Madrid 01/2018

20.01.2018
Atlético de Madrid – Girona FC 1:1
Primera Division (I)
Estadio de la Comunidad de Madrid (Att: 55.076)

Zum ersten vollständig im Jahr 2018 stattfindenden Trip kamen Fat Lo, Bene und ich ganz unverhofft. Wir hatten für den 27.Dezember 2017 einen Flug von Stansted nach Edinburgh bei Ryanair gebucht, aber deren Mitarbeiterschwund im vergangenen Jahr (wen wundert‘s) zwang sie zum Storno. Es gab nicht nur die 40£ für’s Ticket zurück, sondern obendrauf auch noch 40£ als Gutschein (zu verfliegen bis Mitte März 2018). Weil es mit dem Zug damals eine nur minimal teurere und minimal langsamere Alternative gab, tat der Storno nicht weh und wir freuten uns stattdessen demnächst irgendwo für lau hinzufliegen. Die Wahl fiel dabei aus Termingründen auf Madrid, wohin man von Hamburg aus vom 19. bis 21.Januar für 40€ fliegen konnte. Ein Preis, den somit nur der Holzmichel als unser vierter, aber gutscheinloser Mitreisender zahlen musste.

Ibis Madrid-Barajas

Da die Flugzeiten nicht so geil waren (Freitag spätabends Ankunft, Sonntag frühmorgens Abflug), buchten wir zwei Doppelzimmer im Ibis am Flughafen Barajas (56€ pro Nacht und Zimmer) und freuten uns darauf Samstag einen schönen Touri-Tag zu machen und bestimmt auch noch ein Fußballspiel sehen zu können. Denn sowohl Real, Atlético, als auch Getafe hatten an dem Wochenende Heimspiele angesetzt. Einer würde bestimmt samstags spielen. Als Ende Dezember der Spieltag fix terminiert wurde, war es Real Madrid, die Samstagnachmittag ihren Gegner (Deportivo La Coruña) empfangen sollten. Geil, ab ins Estadio Santiago Bernabéu! Aber wieder mal zu früh gefreut. Eine Woche vorher tauschten Real und Atlético den Tag, weil Atlético schon den Dienstag darauf in Sevilla im Pokal ranmusste und einen Tag mehr Regeneration bekommen sollte. Gott sei dank haben wir das noch vor dem geplanten Ticketkauf bei Real erfahren.

Mal wieder viel Beinfreiheit

Am Freitag wurde noch voll gearbeitet (Abflug war ja erst 20:05 Uhr) und dann ging es mit dem Auto die A7 rauf nach Hamburg. Die Autobahn war nach südwärts im Stauchaos gefangen, jedoch nach Norden herrlich frei, so dass wir schon 2,5 Stunden vor Abflug am Flughafen waren. Genug Zeit für vier Runden hochpreisiges Fassbier im „Pier 1“ an Terminal 1 und zwei Liter später standen wir gerade noch rechtzeitig am Gate. Gutscheinbedingt war keine gemeinsame Buchung möglich, weshalb wir alle getrennt saßen. Den Jackpot gab es dabei für mich, denn ich hatte einen Fensterplatz am Notausgang. Nichtsdestotrotz rottete ich mich später zumindest mit Bene zusammen, um nach 30 vergeblichen Minuten der Schlaffindung halt Bier zur Flugüberbrückung zu trinken. 5€ war der Preis für 0,33l Heineken aus der Dose. Aber was willste machen? Der Durst bestimmt den Kurs und wenn der Flug schon nichts kostet, kann man ja wenigstens das flugbegleitende Personal bei deren verkaufsprovisionslastigen Vergütungsmodell unterstützen. Wir hätten diesmal sogar Rubbellose gekauft, aber die wurden komischerweise nicht offeriert. Wahrscheinlich wegen der kleinen Turbulenzen, die irgendwann auch den Biernachschub beendeten.

