Buenos Aires 10/2018 (II)

04.10.2018
CA Nueva Chicago – CA Los Andes 1:0
Primera B Nacional (II)
Estadio Nueva Chicago (Att: 12.000)

Da wachst du an Reisetag 20 auf und realisierst so langsam, dass der Urlaub bald vorbei ist. Doch kein Grund depressiv zu werden, sondern besser mal das Beste aus den letzten Tagen rausholen. Fußballerisch waren nur noch zwei Spiele in der 2.Liga möglich, aber mittlerweile herrschte auch in Buenos Aires T-Shirt-Wetter und so ein paar Sehenswürdigkeiten gab es ebenfalls noch, die einen Besuch wert waren.

Krisengraffiti an der Avenida de Mayo

Doch zunächst dominierte Altbekanntes. Wir planten unsere allererste Erkundung der Stadt vom letzten Donnerstag nochmal bei wolkenlosem Himmel zu wiederholen und dadurch zu noch besseren Fotos für das private Fotoalbum zu kommen. Ich verzichte an dieser Stelle natürlich darüber meine Ausführungen aus dem ersten Buenos-Aires-Bericht zu wiederholen.

Plaza de Mayo

Die Route hieß wieder Plaza del Congreso – Avenida de Mayo – Plaza de Mayo und von dort weiter nach San Telmo. Da wir ab dem Plaza de Mayo andere Straßenzüge für den Schwenk nach Süden wählten, gab es auch noch etwas Neues im Zentrum zu entdecken. Zum Beispiel ein Denkmal für die Veteranen des Falklandkrieges, bzw. des „Guerra de las Malvinas“ wie man hier sagt. Die Betonung liegt auf ein Denkmal. Denn der Krieg von 1982 um karge Eilande im Südatlantik ist noch sehr gegenwärtig im zeitgenössischen Argentinien. Denkmäler, Straßen, Plätze, T-Shirts, Graffiti… An den „Islas Malvinas“ kommt man in Argentinien nicht vorbei.

Pirámide de Mayo

Die „Cuestión de las Islas Malvinas“ ist quasi die Kosovofrage Argentiniens. Bisher kannte ich nur die britische Perspektive auf den Konflikt und etwas intensiver hatte ich mich lediglich mit den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen des Krieges auf das Großbritannien der 1980er Jahre beschäftigt. Jetzt versuchte ich nochmal den Perspektivwechsel. Die Motive der damaligen Militärjunta sind für mich aus deren Sicht nachvollziehbar (ein totalitärer Staat in der Krise will mit einem militärischen Sieg seine Macht festigen), das bis heute andauernde Bohei um die Inseln jedoch nicht. Hier geht es nicht wie beim Kosovo um das religiöse Herz und die Wiege einer Nation, sondern um unwirtliche und (damals) wirtschaftlich uninteressante Inseln kurz vor der Antarktis. Eine schützenswerte argentinische Minderheit gibt und gab es nicht und die seinerzeit 2.000 und heute knapp 3.000 vorwiegend britischstämmigen Bewohner wollen alle weiterhin Teil des Vereinigten Königreichs bleiben (außer drei Leute, nehmen wir die Volksabstimmung von 2013 als Maßstab).

Malvinas Memorial

Na ja, wie die meisten wissen dürften, ging das Vereinigte Königreich aus dem Konflikt siegreich hervor und ist nun seit 1982 wieder im Südpafizik militärisch präsent (die Argentinier konnten die Inseln damals im Handstreich besetzen, weil sie ungeschützt waren). Das kostet viele Steuergelder und eigentlich wäre den Briten (aus Kostengründen) eine geordnete Übergabe an Argentinien in den 1970er Jahren ganz recht gewesen. Doch als die Militärjunta sich 1976 in Argentinien an die Macht putschte und Staatsterror mit geschätzt 30.000 spurlos verschwundenen vermeintlichen Oppositionellen begann, legte das Vereinigte Königreich die Verhandlungen auf Eis. Doch da in den 1990er Jahren Ölvorkommen vor den Inseln gefunden wurden (welche noch auf Ausbeutung warten), rechnet sich das vielleicht doch noch für die Briten. Auch wenn das Öl die Inseln für Argentinien noch interessanter macht und man nun über das Seerecht via UNO weiterstreitet.

