Bethlehem, Jericho und das Tote Meer 01/2018

Samstagmorgen klingelten die Wecker um 7 Uhr, da wir um 10 Uhr in Bethlehem mit Ali und Achmed verabredet waren. Wir wollten ihr Bild von der “Deutschen Pünktlichkeit” schließlich nicht zerstören. Weil das Sherut nach Jerusalem allerdings nicht so schnell voll werden wollte, wurde es doch ein wenig “Inshallah-Pünktlichkeit” und wir waren erst um 10:12 Uhr in Bethlehem. Natürlich standen Ali und Achmed trotzdem am Treffpunkt und freuten sich über unsere Zuverlässigkeit. Außerdem lernten sie endlich Schirm kennen, den wir kurz zuvor beinahe beim Umstieg in Jerusalem verloren hätten. Aber den während seines Toilettengangs abfahrenden Bus konnte er gerade noch einholen (wofür ich beinahe die Busscheibe einschlug, um seine Aufmerksamkeit auf das Gefährt zu lenken).

The Wall

Erster Stopp der Tour war natürlich die bereits bei der Anfahrt nach Bethlehem gespottete Mauer. Acht Meter hoch ist sie und Israel bricht mit ihr, im Sinne seines Sicherheitsbedürfnisses, das Völkerrrecht (sagt der Internationale Gerichtshof). Nach der zweiten Intifada im Jahre 2000 wurde der Bau forciert, um endlich effektiv Anschläge von palästinensischen Terroristen auf israelischem Boden zu unterbinden. Die Grenzbefestigungen verlaufen jedoch zu 80% auf Territorium, dass international den Palästinensern zugesprochen wird. Also östlich der Waffenstillstandslinie von 1949 (der so genannten „Grünen Linie“). Insgesamt 760 Kilometer Sperranlagen trennen Israel vom Westjordanland, davon allerdings „nur“ 25 Kilometer Betonmauer. Der Rest ist ein schwer überwindbarer Zaun mit Stacheldraht, Bewegungsmeldern, Kameras, Gräben und Wachposten.

Muhammad Ali gefällt das nicht

Teilweise weicht die Anlage 20 Kilometer zu Ungunsten der Palästinenser von der „Grünen Linie“ ab und schneidet etliche Siedlungen der Palästinenser vom Kernland ab. Prämisse war, dass kein israelischer Ort näher als 2,5km an der Grenzbefestigung liegt und dass hier und da gleich noch ein paar umstrittene jüdische Siedlungen im Westjordanland miteingeschlossen werden sollten. Es handelt sich um eine de-facto-Annexion von 9,5% des Palästinenser-Territoriums (inklusive Ostjerusalem). Sollte es tatsächlich irgendwann zu einer Zwei-Staaten-Lösung kommen, wird Israel wohl eher nicht die geschaffenen Fakten zurücknehmen. Klar, dass diese Maßnahme weltweit auf ein geteiltes Echo stieß. Gefühlt scheint die Ablehnung in der öffentlichen Meinung deutlich zu überwiegen. Jedoch haben die massiven Sperranlagen wahrscheinlich viele israelische Leben gerettet, wenn man die Zahl der Terroranschläge vor und nach dem Bau der Anlage miteinander vergleicht. Der Preis dafür wird von Kritikern gerne mit Schlagwörtern wie Apartheid, Unterdrückung und Masseninternierung umschrieben.

Thinkin‘ bout peace

Banksy, der wohl bekannteste Streetartist dieses Planeten, ist einer der prominentesten Gegner der Mauer. Er war schon mehrfach in Bethlehem und benutzte dabei den „Antiterroristischen Schutzwall“ als Leinwand für seine Bilder. Seine gesprühten Kunstwerke sind natürlich mittlerweile ein Touristenmagnet geworden. Wie die Friedenstaube, die eine schusssichere Weste mit Fadenkreuz trägt, oder das Mädchen, das an einer Luftballontraube in die Freiheit abhebt. Auch wir knipsten fleißig Fotos der Streetart-Kunstwerke in Bethlehem, wobei von Banksy kaum noch etwas vorhanden ist. Dessen Bilder wurden in vielen Fällen mühsam von den Wänden geklopft, um sie zu Geld zu machen.

