Hebron 01/2018

26.01.2018
Shabab Al-Khalil – Shabab Al-Khader 2:0
West Bank League (I)
Hussein Bin Ali Stadium (Att: 1.312)

Nach dem Israel-Trip im Januar 2017 war sofort klar, dass es bald wieder ins Heilige Land gehen muss. Das schon nahezu komplett verplante Reisejahr 2017 ließ da leider nichts mehr zu, doch als im März der Winterflugplan 17/18 von Easyjet freigeschaltet wurde, machten Ole, Schirm, der Abt und ich sofort wieder Nägel mit Köpfen. Für schmale 115€ pro Person sollte es Ende Januar 2018 wieder von Berlin nach Tel Aviv und zurück gehen. Während des Skopje-Trips Ende März 2017 konnte auch noch Max zum Nachbuchen bewegt werden und im April, beim 96-Auswärtsspiel in Heidenheim, schnappte Gulle die Planungen am Bierstand auf und plötzlich waren wir zu sechst. In der Unterkunft vom vorherigen Trip gab es zu unserer Freude auch eine Suite für 6 Erwachsene (660€ für 5 Nächte) und ebenso in Sachen Transfer (Autofahrt, Parkhaus am BER) gab es keine Experimente.

Frühstücksmaß

Am frühen Morgen des 25.Januar ging es um 1:30 Uhr los und am Parkhaus P3 (30€ pro Woche) der ewigen Flughafenbaustelle BER waren wir gegen 4 Uhr. Mit dem im Preis inbegriffenen Shuttlebus ging es zum alten Flughafen Schönefeld und der Abt stellte sich vor, wie toll es wäre, wenn das „Augustiner“ am Flughafen schon offen hätte. Ja, dann würden wir sofort „a Maß“ und „a Brezn“ frühstücken. Beim Vorbeifahren nun der Blick zum Sehnsuchtsort und es brannte Licht. “Bestimmt sind die Putzfrauen gerade aktiv.” “Der Typ da am Tresen sah nicht aus wie ‘ne Putzfrau.” Und siehe da, das „Augustiner“ hatte tatsächlich ab 4 Uhr morgens geöffnet. Jetzt gab es wie angedroht Bier (9,50€ die Maß) und Brezeln (à 2,50€) zu früher Morgenstund‘ und Gulle stellte dabei traurig fest, dass er seinen Jutebeutel im Auto vergessen hatte. Pass oder Flugticket lagen da zum Glück nicht drin, aber seine Kopfhörer und der Aggro-Berlin-Fischerhut waren in seinen Augen nicht minder unerlässliche Reisebegleiter. “Ey, jetzt mal Real Talk! Schaff ich doch noch zu holen, mit dem Bus, oder?” Das musste leider negativ beschieden werden. Stattdessen ging es zeitig durch die zwei Sicherheitskontrollen zum Gate (nach Israel wird man am Gate noch ein zweites Mal durchleuchtet). Lediglich im Vorbeigehen wurde das Gepäck noch schnell um Spirituosen erweitert. Israel ist diesbezüglich ja ziemlich hochpreisig.

Wetter, so ham wir nich gewettet!

Den anschließenden Flug habe ich komplett verpennt (mit schon wieder freien Mittelplätzen in unseren Reihen ging das prima) und in Tel Aviv dacht‘ ich, ich träum’ immer noch. Regen! Regen in Tel Aviv! Die sollen doch über 300 Sonnentage haben. Letztes Jahr um diese Zeit waren wir noch im Meer schwimmen, diesmal hätten wir besser mal die Surfbretter oder den Ostfriesennerz eingepackt. Die israelischen Wellenreiter hatten jedenfalls ihren Spaß und wir erfreuten uns nach dem Check-in in der Unterkunft vom Jerusalem Beach aus (direkt vor unserer Haustür) ebenfalls an der Naturgewalt des Meeres. Um Gulle nochmal zu zitieren: “Mother Nature ist die geilste!” Dem ist nichts hinzuzufügen.

Er wartet auf Mother Nature’s perfekte Welle

Trotz Schietwetter marschierten wir nach den ersten Eindrücken die Küste runter bis Jaffa. Nach einer halben Stunde kamen wir gut durchgenässt und durchgefroren in der über 5.000 Jahren alten und ehrwürdigen Stadt an, die heute Teil der Doppelstadt Tel Aviv – Jaffa ist. Wir schauten uns hier Sehenswürdigkeiten wie die römisch-katholische Peterskirche, die Al-Bahr Moschee, die Wunschbrücke u.v.m. an. Durch das heutige Wetter gab es leider keinen schönen Sonnenuntergang, aber von Jaffas höchstem Punkt zu den leuchtenden Wolkenkratzern von Tel Aviv rüberzuschauen, war auch ein netter Anblick. Wir spazierten ein wenig durch die verwinkelten Treppenaufgänge und Gassen der Altstadt weiter und den beiden Israel-Debütanten gefielen die dortigen alten Gemäuer genauso gut wie dem Rest. Nach Einbruch der Dunkelheit war jedoch eine Marschpause angesagt und der aufgekommene Hunger wollte gestillt werden.