Empanadas

Es kann halt nicht überall so konfliktfrei in der Welt zugehen wie bei Schneppe Tours. Auch nach 20 Tagen und individuellen wie kollektiven Rückschlägen, war die Stimmung weiterhin prächtig und ein Empanadas-Frühstück im „Espresso“ konnte sie nochmal steigern (Chronistenpflicht: Drei Empanadas mit „Carne“, „Pollo“ und „Queso y cebolla“ plus ein Kaffee und ’ne Cola kosteten knapp 3€). Das Lokal lag direkt an einem Zwischenziel des Tages, nämlich dem Kloster „Santo Domingo“, und wurde daher spontan gewählt.

Convento Santo Domingo

Das Kloster hat neben der sehr schönen neoklassischen Basilika („Basílica de Nuestra Señora del Rosario“) auch noch das Mausoleum des argentinischen Nationalhelden Manuel Belgrano (1770-1820) zu bieten. Dieser war einer der Väter der argentinischen Unabhängigkeit und dazu Urheber der argentinischen Flagge. Städte, Stadtteile, Straßen, Fußballclubs und vieles mehr sind heute nach ihm benannt. Außerdem ziert sein Konterfei den 10-Pesos-Schein. Der ging allerdings nur recht selten durch unsere Hände, da er aktuell nur einen Gegenwert von 0,21€ hatte.

Manuel Belgrano ihm sein Grab

Kurz hinter dem Kloster fing San Telmo an. Da waren wir nun schon oft gewesen, jedoch ohne bisher das kleinste Wohnhaus von Buenos Aires anzuschauen. Die zweigeschossige „Casa Minima“ hatte nur einen 2,5x13m-Grundriss. Also mir würde das ja reichen, ist schließlich wenig zu putzen und wenig Platz für unnötigen Nippes. Zumal das Haus sogar einen kleinen Balkon und hinten im Hof eine schöne Terrasse bzw. einen gefliesten Patio vorweisen konnte.

Casa Minima

Von San Telmo ging es weiter zum Hafenviertel Puerto Madero. Beim heutigen schönen Wetter wollten wir nochmal am Wasser des einstigen Hafens entlang spazieren und die Skyline des eindrucksvoll revitalisierten Viertels knipsen. Aus den Backsteinkontoren des späten 19.Jahrhunderts waren Lofts, Bürogebäude, Hochschulgebäude (Universidad Católica Argentina), Hotels, Bars und Restaurants geworden. Dazu etliche moderne Neubauten. Nun ist es eine der teuersten Gegenden der Stadt und Wohnungen hier sind sehr begehrt.

Teil der Skyline am Puerto Madero

Mit der Museumsfregatte „Presidente Sarmiento“ und der Brücke „Punte de la Mujer“ gab es weitere prominente Sehenswürdigkeiten, so dass Puerto Madero eigentlich jeden Buenos-Aires-Touristen anzieht. Die Brücke ist übrigens vom Stararchitekten Santiago Calatrava entworfen worden. So hatte ich auch in Buenos Aires meinen „Calatrava-Ground“. Da ich schon bei so vielen Reisezielen Bauwerke von ihm gefunden habe, bin ich mittlerweile ein kleiner Fanboy geworden. Aber das bin ich ja von so einigen zeitgenössischen Architekten und Architektinnen.

Punte de la Mujer

Nach dem Rückweg von Puerto Madero zum Hotel, konnten wir uns kurz von den heute schon wieder gelaufenen 10 Kilometern erholen und dann ging es mit Taxis raus nach Mataderos, um Nueva Chicago vs. Los Andes zu schauen (2.Liga). Die Entfernung betrug knapp 20km und kostete pro Taxi rund 7€ (also ungefähr 2,50€ pro Person inklusive Trinkgeld). Ich hoffe ich schaffe es doch noch irgendwann den öffentlichen Nahverkehr in Buenos Aires zu nutzen. Aber selbst wenn mit Bus oder Bahn fahren nur 0,20€ kostet. Dann zahlst du lieber das Zehnfache und bist ganz bequem, flexibel und schnell mit dem Taxi unterwegs. Kostet schließlich immer noch weniger als Bus oder Bahn fahren in der Heimat.