Banksys Friedenstaube

An der Mauer gab es darüberhinaus diverse Souvenir-Shops. Einer davon, mit allerhand Banksy-Artikeln, gehörte natürlich einem guten Freund von Ali, der uns auf einen Kaffee einladen wollte. Es war der berüchtigte arabische Kaffee mit Kardamom. Anstandshalber kauften wir dann jeder ’ne Postkarte für 1€, um für die Gastfreundschaft zu danken (Jutebeutel für 10€ oder T-Shirt für 20€ waren doch etwas zu ambitioniert bepreist). Und dieser Banksy blieb auch nach diesem Butterfahrt-Element gegenwärtig, denn nun ging es in „sein“ Hotel an der Mauer.

Das „Banksy“-Hotel

Das „The Walled Off Hotel“ wirbt mit der schlechtesten Aussicht der Welt. Banksy hat es finanziert und gestaltet. Als es im März 2017 eröffnete, wurde weltweit berichtet. Wir schauten uns um und entdeckten darin überall seine subversive Kunst, gepaart mit klassischer britischer Eleganz. Anstatt aus einem Springbrunnen, sprudelte Wasser zum Beispiel aus einem zerschossenen Hauswassertank, wie wir sie gestern in Hebron auf den Dächern der Wohnhäuser gesehen hatten. Über dem Kamin waren Überwachungskameras als Jagdtrophäen inszeniert und Banksys Wandmalereien hingen als Gemälde gerahmt an den Wänden. Außerdem gab es ein kleine museale Ausstellung zur Konfliktgeschichte und eine Galerie, in der palästinensische Künstler ihre Werke ausstellen können (beides für jedermann zugänglich). In Summe machen Kunst und Luxus natürlich stolze Übernachtungspreise von 50€ (Hostelbett), über 170€ (einfachstes DZ) bis hin zu 770€ (Presidential Suite). Das Hotel soll gut ausgelastet sein, was ein finanzieller Segen für alle beteiligten Palästinenser sein dürfte.

Omar-Moschee und Omar-Platz

Nach ausgiebig Mauer und Banksy, lud Ali zur Lagebesprechung. In einem zerfledderten Heft zeigte er uns diverse Sehenswürdigkeiten, die wir ansteuern könnten. Die Geburtskirche war dabei natürlich gesetzt und er hatte gleich wieder ein Angebot für uns. Ein Freund von ihm arbeitet für die Tourismusbehörde, der könnte uns durch die Kirche führen. „Big Problem“ war angeblich der Massenauflauf von Touris und Pilgern. Man würde bestimmt eine, vielleicht auch zwei Stunden anstehen. Aber sein Kumpel führt uns mit seiner Autorität an allen vorbei (für nur 15 Shekel). Die Gebühr war zu verschmerzen, auch wenn wir dachten, dass da wahrscheinlich gar nicht so viel los ist und Ali und der Spezi am Ende selbst ganz überrascht tun, ob des ungewohnt geringen Andrangs.

Haupteingang Geburtskirche

Am winzigen Haupteingang der Kirche aus dem 4.Jahrhundert war jedenfalls schon mal keine Schlange. Meine Vermutung, dass die Tür so niedrig ist, damit sich jeder beim Eintritt automatisch verbeugen muss, war nicht ganz richtig. Das war nur ein Nebeneffekt. Hauptgrund war, dass man damals (im 4.Jahrhundert) verhindern wollte, dass Kamele, Esel usw. in der Kirche ein- und ausgehen. Sagte jedenfalls der Guide (wenn ich ihn überhaupt richtig verstanden habe). Aber warum haben die dann nicht einfach eine Tür gebaut? Man sah jedenfalls, dass es durchaus mal ein größeres Portal gab, welches nachträglich verkleinert wurde. Meine Recherche ergab, dass die Kreuzfahrer die Pforte verkleinerten. Vermutlich zur besseren Verteidung der Kirche. Überhaupt war die Kirche von außen nicht unbedingt ’ne Schönheit und sah eher aus wie eine Festung.

