Gdańsk & Chojnice (Danzig & Konitz) 06/2021

  • 15.06.2021
  • Chojniczanka Chojnice – Skra Częstochowa 0:1
  • II Liga (III)
  • Stadion Miejski w Chojnice (Att: 396)

Auf Słubice und Słupsk folgte Gdańsk bei meiner Sommerreise durch Polen. Ich hatte mir überlegt, dass die Hauptstadt der Woiwodschaft Pommern, die im deutschsprachigen Raum als Danzig bekannt ist, eine gute Basis unter der Woche sein würde. Denn kurzfristig kam es zu Aufstiegsspielen in Chojnice (Konitz) am Dienstag (um den Aufstieg in die 2.Liga) und Gdynia (Gdingen) am Mittwoch (dort sollte es um den Einzug in die erstklassige Ekstraklasa gehen). Außerdem hatte Gryf Wejherowo am Donnerstag ein Ligaspiel (4.Liga). Alles gut von Gdańsk aus zu erreichen und meine erwählte Residenzstadt ist natürlich so oder so immer eine Reise wert.

Mein Bett für die kommenden vier Nächte

Am Montagvormittag verließ ich Słupsk um 11:18 Uhr. Ca. 7,80€ kostete das Ticket für die Zuggattung TLK und 130 Minuten später war ich in Gdańsk. Als Hotel wurde das nur 500 Meter vom Hauptbahnhof entfernte „Ibis Stare Miasto“ ausgewählt. Kostete mich inklusive Frühstück ungefähr 40€ pro Nacht. Gdańsk gehört hinsichtlich der Übernachtungspreise zweifelsohne zu den teureren polnischen Destinationen. Aber in Relation zu meiner deutschen Kaufkraft war das schon okay und für 10€ weniger pro Nacht irgendwo am Stadtrand logieren, wäre die Ersparnis meines Erachtens nicht wert gewesen.

Im Mittelschiff der Marienkirche

Nach Bezug eines komfortablen Zimmers im 2.Stock ging es um 14 Uhr für einen ersten Stadtspaziergang zurück an die Sonne. Montagnachmittag, noch nicht ganz Hauptsaison und so eine Pandemie – die man in Polen allerdings von Tag zu Tag mehr drohte zu vergessen – war jene Melange, die mir eine relativ leere Innenstadt schenkte. Das geht in Gdańsk auch ganz anders. Die Straßencafés waren trotzdem gut ausgelastet, aber man musste sich nicht mit einer Menschenmasse durch die Długa (Langgasse) und die Mariacka (Frauengasse) quälen. Auch fehlte es den Bernsteinbijouterien und Nippeshändlern derzeit eindeutig an Kundschaft. Ich dagegen kam mit einer langen Inspektion der Marienkirche (Baubeginn 1343) voll auf meine Kosten. Es handelt sich dabei um die größte Backsteinbasilika im Ostseeraum und bis 1945 war sie nach dem Ulmer Münster die zweitgrößte evangelische Kirche der Welt (nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie rekatholisiert).

Die astronomische Uhr in der Marienkirche (Bazylika Mariacka)

Ich könnte jetzt natürlich wieder Ausholen über die Vergangenheit der Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten der Gegenwart, aber das habe ich bereits im April 2019 gemacht. Wer an der allgemeinen Stadtgeschichte – in meinen Worten zusammengefasst – interessiert ist, liest also einfach den Reisebericht Gdańsk (Danzig) 04/2019. Aber ein paar spezifische Ergänzungen zur Gdańsker Geschichte werde ich sicher auch in die Berichte dieser Reise einfließen lassen. Doch dazu an entsprechender Stelle mehr.

