Generationen. Trotz Krise und Strukturwandel, diese Mentalität kriegst du zum Glück auch nicht so schnell aus den Menschen raus.

Einladendes Kleingewerbe am Rand der Innenstadt

Der Schlag Menschen hier und die Aura der Stadt haben schon etwas Sympathisches. Klar, vielleicht müsste ich bei einem nächtlichem Spaziergang nochmal meine Meinung revidieren. Aber grundsätzlich fand ich die Stadt mit ihrem morbiden Charme auf Anhieb anziehend. Leider lief mir nicht meine Traumfrau in die Arme, um sofort einen Grund zu haben regelmäßig wiederzukehren. Dafür lief ich einen Kilometer vorm Edmund-Szymkowiak-Stadion in den großen und netten Stadtpark. 34 Hektar soll der groß sein und ist durchzogen von Teichen und künstlichen Bächen. Alles sehr gepflegt und von vielen Familien bevölkert. Am Ende des Parks lag nun das Stadion, neben einer ebenfalls sehr gepflegten Kleingartensiedlung.

Polonia-Grafitto

Das Stadion wiederum kontrastierte die Parkidylle und das Laubenpieperparadies perfekt und passte sich wieder dem „Vintage-Look“ der Innenstadt an. Eine Kampfbahn vom alten Schlag, deren Ränge sich die Natur gerade zurückerobert. Von einstmals bis zu 60.000 Zuschauerplätzen, ist heute wohl maximal ein Zehntel noch nutzbar. Aber viele Plätze braucht es zur Zeit natürlich nicht für den in die 5.Liga abgeschmierten Traditionsverein Polonia (Polnischer Meister 1954 und 1962). Die ab 2007 aufgrund des überraschenden Wiederaufstiegs in die Ekstraklasa renovierte Tribüne reicht vollkommen.

Historisches Stadiontor

Als Underdog hielt man sich übrigens bis 2011 in der Ekstraklasa, stürzte dann aber inklusive Insolvenz in die heutigen Gefilde ab und muss sich jetzt regional mit so Kalibern wie MKS Lędziny messen. War natürlich nicht blöd von Lędziny, dass sie ihr Heimspiel in Bytom austrugen. Die Einnahmen dürften höher sein (trotz der Organisationskosten, die Polonia zum Abzug bringen wird) und man spart sich den Stress, wenn so eine große Szene zu einem wichtigen Spiel anreist, welches die Staffelmeisterschaft vorentscheiden könnte.

Die in jüngerer Zeit renovierte Tribüne

Die Partie, für die ich 10 Zloty aufbringen musste, war in etwa auf heimischem Bezirks- bzw. Landesliganiveau. Ein Haufen mehr oder weniger talentierter Feierabendfußballer jagte dem Ball hinterher, während zwei, drei herausragende Akteure den Unterschied zugunsten Polonias ausmachten. Aber selbst dem Aufstiegsaspiranten aus Bytom fehlte es manchmal an Basics wie ‚Hinten nie quer‘. Daher wäre der Außenseiter auch fast in Führung gegangen. Doch in der 12.Minute markierte der zweitligaerfahrene Mittelfeldmann Krzysztof Hałgas (früher u.a. bei Piast Gliwice) das frühe 1:0 für Polonia. Schönes Solo in den Strafraum und platziert in den Torwinkel abgeschlossen.

Das noch verwaiste Vorsängerpodest

Mit einem Tor im Rücken spielte es sich gleich leichter gegen das Tabellenschlusslicht und nach ungefähr 20 Minuten setzte auch der Support ein. Der sangesfreudige Teil des Publikums hatte sich hinter drei Zaunfahnen platziert und der Vorsänger dirigierte den Mob stilsicher mit einer Bulldogge und dem Schriftzug ‚Hooligans‘ auf dem Shirt. Da musste ich gleich wieder an das Interview mit den Jungs von Polonia im Fanzine „Polska Kibolska“ denken. Überschrift: „Die Leute hier sind eben lieber Hools“.

