Buenos Aires 09/2018

27.09.2018
CA Banfield – Defensa y Justicia 0:2
Copa Sudamerica (Round of Last 16)
Estadio Florencio Sola (Att: 18.000)

Am ersten Morgen auf argentinischem Boden wurde sich zunächst einmal damit beschäftigt, was hier gerade so im Land los ist. Vor der Südamerikareise fiel der Blick natürlich immer wieder auf die politischen und wirtschaftlichen Nachrichten aus Brasilien und Argentinien. Beide sendeten munter Krisensignale und die aus Argentinien erinnerten mehr und mehr an den großen Crash von 2001. So fiel der Argentinische Peso (AR$) immer weiter und am Vortag hatten wir bereits gespürt, dass alles noch billiger wirkte als gedacht. 100 Pesos = 2,22€ war schon eine krasse Entwicklung. Am Jahresanfang waren noch knapp 5€ für 100 Pesos aufzuwenden und im Mai immer noch 4€. Dann gab es im Juni 44 Mio € vom IWF für das hochverschuldete Argentinien und im Gegenzug musste sich der Empfänger zu einem drastischen Sparkurs verpflichten. Die Jagd nach der schwarzen Null verschärfte die prekäre Lage Argentiniens in den letzten Wochen massiv und wie es so bei marktliberalen Sparkursen üblich ist, erwischt es die Ärmsten am härtesten. Wir schienen das Land zu turbulenten Zeiten zu bereisen.

Generalstreiksauswirkungen

Also mal wieder nach 10 Tagen Urlaubsmodus Nachrichten geschaut und erfahren, dass gestern Generalstreik in Argentinien war. Davon hatte man im Nationalpark nichts gemerkt. Hätten wir jedoch gestern anstatt heute nach Buenos Aires fliegen wollen, hätten wir Pech gehabt, da auch die Flughäfen des Landes bestreikt wurden und in Puerto Iguazú alle Flüge ausgefallen waren. Man muss auch mal Glück haben.

Wichtige Lektion: Große Cola in einem Restaurant = 1 Liter

Um 10 Uhr checkten wir aus unserem Ferienhäuschen aus und lernten endlich unsere Vermieterin Silvina kennen, die sich über 75 US$ freute (die sind jetzt ja richtig was wert in Argentinien) und gerne auch schon gestern Abend hätte erscheinen dürfen. Da hätten wir sicher ein Bier für sie übrig gehabt. Zumal sie kaum älter als ich war und weder gestern noch heute ein Herr im Haus auszumachen war. Bei Bier wäre die Sprachbarriere bestimmt auch nicht so groß gewesen. Den Morgen hatte ich jedenfalls kaum ein Wort herausbekommen bei unserem Check-Out-Gespräch, so dass meine Freunde fragten „Was war los, du kannst doch Spanisch!?“ „Jungs, die hat mir gerade die Sprache verschlagen.“ „Okay, nicht nur dir.“

Steaksandwich für ca. 4€

Da es in der erst 1901 gegründeten Grenzstadt Puerto Iguazú nicht so viel zu sehen gibt, abseits vom nahen Nationalpark, existierte bis zum Abflug am frühen Nachmittag keinerlei Programm meinerseits. Die Unterkunft war fünf Minuten vom Busbahnhof entfernt und auf diesem kurzen Weg wurden wir ungefähr 96mal angequatscht, ob wir ein Taxi brauchen. Man lebt hier eben vom Wasserfalltourismus und Transport-, Gastro- und Hotelgewerbe pflastern das Zentrum von Puerto Iguazú. Nachdem am Busbahnhof festgestellt wurde, dass es keine Buslinien zum Flughafen gibt, brauchten wir dann doch die Dienstleistung eines Taxlers. Aber noch dringlicher war in Anbetracht der vormittäglichen Uhrzeit eine erste Nahrungsaufnahme an diesem Tag. Nach einem Frühstück im überschaubaren Ortskern von Puerto Iguazú ging es schließlich mit zwei Taxis à 500 Pesos (ungefähr 11,11€) zum 20km entfernten Flughafen und mit einer Stunde Verspätung (durch die gestrigen Flugausfälle war der winzige Airport heute komplett überlastet) hoben wir um 15:15 Uhr Richtung Buenos Aires ab.

McDonnell Douglas MD-83

Für diese Relation hatte ich uns einen Flug bei „Andes Lineas Aéreas“ gebucht. Diese argentinische Billig-Airline hat es nicht unbedingt auf Touris aus Übersee abgesehen und operiert daher monolingual Spanisch bei der Buchung. Dafür verlangen sie wenigstens keine erhöhten Preise wie manch andere südamerikanische Airline, wenn man als Ausländer bucht. Meine Spanischkenntnisse kamen mir da zupass. Mit etwas logischem Denken und einem Wörterbuch, sollte es jedoch auch ohne klappen können. Aber Stichwort Billig-Airline: Man muss natürlich aufpassen, dass man den richtigen Tarif und die richtigen Extras gewählt hat (das soll manche ja schon in ihrer Muttersprache überfordern). Besonders die 3€ zusätzlich für den Check-In am Flughafenschalter waren sinnvoll. Mobiler Check-In mit mobilem Boarding Pass ist nämlich nicht und an den Iguazúwasserfällen gab es definitiv viel interessantere Zeitvertreibe, als nach Möglichkeiten des Online-Check-Ins und Ticketdrucks im Stadtzentrum von Puerto Iguazú Ausschau zu halten.

Die 80er Jahre haben angerufen, sie wollen ihr Flugzeug zurück

Für den Check-In am Schalter wollten sie uns am Flughafen auch gleich nochmal und vor allem noch höher abkassieren. Doch jetzt konnte ich wieder Spanisch und siehe da: „Oh ja, tatsächlich. Das ist ja schon bezahlt. Sorry…“ Ausserdem sind bei den Brüdern und Schwestern nur 15 anstatt 23 Kilogramm Aufgabegepäck erlaubt. Für jedes Kilogramm mehr wird auch nochmal draufgezahlt. Zum Glück hatte ich seit Luxemburg (erstes Wiegen) rund 1896 Gramm weniger Gepäckgewicht (damals noch 16,5kg). Denn ich hatte in Sachen T-Shirts und Unterwäsche fast nur Exemplare mitgenommen, die eh bei der nächsten Entrümpelung meines Ankleidzimmers zur Kleiderspende geworden wären. So wurde der Rucksack zunächst Tag für Tag leichter und ich hatte später Platz für argentinische Souvenirs.

