Sondershausen 11/2019

23.11.2019
BSV Eintracht Sondershausen – 1.SC 1911 Heiligenstadt 2:1
Thüringenliga (VI)
Sportzentrum am Göldner (Att: 375)

Manchmal kriegt man zufällig so Sachen mit. Zum Beispiel, dass das Stadion am Göldner in Sondershausen ab Frühjahr 2020 umgebaut wird und die Haupttribüne einem Mehrzweckbau weichen muss. Am 23.November war nun die letzte Chance das altehrwürdige Stadion (erbaut 1981) in seiner vollen Pracht zu erleben. Weil ich noch Verspätungsgutscheine von der DB hatte und daheim an jenem Wochenende mal wieder der Hund begraben war, ergriff ich die Gelegenheit beim Schopfe und reiste fahrtkostenneutral für einen Tag nach Nordthüringen. Die Tour startete bereits am frühen Morgen via Göttingen und Nordhausen, da ich schon vormittags in Sondershausen eintreffen wollte. Denn ich plante am Zielort, neben meiner Fußballleidenschaft, auch meiner Profession Geschichte ihren gewohnten Platz einzuräumen.

Trüber Tag in Sondershausen

Schließlich war dieser Ort bis 1918 Residenzstadt des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen. Eines dieser Beispiele deutscher Kleinstaaterei, wovon sich mit Schaumburg-Lippe auch ein Exemplar vor meiner Haustür befand und deshalb schon früh ein gewisses Interesse bei mir für die „Zwergstaaten“ des Deutschen Reiches, abseits von Preußen, Bayern, Sachsen & Co, geweckt wurde.

Auf zum Schloss (zu sehen ist der Westflügel von der Gartenseite)

Mein erstes Ziel wurde selbstredend das Residenzschloss der Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen. Ein großes und sehr schönes Schloss mit rund 700jähriger Geschichte. Es ging aus einer mittelalterlichen Spornburg hervor und wurde im 16.Jahrhundert zu einem Renaissanceschloss umgebaut und wesentlich erweitert. Aus dieser Bauphase ist heute noch der alte Nordflügel nebst Schlossturm erhalten, welcher noch den mittelalterlichen Bergfried erahnen lässt. Ergänzt wurde der Nordflügel seinerzeit mit einem Ost- und Südflügel, die zwischen 1680 und 1730 im Stile des Barocks um- und ausgebaut wurden. Im Westen des eigentlichen Schlosses entstanden dabei ein großer Lustgarten, die Orangerie um 1700) und das Achteckhaus (ca. 1710).

Westflügel vom Schlosshof gesehen

In den 1760er Jahren wurde schließlich der Nordflügel von Grund auf renoviert und das Schloss mit dem damals neu errichteten Westflügel außerdem zu einer unregelmäßigen Vierflügelanlage gewandelt. Letztere Bauabschnitte folgten den Motiven des Rokoko. Für eine weitere Umgestaltung im 19.Jahrhundert zeichnete sich der Architekt Carl Scheppig verantwortlich. Scheppig war ein Schüler von Karl Friedrich Schinkel und brachte klassizistische Elemente ins Schlossbild ein. Da die Luft am heutigen Vormittag trüb und neblig war, beschloss ich zunächst im Schlossmuseum in die Geschichte des Bauwerks, der ihm zu Füßen liegenden Stadt und des Hauses Schwarzburg-Sondershausen einzutauchen. Die Hoffnung war, dass sich das Wetter zwei Stunden später aufgeklart haben möge.

Blick zum Renaissanceflügel, der auch den Kern der alten Burg beinhaltet

Im Schlossmuseum wurden 5€ fällig und als vormittags einziger Besucher hatte ich stets eine Anstandsdame bzw. -herrn als Schatten. Zunächst wurde ich durch die Sonderausstellung mit Werken des zeitgenössischen und lokalen Künstlers Gerd Mackensen im Westflügel geschleust. Allerdings erwartete mich mit dem Blauen Saal noch ein absoluter Höhepunkt in jenem Flügel. Wenig überraschend ein beliebter Ort für Eheschließungen in Sondershausen. Laut Museumsmitarbeiterin finden von Frühling bis Frühherbst immer zwei bis drei Trauungen an Samstagen hier statt. Gut, dass im November eher weniger Ehen geschlossen werden und ich somit den prachtvollen Saal für mich allein hatte.