Mosaikfußboden aus dem 4.Jahrhundert

Drinnen sah das schon wieder anders aus. Ein prunkvoller Altar und kunstvoll bemalte Säulen und Wände erwarteten den Besucher. Aktuell waren Säulen und Wände jedoch eingerüstet, weil italienische Spezialisten gerade alles aufwändig restaurieren. Dabei wurde auch ein Teil des originalen Mosaikfußboden aus dem frühen 4.Jahrhundert freigelegt. Kaiser Konstantin und seine fromme Mutter Helena (denen wir den Siegeszug des Christentums im Römischen Reich zu verdanken haben) ließen die Kirche erbauen und mit diesem spätantiken Kunstwerk schmücken. Erbaut an der Stelle (einer Felsgrotte), die seit dem 1.Jahrhundert von den frühen Christen als Geburtsstätte Jesu verehrt wird, und geweiht im Jahre 335. Allein schon, weil es wenige so gut erhaltene frühchristliche Kirchen wie diese gibt, ist die Geburtskirche völlig zurecht in den Kanon des UNESCO-Welterbes aufgenommen worden.

Altarraum der Geburtskirche

Die besagte Felsgrotte befindet sich nun unterhalb des Altarraumes und dorthin war wirklich eine unfassbar lange Schlange, mit vor allem wenig Bewegung, auszumachen. Das hätte bestimmt, wie prophezeit, ein bis zwei Stunden Wartezeit in Anspruch genommen. Doch der Guide machte sich bezahlt und führte uns tatsächlich an allen vorbei zum Eingang der Grotte. Dort unten konnten wir nun Weihrauch schnüffeln und den Stern von Bethlehem berühren. Der Stern markiert die mutmaßliche Stelle markiert, wo Baby Jesus das erste Mal von Mama Maria und Stiefpapi Joseph in den Schlaf gesungen wurde. Eine ergriffene Frau brach in Tränen aus und konnte sich gar nicht mehr beruhigen. Meine Mitreisenden dagegen packten à la Dschungelprüfung in das Loch in der Mitte des Sterns und waren enttäuscht, dass da nur ein Hohlraum ohne Inhalt ist.

Mächtig Andrang zur Geburtsgrotte

Geschichtswissenschaftlich betrachtet ist die Geburt von Jesus in Bethlehem natürlich als Legende anzusehen. Nur nach Matthäus (nein, nicht Lothar) und Lukas (nein, nicht Podolski) wurde Jesus in Bethlehem geboren. Die anderen beiden Evangelisten verschweigen diesen sehr wichtigen biografischen Punkt komischerweise. Denn Bethlehem ist der Herkunftsort Davids, von dem laut jüdischer Überlieferung der künftige Messias abstammen sollte. Um einen Wanderprediger aus Galiläa (höchstwahrscheinlich ist Jesus als Zimmermannssohn im galiläischen Nazareth geboren) zum Messias zu stilisieren, musste er in Bethlehem geboren sein und auch noch König David in den Stammbaum gezaubert bekommen. Aber lassen wir das, es geht den Menschen hier ja um den Glauben und nicht um die wissenschaftliche Forschung.

Der Stern von Bethlehem

Außerdem war der nächste Programmpunkt wesentlich absurder. Wir gingen zur fußläufig von der Geburtskirche erreichbaren Milchgrotte. Die junge Familie aus Nazareth soll nach der Geburt nochmal in Bethlehem die Höhle gewechselt haben und hier hat Maria ihr Baby das erste Mal gestillt. Dabei sind Tropfen ihrer heiligen Milch auf den Boden geplätschert und die Felswände färbten sich kalkweiß. Daher kommen seit Jahrhunderten kinderlose Frauen in die Grotte und beten für eine baldige Befruchtung. Und wer nicht allein auf sein Gebete vertrauen will, kann auch noch den abgeschabten Kalk in Wasser aufgelöst trinken. Es soll wirklich Wunder wirken und weit über Tausend glückliche Mütter haben schon Dankesbriefe und Kinderfotos an die Franziskanermönche, die Grotte verwalten,  geschickt. Lassen wir mal so stehen…