Kleiner Snack

Die Maschine von Andes (eine MD-83) war dann auch noch näher dran am 40.Geburtstag als ich, aber sie tat ihren Dienst und im Kontrast zum bisher kennengelernten Konzept der Airline, waren ein Snack und ein Getränk gratis für die Passagiere. Gab jetzt nichts Besonderes, aber das war doch noch eine positive Überraschung, bevor der Vogel gegen 17:00 Uhr in Buenos Aires aufsetzte.

Mit zwei am Schalter vorab bezahlten „Remise“ (das sind Taxi-Limousinen im neutralen Anstrich) ging es vom innenstadtnahen Inlandsflughafen der Hauptstadt für nur je 400 Pesos (8,83€) weiter zum Hotel. Leider aufgrund des Feierabendverkehrs eine Angelegenheit von knapp einer Stunde, aber das änderte ja nichts am Preis.

Argentiniens Kilometer Null

Ich hatte uns das zentrale Ibis Congreso*** gebucht. Für Accor-Stammkunden gab es ein halbes Jahr vorher einen unschlagbaren Frühbucherpreis von rund 25.000 AR$ (ca.900€) für drei Zwei-Bett-Zimmer für 10 Nächte (ergo 15€ pro Nacht und Nase). Das war preislich nur knapp über den günstigsten Hostelbetten der Stadt und unter fast allen Airbnb-Wohnungen. Zumal einem im Hotel jeden Tag das Zimmer gereinigt wird und zig andere Services zur Verfügung stehen. Außerdem ging es kaum zentraler, denn direkt vor dem Hotel war Argentiniens Kilometer Null (der Fundamentalpunkt der hiesigen Landvermessung), den ein Monolith markierte. Dazu grüßte zur linken der Kongress Argentiniens und zur rechten der berühmte „Palacio Barolo“. Okay, Eigenlob stinkt, aber es ist wieder mal angebracht. Daher feiere ich mich jetzt mit einer Klammer auf der Nase.

Avenida de Mayo mit dem Palacio Barolo

Zumal die Zufriedenheit nochmals in die Höhe schnellte, als ich beim Check-In bezahlen musste (Vorkasse war trotz Frühbucherrabatt nicht nötig). Durch den Kurseinbruch des Argentinischen Pesos und den Wegfall der Mehrwertsteuer für ausländische Touristen, wurde meine Kreditkarte jetzt nur noch mit 552€ für die knapp 25.000 Pesos hohe Gesamtrechnung belastet (also 9,20€ pro Nacht und Bett). Da wohne ich zuhause ja teurer. Jede Krise hat ihre Gewinner, so auch diese.

Patriotenportal

Ein erster Erkundungsgang durch Buenos Aires führte uns dann am Abend ins Viertel San Telmo, wo wir willkürlich in die erstbeste „Parrilla“ (so heißen hier die Grillrestaurants) einkehrten. Bei „Javi’s Parrilla“ gab es zwei Grillplatten für je 850 Pesos. Rumpsteak, Roastbeef, Rippchen und T-Bones waren darauf und eine Platte sollte laut Bedienung für drei Personen reichen. Na ja, für Durchschnittstouristen wohl schon, wir dagegen hätten durchaus noch eine dritte Platte vertragen. Geschmacklich war es allerdings top und mit insgesamt 3.000 Pesos (inklusive 13,12% Trinkgeld) für zwei Grillplatten plus Beilagen, 2,0l Weißwein und 4,0l Bier auch preiswert (also ca. 11€ pro Person).

Steakvariationen bei Javi’s

Am nächsten Morgen war nach dem Ausschlafen zunächst eine kleine Touri-Tour ein Muss. Die Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum sollten ein erstes Mal begutachtet werden. Wir fingen natürlich gleich vor unserer Haustür, also mit dem Kongresspalast an (siehe Titelbild). Das Gebäude, in dem Argentiniens Legislative zuhause ist, erinnerte ein bißchen an das Kapitol in Washington D.C., aber auch an die City Hall in Belfast. In Belfast und Buenos Aires wurde interessanterweise jeweils von 1898 bis 1906 an den Wahrzeichen gebaut. Wahrscheinlich hatten beide Architekten unabhängig voneinander ähnliche klassische Vorbilder (beide Bauwerke sind der Beaux-Arts-Architektur zuzuordnen).

Die Kuppel des Kongresses

Vom „Plaza del Congresso“ führte uns nun die „Avenida de Mayo“ schnurgerade als Prachtstraße zum „Plaza de Mayo“. Überhaupt sind in Buenos Aires fast alle Straßen gerade und ergeben ein Raster. Das macht die Orientierung relativ einfach. Bereits im 16.Jahrhundert wurde bei der Stadtgründung ein rechteckiger Grundriss mit 15 Blöcken von Norden nach Süden und 9 Blöcken von Osten nach Westen etabliert. Das beruhte auf den „Leyes de Indias“. Einer vom spanischen König Philipp II. 1573 unterzeichneten Gesetzessammlung für die Stadtgründungen in der Neuen Welt, wobei sich städtebaulich u.a. an Vitruvs „Zehn Büchern der Architektur“ orientiert wurde (ich weiß, Nerdwissen, aber vielleicht hilft es einem Leser irgendwann mal 1 Mio € zu gewinnen). Demensprechend findet man von San Francisco bis Feuerland ähnliche Straßenraster bei den spanischen Stadtgründungen.

Der Palacio Barolo frontal

Doch zurück zur „Avenida de Mayo“. Diese ist auf ihren 1.350 Metern von Plantanen und Prachtbauten gesäumt. Sie erinnerte mich stark an die „Gran Via“ in Madrid oder andere Prachtstraßen aus der Zeit um 1900 in West- oder Südeuropa. Bedeutenstes Bauwerk in dieser Allee ist wahrscheinlich der bereits erwähnte eklektische „Palacio Barolo“ mit seinen 22 Stockwerken und 100 Metern Höhe.

Eingangshalle des Palacio Barolo

In der „Avenida de Mayo“ kehrten wir auch fix in ein Schnellrestaurant namens „Mostaza“ ein, um eine Kleinigkeit zu frühstücken (mit leerem Magen wäre die Tour sonst zur Tortur geworden). Zwei Tostados mit Käse und Schinken, ein Kaffee und ein Orangensaft kosteten zusammen umgerechnet 2,50€. Ja, arm werden wird schwer in den nächsten 10 Tagen. Zumal schräg gegenüber die beliebte Pizzakette „Ugi’s“ bereits mit Pizzavierteln à 0,65€ warb.