Auch ein nettes Panorama

Auf dem Platz wurde derweil in der 21.Minute gleich nachgelegt. Der auffällige 19jährige Jarosław Czernysz schloss aus 20 Metern in den Winkel ab. Der Torjubel und der Support hallten ganz gut im baufälligen Rund. Der Vorsänger war übrigens ohne Flüstertüte aktiv und die ganze Zeit am zechen. Nach dem Torjubel gab es erstmal Gesänge für die Verbündeten Odra Opole und Arka Gdynia, von denen allerdings niemand anwesend war. Das mag bei einem Relegationsspiel um den Aufstieg demnächst anders aussehen. Denn, dass Polonia Meister in ihrer Staffel wird, wurde langsam Gewissheit. In der 23.Minute prüfte Kamil In(sta)gram nochmal Polonias Torwart. Doch mehr als ein Lebenszeichen war das nicht, da im Gegenzug Czernysz Slalom im Strafraum von MKS tanzte. Nach dem vierten Haken legte klug auf Hałgas ab, der den Ball in die Maschen haute. 3:0, eine komfortable Führung und auch der Halbzeitstand.

Im Strafraum der Gäste war viel los

Nach der Pause, die der sangesfreudige Teil des Anhangs noch lange ausdehnte für Plaudern und Bier trinken, fiel in der 58.Minute überraschend der Anschlußtreffer durch Kamil Ingram. Das hier trotzdem nichts anbrennen sollte, zeigte eine Reihe von Angriffen Polonias in der Folgezeit. Doch die Bytomer hatten jetzt irgendwie die Seuche am Fuß. Selbst Hałgas vergab mittlerweile alleine vorm Torwart. Wenigstens gab es ab der 65.Minute wieder Support. Zeit für mich mal die Seite zu wechseln und den Block frontal zu betrachten. War doch ein schön kompakter Haufen von knapp 400 oder mehr Leuten. Die Presse- und Ehrentribüne befand sich übrigens oberhalb des Dschungels, der vielleicht mal die Haupttribüne war. Meine Videos sahen daher aus, als würde ich aus dem Gebüsch filmen. War schon ein archaischer Ort, dieses Stadion.

Der Fanblock

In der 81.Minute machte der Routinier Michał Chrabąszcz (übrigens in Jastrzębie-Zdrój geboren und viele Jahre für GKS Jastrzębie aktiv) den Sack mit dem Tor zum 4:1 zu und die letzten 10 Minuten plätscherte das Spiel nur noch vor sich hin. Dann war Feierabend und Polonia war definitiv Staffelmeister geworden. In der Parallelstaffel hat sich übrigens Ruch Radzionków ebenfalls einen Spieltag vor Schluß die Meisterschaft geholt. Radzionków war bis 1998 Stadtteil von Bytom und der Club hat ’ne kleine, aber feine Szene, die, richtig geraten, mit den Fans von Polonia Bytom in gegenseitiger Abneigung verbunden ist. Das werden zwei brisante Entscheidungsspiele um den Aufstieg. Leider aus Termingründen ohne mich. Zumindest das Rückspiel in Radzionków hätte ich mir gerne gegeben, aber das ist unter der Woche und ich bekomme keinen Urlaub.

Ab ins Gebüsch

Ich schaute mir noch an, wie sich Mannschaft und Fans „isländisch“ voneinander verabschiedeten und machte anschließend schnelle Schritte zum Busbahnhof der Stadt. Doch nicht, weil Bytom immer noch so uneinladend aussah (ich passierte dank anderer Route sogar eingerüstete, sowie fertig sanierte Wohnblöcke. In Bytom, da tut sich was!), sondern weil ich gerne einen Bus früher als geplant bekommen wollte. Diesen schaffte ich erfreulicherweise und war somit schon um 20:50 Uhr zurück in Katowice. Die Busse sind übrigens mit Gratis Wi-Fi und Ladeports für Smartphones ausgestattet. Geht sicher auch ohne, aber zeigt wieder Deutschlands Status als Entwicklungsland in dieser Thematik. Immerhin darf man jetzt tatsächlich 200MB im ICE gratis versurfen. Sogar in der 2.Klasse. Deutschland, Land der Ideen!