Ab zur Milchgrotte

Wir mussten nun als nächstes zu einem traditionellen Handwerker unweit der Grotte ziehen, den wir beim Bearbeiten vom Holz des Olivenbaums über die Schulter schauen sollten. Die Werkstatt hatte allerdings zu. So ein Pech aber auch. Aber der Shop war geöffnet und Alis Freund war auch unser Freund und eröffnete uns ein Angebot, welches nur heute und nur für uns gilt. 50% Nachlass auf jeden Artikel. Wir konnten unser Glück kaum fassen und schauten uns die, zugegeben, wirklich sehr schönen Arbeiten genauer an. „Hey cool, die 30cm-Maria kostet heute nur 300 US$ anstatt 600 US$. Lass gleich zur Bank!“ fiel unter anderem als Satz. Lieber Ali, Schluss jetzt mit Butterfahrt! Ali verschwand nach der Ansage sogleich zur Moschee, um hoffentlich Buße zu tun.

Lactating Mary

Immerhin sollte es jetzt noch auf das Hausdach des Handwerkers gehen, von dem man einen tollen Ausblick über Bethlehem hatte. Doch noch interessanter war für uns das Dromedar im Hof. Achmed meinte, wir könnten das Tier ruhig streicheln und füttern. Gesagt, getan. Der Paarhufer freute sich zunächst über Grasbüschel aus unseren Händen, wurde danach aber von einer Sekunde auf die andere bockig. Ich wünschte ich hätte das alles filmen können. Das Vieh schnappte nach uns, trat um sich und scheuchte uns durch das Gehege. Ich schaute nur auf Achmed und sah wie der seine Beine in die Hand nahm. Okay, wenn der Typ, der mutmaßlcih jeden Tag mit Dromedaren zu tun hat, flüchtet, machst du das besser auch. Am Ende war nur noch Ole im Gehege und konnte Haken schlagend mit Mühe und Not entkommen. Der Besitzer kam mittlerweile auch aus dem Haus und entschuldigte sich. Das Kamel hatten sie erst letzte Woche aus der Wüste geholt. Es sei noch sehr wild. Jo, haben wir gemerkt.

Die Bestie von Bethlehem

Nachdem wir der Bestie von Bethlehem unversehrt entkommen waren, kam Ali vom Beten zurück und es ging mit den Taxis zu dem Feld, wo angeblich den Bethlehemer Hirten von Engeln die Geburt Jesu Christi verkündet wurde. Nur bedingt spektakulärer Ort, an dem wir nicht viel Zeit verbrachten (halt ’ne Wiese mit ’ner Kapelle drauf). Wir wollten lieber zügig zum Toten Meer weiter. Und um noch mehr Zeit zu sparen, gab es heute das Mittagessen zum Mitnehmen. Ali und Achmed steuerten einen Imbiss am Straßenrand an, wo wir uns selbst nach unseren Wünschen ein Shawarma basteln konnten. Dazu noch schnell einen Mangonektar eingepackt und weiter ging‘s.

Build your own Shawarma

Durch die Judäische Wüste fuhren wir gen Totes Meer. Neben der faszinierenden Wüstenlandschaft, gab es den Geschlechtsakt vollziehende Esel auf dem Seitenstreifen zu sehen und außerdem viele Dromedare am Wegesrand. Letztere waren aber schon längst gezähmt und standen an gefühlt jeder Ecke für Touristen zum Reiten und Posieren zur Verfügung. Wir erreichten irgendwann Höhenmeter Null und ab da ging es unter den Meeresspiegel. Am Ende waren es über 400 Meter unter Normalnull. Willkommen am tiefsten Punkt des irdischen Festlands!

Das Tote Meer

In der Nähe des Städtchens Kalia ging es zum einem „Beach Resort“. Ali hatte seine drei Insassen bereits informiert, dass das 85 Shekel Eintritt kostet, aber wir durch seine Connections nur 50 Shekel zahlen müssen. Super Deal, oder? Das Tote Meer wird von Israel kontrolliert, da müssen sie angeblich eine Sondergenehmigung für die Anfahrt bezahlen und das Resort will natürlich ebenso Eintrittsgeld haben. Wieso wurde das gestern eigentlich noch nicht bei Angebotslegung erwähnt? Hätte ich nach der Sondergenehmigung gefragt (einen Kontrollposten hatten wir jedenfalls nicht passiert), hätte er mir wahrscheinlich seinen letzten Strafzettel auf Arabisch oder Hebräisch unter die Nase gehalten. Also egal, was sind schon 12€?