Unterwegs in den Straßen von Buenos Aires

Die Cancha von CA Nueva Chicago lag wieder in einer sehr unseriös wirkenden Gegend. Tja, ist man ja mittlerweile schon gewohnt und macht sich daher nicht mehr ganz so viele Gedanken. Das größere Problem war aktuell auch die Polizei und nicht die Zivilisten. Weil der Zugang zur Haupttribüne aus unserer Richtung abgesperrt war, sollten wir wieder mal um den ganzen Pudding laufen und dabei auch noch als guten Ratschlag nicht zwischen den Wohnblöcken des Quartiers „Los Perales“ abkürzen.

Nette Gegend

Da die Gegengerade Standort der Barra von C.A.N.CH. war, fiel die als nächstgelegene Eingangsoption aus und wir mussten fünf Minuten vor Anpfiff im großen Bogen einmal bzw. 270 Grad um das Stadion. Auch noch verfolgt von zwei Typen, die nicht nach Stadionbesuchern aussahen. Die blieben sogar stehen, als wir in eine durch eine Polizeisperre geschaffene Sackgasse gingen und warteten bis wir wieder von den Cops zu ihnen zurückgeschickt wurden. Aber wahrscheinlich war das nur Paranoia und die hatten zufällig den gleichen Weg bzw. waren neugierig was wir für Typen sind, die an jeder Kreuzung mit Bullen reden. Auf jeden Fall waren wir sie an der 5 Minuten nach Anpfiff erreichten Sicherheitsvorkontrolle los. Blöd nur, dass wir im Anschluss am Stadioneingang von den Ordnern ausgelacht wurden. Denn es gab keinen Ticketverkauf. Tickets nur im Vorverkauf oder nur für Mitglieder meinte ich im Gelächter rausgehört zu haben.

C.A.N.CH. Graffito

Daher sind wir bedröppelt nach einer Diskussion bzw. eher nach ausreichender Funktion als Spottzielscheibe wieder abgezogen („Extra aus Deutschland hierher??? Muhaha!!! Seid ihr wirklich aus Deutschland, der Kleine da ist doch Italiener oder?“). Ich war jedoch weiterhin motiviert meinen beiden Begleitern Milano und Glatto (selbstlos wie immer) dieses Stadionerlebnis zu verschaffen (vom Taxi mit Fat Lo, Languste und Ole war übrigens weit und breit keine Spur). Denn die Stimmung, die nach draußen drang, war echt geil und ein Tor für C.A.N.CH. war auch schon gefallen.

Wir wollten gerne mehr als das Flutlicht sehen

Also lungerten wir uns zu den Polizisten an der Haupttribüne und versuchten uns ins Stadion zu quatschen. Aber es gab keinen Touri- oder Idiotenbonus und der Pressejoker zog auch nicht. Da half nur noch Bestechung und die klappte ganz gut. Eine Polizistin, die auch als einzige hilfsbereit wirkte, hatte nämlich ihren Vorgesetzten angefunkt und der kam jetzt aus der Tribüne raus. Wir sollen doch mal um die Ecke mitkommen. Na klar, Señor! Er hielt nun ohne lästige weitere Augenpaare die Hand auf und fragte was uns das Spiel wert ist. Ich pokerte niedrig und warf 500 Pesos mit selbiger Summe auf der Hand in den Raum. Er willigte sofort ein und ich sagte meinen Kumpels den Preis. Doch noch bevor sie zur Geldbörse gegriffen hatten, klopfte der Beamte schon mit seinem Schlagstock an ein verschlossenes Stahltor der Haupttribüne. Ordner machten auf und er sagte ihnen, dass wir reindürfen und uns, dass wir die Schnauze halten sollen. „Si Señor, no hay problema!“

Barra von CANCH

500 Pesos für uns alle zusammen war natürlich ein Schnapper. Das geht in Argentinien sicher noch als Trinkgeld durch und fällt nicht unter Korruption. Erst die Schleuserpremiere bei River am Dienstag, nun die „Trinkgeldpremiere“ bei Nueva Chicago. Nueva Chicago übrigens, weil dies der Zweitname des Stadtteils Mataderos ist. Den bekam er wegen der vielen Schlachthöfe hier. Und ratet mal was Mataderos übersetzt heisst…

In der Halbzeit geht es durch den Bullentunnel

Auf jeden Fall hat der Club eine Top-Barra! Die Jungs machten gut Alarm und waren ständig in Bewegung. Richtig nett anzuschauen, wie alle zwischen den gespannten Bändern Pogos tanzten. Auch die Trommler und Blasmusiker hatten es drauf, so dass ich dazu tendiere diesen Kick zum drittstimmungsvollsten unseres Argentinienaufenthalts zu küren. Ganz vorne natürlich River – Independiente und dahinter setzt sich Banfield – Defensa y Justicia knapp gegen Nueva Chicago – Los Andes durch (Bonus für Auswärtsfans und weil jedem Anfang ein besonderer Zauber innewohnt).

