Buenos Aires 10/2018 (I)

02.10.2018
CA River Plate – CA Independiente 3:1
Copa Libertadores (Quarter-finals)
Estadio Monumental (Att: 60.000)

Am Dienstag kreisten schon seit dem Aufstehen die Gedanken um das heutige Viertelfinalrückspiel der Copa Libertadores. Kommen wir rein oder nicht? Wann tauchen wir am besten im Stadionumfeld auf? Was werden wohl für Schwarzmarktpreise aufgerufen? Um die Zeit bis zum Spiel sinnvoll zu überbrücken und vielleicht doch nochmal Ablenkung von den (bzw. Fat Los) bohrenden Fragen zu finden, hatten wir einen schönen Spaziergang geplant.

Pizzafrühstück bei Ugi’s

Nachdem die einen ausgeschlafen hatten und die anderen bereits im Fitnessstudio waren, sammelten wir uns um 11 Uhr in der Hotellobby. Ziel war das Viertel „La Boca“. Um jedoch nicht mit ganz leeren Mägen loszuspazieren, gab es nahe des „Plaza del Congreso“ noch für jeden ein Viertel Mozzarellapizza auf die Hand. Die prominente Kette „Ugi’s“ haute die tagesaktuell für umgerechnet 0,60€ raus, bzw. eine ganze Pizza kostete sogar nur etwas über 2€.

Typische Architektur in San Telmo

Es ging zunächst runter nach San Telmo, um das Künstlerviertel mal bei Tageslicht zu durchschlendern. Architektonisch ist der Stadtteil geprägt von Altbauten aus der 2.Hälfte des 19.Jahrhunderts und Kopfsteinplasterstraßen. San Telmo geht daher auch so ein bißchen als die Altstadt von Buenos Aires durch. Zumal hier wirklich schon seit der Stadtgründung im 16.Jahrhundert gesiedelt wird.

Auf Reisen sollst du viele Eier speisen

Heute wagten wir uns auch mal in den südlichen Teil des Viertels vor (südlich der Stadtautobahn), der noch „Terra incognita“ war. Dort ließen wir uns auch für das richtige Frühstück des Tages nieder. Es gab Omelette mit Käse und Schinken im urigen Lokal „El Hipopotamo“. Danach schauten wir uns noch die nahe russisch-orthodoxe Kirche von Buenos Aires mit ihren typischen Zwiebeltürmchen an und flanierten anschließend bei strahlendem Sonnenschein durch den „Parque Lezama“ mit vielen Skulpturen, Sitzgelegenheiten und dem „Museo Histórico Nacional“.

Russisch-orthodoxe Kirche in San Telmo

Der Park grenzt schon zu drei Seiten an das Viertel La Boca, so dass uns der „Parque Lezama“ logischerweise an seiner Südspitze ins vielleicht bekannteste „Barrio“ von Buenos Aires entließ. Die „Boca Juniors“ haben das Viertel zumindest unter Fußballfans weltberühmt gemacht und so ist ihr Stadion „La Bombonera“ (die Pralinenschachtel) auch das bekannteste und markanteste Bauwerk in La Boca. Klar, wohin es uns nun zu Beginn zog.

Am La Bombonera

Es fiel sofort aus, dass der Fußballclub im Viertel allgegenwärtig ist. Viele Passanten tragen Fanartikel am Leib und etliche Wände sind mit Graffiti zur Huldigung des Clubs oder seiner Legenden verziert. Allen voran wird Diego Armando Maradona geehrt, obwohl der insgesamt nur 70 Ligaspiele für Boca bestritten hat. Allerdings hat Diego immer seine Liebe zu Boca betont und ist dem Club bis heute innig verbunden.

Martin Palermo & Diego Armando Maradona

Am Stadion ist dann der Kulminationspunkt der Liebe zu den Boca Juniors erreicht. Die Häuser rund um das Stadion sind wie „La Bombonera“ blau und gelb angepinselt. Farben die in unserer Reisegruppe im Fußballkontext natürlich negativ belegt sind. Dennoch kann ich nicht verleugnen, dass das Stadion und sein Umfeld unheimlich viel Charme versprühen. Obwohl teilweise die Grenze zum Kitsch überschritten wird und alles sehr auf Touris zugeschnitten ist.

Blaugelber Altbau mit Souvenirshop

Südlich der Stadiongegend wurde es anschließend nicht minder tourilastig. Denn nun wurde aus blau-gelb ganz bunt. Rund um die Gasse „El Caminito“ (siehe auch Titelbild) stehen die charakteristischen bunten Häuser von La Boca, die dereinst aus Holz und Teilen von Schiffswracks gezimmert wurden und mit Schiffslack ihren bunten Anstrich bekamen. Hier reiht sich auch Souvenirshop an Souvenirshop und die Preise waren gefühlt etwas günstiger als in San Telmo oder im Zentrum, so dass der eine oder andere von uns zuschlug.

Buntes La Boca

Dazu gesellt sich eine Reihe gastronomischer Betriebe mit dazugehörigen Werbern auf der Straße, sowie Kleinkünstler, die auf einen Obolus spekulieren. Neben Souvenirshops und -ständen, gibt es außerdem noch Stände mit Werken lokaler Künstler. Oder gleich von Künstlern verzierte Häuserwände. Auch hier fiel es schwer der Gegend, trotz der konsequenten Ausrichtung auf Touristen, den Charme abzusprechen.

Häsuer aus Schiffswrackteilen

La Boca ist ein gutes Beispiel, wie ein verarmtes Arbeiterviertel sich zum Touri-Hotspot entwickelt hat. Das Viertel enstand im späten 19.Jahrhundert durch die Immigration italienischer Einwanderer, vorwiegend aus Genua, die sich am Hafen und in der Industrie von Buenos Aires verdingen wollten. Dementsprechend ist es kein wohlhabendes Viertel geworden und die vielen Wirtschaftskrisen Argentiniens gingen nie spurlos La Boca vorbei.