Sankt Peter in Jaffa

Direkt in der Altstadt wollten wir allerdings nach schlechten Erfahrungen im Vorjahr (Touri-Fallen) nichts essen und marschierten in das modernere Viertel Jaffas (ab dem frühen 20.Jahrhundert entstanden). In der Straße Yehuda HaYamit kehrten wir schließlich in ein unscheinbares Lokal der Gattung Kaschemme ein. Hatte keinen sichtbaren Namen (laut Internetrecherche muss es das „Monka“ gewesen sein) und eine Speisekarte gab es nur auf Hebräisch, weshalb wir die Bedienung nach ihrer Empfehlung gefragt haben. Das waren “Meatballs” und die waren echt lecker. Es gab fünf davon, gut gewürzt, sowie handgemachte Fritten und eine bunte Salatbeilage für 40 Shekel (9,60€). Auch Brot und Saucen waren inklusive und die Getränke kosteten mit je 8 Shekel unter 2€. Das war alles sehr günstig für das hiesige Preisniveau. Gut, aufgrund der hygienischen Verhältnisse dort, ahnten wir hohe Durchfallgefahr (es blieben jedoch unbegründete Sorgen).

Kosher Meatballs

Nach dem Essen spazierten wir eine Straße weiter in die bereits bekannte orientalische Sportsbar „Shisha Nargila“. Da es allerdings außer Goldstar Strong (10%) nur Importbiere à la Heineken gab, ging es ein israelisches Starkbier später wieder nach Tel Aviv Downtown. Ziel dort war die ebenfalls schon bestens bekannte 24h-Kneipe „HaMinzar“. Hier wurde Bier (0,5l Goldstar für 21 Shekel / 5€) und Arak (israelischer Anisschnaps à 15 Shekel je 2cl) in rauchgeschwängerter Atmosphäre konsumiert. In Sachen Marihuanakonsum ist Israel recht liberal, so dass viele Locals zum Drink im „Minzar“ eine dieser so genannten „Haschzigaretten“ rauchten.

Pints of Goldstar

Ausgerechnet die jüngsten, Max und Ole, waren schnell müde und ließen uns für ihre Rundenteilnahmen 140 Shekel da. Die 80er-Jahrgänge der Reisegruppe erfreuten sich dagegen weiter an Goran Bregovic und anderer Balkanmusik (musikalisch ist das „HaMinzar“ immer sehr abwechslungsreich). Drei weitere Runden Bier und zwei weitere Runden Arak wurden es noch. Am Ende waren knapp 800 Shekel zu entrichten. Weil wir außer den 140 Shekel von Max und Ole alle nur Hunderter hatten und uns die Kellnerinnen rund um Schichtführerin Andy Rossetti (die hieß wirklich so) außerdem noch ’ne Runde Arak auf’s Haus serviert haben, legten wir halt jeder 200 Shekel rein und verwendeten die weiteren 140 Shekel als Trinkgeld. Das fanden die Girls so nett, dass wir nach dem Bezahlen nochmal ’ne Runde Bier auf’s Haushingestellt bekamen. Großzügigkeit tut einfach gut!

Automatenpizza

Auf dem Weg ins Appartement entdeckten wir dann noch einen 24h-Pizzaautomaten, der für 20 Shekel eine mittelgroße Margherita binnen weniger Minuten aufbackt. Da konnte ich nicht widerstehen und die Pizza war gar nicht mal so übel. Außerdem kauften wir im Späti noch Milch, um im Wohnzimmer etwas zum Mischen für unsere importierte Flasche Haselnußlikör zu haben. Das war ein schöner Schlummertrunk um Mitternacht, ehe rund acht Stunden Nachtruhe angetreten wurden.

Unser Wohnzimmer

Am nächsten Morgen stellte Schirm endgültig fest, dass wir es ernst meinen mit unserem Hebron-Trip (war nicht so ein Running Gag wie Gaza letztes Jahr) und wir realisierten im Gegenzug, dass er es tatsächlich ernst meinte da unter keinen Umständen hinfahren zu wollen. TV-Reportagen und Zeitungsartikel, sowie anscheinend auch die ewigen Hasenfüße vom Auswärtigen Amt, hatten bei ihm ein zu gefährliches Bild der Stadt gezeichnet. Er nannte es „Bandit County“ und fand vor allem zu gewagt, dass wir die Anreise nur halbwegs durchgeplant hatten und die Rückreise folgenden Planungsstatus hatte: „Da wird schon irgendwas fahren. Zur Not mit der palästinensischen Taxi-Mafia zur Grenze und mit der israelischen Taxi-Mafia weiter nach Tel Aviv“. Es war schließlich heute nach Einbruch der Dunkelheit Sabbat, womit zumindest in Israel in der öffentliche Nahverkehr eingestellt würde und da bei den Moslems der Freitag der heilige Tag ist, waren wir uns auch nicht sicher, ob in der Westbank irgendwelche Busse fahren. In Expertenforen stand allerdings, dass der palästinensische ÖPNV rollen soll.