Das Langgasser Tor (Złota Brama)

Unterdessen startete um 16 Uhr der freie Verkauf der Restkarten für Arka Gdynia vs. ŁKS. Mein geschätzter Kollege Alexander M. wollte Mittwoch auch kurzfristig zu dem Spiel anreisen und erklärte sich bereit am heimischen Rechner zwei Tickets im Onlineshop zu organisieren. So konnte ich gemütlich mein Touriprogramm abspulen, anstatt nachmittags mein Glück mit dem Smartphone zu versuchen. Der Shop war zunächst erwartungsgemäß überlastet und dann stellte Alex fest, dass man Tickets nur bekommt, wenn der Account manuell vom Verein freigeschaltet wurde. Ich checkte das Procedere ebenfalls mit meinem Arka-Account und bekam im Warenkorb selbstredend die gleiche Fehlermeldung, welche ich wie Alex übersetzte.

Unterwegs in der Milchkannengasse (Stągiewna)

Offenbar musste jeder, der noch keine Buchungshistorie bei Arka hatte, persönlich mit seinem Ausweisdokument beim Club vorstellig werden (zwischen 10 und 18 Uhr im Fanshop oder an der Hauptkasse des Stadions), ehe er Tickets für dieses brisante Spiel erstehen durfte. Nicht, dass sich noch Gästefans illegalerweise mit Eintrittskarten eindecken. Nun gut, es war jetzt 16:45 Uhr und ich war nur 18,96km von Arkas Stadion entfernt. Also wetzte ich zum Hauptbahnhof und nahm um 17:03 Uhr einen Zug von Gdańsk nach Gdynia. Etwa 17:45 Uhr erreichte ich die Stadionkasse.

Die Danziger Speicherinsel (Wyspa Spichrzów)

Hier gab es zwar wie annonciert keine Tickets zu kaufen (“Only online, Sir”), aber der Sachbearbeiter schaltete die Accounts von Alex und mir tatsächlich noch für das Spiel frei (bei Alex reichte zum Glück die virtuelle Datenübermittlung des Ausweisdokuments). Wenige Minuten später hatten wir beide eines der letzten neun verfügbaren Tickets im Postfach. Geil! Dabei war ich zu 96% sicher, dass mein Spontantrip nach Gdynia nichts bringt (Stadionkasse geschlossen oder Spiel bereits ausverkauft) und es am Mittwoch höchstens noch mit Trick 17 und etwas Hilfe von oben ins Stadion geht. Respektive, dass ich lieber zu einem Alternativspiel fahre. Aber man muss auch mal Glück haben.

Dieses Stadiontor wird sich für den Don am Mittwoch Gott sei Dank öffnen

Nun ging es mit dem nächstbesten Zug zurück nach Gdańsk, wo ich 19:22 Uhr wieder aufschlug. Durch Polens EM-Aufraktspiel gegen die Slowakei (Anpfiff 18 Uhr) war wenig los auf den Straßen und das Restaurant namens “Swojski Smak” gegenüber meiner Unterkunft war komplett ohne Gäste. Nach 20 Uhr füllte sich das Lokal allerdings noch. Mittlerweile war das Länderspiel abgepfiffen und Polen hatte 1:2 verloren. Fans mit gesenkten Köpfen säumten die Straßen und der ein oder andere schien jetzt Lust auf eine oder mehrere der stolzen 150 Sorten polnischen Wodka im “Swojski Smak” zu haben. Ich hatte derweil mein großes Schnitzel mit Röstkartoffeln und Gurkensalat serviert bekommen. Gut, dass ich von einer Vorspeise absah. So war die üppige Portion gerade so machbar. Dazu gönnte ich mir eine Karaffe Kompot. Alles zusammen 51 Złoty (ca. 11€) und am Ende gab es auch noch einen Schnaps (natürlich Wodka) auf’s Haus. Da ließ ich gerne noch 5 Złoty Trinkgeld liegen.

Uuh, wir sind im Schnitzelparadies! Schnitzelparadies! Schnitzelparadies!