Evita

Als es weiter ging, bewunderten wir noch die Kreuzung dieser Avenida mit der vierzehnspurigen „Avenida 9 de Julio“ (die wichtigste Nord-Süd-Verbindungsstraße in Buenos Aires, welche namentlich an die Unabhängigkeit des Landes am 9.Juli 1816 erinnert). Links sahen wir nun mit dem Obelisken ein weiteres Wahrzeichen der Stadt und rechts war das Hochhaus des Gesundheitsministeriums zu sehen, dessen Fassade 2011 auf Veranlassung der damaligen Präsidentin Christina Fernández de Kirchner mit einem Evita-Porträt verschönert wurde. An Eva „Evita“ Perón, der zweiten Gattin des einstigen Präsidenten Juan Perón, kommt man in Buenos Aires bzw. ganz Argentinien nur schwer vorbei. Ob Hure oder Heilige, ob Faschistin oder Feministin, wird von mir an dieser Stelle nicht geklärt werden können. Die Biografien der Peróns und das Wirken des Peronismus bis ins zeitgenössische Argentinien finde ich zwar hochinteressant, sprengen hier jedoch leider den Rahmen.

Casa Rosada

Am Ende der „Avenida de Mayo“ erwartete uns mit dem Präsidentenpalast, der „Casa Rosada“, Juan Peróns alte Wirkungstätte. In diesen Palast aus dem späten 19.Jahrhundert würde nächstes Jahr gerne wieder Christina Fernández de Kirchner einziehen, die sich als Peronistin sieht und gute Chancen hat den konservativen und wirtschaftsliberalen Amtsinhaber Maurizio Macri abzulösen. Es wäre ihre dritte Amtszeit, nachdem sie bei der letzten Wahl verfassungsgemäß nicht kandidieren durfte (nach zwei Amtszeiten nacheinander, darf man nicht direkt ein drittes Mal antreten).

Der Cabildo

Neben dem Präsidentenpalast gruppieren sich um den rechteckig angelegten Platz u.a. das Rathaus von Buenos Aires, die Kathedrale von Buenos Aires („Catedral Metropolitana“), die Nationalbank („Banco de la Nación“), der Cabildo (ehemaliger Regierungspalast von 1608, heute Nationalmuseum) und weitere Regierungsgebäude. Der Platz selbst ist durch eine Parkanlage geprägt, in deren Mitte die „Pirámide de Mayo“ (wie auch der Name des ganzen Platzes) an die Mai-Revolution von 1810 erinnert. Diese führte letztlich zur Unabhängigkeit anno 1816.

Rathaus & Kathedrale

Kurz vor dem „Plaza de Mayo“ zweigt übrigens die Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße „Florida“ nach Norden ab. Die nahmen wir uns als nächstes vor und tauften sie sofort in „Calle Cambio“ um. Denn alle zwei Meter rief jemand „Cambio, Cambio, Cambio!“. Das waren alles Schwarztauscher, die US Dollar oder gegebenfalls auch Euro in Peso tauschen wollten. In der Regel zu wesentlich besseren Kursen als den offiziellen. Dieses Treiben, um an Devisen zu kommen, wird stillschweigend vom Staat akzeptiert und soll für Kunden auch gar nicht mal der große Hort des Betruges sein. Ich hätte jedenfalls gerne mal schwarz in einem Hinterzimmer der Geschäfte hier getauscht und ärgerte mich keine Devisen dabei zu haben.

Eine edle Einkaufspassage der Calle Florida

Zumal die Geldautomaten hier entweder gar nichts oder in den meisten Fällen nur 3.500 Pesos pro Tag ausspuckten (also ca. 70€ nach aktuellem Kurs) und teilweise horrende Gebühren dafür verlangten. Zum Glück verfügte ich in Form meiner Freunde über eine gebührenfreie Peso-Quelle. Denn ich hatte ja das Hotel (und zuvor schon diverse andere Sachen wie den Parkeintritt in Iguazú) per Kreditkarte bezahlt und trieb die Schulden nun in Peso ein. Muss auch mal Vorteile haben Reiseleiter zu sein.

Reich verziertes Bankhaus im Zentrum

Nachdem wir alle Fanshops und Sportgeschäfte der Gegend abgeklappert hatten, ließen wir uns für ein Mittagessen im „Café Florida“ nieder. Ich dachte erst an Touri-Nepp, aber 170 Pesos für ein Kalbsschnitzel mit Fritten waren doch recht preiswert (so ungefähr 3,33€). Dafür waren die Getränke und das „Cubierto“ etwas teurer als anderswo. Das „Cubierto“ ist eine Servicegebühr für das Besteck und Geschirr (kennen u.a. Italienurlauber vielleicht als „Coperto“ von den dortigen Restaurantrechnungen), umfasst aber auch noch Brot, Butter usw., was vor dem Essen gereicht wird. Alles in allem wurde trotzdem jeder, inklusive Trinkgeld (das ist nicht im „Cubierto“ enthalten), mit nur umgerechnet sechs bis sieben Euro belastet. Dass in Argentinien nur eine Gesamtrechnung pro Tisch üblich ist und man sich selbst einen Gefallen tut, wenn man nicht groundhoppermäßig alles exakt aufdröselt, erwähne ich an dieser Stelle auch gleich nochmal. Am besten man teilt den Gesamtbetrag durch die Personen oder wechselt sich mit dem Bezahlen in den Restaurants ab. In beiden Fällen gilt: Mal gewinnst du, mal verlierst du.

Kalbsschnitzel

Nach dem Essen spazierten wir einen anderen Weg zurück zum Hotel und kamen so noch direkt am Obelisken und dem berühmten „Teatro Colón“ vorbei. Damit waren viele Sehenswürdigkeiten für das Erste abgehakt und das Fazit fiel wie folgt aus: „Es wirkt wie eine europäische Hauptstadt, die eben nur nicht in Europa ist. So ein bisschen südeuropäisch oder auch westeuropäisch. Könnte in Frankreich sein. Nur ohne Franzosen.“ (O-Ton Languste)

Teatro Colon

Zurück am Hotel war es an der Zeit sich zu trennen. Es sah nach baldigem Regen aus und Milano Pete, der anscheinend beim Packen mit drei Wochen Sonnenschein kalkuliert hatte, wollte noch eine Regenjacke bzw. einen Windbreaker erstehen und wurde dabei von El Glatto begleitet. Fat Lo, Languste, Ole und ich fuhren dagegen schon mal mit einem Taxi zur knapp 20km entfernten „Cancha“ von Banfield. Cancha nennt man in Argentinien ein Fußballstadion bzw. wörtlicher einen Fußballplatz und dieses Wort fand sofort Aufnahme in unsere Umgangssprache. Mit dem „Estadio Florencio Sola“ hätte der Taxifahrer wahrscheinlich wenig anfangen können, aber bei „Cancha de Banfield“ wusste er sofort, wo wir hinwollten.