Leider kein Badewetter

Am Eingang zeigte Ali stolz auf die Stelle mit 85 NIS auf der Preistafel. Ganz unten war allerdings die englische Übersetzung „Day Pass“ zu lesen. Für 30 bis 60 Minuten wird man wohl kaum 85 Shekel abkassieren und Ali hatte komischerweise auch nichts am Kassenhäuschen zu blechen, sondern wir wurden alle so durchgewunken. Bestimmt wird das alles per Paypal abgerechnet. Oder berühungsloses Zahlen mit Kreditkarte. Modernes Land, dieses Palästina! Zum Glück habe ich die Gabe solche Aufreger vorerst auszublenden, um in Ruhe den Ort genießen zu können. Leider war Baden heute strikt verboten. Bei steifer Brise und niedrigen Temparaturen von 13 oder 12°C wäre das auch kein Vergnügen geworden. Doch einmal Füße in die berühmte Brühe rein, hätte es schon gerne sein dürfen. Nur rief der Bademeister jeden energisch zurück, der sich dem Wasser näherte. Wo ist nur Ali, wenn man ihn braucht? Für 20 Shekel wäre da bestimmt eine Sondergenehmigung drin gewesen. Unser Freund wartete allerdings am Ausgang und rief „Yalla, yalla“, als wir dort noch schnell das Wi-Fi für unsere treuen Instagram-Follower auskosten wollten.

Tote Hose am Toten Meer

Die nächste Etappe unserer Rundreise führte uns zum Jordan. Der Fluss ist bekanntlich die Grenze zwischen dem haschemitischen Königreich Jordanien und dem, was vielleicht irgendwann mal der souveräne Staat Palästina wird (Westjordanland). Da Jordanien und Israel sich in diversen Kriegen gegenüberstanden und das Westjordanland von 1948 bis 1967 von Jordanien annektiert war, war auch hier keine entspannte Grenze zu erwarten (auch wenn Jordanien mittlerweile eines der wenigen islamischen Länder ist, welches diplomatische Beziehungen zu Israel unterhält). Die Straße zum Fluss hatte jedenfalls einen vorgelagerten Checkpoint und rechts und links der Fahrbahn waren ausgedehnte Minenfelder zu bestaunen.

Dangerous Mines

Dann sahen wir eine goldene Kuppel am Horizont und eine große jordanische Flagge. Das musste al-Maghtas sein, die transjordanische Stelle, wo Johannes der Täufer angeblich Jesus Christus getauft haben soll. Wir stoppten auf einem Parkplatz neben lauter Reisebussen und gingen zum Ufer. Auf cisjordanischer (israelisch kontrollierter) Seite war hier Qasr el Yahud. So nennt sich die Taufstelle diesseits des Jordan. Da der geneigte Gläubige von beiden Ufern in die gleiche versiffte Suppe steigen kann, gibt es glaube ich keinen epischen Streit darüber auf welcher Seite die Taufe stattzufinden hat. Die Sakralbauten stehen allerdings seit der Antike auf jordanischer Seite und al-Maghtas ist 2015 ins UNESCO-Welterbe gewandert.

Grüß dich, Jordanien

Weil es offenbar einfacher oder günstiger für die Pilger ist, sich in Qasr el Yahud taufen zu lassen, finden hier mutmaßlich jeden Tag deutlich mehr Taufen statt, als drüben. Wir waren auch gerade rechtzeitig da, um eine Busladung US-Amerikaner (wahrscheinlich wiedergeborene Christen) beim Planschen zu beobachten. Währenddessen füllten Landsleute von ihnen das gesundheitsgefährdende Wasser in kleine Fläschen ab. Unsere entsetzten Blicke deuteten sie wohl dahingehend, dass das verboten sein könnte. Ihre Nachfrage beantworteten wir mit „No, no. It’s okay. It’s permitted.“ Sie waren erleichtert, denn ein Haufen von Freunden daheim wünscht sich dieses heilige Wasser und hofft so sehr darauf, dass sie ihnen etwas davon mitbringen. Ja, wie gesagt, macht nur weiter… Aber nicht trinken! Nicht, dass ihr uns hier noch über den Jordan geht.