Gegen 20:45 Uhr humpelte ich rüber ins Hotel. Ich war vollgefressen, hatte knapp 24.000 Schritte in den Beinen und am nächsten Morgen sollte der Wecker bereits um 6:30 Uhr klingeln. Entsprechend läutete ich zeitnah die Nachtruhe ein und tauchte Dienstag um 7 Uhr ausgeschlafen am Frühstücksbüffet auf. Außerdem kam pünktlich zur ersten Mahlzeit des Tages die Bestätigung meiner Akkreditierung für das heutige Spiel im Postfach an. Ich wollte eigentlich auch hier ein normales Ticket erstehen, nur war es bei Chojniczanka noch schwerer als bei Arka. Denn es gab Tickets ausschließlich mit polnischer ID (PESEL). Gut, da ich weiß wie eine PESEL numerisch aufgebaut ist, hätte ich mir eine plausible Zahlenfolge ausdenken können und damit das System ausgetrickst. Aber das war mir alles zu nervig. Dann doch lieber als bereits in Polen registrierter Journalist mit zwei Klicks eine Akkreditierungsanfrage gestellt.

Einer meiner zwei Gänge beim Frühstücksbüffet

Nach dem üppigen Frühstück, mit unter anderem Kiełbasa, Bigos und Rührei, ging es zum 5 Fußminuten entfernten Hauptbahnhof. 8:08 Uhr fuhr mein gebuchter TLK nach Chojnice. Der Spaß kostete umgerechnet 7,80€ und 10:20 Uhr hatte ich mein Ziel erreicht. Nun blieben noch über 90 Minuten für etwas Sightseeing. Dabei kamen mir die kurzen Wege in der Kleinstadt zugute. Denn das Stadion befindet sich doch tatsächlich nur 200 Meter Luftlinie vom Marktplatz entfernt. Da allerdings die Sportstätte des hiesigen Eisenbahnersportclubs direkt am Bahnhof liegt, ging es zunächst dorthin. Ein so genanntes Groundspotting, welches lohnte. Nette Anlage, die ich durchaus auch nochmal zwecks eines Fußballspiels besuchen würde.

Das Stadion der Eisenbahner in Chojnice

Dann war Zeit für den kleinen, aber feinen historischen Stadtkern von Chojnice (gegenwärtig ca. 40.000 Einwohner). Es handelt sich um eine Stadtgründung aus dem Jahre 1205. Die Samboriden, ein slawisches Adelsgeschlecht in Pommerellen, zeichneten sich dafür verantwortlich. Es wird vermutet, dass der erste Samboride im 12.Jahrhundert vom polnischen König als Statthalter nach Pommerellen entsendet wurde und die Dynastie eigentlich aus dem zentralpolnischen Sieradz stammt. Aber das erwähne ich jetzt nur, weil es im Laufe der Reise auch noch nach Sieradz gehen sollte (was ich wiederum in Chojnice am Dienstag noch gar nicht wusste).

Das Schlochauer Tor (Brama Człuchowska)

Wie viele Städte in Ostpommern oder Pommerellen, fiel Chojnice im frühen 14.Jahrhundert (genauer gesagt 1308) unter den Einfluss des Deutschen Ordens. Das änderte sich jedoch bereits rund 150 Jahre später. 1440 schloss sich die Stadt mit 18 weiteren Städten zum Preußischen Bund zusammen (unter anderem mit Danzig, Thorn und Graudenz). Dieser Städtebund erhob sich gegen die Herrschaft des Deutschen Ordens und führte ab 1454 13 Jahre Krieg gegen den Ritterorden. Mit dem Zweiten Frieden von Thorn (Vgl. Toruń 10/2019) erreichten die Städte und der Landadel in Ostpommern und Westpreußen als so genanntes Preußen königlichen Anteils ihre Unabhängigkeit vom Ordensstaat. Stattdessen stellte man sich bei größtmöglicher Autonomie unter den Schutz der polnischen Krone.