Känguru und Camembertcreme auf Fritten

Der Vogel landete trotzdem überpünktlich gegen 22:45 Uhr in Madrid und bereits wenig später waren wir eingecheckt (war ja nur 1km zum Hotel), purzelten die “Escalera” zum Ausgang runter und erkundeten nun das Barrio. 500 Meter waren es bis zum netten kleinen Marktplatz von Barajas. Doch obwohl die Tapas-Bar “Lizzaran” laut Internetauskunft bis 1:00 Uhr geöffnet haben sollte, waren die Stühle schon 90 Minuten früher hochgestellt. Notgedrungen ging es in ein anderes Restaurant am Platz (das “La Caprichosa”), wo ich “a punto” gegrillte kleine Karrees vom Känguru mit Fritten und einer Camembertcreme wählte. Bene und Lo dagegen nahmen lieber Rind und der Holzmichel entschied sich für gegrillten Octopus. Zufrieden waren wir alle und die Preise waren mit 14,90€ bis 17,50€ auch zu verkraften. Dazu gab es noch drei Flaschen Wein und schließlich Gin Tonic als Digestif, so dass wir gegen 2 Uhr nachts zufrieden und je 40€ ärmer ins Ibis zurückkehrten.

Puerta de Alcalá

Damit auch ja keine Urlaubsgefühle aufkommen konnten, klingelte der Wecker bereits nach fünf Stunden. Für 8 Uhr war Abmarsch angesetzt und von der Station Barajas fuhren wir mit der Metro ins Stadtzentrum (Tagestickets à 8,40€). An der Station Principe de Vergara ging es mit einer “Escalera automatica” wieder an die Oberfläche und wir begannen unsere touristische Stadterkundung. Vorbei an der Casa Arabé (1886 im Neo-Mujédar-Stil erbaut, also im orientalisierenden Historismus), dem großen Retiro-Park und der Kiche San Manuel y San Benito, erreichten wir schnell den Plaza de la Independencia mit der Puerta de Alcalá (dem Alcalá-Tor). Die Morgensonne des anbrechenden Tages tauchte dabei alles in ein sehr schönes Licht.

Plaza de Cibeles mit dem Palacio de Cibeles

Wir wollten von hier die circa drei Kilometer bis zum Königspalast (Palacio Real) spazieren und im Zuge dessen fast alle wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt kreuzen. Nächster Foto-Stopp war die Plaza de Cibeles mit dem Brunnen Fuente de Cibeles und dem Palacio de Cibeles (ehemals als Palacio de Comunicaciones das Hauptpostgebäude der Post, nun Sitz der Stadtverwaltung). Ebenfalls zu finden sind hier die Banco de España, der Palacio de Linares und der Palacio de Buenavista (das Hauptquartier des spanischen Heeres). Da an diesem Platz vier Barrios aufeinandertreffen, steht übrigens jeder der Paläste in einem anderen Viertel.  Und noch ein Fakt am Rande: Die Fans von Real Madrid feiern an der Plaza de Cibeles immer ihre Titel.

Edificio Metropolis

Dann ging es ein kleines Stück bergauf (Madrid ist übrigens die höchstgelegene Hauptstadt der EU auf durchschnittlich 650 Meter ü. NN) und an der nächsten Kreuzung erwartete uns mit dem Metropolis-Haus (Edificio Metrópolis) das nächste Postkartenmotiv und Reiseführer-Titelbild. Ehemals Sitz einer Versicherung und reich verziert im Stile der Beuaux-Arts-Architektur. Hier hätte man jetzt rechts auf die prächtige Gran Via abbiegen können (wahrscheinlich Madrids nobelste Einkaufsstraße), aber uns war eher nach preiswertem Frühstück, denn nach exklusivem Shopping. Deshalb bogen wir in das Barrio links der Kreuzung ab, wo ich unter anderem ein „Museo del Jamon“ wusste.