Banfields Cancha

Mangels Kenntnis der hiesigen Fußballszene, wollten wir lieber schon mal vorab Karten besorgen, auch wenn der Anpfiff noch über fünf Stunden in der Zukunft lag. Für die knapp 20km in die Vorstadt Banfield (Banfield gehört zum Verwaltungsbezirk Lomas de Zamora, der wiederum nicht mehr Teil der Stadt Buenos Aires ist, aber zum Ballungsgebiet Gran Buenos Aires gehört) waren nur bescheidene 350 Pesos fällig (aufgerundet also 2€ pro Person). Auch die Karten für den überdachten Oberrang der Haupttribüne waren mit 500 Pesos für Nicht-Mitglieder des Vereins sehr preiswert (in Iberoamerika ist es ähnlich wie in Portugal und Spanien, dass sehr viele Fans Mitglieder sind und diese „Socios“ wesentlich günstigere Karten bekommen).

Ein Eckhaus in Banfield

Da die Gegend um das Stadion nicht unseriös wirkte, spazierten wir mit den sechs Tickets in der Tasche zur nächstbesten Hauptstraße und ließen uns im „Resto y Café Cronopio“ nieder. Diese Mischung aus Bar und Café hätte mit ihren Backsteinwänden und dem vielen Vintage-Gedöns in jede Metropole der westlichen Welt gepasst. Junge Menschen mit Macbooks oder Iphones auf dem Tisch schlürften Kaffeespezialitäten und tranken abends bestimmt auch mal ein Craftbeer hier. Wir zückten ebenfalls unser technisches Equipment und schrieben Glatto und Milano, dass sie rumkommen sollen. Wir würden vor dem Spiel nicht nochmal zum Hotel zurückkehren.

Erstmal einen Schuss Koffein

Nachdem wir zunächst auch Koffeinhaltiges bestellten, ließen wir uns schon in der nächsten Runde ein paar Liter Quilmes kommen und beobachteten fortan das Treiben im „Barrio“. Sogar zwei mutmaßlich deutsche Groundhopper passierten den Laden in Richtung Stadion. Das hat man denen sofort angesehen und circa 30 Minuten später kamen die ebenfalls ins Café. Kurz abgecheckt und siehe da, man spricht deutsch. Hoffentlich lassen die uns in Ruhe und wollen nicht neue Hopperfreunde in Argentinien finden, dachten wir. Irgendwann wurde Languste doch mal vor der Toilette von einem der beiden angesprochen. Er sei Rostocker, lebe jedoch mittlerweile in Buenos Aires. Seine Begleitung sei ebenso „Born in the G.D.R.“ und schreibe für das „Blickfang Ultra“. Also doch keine 08/15-Wessihopper. Nichtsdestotrotz verzichteten wir auf weitere Konversationen, zumal Glatto und Milano jetzt dazustießen. Herr Milanos Suche nach einem Windbreaker verlief im Übrigen so erfolgreich wie seine Suche nach einem Friseur in Ipanema.

Lecker Bier

Die zwei Landsleute verschwanden nun zeitnah und zwei Bierrunden und ein paar Snacks später, brachen wir ’ne Dreiviertelstunde vor Anpfiff ebenfalls zur Cancha auf. Mittlerweile war es draußen dunkel und schön am regnen. Auf unserem bekannten Weg zum Stadion liefen wir plötzlich mitten durch den Gästemob, der uns sogleich Luftballons in den Vereinsfarben andrehen wollte. Dahinter erwartete uns eine Polizeikette und die Männer mit den Knüppeln, Helmen und langen Regenmänteln wurden gleich unentspannt, als wir uns auf sie zu bewegten. War jetzt nicht verkehrt der spanischen Sprache mächtig zu sein, alleine vorzutreten und ganz höflich nach dem Weg zu fragen.

Banfields Sagrada Familia bei Tag

Wir mussten nun natürlich einmal um den Pudding, aber erreichten das Stadion gegen 21 Uhr (15 Minuten vor Anpfiff) und nahmen unsere überdachten Plätze ein. Der Rostocker hatte Languste erzählt, dass das heute ein schöner Einstieg für uns wird und sollte recht behalten. Es war ein Rückspiel im internationalen Wettbewerb (die Copa Sudamerica ist die Europa League Südamerikas) und nach dem 0:0 im Hinspiel hatten wir eine spannende Ausgangssituation für das Spiel. Dazu waren im Gegensatz zum Ligaalltag Gästefans erlaubt und Florencio Varela, die Heimatstadt von Defensa y Justicia, war keine 15km von Banfield entfernt (beides südliche Zone von Gran Buenos Aires).

Banfields Sagrada Familia bei Nacht

Warum der Club ausgerechnet Defensa y Justicia heisst, kann ich nicht beantworten. Die These, dass man dem Verteidigungs- oder Justizministerium nahe steht, bestätigte sich nicht. Der Club soll 1935 von ein paar Jungs gegründet worden sein, die gerne ein eigenes Fußballteam in Florencio Varela haben wollten. Immerhin weiß ich zu berichten warum der Club den Spitznamen „El Halcón“ (der Falke) hat und die Fans „Los Halcones de Varela“ genannt werden. Ein früherer Clubpräsident hatte zugleich ein Busunternehmen namens „El Halcón“ und die Mannschaft und die Fans fuhren in diesen Bussen zu den Partien auf fremden Plätzen. Da hatte sich bei den Auswärtsspielen schnell eingebürgert, dass wieder die „Falken aus Varela“ kommen.

Ein „Taladro“-Spielertunnel

Die heutigen Gastgeber werden dagegen „El Taladro“ (der Bohrer) genannt. Den Spitznamen gab es mal von einer Zeitung für die Spielweise und der hat sich dann etabliert. So sehr, dass der aufblasbare Spielertunnel im Stadion das Design eines Bohrers hat. 1896 wurde der Club übrigens gegründet und trägt grün-weiß gestreifte Trikots mit schwarzen Hosen und schwarzen Stutzen. Da schlägt das Herz von 96-Fans doch gleich höher und die Sympathien waren klar verteilt. Zumal die Fans das Spiel mit einem Höhenfeuerwerk hinter der Tribüne einleiteten.

Schönes Feuerwerk vor’m Anpfiff

Stimmungsmäßig waren beide Lager ganz gut drauf (Fußball mit Auswärtsfans ist einfach geiler), was das fußballerisch schwache Spiel mehr als aufwog. Na ja, sportliche Highlights waren in Argentinien generell nicht zu erwarten. Ich glaube Argentinien ist immer noch der Exportweltmeister in Sachen Fußballspieler (knapp vor Brasilien) und sieht man von wenigen Ausnahmen ab, spielt hier jenseits der 22 Lenze doch eigentlich nur wer zu schlecht oder mittlerweile zu alt für den ausländischen, vorwiegend europäischen Markt ist.