Eckhaus im Barrio

Doch durch die Vermarktung der Stärken des Viertels (Fußball, Tango, Kunst, die besondere Architektur und das italienisches Erbe…), zog man ab den 1990er Jahren mehr und mehr Touristen an und erschloß damit neue Einnahmequellen. Die sehr heruntergekommenen südlichen Nachbarvierteln Dock Sud und Isla Maciel haben übrigens ähnliche historische und demografische Hintergründe, konnten so einen Wandel wie La Boca jedoch nicht vollziehen (sie haben da u.a. geografische Nachteile und der Fußballbonus fehlt) und sind heute stattdessen regelrechte No-Go-Areas.

Graffiti in La Boca

Nichtsdestotrotz soll La Boca auch seine gefährlichen Ecken haben und nach Einbruch der Dunkelheit ist es sicher kein Ort für Touristen mehr. Selbst bei Tageslicht gibt es abseits vom Stadion und der El-Caminito-Gegend auch weniger seriös wirkenden Straßenzüge, von deren Besuch abgeraten wird. Nach einem Selbstversuch mittels Streifzug durch das südliche untouristische La Boca, können wir das nicht bestätigen. Aber einladend war die Gegend südlich der Querstraße „Rocha“ nicht mehr.

Arbeiterklasse-Relief in La Boca

Der Fußballclub, zu dem es anschließend ans andere Ende der Stadt ging, kommt übrigens auch aus La Boca. River Plate wurde 1901 und damit vier Jahre vor den Boca Juniors von Hafenarbeitern in La Boca gegründet. Jedoch zog es den Erzrivalen bereits 1920 ins noble Recoleta und 1938 schließlich nach Belgrano (kaum minder vornehm), wo seinerzeit das Estadio Monumental eröffnet wurde. Dazu hatten sie sich bereits Anfang der 1930er Jahren den Spitznamen „Los Millonarios“ durch für damalige Verhältnisse astronomisch hohe gezahlte Ablösesummen verdient. Somit war trotz ähnlicher Wurzeln schon vor rund 75 Jahren der Gegensatz „Bonzenclub River“ versus „Arbeiterclub Boca“ etabliert. Doch das ist ein eigenes Thema, heute hieß es schließlich nicht River gegen Boca, sondern River gegen Independiente.

Grill Girl

In zwei Grüppchen ging es von La Boca nach Belgrano. Languste und Ole machten bereits 3,5 Stunden vor Spielbeginn die Vorhut, während Fat Lo, El Glatto, Milano Pete und ich nochmal ins Hotel fuhren und ich 2,5 Stunden für ausreichend hielten. An einer Kontrollbarriere war ein paar hundert Meter vor dem Stadion Schluss für unser Taxi und ohne Tickets konnte wir da auch zu Fuß nicht durch. Durch den nahen Park „Plaza El Salvador“ versuchten wir einen anderen Weg Richtung stadionnahe Shell-Tankstelle zu finden, die uns als ein guter Spot für einen potentiellen Schwarzmarkt empfohlen wurde. Doch im Park wurde man bereits von mehreren Leuten angesprochen, ob man Tickets benötige.

Original Frontseite

Wir durften ja am Vorabend Fotos einer Originalkarte machen und glaubten uns einigermaßen gewappnet für den Schwarzmarkt. Zumal Plastikkarten sicher nicht so inflationär gefälscht werden würden wie Papiertickets. Die Lungerer im Park hatten zunächst nur Kurventickets, die zwar original aussahen, jedoch wollten wir auf den Tribünen „San Martin“ oder „Belgrano“ (also auf einer der Geraden) sitzen. Es kam nun noch ein Typ dazu, der dreimal „San Martin“ und einmal „Belgrano“ im Angebot hatte. Je 2.000 Pesos (also etwas über 40€) wurden aufgerufen. Der Schwarzmarktpreis, den gestern ein River-Shopmitarbeiter als realistisch genannt hatte. Oberflächlich sahen die Karten gut aus und wir überlegten nicht lange und schlugen zu.

Fälschung Frontseite

In der ersten Sicherheitskontrolle hinter dem Park kam Milano mit seiner Eintrittskarte durch, doch Glatto wurde aufgehalten und ihm das Ticket abgenommen. Also drehten Fat Lo und ich sofort wieder um und warteten um die Ecke auf Glatto. Dann war Glattos Ticket also schon mal eine Fälschung und da wir wie er Tickets für „San Martin“ hatten, dürften unsere wohl ebenfalls gefälscht sein. Durch ein ruhiges Wohnviertel wollten wir uns nun zur Shell-Tankstelle durchkämpfen und dort an der Belgrano-Tribüne unser Glück versuchen. Nachdem zahlreiche Polizeisperren unser Vorankommen bremsten, trennte sich Glatto von uns und versuchte einen anderen Weg. Fat Lo und ich passierten dagegen eine Sperre, weil wir gesehen hatten, wie Leute, die nicht Fußball aussahen, einfach an den Polizisten vorbeispazierten.

Original Rückseite

Auch bei der Ticketkontrolle kurz vor der Shell hatten wir Glück. Zielsicher wurde der Kontrolleur ausgeguckt, der am unseriösesten aussah. Bei Fat Los Ticket tat sich am Lesegerät gar nichts, aber der Kontrolleur meinte nur „Pasa!“. Fat Lo dachte zwar, das heisst sowas wie „Hau ab“, aber als er sich umdrehte drückte ich ihn sofort nach vorne durch und bedankte mich beim generösen Kontrolleur (mein Ticket interessierte ihn gar nicht erst). Danach wartete gleich die Polizei, jedoch nur zur Leibesvisitation. Puh, da waren wir also schon mal am Stadion und mussten nur noch irgendwie die Drehkreuze am Eingang überwinden.