Croquetas con Jamon Iberico

Da „Sektion Sitzfleisch“ die dortigen Stehplätze verschmähte, ließen wir das „Schinkenmuseum“ aber doch links liegen und kehrten an der Plaza de Jacinto Benavente ins „As Jamoneria“ ein. War vom Angebot ähnlich wie ein „Museo del Jamon“, nur halt etwas hochpreisiger. Meine Freunde hatten Schinkenbaguettes zum Frühstückskaffee und ich entschied mich für sehr leckere Schinkenkroketten (Croquetas con Jamon Iberico). Die Kroketten wurden übrigens aus dem benachbarten Café geholt, aber wahrscheinlich gehörte die ganze Ladenzeile mit drei Lokalen sowieso einem Besitzer. Der Platz war nebenbei gesagt nicht besonders spektakulär. Architektonisch auffällig war nur das Teatro Calderon an der Südostecke. Deshalb bewegten wir uns nach dem Frühstück wieder zu den repräsentativeren Plätzen von Spaniens Kapitale, wovon uns die Puerta del Sol am nächsten war.

Herr Fugbaum am Teatro Calderon

An der Puerta del Sol, wo früher ein Stadttor mit einem Sonnenemblem stand, treffen sich alle Hauptstraßen des Landes, bzw. haben hier ihren Kilometer Null. Der Platz ist also quasi der Mittelpunkt Spaniens und stand zumindest in der Neuzeit regelmäßig auch im historischen Mittelpunkt. 1808 tobte an dieser Stelle der Aufstand gegen Napoleon, 1912 wurde hier das Attentat auf den Ministerpräsidenten Mendez verübt und 1939 feierte Franco seine Machtergreifung an der Purta del Sol. Der Platz ist entsprechend seiner zentralen Lage sehr belebt und neben Gauklern, sind auch etliche Gauner am Geld der Touristen interessiert. Außer den klassizistischen Gebäuden des halbrunden Areals, sind auch Bär und Erdbeerbaum vom Madrider Stadtwappen als bronzene Statue ein beliebtes Fotomotiv. Bär und Baum trägt auch Atlético de Madrid im Vereinswappen und deren Fans feiern passenderweise an diesem Platz ihre Titel. Titelfeiern kommen zwar nicht ganz so häufig vor wie bei Real, aber das macht die Sausen wahrscheinlich nicht schlechter.

Das Wappen Madrids in gegossener Form

Von der Puerta del Sol ging es weiter zur Plaza Mayor. Dieser Platz von ungefähr 1.200m² Größe kennt keinen motorisierten Verkehr und war zumindest an einem Samstagvormittag im Winter noch halbwegs unbelebt. Die geschlossene Renaissance-Bebauung weiß zu begeistern und optisch sticht dabei das Bäckerhaus (Casa de la Panaderia) mit seinen Fresken und Türmchen heraus. Philipp III., spanischer König aus dem Hause der Habsburger, ließ den Platz von 1617 bis 1620 erbauen. Sein Reiterstandbild ziert die Mitte des Platzes. Früher fanden hier Stierkämpfe, Hinrichtungen und Reitturniere statt. Heute versuchen Gaukler täglich mit Kleinkunst den einen oder anderen Euro zu erwirtschaften, während die Stadt Madrid die prächtige Kulisse gerne für besondere Konzerte und Theateraufführungen nutzt.

Plaza Mayor

Um die touristische Tour wieder etwas zu entzerren, suchten wir nach der Plaza Mayor erneut ein Lokal auf. „La Sureña“ (in Fachkreisen auch als Eimerbar bekannt) durfte uns Cerveza und Bocadillos reichen. Hier füllt man einen Bestellbogen aus und wird nach Fertigstellung des Georderten namentlich aufgerufen. Um es dem Personal und damit auch uns einfach zu machen, nannten wir uns Benito, Alejandro, Ferdinando und Lorenzo. Während hier anno 2012 noch wilde Eiswürfelschlachten unter Fans von Hannover 96 im Rahmen des Europapokalgastspiels bei Atlético tobten, war heute Vormittag Totenstille in der Eimerbar. Der Madrilene snackt halt um die Zeit eher selten etwas. Geschmeckt hat es uns trotzdem (erst recht das gezapfte Cruzcampo) und erste Fragen kamen auf, was wir uns denn noch alles angucken wollen. Wir hätten doch bereits alles gesehen…