Und auch die Barra gönnt sich ihre verdiente Pause

Das Publikum von C.A.N.CH. setzt sich besonders im harten Kern aus Jungs der ärmsten Nachbarschaften von Mataderos zusammen. Rund um’s Stadion waren davon ja schon welche zu sehen. Wie wir merkten, gelten sie nicht zu unrecht als besonders leidenschaftlich. Außerdem soll in der politischen Ausrichtung der Peronismus im Stadtbezirk und der Fanszene dominieren (Peronismus zu erklären, würde an dieser Stelle zu weit führen). Los Perales, die Wohnsiedlung am Stadion, durch die wir zuvor besser nicht gehen sollten, war z.B. ein großes Projekt des Sozialen Wohnungsbaus von Präsident Juan Perón (* 8.Oktober 1895; † 1.Juli 1974).

Der Gästebereich, leider wie üblich leer

Leider war das Spiel nicht so berauschend und dem frühen Tor von Esteban Orfano (3.Minute) folgte kein weiteres. Damit eroberte CA Nueva Chicago vorerst die Tabellenführung und darf davon träumen um den Aufstieg in die 1.Liga mitzuspielen, während die Kicker von Los Andes, die heute nur wenig schlechter als der Platzhirsch wirkten, in der Frühphase der Saison (6.Spieltag) im Keller stecken. Klar, die Saison ist noch lang, aber Nueva Chicago wäre rein fantechnisch ein würdiger Aufsteiger (2015 spielten sie übrigens zuletzt erstklassig).

Haupttribüne des Estadio Nueva Chicago

Nach dem Spiel hielt mir am Ausgang sofort ein Reporter ein Mikro unter die Nase, dem ich das eigentlich gleich hätte erzählen können. Aber nicht, dass unser Lieblingspolizist sieht wie ich mit der Presse rede ( 😉 ). Also den Mann mit „Yo no hablo español. Soy un turista.“ stehengelassen und lieber ein Taxi gesucht. Wie fast immer nach den Spielen dauerte das ewig, doch irgendwann saßen wir ein weiteres Mal zum hannoverschen ÖPNV-Tarif im Taxi. Im Hotel erzählten uns die anderen dann, was eigentlich schon klar war. Sie hatten es nicht ins Stadion geschafft. Erstmal waren sie noch später als wir dort, da ihr Fahrer den Weg nicht wirklich kannte, und dann fanden sie leider keine kooperativen Helfer in Uniform. Ole wusste außerdem noch zu berichten, dass die mutmaßlichen „Wessi-Hopper“ vom Vortag (bei San Telmo – Tristan Suarez) auch wieder da waren, aber ebenso unverrichteter Dinge mit ihrem Mietwagen abziehen mussten. Und „Señor BFU“ war diesmal auch nicht im Stadion zu erspähen. Da waren wir wohl tatsächlich exklusiv bei Nueva Chicago zu Gast.

Mal wieder viel Fleisch

Gemeinsam fuhren wir nun wieder ins Viertel Puerto Madero und suchten wie schon vor sechs Tagen das Grillrestaurant „Siga La Vaca“ auf. Mittlerweile sogar nur noch für 670 AR$ statt 700 AR$ für ein „All You Can Eat“ (doch da sich der Argentinische Peso minimal erholt hatte, waren das immer noch ca. 14,50€). Diesmal lasen wir uns das Angebot übrigens ganz genau durch. Es war doch nicht so, dass es auch ein „All You Can Drink“ war (wie letzte Woche beim Bezahlen befürchtet und heute erhofft), sondern dass pro Person 1 Liter Bier, Wein, Cola o.ä. inklusive war. Und neben allerlei Fleisch frisch vom Grillmeister, einem kalten und warmen Buffet und einem Literpott nach Wahl, war auch weiterhin ein Dessert im Preis inbegriffen. Diesmal verschmähten wir es nicht und bekamen u.a. warmen Schokokuchen mit Vanilleeiscreme und Fruchtsauce serviert (Kuchen, Puddingcreme, Fruchtsalat u.v.m. stand ebenfalls zur Auswahl). Danach musste es zwangsläufig sofort ins Bett gehen.