Massentaufe wiedergeborener Christen

Die Zapfer hier, oder die ergriffenen Nachthemdträger (Täuflinge) im Wasser, hätte ich eigentlich mal fragen sollen, warum Jesus als der Messias, Erlöser der Welt und Sohn Gottes zunächst Fanboy von Johannes dem Täufer war? Warum er sich von seinem Idol taufen ließ und erst nach dessen Tod eigenständig durchstartete? Also werdet doch lieber Mandäer als Christen, wenn selbst Jesus den Johannes für die größere Nummer gehalten hat. Aber vielleicht hat Gott seine Vaterschaft gegenüber Jesus auch bis zum Tod von Johannes geheimgehalten und ihm erst dann offenbart, dass er sein Sohn ist und nun das Evangelium zu verkünden hat? Die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich.

Der Berg der Versuchung

Um weiterhin auf den Spuren des Religionstifters Jesus Christus zu bleiben, sollte es nun nach Jericho gehen. Dort fuhren die Taxis sogleich an den Straßenrand. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Ali erzählte uns, was er gerade schon mit unseren Freunden abgemacht hatte. Für 20 Shekel pro Person würden sie uns auf den Berg der Versuchung rauffahren. Dort soll der Teufel dreimal probiert haben Jesus auf die dunkle Seite der Macht zu locken und dort ist ein eindrucksvolles griechisch-orthodoxes Kloster in den Fels gebaut. Wir könnten auch Seilbahn fahren, tolle Sache, aber das würde uns stolze 80 Shekel kosten, merkte Ali an. Einem Ansatz von Einwand wurde entgegnet, dass nur abgemacht war nach Jericho zu fahren, nicht jedoch auf den Berg hinauf. Gut, wegen 5€ brauchen wir nicht streiten. Fahr uns rauf!

Eingang des Felsenklosters Qarantal

Von -230m (230 Meter unter Meeresniveau) auf -50m quälten sie nun ihre Karren eine steile Piste rauf. „As you can see, it’s not good for the car. That’s why we have to charge you extra.“ Ja, ja… Die letzten Meter zur Klosterpforte hatten wir dann zu Fuß zu absolvieren und standen leider vor verschlossenen Toren. Eigentlich soll das Kloster der Öffentlichkeit zugänglich sein, aber Ali hatte uns schon gewarnt. Die Mönche lassen Pilger nach Lust und Laune rein. Mittels Videokamera sehen sie, wer da Einlass begehrt. Bärtige Typen, die nach orthodoxem Bruder aussehen, hätten gute Chancen reingelassen zu werden. Wir dagegen eher nicht. Und im übrigen sieht Gott bekanntlich alles. Vielleicht war das die Strafe dafür, dass wir uns kurz zuvor über die Täuflinge lustig gemacht haben? Immerhin wurden wir mit einer schönen Aussicht über Jericho und das Jordantal für unsere Investition entschädigt.

Elishaquelle

Wir ließen uns nun runter zu Jerichos archäologischer Ausgrabungsstätte namens Tell-es-Sultan fahren. Dabei stoppten wir an der Elishaquelle und nahmen Jerichos Behauptungen zur Kenntnis, sowohl die tiefstgelegene, als auch die älteste Stadt der Welt zu sein. Mag beides stimmen. Jedenfalls ist Jericho bereits seit 11.000 v. Chr. besiedelt. Die ältesten Stadtmauerreste sollen von ca. 8000 v. Chr. sein. Zwischen ihnen konnte man nun für 10 Shekel rumturnen. Und auch das mit der tiefstgelegenen Stadt scheint zu stimmen. Ich konnte keinen Ort finden, der 250 Meter unter NN unterbieten kann. Außerdem ist der Ort noch aufgrund einer alttestamentarischen Bibelgeschichte berühmt; den Trompeten von Jericho! Deren Töne sollen die Stadtmauern zum Einsturz gebracht haben, als die Israeliten unter Moses-Nachfolger Josua die Stadt eroberten. Historizität natürlich wie immer fragwürdig, aber einen wahren Kern hat die Geschichte eventuell.