Und gleich die nächste Pizza

Schirm wünschte uns jedenfalls Hals und Beinbruch, als wir per pedes zum Tel Aviver Busbahnhof aufbrachen, welcher wiederum auch kein bisschen einladender seit der letzten Visite geworden war. Überall Müll, Lungerer und Drogenopfer (inklusive Konsum harter Drogen vor unseren Augen). Obi Wan Kenobi würde wahrscheinlich sagen: „Tel Aviv Busbahnhof. Nirgendwo sonst in Israel wirst du mehr Verkommenheit finden als hier“. Als wir die obligatorische Sicherheitsschleuse passiert hatten, wurde es vom Publikum etwas seriöser, aber das Gebäude selbst ist auch von innen ordentlich abgefuckt. Der nächste Bus nach Jerusalem fuhr in 15 Minuten, also noch schnell ein Pizzaviertel für 10 Shekel gefrühstückt (man soll ja damit wieder anfangen, womit man am Vortag aufgehört hat) und mittels Wi-Fi virtuelle Grüße an die Familie daheim gesendet.

Damaskustor in Jerusalem

Nach 45 Minuten Busfahrt (Egged-Busse haben übrigens auch standardmäßig „Free Wi-Fi“) wechselten wir mit der Straßenbahn (5,9 Shekel) vom israelischen Busbahnhof am westlichen Stadtrand zum arabischen Busbahnhof am Damaskustor der Altstadt. Dort waren 6,8 Shekel für eine Fahrt nach Bethlehem zu entrichten und am Zwischenziel angekommen, wurden alle Busreisenden sofort von einer Horde Taxifahrer umringt. Wir wollten eigentlich zum Bethlehemer Busbahnhof weiter, den der Bus aus Jerusalem aus unerklärlichen Gründen nicht direkt ansteuert (bestimmt ist dieser Umstand von der Taxi-Mafia extra erkauft). Doch die Taxler versicherten uns, dass heute kein Bus fahren würde, weil Freitag ist. Das hielt ich zwar für ’ne Lüge und sollte auch recht behalten, aber ihr Angebot uns für knapp 15€ pro Person in die 30km entfernte Stadt von Stammvater Abraham zu fahren, klang ja trotzdem nicht schlecht für bequeme Typen mit dicken Bäuchen und dicken Brieftaschen (wir sind ja keine Geizkragen wie deutsche Backpacker oder Groundhopper).

Die Grenze zu den Palästinensergebieten

Also sparten wir uns die Suche nach dem Busbahnhof und eine etwaige Zeitverschwendung, wenn tatsächlich nichts fahren sollte. Außerdem sparten wir uns in Hebron den Gang vom Busbahnhof zur Altstadt, wenn doch ein Bus fahren würde. Auf der Fahrt soll Ali, der jüngere unserer beiden Fahrer, dem Abt und Gulle bereits seine weiteren Dienstleistungen mehrfach angeboten haben, während Max, Ole und ich von Fahrer Nr.2 (Achmed) diesbezüglich unbehelligt gelassen wurden. Wir gaben auf Nachfrage lediglich an, dass wir zur Machpela wollen und er nicht wie angeboten auf uns warten braucht, da wir noch „Business“ in Hebron zu tun haben und erst abends wieder los können. Ansonsten ließen wir uns auf der Fahrt noch erklären was in den Palästinenser-Gebieten mit Zone A (18% des Gesamtgebiets, 51% der Gesamtbevölkerung, unter palästinensischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung), Zone B (20% des Gebiet, über 42% der Bevölkerung, unter palästinensischer Zivilverwaltung und gemeinsamer israelisch-palästinensischer Sicherheitsverwaltung) und Zone C (62% des Gebiets, 7% der Bevölkerung, unter israelischer Zivil- und Sicherheitsverwaltung) auf sich hat. Zone A hatte übrigens an den Zufahrten große Warnschilder:

Dangerous to your lives

An der Machpela angekommen, stiegen wir aus dem Taxi und als erstes hörten wir zwei laute Detonationen. Welcome to Hebron!!! Achmed schmunzelte nur über unsere verstörten Blicke und sagte “Boom! Boom! Ha ha! They always fighting here.” Wir redeten uns ein, dass er einen Joke machen wollte und es nur Kinder mit sehr lauten Böllern waren. Auf jeden Fall half es dem Angebot von Ali Gehör zu verschaffen, welches lautete: “As you can see, it is really dangerous here. But with Ali it will be save. I will make you an offer. We stay with you the whole day, show you everything and explain it to you. And then we take you to the football match your friends have told me about. And after it, we take you back to Bethlehem. The whole price is 150 Shekel for each person. It’s a price for my friends. I will treat you like a brother. Ali is your brother!” Das waren rund 35€ pro Person. Also würden wir für 20€ mehr als bisher veranschlagt die Rückfahrt, sowie fünf Stunden ihre Begleitung nebst Expertise bekommen. Man soll in der arabischen Welt zwar immer handeln, aber es klang sehr fair.

Ibrahim/Abraham-Moschee

Als erstes führten sie uns zum muslimischen Teil der Patriarchengräber. Die Erzväter der Israeliten Abraham (Ibrahim), Isaak (Ishaq) und Jakob (Yaqub) werden schließlich auch im Islam verehrt. Wer sich damit noch nicht so beschäftigt hat; der Koran fußt zu weiten Teilen auf der jüdischen Thora (AT der Bibel) und dem christlichen Evangelium (NT der Bibel). Allerdings haben Juden und Christen nach islamischer Auffassung die göttlichen Offenbarungen so weit verfälscht, dass nur im Koran das wahre und unverfälschte Wort Gottes steht. Wenn man sich bei den 1,5 Milliarden Muslimen dieses Planeten unbeliebt machen will, kann man auch behaupten, der Prophet ihrer Religion hat aus Thora und Evangelium plagiiert und halt seine ultimativen neuen göttlichen Offenbarungen on top gesetzt. Wie es so viele andere Propheten in den letzten 2000 Jahren ebenfalls taten, z.B. Joseph Smith bei den Mormonen oder Baha’ullah bei den Bahai. Nur Mohammed war zweifellos der erfolgreichste der neuen Propheten nach Jesus Christus, was eventuell mit der günstigen Personalunion aus Prophet und kriegerischer Eroberer zusammenhängen könnte.

Der herodianische Bau

Weil Freitag war, durften keine Ausländer in den islamischen Teil des Heiligtums. Ali wollte zwar was regeln, aber die Geistlichen blieben kompromißlos. Kann ich aber auch akzeptieren, war eben der falsche Tag dafür. Also blieben wir vor der Tür, zu der wir übrigens vom Parkplatz aus zwei Sicherheitsschleusen der israelischen Armee zu durchqueren hatten. Ali wusste zu berichten, dass 1994 der jüdische Extremist Baruch Goldstein am Morgen des 25.Februars (jüdisches Purimfest) mit einem Sturmgewehr ein Massaker während des muslimischen Morgengebets in der Moschee verübte. 29 muslimische Palästinenser starben und 150 weitere Männer und Knaben wurden verletzt. Erst als seine Munition aufgebraucht war, konnte er von bisher unversehrten Arabern überwältigt und erschlagen werden. Seitdem ist das Gelände strikt nach Religion getrennt und mit hoher Militärpräsenz versehen.

In der jüdischen Synagoge

Die uns heute offen stehenden Synagoge des 2000 Jahre alten herodianischen Tempelbaus gibt es übrigens erst seit 1967 wieder (seit der Eroberung Hebrons durch israelischen Truppen im Sechstagekrieg). Vorher war Juden und Christen (und natürlich auch allen sonstigen „Ungläubigen“) der Zutritt zum Heiligtum von den herrschenden Muslimen nicht erlaubt. Wir hatten, um vom muslimischen Teil zum jüdischen Teil zu gelangen, erstmal einen Checkpoint zu passieren („Where you’re from?“ „Germany!“ „German Christians?“ „Yes!“ „Okay, you can pass“). Ali und Achmed blieben hier zurück und wurden noch von einem traditionell gewandeten Palästinenser mit Entourage angepöbelt. Ich nehme an, der fand auch nicht so cool, dass Ungläubige freitags in die Moschee geführt werden sollten.

Abrahams Scheingrab

Wir mussten dann durch die nächste Sicherheitsschleuse. Danach konnten wir zusammen mit jüdischen Pilgern einen Blick auf die Kenotaphen (Scheingräber) der Patriarchen und ihrer Frauen (Sara, Rebekka und Lea) werfen. Echte Gräber mit menschlichen Überresten befanden sich in einer Höhle unter unseren Füßen, der eigentlichen Machpela, zu der man aber natürlich keinen Zutritt hat (und ich persönlich auch nicht haben wollen würde). Ob es Abraham und Co wirklich gab und wenn ja, ob wirklich hier ihre Gräber sind, ist natürlich kein Stück historisch belegt. Reine Glaubensfrage. In der Thora heißt es, dass Abraham die Höhle Machpela von einem Hethiter namens Efron als Familiengruft kaufte. Was das Jahrtausende später noch für Auswirkungen hat, war an diesem Ort sehr anschaulich.