Heute durfte es mal ein Dessert sein

Der Freitag sollte nun mal wieder zum fußballfreien Tag auserkoren werden. Die Optionen waren einfach schlecht. Eine Recherche ergab, dass für die Partie der 2.Liga von Deportivo Moron ähnliche Auflagen wie für das Spiel von Nueva Chicago galten. Nur Vorverkauf, der um 12 Uhr mittags endete. Also hätte man vormittags rund 30km für ein Billet rausfahren müssen und anschließend bis 16:30 Uhr am Rande des Großraums Buenos Aires die Zeit totschlagen müssen. Oder nach dem Kartenkauf nochmal zurück ins Zentrum und zum Spiel erneut rausfahren. Wahrlich beides viel Aufwand für ein wenig vielversprechendes Fußballspiel und auf ein zweites Mal „kleine Korruption“ wollte auch niemand spekulieren. Ebenso waren noch unterklassigere Partien im Großraum Buenos Aires kein Traumziel, also lieber nochmal touristisch unterwegs sein und raus nach Tigre fahren.

Retiro Bahnhof

Tigre gehört auch noch zum Ballungsgebiet von Buenos Aires und liegt etwa 30km nördlich vom Zentrum der Hauptstadt. Tigre selbst hat ca. 100.000 Einwohner und bei gutem Wetter, besonders an den Wochenenden, bekommen die Gesellschaft von zahlreichen Ausflugsgästen aus der Metropole (wovon auch einige Wochenendhäuser in Tigre haben). Wir entschieden uns Zug zu fahren (endlich mal!) und für ungefähr 0,50€ wurde im ansehnlichsten der drei nebeneinander liegenden Retiro-Bahnhöfen die Einfache Fahrt gelöst und eine Dreiviertelstunde später waren wir am Ziel.

Schiffswrack im Tigredelta

In Tigre wollten wir unbedingt eine Bootsfahrt durch das Flussdelta machen und ließen uns gleich am Bahnhof vom erstbesten Angebot überzeugen. Umgerechnet 6,50€ für eine einstündige Bootsfahrt und die unbegrenzte Nutzung des „Hop on, hop off“-Busses wurden fällig. Wenn sich das Land eines Tages wieder im Aufschwung befindet, wird es wohl endlich wieder teurer als Mazedonien oder Moldawien zum Urlauben sein (An- und Abreisekosten natürlich ausgeklammert).

Ein Wohnhaus im Delta

Um 12 Uhr startete die Bootsfahrt und man erfuhr via Audioguide (Spanisch, Portugiesisch und Englisch) einiges über die Stadt und das Leben hier. Tigre liegt am Flussdelta des „Río Paraná“ und des „Río Uruguay“, die hier via La-Plata-Mündung in den Atlantischen Ozean fließen. Es gibt also ein weitverzeigtes Netz von Wasserstraßen und unzählige Inseln, die nur mit dem Boot erreichbar sind. Einige, übrigens nicht wenige, sind bewohnt. Post, Lebensmittel usw. kommen entsprechend auf dem Wasserweg zu den Haushalten.

Nette Villa

Den „Río Paraná“ kannten wir ja schon aus Foz do Iguaçu bzw. Puerto Iguazú, also schon vom ersten Tag in Argentinien. Dort schloss sich der „Rio Iguazú“ kurz nach seinen spektakulären Wasserfällen dem Paraná-Fluss an. Dass wir kurz vor Abreise auch noch an der Mündung des Flusses standen, ist eine Randnotiz wert.

Club de Regatas La Marina

Auch ist Tigre Zentrum des Rudersports und anderer Wassersportarten und „Country Clubs“ (aktuelle und ehemalige) gibt es ebenfalls ein paar. Zu nennen sind hier besonders der „Club de Regatas La Marina“ (in einem wunderschönen Anwesen von 1908) und der Tigre Club (von 1912), der bis 1933 ein Casino war und heute das „Museo de Arte de Tigre“ beherbergt.