Fälschung Rückseite

An der Belgrano-Tribüne stach natürlich sofort Languste aus der River-Fanmasse heraus. Unsere Vorhut hatte es also auch bis hierhin geschafft. Unsere erste Frage: „Habt ihr Karten?“ „Nö, leider nicht.“ „Wir schon, aber dummerweise nicht Original.“ „Aus dem Park?“ „Jo!“ „Da waren wir auch, aber die Karten waren schwarz-weiß bedruckt. Da haben wir gleich abgewunken.“ „Tja, unsere waren wenigstens farbig, aber auch fake. Wie seid ihr denn bis hierhin durchgekommen?“ „Krankenkassenkarten a.k.a Presseausweise und dumm stellen.“

Das Estadio Monumental Antonio Vespucio Liberti

Wir guckten uns nun um und sahen 90 Minuten vor Anpfiff nicht so viele Möglichkeiten reinzukommen. Die Idee am Drehkreuz einem Ordner ein paar Scheine zuzustecken, wurde als zu riskant abgetan. Da waren zu viele Augen, inklusive denen eines Oberordners pro Eingang und denen der Polizei. Zum Glück sprach uns irgendwann ein grauhaariger Mann beim Lungern an. Dessen Erscheinung passte perfekt auf die Beschreibung eines Herrn, von dem ein Teil von uns mal im Hamburger Fanzine „Dröhnbüttel“ gelesen hatte. Da hatte so eine Person bei River vs. Boca erfolgreich Touris gegen Entgelt ins Stadion geschleust. Und genau das bot er uns auch an. Er sei schon seit Jahrzehnten bei River in der Szene, kenne viele Leute und könne uns für 2.000 Pesos pro Person reinbringen. Bezahlung natürlich erst hinter den Drehkreuzen.

Der Eingangsbereich

Da gab es also nichts für uns zu verlieren, nur in Geduld mussten wir uns noch üben. Denn er benötigte seinen Komplizen mit der „Masterkeycard“ und den passenden Moment, wo seine Amigos am Drehkreuz ohne Oberaufsicht waren. Während der Wartezeit bekamen wir unter anderem mit, wie die Polizei Schwarzhändler hochnahm und gefälschte Tickets einkassierte. Einmal sogar zwei Meter neben uns. Ab da suchten wir mehr Abstand zu den Eingängen und hielten nur noch hin und wieder Blickkontakt zu unserem potentiellen Schleuser.

Für uns heute mehr Festung denn Fußballstadion

Einige Schwarzmarktverkäufer und -käufer wurden derweil in einen provisorischen Gewahrsamsbereich zur Leibesvisitation und Personalienfeststellung gebracht, welcher gleich neben unseren angepeilten Eingängen Ecke Belgrano-Sivori-Tribüne war. Anscheinend sollte heute (oder allgemein?) massiv gegen den Schwarzmarkt vorgegangen werden. Da war es eine Erleichterung, dass unser neuer bester Freund circa 30 Minuten vor Anpfiff wieder auf uns zukam. Jetzt musste es schnell gehen und wir preschten zum entsprechenden Eingang vor. Sein Komplize hatte da als mutmaßlicher Vereinsmitarbeiter eine Generalkarte für die Drehkreuze und in Sekundenbruchteilen wurden wir durchgeschleust.

Endlich drin!

Auf der Treppe zum Block wartete schon der Grauhaarige und bat uns zu den Herrentoiletten. Dort bekam er 8.000 Pesos und wir suchten uns anschließend halbwegs vernünftige Plätze. Denn hier in der Kurve gab es keine Ordner mehr und man konnte sich frei innerhalb des Mittelrangs bewegen. Nicht gerade Premiumplätze aus unserer Sicht, da wir unterhalb der Barra von River waren und diese so nicht sehen konnten, aber egal, Hauptsache drin! Hoffentlich hatten es Milano und Glatto auch geschafft.

Unsere Standardperspektive

River Plate vs. Independiente, Millonarios vs. Diablos Rojos; das ist natürlich ein Klassiker des argentinischen Fußballs. Ein Clásico wie man hier sagt, übertroffen in Sachen Intensität nur vom Superclásico (River vs. Boca) aus River-Sicht. Und dass es heute um den Einzug ins Halbfinale der Copa Libertadores (dem südamerikanischen Äquivalent zur UEFA Champions League) ging, sorgte für noch größere Brisanz. Gästefans waren natürlich keine erlaubt, doch brauchten die Hinchas von River keine zusätzliche Motivation, um heute alles für ihre Farben zu geben.

Es ist angerichtet

Als die Teams aufliefen, wurden im Stadion rot-weiße Folienbahnen über die Ränge gespannt. Dazu ein Blitzlichtgewitter, vereinzelte Böller und Bengalos, sowie ein Höhenfeuerwerk am Himmel. Für etwas bessere Fotos wechselte ich nochmal die Position im Mittelrang der Kurve und musste die Knipserei immer wieder für Hüpfenlagen unterbrechen. Alle geschätzt 65.000 Fans sangen nun „River, mi buen amigo…“. Das war atemberaubend, absolute Gänsehaut! Sogar beim Schreiben kribbelt es jetzt wieder.

Überall Folienbahnen

Dann war Fußball angesagt und die Stimmung regelte sich etwas runter. Zumindest außerhalb der Kurve. Nach dem 0:0 im Hinspiel war diese Partie recht offen. River war favorisiert, doch Independiente hatte den Vorteil, dass ihnen auch jedes Unentscheiden mit Toren das Weiterkommen bescheren würde, während River zum Siegen verdammt war. Allerdings vertraute River dennoch auf seine Offensivqualitäten und deutete mit der gewählten 4-3-3-Formation an, dass man nicht abwartend ins Spiel gehen will. Indenpendiente dagegen operierte aus einer defensiven Grundformation mit nur einer Spitze.