Menschenleere Hauptstraße der Altstadt

Wir verließen den Bau nach ausgiebiger Inspektion, schnorrten Kaffee bei der israelischen Armee und wurden von den Taxifahrern zum einzigen vorhandenen Souvenirladen gewunken. Ganz tolle Handarbeiten, müssen wir uns ansehen, Special Price… Ich blieb gleich draußen und die anderen kauften auch nichts. Nee Ali, Butterfahrt kannst du knicken. Er entschuldigte sich, aber bat um Verständnis für seine armen Landsleute. Durch die „Bad Situation“, die wir gleich selber sehen werden, kommt es auf jeden Shekel an. Da muss er wenigstens versuchen seinem Landsmann Kunden zuzuführen.

Aufgegebener Souk

Weiter ging es in die Gassen der Altstadt, die in einer umstrittenen Entscheidung der UNESCO im vergangenen Jahr auf die Liste des Welterbes gesetzt wurde. Nicht nur, weil Freitag war, wirkte alles wie ausgestorben. Durch die jüdischen Siedler ist die Stadt in zwei Zonen geteilt. In Zone H1 leben rund 160.000 Palästinenser und Israelis ist der Zutritt untersagt. Zone H2, die in der Altstadt liegt, kontrolliert Israel. Hier teilen sich circa 20.000 Palästinenser das Gebiet mit ungefähr 850 jüdischen Siedlern. Letztere sind hermetisch vom Rest der Stadt abgetrennt. Dazu sind auch wichtige Durchgangsstraßen vom Militär gesperrt, so dass die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Palästinenser zur massiven Abwanderung von Geschäftsleuten und Bewohnern geführt hat. Auch Zwangsräumungen soll es gegeben haben, um kleine Pufferzonen zu errichten.

Links: Geräumtes Pali-Haus mit Posten auf dem Dach. Rechts: Jüdisches Siedler-Haus

Die ersten Neusiedler kamen ab 1968 in die Stadt und waren damals zum Teil von den Arabern 1929 vertriebene jüdische Hebroner, die sich nun ihre Häuser zurückholten (beim Massaker 1929 wurden 67 Juden getötet, der Rest der Gemeinde wurde von der britischen Mandatsmacht evakuiert). Willkommen war ihre Rückkehr nicht und sie mussten vom Militär geschützt werden. Radikal-religiöse jüdische Siedler gründeten außerdem Siedlungen am Stadtrand von Hebron (z.B. Kiryat Arba mit mittlerweile 7.000 Einwohnern) und in der Altstadt versucht die Siedlungsbewegung nach wie vor an weitere Häuser zu kommen. Überhaupt leben angeblich über 600.000 jüdische Siedler in den Gebieten Palästinas, die eigentlich für den Palästinenserstaat vorgesehen sind. Neben dem Zankapfel Jerusalem und natürlich auch der isolierten Lage des Gaza-Streifens, stehen diese Siedlungen der Zwei-Staaten-Lösung wie ein riesiger Felsbrocken im Weg.

Altstadtbummel

Beim gespenstischen Bummel durch die Altstadt fielen uns gespannte Zäune über jenen Gasssen auf, die an  jüdische Häuserblöcke grenzen. Die unerwünschten Nachbarn werfen laut Ali ihren Unrat auf durch die Straßen laufende Araber, daher hat man die Schutzzäune gespannt. Da war auf jeden Fall einiges an Müll zu sehen. Die Siedler sprühen angeblich auch gerne so Parolen wie „Tod den Arabern“ an die Wände. Ich vermute Araber wünschen auf manchen Graffiti den Juden auch nichts Gutes und die Siedler mit irgendwas zu bewerfen, dürften sie auch schon mal hinbekommen haben. Doch in Ali einen um Objektivität bemühten Berichterstatter zu erwarten, hätte eine Naivität erfordert, mit der ich nicht dienen kann. Nichtsdestotrotz brauchte es keinen einseitigen palästinensischen Guide, um diese fanatischen Siedler kacke zu finden. Religiöser oder nationalistischer Fanatismus ist immer scheisse und auch nach 50 Jahren Besatzung ist nicht mal im Ansatz eine friedliche Lösung in Sicht und Israel wird wohl weiterhin auf unbestimmte Zeit das Besatzungstatut aufrecht erhalten (müssen). Die Deutsche Welle hat übrigens vor kurzem drei altbekannte Lösungsvorschläge und einen recht frischen aufgelistet (Link). Ein Königsweg ist keiner, aber einen solchen gibt es eben auch nicht.