Tigre Club

Nach der schönen Bootstour spazierten wir zu Fuß zum „Puerto de Frutos“, einer weiteren Sehenswürdigkeit, die wir schon vom Wasser erspäht hatten. Dabei passierten wir auch den Freizeitpark „Parque de la Costa“ und das Casino „Trilenium“. Mit anderen Worten, in Tigre dürfte jeder auf seine Kosten kommen. Glückspiel oder Fahrgeschäfte zogen uns jedoch nicht an und wir gedachten am „Puerto de Frutos“ das Mittagessen nachzuholen. Dazu gab es etliche auf Touristen zugeschnittene Optionen und wir wählten mit Sicherheit die schlechsteste. Mikrowelle und Friteuse zauberten dort einen Teller mit Schnitzel, Mozzarellasticks und Maniokpürree. Ekliger Fraß, den keiner aufaß und der mit umgerechnet 6€ auch noch für argentinische Verhältnisse sauteuer war. Aber war irgendwie zu erwarten. Scheiß Tourifallen!

Ekelfraß

Außer dem einzigen schlechten Essen unseres Argentinienaufenthalts, hatte der „Puerto de Frutos“ noch zig Souvenir-, Wohnaccessoire- und Möbelläden zu bieten. Nicht die Form von Einzelhandel, die uns interessiert. Daher wurde alsbald der „Hop on, hop off“- Bus bestiegen und eine entspannte, aber unspektakuläre Busfahrt durch die Stadt endete nach rund 30 Minuten am Bahnhof.

Kolonialkirche in Tigre

16:30 Uhr machten wir mit der Bahn wieder den Abflug aus Tigre. Nachdem wir knapp zwei Stunden später wieder alle im Hotel waren, beschlossen wir uns alle eine Stunde Pause zu gönnen, ehe der Gang zum Abendessen angetreten wurde. Eine Pause, welche Milano, Languste und El Glatto zu einem Friseurbesuch nutzen wollten. Wobei eigentlich nur der eitle Südeuropäer zu seinem zweiten Friseurbesuch dieser Reise kommen wollte.

Diese Taube wollte auch von Tigre nach Buenos Aires

Die anderen beiden taten gut daran, sich nicht im Salon von Milanos Gnaden die Haare schneiden zu lassen. Denn dort lag nicht ein Haar am Boden und mutmaßlich wurde dort auch noch nicht ein Kunde bedient. Jedenfalls nicht friseurtechnisch. Zu ging es dort trotzdem wie im Taubenschlag und einige Leute lungerten gemütlich in den Sesseln rum. Viele hatten rote Augen und es lief Bob Marleys Musik. Ihr könnt euch sicher denken, welche Funktion dieser „Barbershop“ eigentlich hatte. Dass es allerdings gar keinen echten Friseurhandwerker zu geben schien, war dann doch überraschend.

Pete got a new haircut

Ein Typ, sicher auch nicht mehr ganz so klar im Kopf, suchte schließlich eine Schermaschine, fand irgendwann eine und hackte Milano ein paar Kanten ins Haupthaar. Dauer der Prozedur ungefähr 30 Minuten. Alle waren sich einig, dass der das Ding zum ersten Mal in seinem Leben in der Hand hatte. Fragt Milano Pete und nicht mich, warum er sich überhaupt darauf eingelassen hat.

Teatro Colon

So hatten wir alle was zu lachen, als wir vom Hotel zum Abendessen aufbrachen. Weil die Devisen langsam knapp wurden und keiner Bock hatte nochmal Geld abzuheben, verzichteten wir tatsächlich auf Taxis und gingen die drei Kilometer zu Fuß. Ganz nett dieses Buenos Aires nach Einbruch der Dunkelheit. Zumindest im Zentrum.

Galerias Pacifico

Das „El Establo“ mit seinem am Montag bereits von einer glücklichen Minderheit der Reisegruppe getesteten „Bife de Lomo“ hatte nun ein zweites Mal die Ehre uns zu bekochen. Ich nahm das „Bife de Lomo“ nach Art des Hauses in der 500gr.-Version. Kostete so ungefähr 12€ und war als Einzelstück das kulinarische Highlight der Reise (den Gesamtsieg holt jedoch das Rodizio in São Paulo).