Hurra, die Teams sind da

Immerhin war klar, dass wir heute Tore sehen. Spätestens im Elfmeterschießen (in der Copa gibt es übrigens keine Verlängerung, sondern bei gleicher Anzahl von Auswärtstoren nach Hin- und Rückspiel folgt unmittelbar das Elfmeterschießen). Doch vorerst blieben die Offensivbemühungen beider Teams harmlos und die gemeinsame Devise schien „bloß kein Gegentor kassieren“ zu lauten. Deshalb erfreuten wir uns a) bei strömendem Regen über das Dach über unseren Köpfen und b) über die von Trommeln und Blasinstrumenten begleiteten Lieder der Fanblöcke. Dazu dieses tolle Mitfiebern des gesamten Publikums. Hier saß keiner um gesehen zu werden, an einem Event teilzunehmen oder Geschäftskontakte zu knüpfen. Es ging um Fußball, so reudig er auch sein mag, und um die lebenslange Leidenschaft für einen Fußballclub. Das gefiel!

Die Heimfans

In der 76.Minute war es dann soweit, wir sahen unser erstes Tor auf argentinischem Boden. Der 10er der Gäste (Leonel Ariel Miranda) schlug eine Ecke vor das Tor und Banfields Schlussmann Arboleda faustete die Kugel senkrecht in den Himmel. Als der Ball wieder runterkam, köpfte Defensas 1,93m-Abwehrchef Barboza ein und die Gästekurve rastete aus. Ein Elfmeterschießen war nun ausgeschlossen. Stattdessen hatte DyJ durch das Auswärtstor einen wertvollen Vorsprung gewonnen, denn die Banfileños mussten jetzt zwei Tore für das Weiterkommen erzielen (die eingangs erwähnte Auswärtstorregel).

Der Gästeanhang

Für die Schlussviertelstunde war Spannung zu erhoffen und Banfields Trainer reagierte sofort und brachte mit Jesús Datolo (77.) und wenig später auch noch Juan Alvarez (80.) und Luis Torres (85.) drei frische Offensivspieler. Nebenbei erwähnt hat erstgenannter Datolo die typische Vita eines argentinischen Fußballprofis. In Banfield ausgebildet worden, über die Zwischenstation Boca Juniors in Europa gelandet (zunächst beim SSC Napoli) und dort in mehreren Ländern gekickt, ohne jedoch irgendwo den Durchbruch zu schaffen. Auf Napoli folgten Piräus und Barcelona (Espanyol) und anschließend kamen noch mehrere Stationen in Brasilien hinzu, ehe nun 34jährig die Karriere beim Heimatclub ausklingt.

Unser Freund, das Dach

Doch zurück zum Spiel, wo Datolo und Co den Bock auch nicht mehr umstoßen konnten. Denn auch der Coach von DyJ tauschte taktisch Personal und brachte mit seinen verbliebenen Wechseln zwei Defensive für die beiden offensiven Außenspieler. So gab es nur noch einen Torschuss von Datolo in der 87.Minute zu vermerken, ehe in der Nachspielzeit Defensas Ignacio Aliseda bei einem Konter allein auf Banfields Torhüter zulief, diesen mit einer Körpertäuschung umspielte und zum 0:2 einschob (90+4.).

Die Gegengerade

Da brauchte der uruguayische Unparteiische gar nicht wieder anpfeifen und die Spieler von DyJ konnten in ihrer Kurve den Einzug ins Viertelfinale feiern. Für den Club, der erst seit 2014 erstklassig ist, der bisher größte Erfolg der Vereinshistorie. Das Weiterkommen war auf jeden Fall verdient und um das zu veranschaulichen nochmal folgendes Beispiel: Wenn du drei relativ gute Anspielstationen im Strafraum hast, aber lieber aus 20 Meter draufholzt, brauchst du dich auch nicht wundern, dass am Ende eine Null unter deinem Wappen auf der Anzeigetafel leuchtet.

DyJ feiert

So ungefähr fünf Minuten nach Abpfiff wollten wir dann los, doch alle Heimbereiche hatten eine Blocksperre. Erst sollten die Gästefans mit Bussen weggekarrt sein, bevor grün-weiße Fans den Heimweg antreten durften. Nach rund 30 Minuten war dies der Fall und wir machten uns mal auf die Suche nach Taxis. Die blieb erfolglos, so dass wir beschlossen zunächst noch in ein Lokal auf einen Mitternachtssnack einzukehren. An der Hauptstraße, wo wir uns auch vor dem Spiel aufhielten, wirkte das „Juancito“ einladend. Es war gut gefüllt mit Banfield-Fans und wir schnappten uns einen letzten freien Tisch in deren Mitte. Nun gab es Bier (ca. 2€ der Liter) und Pizza (ca. 5€) für alle.

Der alte Presseturm

Pizza in Argentinien kann ich übrigens so beschreiben: Der Teig ist knusprig und dünn wie in Italien und der Belag ist üppig wie in den USA. Egal ob Pizza Mozzarella, Romana oder Diavolo, mit Käse wurde hier (und auch sonst immer in Argentinien) nicht gegeizt. Den Vogel schoss natürlich meine Quattro Formaggi ab. Ein halbes Pfund an Käse dürften sie da mindestens drauf geknallt haben. Das war sogar mir zu viel des Guten.

Pizza Quattro Formaggi

Doch immerhin konnten wir am Ende pappsatt behaupten, dass wir jetzt wirklich Banfield kennen. Denn der Werbespruch der „Trattoria“ war „El que no conoce Juancito, no conoce Banfield“. Wir ließen uns beim Bezahlen von der Bedienung Taxis rufen und sie teilte wenig später mit „Ihr könnt sofort rausgehen, die Taxis sind gleich da.“ Das war nicht das lateinamerikanische Gleich von mindestens 15 Minuten, sondern ungefähr 96 Sekunden später bremsten wirklich schon zwei Autos scharf vor der Tür.

Käse satt

Es handelte sich um zwei asbach-uralte Chevrolets, die drohten alsbald auseinanderfallen. Kein äußerlicher Hinweis darauf, dass es sich um Taxis handelt und innen kein Taxameter. „Ähm, was soll der Spaß kosten?“ „Keine Ahnung.“ „Gibt es einen Festpreis?“ „Kongress ist sehr weit, ich weiß nicht was es kostet.“ Ich überlegte nachzufragen, ob es einen Festpreis pro Kilometer gibt oder eine Preistabelle, bzw. wie denn der Preis nun ermittelt werden soll. Aber andererseits, Überraschungen machen den Urlaub aus! So war die ganze Fahrt über Spannung (immerhin 18,96km), ob wir jetzt richtig abgezogen werden oder nicht.