Feuerwerk

Erste Chancen gab es folglich auch für River und die Stürmer Nacho Scocco (8. und 11.Minute) und Lucas Pratto (15.Minute) elektrisierten das Publikum mit ihren Torschüssen. Alle Zuschauerfieberten zunächst euphorisch mit und zitterten erstamals kollektiv bei einer möglicherweise spielentscheidenden Situation in der 28.Minute. Javier Pinola (mittlerweile 35 Jahre alt, aber dem deutschen Publikum sicherlich noch bestens durch seine 10 Nürnberger Jahre bekannt) traf im Strafraum von River bei einem artistischen Sprung erst den Ball und danach den Gegenspieler Martín Benítez. Es kam zum Videobeweis, doch auch nach dem Bilderstudium blieb der Unparteiische dabei, dass Pinola den Ball gespielt hatte und die Berührung von Benítez danach nicht beabsichtigt war. Strittige Entscheidung, die am heutigen Abend und morgigen Tag in allen Fußballsendungen, Nachrichtensendungen und sicher auch Zeitungen und sonstigen Medien ausufernd thematisiert wurde.

Die Teams sind bereit

„El equipo de la banda roja“ (das Team mit dem roten Band, wie sie aufgrund ihres ikonischen Trikotdesigns genannt werden) blieb nach der glücklichen Entscheidung am Drücker. Jedoch konnten sie ihre Chancen, u.a. einen Kopfball von Maidana in der 38.Minute, weiterhin nicht in Zählbares ummünzen. Independiente setzte dagegen immer noch auf totale Defensive und kam nur zu wenigen Kontermöglichkeiten, so dass es mit 0:0 in die Pause ging.

Die Barra: Los Borrachos del Tablón

Gleich zu Beginn der zweiten Hälfte wurde es wieder brisant. River ließ mal einen Angriff der Gäste zum Abschluss kommen, doch der Schuss von Gigliotti wurde abgeblockt und der Gegner eiskalt ausgekontert. River überbrückte schnell das Mittelfeld und steckte die Kugel zu Borré in Strafraumnähe durch. Der sah nun seinen Sturmpartner Scocco am Elfmeterpunkt in besserer Schussposition und legte diesem in der 47.Minute das 1:0 auf. Das Publikum war natürlich außer sich vor Freude und besang seine Elf anschließend wieder in brachialer Lautstärke.

Letzte Abklatscher nach dem 1:0

Der Fußballgott hatte allerdings ein ganz ausgezeichnetes Drehbuch geschrieben und es blieb nicht lange bei der Führung. Der Rekordsieger des Wettbewerbs (7x) wurde nun offensiv und in der 55.Minute kam abermals Independientes Gigliotti zum Abschluss. Diesmal wurde sein Schuss vor die Füße seines Mitspielers Silvio Romero geblockt und der knallte aus kurzer Distanz die Kugel via Unterlatte ins Tor. Stand jetzt war Independiente im Halbfinale und entsprechend stellten sie ihr Spiel sofort wieder um.

Die Mannschaft wird nach vorne gepeitscht

River musste unbedingt wieder in Führung gehen und die „Roten Teufel“ versuchten natürlich den Spielfluss der Hausherren zu bremsen wo es nur ging. Sie fielen nun in gefühlt jedem Zweikampf und blieben ewig liegen. Dazu in Zeitlupe zur Auswechslung traben und Ball wegschlagen bei einem Freistoß für River, was jedoch jeweils vom Schiedsrichter mit Gelben Karten für Benitez (65.) und Silva (66.) geahndet wurde. Die einen sagen unsportlich, die anderen sagen clever. Auf jeden Fall brachte Independientes Gebaren noch mehr Emotionen in den Kessel.

River macht wieder Druck

In der 69.Minute gab es schließlich die passende Antwort aus Sicht aller River-Fanatiker. Der eingewechselte Spielgestalter Juan Quintero sah eine Lücke in Independientes Defensive und stieß mit dem Ball am Fuß in den Strafraum vor. Dort versenkte er das Leder herrlich platziert und wahrscheinlich unhaltbar in die rechte untere Torecke. Als unhaltbar konnte man nun auch die Fans beschreiben. War der Jubel zum 1:0 schon sehr leidenschaftlich, war dieser schwer zu beschreiben. Vielleicht trifft es elektrisierend ganz gut. Auf jeden Fall unvergesslich für uns.

Die Kurve

Fortan hielt die Stimmung sich konstant auf Topniveau. Es gab keine Pausen mehr und das ganze Rund stieg in die Gesänge ein. Melodisch und laut zugleich; das was in den deutschen Kurven nicht funktionieren will, klappte hier eindrucksvoll. Aber das ist eben eine Mentalitätsfrage. Wenn der gesellschaftliche Hintergrund der Mehrheit der Stadionbesucher schwäbisches Spießertum gepaart mit sozialer Sicherheit ist, kann aus Stuttgart eben kein zweites San Lorenzo werden. Oder um es mit Langustes Worten zu sagen: „Du kannst nicht mit den Adlern fliegen, wenn du nur mit Truthähnen arbeitest“

Alle haben Bock

Aber zurück zum Sportlichen: Die Gäste aus Avellaneda mussten nach dem neuerlichen Rückstand selbstredend wieder umstellen und abermals alles nach vorne werfen. Doch sie bissen diesmal bei den „Millonarios“ auf Granit und ließen sich außerdem in der 85.Minute eiskalt auskontern. Nicolás de la Cruz und Rafael Santos Borré stürmten auf die zwei zurückgebliebenen CAI-Verteidiger zu. De la Cruz passte, bevor sein Gegenspieler ihm gefährlich wurde, auf Borré und der ließ seinen Bewacher mit einer Drehung aussteigen und schlenzte dann aus 18 Metern fantastisch ins lange Eck. Definitiv unhaltbar und die Vorentscheidung! Alle Zuschauer waren wieder verzückt und Siegesgewissheit lag jetzt in der Luft.

