Thessaloniki 02/2019

24.02.2019
PAOK Saloniki – Aris Saloniki 1:1
Super League (I)
Stadion Toumba (Att: 22.544)

Da während unseres Griechenlandaufenthalts auch das Derby PAOK vs. Aris angesetzt war, wurde schnell klar, dass wir uns nicht nur in Athen vergnügen würden. Rund vier Wochen vor dem Spieltag wurde fix terminiert und das Derby in Thessaloniki sollte Sonntagabend steigen. Also buchten wir uns einen Zug von Athen nach Thessaloniki (65€ return pro Person) und ein Hotel für die Nacht von Sonntag auf Montag in der makedonischen Metropole (25€ pro Person).

Hat irgendwer meine Brille gesehen?

Ergo ließen wir die unbequemen Betten des „Hotel Apollo“ nach zwei Nächten hinter uns und stiegen Sonntagmorgen um 7:18 Uhr in den Intercity von Athen nach Thessaloniki. Die Zugauslastung ließ dabei etwas zu wünschen übrig, so dass wir, neben unseren reservierten Plätzen, weitere Seperees in Beschlag nehmen konnten. Gerade Olbert und ich brauchten nach einer durchzechten Nacht noch ’ne Mütze Schlaf, ehe ab circa 10:30 Uhr ins Bordbistro eingekehrt wurde.

Los jetzt!

Wir verpassten damit zunächst eine optisch reizvolle Strecke, deren Landschaften immer weißer wurden, je mehr wir uns von Athen entfernten. Beim Aufwachen nach rund zwei Stunden Schlaf erinnerte ich mich sogleich an die Fotos des verschneiten Toumba-Stadions in Thessaloniki, die uns gestern ein griechischer Kollege im Athener Olympiastadion zeigte. Seine Prognose: Das Derby in Thessaloniki fällt aus. Meine Prognose: Wir sind hier nicht in Uruguay!

Unterwegs im Viertel Ladadika

Mit Café frappé zum Munterwerden und Konterbieren aus dem Hause Vergina, verging die restliche Fahrzeit nach Makedonien (nicht zu verwechseln mit Mazedonien bzw. neuerdings Nord-Mazedonien!) in Windeseile und das wolkige Thessaloniki wurde mit heiterem Gemüt gegen 13 Uhr erreicht. Erfreulicherweise war der Schnee der letzten Tage schon wieder fast komplett weggetaut.

Katermittagessen

Strategisch klug gebucht, befand sich unser Hotel schräg gegenüber vom Bahnhof. Schnell noch in jenes „Hotel Rex“ eingecheckt und wenig später befanden wir uns auch schon in einem Restaurant im kleinen Kopfsteinpflasterviertel Ladadika, unweit des Fähranlegers. Im „Mpoukia Mpoukia“ wurde erstmal Gyros mit weiteren fleischigen Begleitern serviert. Frühstück und Mittagessen in einem Rutsch, da kann man schon mal in größerem Stil futtern. Deshalb wurde das süße Dessert auf Kosten des Hauses, welches zusammen mit der Rechnung an den Tisch kam, auch nicht verschmäht.

Platia Aristotelous an der Uferpromenade

Nach dem Essen wäre eigentlich der perfekte Zeitpunkt für ein Mittagsschläfchen gewesen, doch Thessaloniki war für 4/5 der Reisegruppe Neuland. Daher obsiegte die touristische Motivation in Griechenlands zweitgrößter Stadt (ca. 325.000 Einwohner) und es ging am Meer, schön die Uferpromenade entlang, zum Weißen Turm. Dem Wahrzeichen schlechthin von Thessaloniki.

White Tower

Der „White Tower“ ist der imposante Rest der einst mächtigen Seemauer der Stadt. Der Turm wurde wahrscheinlich im 15.Jahrhundert nach der türkischen (osmanischen) Eroberung errichtet und ersetzte einen byzantinischen Vorgängerbau. Der zylindrische Bau ist 31 Meter hoch und am Boden hat er einen Durchmesser von 23 Metern. Weil die Griechen ihn nach der Rückeroberung Thessalonikis anno 1912 weiß gekalkt haben, bekam er seinen heutigen Namen. Davor war er als „Turm als Blutes“ bekannt, da ihn die Osmanen lange Zeit als Foltergefängnis genutzt haben.