Blauer Saal

Anschließend ging es durch die Ahnengalerie in der Beletage des Schlosses in Richtung Schlosskapelle (zur Zeit allerdings für Restaurationsarbeiten innen eingerüstet) und anschließend weiter durch die Rokokosäle „Römisches Zimmer“ und „Steinzimmer“, sowie in den klassizistischen Theatersaal des Schlosses. Ferner gab es Möbel, Fayencen (aus der fürstlich-schwarzburgischen Manufaktur Abtbessingen) und Tapisserien zu bewundern. Letztere wurden von meinem Schattenmann als „[Ja, da geht es noch weiter, aber außer so] alte Teppiche [gibt es da nichts zu sehen]“ angepriesen. Gut, so kann man einen wunderschönen Wandteppich aus dem frühen 17.Jahrhundert, der die Hinwendung des römischen Kaisers Konstantin zum Christentum vor der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 darstellen soll, natürlich auch titulieren. Der Wert eines solchen Kunstschatzes ist irgendwo vielleicht doch subjektiv.

Kaiser Konstantin (übrigens im heutigen Niš in Serbien geboren) entdeckt das Christentum für sich bzw. seine Sache

Im Keller des Schlosses erwartete mich außerdem noch die Goldene Kutsche als letzter großer Höhepunkt der hiesigen Sammlung. Die „Grand carrosse“ wurde um 1710 gebaut und diente den Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen bis ins späte 19.Jahrhundert als Staatswagen. Der „Thron auf Rädern“ ist dekorativ geschnitzt, bemalt und vergoldet. Blauer Samt überspannt die Innenwänden und Polster des Wagens. Eine wahrhaft herrschaftliche Karosse und in dieser Form einzigartig in Deutschland.

Die Goldene Kutsche

Die naturkundliche Sammlung ignorierte ich dann weitgehend, doch die Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und der Historie des Fürstenhauses Schwarzburg-Sondershausen interessierte mich dafür umso mehr. Sondershausen wurde 1125 erstmals urkundlich erwähnt und im 13.Jahrhundert herrschten die Grafen von Hohnstein über das heutige Stadtgebiet. Die Siedlung am Fuße der Burg (heutiges Schloss) wuchs damals auf mehrere hundert Häuser an und bekam um das Jahr 1300 herum (spätestens 1341) das Stadtrecht verliehen. Als die männliche Linie des Geschlechts Hohenstein 1356 erlosch, kam Sondershausen in den Besitz der Grafen von Schwarzburg.

Mittelalterliche Rüstung in der stadtgeschichtlichen Sammlung

Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung von Sondershausen war Graf Günther XL. im 16.Jahrhundert. Da dessen „Lifestyle“ durchaus als „extra large“ beschrieben werden kann, passt es ganz gut, dass er der vierzigste Günther der Schwarzburger war. Außerdem hatte Graf Günther XL. noch die historischen Beinamen „der Reiche“ und „der mit dem fetten Maule“. Möglicherweise war „Günni the Rich“ a.k.a. „Big Mouth MC“ nach damaligen Verhältnissen ein „doper MC“? Er ließ jedenfalls die alte Burg größtenteils abreißen und ab 1533 stattdessen das Renaissanceschloss errichten und feierte dort „playerlike“ so manch fette Party.

Guenther XL, the Fresh Earl of Blackcastle

Auch führte er den Protestantismus in seinem Herrschaftsgebiet ein, was ihm „Beef“ mit dem katholischen Kaiser Karl V. einbrachte. Mit seiner protestantischen „Posse“, dem Schmalkaldischen Bund, zog Günther sogar in den Krieg gegen den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation (HRR). Dieser Schmalkaldische Krieg (1546 – 1547) kann durchaus als Prolog des Dreißigjährigen Krieges gesehen werden. Außerdem war es einer der ersten großen Kriege nach Erfindung des modernen Buchdrucks, so dass die „Battles of the Year“ 1546 und 1547 mit Flugblättern, Spottgedichten (die „Punchlines“ der Frühen Neuzeit) und Karikaturen (quasi zeitgenössisches „Graffiti“) propagandistisch begleitet wurden.