Basilika Johannes Enthauptung

Die polnischen Jahrhunderte endeten vorerst mit der Ersten Polnischen Teilung 1772. Konitz fiel an das Königreich Preußen und blieb bis zum Ende des Ersten Weltkriegs preußisch bzw. deutsch. Gleichwohl war es schon seit dem Mittelalter durch die deutsche Ostkolonisation eine mehrheitlich deutschsprachige Stadt. Erst nach dem Ersten Weltkrieg migrierten viele deutschsprachige Bürger ins Deutsche Reich – 1919 wurde die Stadt der Republik Polen zugesprochen – und nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) wurde die restliche deutsche Bevölkerung systematisch aus Konitz vertrieben.

Das Rathaus von Chojnice

Also eine ähnliche Historie, wie viele Städte zwischen Oder und Weichsel sie aufweisen. Architektonisch merkte man ebenfalls, dass man sich im gleichen Kulturraum wie in Szczecin, Słupsk oder Gdańsk befindet. Denn natürlich gibt es auch hier eine backsteingotische Hallenbasilika. Die “Bazylika Mniejsza pw. Ścięcia św. Jana Chrzciciela” (Basilika Johannes Enthauptung) wurde 1365 geweiht und prägt bis heute weithin sichtbar die Altstadtsilhouette. Backsteine sind ebenso der Baustoff des einzigen noch erhaltenen Stadttores (Schlochauer Tor) aus dem 14.Jahrhundert, sowie der übrig gebliebenen Türme und Bastionen der spätmittelalterlichen Stadtmauer (siehe Titelbild).

Der Rynek

Alte Speicher in Fachwerkbauweise existieren ebenfalls noch, sowie einige schöne Bürgerhäuser aus dem 18. und 19.Jahrhundert. Im Herzen der Altstadt findet man natürlich einen großzügigen Rynek (Marktplatz), dessen Bebauung das neogotische Rathaus von 1902 dominiert. Vor dem Rathaus ist ein schöner Zierbrunnen platziert. Obendrein einen Blick von innen und außen ist die barocke Jesuitenkirche aus dem 18.Jahrhundert wert (1744 geweiht). Insgesamt ein netter Zwischenstopp, aber bei den touristischen Sehenswürdigkeiten ist natürlich in kurzer Zeit überall ein Haken hinter. Für einen längeren Aufenthalt kommt Chojnice wahrscheinlich nur infrage, wenn man Wandern oder Radeln in der die Stadt umgebenden Bory Tucholskie (Tucheler Heide) plant.

Altarraum der Jesuitenkirche

Mir reichten dagegen 90 Minuten für einen guten ersten Eindruck und 11:40 Uhr schlenderte ich die vier Minuten vom Rynek zum Stadion. Dort war so wenig an den Stadiontoren los, dass ich leider noch vor Anpfiff die Hoffnung auf einen stimmungsvollen “High Noon” aufgab. Im Stadion sah es nun auch wirklich trist aus. Die Fankurve, welche die Szene optisch schickt gestaltet hat, blieb verwaist und auf der Haupttribüne saßen auch nur 300, höchstens 400 Menschen.

Verwaister Fanblock

Nun gut, eine kurzfristige Ansetzung auf einen Dienstagmittag ist auch alles andere als fanfreundlich. Juvenile Anhänger von Chojniczanka müssen um die Zeit noch die Schulbank drücken und die adulten Fans grösstenteils arbeiten. War das wieder irgend ein TV-Irrsinn? Aber wer guckt Dientagmittag zwei Drittligisten dabei zu, wie sie um den Aufstieg in die 2.Liga ringen? Hätte Polen nicht gestern, sondern am heutigen Abend sein EM-Auftaktspiel bestreiten müssen, hätte ich es vielleicht verstanden. Aber so?