Bife de Lomo (Best Cut)

Übrigens waren auch ein paar schöne junge Frauen zu Gast, die ungefähr vier Tische entfernt von uns saßen. Zur Toilette mussten sie direkt an unserem Tisch vorbei und daneben eine Treppe hoch. Unverschämt und unbedarft wie wir sind, hielten wir uns nicht Komplimenten zurück (so Sachen wie „Boah, die hat ein Gesicht wie gemalt“). Ihr könnt euch sicher schon denken welche Nationalität die Damen hatten und wir vermuten, dass die Erste ihren Freundinnen davon erzählte, dass da an der Treppe ein paar Landsleute geiern. Nr.2 und Nr.3 durften auch noch einen Schwall von Komplimenten aufschnappen. Nur, dann war Fat Lo mal kurz draußen rauchen und bekam beim Vorbeischlawinern am Damentisch mit, dass sie sich auf Deutsch unterhielten.

Meatlove

Daher hielten wir uns bei Nr.4, die sich auch weiß Gott auch nicht verstecken brauchte, komplett zurück. Die guckte von der Treppe mehrmals auf dem Hin- und Rückweg zu uns, doch bei uns ging es um Fußball und anderen Kram. Am Ende lächelten uns drei Frauen beim Rausgehen an und eine guckte wie ein Fan von Eintracht Braunschweig in diesen Wochen. Wenn aus gut gemeint unbewusst gemein wird…

Nochmal Anstoß nehmen

Auf dem Rückweg zum Hotel genossen wir nochmal das nächtliche Buenos Aires, wo übrigens schon einiges für die Eröffnungsfeier der am nächsten Tag beginnenden Olympischen Jugend-Sommerspiele vorbereitet wurde. Doch wir reisten pünktlich zum Event ab und verließen 9 Uhr morgens das Ibis Hotel.

Der Obelisk wird bei der Eröffnungsfeier wohl eine zentrale Rolle spielen

Für den Transfer zum internationalen Flughafen der Stadt (ungefähr 30km vom Hotel entfernt), ließen wir uns vom Hotel zwei Remise rufen. Die Devisen waren zu knapp geworden und viele 08/15-Taxis akzeptieren nur Cash. Die 1.000 Pesos pro Remise waren jetzt auch kein astronomisch hoher Preis und konnten per Kreditkarte gezahlt werden. Vorbei an unter anderem der beeindruckenden Cancha von Huracan (ich komme wieder!), ging es flott zum Flughafen. Zwei Stunden vor Abflug waren wir am Ziel und viel später hätte es auch nicht sein dürfen, da sich die vier Stationen Gepäckaufgabe, Ticketkontrolle, Sicherheitskontrolle und Passkontrolle doch etwas zogen. Es blieb nur noch Luft für ein Stück Pizza auf die Hand, ehe das Boarding für uns begann.

Ein letzter Snack auf argentinischem Boden

Die relativ junge Airline „Level“ (Tochter der Iberia bzw. der International Airlines Group) hob pünktlich um 12:05 Uhr ab und der vorerst letzte Kontakt mit der Außenwelt war die Nachricht, dass das Schlusslicht der deutschen 3.Liga just zuhause einen 2:0-Vorsprung gegen den Abstiegskonkurrenten Sportfreunde Lotte in letzter Sekunde verspielt hatte. Da schmeckte das kurz nach dem Start servierte Mittagessen (bei mir Ragout mit Tomatenreis und Gemüse, Kartoffelsalat und ein Stück Blaubeerkuchen) gleich noch besser. Ansonsten war Level aber nicht so geil. Wir hatten eigentlich bei Iberia gebucht und damit auch einen Tarif von Iberia mit Gepäck und Verpflegung inklusive (489€ p.P.). Wer allerdings bei Level bucht, muss alles kostenpflichtig dazubuchen (quasi Ryanair für die Langstrecke) und so saßen nun etliche Leute um einen herum, die ihre eigene Verpflegung dabei hatten.

Flugzeugfraß

Beim Bordentertainment gönnte ich mir für die Kurzweil „Raiders of the Lost Ark“, „Live Free or Die Hard“ und „Grand Budapest Hotel“. Ein Klassiker der immer geht, ein Actionfilm, wo man auch weiß, was man serviert bekommt und ein mir bisher unbekannter Film, von dem ich zwar schon etwas gehört hatte, aber der mir bisher entgangen war. Da habe ich bis zu diesem Flug einen richtig guten Film nicht gekannt. „Grand Budapest Hotel“ bekommt auf jeden Fall die Note 1 von mir.