Schutzzaun vor Siedler-Müll über einer Gasse

Als nächstes gab es einen Programmpunkt, wofür sich die Investition in unsere Guides auf jeden Fall gelohnt hat. Durch ein asbachuraltes Wohnhaus ging es auf dessen Dach und wir hatten einen Überblick über die Altstadt. Ali zeigte uns ein paar Wachposten (wovon ein zur Zeit unbesetzter gleich auf dem Nachbardach war), sowie die Kasernen der israelischen Armee auf den Hügeln um die Stadt herum. Das Haus grenzte direkt an einen Siedler-Komplex und für den orthodoxen Siedler, der gerade vor seiner Haustür war, hatte Ali nur verbale Verachtung übrig. Er zeigte uns nun Einschusslöcher an den Trinkwassertanks auf den Häuserdächern. Angeblich schiessen die Israelis regelmäßig die Tanks kaputt, um den Palästinensern das Frischwasser zu nehmen. Aufgrund der eingeschränkten Bewegungsfreiheit in Hebron H2, der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit und Schikanen aller Art (wie den sabotierten Frischwassertanks oder Hausdurchsuchungen), sollen bereits 40% der bei der Teilung noch 35.000 Araber aus H2 abgewandert sein. Außerdem sollen 1.800 von 2.000 palästinensischen Geschäften seit der Teilung 1997 aufgegeben worden sein.

Über den Dächern der Altstadt

Nachdem wir wieder vom Dach herabgestiegen waren, ging es noch zu einer abgeriegelten Straße mit einem Siedler-Neubau. Die Häuser der Palästinenser waren alle verlassen. Wir wollten durch den Mittelspalt des Stahltores Fotos vom Siedlerkomplex machen, wurden jedoch von israelischen Soldaten zur Unterlassung aufgefordert. Das war alles so endzeitmäßig. Als wenn ein Virus die 96% der Bevölkerung dahingerafft hat und die letzten Gesunden von den Infizierten isoliert werden müssen. Auch als wir uns von den jüdisch-orthodoxen Trutzburgen entfernten, blieb die Altstadt immer noch fast menschenleer. Hier und da spazierten ein paar Araber mit Sturmhauben durch die Gassen. Aber es war ja wirklich stürmisch, da wollen wir mal nichts Kriminelles unterstellen.

Eine Mauer mitten durch das Herz der Stadt

Immerhin waren die Straßenzüge abseits der „Frontline“ nett restauriert. Unter anderem mit Geld der deutschen KFW-Bank, wie Tafeln verkündeten. Überhaupt fließt viel Geld in die armen Palästinensergebiete. Aus Deutschland flossen 2016 beispielsweise 85,72 Millionen Euro Entwicklungshilfe an die Palästinensische Autonomiebehörde. Deutlich über eine Milliarde Euro sollen sie insgesamt pro Jahr an Entwicklungshilfe von den Geberländern und anderen Institutionen erhalten. Wer sich mit Entwicklungshilfe auskennt, weiß, dass das pro Kopf die weltweite Pole Position bedeuten dürfte (4,5 Mio Einwohner leben im Gaza-Streifen und Westjordanland). Allerdings heisst es nicht nur in israelischen Quellen, dass die Palästinenser das Geld fleißig zweckentfremden. Grassierende Korruption, Waffen für Terror-Organisationen, Hilfsfonds für die Familien von inhaftieren oder toten Terroristen… Der Laden scheint ein ähnliches Schwarzes Loch wie der so genannte Kosovo zu sein. Trotz (oder gerade aufgrund) der Hilfen, ist der einzige wachsende Sektor der öffentliche Sektor. Landwirtschaft und verarbeitendes Gewerbe schrumpfen dagegen beständig. Häuser zu sanieren, in denen kaum einer wohnt, ist da grundsätzlich schon sinnvoller als weitere (Schein)Stellen in der Verwaltung zu schaffen. Immerhin schafft das temporär Beschäftigung und diese historische Altstadt hat saniert, befriedet und belebt das Potential ein richtiger Touristenmagnet zu sein. Befriedung und Belebung ist jedoch in weiter Ferne.

Sanierter Teil der Altstadt

Irgendwann hatten wir genug gesehen und es war jetzt noch ’ne gute Stunde bis zum Anpfiff. Ali und Achmed landeten einen Volltreffer mit ihrer Vermutung, dass wir sicher hungrig wären. Nur an so einem Freitag hatte nachmittags in einer muslimischen und tourifreien Stadt nicht viel geöffnet. Aber sie kannten da was in H1 und versprachen einen guten Preis mit ihren Landsleuten auszuhandeln. Das Spezialangebot war nun, dass wir für 60 Shekel (14,50€) das komplette Programm des Restaurants bekommen. Alle Vorspeisen und Beilagen, so viel wir wollen und alle Fleischspezialitäten vom Holzkohlegrill, so viel wir wollen. Getränke ohne Limit waren ebenfalls im Preis enthalten. Wahrscheinlich zahlen Einheimische nur die Hälfte und da war bestimmt neben der kostenlosen Bewirtung unserer Taxifahrer auch noch ’ne kleine Rückvergütung für sie drin. Aber wir sind ja keine armen Leute und sehen Urlaub in ärmere Länder auch immer als unsere kleine Wirtschaftshilfe an.