Im Hintergrund die PAOK Ultras

Zeitgleich mit uns traf übrigens ein Fanmarsch der PAOK-Ultras am Weißen Turm ein, flankiert von jeder Menge Polizei. Ach ja, heute war ja Derby. Aber erst in ein paar Stunden, so dass wir uns weiter den Sehenswürdigkeiten der Stadt widmen konnten. Vom Turm ging es deshalb zum wenige hundert Meter entfernten Galeriusbogen.

Galeriusbogen

Galerius wurde 293 n. Chr. von Kaiser Diokletian zum Caesar (Juniorkaiser im Rahmen der damaligen Tetrarchie) für den Ostteil des Römischen Reiches erhoben und residierte in Thessaloniki. Damals war das Römische Reich noch nicht in Ost und West geteilt (das geschah 395), aber Diokletian hatte erkannt, dass das Reich zu groß geworden war, um es von einem Kaiser in Rom zu kontrollieren. Deshalb ersann er sein Vier-Kaiser-Modell mit zwei Seniorkaisern (Er und Maximian) und zwei Juniorkaisern (Galerius und Konstantin). Als die Perser im Jahre 297 die Ostgrenze des Römischen Reiches bedrohten, besiegte ein Heer unter der Führung von Galerius 298 den Perserkönig Narseh. Dafür erhielt Galerius von Seniorkaiser Diokletian die Erlaubnis für den Bau eines Triumphbogens in Thessaloniki; den Galeriusbogen.

Galerius feiert sich hart selbst

Auf den Innenseiten des Galeriusbogens findet man bildhauerisches Darstellungen des Perserkrieges, sowie des grossen Triumphes von Galerius. Schwerpunkt ist jedoch nicht eine historisch korrekte Darstellung des Krieges und seiner Schlachten (von denen Galerius zunächst einige verlor), sondern die Heldeninszenierung von Galerius selbst. Mit dieser Triumphalikonographie wollte Galerius, obwohl er sich im Krieg gar nicht so sehr als guter Feldherr auszeichnete, offenbar seinen Marktwert beim Volk steigern bzw. als Sieger die Geschichtsschreibung gestalten.

Die Rotunde

Zusammen mit dem Galeriusbogen wurde auch die benachbarte  Rotunde errichtet. Dieser Kuppelbau war wohl als Mausoleum des Galerius geplant. Letztlich wurde die Rotunde aber schon ab 326 als christliche Kirche genutzt und ist damit eine der ältesten Kirchen der Welt. Die Rotunde gehört somit folgerichtig zum UNESCO-Welterbe „Frühchristliche und byzantinische Bauten in Thessaloniki“.

Kirche des Heiligen Pandeleimon

Nicht als frühchristlicher, aber als byzantinischer Vertreter, hat es auch die benachbarte Kirche des Heiligen Pandeleimon (frühes 14. Jahrhundert) in den UNESCO-Welterbe-Katalog geschafft. Insgesamt 15 Bauwerke bilden den UNESCO-Kanon von Thessaloniki und ich hätte an einem gewöhnlichen Tag Lust gehabt mir alle anzuschauen. Jedoch hatte das gestrige Gelage in Athen und der damit einhergehende Schlafmangel erhebliche Auswirkungen auf die Movitation.

Die Ruinen des Palastes von Galerius

Daher hatte ich auch kein Problem mit der Einkehr in ein Café, nachdem wir uns noch gemeinsam die Ruinen des einstigen Palastes von Galerius angeschaut hatten. Allerdings verzichtete ich doch spontan auf meinen Cappucino und verzog mich für zwei Stunden ins Hotel. Ich war echt totmüde (weshalb meine Freunde wohl auch meinten, ich würde wie eine Leiche aussehen) und mein Zustand wäre sonst in drei Stunden beim Derby natürlich nicht besser geworden. Da hatte es schon Sinn noch etwas Schlaf nachzuholen, um den späteren Fußballbesuch auch richtig genießen zu können.