Tell-es-Sultan und die Seilbahn

Nach 30 Minuten Lustwandeln war Lagebesprechung in der Gaststätte an der Ausgrabungsstätte. Das Felsenkloster St. Georg oder Qumram (Fundort der berühmten Schriftrollen von Qumram) wären jetzt noch interessante Destinationen gewesen. Aber laut Ali war es dafür schon zu spät. Wir müssten nochmal wiederkommen, wenn die Tage wieder länger sind. Dann habe auch alles länger geöffnet. Als Alternative hatte er die Moschee „Nabi Musa“ im Angebot. Hier befindet laut islamischer Überlieferung das Grab von Moses (ja, der wird im Islam auch als Prophet verehrt). Gut, dann dahin…

Unterwegs in der Judäischen Wüste

Das Bauwerk aus dem 15.Jahrhundert steht mitten in der Wüste und bereits seit den Zeiten von Sultan Saladin (12.Jahrhundert) sollen fromme Muslime zu diesem kargen Ort pilgern. Allah erschien Saladin in einer Vision und der Sultan sah, wie Allah den Leichnam vom Berg Nebo (im heutigen Jordanien) zu dieser Stelle brachte. Die Juden (und Christen) glauben dagegen weiterhin, dass Moses auf dem Berg Nebo begraben ist. Für die Muslime jedoch ist Nabi Musa ein praktischer Ort für die Moses-Verehrung. Denn pilgert man von Jerusalem gen Mekka, ist diese Stelle am Ende des ersten Tagesmarsches erreicht. Der Berg Nebo dagegen würde einen Umweg erfordern. Der Marketingerfolg zeigt sich auch darin, dass rund um die Moschee große muslimische Gräberfelder zu finden sind. Viele fromme Muslime wollen eben gerne neben Moses begraben werden.

Nabi Musa Moschee

Die Moschee hatte natürlich auch ein Kenotaph (Scheingrab) von Moses in einem Nebenraum parat. Ab dem frühen 19.Jahrhundert wurde es en vogue immer an Ostern, wenn die christlichen Nachbarn ihr höchstes Fest feiern, nach Nabi Musa zu pilgern. So ’ne Art Pilgerfahrt hatte Ali inzwischen auch vorbereitet. Er wollte gerne noch mit uns zum Grab seines Idols Jassir Arafat nach Ramallah und sich danach mit uns ins Nachtleben der Quasi-Hauptstadt der Palästinensischen Autonomiegebiete stürzen. Von frisch gepressten Säften, Shisha rauchen und hübschen jungen Frauen war die Rede. Meine Freunde, isoliert von mir angesprochen und offensichtlich nur bedingt angetan von diesen Plänen, schoben die Verantwortung jedoch zum „Boss“. Also rief Ali „Hey, Boss“ (der Zusatz „ich brauch‘ mehr Geld“ wäre hier gar nicht so unpassend).

Innenhof von Nabi Musa

Der Boss löste es dann sehr vorausschauend und sagte, dass alle relativ kaputt seien. Aufgrund der frühen Anreise und der langen Tour (ja, ja, ihr hattet uns angeboten in Bethlehem zu schlafen…). Jetzt am Abend, nach so vielen Eindrücken, könne man den noch zu besuchenden Orten nicht mehr die Aufmerksamkeit schenken kann, die sie verdienen. Außerdem bekommen sie ja trotzdem die ausgehandelte Summe und da würde ich mir wünschen, dass sie lieber zwei Stunden früher bei ihren Familien sind und Zeit mit ihren Kindern verbringen können. Denn in den Gesprächen heute habe ich gemerkt, wie sehr sie ihre Familien lieben und wie wenig Zeit sie durch die viele Arbeit für ihre Lieben haben. Der Familienjoker hat natürlich gesessen und Ali kann ja schlecht sagen, in Ramallah wollen wir euch noch weiteres Geld aus der Tasche ziehen, über das sich unsere Familien noch mehr als über unseren früheren Ferierabend freuen würden.