Die Folienbahnen gehen wieder runter

In den letzten 10 Minuten – es gab 5 Minuten Nachspielzeit und ich philosophierte darüber, dass für die Nachspielzeit ja hauptsächlich Independientes Zeitspiel nach dem 1:1 verantworlich sein müsste und sie damit auch noch dafür belohnt werden – wurde CAI nur noch einmal so richtig gefährlich. In der 90+1.Minute köpfte Gigliotti für seine Mannschaft an die Latte. Doch danach brannte endgültig nichts mehr an und unter ohrenbetäubendem Jubel zog River Plate zum dritten Mal in den letzten vier Jahren ins Halbfinale der Copa Libertadores ein. Dort wartet nun Grêmio FB Porto Alegrense aus Brasilien, der Vorjahressieger.

Nach Spielende

Nach dem Sacken lassen eines der besten Fußballerlebnisse unserer bisherigen Fankarrieren, verließen wir rund 20 Minuten nach Abpfiff das Stadion. Viele Tausend Fans waren uns schon vorausgegangen und das taten sie geschlossen singend. Ein Anblick und Ohrenschmaus, den wir nochmal vom äußeren Umlauf des Stadions genossen, ehe wir uns der Prozession anschlossen und den vereinbarten Treffpunkt Shell-Tankstelle ansteuerten. Ich habe es wohl für immer im Ohr: „Borracho, Siempre voy descontrolado. Vamo a ver al Millonario, Vamo a ver al tricampeón. Tu hinchada, La que copa en todas partes…“

Abmarsch

An der Tanke gab es nun das Wiedersehen mit Glatto und Milano. Allerdings mit schlechten Nachrichten. Beide hatten es nicht ins Stadion geschafft, bzw. Milano erst kurz nach dem 3:1, als alle Ordner von den Eingängen abgezogen waren. Glück und Unglück hatten jetzt nur eine Armlänge Abstand und mussten irgendwie miteinander auskommen. Aber unter empathischen Freunden bekommt man das hin und gemeinsam ging es noch die Kneipenszene von Palermo erkunden. Genauer gesagt die vom trendigen Palermo-Soho.

Burger im Madigan

Am Wochenende soll hier das Nachtleben von Buenos Aires am meisten pulsieren und auf einem Dienstagabend zum Frühlingsanfang war immerhin auch genug los, um uns rund um den „Plaza Serrano“ einige Optionen zu bieten. Zunächst ließen wir uns im „Madigan“ nieder, wo es Tripleburger (3x Beef, 3x Bacon, 3x Cheese) mit handgeschnitzten Fritten und einem Pint Craftbeer nach Wahl (bei mir Red Ale) für umgerechnet 6€ gab. War so lecker wie im „Harp“ in Hannover, nur halt 70% günstiger, nicht reservierungspflichtig und ohne Hipster-Meute. Aber man kann natürlich Äpfel (Hannover) nicht mit Birnen (Buenos Aires) vergleichen.

Jägerbomb

Nachdem eine weitere Runde Biere die Kehlen runtergeflossen war (ca. 2€ pro Pint), gönnten wir uns auch noch eine Rutsche Jägerbombs. Diese schraubten wenigstens doch nochmal die Rechnung in die Höhe. Denn sie kosteten ca. 4€ pro Stück (berechnet wurden je knapp 2€ für den Jägermeister und den Energy Drink). Endlich mal normale Preise!

Chupitos

Nach dem „Madigan“ spazierten wir einmal um den Block und fanden das „Chupitos“ sehr einladend. Denn es schaute aus eine bunte Schiffsblechhütte aus La Boca. Drinnen war es dann eine sehr bunte Shotbar und wir beschlossen, dass jeder eine Runde Shots nach Wahl für die Gruppe holt. Das war mangels aufgeführter Ingredienzien immer eine Wundertüte.

Breaking Bad

Milano Pete begann mit „Breaking Bad“. Der war blau und lecker. Auch ich griff in Runde Nr.2 nicht daneben und orderte sechs „Chewbacca“. Der war braun und kaffeelikörlastig. Ich weiß, die meisten haben jetzt wieder das abstrakte Kopfkino, dass ich da die ganze Zeit mit dem Notizblock saß. Doch ich muss ich euch enttäuschen. Irgend etwas (was kann es nur gewesen sein?) überlagerte irgendwann meine Detailversessenheit. So kann ich nur noch mitteilen, dass Ole einen Shot gewählt hatte, dessen alkoholische Hauptkomponente aus einer Flasche voller Chilischoten ausgegossen wurde und der Kram richtig fies brannte. (Zitat Ole: „Sorry, ich dachte das wäre so was wie Mexikaner“ Megafail!). Irgendwer hat danach etwas ausgesucht, was angezündet wurde (Languste vielleicht?), aber ganz gut schmeckte. Und halt zwei weitere Shots gab es auch noch…

Chupitos Schnapsregal

Nach dem „Chupitos“ drehten wir die nächste Runde und landeten in der „Taberna Odin“. Wenig überraschend war das eine Rock- bzw. Heavy-Metal-Bar. Es musste natürlich wie dereinst in Georgien kommen: Um die deutschen Gäste musikalisch zu grüßen, wurde Rammstein aufgelegt. Allerdings gefolgt von den „Böhsen Onkelz“! Da musste man dann doch mal nachfragen was hier gerade Phase war und der Barkeeper erzählte, dass er vor rund zwei Jahren auf einem Konzert der Onkelz in Buenos Aires war. Sachen gibt’s! Dass „Die Toten Hosen“ schon 96mal in Buenos Aires gespielt haben, war mir bekannt. Das mit den Onkelz jedoch neu (gut, ist auch nicht mein musikalisches Milieu). Bei den Hosen war der Barkeeper übrigens auch mal zu Gast, aber die Onkelz fand er geiler.