Hagia Sophia

Auf dem Weg zum „Hotel Rex“ schaute ich mir noch en passant die Hagia Sophia von Thessaloniki an und dann war 120 Minuten Regeneration angesagt. Die ganzen heute verpassten Sehenswürdigkeiten (z.B. noch die Akropolis von Thessaloniki und das Geburtshaus von Kemal Atatürk) schaue ich mir einfach beim nächsten Trip in diese Stadt an. Derweil hatte der Schlaf auch wirklich was gebracht (ja, ich bin ein alter Mann) und halbwegs munter orderte ich mir ein Taxi zum Stadion. Faire 6€ für 5km, da kannste nich‘ knurren!

Toumba-Stadion

Weil ich verpasst hatte mich rechtzeitig zu akkreditieren (da gab es dummerweise eine strenge Frist), hatte ich im Vorverkauf 50€ für eine Haupttribünenkarte nach Griechenland überwiesen. Ich nahm nun das teure Ticket entgegen und freute mich auf „90 Minuten Hardcore – Echte Gefühle“.

Wilkommen im Toumba-Stadion

Wie bereits im Athen-Bericht angerissen, ist PAOK ein Club von aus Konstantinopel (a.k.a Byzanz a.k.a Istanbul) vertriebenen Griechen (est. 1926) und beruft sich, wie auch AEK Athen, auf das Erbe des 1875 in Konstantinopel gegründeten Pera Clubs. Deshalb hat der „Panthessalonikeios Athlitikos Omilos Konstantinoupoliton“ (Panthessalonikischer Sportklub der Konstantinopler) auch den byzantinischen Doppeladler als Wappentier. Aus Trauer über die Vertreibung hat der Adler jedoch seine Flügel am Corpus anliegend. Auch die Clubfarbe Schwarz wurde wegen der Trauer gewählt, während Weiß die Hoffnung auf bessere Zeiten symbolisiert.

Die Gegengerade zu Spielbeginn

Zumindest sportlich scheinen auch gerade bessere Zeiten angebrochen zu sein. Nach der Vizemeisterschaft im Vorjahr, war PAOK diese Saison bisher nicht zu bezwingen und wird aller Voraussicht nach im Sommer die dritte Meisterschaft nach 1976 und 1985 feiern dürfen. Letztes Jahr ist man bekanntlich knapp an AEK im Meisterschaftsrennen gescheitert, während man selbigen Gegner immerhin im griechischen Pokalfinale besiegte. Wahrscheinlich erinnern sich viele Leser jetzt an das wichtige Spiel gegen AEK im März 2018.

Die Fankurve zu Spielbeginn

Die Athener waren mit zwei Punkten Vorsprung auf PAOK als Tabellenführer in die Partie gegangen. Als PAOKs vermeintlicher Führungstreffer wegen einer Abseitsstellung nicht gegeben wurde, stürmte Präsident und Investor Ivan Savvidis mit einer Pistole bewaffnet auf das Spielfeld und bedrohte den Schiedsrichter und die gegnerischen Spieler. Die Folgen waren ein Spielabbruch und ein Punktabzug, der im Prinzip die Meisterschaft zu Ungunsten von PAOK vorentschied.

Die Haupttribüne

Die Fans sind natürlich nicht weniger heißblütig als ihr Präsident und sorgten auch schon für den ein oder anderen Spielabbruch. Zuletzt ebenfalls in der Vorsaison und zwar gegen Olympiakos Piräus, den größten Rivalen außerhalb der Stadtgrenzen. Zwar steht bei den Fans von PAOK kein attischer Club hoch im Kurs, Olympiakos ist aus der Hauptstadt bzw. Hauptstadtregion jedoch das größte Feindbild. Hängt auch damit zusammen, dass PAOK eine Fanfreundschaft mit den Serben von Partizan hat, während Olympiakos mit Roter Stern befreundet ist.