Straßenzug in Sondershausens historischem Stadtkern

1552 starb Günther XL. und ich werde jetzt wieder ernsthafter (man verzeihe mir meine Hip-Hop-Analogien). Sein Territorium ging an seine vier Söhne und als zwei davon kinderlos starben, wurden die Besitzungen 1599 neu geordnet. Es gab fortan die beiden Hauptlinien Schwarzburg-Sondershausen und Schwarzburg-Rudolstadt, die bis 1918 als Grafschaften bzw. Fürstentümer bestehen sollten. Doch zunächst hatte Sondershausen ein schweres 17.Jahrhundert zu durchstehen, in welchem der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648), Pestepidemien und große Feuersbrünste die Stadt heimsuchten und die Bevölkerung stark dezimierten.

St. Trinitas (barocke Saalkirche aus dem 17. Jahrhundert)

Immerhin klang das Jahrhundert gut für die Sondershausener Linie des Hauses Schwarzburg aus. Graf Christian Wilhelm gelang es 1697, nach ausdauerndem Antichambrieren, in den Reichsfürstenstand erhöht zu werden. Er war ebenso der Urheber der bereits erwähnten barocken Umbauten und Erweiterungen des Schlosses Sondershausen und zelebrierte den zeitgenössischen Prunk in vollen Zügen. Außerdem schrieb er 1713 zusammen mit seinem Bruder Anton Günther die Primogenitur und die Indivisibilität von Schwarzburg-Sondershausen fest, was bewirkte, dass dem Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen fortan keine Teilungen mehr widerfuhren.

Das Haus „Zum Weißen Schwan“ aus dem 17.Jahrhundert

Übrigens zeigten Christian Wilhelm die meisten anderen Fürsten von Schwarzburg-Sondershausen eine ausgeprägte Neigung für die schönen Künste. Der Sondershausener Hof entwickelte sich dabei zu einem Zentrum der Musik. Es wurden u. a. eine Musikakademie und eine Hofkapelle gegündet. Die fürstliche Kapelle lebt noch heute im überregional bekannten Loh-Orchester fort. Ein Orchester, welches schon im 19.Jahrhundert auf prominente Fans wie Johann Wolfgang Goethe, Franz Liszt, Richard Wagner und Johannes Brahms zählen konnte. Jener Sondershausener Musiktradition widmet das Schlossmuseum nebenbei auch die gebotene Aufmerksamkeit.

Das frühere Prinzenpalais, heute Landratsamt (1721 bis 1725 erbaut)

Im 19.Jahrhundert kam es zu einer Liberalisierung der politischen Verhältnisse im Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen. 1835 wurde eine konstitutionelle Monarchie mit Verfassung, (eingeschränktem) Wahlrecht und einer Volksvertretung eingeführt (dennoch wurde auch dieses Fürstentum 1848 von revolutionären Unruhen erfasst, die zeitweilig den Fürsten entmachteten). Neben politischen Umgestaltungen, erfuhr auch das Stadtbild seinerzeit eine gewisse Veränderung. Wie eingangs erwähnt, wurde das Schloss im 19.Jahrhundert klassizistisch modernisiert (z. B. mit einer großen Freitreppe und Terrasse, sowie einem Umbau des Westflügels) und auch der Marktplatz erfuhr eine Umgestaltung im Stile des Klassizismus. Dabei enstand u. a. die Alte Wache mit ihren sechs dorischen Säulen, die den Zugang zum Schloss überwachte und ein tolles Ensemble mit der Terrasse der Residenz bildet (siehe auch Titelbild). Wirtschaftlich blieb das Fürstentum derweil von Landwirtschaft, Handwerk und Manufakturen geprägt. Selbst mit dem Eisenbahnanschluss ab 1869 setzte immer noch nicht wie andernsorts die Industrialisierung ein. Erst mit dem ersten Kalibergwerk anno 1893 veränderte sich das. Jenes Kalibergwerk „Glückauf“ zu Sondershausen ist heute übrigens das älteste noch befahrbare auf der Welt.

Die Alte Wache und die Schlossterrasse

Mit dem Ersten Weltkrieg (1914 – 1918) endete schließlich die Monarchie in Deutschland und damit war auch das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen Geschichte. Das Gebiet wurde Teil des Landes Thüringen innerhalb der Weimarer Republik. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland ergriffen hatten, wurde natürlich auch in Sondershausen das öffentliche Leben gleichgeschaltet und alle von den Nazis zu „Feinden des Volkes“ erklärten Menschen wurden verfolgt (u. a. Juden und Kommunisten). Viele der Opfer überlebten die Nazi-Herrschaft nicht und nachdem der Diktator Adolf Hitler mit seinem Reich den Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) entfesselt hatte, kamen zahlreiche Zwangsarbeiter nach Sondershausen, die in den Kalischächten unter unmenschlichen Bedingungen Munition für die deutsche Kriegswirtschaft produzieren mussten und ebenfalls zuhauf nicht das Kriegsende erlebten.