Kleiner Mittagssnack

Nein, hatten wir nicht. Nach dem Essen nahmen wir den letzten Kilometer zum Königspalast in Angriff und spazierten anstatt auf schnellstem Wege lieber nochmal durch die ältesten Gassen Madrids in der Moreria, dem maurischen Viertel. Denn auch wenn Madrid schon in vormaurischen Zeit besiedelt war, waren es die Eroberer aus Arabien und Nordafrika, die hier eine erste Burg errichteten und damit die Entwicklung zur Stadt vorantrieben. Architektonische Spuren aus der Maurenzeit gibt es keine sichtbaren mehr, aber trotzdem hat’s dort genug alte Gemäuer für das Auge. Zum Beispiel die Casa de Cisneros an der Plaza de la Villa. Ein Bürgerhaus aus dem 16.Jahrhundert, welches mit dem ebenfalls sehenswerten alten Rathaus (17.Jahrhundert) über einen Bogen verbunden ist. Und dort wo einst die maurische Moschee stand, ragt seit 1354 der Backsteinturm der mittelalterlichen Kirche San Pedro el Viejo rund 30 Meter in die Höhe.

Casa de Cisneros an der Plaza de la Villa

Von einer der ältesten Kirchen der Stadt, zogen wir anschließend zu einer der jüngsten weiter. Die Almudena-Kathedrale wurde nach über 110 Jahren Bauzeit 1993 vom damaligen Papst Johannes Paul II. geweiht und zur Bischofskirche des Erzbistums Madrid erhoben. Begonnen wurde der Bau im Stile der Neogotik, aber man schwenkte bei der Fassadengestaltung doch noch auf Neoklassizismus um (damit die Großkirche mit dem benachbarten Königspalast ein harmonischeres Ensemble bildet). Der erste Blaubläuter von nebenan, der in der Kathedrale pompös heiratete, war übrigens 2003 der damalige Kronprinz und heutige König Felipe (Philipp VI.). Wobei „nebenan“ nicht ganz korrekt ist. Die königliche Familie lebt mittlerweile im verhältnismäßig bescheidenen Palacio de la Zarzuela am Stadtrand und nutzt den eigentlichen Königspalast nur für Staatsempfänge oder andere hohe Zeremonien.

Santa María la Real de La Almudena

Wir linsten natürlich auch rüber zum erwähnten Palast und informierten uns über die Geschichte des barocken bis klassizistischen Prunkbaus. An Stelle des Palacio Real befand sich früher eine maurische Festung (Alcazar), die nach der Reconquista ab dem 11. Jahrhundert von den spanischen Königen zeitweise bewohnt wurde. Nachdem der Alcazar 1734 durch einen Brand zerstört wurde, beauftragte der damalige König Philipp V. einen prunkvollen Neubau. Dieser Philipp war nach dem spanischen Erbfolgekrieg der erste Bourbonne auf dem spanischen Thron und sein Palast sollte dem berühmten Escorial der Habsburger Vorgängerdynastie (vor den Toren Madrids gelegen) mindestens ebenbürtig sein. Daher wurde nun ein Schloss mit vier Flügeln nach dem Vorbild des Pariser Louvre errichtet.

Palacio Real

Ins Schloss hinein gingen wir nicht (wobei das sehr lohnen soll), sondern machten lieber nochmal einen Schwenker zu den eintrittsfreien barocken Schlossgärten (Sabatinigärten). Dann schauten wir auf die Uhr und überlegten wie es bis zum Atlético-Spiel weitergehen soll. Ich hatte zwar immer noch ein paar Highlights auf meiner Liste, aber man muss in der Gruppe natürlich Konzessionen machen. Fiel eben u.a. der Tempel von Debod hinten runter („Für so einen ägyptischen Tempel muss man doch nicht extra nach Madrid. Das kann man sich auch in Ägypten angucken“). Von den Gärten ging es deshalb über den nicht so touristischen Plaza de España (wobei die historischen Hochhäuser dort schon einen gewissen Charme für Architekturfreunde haben) ziellos zurück ins vermeintlich geschäftige Stadtzentrum.