Aber schickes Panorama

Als die Teams um 12 Uhr schließlich den Rasen betraten, dachte ich zunächst “Hells Bells” von AC/DC ist die Einlaufmusik der Heimmannschaft. Doch das waren lediglich die Glocken der nahen Altstadtkirchen. Auch gab es nur warmen Applaus und ein paar Chojniczianka-Rufe, anstatt den erhofften Stimmungsorkan. Immerhin machte die Heimmannschaft etwas Wirbel auf dem Platz. Als Tabellendritter, der den direkten Aufstiegsplatz nur knapp verpasst hatte, war man gegen der Sechsten der Abschlusstabelle Favorit.

Und bequem sitzen konnte ich auch

Leider konnten sie ihre Feldvorteile nicht in Zählbares ummünzen und stattdessen zeigte Skra große Effizienz. Der Gast aus Częstochowa (Tschenstochau) ging in der 29.Minute mit einem seiner wenigen Torschüsse in Führung. Der Chojnicer Traum vom Wiederaufstieg in die 2.Liga – 2020 stieg man nach sieben Jahren aus der Zweitklassigkeit ab – war nun massiv bedroht. In der Restzeit des ersten Durchgangs und in der 2.Halbzeit versuchte Chojniczanka zwar weiterhin alles, doch das Gästetor blieb wie vernagelt. In größter Not rettete immer das Aluminium oder die Faust des Częstochowaer Schlussmanns.

Blick zur spärlich besetzten Haupttribüne

Da ich keine Lust auf eine Verlängerung hatte, gönnte ich Chojniczanka irgendwann auch gar nicht mehr den Ausgleich. Wäre der frühzeitig gefallen, hätte ich sogar noch auf Heimsieg spekuliert. Aber so ab der 75.Minute wollte ich einfach, dass es 0:1 endet und ich einen frühen Zug nach Gdańsk bekommen kann. Dabei finde ich Skra eigentlich kacke (keine Tradition und keine Fanszene) und will natürlich nicht, dass die aufsteigen. Aber das kann der Sieger aus Wigry Suwałki (4.) gegen KKS Kalisz (5.) ja noch im entscheidenden Finalspiel um den dritten Aufstiegsplatz verhindern. Bereits direkt hoch sind übrigens Górnik Polkowice (1.) und GKS Katowice (2.).

Hin und wieder wurde es hitzig auf dem Rasen

Weil ich bekanntermaßen ganz gut mit Gott kann, wurden meine Stoßgebete erhört. Es blieb trotz einer Torschussbilanz von 19:3 beim 0:1. Skra war am feiern und ich räumte zeitnah die Pressetribüne. Nun konnte ich immerhin schon um 14:25 Uhr einen Regionalzug nach Gdańsk besteigen (ca. 5,40€). Ich überlegte in jenem Verkehrsmittel, was mit dem Restnachmittag noch Sinnstiftendes anzufangen sei. Die beste Idee war mit dem Zug noch zwei Stationen weiterzufahren und in Gdańsk-Oliwa auszusteigen. Dort steht der „Dom zu Oliva“, die sehenswerte Bischofskirche des Gdańsker Erzbistums.

Skra feiert den Finaleinzug

Das Bistum wurde erst 1925 gegründet und trug den neuen Grenzen nach dem Ersten Weltkrieg Rechnung. Danzig gehörte damals weder zu Polen, noch zum Deutschen Reich und war ein Freistaat (“Freie Stadt Danzig”) unter dem Schutz des UN-Vorläufers Völkerbund. Der Vatikan wollte dem neuen Kleinstaat nun gerne ein eigenes Bistum stiften, anstatt die Seelsorge einem deutschen oder polnischen Bistum anzuvertrauen. Weil die großen Kirchen der Kernstadt allerdings alle protestantisch waren (katholisch war vorwiegend die polnische Minderheit, während die deutsche Mehrheitsbevölkerung größtenteils ein protestantisches Bekenntnis hatte), wich man auf die ehemalige Klosterkirche in Oliva (polnisch: Oliwa) aus. Noch war Oliva eine eigenständige Kleinstadt im Freistaat (ca. 11.000 Einwohner), doch 1926 wurde der Ort von der Stadt Danzig eingemeindet.