Fraktion „Vertrau‘ Argentiniern mit semilegal wirkenden Taxis und auf den Handrücken tätowierten Maschinengewehren“ lag am Ende richtig, denn es wurden gerade mal 440 Pesos (ca. 9€) aufgerufen. Anscheinend übermittelte die Zentrale per WhatsApp zwischendurch den Preis. Jedenfalls waren die Fahrer während der Fahrt ausgiebig mit ihren Mobiltelefonen beschäftigt.

28.09.2018
Deportivo Español – UAI Urquiza 0:0
Primera B Metropolitana (III)
Estadio Nueva España (Att: 300)

Am nächsten Morgen stellten wir als erstes fest, dass der Blickfang-Typ auch in unserem Hotel untergekommen war. So lief man sich zwangsläufig dauernd über den Weg. Bei den ersten beiden Begegnungen gab es noch ein freundliches „Moin“ von uns. Doch beide Male reagierte er nicht und huschte ohne Blickkontakt an uns vorbei. Danach ignorierten wir seine Anwesenheit dann ebenfalls. Entweder hat der selbst mal ganz schlechte Erfahrungen mit hannoverschen Fußballfans gehabt, schlimme Geschichten gehört („Allein machen sie dich ein!“) oder er war einfach nur arrogant. Wir waren wie immer nicht auf der Suche nach neuen Freunden, jedoch kann man sich sicher auch respektvoll aus dem Weg gehen.

Basílica Nuestra Señora de la Piedad

Erster Programmpunkt am Freitag war nun Shopping. Milano Pete musste endlich eine wetterfeste Jacke bekommen. Dazu hatte er einen Outdoorladen in einer Shopping Mall gegoogelt. Da fast alle Geld brauchten und außerdem noch ein paar Besorgungen erledigt werden mussten (z.B. Karten für das morgige Spiel von San Lorenzo kaufen), zogen wir alle zusammen los. Die Karten gab es in der „Avenida de Mayo“ für 1.000 Pesos (also ca. 21€) im offiziellen Fanshop des Kultklubs aller Youtube-Wessi-Ultras. Danach ging es die „Florida“ hoch zur Mall. Natürlich mit gleichhoher Cambio-Quote wie am Vortag.

Die Trophäe der Copa Libertadores im Fanshop von San Lorenzo

In der Mall „Galerias Pacifico“ hatte der Outdoorladen nichts passendes für wählerische kleine Racker, doch wenigstens wurde er nach mehreren erfolglosen Shopbesuchen noch in der Dependance eines US-Sportartikelriesens fündig. Außerdem stellten wir fest, dass der Geldautomaten in der Mall mehr als 3.500 Pesos ausspuckt. Wäre aber auch blöd, wenn sich jemand in diesem Konsumtempel in ein Produkt für umgerechnet 100€ verliebt, aber nur 70€ ziehen kann (ich klammere jetzt mal bargeldlose Zahlung aus, gibt schließlich auch Verweigerer davon).

Die Galerias Pacifico

Ansonsten fiel wie schon am Vortag auf, dass an den Geldautomaten der Stadt überall lange Schlangen waren. Die Leute versuchten halt alle Geld zu holen, bevor es am nächsten Tag noch weniger wert ist (der Kurs des AR$ zum US$ war heute wieder leicht gefallen). Spannend und bedrückend zugleich, so etwas, was man nur aus groß- bis urgroßelterlichen Erzählungen kennt, live zu erleben. In den nächsten Tagen sollten übrigens immer mehr Automaten außer Betrieb sein (mutmaßlich nicht neu bestückt) und bei denen, die noch funktionierten, gab es keine großen Scheine mehr, sondern maximal 100er.

Santa Catalina de Siena

Und wo wir gerade bei Geld abheben sind; endlich hat mal wieder jemand etwas verloren auf dieser Reise! El Glatto stellte nach der Rückkehr im Hotel fest, dass seine Kreditkarte weg war. Wahrscheinlich im Automaten vergessen. Dazu muss man anmerken, dass in Argentinien erst das Geld und dann die Karte ausgespuckt wird. Nicht, dass man ihn jetzt für den totalen Idioten hält. Er war da wirklich nicht der einzige, der sich nach dem Geld einstecken aus Reflex vom Automaten wegdrehte. Beim Rest ging es nur immer gut, weil danach gleich der Nächste aus der Gruppe dran war o.ä..

Wieder am Plaza de Mayo

Die Bank sagte ihm wenig später, er müsse um 15 Uhr wiederkommen, weil dann der Automaten gelehrt werden würde und etwaige eingezogene Karten wieder herausgegeben werden können. Damit war das heutige 15:30-Spiel für ihn gestorben. Immerhin versicherte Milano ihm, dass er ihn begleiten würde und sie dann am Abend zusammen zum 18:45-Spiel zu Independiente fahren. Klang sehr selbstlos, aber in Wahrheit wusste er, was uns wieder für ein niveauloses Gekicke erwartet. Da zog er schnell die spontan aufgetauchte Ausstiegsklausel.

Der Obelisk

Nun denn, die unterschiedlichen Aufgaben des Nachmittags erlaubten zuvor noch ein gemeinsames Mittagessen. Dazu ging es in ein gut besuchtes Lokal am Kongress. Im „Congresso Plaza“ wurden leckere Rumpsteaks mit üppigem Fettrand für ungefähr 6€ serviert und nach dem Essen schnappten wir uns zu viert das erstbeste Taxi, um zum Stadion von Deportivo Español zu gelangen. Der Fahrer fragte lieber nochmal nach, ob wir da wirklich hinwollen. „Na klar, ab zur Cancha von Español!“ Auf dem Weg dahin haben der Fahrer und ich dann über Gott (Maradona) und die Welt (Fußball) gequatscht. Er war übrigens Fan von Tigre und wollte, dass wir später bei Independiente sein Team anfeuern. Das werden wir wohl eher nicht tun, aber hat schon Spaß gemacht mit einem Porteño über Fußball und auch die Stadt zu fachsimpeln. Passierte Viertel wie z.B. Almagro sahen derweil ganz nett aus. Er: „Ja, hier ist schön und sicher. Da wo ich euch jetzt hinfahre, ist es das nicht.“ Versteht sich von selbst, dass ich meinen neugierigen Freunden nicht alles übersetzte.

Heute mal Steak

Das Barrio am Stadion (der Südzipfel vom Viertel „Parque Avellaneda“) sah dann wirklich aus wie eine Karre Mist. Na ja, wir mussten da ja nicht durchspazieren, geschweige denn dort wohnen, sondern wurden direkt am Stadiontor rausgeworfen. Stolze 500 Pesos wurden für die Haupttribüne von Nicht-Mitgliedern verlangt („Socios“ hatten nur 200 zu blechen). Da wir abgesehen von Journalisten, Schiedsrichtergespann und Gastmannschaft wahrscheinlich die einzigen „Invitados“ waren, dachte sich der Verein sicher: Wenn sich schon Fremde hierhin verirren, dann sollen die wenigstens richtig blechen!