444kg Tourimasse

In den Straßen zwischen den Metrostationen Plaza de España und Noviciado schienen wir Madrids Chinatown entdeckt zu haben. Jedenfalls war mindestens jedes zweite Restaurant hier chinesisch. Aber wir wollten ja nicht schon wieder etwas Essen, sondern alkoholische Getränke genießen. Bei der kleinen Markthalle „Mercado de los Mostenses“ (nicht zu verwechseln mit der touristischen Markthalle „Mercado de San Miguel“) fanden wir mit dem „De Mercado“ die passende Bar für unser Begehren. Wir tranken uns einmal durch die Sektion „Blanco“ der Weinkarte und genossen das Flair einer authentischen madrilenischen Pinte. Ausbeute: Je eine Flasche „Heredad de Peñalosa“ (Rueda), „Leira Reyero“ (Albarino), „Gargalo“ (Godello) und „Blue“ (Navarra).

Fat Lo schmeckt’s

Zu den Weinen gab es selbstverständlich auch frische marinierte Oliven und Kartoffelchips. Das gehört hier bekanntlich dazu und der Holzmichel kam obendrein nicht drumherum Churros zu kosten (Gott schütze seinen gesegneten Appetit!). Ab 14 Uhr füllte sich der Laden gut mit mutmaßlich ortsansässigen Freunden und Familien, die auch Lust auf einen Wein oder ein kleines Bierchen an der Theke hatten. Fast schon schade, dass uns gegen 15 Uhr je 15€ ärmer das heutige Fußballspiel zum Aufbruch zwang. Mit der Metrolinie 7 ging es zur Station Olimpico. Der Name weist darauf hin, dass diese moderne Arena eigentlich für Madrids Werben um die Olympischen Sommerspiele 2012 gedacht war. Das Leichtathletikstadion Metropolitano wurde jedoch aufgrund eines Deals mit Atlético unabhängig vom Erfolg der Bewerbung ausgebaut, da Atlético sein wunderschönes Estadio Vicente Calderón baulich nicht den Ansprüchen des zeitgenössischen Fußballgeschäfts anpassen konnte. Deshalb wurde das Calderón in bester Lage der Stadt überlassen und die zauberte dem Club im Gegenzug eine Arena mit 73.000 Plätzen und allen Annehmlichkeiten in die Peripherie.

Atletico de Madrid vs. Girona FC

Schon vor dem Spiel fiel uns auf, dass Atlético nicht so ein Touristenmagnet wie der Ortsrivale Real zu sein schien. Nichtsdestotrotz hielt am Stadion neben uns ein Bus mit ostasiatischen Touristen, die alle fabrikneue Atlético-Parka trugen. Würde mich nicht wundern, wenn deren Reisepaket optional ein Real-Spiel inklusive Kostümierung enthalten hätte. Je nach Terminierung halt. Der moderne Fußball treibt eben die buntesten Blüten. Und wenn in diesen Tagen ein Hörgeräteakustiker aus Großburgwedel wieder mal mit Klage gegen die deutsche 50+1-Regel droht, wird wohl den meisten Traditionialisten so schlecht wie mir. Ich stehe nunmal auf Fußballvereine als Allgemeingut, anstatt als Privateigentum von Investoren bzw. als Erbmasse von Privatpersonen („Alexander, du als mein Erstgeborener bekommst mein Hörgeräte-Imperium. Und mein anderer Sohn, auch du sollst nicht leer ausgehen. Du bekommst Hannover 96 und alle dazugehörigen Beteiligungen“). Hier bei Atlético gehört übrigens ein chinesischer Konzern, der wie eine populäre österreichische Band heißt, zu den Investoren. Und die Namensrechte am Stadion haben die Chinesen einer Band namens Wanda auch gleich gesichert.