Oliwa hat ein schönes Villenviertel

Bißchen ab vom Schuß, so aus Innenstadtperspektive, aber eine nette Gegend haben sich die Kirchenvertreter da ausgesucht. Schöne Alleen mit Jugendstilvillen hat Gdańsk-Oliwa zu bieten. Man merkte ferner fix, dass das Kloster mal sehr reich war. Denn es gab einen Äbtepalast (den “Pałac Opatów”) und eine große und gepflegte Gartenanlage. Das 1185 gegründete Zisterzienserkloster überstand die Reformation im 16.Jahrhundert (als Danzig lutherisch wurde) und war 1660 Ort des Friedensschlusses im Zweiten Nordischen Krieg. Das Schloss a.k.a. der Äbtepalast wurde in den Jahren 1754 bis 1756 im Rokokostil errichtet und zeugt vom damaligen Reichtum der Abtei. 1831 wurde das Kloster allerdings säkularisiert und seine Güter zwischen dem Königreich Preußen und der Stadt Danzig aufgeteilt.

Der Olivaer Park (Park Oliwski) ist 11,3 Hektar groß

Durch meinen Spleen für Kirchenrecht, sagte mir Oliva übrigens auch etwas. Wurde hier doch 1830 die bei mir in Niedersachsen immer noch gültige “Konvention von Oliva” geschlossen (genauer „Vertrag zur Regulierung der Diözesanangelegenheiten der katholischen Einwohner des Herzogtums Oldenburg“). Der Vertrag regelt, dass Oldenburg (das Gebiet des einstigen Herzogtums Oldenburg) zwar formell zum Bistum Münster gehört, jedoch der Gerichtsvikar aus Münster nicht für Oldenburg zuständig ist. Stattdessen wurde das Bischöflich Münstersche Offizialat im oldenburgischen Vechta geschaffen und der Offizial (Gerichtsvikar) von Vechta hat obendrein fast alle Amtsbefugnisse eines Diözesanbischofs inne.

Gdańsker Gartenparadies

Anstoß für diese Regelung war, dass Münster 1815 an Preußen gefallen war, der Oldenburger Herzog jedoch keinen Bischof aus preußischem Gebiet für seine katholischen Untertanen akzeptieren wollte. Ein neues Bistum Oldenburg kam wiederum für den Vatikan nicht infrage. Also haben sich alle Parteien im neutralen Oliva getroffen und unter Vermittlung des ermländischen Fürstbischofs die Sonderregelung für Oldenburg ausgehandelt. Da das Ganze im Niedersachsenkonkordat vom 1.Juli 1965 nochmals bestätigt wurde, gilt die “Konvention von Oliva” bis heute. Doch Schluss mit diesem Nerdkram; wobei ich schon hart feiern würde, wenn jemand mal eine Million Euro gewinnt, weil er dank “Schneppe Tours” die Frage “Welches deutsche Bistum hat als einziges zwei Gerichtsvikare?” in einer TV-Quizshow beantworten kann.

Der Äbtepalast des einstigen Klosters

Ich kann auf jeden Fall jedem Gdańsk-Reisenden empfehlen mal in Oliwa vorbeischauen. Die Gartenanlage ist wunderschön und der Äbtepalast definitiv einen Blick wert. Im Inneren befindet sich außerdem die Sammlung zeitgenössischer Kunst des “Muzeum Narodowe w Gdańsku” (Danziger Nationalmuseum). Für einen Streifzug durch die Sammlung war es leider schon zu spät. Dafür hatte die Domkirche ihre Pforten noch geöffnet. Die romanische Ursprungskirche wurde von den Zisterziensern im 12.Jahrhundert geweiht, jedoch von den heidnischen Pruzzen mehrfach verheert und in der zweiten Hälfte des 14.Jahrhunderts im Stile der Gotik neu errichtet. Im 17. und 18.Jahrhundert kamen barocke Elemente wie neue Turmhelme hinzu. Die 23 Altäre im Innenraum stammen auch alle aus dem Barock oder Rokoko. Durchweg beeindruckende Kunstwerke!