Museu Nacional d’Art de Catalunya

Nachdem über die Hälfte des zwölfstündigen Fluges „weggefilmt“ war, bekam ich den Rest auch noch rum. Berichte schreiben, Lesen, Unterhalten, Essen, Augen ausruhen… und gegen 6 Uhr morgens Ortszeit begann der Landeanflug auf Barcelona. Weil dort noch knapp acht Stunden bis zum Weiterflug nach Deutschland vergehen sollten (separate Buchung mit Eurowings für 84€ im Best-Tarif), wollten zumindest Ole und ich nicht die ganze Zeit am Flughafen abgammeln. Also fuhren wir zu zweit für rund fünf Stunden Sightseeing mit der Bahn in die Innenstadt.

Welcome to Barcelona

Barcelona bekommt bestimmt irgendwann mal einen eigenen Bericht, so dass ich hier nicht mehr in die Tiefe gehen will und nur kurz erwähne, dass Ole und ich den Schwerpunkt bei unserer rund fünfstündigen Exkursion auf die „3G“ legten: Gaudi, Güell und Gotik.

Unterwegs im Gotischen Viertel

Das gotische Viertel (Barri Gotic) mit der Kathedrale und die „Rambla“ fand ich sehr nett. Und es war auch ganz interessant, wie die Stadt so langsam erwachte. Im Morgengrauen waren kaum Menschen auf den Straßen und schließlich beziehen die ersten Bettler und Nippes-Händler ihre Position, Kioske und Cafés öffnen und irgendwann tauchen die ersten großen Tourigruppen auf. Aber da waren wir schon fast durch mit der eigenen Tour.

Die Gelbe Schleife es Zeichen der Unabhängigskeitsbewegung in Katalonien

Krönender Abschluss sollte dann der Besuch der Sagrada Familia sein. Nur irgendwie weiß ich nicht so recht, was ich von diesem Bauwerk halten soll. Vielleicht warte ich mit einem endgültigen Urteil noch bis zur Vollendung des Baus ab (die Sagrada Familia soll 2026, also wahrscheinlich noch lange vor dem Berliner Flughafen BER, fertiggestellt sein). Ich tendiere jedoch dazu zu sagen: „Boah, wat bist du hässlich!“

Sagrada Familia

Zwei Stunden vor Abflug waren wir wieder am Flughafen. Gemeinsam mit den Gammlern ging es zum Check In und Eurowings brachte uns schnell und sicher nach Berlin (Tegel). Der gebuchte ICE nach Hause war somit auch locker zu bekommen und am Heimatbahnhof standen gegen 20 Uhr mit den lieben Freundinnen von Languste und Glatto, sowie dem Holzmichel (natürlich auch ein liebenswerter Mensch) für je zwei Touris heimfahrende Mitmenschen bereit.

Warum zum Abschluss nicht mal ein Hundebild?

Die längste und weiteste Reise meines bisherigen Lebens war zu Ende und bereits Montagmorgen rief wieder die Pflicht. Die teuerste Reise war es logischerweise auch, allerdings kam ich beim Kassensturz auf fast exakt 3.000€ für wirklich alles. Rund 1.500€ für Flüge, Züge, Hotels, Fähre usw. (halt alles, was im voraus gebucht und über das Jahr verteilt bezahlt wurde) und rund 1.500€ gingen vor Ort drauf für Fußball, Taxis, Speis und Trank und vieles mehr. Da ist das Adjektiv teuer relativ und für solche Urlaube wurde sowieso das 13.Monatsgehalt erfunden. Außerdem wurden rund 265,2km zu Fuß gelatscht an insgesamt 23 Reisetagen. Das sind im Schnitt 11,5km pro Tag. Trotzdem hat komischerweise jeder etwas an Gewicht zugenommen auf dieser Reise. Ein Mysterium!

Am Ende noch ein Glückwunsch an alle, die die Berichte vom Reisebeginn nach Luxemburg bis zu diesem letzten Absatz komplett gelesen haben. Ihr habt damit exakt 44.582 Wörter gelesen. Das wäre ein Taschenbuch mit deutlich über 200 Seiten. Also, falls jemand von euch zu den Menschen gehört, die hin und wieder in ihrem Umfeld mit „Du hast doch noch nie ein Buch gelesen“ konfrontiert werden: Ihr habt das Südamerika-Tagebuch von Schneppe Tours als E-Book gelesen.