Bier und Wein, lass das sein

Nachdem wir unsere Tickets erstanden hatten (günstigste Kategorie für je 40€ im Oberrang der Nordtribüne), verbrachten wir die restliche halbe Stunde bis zum Anpfiff am Imbiss hinter der Nordtribüne. Wir gönnten uns 0,1l Weißwein für 3€ und 0,75l Mahou für 6€. Da das Stadioninnere nur alkoholfreies Catering kannte, war das keine schlechte Idee. Auf unseren Plätzen waren wir dank flüssigem Einlaßsystem pünktlich zur Clubhymne und diese wurde zumindest vom Unterrang der Südtribüne geschlossen mit Fanschals in die Höhe gereckt zelebriert. Der Rest des Stadions stand auch auf und sang größtenteils mit. Ansonten war es besagtem Süd-Unterrang vorbehalten die kommenden 90 Minuten für Stimmung zu sorgen. Aber das machte die Kurve rund um die Gruppe „Frente Atlético“ ganz passabel. Bei Real oder Barca soll da weniger los sein.

Atleticos neue Heimat

Während unsere Ohren Atléticos Kurve gehörten (die paar Gästefans waren nicht der Rede wert), waren die Augen hauptsächlich auf den Rasen gerichtet. „Los Rojiblancos“ hatten ja schon ein paar feine Kicker aufgeboten. Godin war leider verletzt und Koke saß wie die Altmeister Juanfran und Fernando Torres auf der Bank, aber Giménez, Savic, Correa und Carrasco klang schon mal nicht schlecht in der Startaufstellung. Und der Superstar Antoine Griezmann spielte auch von Beginn an, genau wie sein neuer Sturmpartner Diego Costa. Der verlorene Sohn (von 2010 bis 2014 bereits 43 Tore in 94 Spielen für Atlético) war im Sommer beim Chelsea FC auf dem Abstellgleis gelandet, wollte aber wenn nur zum Herzensverein Atlético wechseln. Die hatten allerdings ’ne Transfersperre von der FIFA aufgebrummt bekommen und so wechselte Diego Costa zwar schon im September 2017, ist aber erst seit 1.Januar 2018 spielberechtigt. Im ersten Ligaspiel am 6.Januar gegen Getafe traf der Brasilo-Spanier zwar trotz langer Zwangspause zum 2:0, bekam beim Torjubel allerdings Gelb-Rot, so dass er letzte Woche gleich wieder zuschauen musste.

Die Heimkurve

Atlético begann – der Favoritenrolle gerecht werdend – mit frühen Angriffen, doch Griezmann (2.) und Correa (7.) scheiterten zunächst. In der 26.Minute ging das vorerst größte Raunen durch das Stadion, als Griezmanns feines Zuspiel auf Angel Correa von diesem aus 12 Metern per Lupfer auf’s Tor verlängert wurde. Gironas Torwart kam allerdings noch an den Ball. In der 34.Minute zauberten Diego Costa und Antoine Griezmann schließlich das verdiente 1:0. Ein hohes Zuspiel aus dem Mittelfeld legte Costa per Kopf auf den freistehenden Franzosen ab. Aufgrund einer überrumpelten Abwehrreihe, musste dieser nur ins leere Tor einschieben. Bis zur Halbzeit passierte nicht mehr viel und wir skizzierten in der Pause bereits den weiteren Spielverlauf. Der Barca-Verfolger würde das Spiel kontrollieren und irgendwann das 2:0 nachlegen. Dann würden drei Stars frühzeitig durch Auswechslungen geschont werden und die Führung wird bis zum Schlusspfiff kraftsparend verwaltet.

Die Haupttribüne

Es kam aber doch anders als gedacht. Trainer Diego Simeone wartete nicht auf den Ausbau der Führung, bevor er Diego Costa in der 61. (-> Gameiro) und Griezmann in der 71.Minute (-> Koke) vom Platz nahm. Die katalanischen Gäste, die zur Zeit als Aufsteiger auf einem achtbaren 8.Platz logieren, kamen derweil immer mal gefährlich vor Oblaks Kasten und witterten langsam Morgenluft. Ihr Toptorjäger Portu markierte in der 73.Minute schließlich das nicht mehr ganz so überraschende 1:1. Atlético versuchte jetzt natürlich wieder einen Gang hochzuschalten, aber ihre zahlreichen Angriffe blieben brotlos. Stattdessen bekam Girona mehr Räume zum Kontern als bisher und hatte auch noch ein-, zweimal den Siegtreffer auf dem Fuss. Zuletzt in der Nachspielzeit, als Schlussmann Oblak im letzten Moment vor Olunga an den Ball kam. Es blieb am Ende bei der Punkteteilung und weil der FC Barcelona am Folgetag gewann, sind sie Atlético dank der katalanischen Schützenhilfe aus Girona nun bereits 11 Punkte enteilt. Der Meisterschaftskampf ist spätestens jetzt so spannend wie in der Bundesliga geworden.