Westwerk und Hauptportal des Doms

Im Dom verweilte ich länger und überlegte mir auch, dass ich mich direkt mal bei Gott für den gewünschten Spielausgang in Chojnice und die Eintrittskarte bei Arka bedanken könnte. Alternativ mal allgemein huldvoll Danke sagen für mein privilegiertes Leben. Gott legt schließlich übel viel wert auf Dankbar-, Folgsam- und Unterwürfigkeit und viel näher, als in so einem Gotteshaus, kann man ihm auf Erden wahrscheinlich gar nicht sein. Doch je mehr ich über Gott und die Welt nachdachte, desto mehr wollte ich gar nicht mehr von ihm geliebt oder bevorzugt werden. Zumindest im Alten Testament ist seine Zuneigung ganz schön toxisch. Eigentlich voll der Psycho, den du besser nicht in dein Leben lässt. Ich mein, okay; wenn er dich gern hat, lässt er freche Kinder, die sich über dich lustig machen, auf der Stelle von Bären zerreißen (2.Buch der Könige 2,23-24). Aber wenn ihm dein Gebaren nicht mehr gefällt, wird’s gefährlich. Fragt mal in Sodom und Gomorra nach.

Barockes Seitenportal

Da gibt es so viele brutale Storys… An einem Typen namens Onan, der keinen Bock hatte die Witwe seines Bruders zu schwängern, hat er auch mal ein tödliches Exempel statuiert. Wer um ein Goldene Kalb tanzte, war sich seines Lebens ebenfalls nicht mehr sicher. Und schaue bloß niemals in die Bundeslade! Spätestens seit “Raiders of the Lost Ark” wissen wir ja, wie das endet. Insgesamt kommt man auf 2.821.364 Todesopfer, die in der Bibel entweder auf Gottes Befehl oder von ihm persönlich getötet wurden. Plus noch einmal der nicht exakt zu beziffernde Genozid, den nur Noah und seine Familie überleben durften. Na ja, wir nennen uns bekanntlich Christen und sind nicht ganz so auf das AT fixiert. Orientieren wir uns also lieber an Jesus Christus und seiner Frohen Botschaft aus dem Neuen Testament (Jesus liebt uns! Gott liebt uns auch!) und außerdem darf man aus diesen uralten Texten auch nicht alles wörtlich nehmen. Sagen sie jedenfalls sofort, wenn man bei Gott mal “Body Count” betreibt.

We’ll make Heaven a place on Earth… Uuh, Heaven is a place on Earth

Außerdem hat Gott jetzt schon bemerkenswert lange die Füße still gehalten. Vielleicht ist er doch schon tot (Nietzsche was maybe right?), aktuell total zufrieden mit der Menschheit (was nicht gerade für ihn spricht) oder mittlerweile altersmilde geworden. Schon witzig auf was für blasphemische Gedanken man ausgerechnet in einer Kathedrale kommt. Ein riskantes Sakrileg! Wenn es blöd läuft, spüre ich fortan nur noch den Zorn Gottes auf meinen Touren. Das werden kurzfristige Spielverlegungen auf Nebenplätze ohne Ausbau sein, komplette Spielausfälle, Geisterspiele, Wuchereintrittspreise, der Entzug meines Presseausweises, alkoholfreie Stadien weltweit, nochmal 25 Jahre Martin Kind in irgend einer Funktion bei Hannover 96, eine Netflixserie von „Schneppe Tours“ mit Til Schweiger in der Hauptrolle, Hoppingtouren mit Teamchef und Linke, eine Überprüfung all meiner eingetragenen Grounds durch das Hoppertribunal und die Unwirksamkeit von Corminaty bei kommenden Virusmutationen.