Die letzte Generation Schwarzburg-Sondershausener in Amt und Würden

1945, kurz vor dem Einmarsch us-amerikanischen Truppen, wurde Sondershausen außerdem von den Alliierten bombardiert, wobei 181 amtliche Todesopfer zu beklagen waren und ca. 40% der städtischen Bausubstanz zerstört wurden. Das bisherige Land Thüringen fiel nun gemäß alliierter Vereinbarungen unter sowjetische Kontrolle. Wie überall in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands (SBZ) wurde der Umbau von einer nationalsozialistischen Diktatur zu einem sozialistischen Einheutsstaat vorangetrieben, der 1949 zur Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) führte. Dabei änderte sich auch das Stadtbild Sondershausens. Die kriegszertörte Stadt wurde nur in Teilen nach altem Vorbild wiederaufgebaut. Zunächst entstanden einfache und zwecksmäßige Mehrfamilienhäuser, um der Wohnungsnot Herr zu werden, und später neue Wohnsiedlungen in Plattenbauweise am Stadtrand, um dem einsetzenden Bevölkerungswachstum zu begegnen. Denn Sondershausen, dass 1939 noch Heimat für ca. 11.000 Menschen war, boomte in den Nachkriegsjahren. Vor allem dank Kalibergbau und gezielt geförderter Elektroindustrie (VEB Elektroinstallation Sondershausen) mit jeweils mehreren Tausend Mitarbeitern, wuchs die Bevölkerungszahl auf über 20.000 in den 1960er Jahren.

Ab durch die Altstadt

Nach der politischen Wende 1989 bzw. nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 begann eine Deindustrialisierung wie vielerorts in der ehemaligen DDR. Die Kaliförderung hatte keine Zukunft mehr und aus dem VEB Elektroinstallation gingen mehrere kleine Niederlassungen westdeutscher Firmen (z. B. WAGO, die auch Hauptsponsor des BSV Eintracht Sondershausen sind), sowie die Nachfolgegesellschaft ELSO GmbH, die heute zum franzözischen Konzern Schneider Eletric gehört, hervor. Der Strukturwandel sorgte natürlich für hohe Arbeitslosigkeit in den 1990er und 2000er Jahren (teilweise bis zu 25% der zivilen Erwerbspersonen), doch heute steht man mit aktuell 7,1% nicht mehr so schlecht da (z. B. besser als Bremen oder Kaiserslautern). Die teilweise schlechten Perspektiven in den letzten Jahrzehnten hatten natürlich für hohe Abwanderungszahlen, vor allem junger Menschen, gesorgt. Durch Eingemeindungen ist dies in der Bevölkerungsstatistik Sondershausens allerdings nur bedingt sichtbar (1989: ca. 24.000 Einwohner und aktuell ca. 21.500 Einwohner).

Jugendstil in Sondershausen

Nachdem die ältere und jüngere Stadtgeschichte gewissenhaft aufgearbeitet waren, rief schließlich König Fußball. Eine gute Dreiviertelstunde vor Anpfiff ging es deshalb über den Marktplatz, sowie durch die Altstadt und ein schickes Jugendstilviertel zum Sportzentrum am Göldner. Da der Andrang am Kassenhäuschen überschaubar war, wurde 10 Minuten vor Spielbeginn das Stadiontor passiert und drinnen einer Bergmannskapelle gelauscht. Als die beiden Teams den Gang von den Kabinen zum Spielfeld antraten, intonierten die Musiker schließlich das berühmte Steigerlied. Denn in dieser Stadt mit über 100jähriger Montantradition, war natürlich auch der größte hiesige Fußballclub lange mit dem Bergbau verbunden. Die 1957 gebildete BSG Eintracht bekam in der DDR das Kaliwerk Sondershausen als Trägerbetrieb und hieß viele Jahre BSG Glückauf.