Der Gästesektor unter der Anzeigetafel

Nach dem Kick überlegten wir erneut ins Zentrum zu fahren, um dort ein paar Bars unsicher zu machen. Doch in der Metro kam uns in den Sinn, dass es jetzt ja auch nicht dumm wäre, schon zurück nach Barajas zu fahren und dort zu zechen. Jetzt so gegen 19 Uhr dürfte im Zentrum des 45.000-Einwohner-Stadtbezirks alles offen haben, inklusive der gestern von uns begehrten Bar „Lizzaran“. Dem war auch so und wir nahmen Platz im beheizten Vorzelt des Lokals. Neben abermals Weißwein, gab es diverse Runden Tapas, um sogleich auch das Thema Abendessen geschmackvoll abzuhaken. Weil wir nur um fleischige Tapas baten, gab es am Anfang Schinkenbaguette, gefolgt von Schinkenkroketten, dann Chorizo, danach eine Art Omelette mit Schinken und am Ende Schweinesteak mit Käse überbacken. Nebenbei hatten wir unseren Spaß mit der heiteren Kellnerin, die uns mit ihren paar deutschen Wörten begeisterte. Während wir immer versuchten auf Spanisch zu bestellen („Queremos otra botella de vino blanco, por favor“), antwortete sie mit „Ja, ja, natürlich“ oder „Ja, ja, sehr gerne“.

Time for Tapas

Das blieb heute Abend auch leider mein einziger verbaler Damenkontakt, da mir das exklusive Hobby meiner drei Freunde fehlte, um über’s Rauchen mit quarzenden Schönheiten ins Gespräch zu kommen. Ich sag’s ja immer wieder; wer raucht stirbt früher, hatte aber bestimmt trotzdem mehr Sex. Doch das ist jetzt natürlich nur allgemein gemeint und nicht auf diesen Abend bezogen 😉 Sowohl Miss Atlético (deren Spanisch dank rauchiger Stimme noch verführerischer klang), als auch die mit der roten Lederhose, beließen es bei Smalltalk mit den Ausländern. Nachdem im „Lizzaran“ Feierabend war (40€ p.P. waren zu zahlen), ging es noch auf einen Absacker an die Hotelbar und dann hatten Essen, Alkohol und insgesamt 18,6km Fußmarsch endlich für die nötige Bettschwere gesorgt.

Gin Tonic als Absacker an der Hotelbar

Am nächsten Morgen ging es zwangsläufig um 4:30 Uhr aus den Federn. Gegen 5 Uhr schlenderten wir vor die Hoteltür, wo genug Taxis schon auf Gäste warteten (Abflugzeit: 6:25 Uhr). Da das erste hoteleigene Shuttle erst um 6 Uhr fahren sollte, mussten wir wohl oder übel 13,55€ für einen Kilometer Taxifahrt dank irgend eines Spezialtarifs an die Taxifahrerin abdrücken. Vom Eingang bis zum Gate dauerte es keine fünf Minuten am Sonntagmorgen, so dass noch eine Stunde Wartezeit bis zum Boarding war. Die wurde für ein Milchshake-Frühstück genutzt, ehe mich ein Fensterplatz im Flieger zu drei weiteren Stunden Schlaf verführte. In Hamburg hatte sich unterdessen die eisige Stimmung aus dem Volksparkstadion über die ganze Stadt gelegt, so dass noch kratzen vor der zweistündigen Heimfahrt angesagt war. Nichtsdestotrotz waren wir pünktlich zum Sonntagsbraten daheim und konnten das Wochenende entspannt auf dem Sofa ausklingen lassen.