Hier muss noch etwas renoviert werden

Beim Ruhen im Bus meldete sich derweil ein Gefühl, welches das wohlgetaktete Tagesprogramm und die wahnsinnig vielen Impressionen komplett unterdrückt hatten. Hunger! Es folgte ein Blick ins Portemonnaie und mir fiel nun auf, dass ich, bis auf 10 Zloty und ein paar Zerquetschte, endlich meine 150 Zloty aufgebraucht hatte. Also nochmal flugs 100 Taler abgehoben und im „Wiejska Chatka“ eingekehrt. 40 davon (inklusive Trinkgeld) blieben dort für ein Schnitzel mit Kartoffeln und Gurkensalat, sowie einen Liter hausgemachte Orangenlimonade.

Romantisches Dinner for One

Pappsatt ging es die letzten 2km zum Hotel und ich durfte freudig feststellen, dass die Gesamtlaufleistung dieses Wochenende die 50km-Marke geknackt hat. Unschöner Nebeneffekt: Die eine Sneakersohle war durchgelatscht und die andere kurz davor. Ich habe das Modell zwar längst nicht jeden Tag getragen, aber nach fünf Jahren in meinem Besitz dürften trotzdem ein paar Tausend Kilometern zusammen gekommen sein. Da ist das Ableben durch Abrieb schon okay und so ein, zwei weitere Paar Sneaker hab ich wohl noch daheim rumstehen.

Schlesisches Museum bei Nacht

Bei der montäglichen Abreise mussten mangels PKW ganz neue Pfade eingeschlagen werden. Von Katowice fliegen und spätabends in Hamburg landen, fiel ins Wasser, da die Öffis eine Nachtruhe im eigenen Bett nicht hätten ermöglichen können. Daher ging es mit dem IC Bus der Deutschen Bahn um 10:30 Uhr von Katowice nach Berlin und von dort mit dem ICE weiter nach Hause. Kostete zusammen erschwingliche 46€, bedeutete aber auch knapp 7 Stunden Busfahrt und knapp 2 Stunden Zugfahrt.

SB-Zapiekanka

Mit kalten Zapiekanki aus dem Biedronka-Supermarkt (je 0,65€) wurde der Bus zum Anfang der Fahrt erstmal als Frühstücksstätte genutzt, ehe dank Stau auf der Autobahn eine Tour durch die Dörfer nahe Kędzierzyn-Koźle (Kandrzin-Cosel) und Opole (Oppeln) begann. Aufgrund der nennenswerten deutschsprachigen Minderheit hier, waren die Ortsschilder oft sogar zweisprachig. Immer wenn die Autobahn in Sicht kam, sah die zwar herrlich leer aus, aber der Busfahrer wusste hoffentlich was er da tut (auch als er zwischen zwei Dörfern über einen besseren Feldweg fuhr, der nur bis maximal 10t zugelassen war). Wrocław (Breslau) wurde schließlich 90 Minuten später als geplant erreicht. Hm, 90 Minuten später in Berlin und ich verpasse meinen Anschluss. Gib Gas, du Louie!

Ein IC Bus von innen

Mein Mitfiebern half wenig, die 90 Minuten Verspätung blieben und mein ICE war seit 15 Minuten weg. Kurwa!!! Also schnell einen Verspätungswisch geholt und ab in den nächsten ICE gen Westen. Mit der Ankunft gegen 21:30 Uhr in den eigenen vier Wänden endete das dritte und letzte lange Wochenende in Folge. Schade, an den Rhythmus 3,5 Tage arbeiten und 3,5 Tage frei haben könnte ich mich gewöhnen. Erst recht, wenn das so geile Trips wie die letzten drei Touren ermöglicht.