Sie spielen ein letztes Glückauf

Die BSG Glückauf Sondershausen konnte sich in den 1970er Jahren in der damals drittklassigen Bezirksliga etablieren und 1980 schaffte man den Aufstieg in die DDR-Liga (2.Liga). Dort hielt man sich stolze sieben Spielzeiten und kratzte am Ende der Saison 1983/84 sogar am Tor zur 1.Liga (DDR-Oberliga). Doch drei Spieltage vor Saisonende wurde man durch eine Niederlage bei der BSG Kali Werra Tiefenort von den Aufstiegsplätzen verdrängt und man musste letztlich den thüringischen Nachbarn aus Suhl (BSG Motor) und Nordhausen (ebenfalls ’ne BSG Motor) den Vortritt lassen. Gegen den Erzrivalen aus dem 18,96km entfernten Nordhausen wurde im Frühjahr 1984 übrigens der bis heute gültige Zuschauerrekord von 6.300 Besuchern aufgestellt.

Erinnerungsstücke an glorreichere Zeiten

Heute wurden dagegen nur 375 zahlende Zuschauer kommuniziert. Gut, mit Kindern und Ehrengästen waren vielleicht doch über 500 Besucher anwesend. Trotzdem hatte ich insgeheim auf 1.000 Zuschauer spekuliert. Mangels Kenntnis über die hiesigen Verhältnisse, war das natürlich nur optimistisch ins Blaue getippt. Zu optimistisch. Schließlich handelte es sich nur um die 6.Liga – Eintracht Sondershausens Nachwendehöhepunkt waren die Jahre von 2000 bis 2005, als man in der viertklassigen Oberliga Nordost zeitweilig auf Augenhöhe mit u. a. Dynamo Dresden, dem 1.FC Magdeburg, dem FSV Zwickau und dem Halleschen FC agierte – und das Wetter war immer sehr bescheiden heute. Darüberhinaus rockt der BSV Eintracht aktuell nicht gerade die Liga. Es ist in Sondershausen auch nicht anders als in 96% der Bundesrepublik; Amateurfussball ist nicht sexy genug! Dass einige anwesende Kinder mit Schals oder Strickmützen einer Leipziger Promotruppe für Energy Drinks vor der Kälte geschützt wurden, passte gut ins Bild.

Abschiedschoreographie

Umso mehr Respekt verdienen die circa 50 Leute des „Block D“, die auch in der 6.Liga hin und wieder für Tifo sorgen, ihr Revier gegenüber dem Erzrivalen Wacker Nordhausen graffititechnisch markieren und auch viel zum Vereinsleben beitragen zu scheinen. Für den heutigen Anlass hatten sie eine in vielen Arbeitsstunden auch Einiges vorbereitet. Als erstes fiel auf, dass das Stadion komplett mit Fahnen in den (leider unschönen) Vereinsfarben für den heutigen Festtag geschmückt wurde. Ferner wurde am Zaun der ansonsten ausbaulosen Gegengerade mit bepinselten Laken an die sportlichen Sternstunden im Stadion am Göldner seit 1981 erinnert.

Das Objekt ohne Zukunft im Seitenprofil

Vorläufig größter Blickfang war jedoch die Choreografie auf der Haupttribüne beim Einlaufen der Teams. Der ganze Zuschauerbereich wurde von einer Blockfahne überspannt auf welcher der Schriftzug „Sportzentrum Am Göldner“ golden glänzte. Am Tribünendach wehte außerdem ein Banner mit der Aufschrift „Hoch thronend über der Stadt, über Jahrzehnte unser Zuhause – Festung, Mythos & Legende“. Der Wind machte den Fans etwas Unbill bei der Durchführung, doch trotzdem war es ein gelungenes Bild.

Der Ball rollt ein letztes Mal am alten Göldner

Nachdem ich meine bescheidenen Bilder vom Intro im Kasten hatte, machte ich mich auf zur Haupttribüne und wollte dort eine Thüringer Rostbratwurst erstehen. Als der Grillduft mir schon das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, erspähte ich auf den Stehtraversen hinter dem Tor plötzlich ein bekanntes Gesicht. Das war doch schon wieder Schüßler, den ich erst in Rijeka überraschenderweise getroffen hatte. Also gab ich meine Platzierung in der Warteschlange wieder auf und sagte ihm und seinem Kumpel Torben erstmal „Moin“. Damit wir nicht bis zum dritten zufälligen Treffen binnen kurzer Zeit warten müssen, beschlossen wir uns schon heute gegenseitig Bier zu spendieren.