Ein Wasserbassin im Park

Also lieber nochmal meine frevelhaften Gedanken bei Pater Piotr gebeichtet (der überraschend gut Englisch konnte), ehe es wieder zurück in den schönen Park ging. In einem Flügel des „Pałac Opatów“ war ein gleichnamiges Restaurant untergebracht und für 10 Złoty (2,20€) gönnte ich mir einen Cappuccino auf dessen Außenplätzen. War sehr fein in der Abendsonne zu sitzen und dort auf andere Gedanken als den Zorn Gottes zu kommen. Wobei, Zorn Gottes? Jetzt war ich plötzlich bei Klaus Kinski. 1926 nur einen Steinwurf von hier entfernt geboren. Als Beichtvater hätte er mir heute folgendes entgegnet: “Du bist so bescheuert, du bist so bescheuert, dass du dir nicht mal über die Konsequenzen klar bist, so bescheuert bist du. […] So blöd kann keiner sein!!!”

Die moderne Seite von Oliwa

Um 19 Uhr zog ich schließlich aus Oliwa ab, da ich so langsam mächtig Hunger hatte. Eine halbe Stunde war ich wieder im Hotel und nichts war nun naheliegender, als noch einmal bei “Swojski Smak” zum Abendessen einzukehren. Diesmal wurde es ein Doppler aus Żurek und Pierogi, begleitet von einer Fruchtbowle. In der Suppe war neben Fleisch, Pilzen und dem obligatorischen gekochten Ei übrigens noch ein Kartoffelkloß (anstatt geschnippelte Kartoffeln). Bei den Pierogi setzte ich dann auf die Formel 3×3. Es gab die klassischen Füllungen Kartoffel-Quark (ruskie), Sauerkraut-Pilze (kapusta z grzybami) und Fleisch (miesem) in je dreifacher Ausführung. 55 Złoty Rechnungssumme (ca. 12€) + 5 Złoty Trinkgeld war der Spaß auf jeden Fall wert.

Eine ehrliche Sauersuppe

Anschliessend schaute ich noch im Hotelzimmer „Die Mannschaft“ vs. Frankreich und pfiff mir dabei eine kleine Tüte Popcorn mit Käse- und Zwiebelgeschmack rein. Der Snack war erfüllender als der Kick und deshalb knackte ich auch bereits nach ca. 40 Spielminuten ein. Pünktlich zur 90.Minute gingen die Augen nochmal auf. Also im Halbschlaf durch sechs Minuten Nachspielzeit gequält und dann das TV-Gerät endlich abgeschaltet. Der Auftakt zu Jogis Abschiedsrunde war mit dem 0:1 schon mal mißglückt. Bleibt nur noch die Frage, was Manuel Neuers kroatischer Lieblingsmusiker Thompson zu dessen Regenbogenkapitänsbinde sagt und ob Neuer auch beim nächsten FCB-Trainingslager in Katar Flagge für LGBTQ*-Rechte zeigt?

Piroggendreierlei

*Sorry an alle Buchstaben, die ich vergessen und somit ausgegrenzt habe. In Sachen Wokeness bin ich erst noch auf dem Weg zur Perfektibilität. Als selbstgerechter Lifestyle-Linker, aus der gut situierten akademischen Mittelschicht der Großstädte stammend, möchte ich jetzt jedoch auf keinen Fall mit Sahra Wagenknecht in einen Topf geworfen werden, die bekanntermaßen der Meinung ist, dass (linke) Identitätspolitik mittlerweile darauf hinausläuft, das Augenmerk auf immer kleinere und immer skurrilere Minderheiten zu lenken, die ihre Identität jeweils in irgendeiner (sexuellen) Marotte finden, durch die sie sich von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden und aus der sie den Anspruch ableiten, ein Opfer zu sein. Nee, nee… Mir, als großem Fan von Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer, kann es mir gar nicht skurril genug sein!

Song of the Tour: Auch Chojnice hat natürlichen einen brutalen Rapsong.