Einmal alles bitte!

Beim wirklich leckeren Essen gab es dann weitere Angebote von Ali. Morgen wäre bekanntermaßen Sabbat in Israel und wir würden dort nicht viel machen können. Wir sollten doch lieber für 50 Shekel in Bethlehem übernachten und am nächsten Tag mit ihnen von morgens bis abends die Schönheiten Palästinas besuchen (Bethlehem, Jericho, das Tote Meer etc.) und abends kämen wir dann ja nach dem Ende des Sabbats preiswert wieder nach Tel Aviv. Die morgige Tour würde es zum absoluten Freundschaftspreis geben, der sich auf 170 Shekel p.P. belief. Das wären 40€ für rund 10 Stunden Touri-Tour. Wenn man bedenkt, dass ihr erster Angebotspreis bestimmt 25%, vielleicht sogar 50% über dem angemessenen Niveau lag, merkt man wieder, wie arm das Land ist. Die Jungs kämen bei ihrem Einstiegspreis auf circa 10€-Stundenlohn (abzüglich Sprit) und hätten es bestimmt auch für 7,50€ gemacht. Die Tour klang gut, aber in Bethlehem wollten wir definitiv nicht schlafen und außerdem wollten wir nicht einfach noch etwas ohne Schirm unternehmen. Entscheidung vertagt.

Hussein Bin Ali Stadium

Dann ging es zum Stadion, welches wir drei Minuten vor Abpfiff erreichten. Ali wollte sich in das völlig unkoordinierte Gedrängel am Kassenhäuschen werfen, aber hier zeigten wir ihm wie es läuft. Ab zum VIP-Eingang und als deutsche Ehrengäste sofort drin gewesen (ging natürlich rein um die Zeitersparnis und nicht darum hoppermäßig 7 Shekel zu sparen). Als „VIP“ sind deine Stehplätze hier in einem kleinen seperaten Block auf Höhe der Mittellinie. Bei Bedarf gab es allerdings noch Plastikstühle. Verletzte Spieler und Hebrons High Society schauten natürlich ziemlich großäugig auf die fünf Ausländer. Hier ist wohl recht selten Hopperfasching. Der Pressesprecher, dem auch gleichzeitig Radio Hebron gehört, kam auf uns zu und hieß uns Willkommen. Er konnte ein bißchen Deutsch und sehr gut Englisch. Außerdem war da noch ein Unternehmer, der in Palästina mit Auto-Ersatzteilen handelt und dafür häufig in Deutschland geschäftlich unterwegs ist. Der konnte auch passabel Deutsch.

Very Important Palestinians

Wir lobten die Stadt, das Stadion und die überraschend große Kulisse von über 1.000 Zuschauern (wir rechneten mit 200 oder 300 Leuten). Unabhängig voneinander meinten beide Gesprächspartner, dass normal immer ausverkauft ist (also über 5.000 Fans die Stadiontore passieren), heute jedoch durch die Kälte nur die Unentwegten ins Stadion gekommen sind. Keine Ahnung, ob das arabische Übertreibungen waren, aber der Fanblock hinter dem Tor machte auf jeden Fall mit Gesängen und Trommeln gut Alarm. Tabellenführer und somit heißer Meisterschaftsanwärter sind die Al-Khaliler ebenfalls, so dass ein ansonsten höherer Zuspruch durchaus realistisch klang. Neben den Temperaturen um die 5°C (mit eisigen Winden), könnte auch der Gegner ein paar Zuschauer gekostet haben. Gast Al-Khader ist mit zwei mickrigen Pünktchen Tabellenletzter (Al-Khalil hat bisher 25 Punkte aus 12 Spielen geholt). Ich nehme mal an, dass auch in Palästina nur der harte Kern solchen Duellen beiwohnt und der Gelegenheitsbesucher lieber in der warmen Stube bleibt.