Und jetzt wird hier gefeiert…

Mit Bieren (Apoldaer „Domi“ vom Fass 0,3l für je 2€), Pfefferminzlikör (1€) und in der 2.Halbzeit letztlich doch noch der formidablen Bratwurst (2,50€), ließ sich der relativ bescheidene Fußball der sechstklassigen Thüringenliga doch ganz gut ertragen. Außerdem waren die Ultras von sporadischer akutischer Unterstützung im ersten Durchgang auf relativ konstante Anfeuerung in den zweiten 45 Minuten gewechselt. Zur allgemein besseren Stimmung trug auch der Spielverlauf bei. Denn in der 50.Minute konnte der slowakische Toptorjäger Miloš Gibala – mit Erstligaerfahrung in der Tschechischen Republik und der Slowakei in seiner Vita – die Eintracht in Front bringen (sein bisher neuntes Saisontor).

Feinste Wurstware

Als die Heiligenstädter den Rückstand in der 84.Minute egalisieren konnten, war es abermals Gibala, der nur eine Minute später für die erneute Führung sorgte. Dabei blieb es und die Spieler feierten nach Abpfiff ausgelassen mit ihren Fans. Der BSV Eintracht hatte mit seinem Sieg nicht nur einen Schönheitsfehler bei den Abschiedsfeierlichkeiten vom alten Stadion vermieden, sondern auch drei wichtige Punkte im Kampf um den Klassenerhalt eingefahren. Man klettert nun vorerst von Platz 12 auf Platz 10, der am Ende den Ligaverbleib sichern würde (Platz 15 und 16 müssen am Saisonende definitiv runter, das Schicksal von Platz 11 bis 14 richtet sich dann nach den Absteigern aus der Oberliga in die Thüringenliga oder Relegationsspielen). Der 1.SC 1911 Heiligenstadt fällt dagegen von Platz 7 auf 8.

Fans und Spieler feiern

Als schließlich das Schiedsrichtergespann in den Katakomben verschwunden war, kam es noch zu einer großen Pyroshow mit Bengalischen Feuern und Fontänen. Gefiel den Spielern, gefiel den Zaungästen und sorgte für strahlende Augen bei den kleinsten Zuschauern. Um 18 Uhr sollte es dann noch ein vom Verein bestelltes professionelles Höhenfeuerwerk zu bewundern geben, doch das war uns zu spät. Stattdessen gab es noch einen Blick ins Clubheim, wo eine kleine Ausstellung die Club- und Stadiongeschichte aufbereitet hatte, ehe wir das Areal verließen.

Ein kleines Inferno am Ende

Ich nahm nun das Angebot von Schüßler und Torben an, die mich bis Göttingen im Auto mitnehmen wollten. Ich hatte zwar aufgrund meiner ICE-Zugbindung ab Göttingen keinen Zeitvorteil dadurch, aber dafür die neue Option binnen ca. 96 Minuten irgendwo in der südniedersächsischen Studentenstadt etwas zu Abend zu essen. Nachdem Schüßler und ich während der Fahrt nochmal mit Apoldaer „Domi“ angestoßen hatten, warfen die beiden mich am Göttinger Hauptbahnhof raus und es gab noch einen Restauranttipp mit auf den Weg. „Zum Szültenbürger“ soll leckere und preiswerte gutbürgerliche Küche servieren. Leider war kein Platz mehr für mich in dem urigen Altstadtlokal frei. Doch mit dem Inder „Rani Dhaba“ fand ich eine gute Alternative, auch wenn der Sprung von einem erhofften Schnitzel auf Chicken Vindaloo („extra spicy“) doch ein großer war. Tja, wäre anschließend anstatt des ICE ein Dampflokzug gefahren, ich hätte problemlos die Kohlen anfeuern können.

Chicken Vindaloo und würziger Lassi in Göttingen

Gegen 21 Uhr war ich schließlich wieder daheim und konnte auf einen gelungenen Tagesausflug zurückblicken. Für das kommende Wochenende ist nun bereits der nächste bundesdeutsche Kurztrip geplant. Diesmal in den Südwesten der Republik und wieder mit großzügiger Unterstützung der DB, die mehr und mehr zum „Mobility Partner“ von Schneppe Tours wird.