Pyro gab es quasi 90 Minuten lang

Der 1914 gegründete Ortsrivale Aris ist dagegen das größte Feindbild in der eigenen Stadt. Schade, dass keine Gästefans zugelassen waren. Das hätte dem Kick heute noch mehr Würze gegeben. Nichtsdestotrotz fackelten die Fans zu Spielbeginn ordentlich Pyrotechnik ab. Und zwar nicht nur in der Fankurve, sondern auch in anderen Stadionbereichen. Deshalb war auch sogar vor die Haupttribüne ein großes Fangnetz gespannt. Heißblütige Fans findet man hier nämlich in jeder Preiskategorie. Mein Lieblingsfan an diesem Abend stand jedoch in der Kurve. Er hatte mutmaßlich Haarspray o. ä. und ein Feuerzeug dabei und mit seinem Miniflammenwerfer fackelte er nun über die Spieldauer verteilt immer wieder in die Luft. Bis ihm irgendwann das Treibgas ausging.

Der Pausenstand

Nachdem die ersten Fackeln erloschen waren, wurden übrigens noch die gesammelten Aris-Fanutensilien der letzten Zeit in Asche verwandelt. Auch akustisch machte das Publikum gut Power und wurde in der 39.Minute endlich belohnt. Der bundesligaerprobte Portugiese Vierinha (ehemals VfL Wolfsburg) ließ die 22.544 Zuschauer jubeln. Es gingen natürlich wieder Freudenfeuer an und diesmal wurden sogar Raketen in den makedonischen Nachthimmel geschossen.

Freude über die PAOK-Führung

Mit 1:0 ging es auch verdient in die Pause. PAOK hatte insgesamt mehr vom Spiel, kam aber gegen den Aufsteiger, der zur Zeit auf einem starken 5.Tabellenplatz rangiert, nur zu wenigen Abschlüssen. Von Aris kann ich mich dagegen an keine Chance in den ersten 45 Minuten erinnern. Doch ihr großer Moment sollte in der 2.Halbzeit noch kommen. In der 85.Minute gelang dem dreifachen griechischen Fußballmeister (1928, 1932 und 1946) tatsächlich noch der Ausgleich. Zwar traf Abwehr-As Fran Velez aus klarer Abseitsposition, aber die Fahne des Linienrichters blieb unten.

Nochmal ordentlich Pyro

Das erst elfte Gegentor in dieser Saison für PAOK und ich hielt jetzt natürlich die Augen auf. Würde hier gleich wieder ein bewaffneter Präsident auf das Spielfeld laufen? Doch alles blieb friedlich. Zum einen soll Savvidis immer noch verbandsseitig mit einem Stadionverbot belegt sein, zum anderen war die heutige Situation weniger dramatisch. Es blieb zwar bei der für Aris schmeichelhaften Punkteteilung und das waren die ersten Punkte überhaupt, die PAOK diese Saison daheim abgab, aber Meister werden sie bestimmt trotzdem. 10 Punkte Vorsprung haben sie auf den ersten Verfolger Olympiakos, der Morgen jedoch auf sieben Punkte verkürzen kann. Aber ob sieben oder zehn Punkte Vorsprung, bei nur noch acht ausstehenden Spieltagen sollte eigentlich nichts mehr anbrennen. PAOK spielt bisher auch eine zu dominante Saison (Punkteschnitt beträgt 2,63), um da noch auf einen Leistungseinbruch zu spekulieren.

Rauchpulver durfte auch nicht fehlen

Das Publikum nahm das 1:1 im Derby auch recht gefasst hin und ging friedlich nach Hause. Wir machten ebenfalls einen Nachtspaziergang durch Thessaloniki und erreichten eine Stunde nach Abpfiff unser Hotel. Heute wollte jeder zeitig schlafen und am nächsten Morgen sollte es bereits um 7:04 Uhr wieder nach Athen gehen. Thessaloniki sieht mich aber bestimmt nochmal wieder. Die Szene von Aris möchte ich auch gerne mal in Aktion sehen und mit Iraklis und Apollon Pontou gibt es außerdem noch zwei weitere Proficlubs in der Stadt. Letztere hatten heute Nachmittag sogar auch ein Heimspiel, aber die Sehenswürdigkeiten der Stadt genossen natürlich Priorität. Wir sind schließlich keine Groundhopper!