Fanblock Al-Khalil

Gästefans waren übrigens dennoch ein paar Dutzend mitgereist. In ihrem separaten Block gingen die auch gut ab, aber mehr so in Sachen fluchen und pöbeln. Ihr Team kommt aus dem fünf Kilometer westlich von Bethlehem gelegenen Ort Al-Khader, weshalb unsere Taxifahrer ihnen aus Lokalpatriotismus die Daumen drückten. Fußball interessierte sie ansonsten nicht besonders. War angeblich für beide der erste Stadionbesuch in ihrem Leben. Ali feierte hier aber alles ab und drehte zwei mehrminütige Facebook-Livevideos für seine Follower. Kommentar wahrscheinlich: „Heute mit völlig bekloppten deutschen Touristen unterwegs. Fahren extra für ein Fußballspiel nach Hebron. Kranke Typen! Aber sie haben Kohle… Hoffentlich buchen die doch noch unseren offerierten Trip für Morgen. Inshallah!“

Anstoß in Hebron (H1)

Fußball wurde auch gespielt und das sah so aus, wie Duelle Spitzenreiter versus Rote Laterne oft aussehen. Der Favorit tat sich schwer gegen den tiefstehenden Underdog. Sie hatten wenig Chancen und in der 30.Minute wurde ihr vermeintliches 1:0 wegen Foulspiel nicht gegeben. Zwei Minuten später konnte aber der Mittelstürmer eine Flanke von der Grundlinie mit dem Kopf verwerten. 1:0! Das Tor tat dem Spiel gut und bis zur Pause kam Al-Khalil zu weiteren Gelegenheiten, z.B. in der 40.Minute ein Freistoß an den Torpfosten, während Al-Khader immer ruppiger wurde.

Eines von vielen Halbzeitfeuern

Mit 1:0 ging es die Pause und jetzt wo die Fans beschäftigungslos wurden, drohten sie zu erfrieren. Deshalb legten etliche von ihnen kleine Feuer im Stadion. Uns wurde derweil Tee zum Aufwärmen gebracht und der Capo der Ultras kam auch noch vorbei, um vorstellig zu werden. Große Ehre für ihn, große Ehre für uns… Was man halt so sagt. Für eine sicher interessante tiefergehende Konversation fehlte die Zeit, da er pflichtschuldig zum Wiederanpfiff auf dem Zaun stehen musste. Wir kontaktierten, dank Wi-Fi im Stadion, in der Zwischenzeit Schirm. Als unsere fleischgewordene Ausrede für Morgen der offerierten Tour schließlich auch zusagte, konnten wir den beiden Taxlern endlich Licht in der Lieblingsfarbe des Propheten geben.

Der Ball rollt wieder

Nach der Freude kam dann wieder das Generve, dass wir doch für 50 Shekel in Bethlehem schlafen sollen. Viel günstiger als heute teuer von Jerusalem nach Tel Aviv zu fahren und das wird ja auch viel zu spät. Und am nächsten Morgen wird es auch wieder teuer. Ist ja immer noch Sabbat. Ein Taxi kostet bestimmt 500 Shekel und wir brauchen ja zwei davon. Wenn euer Freund alleine nachkommt, ist das doch viel billiger. Nachdem ich aber sagte, dass wir in Tel Aviv unser ganzes Geld (außer unser heutiges Tagesbudget) haben und unser Freund nicht alleine mit soviel Bargeld nachkommen will, war endlich Schluss. Und apropos Schluss, beim Spiel passierte in den zweiten 45 Minuten bis kurz vor Abpfiff kaum etwas, doch in der 90.Minute kam Al-Khalil endlich zum verdienten 2:0. Mühsam wurde die Tabellenführung verteidigt.

Der Gästesektor

Nach dem Abpfiff hieß es gleich „Yalla Yalla“ und wenig später waren wir kurz vor Jerusalem am Checkpoint. Justement kam ein Bus in die Heilige Stadt vorgefahren, den Ali sofort anhielt. Hektische Verabschiedung, hektische Bezahlung und dann ab zum Damuskustor. Am Checkpoint erwartete uns nur eine recht oberflächliche Kontrolle des israelischen Militärs. Unsere Kartoffelpapiere wollten sie gar nicht erst sehen, die Dokumente der Orientalen dagegen schon. Es wurden noch kurz die Gepäckablagen und Sitzreihen von den Uniformierten auf verdächtige Gegenstände geprüft und schon ging es wieder voran. In Jerusalem fuhren wie erwähnt keine Busse und Bahnen, aber Sammeltaxis (Sheruts) rollen auch am Sabbat und kosteten pro Person 35 Shekel (8,50€). Die Kleinbusse fahren los, wenn sie voll sind und das war diesmal der Fall, als Ole und ich vom Geldautomaten zurückkamen. Laut den anderen hat der Fahrer unsere Plätze mit zunehmender Widerwilligkeit freigehalten und wollte keine Minute länger warten. Vor Freude über das gute Timing, schossen mir beim Bezahlen zwanzig 100-Shekel-Noten in einer Fontäne aus meiner Geldbörse und verteilten sich auf meinem Schoß. „Where are you from?“ Hochrot geflüsterte Antwort: „Germany…“ Keine weiteren Fragen.