Odins Taverne

Als Fachleute für deutsche Rockmusik, wurden wir aufgefordert weitere Lieder zu empfehlen. Klar, da kannst du jetzt nicht mit genrefremder Musik wie „Finch Asozial“ kommen, also wurden ein paar argentinische Rockmusikfreunde mit den „Dimple Minds“ bekannt gemacht. Als durstige Männer vernachlässigten wir natürlich auch den Bierkonsum nicht und irgendwann waren alle Frauen schön. Das italienische Fliegengewicht hatte bei der Orgie schließlich als Erster die Lichter aus. Also ab mit Milano in ein Taxi und danach wurden weitere Hits rausgekramt.

Klassisch kaputtgespielt

Gehen 3 Uhr morgens machte Odin ihm seine Taverne dicht und in meinen reifen Augen war unser Zustand mittlerweile bettwürdig. 3/5 wollten jedoch noch in eine Diskothek weiterziehen, so dass nur Fat Lo und ich im nächstbesten Taxi saßen. Noch bevor der Fahrer losbrausen konnte, ging plötzlich eine Tür an der Rückbank auf und Languste, El Glatto und Ole zogen Fat Lo wieder aus dem Taxi. Widerstand zwecklos und ich bat den Fahrer sofort die Türen zu verriegeln und mit quitschenden Reifen loszufahren. Dass ich dann alleine gar nicht mehr genug Geld für das Taxi hatte, war zum Glück auch nicht das Problem. Das was zu den umgerechnet 4€ für eine 6.000 Meter lange Taxifahrt noch fehlte, holte ich schnell aus dem Safe im Hotelzimmer.

Mit Spaß durch die Nacht

Darüber wie geil mein verpasster Diskobesuch im „Kika“ noch war, gibt es unterschiedliche Meinungen. Die beste Anekdote ereignete sich jedenfalls erst nach der Diskothek. Da wacht doch tatsächlich jemand aus unserer Reisegruppe morgens lediglich in Boxershorts (und Halstuch!) auf dem Hotelflur auf. Unten im Foyer, wo auch schon die ersten Hotelgäste frühstückten, gab es dann eine Ersatzkarte. Blöd nur, dass der Schlaftrunkene die Zimmernummern vertauscht hatte und wenig später im falschen Hotelzimmer stand (wenigstens auch eines unserer Gruppe). Also nochmal runter und im zweiten Anlauf die richtige Karte bekommen. Während er und sein Zimmergenosse vormittags diese und andere Anekdoten im Zimmer von Glatto und mir erzählten, fiel ihnen auf, dass beide ohne Schlüsselkarte aus dem Zimmer gegangen waren und wieder jemand zur Rezeption durfte. Warum nicht ein alter Bekannter? Zum Glück nun immerhin in Shirt, Shorts und Badelatschen.

03.10.2018
CA San Telmo – CSD Tristán Suárez 2:1
Primera B Metropolitana (III)
Estadio Osvaldo Baletto (Att: 500)

Ausgerechnet am Tag der Deutschen Einheit waren wir uns uneins über die Tagesgestaltung. Vier Sechstel der Reisegruppe waren nach 18 Tagen Schneppe Tours und einer wilden Partynacht so geschafft, das sie dringend einen Wellnesstag einlegen wollten. Prinzipiell stimmten Ole und ich den Herren Fat Lo, Languste, El Glatto und Milano Pete zu. Doch für uns ist Wellness eher Schlemmen und Sport, anstatt zusammen mit Rentnern in Bademänteln in einem Spa abzuhängen. Aber kein Grund für Streitigkeiten, denn wie sagte Languste so schön: „Die Hopper gehen hoppen, die Wellnesser gehen wellnessen und alle sind zufrieden“.

Mal wieder Rindersteak

Grundsätzlich ist der Begriff „Groundhopper“ zwar für mich sehr negativ besetzt, aber wenn man im Urlaub lieber ein argentinisches Drittligaspiel besucht, als etwas allgemein urlaubsmäßig Anerkanntes zu unternehmen, ist das wohl „Groundhopping“. Das konnten wir nun bei einem Steak im „La Favorita“ ausdiskutieren. Einem rustikalen Grillrestaurant in unserem Barrio, wo das „Bife de Lomo“ umgerechnet 6€ mit Frittenbeilage kostete. Bei allem Mitleid für die krisengeschüttelten Einheimischen, man muss den Wechselkurs als Tourist einfach weiterhin feiern.

Back in La Boca

Nach dem Essen trennten sich die Wege und Ole und ich spazierten nochmal runter nach La Boca. Hier gab es den uns einzigen bekannten Fußgängerzugang von Buenos Aires auf die Isla Maciel, die schon zu Avellaneda gehört. In diesem berüchtigten Viertel, welches angeblich in der Kriminalitätsstatistik von Gran Buenos Aires ganz vorne liegt, trägt der CA San Telmo seine Heimspiele aus.

La Famosa Isla Maciel

Die „Puente Nicolás Avellaneda“ verbindet La Boca und die Isla Maciel über den „Rio Matanza Riachuelo“, der wenige Meter weiter östlich in den Atlantik mündet. Für Fußgänger sind in den Brückenpfeilern Rolltreppen und dann geht es in einer von zwei Fußgängerröhren neben dem ratternden Autoverkehr rüber zur anderen Seite.