La Banda 55 Oldschool

Nach der Durchsuchung durch Polizisten am Eingang, warnten diese uns noch, dass wir bloß nicht links hinter das Tor gehen sollen, sondern rechts auf die Haupttribüne. Hm, war das hier etwa „Bandit County“? Auf jeden Fall gab es in Stadionnähe einige „Villas Miserias“ (quasi die Favelas von Buenos Aires) und gut möglich, dass sich daraus die kleine Fanszene von Español um die Barra Brava namens „La Banda 55“ rekrutiert.

Heute ging es auf den Acker

Auf der Haupttribüne war es aber ganz entspannt und wirklich niemand interessierte sich für uns. Die kleine Barra hatte schöne Fahnen dabei und begleitete ihre Gesänge mit Blasinstrumenten. In unserem Sektor guckten derweil tatsächlich fast alle Besucher 96% der Spielzeit auf das Feld. Bei der Darbietung, auf einem Acker in unterirdischem Zustand, eine respektable Einstellung. Gab es überhaupt Torchancen in diesem Spiel? Ich kann mich an keine erinnern. Ergo 0:0 nach 45 Minuten und 0:0 nach 90 Minuten.

Die Barra Brava von Deportivo

Dafür ist das Stadion eine echte Perle, wenn man denn auf alte Schüsseln steht. In den 80er Jahren dürfte es zusammen mit dem damaligen wie heutigen Nutzer seine beste Zeit gehabt haben. Ab 1985 spielte der Club Deportivo Español 14 Jahre am Stück erstklassig und schaffte sogar dreimal den 3.Platz in der Meisterschaft (zuletzt 1992). Nach dem Abstieg aus der 1.Liga begannen jedoch turbulente Zeiten. 2003 ging es in die Drittklassigkeit und der Club war wenig später bankrott und wurde liquidiert. Einer Neugründung im selben Jahr wurde vom Fußballverband AFA die Kontinuität zugesprochen und seit 2014 spielt man wieder drittklassig.

Estadio Nueva España (32.500 Plätze)

Nach dem Abpfiff des Grottenkicks wünschten wir CDE nicht nur weiterhin alles Gute, sondern vor allem einen Platzwart. Dann hielten wir uns an den Rat des Taxifahrers und gingen nicht durch das kleine Wohnviertel voller Lungerer, durch das wir auf dem Hinweg gefahren waren, sondern Richtung Plattenbausiedlung links vom Stadion (gab aufgrund der Schnellstraßen nur die zwei Möglichkeiten). Dort war eigentlich niemand auf der Straße und wenig später konnten wir ein Taxi ranwinken.

Stahl & Beton

Auf nach Avellaneda! Einem südlichen Industrievorort von Buenos Aires (330.000 Einwohner), der direkt an die Hauptstadt grenzt und mit Racing und Independiente zwei der größten Fußballclubs des Landes beheimatet (deren Stadien gerade mal 250m voneinader entfernt sind).

Ein maritimes Wandbild im Stadionumfeld

Für die ca. 20km musste der Transportgewerbetreibende natürlich nochmal tanken fahren und dann sahen wir viele Wohngebiete der Hauptstadt aus nächster Nähe (u.a. Boedo, Heimat von San Lorenzo), weil er die Maut für die Schnellstraße umgehen wollte. So hatte der Taxler etwas mehr von den 400 AR$ (inklusive rund 50 AR$ Trinkgeld), die am Stadion von Racing von uns gezahlt wurden. Denn weiter kam er an das Nachbarstadion aufgrund von Polizeisperren eh nicht mehr heran.

Die Cancha von Racing, mein Sehnsuchtsort…

28.09.2018
CA Independiente – CA Tigre 0:0
Superliga (I)
Estadio Libertadores de América (Att: 22.000)

Am Kassenhäuschen von Independiente trafen wir witzigerweise zeitgleich mit Glatto und Milano ein. Genau wie wir mussten die sich erstmal mühsam zu der Verkaufsstelle, einer Art Schuppen an den vereinseigenen Tennisplätzen, durchfragen. Leider hatte Glatto hier keine frohe Kunde für uns. Seine Kreditkarte wurde nicht vom Automaten eingezogen, musste also der nächstbeste Typ abgezogen haben. Na ja, die Karte war gesperrt und „Lebbe ging weida“.

…doch wir mussten heute in die Cancha nebenan

Dann gab es Tickets à 800 Pesos (umgerechnet 17€) für den Oberrang der Gegengerade und kurz vor Anpfiff wurden die Plätze in dem dachlosen, aber sehr sehenswerten Stadion eingenommen. Plätze mit bester Sicht auf das Spielfeld und die Barra von Independiente. Ich nehme schon gleich vorweg, dass der Blick zum Fanblock wieder interessanter war. Es handelte sich jetzt zwar um die 1.Liga, doch beide Teams waren schlecht gestartet. CAI ging mit 6 Punkten aus 5 Spielen als Siebzehnter in die Partie und Tigre war nach der Ausbeute 6 aus 6 durch ein schlechtes Torverhältnis aktuell Zwanzigster von 26 Teams.

El Unico Rey de Copa

Dabei ist Independiente „El Unico Rey de Copa“, wovon auch ein Banner im Block der Barra kündete. CAI, sowohl der dritterfolgreichste, als auch der drittbeliebste Club Argentiniens (nach Boca und River), hat die Copa Libertadores (also Südamerikas Pendant zur Champions League) bereits siebenmal gewonnen. Im Übrigen bei insgesamt nur sieben Finalteilnahmen. Fette Quote!

Schicke Beflaggung

Gut, der letzte Copa-Triumph datiert auf 1984 und die letzte argentinische Meisterschaft wurde 2002 gefeiert. Die vergangenen Spielzeiten lief man immer so um Platz 6 ein, was zumindest die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb bedeutete. Da will man sicher wieder hin (die Saison ist ja noch lang) und entsprechend hätte ich eigentlich eine dominante Heimmannschaft mit Drang zum Tor erwartet. Doch ich wurde enttäuscht.