Lungern am Schrottplatz

Also ging es nach Bethlehem bzw. nach Maale Adomim, wo sie uns an einem Schrottplatz rausließen und wir einfach den nächstbesten Bus nach Jerusalem nehmen sollten. Bei der Endabrechnung gab es dann noch ’ne kleine Überraschung. Es kamen zu den gestern fixierten 170 Shekel noch die 20 Shekel für die Auffahrt in Jericho dazu, der wir ja auch einstimmig zugestimmt haben und ebenso die 50 Fantasie-Shekel für unseren Kurzbesuch im Resort am Toten Meer, die ich eigentlich noch ausdiskutieren wollte. Aber für das Essen und Trinken am Mittag sollen wir uns eingeladen fühlen. Diese Geste machte etwaige Nachverhandlungen obsolet und mit aufgerundeten 250 Shekeln (60€) für das komplette Paket konnten wir alle leben. Wir sind schließlich keine armen Leute.

Damascus Gate by night

Nach rund 15 Minuten lungern am Schrottplatz, kam schließlich der Bus nach Jerusalem (kostete von hier wie von Bethlehem 6,8 Shekel) und um 18 Uhr waren wir wieder am Damaskustor. Bahnen sollten erst ab 18:45 Uhr fahren, also schlenderten wir zu Fuß zum Busbahnhof, wofür wir in etwa ’ne Stunde brauchten. Der Bus um 19:15 Uhr war dann unser und gegen 20 Uhr erreichten wir wieder Tel Aviv. Es ging sofort zurück ins „HaMinzar“, wo wir den gelungenen Tag mit ein, zwei Runden Goldstar und Arak begossen und außerdem ein Abendessen in Form von Pulled Pork Burgern genossen (à 40 Shekel). Ja, Schweinefleisch in Israel! Wie schon an anderer Stelle erwähnt, ein sehr liberales Lokal.

Not kosher

Allerdings gab es beim Bezahlen einen Eklat. 571 Shekel standen auf der Rechnung und wir legten runde 600 Shekel auf den Teller. Plötzlich kam der Teller mit 29 Shekel zurück (Anmerkung: es war eine andere Crew als am Vorabend). Auf dem Kassenbon war nun mit Textmarker „Service is not included“ markiert. Wir fragten was das soll und bekamen zur Antwort, dass man mindestens 10% Trinkgeld zahlen muss, wir aber nur 5% Trinkgeld gegeben hätten. Sowas ist uns bei unseren bestimmt schon zwei Dutzend Gastronomiebesuchen in Israel noch nicht untergekommen. Gut, wir geben immer üppig Trinkgeld, wenn es der Geldbeutel hergibt, aber das waren sicher nicht immer 10% oder mehr. Wir kippten jetzt alle unser Kleingeld aus, kamen auf circa 50 Shekel Servicegebühr und gingen. Lehitraut „HaMinzar“! Ich finde, sie hätten es offensichtlichen Ausländern wenigstens freundlich erklären können, dass sie US-Verhältnisse haben. Aber diese Art und Weise war schon arg unsympathisch.

Arak und Bier, das lob ich mir

Der Ärger war schnell verflogen, als wir uns an die „Berliner Luft“-Bestände im Appartement ranwagten. Gulle machte sogleich den DJ und fand wenig Zustimmung für seinen Rap-Mix. “Nur weil ihr nicht Street seid, alda!”, sprach er und wechselte zum 80ies-Mix. Wir stellten nun fest, dass Gulle unbedingt ’ne „Clowns & Helden“-Coverband gründen sollte und außerdem, dass der Abt als einziger nicht mit seiner Hand in eine Pringles-Dose kommt (Handballer-Pranken Deluxe!). Zu den Pringles gab es übrigens Hummus-Dip. Mehr us-israelische Freundschaft für den Magen gibt es nur bei „Kosher McDonald’s“, wo ein Rabbi überwacht, dass auch ja kein Käse auf den Burger kommt. Alles in allem ein sehr geiler Tag, der jeden Shekel, sowie den Kater am nächsten Morgen, wert war.

Alkoholischer Abendausklang

P.S.: wie es der Zufall so will, habe ich diesen Bericht an dem Tag (05.02.2018) geschrieben, an dem die Berliner Mauer schon so lange wieder verschwunden ist, wie sie existierte. Nämlich exakt 28 Jahre, 2 Monate und 26 Tage. Ich glaube die Mauer zwischen Israel und den Palästinensergebieten wird das deutsche Pendant bedauerlicherweise an Lebensdauer übertreffen.