Rolltreppen zur Brücke

Es gab da ja vor wenigen Jahren die Doku im ZDF über Fußball in Buenos Aires, die nicht unbedingt für einen Besuch bei CA San Telmo geworben hat. Ebenso gab es dramatische Berichte von den wenigen Groundhoppern, die sich bisher auf die Isla vorgewagt haben. Doch die uns gegebene Kombination aus Arroganz, Ignoranz und Intelligenz, ließ uns das Thema ganz locker angehen. Einfach wie die Einheimischen gemütlich über die Brücke auf die Isla gehen und dort durch das Viertel zum Stadion spazieren. Und dabei eben nicht wie frisch aus einem UFO entstiegen aussehen und ebenso keine Reichtümer mitzuführen.

Der Überweg

Die uneinsehbare Röhre ins Ungewisse wurde schon mal nicht von Verbrecherbanden kontrolliert, so dass wir unbeschadet auf der anderen Seite der Brücke ankamen. Da erwartete uns nun wirklich ein runtergekommenes „Barrio“. Quasi La Boca in trist. Die Häuser waren wie am anderen Flußufer an vielen Ecken aus Holz und Blechteilen gezimmert, allerdings nicht so bunt bemalt. Oder der Lack war halt schon ab.

Ankunft auf der Isla

Als Einzelhandel gab es nur kleine Kioske, die wie Bunker wirkten. An kleinen vergitterten Fenstern wurden dort Tabakwaren und Erfrischungen nach draußen gereicht. Gastronomie erspähten wir nördlich vom Stadion keine, jedoch lungerten einige Leute auf Plastikstühlen Mate schlürfend vor ihren Häusern. Besonders viele Menschen waren allerdings nicht auf der Straße (dafür viele Hunde) und unwohl konnte man sich nur wegen des Rufs des Viertels fühlen, nicht jedoch weil einen die Leute anstarrten oder man sich gar verfolgt fühlen musste. Stattdessen kam man sich eher wie Luft vor.

Nicht so nobel

Am Stadion wurde es auch wieder bunter, da die Fans viele Bilder an die Wände gemalt oder gesprüht hatten. 1926 musste der 1904 gegründete Club Atlético San Telmo übrigens aus seinem Heimatviertel auf die Isla Maciel ausweichen. In San Telmo wich der Fußballplatz des Clubs seinerzeit einer Nachverdichtung, so dass heute nur noch das Clubhaus, beheimatet in einem schicken Altbau, in San Telmo vorzufinden ist. Die Isla, die damals Buenos Aires berühmteste Rotlichgegend war, ist also auch schon seit über 90 Jahren mit dem Club verbunden, so dass CAST der Club der Menschen hier ist.

Das Stadion war doch ganz gut in Schuss

Entsprechend interessantes Klientel bildet daher auch die Barra Brava des Clubs und von 2006 bis 2011 hatte San Telmo eine Stadionsperre von der Behörde für Sportsicherheit („Comité Provincial de Seguridad Deportiva“, kurz CoProSeDe) verhängt bekommen. Es kam bis dahin auf der Isla immer wieder zu Angriffen auf Gästefans und Gästemannschaften. Als bei einem Spiel gegen CA Talleres am 11.Februar 2006 der Gästeblock gestürmt wurde und rund 75 Verletzte zu beklagen waren, hatten der Verband und „CoProSeDe“ die Schnauze voll und zwangen CAST zu Jahren der Wanderschaft. Logischerweise war der Club mit seinem Anhang u.a. bei Defensores de Belgrano, Barracas Central und El Porvenir nicht gerade ein gern gesehener Untermieter. Weil sich irgendwann niemand mehr fand, der CAST beherbergen wollte, wurde das Urteil schließlich nach 5 Jahren und 8 Monaten wieder aufgehoben. Nun war mal also seit ziemlich genau 7 Jahren wieder zuhause und wir waren sehr gespannt auf das Stadion und das Publikum.

Willkommen bei CA San Telmo

Für je 350 Pesos gab es für „Invitados“ (Nichtmitglieder des Clubs) Karten für die Haupttribüne und dort haben wir sogleich einen alten Bekannten erspäht. Der uns so vorgetsellte Blickfang Ultra Schreiberling war auch hier und saß neben lokalen Journalisten (die ihm bestimmt auch eine Mitfahrgelegenheit geboten hatten). Also mal freundlich zugenickt. Ich möchte die Mimik des BFU-Typen, der natürlich nicht zurücknickte, nicht überinterpretieren, aber irgendwie sah er so aus, als fühle er sich hier nicht so wohl. Wenig später tauchten auch noch zwei Wessi-Hopper auf (garantiert Deutsche!), die offenbar mit einem Mietwagen angereist waren (auch ’ne Möglichkeit) und sich in die oberste Reihe setzten (da kann man wenigstens nicht von hinten überfallen werden).

Gleich geht es los

Das Spiel war dann leider megaschlecht. Nach den Erfahrungen der letzten Tage in Argentinien, war uns das allerdings auch vorher klar. River gegen Independiente war der eine Lichtblick in einem Meer von dunkler Ballkunst. Eben zwei Erstligisten, die auch international mithalten können. Heute dagegen wieder 3.Liga und entsprechend übles Geholze. Die 1.Halbzeit können wir komplett ohne Höhepunkte abhaken und die Barra kam nur kleckerweise ins Stadion, so dass die Stimmung sich auch erst peu à peu entfaltete.

80 Cent für ’ne Cola sind echt ’n gutes Geschäft

Lobend erwähnend kann man allerdings die Getränkepreise. Da legt man 200 Pesos für zwei große Cola auf den Tresen und soll einen Hunderter gleich wieder einstecken. Und dann gibt es auch noch 20 Pesos Wechselgeld. 80 Cent für ’ne Cola sind echt ’n gutes Geschäft! Dafür kriegt man in Hannover ja nichtmal mehr ein Herri am Kiosk.