Schickes Stadion

Stattdessen erstmal nur Tigre. Mit Torschüssen von Sosa (2.), Ramirez (9.) und Prediger (18.) setzte der Club aus dem Norden von Gran Buenos Aires erste Duftmarken. Dann zeigte der Referee in der 23.Minute in Tigres Strafraum auf den Punkt. Klare Sache, Prediger war wie ein Geisteskranker (verzeiht mir die hoeneßsche Entgleisung bei der Wortwahl) in den Rücken seines Gegenspielers gesprungen. Doch Gonzalo Veron schoss aus 11 Metern Tormann Batalla an und es blieb beim 0:0. Als Batalla in der 28.Minute auch noch einen Kopfball von Gonzala Asis aus kurzer Distanz abwehrte, war ich bereit einem der 22 Kicker eine gute Form zu attestieren.

Blick zur Barra

Obwohl die 1.Hälfte schon nicht besonders gut war, aber wenigstens ein paar Strafraumszenen hatte, ließen beide Teams im zweiten Durchgang nochmal deutlich nach. Torschüsse waren eigentlich nur noch Distanzschüsse in die Arme der Keeper oder gingen weit über das Gehäuse. Mehr und mehr schienen beide Teams mit dem Punkt leben zu können. Dazu war auch der Fanblock von Independiente etwas lahm. Die steigerten sich allerdings, konträr zur Mannschaft, in den zweiten 45 Minuten nochmal. Mir fehlen zwar die Vergleiche, aber das war wohl solide argentinische Durchschnittskost in Sachen Fandarbietung. Die Barra machte mal leiser, mal lauter ihr Ding und der Rest des Stadions ließ sich nicht so mitreißen.

Blick zum Block gegenüber der Barra

Stattdessen saß in unserer Nachbarschaft sogar der eine oder andere Grasraucher auf der Tribüne. Auf Medienberichte vertrauend, unterstelle ich Konsumenten dieser Drogen ein eher lethargisches Verhalten. Unbekiffte CAI-Fans bestätigten uns dann noch, dass heute auch relativ unwichtig ist und alle schon an Dienstag denken, wenn Independiente zum Viertelfinalrückspiel der Copa Libertadores bei River Plate antritt (Hinspiel in diesem Stadion ging 0:0 aus). Wahrscheinlich muss man der Fanszene nochmal eine zweite Chance bei einem wichtigen Spiel geben.

Man nennt sie auch die Roten Teufel

Als gegen 20:50 abgepfiffen wurde, dachte ich mir, dass sich das Team von CAI auf jeden Fall gut geschont hat für das Copa-Rückspiel. Wahrscheinlich würde River es in Lanús gleich ähnlich kraftsparend angehen und uns stand der dritte Grottenkick des Tages bevor. Nichtsdestotrotz wollte eine Mehrheit gerne noch den heutigen Ground-Hattrick realisieren.

Und das ist dann wohl der Betze von Buenos Aires

Der Plan war, wenn wir sofort ein Taxi kriegen, geht es weiter nach Lanús zum Gastspiel von River Plate (Distanz: 7km), ansonsten in die Stadt zum Schlemmen und Saufen (Synonym für ein paar wenige gepflegte Biere). Tja, obwohl wir der großen Fanmasse Richtung Schnellstraße folgten, war das vielleicht genau die falsche Richtung und das Stadion von Racing wäre die bessere Option für Taxis gewesen. Jedenfalls waren weit und breit keine gebührenpflichtigen Mitfahrgelegengeiten zu sehen und wir mussten erst wieder über eine Bahnstrecke in ein Wohngebiet vordringen, um fündig zu werden.

Ein Bierchen in San Telmo

In Lanús wäre jetzt in fünf Minuten Anstoß gewesen, also griff Plan B und wir uns ließen ins uns ins Ausgehviertel San Telmo chauffieren. Dort stiegen wir am Touri-Spot „Plaza Dorrego“ aus und tranken auf der Außenbestuhlung einer Bar erstmal ein Bier. Für das Abendessen wollte ich jedoch weiter zum benachbarten Hafenviertel Puerto Madero, wo es eine Reihe von guten Restaurants und weitere Ausgehmöglichkeiten gibt. Dort angekommen, warb das Grillrestaurant „Siga La Vaca“ (zu deutsch: Folge der Kuh!) draußen mit 700 AR$ für ein All You Can Eat (ca. 14,50€). Oh, dann mal rein in die gute Stube.

Kleine Schlemmerei

Da alle Tische in dem riesigen Lokal belegt waren, mussten wir noch etwas Gelduld haben, doch nach rund einer Viertelstunde (Raucherpause für unsere zwei mitgereisten Schlote) wurde mein Name von der Warteliste verlesen. Am Tisch noch fix sechs große Bier bestellt und schon stürzten wir uns zum Grill. Beladen mit Steaks und Würsten ging es zurück zum Tisch und nun wurde das Procedere so oft wiederholt, bis nichts mehr in den Körper passte. Das Beilagen-Buffet wurde auch nicht verschmäht und ein Dessert am Ende lehnten wir dankend ab (auch wenn es laut Kellner inklusive war). An den Gaumenschmaus von São Paulo reichte die Qualität zwar nicht heran, doch wir waren zufrieden mit dem Gebotenen.

Fleischeslust

Beim Bezahlen merkten wir dann, dass die Getränke auch inklusive waren. Sektion Geiz wollte sofort wieder zum Tisch zurück und hier weiterzechen, doch die Mehrheit setzte sich durch und es ging in die nahe Bar „The Beer Spot“. Dort gab es Biere von argentinischen Kleinbrauereien und ziemlich interessante Katzen (bzw. „Senoritas“, wie man hier sagt) im Publikum. Außerdem liefen die Zusammenfassungen der heutigen Fußballspiele. River hatte Lanús doch tatsächlich 5:1 abgefertigt. Neben einem schönen Stadion sind uns also auch viele Tore entgangen.

Der freitägliche Scheidebecher

Typen wie ich, die vorher noch getönt haben „Heute wird richtig gezecht!“, hielten anschließend nicht mehr lange durch und mit Milano, Glatto und mir schnappte sich die Hälfte des Rudels  ein Taxi zum Hotel, während Languste, Fat Lo und Ole noch weiterzogen und diverse Bars in San Telmo prüften.

Buenos Aires Skyline bei Nacht

Zum goldenen Finale des Tages wollte uns dann noch der Taxifahrer abziehen und auf seiner Märchenuhr standen am Ende 250 Pesos. Er erzählte uns noch was von Nachttarif, gab sich aber zum Schluss doch mit 100 Pesos zufrieden, die wir für 3km als angemessen erachteten. Im Nachhinein lagen wir gar nicht so schlecht. Knapp 30 AR$ ist aktuell der Startpreis in Buenos Aires und für jeden gefahrenen Kilometer kommen circa 15 AR$ hinzu. Ab 22 Uhr gibt es noch 20% Nachtzuschlag. In diesem Sinne: Gute Nacht und bis Morgen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s