Señor estilo

Und wo wir gerade bei Lobeshymnen sind. Während der WM sang der Gästetrainer bestimmt auch welche auf Englands Coach Gareth Southgate. Jedenfalls schienen sie einen ähnlichen Modegeschmack zu haben. Bei seinem Team war allerdings auch in den zweiten 45 Minuten von Eleganz keine Spur. Weil San Telmo genauso grottig war, wünschte man sich fast schon in lieber in einen Wellnessbereich. Dieses Spiel war definitiv das größte Verbrechen, welches heute auf der Isla Maciel geschah.

Symbolfoto für den gebotenen Standfussball

Beide Teams dümpeln übrigens nach einer Viertelsaison im Tabellenmittelfeld der 3.Liga rum und man fragte sich, wer noch schlechter sein mag? Vielleicht Deportivo Español oder UAI Urquiza, die uns vor wenigen Tagen genauso quälten. Wir hatten uns dann schon mit dem 0:0 abgefunden, als in der 80.Minute der 9er von SanTelmo einen Kopfball an die Latte setzte. Das war die erste echte Torchance in diesem Spiel und tatsächlich so etwas wie eine Initialzündung.

Die Barra von CA San Telmo

Vielleicht dachte die Mannschaft von CAST ja, dass sie sich bisher eh kaum bewegt hatten und man sich das Duschen an der vielleicht einzigen Warmwasserquelle im Barrio verdienen muss. Jetzt rannten sie nochmal an und probierten einiges. Nur ihre limitierten Fähigkeiten sorgten dafür, dass fast immer die falsche Entscheidung getroffen wurde bei den Herausforderungen „Schiessen oder Passen?“ und „Passen oder Dribbeln?“.

Sie is ’n Isla Maciel Girl

Brenzlig wurde es erst wieder in der Nachspielzeit. San Telmos Numero Dieciséis drehte nochmal ein paar Pirouetten im Strafraum und setzte einen Schuss aus der Drehung knapp neben das Tor. Hätte er mal besser auf einen seiner freien Mitspieler gepasst… Allerletzte Aktion war dann ein Flugkopfball nach einer Flanke neben das Gehäuse. Tja, tatsächlich noch ein paar Torchancen zum Schluss, doch dieser Grottenkick hatte trotzdem nichts anderes als ein 0:0 verdient.

Bestimmt wurde der Mist sogar live übertragen

Nach Abpfiff gingen wir den gleichen Weg zurück, den wir gekommen waren und blieben dabei erneut völlig unbehelligt von den auf der Straße lungernden Einheimischen oder auch den jetzt mit uns abströmenden Spielbesuchern. Es wäre jetzt aber typisches Sinnlosgelaber zu sagen, dass die Isla gar nicht gefährlich ist und man da bedenkenlos hin kann. Denn bloß weil man einmal in einer Gegend mit üblem Ruf war und einem dort nichts Aufregendes passiert ist, heißt das nicht automatisch, dass alle, die was anderes behauptet haben, übertrieben haben müssen.

Die Haupttribüne

Allein die Armut und Perspektivlosigkeit hier, gepaart mit der fehlenden Präsenz der Staatsgewalt, machen das Viertel per se zu einem potentiell gefährlichen Ort. Flutlichtspiele auf der Isla (sollte das Estadio Osvaldo Baletto jemals welches bekommen), würden wohl trotz der guten Erfahrungen heute ohne mich stattfinden.

Die Schwebefähre Puente Transbordador

In La Boca organisierten wir uns anschließend ein Taxi zum Hotel und tauschten uns mit den „Wellnessern“ über die Erlebnisse des Nachmittags aus. Die waren in einem 5-Sterne-Partnerhotel unseres Hauses und konnten es sich dort via 800AR$-Tagespass im Wellnessbereich gut gehen lassen. Schön, dass es ihnen gefallen hat, aber selbstredend fanden Ole und ich unser Programm immer noch cooler.

Erster Gang

Aber ob „Wellnesser“ oder „Groundhopper“, im Appetit auf ein Abendessen waren wir wieder alle vereint und durchstreiften unser Barrio nach einer einladenden Möglichkeit für die Nahrungsaufnahme. Am „Ebro“ waren wir schon ein paar Mal mit Taxis in den letzten Tagen vorbeigefahren und es war immer gut was los. Also rein in die gute Stube und die Menüangebote sofort wohlwollend zur Kenntnis genommen. 350 Pesos (ca. 7€) für drei Gänge und ein Getränk (Bier, Wein oder Softdrink), teuer geht anders.

Zweiter Gang

Man konnte sich aus großer Auswahl seine drei Gänge zusammenstellen und die Mehrheit hielt sich an mich. Das bedeutete Empanadas (mit Rindfleischragout gefüllt) als Vorspeise, „Bife de Chorizo“ (Rumpsteak) mit Tomate und Käse überbacken als Hauptgang und zum Dessert einen süßen Flan mit Dulce de leche (Milchkaramell). Nur beim Getränk setzte ich einsam auf Rotwein, während der Rest Bier oder gar Alkoholfreies trank.

Dritter Gang

Nach dem Essen war es spät genug für’s Bett und zuvor sahen wir noch Demonstranten, die ein Feuer vor dem Kongressgebäude gelegt hatten. Es schien sich um demonstrierende Feuerwehrleute zu handeln, deren Salär auch vom neoliberalen Sparkurs des Präsidenten Macri betroffen ist. Die Herren um das Feuer trugen jedenfalls alle Feuerwehrwehranzüge, das Feuer wirkte kontrolliert und und die Polizei schritt auch nicht ein.

Feuriger Abend vor’m Hotel

Ob wir wohl noch eine Revolution erleben werden? Auf jeden Fall hatte der Trip in den letzten zwei Tagen eine Evolution erfahren. War das Wochenende zuvor doch hauptsächlich von Rückschlägen gekennzeichnet, lagen am Mittwochabend wieder zwei bis drei Tage voller Höhepunkte hinter uns. So darf es im Schlußspurt der Reise gerne weitergehen.

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